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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-11-11 · 44-45 (11.11.1931) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
44-45 (11.11.1931)
Date
1931-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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setzesentstehung vertraut ist, aus der Lektüre der Ausführungen Äollenschers nicht auf den Gedanken 'kommen, daß es sich hier um eine noch nicht entschiedene Frage handelt. Sehr ledenklich ist, daß hier bei den Lesern der Jüdischen Rundschau das Gefühl einer ungerechten Behandlung und damit Erbitterung hervorgerufen wird, bevor von einer verantwort lichen Stelle überhaupt etwas entschieden worden ist. Die ganzen Ausführungen sind nicht so sehr auf den Ton einer Beeinflussung der Negierung, die an sich natürlich gewollt sein wird, als darauf abgestellt,-Erregung bei den Betroffenen hervorzurufen, die gar nicht erkennen können, daß es sich zunächst noch um eine offene Frage handelt. Verantwortungsbewußte Politik sollte heute jedes unnötige Hervorrufen von Erregung vermeiden, und gerade wir Juden haben wenig Anlaß, ohne schwerwiegenden Grund Unruhe hervorzurusen. Das aber gerade tut Kollenscher. Im übrigen: glaubt Kollenscher wirklich, daß diese Art der Erörterung geeignet ist, etwas zu erreichen? Die Gefahr ist groß, daß die mehr agitatorische Art der Polemik in dem Rundschau-Artikel die Bemühungen der verantwortlichen Führer des Landesverbandes gefährdet. Man kann nur dringend hoffen, daß sich die verantwortlichen Stellen auch durch Ungeschicklichkeiten von jüdischer Seite an einer sachlich vernünftigen Entscheidung nicht hindern lassen. Konnte es sich heute nur darum handeln, den Schaden, der durch den Rundschau-Artikel etwa entstehen könnte, abzuwenden, so werden wir, sobald das möglich ist, auch unserer-» seits zu dem Entwurf Stellung nehmen und die Meinung der Mehrheit der preußischen Juden zum Ausdruck bringen. Denn wenn Kollenscher seinen Artikel damit schließt, „die preußische Judenheit wird diese oktroyierte Verfassung" ab lehnen, so kann diese Identifizierung einer Minderheit mit „der preußischen Judenheit" nur jedem, der Bescheid weiß, ein Lächeln abnötigern In einem Artikel der Berliner Jüdischen Zeitung, der sich ebenfalls mit dem Entwurf beschäftigt, wird zum Schluß der Verdacht ausgesprochen, daß die liberalen Führer des Landesverbandes eine Politik mit doppelten'. Boden treiben und daß die Widerstande gegen das Ausländerwahlrecht we sentlich auf sie zurückzuführen sind. Diese Verdächtigumzeii entbehren jeder Grundlage und muffen mit aller Schärfe zu rückgewiesen werden. keine Reformsynagoge in Warschau Vor kurzem brachte die Jüdische Telegraphen Agentur die folgende Meldung: In Marschau wird eine Resormsynagoge erbaut. Warschau, 27. Oktober. (J.T.A.) Eine Gruppe extrem liberaler Juden Warschaus hat sich zu einer G. m. b. H. zusammen geschlossen, deren Zweck es ist, in Warschau eine Reform-Gemeinde zu gründen und eine Reform-Synagoge zu erbauen, in der der Gottesdienst (mit Frauenchor) anstatt an Sabbathtagen an Sonntagen stattfinden tvird. Diese Meldung nahm ihren Weg dann durch die ganze jüdische Presse; es war uns von vornherein zweifelhaft, ob sie auf Wahrheit beruhe, denn Warschauer jüdische Blätter hatten darüber nichts gebracht, und es wäre höchstens möglich gewesen, daß die Meldung aus der polnischen Presse in Warschau stamme. Inzwischen hören' wir von unserem Warschauer Vertrauensmann, der selbst der „extrem-liberalen" DATID OOLD£B der berühmte Roman von IRENE NE9IIROWSKY nach dem der Tonfilm ffleichen Namens geschaffen wurde, erschien im S. FISH HER VERLAG . BERLIN Die neue karton. Ausgabe 4.50 RM ★ Versammlungskalender : * Berlin-Norden. Liberaler Verein für die Airgelegenhette» der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B., Bezirksgruppe Norden. Montag, 23. November, abends 8.30 Ahr, Bekfammiung im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 182. Redner: Dr. Mar Mayer (Mitgl. d. Repr.