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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-11-11 · 44-45 (11.11.1931) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
44-45 (11.11.1931)
Date
1931-11-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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11. Jahrgang Nummer 44/45 2. Beilage 11. November 1831 Wisch-liberale Zeitung * Aus den Gemeinden * Augsburg. (Todesf,1 l l.) In Nürnberg, wo er seinen Ruhestand verbrachte, ist kürzlich Herr Bezirksrabbiner i. R., Tr. Richard Grün selb, i>a 69. Lebensjahre verschieden. Nur etwa zwei Jahre durste sich Herr Tr. Grünscld der wohl verdienten Allersrnhc ersrcuen, nachdem er sein Leben mit Arbeit und voller Hingabe an seine seelsorgcrischc Ausgabe ausgesnllt l)atte. Sein reiches Wirken kam besonders der israelitischen Knltnsgcmeinde Augsburg zugute, der Tr. Ärünfcid von 1910 bis 1929 ein Führer in allen Lagen war. Als Seelsorger wie als Voter und Berater der Armen und Bedrängten har er unendlich viel Gutes getan. Er >var ein großer Kenner der jüdischen Lehre und von tiefer Religiosität erfüllt. Das hinderte ihn aber nicht, auch ein Mann vor, Welt zu sein, der alle Lebenslagen erkannte und beherrschte. Wenn es galt, die Belange seiner Glaubensgenossen zu vertreten, setzte er sich mit seiner ganzen Person und seinem Ansehen ein. Tazu halte er als Mitglied der Tagung des Verbandes der bayerischen israelitischen Ge meinden, in der er besonders die Interessen Augsburgs ivahrnahm, oslmals Gelegenheit. Hier wie im Kreise seiner Siandcsgenossen überhaupt erfreute ec sich hol>en Ansehens. Tie sterblichen Uebcrrcsle wurden durch 2 Herren der Verwaltung der Israelitischen KnUusgcmeinde Augsburg, die Herren Kommerzienrat Albert Tann und Max Schloß, in Nürnberg abgeholt und in deren Ehrengelcite nach Augsburg verbracht. Ter Israelitische Männerverein und die Schwäbische Loge sind dem Trauerzng entgegengefahren. Bor der Synagoge, in der der Heimgegangene ivährend einer Dauer von fast 20 Jahren segensreich gewirkt hatte, stand der Zug 1 Minute still, was einen sehr liefen Eindruck aus alle Teilnehmer machte. Am Montag, 2. November, nachmittags 3 Uhr, fand eine im vosantc, sehr eindrucksvolle Traucrfeicr im Israelitischen Friedhof zu Augsburg statt. Dort war dem verehrten und geliebten Führer von seiner trauernden Gemeinde ein Ehren grab bercitgestcllt. Eine unabsehbare Menschenmenge verharrte in ehrwürdigein Schweigen und lauschte mit Rührung den ehrenden Gedächtniswortcn, die ans dem beredten Munde der Vertreter von Rabbinat, Gemeindeverwaltung, des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, des Rabbinervcrbandcs, der Gemeinde München, der Schwäbischen Loge und der früheren Schüler dem Heimgegangenen nachgcrufen wurden. Ter Verstorbene war ein langjähriges und treues Milglied der Liberalen Bereinigung, dessen Heimgang auch von uns ans das Tiefste be trauert ivird. Berlin. (J cm G ed ä ch t n i s L c s s c r llt y s.) Am 7. No vembcr, dem 70. Geburtstage des Künstlers, eröffnetc die Kunst fammlung der Jüdischen Gemeinde eine Ausstellung von Graphiken und Zeichnungen des Meisters, die bis zum 22. November täglich von 10—2 Uhr unentgeltlich geöffnet ist. Tic Ausstellung zeigt zum ersten Male das gesamte graphische Wert und eine große Anzahl von Zeichnungen des Meisters. Berlin. (G c s e l l s ch -a s t zur Förderung des G e n offen s cha