Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 42-43 (28.10.1931)
- Date
- 1931-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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schiedenen JugeuLhejme unb tvcr Kun-stsammlun^ der Jüdischen Gemeinde zusammengestellt ivorden sind, haben keinerlei finanziell« Aufwendungen erfordert. Die nötigen Wirtschafts-gegenstände sind durch Spenden zur Verfügung gestellt »vorder. Herr Graetz vom Gemeindevorstand, Frau Falkenberg von der Repräsrntantenversammlung, Dr. Larnm vom Wohlfahrtsamt und Vertreterinnen des Arbeitsamtes, der Derufsberatnngsstelle, etiva 50 jugendliche Erlverbslose und zahlreiche Mitglieder der Jngendbündr waren der Einladung zur Eröffnung des .Heimes gefolgt. Nach einer kurzen Ansprache von Tr. Tietz und herzlichen Begrüßi^ngsworten namens des Vorstands der Jüdischen Gemeinde von Herrn Graetz zeichnete Dr. Lubinski die Aufgaben des Heimes und die Methoden der beabsichtigten Arbeit. Das Hein» soll durch Kurse auf dem Gebiet der Stenographie, der Buchhaltung, der Fremdsprachen und der Berufs künde der beruflichen Fortbildung der jugendlichen Erwerbsloser» dienen. Museumsbesuche und Betriebssührungcn, Fahrten und Ausspracheabende sollen den. Jugendlichen das Gefühl geben, daß sie in ihrer wirtschaftliche»,, geistigen und politischen Not von der jüdischer» Gemeinschaft und insbesondere von ihren jungen Kameraden nicht im Stich gelassen werden. Das Heim ist von nun an an alle»» Werktagen von 14—22 Uhr geöffnet. Alle männlichen crwerbslosen Jugendlicher» im Alter von 14—21 Jahren haben zu ihin freien Zutritt. Die oben dezeichneten Kurse und an jedem Tage «ine besondere kulturelle Darbie tung beginnen in kürzester Zeit. Die Jugendlichen erhalten ein« unentgeltliche »varinc Mahlzeit. Meldungen von jugendlichen Erwerbslosen und Helfern sind eut- »veder an das Heim oder an den Reichsansschuh der jüdischen Jugend-- verbände, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158, zu richten. V«tiin. (N c u g r ü u d u »» g.) Im Osten Berlins (Lichtenberg) ist die „Jüdische Jugcndvereinigung Osten" gegründet »vorbei». Zweck der Bereinigung ist die Erfassung der religio»»sschnlentlafse»»-tn jüdisä>ei» Jugend, vornehmlich des Berliner Ostens, aus üruerjüdisch neutraler Basis mit dem Ziel ihrer Erhaltung für das Judentum. Die J-J.O. will dieses Ziel durch jüdische Kulturarbeit erreichen. In ihr sind jüdische junge Menschen aller Richtnngcn organisiert, ebenso »vre auch bereits organisierte Mitglieder jüdischer Bünde in ihr Platz haben und Gelegenheit finden, ihre Kei»ntnisse i»n Interesse der Aufgabe zu vcr»verten. Die Bereinigung führt Vortragszyklen aus allen jüdischen Wissenschaften durch, hält regclinäßigc Prcssereserate ab und veranstaltet Vorträge über alle Fragen, die die J»»ge»»d iatcressicreir. Tie Beranstaltungen finde»» regelmäßig jeden Mittwoch um 8 Uhr abends »in Jugendheim Frankfurter Allee 40 (Hof links) statt. Dortmund. (V o r t r a g s v e r a ii st a l t u »»g e n.) Die hiesige Ortsgruppe der Vereiuäginrg für da» liberale Judentum veranstaltet eine Bortragsreihe über die jüdisch-liberale Bewegung, die mit einem Vortrage des Rabbiners Dr. Gottschalk-Köln eingelcitet wurde. Er sprach vor gutliesctztem Hause über „Mendelssohns Religion im Geiste der Aufklärung" und zeichnete in scharfer, ttar nmrissener Forin das Wirken, und Schassen des einzigartigen Denkers u»»d Retigionsphilo sophen. — Den nächsten Vortrag tvird Herr Konrektor n. T. Goldschmidt über das Zeitalter des Eintritts in die deutsche Bildung (die Schulen) halten. — In» „Jrauenvereiir" sprach Rabbiner Dr. Wilhelm über ..Die gegenwärtige Situation der jüdischen. Juge»»d". — Im Neutralen Jugendbund leitete Lehren' Steinhardt-Magdeburg eine größcrre Diskussion ein mit dein Vorträge: „Die jüdische Jugend und der Kommunismus". — Der Verein C.V.