-Bers.): „Die Liberalen in der Cinheitsgemeinde und die Minderheiten". Musilalischr Amrahmung: Dr. Fritz Salomonski. Frei« Aussprache. Berlin-Nordostev. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Mischen Gemeinde zu Berlin E. L., Bezirksgruppt Nordvsten. Mittwoch, 25. November, abends 8 Uhr, Werbeversammlung im Restaurant Fleischer, Tarmen- Sylvastratze 85. Redner: Direktor Heinrich Stahl (Mitgl. d. Gemeindevorst.j: „Wohlsahrtsaufgaben unserer Gemeinde", Wilhelm Marcus (Mitgl. d. Repr.-Bers.ft „W,s wir wollen", Marlin Svbotker (Mitgl. d. Repr.-Bers.j: ..Jugend und Gemeinde". Musilalischr Umrahmung: Oberlantor Hanns John. Berlin-Süden. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B.. Beztrksgruppe Süden. Mittwoch, 18. November, abends 8.30 Ahr, Versammlung im Deutschen Hof, Luckauer Str. 15. Redner: Wilhelm Marcus (Mitgl. d. Repr.-Verf.): „Ein Jahr nach der Wahl". Freie Aussprache. Berlin -Tempelhof. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. D., Bezirksgruppe Tempelhvs. Montag, 16. November, abends 6.30 Ahr, Versammlung im Brreinszimmer des Restaurants Pilfator am Flughafen, Tempelhvs, Berliner Straße 20. Redner: Landgerichtsrat Dr. Martin Le ff er (Mitgl. d. Repr.-Vers.): „Gemeindepolitische Fragen", Moritz Rosenthal (Mitgl. d. Gemeindevorftandes): „Gemeindeverwaltung". Freie Ausfprachr. * Zu den obigen Veranstaltungen des Liberalen Vereins ist der Eiülrilt frei. Mitglieder, deren Angehörige und Freunde find herzlich willkommen. Gottesdienste * Berkt«-Norde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, 13. November 1931. abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Vvgelstein. Sonnabend, vormittags 10 Uhr: Dr. Vogelstein. Freitag, 20. November, abends 7.15' Uhr. Festgottesoirnst zum 8 jährigen Bestehen. Predigt: Dr. Salomonski. Sonnabend, vormittags 10 Uhr: Dr. Swarsenski. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstraße 30, Aula -er Mädchenschule. Freitag, 13. November 1931, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Hirschberg. Freilag, 20. November 1931, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Andorn. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend, Leistilowftraße 7-8. Freitag, .den 13. November 1931, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Andorn. Freitag, den 20. November 1931, abends 7.15 Uhr. Predigt: Mehler. Berlin. Jüdische Skelorm-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, dem 15. November, vormittags 10.30 Uhr. Johannisstraßc 16: Predigt: Dr. Rofenthal. Kleiststraß« 10: Predigt: Dr. Jelski. Gottesdienste am Sonntag, dem 22. November, vormittags 10.30 Ahr. Jvhannisstraße 16: Predigt: Dr. Lehmann. KleWraße 10: Predigt: Dr. Rofenthal. Richtung angehört, daß pikauterweife die Nachricht der J.T.A. auch von den Warschauer Blättern übernommen worden ist, doch sei trotz aller Bemühungen die Quelle der Nachricht nicht zu finden. Ter allgemeine Eindruck ist der, daß es sich um eine ganz grundlose Nachricht handelt, da sich in Warschau zu einer Neugründung aus der angegebenen Basis überhaupt keinerlei Menschen finden würden. Der .Sohar" in deutscher Sprache Dieser Tage erscheint in Wien (Verlag Dr. Heinrich Glanz) zum ersten Male in deutscher Uebertragnng