Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 42-43 (28.10.1931)
- Date
- 1931-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bloß Frankreich? Wohin wir in die Welt blicken, überall sehen wir dasselbe Bild der Selbstzersleischung im Bestreben, anderen zu schaden. Wenn die Wirtschastskrise heute an den Fundamenten des deutschen Kapitals rüttelt, darf man nicht vergessen, tvie sehr man von deutschvölkischer Seite beflissen war, eine theoretische Spaltung dieses Kapitals in ein „rossendes" und ein „schaffendes" zu betreiben. Gegen jenes wurde das schärfste Mißtrauen gesät und, wie sich jetzt zeigt, auch geerntet. Aber leider sind weite Schichten des deutschen Volkes nicht genug nationalökonomisch geschult, um die Grenzen zwischen diesen beiden angeblich vorhandenen Kapitalsgruppen scharf herauskristallisieren zu können. Der allgemeine Hinweis, daß das „rossende" Kapital das in jüdischen Händen befindliche sei, während das Erbgut, das die christlichen Raubritter durch Plünderung der danraligen Werktätigen „erworben" und ihren Nachkommen, den adligen Latisundienbesitzern unserer Zeit hmterlassen haben, das „schassende" Kapital darstellt, ist in unserem disserenzierten .und komplizierten Wirtschaftsleben nicht inrmer zur Agnoszierung ausreichend. Solch primitive Unterscheidungsmittel genügen vielleicht dem S.-A.-Maun, der Gummiknüppel schwingend auf dein Kurfürstendamm „Politik" macht, aber nicht dem beruflich und intellektuell reichschattierten Kundenkreis der Banken und Sparkassen, der durch die Erfahrungen einer gigantischen Inflation bereits topfscheu geworden, ölnem neuerlich geweckten Mißtrauen keine Grenzen zn setzen vermag. Die so entstandene Panik zeigte das allgemeine Bestreben sämtlicher Einleger, ihr Kapital an sich zn „raffen" und ins Ausland zu „schassen", was eine neuerliche Verwischung der Unterschiede zwischen raffendem und schassendem Kapital bewirkte. Welcher Teufel soll sich da noch auskennen? Besser als der „n a t i o n a l e Sozialismus" scheint da der internationale daran zu sein. Er bekämpft das Kapital schlechthin, ohne erst innerhalb dieses Begriffs einander feindliche Untergruppen als richtig anzuerkennen. Nichts scheint die Einheitlichkeit in diesem Lager stören zu können. Wirklich bot die im Sommer in Wien abgehaltene internationale Arbeiter-Olympiade, ein gigantisches Sportfest als Auftakt zmn 4. Internationalen Sozialistenkongreß, ein einprägsames Bild internationaler Klassensolidarität. Aber am selben Tage, an dem 17 Nationen, unter ihnen jüdische Palästinenser, feierlich in sechs Stunden langem Zuge aus der Wiener Ringstraße ihre unbeugsame Proletarier-Solidarität kundtaten, erscholl in einer Wiener Vorstadt ein Schuß, der einem kommunistischen Vertrauensmann das Leben kostete und blitzartig Klüfte und Abgründe erhellte, dje auch das scheinbar so fest gefügte antikapitalistische Arbeiterlager spalten und trennen. Selbstzersleischung auch dort! Ja, sagt der Antisemit, das ist eben der teuflische Plan Judas, die Arier zu teilen, um desto sicherer über sie herrschen zu können. Das einige Juda über die mannigfach zersplitterte „Hervenrasse". Das einige Juda! Im Sommer tagte in Basel der 17. Zionistenkongreß, auf dem eine Parteigruppe die blauweiße Fahne hernnterriß und dafür von Anhängern anderer Fraktionen verprügelt wurde: Ein erhebendes Bild jüdischer „Einigkeit" auf einem Kongreß, der wieder nur der höchste Areopag einer jüdischen Partei darstellt, die in erbittertstem Kampfe mit den jüdischen Anhängern anderer Anschauungen steht. Es bildet also auch das Judentum keine Ausnahme von der zur Selbstzersleischung neigenden Tendenz unserer Tage. Nunmehr hat diese TeWenz, die sich in der Praxis schon