Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 44-45 (11.11.1931)
- Date
- 1931-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2614107-2614137--4110-2621777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Vorstand der 'sjemeiilde ehrte Hernr Lisser damit, daß er ihm einen Protugalöser überreichte. Herr Lisser dankte allen Rednern für die Wort« der Anerkennung, die ihm gewidmet wurden. Durch das Ausscheiden des Herrn Lisser wird di« Neutvahl eines ersten Vorsitzenden notwendig, die in der nächsten Sitzung erfolgen wird. Die liberale Partei hat als die stärkste Partei die Anwartschaft auf den Vorsitz. Anstelle des Herrn Lisser wird Herr Paul Koretz, der Vorsitzende des neu gegründeten jüdisch-liberalen Gemcindevereins, in das Kollegium eintreten. Eine weitere Veränderung in der Zusammensetzung des Kollegiums war durch die Mandatsniederlegung des Herrn Dr. Marx (Zion.) erfolgt, an dessen Stelle Herr Dr. Pinner getreten ist. Von den Beratungsgegenständen der Sitzung vom 29. Oktober 1931 ist erwähnenswert ein Antrag des Vorstandes, in der jüdischen Mädchenschule, die von der Gemeinde unterhalten wird, das Schulgeld für die Grund- und Volksschule wieder einzuführen. Diese Maßnahme ist dadurch notivcndig geworden, daß »veitere Einnahmen für die Bestreitung des Budgets der Schule mit Rücksicht auf das geringere Steueraufkommen in der Gemeinde beschafft werden müssen. Frau Bauer (lib.), die Mitglied des Schulvorstandes ist, erklärte, daß man sehr gern davon abgesehen hätte, das Schulgeld, dessen Wiedereinführung jetzt beantragt werde, zu erheben, daß aber die derzeitige Lage dazu zwinge. Der Antrag wurde angenommen. Mit den schwierigen finanziellen Verhältnissen hing ein weiterer Antrag zusammen, den der Vorstand gestellt hat und der dahin ging, daß der Haushaltungsausschuß die Berechtigung haben sollte, Kürzungen der Etatspositionen vorzun.'.-inen, und zwar sollen für diesen Beschluß die Mehrheit der Vertreter des Vorstandes und die Mehrheit der Vertreter des Repräsentanten-Kollegiums in diesem Ausschuß erforderlich sein und genügen. In der Debatte wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß damit die Rechte des Kollegiums stark beeinträchtigt würden. Da es sich aber im wesentlichen nur um solche Positionen handelt, die sich auf nichtgebundene Ausgaben beziehen, und da die Entwicklung zu schnellen Entschließungen zwingen könnte, hat man den vom Gemeindevorsteher Herrn Dr. Samson und dem Repräsentanten Herrn Dr. Fränkel befürworteten Antrag angenommen mit dem von Herrn Dr. Kalmus (Zion.) gewünschten Zusatz, daß alle Kürzungsbeschlüsse iu der nächsten Sitzung des Repräsentanten Kollegiums milzuteilen sind. Endlich wurde noch ein Betrag von RM. 1500,— bewilligt, der ausgegeben werden muß, um die Organisation des Gemeindebüros gründlich überprüfen zu lassen. Es war der Versuch gemacht worden, ohne diese Ausgabe diese Ueberprüfnng durchzuführen. Es erwies sich aber, daß eine hierzu geeignete Persönlichkeit sich nicht dazu bereit fand. Der Betrag tvurde bewilligt, da man davon ausging, daß bei einer Neugestaltung des Büros, wie solche von sachverständiger Seite empfohlen werde, Ersparnisse erzielt werden können und würden, die über das Maß der beantragten Summe wesentlich hinausgehen würden. Hamburg. (Gchaltsabban.) Der Vorstand des Deutsch' Israelitischen Synagogenverbandcs hat einen Gehaltsabbau beschlossen, und zwar unter Festsetzung einer Freigrenze für die Gehälter bis zu 1500 Mark. Es sollen gekürzt werden