f t s g e d a n k e n S unter den Juden.) Tic im März d. I. gegründete Gesellschaft zur Förderung des Gcnossenschaftsgedankens unter den 'Juden in Deutschland hatte eine Reihe im Bankwesen und Wirtschaftsleben hervorragend tätiger Persönlichkeiten für Donnerstag, 29. Oktober, zu einem Ausspracheabend eingeladen. Der in der Genosscnschastsbcwegung Deutschlands führend tätige Tr. h. c. Wilhelm Kleemann, Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, l^qte in kurzen sachlichen Feststellungen die Ziele der Gesellschaft dar. Die schon zur Zeit der Gründung der Gesellschaft sinkende Konjunktur im Wirtschaftsleben hat die Förderung des jüdischen genossenschaftlichen Zusammenschlusses als ein Gebot der Stunde erscheinen lassen. Seither brach über unser deutsches Vaterland eine Sintflut herein. Wir alle wurden von der Welle erfaßt, viele verschlungen. Für den jüdischen Mittelstand gestalten sich die Verhältuisse weit tragischer als für die anderen Bcvölkerungskreise. Es ist in der Zukunft mit einer Schrumpfung des Wirtschaftsprozesses zu rechnen, tvir werden zu Verhältnissen zurückkehren, wie sie um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bestanden, als Schulze-Delitzsch unter der Devise: „Alle für Einen und Einer für Alle" das deutsche Genossenschaftswesen aufznbauen begann. Dr. h. c. Klccmann gab eine Geschichte des Gcnossenschastsivesens und kam zu dem Schlüsse, daß die heutige Not den Gedanken des genossenschaftlichen Zusammenschlusses ganz besonders nahelege. Er appellierte an die Anwesenden, den Genosscnschaftsgedankcu durch Beitritt zur Gesellschaft zu fördern, und machte Ausführungen über die bereits bestehenden Kreditgenossenschaften und die beabsichtigte Gründung jüdischer Genossenschaften in einer Anzahl jüdischer Gemeinden. Hier, schloß er, ist ein Gebiet, aus dem sich der Gedanke, der jüdischen Solidarität am ehesten betätigen sollte, denn sozialwirtschaftliche Vorkehrungen machen charitative überflüssig. Dr. Kleemann verliest ein Schreiben des am Erscheinen verhinderten Herrn Oscar Wassermann, der warm für die Förderung des Genosscnschaftsgedankens cintritt, sowie rin Schreiben Georg Kareskis, der erklärt, daß er dem Vorstand der Gesellschaft nicht mehr direkt angehören könne, aber weiter die Ziele der Gesellschaft fördern wolle. An das Referat schloß sich eine angeregte Aussprache, in der u. a. Generaldirektor Racher sich gegen konfessionellen Zusammenschluß auf wirtschaftlichen Gebieten, insbesondere auch gegen die jüdische Genossen-- schaftsbewegung aussprach. Wenn man auch den Juden nicht die Schuld am Antisemitismus zusprechen kann, so müsse doch leider gesagt werden, daß sie zu seiner Vermehrung erheblich beitragen, indem sie ständig nur unter sich sein wollen. Die Gründung jüdischer Kreditgenossenschaften würde ein. weiterer Schritt auf dem Wege jüdischer Isolierung sein, und eine unnötige Stärkung des Wirtschastsantisemitismusherbeisühren. Diesen Ausführungen gegenüber betonte Professor Georg Bernhard seine Sympathie für die jüdischen Gcnossenschaftsbestrebnngen. Die jüdische Genossenschaft hätte den besonderen Zweck, auch den Ostjuden in Deutschland wirtschaftlich unter die Arme zu greisen. Tie besondere jüdische Lage fordere auch besondere Aktionen. Aus der Reihe der Versammlung war u. a. angesichts der vielfach antisemitischen Personalpolitik bei den Sparkassen die Anregung gegeben worden, unter Anlehnung an