längst verhehreW auswirkt, auch ihren theoretisch-philosophischen Unteriau erhalten. Es tut nichts zur Sache, daß die Theorie hier der Praxis nachhinkt — sie kommt noch nicht zu spät. Daß der Oberbau der Taten früher da war, als der gedankliche Unterbau, ist nur ein Schönheitsfehler, der Aktualität des Buches geschieht damit kein Abbruch. Dafür bürgt schon der Name des Autors, der es bisher immer verstanden hat, zeitgerecht auf dem Markte zu erscheinen. Es ist Oswald Spengler, der in seinem jüngsten, eben erst erschienenen Werke „Der Mensch und die Technik" das hohe Lied von unserer Zeiten Schande anstimmt. Spengler schildert und — preist darin die Entwicklung des Menschen zum Raubtier... Nicht mehr der Uebermensch Nietzsches ist das Hochziel menschlicher „Hinaufpflanzung", sondern die Bestie. Diese Prophezeiung ist nicht ganz originell; Grillparzer hat sie kürzer und prägnanter in einem Satze kundgetan: „Bon der Humanität Wer Nationalität zur Bestialität." Der Unterschied ist nur der: Wovor Grillparzer warnen will, das wird von Spengler sympathisch begrüßt — auch ein Zeichen von der Zeiten Wandlung.... Das Judentum als Religion bleibt von dieser WaWlung unberührt.. Als ewiges Bollwerk des Humanitätsgedankens hat es in den messianischen Prophezeiungen des Jesajas die Vermenschlichung der Bestien verkündet: „Da der Löwe Gras frißt, wie die Kuh und der Wolf weidet mit dem Lamme..." Die umgekehrte Entwicklung, die die Bestalisiernng der Menschen prophezeit, ist antijWisch. Es ist unr ein begrüßenswertes äußeres Symbol dieser tiefen inneren Wahrheit, wenn die Träger des neuen Entwicklungsgedankens sich als Judenfeinde bekennen, wie es auch Oswald Spengler schon gelegentlich, wenn auch nicht mit der brutalen Deutlichkeit Hitlers, getan hat. Je schärfer der Gegensatz zwischen den Erben des jWischen Humanitätsgedankens und den Anbetern der im Menschen latenten Raubtiernatur zum Ausdruck kommt, desto stolzer dürfen wir Juden sein. Dürfen wir wirklich stolz sein? Wir haben oben erwähnt, daß die Selbstzersleischung im jWischen Lager hinter der in anderen Lagern kaum noch znrücksteht. Schuld daran ist die Entfremdung immer breiterer jüdischer Massen vom Altväterglauben. An die Stelle der sittlichen Ewigkeitswerte unserer Religion sind zeitgebundene Fragen politischer Prinzipien getreten. Und was die Religion geeint hat, das trennt jetzt die Politik. Die Judenschast hat ihre einheitliche Orientierung, das JWentum seinen einheitlichen Charakter eingebüßt. Jene, die es nach gutem, altem Brauche als Religionsgemeinschaft auffassen, gerieten längst in Widerspruch mit Modernisten, die es teils als bloße soziale Institution, teils als eine nationale Organisation deuten. Und seltsam: Je mehr wir uns unsere Köpfe über das Wesen des Judentums zerbrachen, desto mehr näherten wir uns der Mentalität jener, die sich unter der Parole „Kampf gegen die jüdische Mentalität!" im Lager der Raubtieranbeter sammeln. Der Tanz um das goldene Kalb gehört unserer Vergangenheit an; soll unsere Zukunft der Tanz um die goldene Bestie sein, deren Reich Spengler philosophisch prophezeit und Hitler taktisch vorbereitet? Das wäre doch eine gar zn paradoxe Entwicklung des Judentums und nur möglich, wenn dessen erhabene Aufgabe ganz in Vergessenheit geriet«. Die weltgeschichtliche Mission des Judentums ist die Erlösung der Menschheit von den Schlacken der Tiernatur und ihre Läuterung durch den uns offeWarten Geist Gottes. Wenn wir Juden uns auf diese hehre Ausgabe besinnen, daun wird zunächst die Selbstzersleischung in unseren eigenen Reihen aufhören und wir werden endlich das sein, was unsere Bestimmung seit altersher war: „Ein Volk von Priestern..." Und dann werden sich vielleicht