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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-10-28 · 42-43 (28.10.1931) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
42-43 (28.10.1931)
Date
1931-10-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ist. Darum ist es ein Widersinn, wenn Sie in Ihrer religiösen Organisation politisch zu wirken oersuchen, wie es umgekehrt auch ein Widersinn wäre, wenn ich m meiner national-Müschen Gruppe mich mit Religion beschäftigte. Es gi dt nur zw ein a t io nal-poli'tischori entier^e Gruppen von Juden, deren Wirken auf dem Gebiete der Judenfrage eine innere Berechtigung hat, das sind die Nationaljuden und die Nationaldcntschen — was dazwischen ist, ist vom Uebel. Zwischen Nationaljudentnm und Nationaldeutschtum muß eines Tages der unvermeidliche Endkampf um das deutsche Volkstum der deutschen Staatsbürger jüdischer Abstammung aus getragen werden, und dazu bedarf 'es der Schaffung klarer Fronten. Gegen das Nationaljudentunl läßt sich die Front nicht unter einer religiösen und auch nicht unter einer Anti-Flrgge formieren. Sogenannter Antiziomst ist häufig auch der typische Zwischenschichtler; sein Antrzionssmus wurzelt in dem Minderwertigkeitsgefühl der ewig Inkonsequenten gegenüber denen, die wenigstens den Mut der Konsequenz .haben. Im Zeichen des „AntizionisnmL" läßt sich wohl ein einzelner Wahlkampf gewinnen, zumal wenn er mit dem Gel de Per Zwischenschichitler und den Argumenten der rmtionaldeutschen Juden geführt wird, aber mit dieser ejnen Schlacht ist noch lern# nicht der Krieg gewonnen. Um den zu gewinnen, braucht die Gesamtheit der deutsch - fühlenden Juden, gleichviel, wie sie sich sonst über religiöse, staatsbürgerliche oder andere Organisationen verteilt, unsere „Splitterpartei", di? klein ist und klein sein muß, wie jeder Stoßtrupp, die aber genau rrdft, was sie will, und sich in ihrer Tätigkeit auf das beschränkt, worauf es für diesen Kampf änkommt. Wenn Sie und Ihre — auch meine — Liberalen, soweit sie nationäldeutsch sind, ihr Lreblmgswort „Politik" in der Praxis richtig anzuwenden verständen, müßten Sie sich innerhalb der Vereinigung für das liberale Judentum auf ihre eigentliche, auch mir persönlich am Herzen liegende Aufgabe, die Pflege des religiös-liberalen Judentum s beschränken, aber den nationalpolitischen Kampf um die Juden frage müßten Sie uns überlassen, unserer Splitterparte, die dann keine Splitterpartei mehr zu fern brauchte Gerade der Wahlsieg der Liberalen, über den Sie triumphieren, ist das beste Gegenbeispiel gegen Ihre Theorie. Sie rneinen, die für die „Deutsche Liste" abgegebenen Stimmen seien verzettelt worden. Praktisch war es so, aber wenn Ihre liberalen Führer politische Einsicht besessen hatten, wäre es anders gewesen. Dann stände heute der geschlossenen Front der Nationasjuden eine geschlossene Front der Nationaldeutschen gegenüber, und von denen, die in dieser Front ständen, wäre in religiöser Hinsicht ein großer Teil liberal. Diese natioualdeussche Front würde ein unerschütterlicher Schuhwall gegen die zähen Unterwllblungsbestrebunaen der Jüdischnationalen sein, unerschütterlich gerade deshalb, weil sie den Kampf unter dem glichen Gesichtspunkt sichren würde, wie die Zionisten, unter dem rein nätt'onalpolitischeir Gesichtspunkt, der von den Zionisten — unzweifelhaft zu Unrecht, aber unzweifelhaft mit starker praktischer Wirkung — rn 'den Gemeindekampf hineingetragen worden ist. Die m sich völlig ungleichartige und uugleichvertt'ge liberale Mchrheit, die heute noch im Borstand und in der Repräsentanäen'oersammlung besteht, wird meiner festen Ueberzeugung nach eirms Tages auseinauderfaNen, — trotz der erfrischend deutschen und deutlichen Sprache einzelner liberaler Repräsentanten, von denen der eine, der von Ihnen in anderem Zusammenhänge erwähnte Herr