die jüdischen Großgcmeinden jüdische Sparkassen zu begründen. Während Professor Bernhard auch diese Anregung nicht -durchaus ablehnen zu sollen glaubte, wandte sich Direktor Dr. Kleemann mit Entschiedenheit gegen derartige Projekte. Es genüge, wenn die Gemeinde die Genossenschaften durch Zuwendungen zwecks Verbilligung der Darlehnszinsen. unterstützt. Berlin. (Vom Altersheim L i e tzma nn st raß e.) Seit der Eröffnung im September vorigen Jahres sind die Erweiterungsbauten soweit dur-chgeführt, daß bereits über 60 Personen unterrjc bracht werden können. Nachdem nun auch die Anstaltssynagoge fertig gestellt wurde, vereinigten sich die Leiter und Förderer des Heims mit den Insassen zu einem Gottesdienst, der liturgisch und musikalisch von der üblichen Form abtvich. Es wurden Psalmen und Gesänge ausgeführt unter Mitwirkung des Kantors Dr. Fritz Salomonski, der Harfenistin Fräulein Harder, der Geigenvirtnosin Fräulein Rosen; der Chor stand unter Leitung des Herrn Roskin, am Harmonium begleitete Herr Zepke. In der Festansprache wies Herr Rabbiner Tr. Salomonski darauf hin, daß an der Stelle dieses Hauses der älteste, im Jahre 1500 zerstörte jüdische Friedhof sich befunden hat, besten Steine zur Verstärkung der Spandauer Festungswälle benutzt wurden, so daß sich später die Legende herausbildcte, in Spandau sei früher der Friedhof der Berliner Juden gewesen. — An die eindrucksvolle Feier schloß sich eine Besichtigung des in jeder Beziehung vorbildlichen :«nb angenehmen Hauses, von dessen Räumen hier besonders Speisesaal und TagesratlM, leide mit Gemälden des früh verstorbenen I Hugo Krayn geschmückt, die Glasliegehalle und der Fcstsaal mit Wandmalereien von Hermann Krchan und die drei zwischen den einzelnen Häusern liegenden Gärten -erwähnt werden sollen. Die Gesamt-Bauausführung hat Herr Baumeister Gustav Bauer vollendet, dessen Leistung über alles Lob erhaben ist. Unseren Lesern wird bekannt sein, daß den Vorsitz des Kuratoriums der Jüdischen Altersheime Herr Direktor Heinrich Stahl innehat, in dessen Hand auch die Leitung des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde wohl geborgen ist. Die Errichtung der Heime und die Ausgestaltung der Arbeiten hat Herr Rabbiner Dr. Salomonski übernommen, der auch die Arbeiten sortzusetzen gedenkt, so daß wir noch ans die Unterbringung weiterer alter und bedürftiger Glaubensgenossen hoffen können. Berlin. <T e e im E r st e n Israelitische n K inder - hör t.) Auf Einladung des Vorstandes des Kinderhortes versammelten sich eine Reihe van Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde und Freunde und Förderer dieses segensreichen JnstitnleS am Donnerstag, dem 5. November d. I., in den Räumen des Kinderhortes in der Gipsstraße. Man bemerkte von den Repräsentanten Frau Falkmberg und Frau Wagner-Tauber, sowie die Herren Rechtsanwalt Stern, Jaulus, Wvyda u. a. In dem Kinderhort werden 156 bis 175 Kinder vom zartesten Aller an betreut, Ivährend die. Eltern bei der Arbeit von Hause ablvcsend sind. Bei der Besichtigung der Räumlichkeiten gewann man den Eindruck, daß die Kinder nicht nur körperlich auf das vorzüglichste aufgehoben sind — die hygienischen Einrichtungen sind in musterhaftem Zustand —, sondern daß auch liebevolle Obhut und Erziehung über sie wacht. Tie Kinder, von den 'kleinen Spieltinder» angcfangcn bis zu denen, die sich schon geistig regsam beschäftigen und bilden, machten einen ausgezeichneten