auch die Nichtjuden, die uns heute bekämpfen, am Rande des Abgrundes endlich des Wortes entsinnen, das ihnen dereinst von niemand Geringerem als dem Gründer des Christentums verkündet worden ist: „Das Heil kommt von den Juden" (Ev. Joh. IV, 22). Ur, Hugo Spiegl er. Geschichten aus dem Talmud Ucbersetzt von Rahel bin Gorion. Die Geschichten aus dem Talmud, mit deren Veröffentlichung wir hier beginnen, stellen eine Literatur für sich dar, die von den geläufigen jüdischen Volkserzählungcn — wie sie im „Born Judas" von M. J. bin Gorion gesammelt wurden — wohl zu unterscheiden ist. Ihr Merkmal ist die lapidare Kürze und Prägnanz des Ausdrucks; jede der Geschichten bringt sozusagen die nackte Pointe, ohne jedes schmückende Beiwerk. Diese Exempla der Rabbinen, die über das ganze, hauptsächlich dem Gesetz gewidmete talmudische Schrifttum zerstreut sind, lassen sich äußerlich den verschiedensten Gebieten der Volksliteratur, wie Märchen, Sage, Parabel und Anekdote, zuweisen; ihr gemeinsamer Zug ist eine gewisse Herbheit des Stils und die Unerbittlichkeit des moralischen Gesetzes. 1. Die Rohr matte. Ein frommer Mann schenkte einst einem Armen einen ganzen Dinar, während im Lande Hungersnot war. Seine Frau schalt ihn. darum, und so floh der Mann aus dem Hause und übernachtete draußen auf dem Totenacker. Da hörte er die Seelen zweier toter Mädchen miteinander reden. Die eine sprach zu der anderen: Wollen wir in der Welt umhersenweifen und horchen, ob nicht ein Unglück sich nähert. Die andere erwiderte: Ich kann nicht auf fliegen, denn man hat mich, als man mich begrub, in eine Rohrmatte gewickelt; aber zieh du aus, und was du erfährst, das sage mir dann. Da flog die eine Seele davon und kehrte zurück. Die in der Rohrmatte fragte: Bist du hinter den himmlischen Vorhang gedrungen und weißt du, welches Uebel dtr Welt nunmehr droht? Sie antwortete: Ich habe gehört, daß in diesem Jahr der Hagel alle Feldfrucht schlagen wird, die man zur ersten Regenzeit sät. — Also zog der Lauschende die Lehre aus den Reden der zwei Seelen und streute seine Saat erst in der zweiten Regenzeit aus; der Hagel kam und vernichtete alle Ernte, nur er erlitt keinen Schaden. Uebers Jahr ging der Mann wieder auf den Friedhof, um eine Nacht dort zuzubringen, und hörte abermals die Geister der beiden Abgeschiedenen miteinander flüstern. Wieder flog nur die eine aus, weil die andere ihre Rohrmatte nicht verlassen konnte, und erzählte dann ihrer Gefährtin: ln diesem Jahr wird alle Saat der zweiten Regenzeit nicht zur Frucht gedeihen, sondern verdorren. Der fromme Mann bestellte also diesmal seinen Acker in der ersten Regenzeit, während die anderen alle, aus Furcht vor dem Hagel, erst in der zweiten säten. So verbrannte alles Getreide, das zu spat ausgesät worden war, während das seine eingeerntet werden konnte. Seine Frau verwunderte sich darüber und fragte, warum es ihm beide Male anders ergangen wäre als den anderen; da gestand er ihr, daß er das Gespräch der Geister mitangehört habe. Nach einiger Zeit kam es zu einem Zank zwischen der Frau des Frommen und der Mutter des einen verstorbenen Mädchens, und die böse Frau sagte: Ich weiß, daß deine Tochter, statt in ein Sterbegewand, in eine Rohrmatte gehüllt worden ist! Wie abermals ein Jahr verging, blieb der Fromme wieder eine Nacht auf dem Friedhof. Da hörte er die zwei Seelen miteinander sprechen, und die, die schon zweimal ausgeflogen war, sagte zu ihrer Gefährtin: Laß mich wieder emporsteigen, daß ich höre, was hinter dem himmlischen Vorhang geredet wird. Da sagte die in der Rohrmatte: Schwester, laß es sein; denn den Lebendigen ist bereits kund geworden, was wir Toten hier für uns geredet haben. 