Gehälter bis zu 6000 Mark um 5 Prozent, bis zu 10 000 Mark um 7 Prozent, über 10 000 Mark um 10 Prozent. Das Delcgicrtenkolle-gium stimmte dieser Regelung zu. Harburg-Wilhelmsburg. (Begründer W i n t e r a r be it.) Tie Gemeinde hat in dem hiesigen Jüdischen Jugendheim einen Lrseraum geschaffen, in welchem über 30 Zeitungen und Zeitschriften ausliegen. Es werden Lcscabciide, Heim- und Spielabende veranstaltet. Außerdem hat der Jüdische Jugendbund eine Arbeitsgemeinschaft eingerichtet, in der „Tie Stellung des jungen Juden zu den politischen Erscheinungsforruen der Gegenwart" behandelt wird. Alle vier Wochen findet ein Vortrag statt. Erstmalig referierte am 19. Oktober stud. jur. I. Parnes in außerordentlich fesselnder Weise über ,Judentum und Kommunismus". — Außer diesem Zyklus finden Einzelvorträge statt, zu denen sich eine Anzahl von Rednern namentlich aus Hamburg zur Verfügung gestellt haben. Der erste derartige Vortrag fand am 21. Oktober statt; Redakteur E. Carlebach sprach über „Moderne jüdische Dichtung", wirksam unterstützt durch Rezitationen von Barbara Pfitzenreiter vom Harburger Stadttheater. Diese Veranstaltungen bildeten einen befriedigenden Auftakt für die Winterarbeit in der hiesigen Gemeinde. Kassel. (Jüdische Winterhilfe.) Die Vertreter der Gemeindebehörden, Vereine und Organisationen haben in mehreren Sitzungen über Maßnahmen der Durchführung der Winterhilfe beraten und insbesondere die finanzielle Sicherung der Aktion zu erreichen versucht. Auch im Rahmen der allgemeinen Winterhilfe sind seitens jüdischer Bürger größere Beträge gezeichnet worden, u. a. hat Generaldirektor Hoffman» 1000 Mark bewilligt. Den jüdischen Erwerbslosen >vird durch eine im Jüdischen Altersheim eingerichtete Küche Mittagessen zu geringem Preis verabfolgt. Köln. (Ein S p a r k o m m i s s a r i n d c r Gemeindevcr- >va l t u n g.) Der Vorstand der Synagogcugemcmde hat den bekannten Betriebsorganisator Dr. Halberstädter beauftragt, das Verwaltuugsbüro auf zweckmäßige Arbottsvcrtcilung und -rationalisierung hin zu prüfen. Diese Maßnahme erfolgt im Einverständnis mit der Beamtenschaft. Köln. (Wie der Zusammenhalt der I « b e n h e t t gefördert wird.) Die Austritisgemeindc Adaß Jeschurun teilt ihren Mitgliedern mit, daß sie in dem Krankenhaus der Augustincrinncn eine eigne Küche unter Aufsicht ihres Rabbinats eingerichtet habe. Damit dürste das Israelitische Asyl in Kolm Ehrenfeld, das von der Großgcmcinde erhebliche Zuschüsse erhält, einen weiteren Rückgang in der Besucherzahl jüdischer Kranker erleiden. Es ist bisher nicht bekannt geworden, daß die Austrittsgemeinde init dem Wunsch nach Einrichtung einer ihren Anforderungen entsprechenden Küche ail das Asyl hcrangetrcten tväre. Königsberg. (N ord o st d e nt f ch er Rabbi nerverband.) Der Nordostdeutsche Rabbincrverband hielt am ll. Oktober in Königs berg seine Sitzung ab, die von Rabbiner Dr. Neuseld-Elbing geleitet wurde. Auf der Tagesordnung standen wichtige allgemeine Angelegen. heilen der ostpreußischen Judenheit. Der Vorsitzende gab bekannt, daß die Gemeinde Elbing eine Satzungsänderung dahingehend vor genommen habe, daß der Rabbiner inst beratender Stimme dem Gemeindevorstand angehört. — In Bezug auf eine vorliegende Resolution des Vereins jüdischer Kultusbeamten und Lehrer Ostpreußens wurde eine Abgrenzung der beiderseitigen Kompetenzen vorgcnommen. Es folgte der Kassenbericht, worauf der Vorsitzende nach Ablauf seiner Amtstätigkeit sein Amt niederlegte. An seiner Stelle wurde