Wopda, wegen eben dieser deutlichen Sprache und nattonalipolitischen Gradlinigkeit schon einmal seitens der liberalen Fraktion verleugnet und um ein Haar ganz hinaus gedrängt worden ist. »Genug für heule. Ich hätte Ihnen noch viel zu sagen, über die Siedlungsfrage, von der unsere Diskussion aus-gegangen ist, über Conttanttn Brunner, den ich ebenso verchre, wie Sie, aber meiner Ansicht nach besser verstehe, über meine von Ihnen so gering eingeschätzten Geschichtskenntnisse, zu deren Prüfung Sie wohl noch kaum ausreichende Gelegenheit gehabt haben, wirklich über schr Vieles. Aber das alles sind Nebendinge gegenüber dem Grundlegenden, das ich hier aufzuzeigen versucht habe. Auf Wiederhören ein anderes mal! Ihr ganz ergebener Naumann. Kurze Erwiderung Ans den vorstehenden Brief wäre, gründsätzlich und im Einzelnen, viel zu erwidern. Ter Brief ging aber erst nach Redakttonsschluß hier ein, und er soll, trotz Verspottung, in dieser Nummer seinen Platz finden, wie es Herrn Tr. Naumann s. Zt. zugesagt war. Vielleicht ist es für die Klärung der Situation sogar von Nutzen, wenn meine Erwiderung nun notgedrungen aus wenige Sätze sich beschränkt. Meine Bemerkungen über die „Splitterpartei", du der Verband nationaldeutscher Juden bildet, bezogen sich weniger ans dessen Verhältnis zur Vereinigung für das liberale Judentum als vielmehr auf dasjenige zum Centtalverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. In ihm, in dem es ja Liberale und Orthodoxe ebenso gibt wie im nationalderttschen Verband, sollte meiner Meinung nach dieser Verband aufgchen. Was aber die Tinge in der Religivnsgemeindft anbelangt, so möge uns Gott davor bewahren, daß sich dott Fraktionen nach nattvnrlpolitischen Gesichtspunkten bilden. Es hat schon seine guten Gründe, süne theorettfchen und geschichtlichen Ursachen, daß religiöser Liberalismus und nationalpolitische Emanzipation gleichzeitig aufkamen und seither Hand in Hand gingen. Tie Frage, ob das Judentum mit der nationaljüdischen Theorie vereinbar ist, hat, je nach ihrer Beantwottung. ihre innerjüdischen wie auch ihre allgemeinpolitischen Folgen. Deshalb bekämpfen wir Liberalen als Liberale den Zionismus in der Religionsgemeinde, und deshalb stellen sich die weitaus meisten von uns bn der 'Emanzipationsarbeit an die Seite des Centtalvereins. George Goetz. kultischen Darstellung en der M a l e r e i von jüdischer Künstlerhand. Umso dankbarer sind Kunstwerke dieser Art zu begrüßen. Ein junger jüdischer Künstler, der Maler Z y gmunt Menkes, ist mit seinem großen Gemälde „Die Thora" in die Tiefe jüdischen Seelenguts und religiösen Kunstschaffens gedrungen. Im Jahre 1896 in Lwow bei Lemberg geboren, hat er Tag für Tag im Elternhaus wie im Gotteshaus die. gewaltige Kraft eines gotterfüllten Lebens eingesogen. Diese Kraft ringt im Künstler jetzt nach Ausdruck. Dieses Thora-Bild zeigt uns jenen kultischen Akt, in dem nach Beendigung der Thoravorlesung die Thora vom Betpult aufgehoben (.Hagbaha") wird. Ein Gemeindemitglied hat sich, die heilige Rolle hochhaltend, auf einer» hierfür bestimmten Sessel niedergelassen. Huldigend ruft die Gemeinde aus: „Dies ist die Thora, die Mose auf Gottes Geheiß den Kindern Israels vorgelegt hat. Ein Baum des Lebens (Ez chajim) ist sie denen, die an ihr festhalten, und die sich auf sie stützen, sind glücklich." Die frommen Beter eilen von ihren Plätzen der Thora zu, um ehrfürchtig sie zu berühren oder mit dem Saum des Tallit sie zu küssen. Einer der Beter hält in der Rechten den handsörmigen Deutstab (Jad), dessen sich der Borbeter beim Vorlesen aus der Thora bedient. Ein frischer Junge in krappfarbenem Gewand streckt seine Linke aus, um die Jad aus der Hand des Alten zu erlangen und sie dem zu reichen, der die Thora zurollt („Gelila"), mit der Mappa umwickelt, in ein Mäntelchen hüllt und die Jad dann