Eindruck. Bekanntlich ist der Kinderhort, der schon fast 50 Jahre besteht, von dem hervorragender, Menschenfreund Hermann Abraham gegründet worden. Heute stehen an seiner Spitze als Ehrenvorsitzende Frau Gertrud Wolfs und als gcschäftssührende Vorsitzende Frau Kranz. Auch Frau Rabbiner Dr. Blumenthal, Frau Cohn und Rechtsanwalt Karger bemühen sich in verdienstvoller Weise um das äußerst segensreiche Werk. Wie alle Wohlsahrtsinstituie Groß-Berlins, kämpft auch der Kinderhort mit großen Schwierigkeiten; esmüssen aber alle Anstrengungen gemacht werden, um diesen ärmsten der armen jüdischen Kinder ihre zweite Hcimar zu erhalten. Wir hoffen, daß die Gemeindeverwaltung trotz aller Einschränkungen das Ihre dazu tun wird. Wir bieten Damen u. Herren mit Beziehungen zu Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde gute Verdienstmöglichkeit durch Werbung von Mitgliedern für unsere neubegründete Sterbekasse FAXUIIENSCHUTZ rAMIIIENSCHUTl Gemeinnütziger Verein für tünterbliebenenfürsorge der Mitglieder jüdischer Gemeinden Zentrale Groß-Berlin, N 54, Rosenthaler Straße 55 Telefon: D 2 Weidendamm 0210 Dortmund. (Repräsentan tenverfammlnn g.) Die diesivöchigc Repräsentanten-Sitzung unter Leitung ihres Vorsitzenden, des Herrn Rechtsanwaltes Tr. Koppel, umfaßte nur wenige Punkte der Tagesordnung. Der Stellvertreter Herr Schild verliest zunächst ein Dankschreiben des Herrn Dr. Koppel, dem das Kollegium jüngst zur Vollendung seines 50. Lebensjahres Glückwünsche übersandt hatte. Der Chewra wird ein außerordentlicher Zuschuß von 1000 Mk. bewilligt. Desaleirhen erhält der Verein zur Abwehr des Antisemitismus einen lausenden Beitrag von 100 Mk. Mit Rücksicht auf den bescheidenen Betrag wird die Uebcrreichung einer besonderen Spende in Aussicht gestellt. Der Regierungspräsident von Beusberg regt durch den Oberbürgermeister an, alle in Großdortmund bestehenden Synagogen- Gemeinden zu vereinigen; er bittet um Stellungnahme bis zum 1. November. Es gehören dazu n. a. Hörde mit etwa 500 Seelen, Doestscld, Aplerbeck, Lütgendortmund, Mengede. us>v. Mit Rücksicht auf die Unübersichtlichkeit der gegenwärtigen Verhältnisse und die Verschiedenheit der Zwerg-gemeinden kann jetzt kein Beschluß gefaßt iverden. — Die neue Hausordnung für das Gemeindehaus wird mit einigen Wünschen an die Kommission zurückg-egeben und die Besprechung vertagt. — In den meisten Vereinen unserer Gemeinde finden z. Zt. allwöchentlich Vorträge statt, so daß die Räume des Gemeindehauses allabendlich besetzt sind. Wir hoffen, demnächst auf diese Tätig fett znsammensassend zurückzukommen. Dresden. (Todesfall.) Ein Freund unserer Bewegung ist nach schweren Leiden dahingcgangen und mit ihm ein feiner, stiller, durch seine Geradheit für sich einnehmender Charakter; Herr Direktor A r t h n r G l a u b e r. Strenge Sa chli-chkeit, klares Denken >var ihm eigen, nnd die hierauf beruhende Fähigkeit, schwierige Finanzproblcme zu meistern, kam den verschiedenen Posten, welche Glander auch ehrenamtlich innehatte, zugute. Er stand 25 Jahre lang an -der Spitze der Verwaltung der Sachsenwerk A.