Dr. Augapfel-Insterburg zum Vorsitzenden und Dr. Lazarus-Memel zu dessen Stellvertreter gewählt. Königsberg Pr. (Von der Rep c äsen t a n t e n - V e r lammlung.) Die Repräsentantenversammlung befaßte sich in ihrer Oktober-Sitzung zunächst mit geschäftlichen Mitteilungen, die der Repräsentantenvorsteher, Herr Professor Dr. Rudolf Cohn, gab. Hierbei hob der Vorsteher hervor, daß das Mitglied des Gemcindevorstandes, Kaufmann Elias Hirsch, sein Amt niedergelegt habe, wodurch eine Ersatzwahl erforderlich sei. Sowohl der Repräsentantenvorstcher als auch» der Vorsitzende des Gemcindevorstandes, Herr Geheim rat .Pros. Dr. Falkenheim, dankten dem Ausscheidenden für das ersprießliche Zusammenarbeiten und die wertvolle Tätigkeit, die er im Dienste der Gemeinde geleistet habe. Es folgte eine Durchberatung der einzelnen Positionen des Haushaltsplans. Bei diesem balancierten die Einnahmen und Ausgaben mit einer Summe von Mk. 318 880,—. Die direkten Einnahmen betrugen Mk. 84 490,—, so daß die Erhebung einer Umlage von Mk. 234 390,— erforderlich wird. Der Vorstand hat beschlossen, für das Steaerjahr 1931/1932 wiederum einen Zuschlag zur Einkommensteuer von 21 o/o und zur Vermögenssteuer von 50 o/o als Synagogensteuer zu erheben. — gki der Position Ständemieten erfolgte die Anregung, die Mieten infolge der wirtschaftlichen Notlage nach Möglichkeit zu ermäßigen. Es wurde beschlossen, die Ständekommifsion zu beauftragen, in eine Nachprüfung der Ständemieten einzutreten. — Ebenso sollen die Denkmalsgebühren .auf den Friedhöfen im Falle von diesbezüglichen Anträgen noch ermäßigt werden. — Bei der Position Beerdigungswesen erfolgte eine eingehende Begründung für die erforderlichen Reparaturen per Friedhofshalle iu der Steffeckstraße, für die statt Mk. 1500,— voraussichtlich Mk. 5000,— eingesetzt werden müssen. Entsprechend den Vorschlägen des Vorstandes wurden die einzelnen Positionen wie der Gesamtetat von der Repräsentantenversammlung genehmigt. Eine geheime Sitzung schloß sich an. Das Königsbevgcr Jüdische Gemeindeblatt weist daranf hin, daß nach einer Erhebung des städtischen Amtes für Wirtschaft und Statistik die Zahl der' jüdischen Einwohner der Stadt Königsberg auf 3619 Seelen zurückgegang-en ist, was bei einer Gesamteinwohnerzahl von 312 000 12 o/o der Gesamtbevölkerung ausmacht. Während bei niedrigerer Einwohnerzahl im Jahre 1925 noch 4049 jüdische Seelen vorhanden waren, läßt sich nunmehr eine Abnahme von 430 feststelleu, >vas einen Rückgang von 10,6 »/o bedeutet, dagegen sind im gleichen Zeitraum der evangelische Bcvölkerungsteil um 8,2 °/o und der katholische um 8,8 o/v sowie der religionslose um 30.1 o/o vermehrt worden. Von beu 3619 jüdischen Einwohnern find 1729 Männer und 1890 Frauen. Ludwigshafen a. Rh. (Wechsel im Konto rat.) In der festlich geschmückten Synagoge verabschiedete sich Samstag, 17. Oktober 1931, im Rahmen des Morgengottesdienstes Herr Studicnrat Wetzl er von seiner Gemeinde, der ec drei Jahrzehnte lang als 1. Kantor, Lehrer und Prediger wertvollste Dienste geleistet hat. Herr Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher aus Bad-Dürkheim und der Vorsitzende des Synagogcnrats, Herr Professor Koburger, richteten an den Scheibenden Worte der Ehrung und des Dankes. Herr Studienrat Wetzler erwiderte mit einer Ansprache; er gedachte seiner Zusammenarbeit mit dem langjährigen Vorsitzenden Kommerzienrat Moritz Wolfs, den Synagogenräten Abr.' Herz und Rudolf Rubel, sowie dem Synagogenwart Emanuel Hirsch, welche alle