wie die Keter Thora („Krone der Thora") an einer der oberen hölzernen Rollen (Ez chajim) aufhängt. — Es sind äußerlich nicht gerade anziehende Gestalten, die des Künstlers Pinsel festgehalten hat. Aber welche tiefe Ergriffenheit spiegelt sich in ihren Physiognomien! Auf jedem Gesicht erstrahlt die „Schalhebet Iah", die „Flamme Gottes". Diese Menschen mit ihren gefurchten Stirnen sind nicht gelähmt von der Jagd nach Verdienen. Gottes Dienst ist ihre Welt. Unter dieser Oberfläche steckt eine Seele, die voll idealen Schwunges und sittlicher Tiefe ist. Gebet und Gotteslehre sind „ihr Leben und die Dauer ihrer Tage, und ihrer freuen sie sich tags und nachts". Diese lebendiger, plastischen, in sich geschlossenen Gestalten zwingen zur Ehrfurcht. — Menkes läßt den seelischen Gehalt durch die Farbentönung überaus wirksam hervortreten: tiefe dunkle Töne in Braun, Karmin und Pariserblau, die Thorarolle und die Keter Thora feierlich belichtet. Das Gemälde war kürzlich in den Räumen der Concordia in München unentgeltlich ausgestellt und erregte als hervorragendes Kunstwerk lebhaftestes Interesse. Der Kunstverlag Fran' Hanfstaenael in München hat eine vortrefflrche Reproduktion des Bildes als Großer Farbiger Hansstaengel-Druck (Bildgröße 100 mal 76 Zentimeter, Preis 40 RM.) herausgebracht. Sie wäre nicht nur ein künstlerischer Schmuck für unsere jüdischen Gemeindestuben und Logentempel, sondern ein ebenso wertvolles Anschauungsmittel für unser bildfrohes junges Geschlecht, dem jüdische Bräuche und jüdischer Gottesdienst nicht mehr so nahe sind wie einst den Vätern. Dem talentvollen Künstler, der nach einein entbehrungsreichen Studium an der Lemberger Kunstschule, an der Krakauer Akademie und im Atelier Archigenkos in Berlin im Jahre 1923 nach Paris übersichelte, wünschen wir weiter die glutvolle Begeisterung für Werke dieses Genres, und unserer Gemeinschaft in unseren Tagen gehäuften Elends viele solche Meister, die den Blick über das Ich und Heute nach oben lenken. S. Müller, Heidelberg. «Die Thora" («emilde von Zygumrtt Menkes.) Es ist ein verheißendes Zeichen wiedererwachend en jüdischen Lebens, daß jüdische Künstler Intuition ans der 'Sphäre des jüdischen Kults empfangen und das Gesschante in künstlerische Formen prägen. So haben Arno Madel, Heinrich Schallt, Joses Ziegler, Leo Kopf u. a. traditionelle Motive der Shnagogenmusik mit modernen Mitteln kompositorisch ansgewertet. Seltener begegnen wir *; BUCHERSCHAU Eiin Zukunftsroman, der weder nur Roman, noch eigentlich Zukunftsmusik bedeutet. Den«, die Wirklichkeit, die hier mit den Mittel» wettsehauenden politischen Bbcks und dichterischer Einfühlsam keit gezeichnet wird, ist in ihrer flammenden Wahrhaftigkeit so eindringlich, daß sie wie ein« Angst das Herz des Lesers umklammert hält, Die Zukunft, die hier mit der erschreckenden Gewißheit eines unaufhaltsamen Schicksals gedeutet wird, heißt 19 34! Es ist, als ob der Dichter den Menschen nur noch 3 Jahre zur Besinnung Zeit gibt, 3 Jahre» die sie nutzen .müssen, wenn anders flicht ein neuer, furchtbarer Krieg allen Begriffen von Völkerfriede und Verständigung Hohn sprechen soll! Der Gegenwartsmenscli ist entweder „Untertan" oder „KoUektävmensch". Jede Diktatur trägt zur Züchtung dieser Art bei. Aber „die Gruppenseele ist des europäischen Menschen nicht mehr würdig. — Die Zeit des Ichmenschen bricht erst an! Allerdings wird dieser Ichmensch nicht mehr sich selbst dienen dürfen, sondern der Gesamtheit!" Dieses Gedankens Träger ist Leon. Brandt, ein erträumter Außenminister Frankreichs, der „die arbeitenden Schichten eines Erdteils mit unzerreißbaren Ketten einer gleichartigen Grundgesinnung verstricken will", ein neuer Apostel der Friedensidee. Wird ihm das ungeheure Werk gelingen? In Europa, das „zu alt ist, um tief und traumlos zu schlafen, geäster«, die wirren