-G., Niedersedlitz, gehörte dem Gemeinderate der Dresdner Religionsgemeinde an und hat den Verband für Jugendhilfe als dessen Schatzmeister betreut. Er ist 65 Jahre alt geworden, nur zwei Jahre durfte sich der Verewigte privater Muße erfreuen, die zwar durch Krankheit getrübt, aber noch zuletzt von einer großen Freude in der Familie, erfüllt war. Dresden. (Gedenktag.) Ein markanter Verfechter religiösliberaler Anschanuugeu, der zugleich durch sein humanitäres Wirken weithin bekannt gewordene Großindustrielle Kommerzienrat Max Elb wäre am 29. Oktober 80 Jahre alt geworden; er starb 1925. Der Gesamtvorstand der hiesigen Rcligionsgcmeinde, dessen erster Ehrcnvorstehcr Max Elb gewesen ist, brachte aus Anlaß dieses Gedenkens in einem Schreiben an den Sohn Tr. Richard Elb als den Vertreter der Familie die Gefühle besonderer Verehrung und herzlicher Dankbarkeit für die hohen Berdienste zum Ausdruck, die der Verewigte sich in langjähriger, aufopferungsvoller Tätigkeit um die hiesige Gemeinde erworben hat. Es gedachte des Tages ferner in persönlich sehr warm gehaltenen, von Wehmut erfüllten Zellen an Herrn Tr. Elb Herr Rabbiner Professor Winter, während die Leitung der Max Elb Aktiengesellschaft als Zeichen ihrer Dankbarkeit für den Begründer nnd Seniorches des Hauses einen Kranz mit Widmung an der schön geschmückten Grabstätte niederlegen ließ. Kommerzienrat Elb leitete viele Jahre den in seiner jetzigen Form von ihm mitgcschaf senen Sächs. Israel. Gemeindeverband, er gehörte dem Vorstand des von ihm in Sachsen organisierten C.-V. an und er war auch im Hilfsverein der deutschen Juden sowie im Deutsch-Israelitischen Gcmeindebund hervorragend tätig. In dem kürzlich erschienenen Indischen Jahrbuch für Sachsen wird der Persönlichkeit des Kommerzienrat Elb und seiner Gattin mehrfach gedacht und sein Wesen und Wirken folgendermaßen geschildert: ,,Mi1 der Großzügigkeit des weitblickenden Kaufmanns verband Mar Elb di-e religiöse Gemütstiese des wirklich sozial Empfindenden; man schätzte ihn ebenso wegen seiner stets sachlichen Art des Verhandelns lvie wegen seiner Energie nnd Furchtlosigkeit lyrd) außen", und es wird das von anderer Seite über ihn geprägte treffende Wort zitiert: ,.Er gehöre .zu den Wenigen, denen seelische Sicherheit eigen war." Ehre seinem Angedenken! Dresden. (B o r t r a g s w e s e n.) Zwei Vortragsabende, dadurch ausgezeichnet und einander nahegerückt, daß als Redner hervor-, ragende Vertreter großer Organisationen austraten, deren tief fundierte, inhaltreichc Darlegungen manches Nene enthielten, und daß das Thema bei aller Verschiedenheit der Forinulierung und der in Betracht kommenden Belange im Grunde das gleiche war: Jüdische Not int Spiegel politischer Erscheinungen und darauf beruhender wirtschaftlicher Probleme. Dr. Singalowsky vom „Ort"-Präsidium sprach zudem das erste Mal in Dresden, und zwar mit der sich steigernden Wärme desjenigen, der in heiligem Eifer gewissermaßen seine eigene Sache vertritt; die ctiva 400 Gemeindcmitglieder, die zusammen mit einigen nichtjüdischen Zuhörern, meist Pressevertretern, seinen oft sarkastisch gcivürzten Ausführungen, was nicht ganz leicht >var, begeistert folgten, gewannen jedenfalls den Eindruck, daß der vom „Ort" so tatkräftig in die Woge geleitete U m s ch i ch t u n g s p r o z e s, der Juden Osteuropas keine bloß allgemein-jüdische Angelegenheit, die von allen jüdischen Kreisen unterstützt werden müßte, sondern ein Welt- Problem bildet. Er ging von der soziologisch und kulturhistorisch zweifellos richtigen Erkenntnis aus (die -er schon früher in seiner lescnsiverten Schrift „Ausbau und Umbau" ganz klar nicdcrgcl-cgt hat), daß dem Juden des Ostens noch immer die ihm von den Ghetto zcilen des Mittelalters