2. Essig und Wein. Dem Lehrer Rabbi Huna verdarb sein ganzer Wein, vierhundert Faß, an einem Tage. Da ging er vor die Rabbinen und klagte darüber. Diese sprachen: Deine Taten werden schuld daran tragen; prüfe dich. Huna erwiderte: Stehe ich denn in Verdacht, Uebles begangen zu haben? Die Rabbinen sagten: Steht denn Gott in Verdacht, daß er einen Menschen strafe ohne Grund? Nunmehr sprach Huna: Wer etwas Böses von mir weiß, der sage es. Die Gesetzesmänner sprachen: Uns kam zu Ohren, daß du deinem Weingärtner die Ranken vorenthältst, die ihm zukommen. Huna sagte: Läßt mir der Schelm denn etwas übrig? Er stiehlt ja alles selbst hinweg! Da sagten die Weisen: Kennst du nicht den Satz: „Auch Wer den Dieb bestiehlt, wird als Dieb gerichtet!“ Darauf sagte Huna: So will ich denn dem Gärtner das Seinige geben. Der Essig soll sich hiernach wieder in Wein verwandelt haben; andere aber erzählen, der Essig sei auf einmal so im Werte gestiegen, daß er zum Preise des! Wein« verkauft werden konnte. * Sprechsaal * Für diese Rubrik übernimmt die Schristleltung lediglich die pnfr gesetzliche Verantwortung. Judentum und Zudenfrage von Dr. Max Naumann. Berlin, 26. Oktale 1931. Sehr geehrter Herr Goetz! Ich bin Ihnen dankbar dafür, baß Sie mir bi« Möglichkeit geben, auf Ihren in jeder Hinsicht offenen Brief mit derselben Offenheit an dieser Stelle zn antworten. Wenn ich auch, chrlich gesagt, nicht annehme, daß! Sie und rch uns verständigen werden, will ich doch die Hoffnung ni-chit aufgeben, daß unter Ihren Lesern solche sind, die gern einmal den vermeintlichen Gegner selbst hören, statt nur über ihn. Tie Frage, wer zuerst den unfreundlichen persönlichen Ton in unsere bisherige Debatte gebracht hat, wollen wir nicht weiter erörtern. Sie versichern mir, daß Sae mich persönlich schätzen und nur meine Politik für falsch halten. Ich kann Ihnen diese Erklärung wörtlich zurückgeben, nur mit den, Zusatze, daß ich schon Ihre Verwendung des Wortes „Politik" fite falsch halte. In diesem falsch gewählten Wort offenbart pich für mich das Wesentliche, das uns trennt, soviel uns auch auf anderen Gebieten verbinden ,nag. Sie werfen mir vor, daß ich eine „Splitterpartei" gebildet habe und in ihr verharre, trotzdem wrr doch nach Ihrer Ansicht „dasselbe" wollen. Hier steckt der Grundfehler. Ich will durchaus nicht dasselbe wie Sie, und gerade deshalb reden wir ständig aneinander vorbei, weil Sie und die Ihrigen unerschütterlich von der falschen Annahme ausgehen, nur strebten nur auf verschiedenen Wegen zum gleichen. Ziel. Tatsächlich will ich etwas ganz aWeres, und in diesem Willen verstehe ich mich mit den ehrlichen Zionisten viel besser, als mit vielen Liberalen und mit den ewig „Synthese" predigenden Centralvereinlern. Tie Verschiedenheit Ihres und meines Zieles läßt sich in Kürze dahm fassen: Sie wollen die Pflege des Judentums, und ich will die Lösung der JWenfrage. Was Sie Judenttlm nennen, ist eine rein inner jüdische Angelegenheit, ist wirklich eine Synthese von religiölen und nationalen Elementen. Die Judenkrage ist eine Angelegenheit zwischen Juden lind Nichtjuden, sie hat mit Religion nichts zu tun und ist nur unter nationalen Gesichtspunkten der Lösung nÄher zu bringen. JWen tum ist «ine Wesensart, nach Ihrer Auffassung einheitlich bestimmbar, nach meiner Ansicht ein« Fülle verschiedenster Wesensarten, die im unordentlichen uW daher üblichen Sprachgebrauch durch eine verallgemeinernde und daher irreführende Gruppenbezeichnung znsammengesaßt werden. Die Judenfrage ist ausschließlich die Frage des Zusammenlebens der Juden — gleichviel welcher Wesensart — mit ihrer mchtjüdischen Umwelt. Ueber das, was mit Recht als Judentum bezeichnet werden darf, mögen Jn'den untereinander diskutieren — sie diskutieren