Träume von Faschismus, Bolschewismus, Machtgelüsten und Expansionshoffnungen, falschem Ehrgefühl und abgründigem Ehrgeiz. Krieg, furchtbarster, alles Leben vernichtender Krieg aber ist das entsetzte Erwachen aus all diesen Träumen," Wahn-Europa oder Pan-Europa, was wird kommen? Hans Gobsch ruft noch einmal, ehe es zu spät ist, den Menschen seinen .aufrüttelnden Weckruf zu. Werden wir ergriffen sein von seiner packenden Vision? Man kann dieses Buch nacht als bloße Lektüre nehmen und wieder aus der Hand legen, es will und kann an unserm Herzen mächtig reißen! Dr. Divin Schönberger- Aachen. Aus der Bewegung Hans Gobsch: Wahn-Europa. Fackelreiter-Verlag, Hamburg, Berlin, Leipzig. Leinen geh. 4,80 Mk. Der Druck, der auf dem Schicksal des Einzelnen liegt, die Not und Bedrängnis des Augenblicks, bargt vor Allem die Gefahr in sich, daß der UeberbKck für das Allgemeine, das Kommende verloren geht. Wohin treibt die Menschheit? — Diese Frage wird allzuleicht durch Begriffe, die SchLagworte ohne Inhalt geworden sind, dem Gegemwartsmenschen verschleiert. Völkerbund, Pacifismus, Pan-Europa, das sind solche Worte, die leicht eine Erfüllung vorgaukelm, die doch erst noch mühseligst erreicht werden, erkämpft werden muß. Hans Gobsch hat in einer dichterischen Vision ein Schlagwort gebildet, das mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit den Träumer aus dem Dämmerschlaf einer eingebildeten, unwahren Befriedung reißt: Wahn-Europa“. Köln. (Aus d e r Gemeinschaft.) Die Gemeinschaft hielt am 22. ds. Mts. ihre ordentliche Mitgliederversammlung ab. Nach der Erstattung des Jahresberichtes durch den Borfttzenden Dr. Blank sprach Dr. Siegfrieb Braun über „Gegenwartsfragen der deutschen Judenheit" unter besonderer Berücksichtigung des Marcusschen Buches über „Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden". Dem Gortrag schloß sich «ine angeregte Aussprache an, an der sich insbesondere Konsul Bendir und Rabb. Dr. Gottschalk beteiligten. Mannheim. (Mitgliederversammlung.) Ms Auftakt zur Winlerarbeit fand Montag, den 12. Oktober 1831, die erste Mitgliederversammlung der Liberal-Jüdischen Bereinigung statt. Da unser verdienstvoller langjähriger 1. Vorsitzender, Herr Justizrat Dr. Julius Appel, aus mehrfachen, gewichtigen Gründen sein Amt niede^elegt hat, war eine Neuwahl erforderlich. Zum 1. Vorsitzenden wurde einstimmig Herr Professor Dr. BUligheimer gewählt; im Uebrigen setzt sich der Borstand wie folgt zusammen: Justizrat Dr. Appel, Hermann Ascher, Rechtsanwalt Dr. Bachert, Albert Fischck (Schriftführer), Frau Frida Jüdel, Ludwig Oppenheim (Rechner), Rechtsanwalt Dr. Staadecker, Hauptlehrer Stiefel, Dr. med. Strauß. Herr Professor Dr. Billigheimer übernahm das Amt mit einigen Danksworten und betonte, daß er besonderes Gewicht ans vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Synagogerirat, Gemeindevertretung und Radbmat lege. Anschließend entwarf der neugewählte Vorsitzende in einem vorzüglichen Referat eine Art Programm zur Ideologie des religiösen Liberalismus und zeigte die nach seiner Ansicht einzuschlagenden Wega zu deren Verwirklichung auf. Die Grundgedanken des Referats werden von dem Redner in einem Aussatz verarbeitet werden, der wohl in einer der nächsten Nummern dieser Zeitung erscheinen dürfte. An das Referat schloß sich eine rege Aussprache an, an der sich Frau Jüdel und dir Herren Freiberg, Herrmann, Liebermensch, Hauptlehrer Rosenthal, Oberrat Hartog, Max Mayer, Justizrat Dr. Appel und Rabbiner Dr. Ucko beteiligten. “• Plane« i. B. (Sitzung der Jüdisch-liberalen Bereinig« ng.) In einer Sitzung der Jüdisch-liberalen Bereinigung wurden die liberalen Forderungen an den Gemeindevorstand besprochen, hinsichtlich der Abhaltung eines Gottesdienstes auf einer Grundlage, die dem Zeitgeist mehr Rechnung trägt, als es bisher der Fall