anferlegte Rolle des Händlers oder Vermittlers anhaste, -daß aber infolge des verkürzten Weges vom Produzenten zum Konsumenten diese Rolle praktisch heute ausge spielt sei und daß sich hieraus das Dilemma ergebe, die einzelnen Länder von der sie erdrückenden Uebcrzahl jüdischer' Händler zu befreien, ohne doch diese mehr nnd mehr zugrunde gehenden Kreise des ostjüdischen Mitlclstandcs völliger Verelendung zu überlassen. Die Rettung kann saklisch nur darin bestehen, diese Existenzen systematisch der Landwirtschaft, dem Handwerk, der Industrie zuzuführen, sie durch diese produktive Eingliederung in das Wirtschaftsleben ihres Landes dem'Heimatboden organisch, durch ihrer Hände Arbeit, zu verhaslcn. Ein zwar kostspieliges,'aber auch kulturell außerordentlich lohnendes Werk, weil damit zugleich dem Antisemitismus gesteuert wird und erst die Achtung der Umwelt die Emanzipation, die endgültige Uebcrwindung des Ghettos nun auch für den Ostjudm bedeutet. Als ein Nachklingen der hiesigen liberalen Kundgebung war die Bc..-ung von George Goetz, Berlin, für die erste Wintervcranstaltung des C.-B. zu bewerten. Auch er sprach mit Bezug auf deulschc Verhältnisse von diesem Ilmschich.'ungsprozeß, hierbei den „Ort"- Abcnd erwähnend und seine sowie des C.-B. Sympathie mit dem großen Werke bekundend. Die Einleitung des Vortrags über ,J2 ö t c und Ausgab e n des kommenden Winters" bestand recht originell darin, daß Herr Goetz aufs Gocthejahr anspielend uiioals Illustration gewisser aktueller Wirtschastscrscheinungen auf die stoffliche Aehnlichkeit kws „Zauberlehrlings" mit der Golemsag-c hinwies. Zwar nicht im Wasser, wohl aber in ihrem Ucbecfluß an Waren oder Geld, den gespcnsterhaften Hintergründen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, droht die Menschheit von heute zu ertrinken, nur die Zauberkraft wahrer Hingabe ans Göttliche kann die Ströme hemmen und uns einen Ausgleich, cineit wirtschaftlichen Halt finden lassen. Politisch stünden wir an einer Z e i t e n w e n d e zwischen zivei Kulturcpochen. D'c deutschen Juden dürften nicht wieder den Anschluß verpaffen, wie dies z. B. .in der Frage eines einmütigen Bekenntnisses zum Pazifismus der Fall gewesen sei. Laut müßten sic Stellung nehmen in der O e f f e n t l i ch k e i t zu den die deutsche Wirtschaft betreffenden Verordnungen und sonstigen Problemen; die hierfür sowie zur Gründung eines jüdischen W i r t sch a s t s i n st i - tntes, falls man es schaffen will, geeignetste Organisation fei der C.-V., welcher sich seinerseits prominenter jüdischer Wirtschaftsführer und Journalisten zu bedienen habe — grundlegend neue Gedanken, mit denen man sich erst vertraut machen muß nud die zweifellos diskutiert zu werden verdienen. Herr Goetz streifte am Ende Gemein de fragen und schloß mit dem Appell, auch im Gemeindcleben sich auf der gemeinsamen Plattform der sozialen Wohlfahrtsarbcit zusainmenzufinden. Durch diese Sozialarbeit, in der wir alle einig sind, »vcrdcil die Weltanschanungsgegensätze nicht aus der Welt geschasst; jeder solle sozial handeln und zugleich diejenige Parteiorganisation stärken, der er nach seiner Weltanschauung angehört. Essen. (Für die Winterhilfe.) Das Wohlfahrtsamt der Synagogengemeinde hat in der letzten Zeit eine sehr ersolgrciche Aktion zur Ausbringung der Mittel für die Winterhilfe unternommen. Es wurde eine Brotsammlung dnrchgeführt, die den Zlueck hatte, Gutscheine zur Lieferung