darüber ja schvn ebenso inbrünstig wie fruchtlos seit ein paar tausend Jahren; die Nichts nden interessiert diese Frage nicht, von «'n paar Theologen, Forschern und PseWoforschern abgesehen. Die Juden frage interessiert primär nur die Nichtjuden, sie ist von den Nichtjuden gestellt uW berührt die JWen nur sekundär insoweit, als ihre Steilung zu der nichtjüdischen Umwelt dadurch beeinftuM wird, wie Nichtjuden die Juden - frage beantworten. Ich bin mir natürlich bewußt, daß der vorstehende Desinitionsversuch nnr eine ganz kurze ZusammeWrchnyung sein kann und daß man über jedes meiner Worte wieder stunden- oder jahrelang diskutieren könnte. Mer das Eine dürfte verständlich herausgekommen sein, daß ich nicht nur, wie Sie und manche anderen meinen, ein Liberaler mit Sondergelüften bin. Ich bin persönlich, wie gerade Sre ja wiffen, in religiöser Hinsicht ein Liberaler wie Sie, und ich fteue mich, wenn ich, Gelegenheit habe, auf diesem rein innerjWifchen Gebiete mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Mer das ist meine Privatangelegenheit, die nur das JWent u m, nicht die Juden frage betrifft. Hinsichtlich der Judenfrage habe ich nicht nur einen anderen Weg, sondern auch ein anderes Ziel, und dieses Ziel ist ganz unabhängig von meiner religiösen Anschauung. Zn demselben Ziel streben mit mir viele, die religiös auf völlig anderem Standpunkte 'stehen. UW vollends den deutsch fühlenden Nichtjuden, mit denen ich zu einer dem Deutschtum dienenden Zusammenarbeit kommen will, ist es völlig gleichgültig, ob ein „Jude" mosaisch, evangelisch, katholisch oder Dissident ist; noch gleichgültiger ist «'s ihnen natürlich, ob ein mosaischer Jude der liberalen, der orthodoxen oder sonst einer besonderen Richtung angchört. Für den Nichtjuden ist ein „Jude" primär jeder, der jüdischer Abstammung ist, uW sekundär jeder, der den sogenannten ,,jWischen Geist" hat, etwa den Geist der „Welwühne" oder des „Berliner Tageblatts", von denen Sie zu Unrecht meinen, daß ein Zusammenhang mit dem Gegenstand unserer Erörterung nicht bestehe. Ich kann es hier nur in aller Kürze ausdrücken, aber es darf nicht ungesagt bleiben: die Geister scheiden sich gerade an der Stelle, an dergegenüber den literarischen Leistungen der Herren Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Theodor Wolfs usw. für den einen Teil der Brechreiz beginnt. In diesem Punkte finde ufy mich nicht nur mit der großen Mehrzahl aller deutschen Nichtjuden zusammen, sondern — Sie mögen es glauben oder nicht — auch mit Ihrem Meister Constanüu Brunner und sehr vielen anderen, die im angeborenen Empfinden Nationcklbeuffche sind, gleichviel, ob sie schon im Jahr« 1914 oder erst rm Jahre 1920 über die Jndensrage Bücher geschrieben oder W sie selbst nur den Inhalt ungeschriebener Bücher empfunden haben. Daß diese uW nur diese Auffassung der Inden frage bei allen, ausnahmslos allen Nichtjuden besteht, ist eine Realität, die sich durch leinerler theoretisch« Widerlegung ans der Welt schaffen läßt. Wer der Juden frage zu Leibe gehen will, muß auf dieser Tatsache fußen, ganz unbeschadet seines Judentums, das seine Privatsache rst. Versuchen Sie, sich diesen Unterschied klarznmachen, und Sie müssen verstehen, warum ich zwar im Einzelfalle mit einzelnen Liberalen Zusammengehen, die Bewegung der nationaldenischen Juden aber niemals im Liberalismus aufgehen lassen kann. Religiös liberal kann auch ein Jude sein, der keineswegs nativ naldeulfch ist; Sie finden in Ihrem eigenem Verein Rabbiner, Rechtsanwälte und sonstige Staatsbürger genug, die zwar religiös zn Ihnen, national aber eher zu den Herren Klee uW Kareski 'gehören. UW nationaldeutsch kann ein Jude sein, auch wenn er religiös durchaus nicht lrberaL