war. Insbesondere müsse der Gottesdienst verkürzt werden. Aber auch beim Unterricht und im Begräbniswesen müsst man dazu kommen, den Wünschen der überwiegend liberal eingestellten Gemeinden: itglieder Rechnung zu tragen. Der als Vertreter des Vorstandes anwesende Herr Prediger Heimann gab zu, daß der Gottesdienst gekürzt werden könne, er warnte aber vor einer Reformierung desstlben. In der recht lebhaften Aussprache wurde von ollen Seiten die Einführung eines Gebetbuches gefordert, das auf liberalem Gottesdienst in den Großgemeinden fußt. Die Einführung eines solchen zieht daun von selbst eine Kürzung des Gottesdienstes nach sich. Um zu einem Resultat zu kommen, wurde eine Kommission aus den Herren Kantor Wormser. Binder und Michelbacher bestehend, gewählt, die die Aufgabe hat, den aufgeworfenen Fragenkomplex du vchzua «beiden und praktische Vorschläge für die Liberalisierung und Kürzung des Gottesdienstes zu machen. Aus der Jll-Vewegung Verantwort!.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschlands Redaktion: Dr. Ellen Dittmann, Berlin Ansprache zum Mncha-Zugendgottesdienst am Zaum Kippur Bon Arthur Ast heim er. Liebe Freunde! Zuin ersten Male ft ehe ich, ein Laie, heute an dieser geweihten Shätte, um am Jaurn Kiplpur, am Tag der Versöhnung, als Jugendlicher zur Jugendzu sprechen. Tag der Versöhnung! — Tag der Versöhnung mit den Nebenmenschen, aber vor allem Tag der Versöhnung mit Gott, dies ist der Sinn dieser Stunden. — Versöhnung mit Gott? Ja> wieso müssen wir, die Jugend, uns denn mit Gott versöhnen, ftnd wir denn etwa mit Gott entzweit? Gestehen wir es uns nur ruhig zu, wir alle, Jugend wie Erwachsene, hadern, wenn auch nicht ausgesprochen, so doch in unserem Inneren, .heute mehr denn je mit dem Ewigen, hadern um unseres Schicksals willen, das uns in die Zeit einer schweren Welttvirtschaftskatasttaphe hineingeboren hat. Wir hadern und rechten mit Gott, weil wir.seine unerforschlichen Wege nicht kennen und keinen Sinn und keinen Zweck finden zu können glauben, daß er uns diese furchtbare Zeit erleben läßt. Gerade die Jugend leidet doppelt schmerzlich unter den traurigen Erscheinungen dieser Zeit, leidet um ihrer ungervissen Zukunft willen, weiß sie doch« nicht, was aus! ihr werden wird und soll. Vergebens sucht sie einen W<g> vergebens ein Ziel, das ihr eine Aussicht für dte Zukunst bieten könnte, und nur mit Angst und mit Zagen tritt sw in das Leben. Muß sie da nicht mit Gott hadern, wenn sie sieht, welche Kämpfe ihr bevorstchen, und wenn sie weiß, wie ruhig, wie geebnet die Wege einst waren, als ihre Eltern vor den gleichen Fragen standen und keine Furcht und keine Mutlosigkeit kannten und zu kennen brauchten? Und dennoch! — Und gerade darum wollen wir versuchen, uns mit Gott zu versöhnen, uns mit ihm auseinander zu setzen an diesem Tag der Versöhnung, indem wir seine Wege zu verstehen suchen und nach dem Sinn und dem Zweck unseres Schicksals fragen. Vielleicht gelingt es unS doch, einen Hinweis zu finden auf die Wege deS MmiW» tigen, vielleicht ist es doch nicht so sinnlos, was wir erdulden Wersen wir einmal einen Blick aus 'die Geschichte^ suchen wir ähnliche Erscheinungen in einer früheren Zeit, vielleicht gelingt es uns, aus ihnen zu lernen und zu erkenne«. Ein einziges Beispiel, aber eine der entscheidemdsten Epochen der Weltgeschichte möge dazu dienen, uns die göttlich« End- Wicklung begreiflich zu machen. Es ist dies das ausklingende Mittelalter und der Beginn der Neuzeit, eine Epoche, die eine erstaunliche Achnlichkrit mit den Erngnsssen unserer Tage hat. Zwei der markantesten Erscheinungen unserer Zeit sind der Sturz der Throne und der Niedergang der bürgerllchnr Klasse. Wenn wir an das Mittelalter denken, so stehew vor unseren Augen die ragenden Burgen der Ritter, der mchch^

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