der „Sohar", das Standardwerk der jüdischen religiösen Mystik her Kabbalah. Der Uebersetzer Ernst Müller (Wien), der bereits in seiner Schrift „Der Sohar und seine Lehre" einen Grundriß der „Kabbalah" gegeben hat, legt nun iu diesem neuen Werk eine umfangreiche Sammlung von Sohar-Teilen vor, die in der Art ihrer Aufeinanderfolge und Auswahl ein lebendiges Bild der klassischen Mystik in der Tradition des Judentums vermittelt. Der deutsche Sohar gruppiert sich in sieben Abschnitte, die in der Hauptsache den Zusammenhang der Menschenwelt mit Den übersinnlichen Sphären, ferner die Tradition Israels und die Legendenbildung unt die Persönlichkeit des Rabbi Schimon ben Jochai umfassen. Das über 400 Seiten starke Werk, das die grundlegenden Textstellen des „Sohar" zum ersten Male in deutscher Sprache bietet, wendet sich ebenso an die wissenschaftliche Welt wie an jene Kreise, die in das wenig bekannte Gebiet der jüdischen Mystik Einblick gewinnen wollen. Erklärung von Eonslanlin Brunner Zur Polemik Goetz—Naumann erhalten mir die folgende Erklärung, mit der wir, da nun alle Beteiligten gu Wort gekommen, die Diskussion schließen. Schriftleitung. Gibt es Kleinigkeiten? Mitunter nicht. Und so möchte ich denn der Verbreitung einer Notiz entgegentreten, derzufolge drei Männer „usw." von mir beleidigt werden. In der vorigen Nununer dieser Zeitung hat Max Naumann drucken lasseit, daß auch ich zu erblicken sei in den Scharen mit Brechreiz über den „jüdischen Geist" der Theodor- Wolfs, Mfred Kerr, Kurt Tucholski usw.; das sei so, George Goetz möge es glauben oder nicht. Ich will keinen einzigen Mann beleidigen, auch keinen tapferen Naumann, den „uh schon gelobt habe und weiter zu loben gedenke; und ich weiß nicht, ob George Goetz glauben mag oder nicht, was da der Naumann über mich hat drucken lassen, — i ch jedenfalls glaube es nicht und bin froh, in den. Brechreizscharen nicht tnitziehett zu müssen. Auch stabe ich nie, nicht einmal zu meinem Arzt, über derartigcit Brechreiz Klage geführt, erst recht nicht zu denk mir persönlich unbekannten Arzt Dr. Naumann; von dem ich ja auch kaum hätte Hilfe erwarten können gegen ein Leiden, an dein so hochbeschwert er selber leidet. Ich verstehe nicht da aber Naumann versichert, mich zu verstehen besser als andere, so wird er an: Ende mich besser verstehen als ich selbst, und versteht von mir, was ich nicht geschrieben, nicht gesagt, nicht gedacht, wovon ich also offenbar die leiseste Ahnung nicht habe. Ohne Zweifel ist solches Verstehen das feinste Verstehen. Ich beginne nun auch meinerseits mit feinerem Verftänpnis Naumanns, z. B. seines neuesten Briefes an Theodor Wolfs. Jawohl Goetz inag es glauben oder nicht, Nau-' mann mag es glauben oder nicht —: Namnann hat, wegen seiner Kritik an Wolfs, dem Wolfs einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Und wie ich Naumann immer von Herren loben werde für das, wofür ich ihn früher von Herzen gelobt habe, für feinen stolzen Nacken, so uruß ich ihn nun lobet: dafür, daß er diesen Nacken gebogen hat, — bei Naumann heißt es: Biegen oder Brechen! Auch klingt seine Entschuldigung durchaus glaubwürdig. Er schreibt, daß er wirklich nichts dafür könne; feine Kritik wäre ihm mal versehentlich in den Nationalsozialismus gefallen. C o n st a n t i n Brunner., Der Rathevaumord und die Gegenwart Ministerialdirektor Brecht eröfsnete die Jahresversammlung der Walther Rathenau-Gesellschaft im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrates mit einer Ansprache, in der er auf die nur: wieder nberhandnehmende wilde antisemitische Verhetzung hinwies und u. a. ausführte: Wieder könnten