von Lebensmitteln bei den Gemeindemitgkiedern zu vertreiben. Die Aktion ist noch im Gange, hat aber bisher schon ein recht beachtliches Ergebnis gezeitigt. Darüber hinaus wurden Speisungen pon Kindern vorgenommeu, die zu Hause ein nicht auskömmliches Essen bekommen können. Frankfurt a. M. (Todesfall.) Im 76. Lebensjahre starb hier Frau Johanna Kaufsmann geb. Meyer, die Mutter des Vrrlagsb-nchhändlers Tr. Felix Käufsmann und Gattin des vor etlva 2 Jahrzehnten verstorbenen, noch heule über die Grenzen Frankfurts hinaus unvergessenen Bcrlagsbuchhäudlers Ignatz Kauffmann, des Begründers des bekannten Berlages. Die Verstorbene nahm an allen jüdischen Augelegenheiteu regsten Anteil. Tie Beisetzung vollzog sich unter regster Teilnahme .der ganzen Gemeinde. (Ja* Lebensbild der Verstorbenen zeichnete Herr Gemeinderabbincr Tr. Horovitz. Hamburg. (Sitzung des R e p r ä s e n t a n t e n - Kollegiums.) Tic letzte Sitzung des Reprösentanten-Kollcgiums am 29. Oktober 1931 klang in eine Ehrung aus, die dem verdienstvollen bisherigen Vorsitzenden des Kollegiums, Herrn Alfred Lisser, anläßlich seines Ausscheidens aus dem Kollegium zuteil wurde. Herr Lisser hatte bereits vor einiger Zeit mitgeteilt, daß er seinen Wohnsitz von Hamburg verlege; er legte am Schluß der letzten von ihm noch geleiteten Sitzung sein Mandat nieder. Er dankte alten Mitgliedern des Kollegiums für das ihm seit Jahren durch die Wahlen zum 1. Vorsitzenden bewiesene Vertrauen, dankte seinen Kollegen im Vorstand, ferner dem Büro der Olcmeinde nnd schließlich der Presse für deren interessante Berichterstattung über den Inhalt der Verhandlungen; er wies darauf hin, daß es ivährend der 12 Jahre, während der er das Amt des Vorsitzenden ausgeübt habe, sein besonderes Bestreben gewesen sei, das gute Einvernehmen zwischen dem Vorstand der Gemeinde und dem Repräsentanten Kollegium zu erhalten. Er bleibe — so fügte er hinzu - auch nach seinem Ausscheiden der Gemeinde innerlich verbunden. Alsdann dankte der zweite Vorsitzende des Kollegiums, Herr Alexander Levy, Herrn Lisser für alles das, >vas er für die Hamburger Gemeinde nnd darüber hinaus für die jüdischen Belange geleistet habe, und richtete an ihn die Bitte des Kollegiums, ihn dadurch ehren zu dürfen, daß sein von einem jüdischen Künstler herzustelbenves Bild den Sitzungssaal schmücken dürfe. „ Herr Dr. Fränkel sprach als Vertreter der religiös-liberalen Partei, der Herr Lisser im Kollegium ang-ehörte. Er hob besonders hervor, daß es als ein wesentliches Verdienst des Herrn Lisser bei der Leitung der Arbeit des Kollegiums zu betrachten sei, daß bei aller Verschiedenheit der Parlcianschauungen stets eine Atmosphäre geherrscht habe, in der Ersprießliches geleistet werden konnte, und daß Herr Lisser eine vorbildliche Objektivität gegenüber allen Parteien an deir Tag gelegt habe. Frau Dr. Mcycr-Wedell dankte namens der jüdischen Frau-en für das tatkräftige Eingreifen, mit dem^ Herr Lisser den Frauen ihre jetzige Stellung in der Gemeinde mitgcschafseu habe. Schließlich wurde Herrn Lisser vom Vorstand der Gemeinde eine Adresse überreicht, die der Vorsitzende, Herr Alfred Levy, verlas; in ihr werden die großen Verdienste hervorg-ehoben, die sich Herr Lisser um die deutsch-israelitische Gemeinde in Hamburg, in der Logenarbeit und überall da, wo jüdische Interessen «ine Rolle spielten, erivorben habe.

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