leider schon lange Zeit dahmgeschieden sind, sotvie des Zusammenwirkens mit den Amtsnachfolgern der Genannten, vor allem dem jetzigen Synagogenrat. Dr der Festakt gleichzeitig der Einweihung einer Thorarolle galt, ging der Amtsnachfolger, 1. Kantor, Lehrer und Prediger Herr Josef Liberles in seiner gedankenreichen Predigt von der religiösen Bedeutung der Thora aus und schloß mit dem Gelöbnis, in seinem neu übernommenen Pflichtenkreste zum Besten der Gemeinde und ihrer Jugend »virkcn zu wollen. Der feierliche Gottesdienst, welcher durch die künstlerisch geschulte, wohlklingende Tcnorstimine des Herrn Liberles verschönert wurde, wird jedem Teilnehmer in nachhaltiger Erinnerung bleiben. — Am darausfolgenden Sonntag fand sich der gesamte Synagogenrat in der Wohnung des Herrn Studienrats Wetzler ein, woselbst ihm Herr Professor Koburger mit nochmaligen herzlichen Dankes Worten eine künstlerisch ausgesührte Adresse nebst Ehrengabe überreichte. Nürnberg. (Todesfall.) Eine angesehene Persönlichkeit, Herr Juwelier Emil Lorch, tvurde am 25. v. Mts. unter außerordentlich großer Beteiligung zu Grabe getragen. Der Verlebte, welcher ein Alter von 78 Jahren erreicht -hatte, war ein Mann von umfassender Bildung und feinstem Geschmack, besonders auf dem Gebiet des Kunstgewerbes, mit welchen Gaben es ihm gelang, sein Juweliergeschäst zu Bedeutung und Ansehen zu bringen. Zeitlebens zeigte er regstes Interesse für die allgemeinen sozialen tuie auch für die jüdischsozialen Einrichtungen, an denen er mit größter Freudigkeit mitarbeitete. Biele Jahre war er Ausschußmitglied und zweiter Vorsitzender des Nürnberger Armenunterstützungs-Vereins. Trotz großer geschäftlicher Inanspruchnahme hatte er die Sitzungen zur Verteilung der Gaben an die Bedürftigen lange selbst geleitet, und stets hatte er für dio Notleidenden ei,n freundliches Wort, ein offenes Herz mtb einen guten Rat. Betätigung für das jüdische Wohlfahrtswert tvaren dem Verstorbenen nicht nur Vereinsarbeit, sondern Herzensbedürfnis. .Herr Rabbiner Dr. Heilbronn schilderte in seiner Gedächtnisrede die nicht alltäglichen Vorzüge des vortrefflichen Mannes und sprach auch im Name» des Armenunterstützungs-Vereins den Dank der Vorstandschaft aus. Für die Maimonidesloge sprach Herr Präsident Dr. ,Feilchenseld und für die Kinderheilstätte Kissingen, deren langjähriges Vermaltungsmitglied der Verstorbene tvar, Herr Bankier Kurt Ottensooser Worte der Anerkennung und der dankbaren Erinnerung. Paderborn. (Todesfall.) Die langjährige Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins, Frau Paula Müller, ist im Alter von 77 Jahren verschieden. Durch ihr soziales Wirken, das die Verstorbene auch als Schatzmeisterin des Vaterländischen Frauenvereins entfaltete, erfreute sie sich in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen großer Wertschätzung und Verehrung. Dies wurde auch in der zahlreichen Beteiligung an der Beisetzungsfeier erkennbar. In eindrucksvollen Worten gab Prediger Köln an ihrer Bahre der allgemeinen Trauer um den .Heimgang der trefflichen Frau beredten Ausdruck. Ter frühere langjährige Oberbürgermeister und der jetzt amtierende erkannten in herzlichen Worten brieflich das verdienstvolle Wirken der Entschlafenen auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege au. Planen i. B. (G c m e i n d e r a t s s i tz u n g v o m 2 9. Oktober 193 1.) Ter Vorsteher eröffnet die Sitzung und will mit, daß der langjährige Genie indeverordnete Herr Markus Pohorylcs sein Amt niebergefegt