Unschuldige wie einst Rathenau Opfer der Hetze werden. Es genügt nicht, daß einige sich in der Stille schämten, sorrdern die Führer müßten öffentlich gegen die Hetze auftreten. — trat. Ueberwältigt von der ungeheuren Tatsache des großen Krieges, wurde er ganz Kriegsmann, behielt Glauben an den Sieg der deutschen Waffen bis zur letzten Möglichkeit, schalt und verdammte er immerfort die „Miesmacher". Aber blind war fein Patriotismus nicht; so erkannte er früh die Gefahr der Einkreisung. Und in Chauvinismus verflieg er sich ebenso wenig. „Wer diese Blätter nicht zum ersten Male liest, weiß, daß hier die Ueberzeugung verfochten wird, unser Mißgeschick sei nicht durch fremde Satanskunst, sondern durch eigene Schuld bewirkt worden." Zu der Person Wilsvns schaute er bewundernd hinüber als zu einem Ideal, an das er seine Hoffnungen knüpfte. Ilebrigens nimmt Hardeü innerhalb der Politik schon insofern eine besondere Stellung ein, als ihn fast nur die auswärtige beschäftigte. Kein Diploinat auch hat je Persönlichkeiten und Angelegenheiten der auswär^ tigen Politik so bis ins Einzelne gekannt wie dieser Publizist, eine Macht schon durch dieses sein Alleswissen, ein Heimdall, der die Welt überspähte. So ganz ist Harden eine dramatische Natur, daß die Schriftsteller ei ihm im Grunde nur etwas Sekundäres bedeutet, nur Mittel zum Tun. Und darum komntt sein Wesen zur eigentlichen Entfaltung erst dort, wo er selber austritt in eigener Sache, die er aber zur politischen erweitert: als Angeklagter vor Gericht. Da steht er wirklich als ein königlicher Angeklagter und Verurteilter, der Gericht und Staatsanwalt weit unter sich läßt. Hinreißend im Temperament, dialektisch glänzend, rhetorisch strömend und hier immer natürlich, weil immer von Leidenschaft gestachelt und getrieben, steht er da, „ein Privatmann gegen alle Reichsg<walten; und gegen neun Zehntel der Presse, die Oeffentliche Meinung macht. Schimpf, Aechtung, Bedrohung aller Art". Die letzten sind seine eigenen. Worte, und dies ist das Bild, das uns von ihm bleibt, nachdem der Vorhang gefallen ist. R. Salomo I s a a k s o h u. David Golder Erstaufführung im Mszartsaal zu Berlin. Die französische Filmproduktion hat, seit ihrem glücklichen Dckbnt mit den „Dächern von Paris" Leistungen von hohem Rang nicht nur in ihrem Heimatland, sondern in der ganzen Welt, zu zeigen vermocht. Mit besonderem Interesse sah nun: daher der Erftaufsührung des nach dem gleichnamigen Roman der 18 jährigen Russin Irene Nemirowsky von dem genialen Regisseur Julien Duvivier verfaßten Film „David Golder" entgegen, der bisher nur einmal im intimen Rahmen der deutsch-französischen Gesellschaft zu sehen gewesen war. Dieser Film erzählt sachlich, ohne überflüssige Rührseligkeit und Sentimentalität, die uralte Fabel vom Leben und Sterben des armen reichen Ostjuden David Golder, der, seit er dem Ghetto von Kischinew entronnen ist, nur jenen einen Begriff gekannt hat, der sich in dem Worte verdichtet „Busineß". In Amerika und Europa, im Luxuszug, Auto und Flugzeug hat Golder 40 Jahre hirrdurch Konzerne und Trusts gegründet, Millionen über Millionen gescheffelt und zum goldenen Kalb gebetet. Aber am Ende dieser 40 Jahre steht^ er da, vorzeitig alt, siechen Herzens und starrt! in die große grausame Sinnlosigkeit seines Daseins. Was er schaffte und raffte, war — Chimäre. Was er dafür eintauschte — Lug und Trug. Die Lebensgefährtin, die er sich einst aus den Elendsgassen des Ghettos erkor, betrügt ihn seil einem Menschenalter mit einem aristokratischen Hochstapler. Seine Billa in Biarritz ist ein wüster Rummel- und Tummelplatz internationaler Schmarotzer, die