hat. Er würdigte die von diesem angegebenen Gründe und sprach ihm für die verdienstvolle Tätigkeit um das Gemeindeivohl den herzlichsten Dank aus. An seine Stelle tritt satzungsgemäß der bisherige Stellvertreter Herr Adolf Langgut. Sodann gab der Vorsitzende die Richtlinien für die Winterhilfe bekannt gemäß einer Anweisung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Die von der hiesigen Gemeinde der allgLmrsnen Wmterhi'lfc Plauen zufließenden Betrüge sollen zur Speisung vou Arbeitslosen verwendet werden. Als Vertreter der Gemeinde in der Städtischen Nothilse soll auch weiterhin Herr S. Wolssberg fungieren. Ter Vorsitzende verlas sodann eine Ministeriell Verfügung, wonach cs den sächsischen Rabbinern bis auf weiteres auf Grund von Vorstellungen der Tschecho-Slowakischen Regierung beim Anslvärtigen Amt in Berlin untersagt wird, die Tschecho-Slowakischen Rabbiner anzutveifcn, Trauungen voir in Sachsen wohnhaften Brautpaaren vor zunchmen. Trauungen solcher Art sind in Zukunft nur noch gültig, tvcnn das betreffende Brautpaar tatsächlich auch innerhalb der vom tschechischen Gesetz vorgesehenen Frist seinen effektiven Wohnsitz in der Stadt nimmt, in der die Trauung ftattfindet. Der Vorsitzende verliest ferner einen Briefwechsel mit dem Gemeindemitglied Max Lcwin in Klingenthal, der auf die Ausforderung, seiner Steuerpflicht nachzukommen, einen von Bekeidiguugen strotzenden Brief an den Vorstand richtete. Ec kündigte darin an, daß er beabsichtige, sich den Nationalsozialisten anzuschließen, um völkischer Aquisiteur zu werden uud dann mit Fanatismus das V Judentum bekämpfen zu könneit. Mit Rücksicht auf dieses einzig dastehende Ver halten eines Juden wird beschlossen, der Oesscntlichkeit von dem Briefe tvechsel Kenntnis zu geben. Satzungsgemäß scheiden mit Ende dieses Jahres sieben Herren, darunter der Gemeindcvorsitzcnde Rechtsanwalt Tr. Goldberg, aus dem Kollegium aus. Wiederwahl ist zulässig. Die Wahl wird aus den 29. November 1931 von 11 Uhr früh bis 6 Uhr nachmittags festgesetzt. Nunmehr kam man zur Hauptsache des Abends: Feststellung des Haushaltplanes 1932 und des Prozentsatzes der Gemeindesteuer 1932. In vielstündiger außerordentlich ernster und verantwortungsbewußter Rede und Gegenrede nahm der Gemeinderat Kenntnis von der katastrophalen Lage, in welche die Gemeinde durch die Entwicklung der Wirtschaftsvcrhältnisse geraten ist. In dem Haushksttplaii erscheinen nicht die für die Amortisation und den Zinsendienst des Synagogenbaues aufzubringenden Beträte, weil hierzu ein besonderer Plan nötig ist, der mit den Stcucrertrügnissen in der Gemeinde in keinerlei Verbindung steht. Die zurückgegangen« Einkommensteuer der Gemeindemitglieder bedingt eine starke Herabsetzung der Ausgabenseite des Haushaltplanes, und so weist die Ausgabenseite eine Kürzung von über 20 o/o aus. Zu diesem Zwecke mußten alle. Bereinszuschüsse gestrichen werden und alle anderen Ausgaben an Gehältern und sonstigen Kosten wurden stark reduziert. Da uns leider in Sachsen als Steuern für die Jüdische Gcineinde nur die Rcichseinkommenfteuer zur Verfügung steht, bleibt uns nur die Erhöhung des bisherigen Zuschlages offen. Ein Gesetzentwurf wonach auch andere Steuern, z. B. Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer usw. in Anspruch genommen werden dürfen, ist bisher vom. Landtag noch nicht verabschiedet tvovden. Nach sehr langer Debatte wurde schließlich die Erhebung eines Satzes von 2b o/a zur Reichseinkommensteuer gegen 4- Stimmen angenommen. Rathenow. (Konfessionelle Zusammenarbeit.) Am Sonntag, 25. Oktober, trat die katholstche Gemeinde anläßlich ihres Friedensfestes mit einer religiösen Kundgebung an die Oesfentlichkeit. Neben Protestanten war auch die jüdische Gemeinde eingeladen, die von dem Leiter der Versammlung, Herrn Pfarrer Knobloch, herzlich begrüßt tvurde. Er tvies insbesondere aus die enge Zusammenarbeit mit dem jüdischen Lehrer Abraham hin. Dann sprach der bekannte katholische Dichter und -Priester Ernst Thrasolt (Berlin) über den Frieden zwischen einzelnen Gruppen, Religionen und Völkern, worüber er wundervolle Worte fand. Ueber das gleiche Thema sprach als Vertreter der jüdischen Gemeinde Herr Lehrer Abraham, dem die Versammlung begeisterten Beifall zollte. Ferner sprach der hier bekannte Geschichtsforscher Studienrat Wepner für die Protestanten, der insbesondere darauf hinwies, >vie sehr das Hakenkreuz des Heidentums' dazu angetan» ist, das Werk christlicher Nächstenliebe zu zerstören. Herr Lehrer Koch als Vertreter der jüngeren Generation behandelte das Thema: Jugend und Frieden. So gestaltete sich die Versammlung zu einer höchst imposanten und markanten Veranstaltung, über die auch die T-agespresse äußerst lobend berichtet. Es besteht begründete Koff nung, daß demnächst in Rathenow eine Arbeitsgemeinschaft der drei Konfessionen begründet wird, die sich die Wahrnehmung und Förderung des Friedens zur Hauptaufgabe stellen wird. Trier. (Persönliches.) Lehrer M. Berlingec, der Leiter der jüdischen Volksschule, ist mit Erreichung der Altersgrenze in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Bei der Abschiedsseier, die in der festlich geschmückten Schute staitfand, brachte Stadtrat Tr. Braun den Dank der Staatsregicrunz und der Stadt Trier für die ausgezeichneten pädagogischen Leistungen Lehrer Berlingers zum Ausdruck; er überreichte gleichzeitig ein 'Anerkemruirgsschreiben der Staats rogre rung und ein Handschreibeic des zur Zeit beurlaubten Oberbürgermeisters. Oberrabbiner Tr. Altmann feierte in seiner Ansprache Lehrer B. als einen unermüdlichen Kämpfer für das Judentum und lobte das leuchtende Beispiel, das er durch feine tiefe Religiosität und sein vaterländisches Berantivortungsbewußtsein der jungen jüdischen Generation gegeben habe. M. Kaurmann, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, dankte ihm für seine Tätigkeit im Interesse der Gemeinde, deren Repräsentanz er jahrelang angehört hatte. Ein Vertreter der Lehrerschaft erkannte in einer warmherzigen Ansprache die großen Sympathien an, die sich Lehrer B. auch in nichtjüdischen Kreiseir, besonders unter den Kollegen, zu eriverben verstanden hatte. Die eindrucksvolle Feier ivurde durch Gesänge und Gedichtsvorträge der Schüler umrahmt. Wildunzen. (Persönliches.) Die Eheleute Adolf Hammerschlag und Gattin begingen in zufriedenstellender Gesundheit das. Fest der goldener, Hochzeit; gleichzeitig konnte die vom Jubelbräutigam begründete Firma auf ihr 50 jähriges Bestehen zurückblicken. Aus Anlaß des Doppeljubiläums wurde dem Jubelpaar, das sich auch um Me Erhaltung des religiösen Lebens innerhalb der Gemeinde in hohem Maße verdient gemacht hat, viele Ehrungen und Aufmerksamkeiten zuteil. : ★ : j BÜCHERSCHAU : ★: Simon Rawidowicz, Einleitungen zu Moses Mendelssohn, Cef. Schriften, Jubiläumsausgabe. Siebenter Band, 1930. Es handelt sich um folgende Schriften, die, im siebenten Bande der neuen Mendelssohn-Ausgabe zusammengefaßt, hier je ihre besondere Einleitung und Einordnung in dem allgemeinen literar- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang finden: 1) die Abhandlungen, Briese und sonstigen schriftlich fixierten Aeußerungen zum Lavater—Mendelssohnschen Streit; 2) diejenigen zu den „Gegenbetrachtungen über Bonnets Palmgenesie"; 3) die „Ritualgesetze der Juden"; 4) die Bemühungen Mendelssohns um die Reform des Judeneides. Rawidowicz' Stärke ist hier wie anderwärts die fleißige, unverdrossene Hingebung an den Gegenstand, die überaus sorgsame Aufspürung aller nur irgendwie zur Sache gehörenden Aufhellungsmöglichkeiten. Eine solche Schreibart setzt' freilich kongeniale Leser voraus, ein Publikum, das willig rnrd aufmerksam dem Autor ohne Ermüdung den ganzen längen Weg zu folgen bereit ist. Dann ist man mit einer allseitigen Kenntnis der behandelten Probleme und ihrer Lösung belohnt. Für das vorliegende Werk möchte ich urteilen, daß die Einleitungen zu 1) und 2), die Geschichte des wunderlichen Bekehrungseifers Lavaters und Mendelssohns gewandte Gegenzüge enthaltend, auch für die Bedeutung, die dieser Streit in der Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts gehabt hat, reichlich breit angelegt sind. Aber der Verfasser sieht eben seine Ausgabe darin, jeden einzelnen Brief und jede Bemerkung in den zeitgeschichtlichen Hintergrund einzntragen. Hier wäre vielleicht eine Heraushebung der Hauptlinien zweckmäßiger gewesen. Anders steht es mit dem dritten Stück, dev Einleitung zu den „Ritualgesetzen der Juden". Hier hat R. sich eine Ausgabe gestellt und m. E. erheblich gefördert, die weit über das Interesse an Mendelssohns jüdischer und literarischer Persönlichkeit hinausgeht. Die Geschichte dieser Ritualgesetze ist: nämlich zugleich ein bedeutsames Stück der Geschichte der Judenemanzipation in Preußen. Diese Anzeige kann nicht auf die Beurteilung eingehen, welche die früheren Darstellungen dieses Gegenstandes seitens M. Kayserlings und Ludwig Geigers durch Rawidowicz finden. Aber es leuchtet ohne weiteres ein, daß die in dieser Einleitung zum erstenmal verwendeten Akten des Kammergerichts zum Gegenstand der jüdischen Rechtsautonomie im preußischen Staate zeigen, wie diese unter der Aegide von Mendelssohn und dem Berliner Oberlandrabbiner Hirsches Lewin herausgebrachten „Ritual gesetze" eine höchst wichtige Station auf dem Wege des Abbaus des eigenen Gerichtsstandes der Inden und ihrer allmählichen Absorbierung durch das allgemeine bürgerliche Recht sind. Hier ist man für die Ausführlichkeit, welche die Schilderung der Rechtsgeschichte der preußischen Judenheit vom Generaljudenprivileg von 1750 bis zur unmittelbaren Vorgeschichte des Emanzipationsedikts erfährt, nur dankbar. Was R. hier gibt und ja auch zum Zwecke seiner „Einleitung" nur geben kann, sind vorerst Anregungen zu einer aktenmäßigen Darstellung einer Geschichte der jüdischen Rechtsangleichung in Preußen. Diese Geschichte selber müßte auch einen Punkt klären, der bei R. nicht ganz deutlich wird, ob nämlich die in Aeußerungen der Justizbehörden nach 1778 oft sich findenden Bezüge auf die „Ritualgesetze der Juden" immer den Mendelssohn-Lcwinschen Entwurf im Auge haben, wie Rawidowicz offenbar annimmt, oder ob hier nicht ganz allgemein die Tatsache der juristischen Eigenständigkeit der preußischen Judenheit gemeint ist. Aus R.s Formulierungen geht das nicht immer sicher hervor! Jedenfalls hat R. mit diesem Stück seiner „Einleitungen" einen sehr wertvollen Beitrag für die Geschichte der preußischen Judenemanzipation geleistet. Max Wiener.