nur am Golde hängen, nach den: Gold sich drängen. Bei einem überraschenden Besuch in Biarritz, wo er einem vorübergehenden Herzansall unterliegt, erfährt er aus dem zynischen Munde seines verworfenen Weibes, daß das einzige Kleinod, das Golder außer seinen Millionen hegt und hütet, seine Tochter Joyce, nicht seines eigenen Blutes ist, sondern ihre Existenz dem gräflichen Liebhaber seiner Frau verdankt. Da kommt die große Sinnlosigkeit und Müdigkeit ans Golder zygekrochen, der er sich nicht mehr zu erwehren vermag. Er fährt nach Paris, liquidiert seine Geschäfte, ruft eine Börsenpanik hervor, alles, um einsam und krank, ein grandioser Spekulant, der das Leben selbst verspekuliert hat, sterben zu dürfen. Da naht ihm noch einmal die Versucherin in Gestalt der Tochter, die nicht seine Tochter ist, eines Sportgirls, das, gewohnt! an Juwelen, Auto und prinzliche Anbeter, nunmehr arm ist und vorgibt, sich einem alten Juwelenhändler verschachern zu müssen. Golder kann die Zärtlichkeit zu dem jungen verführerischen Geschöpf, das er 17 Jahre als seine Tochter angesehen hat, nicht aus seinem Herzen reißem Um ihretwillen spielt er, der Moritnrns, noch einmal das große verwegene Spiel. Er fährt gen Osten, von wo er gekommen, und schließt mit den Sowjets einen Monopol-Vertrag über das russische Erdöl ab, der seine, leichtfertige Tochter vielleicht zur reichsten Frau der Erde mache,: wird, nach dessen Zustandekommen er selbst aber auf einen: Auöwandererschisf in den Nebeln des Schwarzen Meeres, betreut von einem jungen Juden, der ebenfalls auszieht, das Gold oder das Glück zu suchen, und umgeben von betenden und psalmodierenden! Glaubensgenossen, eines kläglichen Todes stirbt. Es ist eine alte, uralte Geschichte, wie wir sie kennen, manchmal sogar unter großen historischen Namen; selten aber dürfte sie uns so menschlich und eindringlich -or Augen geführt worden sein, wie durch den genialen Regisseur Duvivier und die nieifterhafte Darstellung Golders durch den Filmschanspieler Harry Baur. Unwahrscheinlichkeiten, insbesondere in dem Parasitenmilieu von Biarritz, sind nicht immer ganz vermieden worden. Auch mögen gerade ernst fühlende und darum unpathetische Juden die'rituellen Vorgänge, die sich auf dem Auswandererschiff und in dem von Golder im Todesdelirium erschauten Traumbild der Synagoge abspielen, aus den: belichteten Streifen als inopportun und hart an der Grenze des Sakrilegs empfunden werden. Aber gleichviel, von diesen unerheblichen' Einwänden abgesehen, bleibt eine menschliche Tragödie, ein: insbesondere jüdische Tragödie bestehen, die gerade durch ft)r schlichtes Menschentum und durch die nie erlöschende Frage nach Sinn oder Sinnlosigkeit des Lebens erschüttert und ergreift. David Golders Schicksal illustriert diese Frage aufs Neue. Wer: „Nur ein Narr wartet auf Antwort". Wir bewundern die künstlerische Leistung des David Golder-Films ohne Einschränkung. Ob sie aber geeignet sein dürfte, dem Judentum einen Dienst zu leisten, möchten wir dahingestellt sein lassen. Gegner des Judentums könnten sich vielleicht bewogen fühlen, die familiäre Korruption und die geschäftliche Skrupellosigkeit David Golders als spezifisch jüdische Merkmale hinzustellen. Selbst wenn sie genau wissen, daß es in den entsprechenden arischen Schlichten nicht um ein Atom anders zugeht. „Millionen werden selten bei Tage verdient", hat Georg Kaiser einmal in einem klugen Worte geäußert. Trotzdem gehört unsere Sympathie und unsere Ehrbietung dem armen Reichen David Golder, einer Gestalt Balzacscher Provenienz. Doris W i t t n e r.

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