-Jugend begann seine Wiutcrarveit mit einein Vortrag des Syndikus Dr. Plaut-Essen über die Stellung der deutschen Parteien zu den Juden. Dresden. (G e m e i n d c r a t s s i tz u n g.) Den Vorsitz führt Dr. L e v y , »velcher zunächst den als Ersatzmann nachrückcnden Herrn Dr. Schorn st« in seitens des Kollegiums begrüßt und in sein Amt oinführt. Er gedenkt sodann des bevorstehenden 80. Geburtstages des Ehrenvorsitzenden der Gemeinde Oskar Lesse r und verliest unter den Eingängen ein Schreiben von Rechtsanwalt Salinger, worin dieser wegen starker beruflicher lleberlastung seine Aerntcr uredcrlegt. Die jüdische Arbeiterjugend beschwert sich wegen Entziehung des ihr bisher für ihre Zusammenkünfte gewährten Zimmers im Gemeindehause. Die Frage, ob es sich nach der Auffassung des Vorstandes um ein« in erster Linie politische und nur ne b e n b c i auch jüdische Organisation handelt, führt zn einer ansgcdehnten Debatte; das Ergebnis ist nach Ablehnung verschiedener Anträge, daß die Majorität den Vorstandsbeschluß, welcher auf der Absicht beruht, Politik möglichst vo»r der Gemeinde sernzuhalten, billigt. Die Jüdische Bolkspertei hat mehrere Anträge eingebracht. Der eine beschäftigt sich mit dem Zirkulieren des Protokolls bei den Fraktions-- führern; erst dann dürfe es als genehmigt gelten und im Gemeindeblatt veröffentlicht »verden. Es lvird entsprechend beschlossen» ebenso, daß, »nie in der Sitzung vorgesehen, künftig regelmäßig allmonatlich G e m e»n d e r a t s s i tz u n g e n abgehalten tverden. Hierbei wird von de>» Antragstellern betont, daß die beschließende Körperschaft der Gemeindcrat sei und daß als dessen ausführcndes Organ der engere Vorstand fuirgiere. Ein anderer Airtrag betrifft Friedhofsauge l e g e n h e i t e n und wird zunächst dem Frrcdhossausschuß unter Hinzuziehung von Dr. Schorirstein zur Beratung übertrage»». Schließlich geht noch ein dringender Antrag der Volkspactci dahin, die Subvention des Vereins Schoinre Hiadast, dem eigentlich nur »roch der Betrieb der Mikiva obliegt, bis auf weiteres zn »»stieren. Der Vorstand ist bereit, sofort 00 Mk. und bis Ende Versammlungskalender * Berlin-N-rden-N-rdosteii. Vortragszyklus für die Mitglieder der Bezirksgruppe» Norden und Nordosten des Liberale» Vereins für di« Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. 33. und de» Liberale« Synagoge Norden (im Rahmen der Freien jüdischen Volkshochschule). Rabbiner Dr. Mar Wiener: „Gebet und religiös« Sitte". 1E«t» stehnug und Aufbau unserer Gebete. — Die gottesdienstliche» Riten. — Der Sabbat. — Die Feste. — Was sagt der Gottesdienst dem modernen Grohstadtmenschen?) Fragenbrantmortung, Aussprache. Der Zyklus findet an den Dienstagen, am 3., 1«., 17. Noi»ember, im Auerbachsche» Waisenhaus, Schönhauser Allee 162, abends 8 Uhr, statt. — Unseren Mitgliedern und Freunde« stehen Karten zum Preise von NM. 0,58 für den gesamten Zyklus tet den verständen zur Verfügung. Es wird eine rege Teilnahme er- «artet. Berlin-Halenfee-Grunewald. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B., vtzirksgruppe Halensee-Grunewalb. Am Dienstag, dem 10. November 1831, abends 8 Ahr, spricht Herr Redakteur Alerander Szanto im kleinen Saal des Cafös Leon, Halensee, Kurfürstendantm Nr. 155-56, über: „Weltkrise und Judentum". Freie Aussprache. Im Anschluß daran zwangloses, geselliges Beisammensein. — Mitglieder und durch sie ringesührle Freunde herzlich «ilNommen. Dortmund. Am 9. November im Gemeindehaus, Märkische Straße 11: Bortrragsabend. Gottesdienste Veritn-Racbe«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, 30. Oktober, abends 7.15 Ahr. Predigt: Dr. Mehler. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Freitag, 6. November, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Vvgelstein. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstratze 30, Aula brr Mädchenschule. Freitag, 30. Oktober, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Swarsenski. Freitag, 6. November, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Plotlr. Verlin-Westend. Liberale Synagoge Westend, Leistikowstrahe 7-8. Freitag, den 30. Oktober, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Andorn. Freitag, den 6. November, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Swarsensli. Berlin. Jüdische Reiorm-Eemeinde. Gottesdienste aen Sonntag, dem 1. November, vormittags 10.30 Uhr. Johannisstcaße 16: Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststraße 10: Predigt: Dr. Rosenthal. Gottesdienste am Sonntag, dem 8. November, vormittags 10.30 Uhr. Johannisstratze 16: Predigt: Dr. Jrlski. Kleiststrahe 10: Gottesdienst der Jugend. Ansprache: Helmut Galliner. Oktober de»» Rest zu bezahlen, um den Verein nicht in Verlegenheit zu bringen, und hiermit erklärt sich auch Tr. Schornstein namens der Volkspartei einverstanden. Die endgültige Regelung will er aber davon abhängig gemacht sehen, daß der Veren» eintvanidsreie rechnerische Unterlagen beibringt und füreinen hygienisch eintvandfveicn Betrieb des Bades in Zukunft sorgt. Hiermit tverden sich zunächst die für den Verein gewählten Delegierten befassen. Rabbiner Dr. Wolf, dem sich später Herr Lcsser anschließt, hegte gleich bei Beginn der Behandlung dieses Punktes Bedenken, ihn in öffentlicher Sitzung zu besprochen. Znr Erinnerung steht noch auf der Tagesordnung „Beratung über Gründung einer Volksbank oder Darlehnskrsse". Eine Aussprache erfolgt nicht; der Vorstand verspricht erneut, sich mit der Angelegenheit zn befassen, nin darüber möglichst in der nächsten Vollsitzung zu berichten. Eßlingen. Jubiläum.) Eine der älteste»» jüdischen Wohlfahrtsanstalten, das Israelitische Waisenhaus „Wilhclmspflcge" in Eßlingen, das unter den jüdischen Erziehungsaristalten mit an vorderster Stelle steht, durfte am 1l. Oktober sein 100 jähriges Bestehen unter der Teilnahme der Vertreter hoher staatlicher und städtischer Behörden sotvie der jüdischen Korporationen des Landes feiern. Den Festakt leitete der Vorsitzende des Waisenhausvereins, Landgerichtsdirektor Stern, dem zu Ehren aus diesen Tag unter dem Namen „Ludwig Stern Ehrenzeichen" eine besondere Auszeichnung ßcfdjaffcn wurde, deren erster Träger er ist. Dem verdienten Hausvater der Anstalt, Oberlehrer Rothschild, wurde in Anerkennung seiner großen Dienste, die er seit 35 Jahren dem Haus widmet, vom Verein im Einvernehmei» »nit der Oberschulbehörde die Bezeichnung eines Anstaltsdirektors verliehen. Die akademische Feier, zu der wegen des mangelnden Raume« n»»r eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern, hauptsächlich Vertreter der Behörden, Gemeinden und Vereine des Landes geladen »verden konnten, gestaltete sich zu einer ausdrucksvolle»» Kundgebung der dankbaren Ehrung der Leistungen des Waisenhauses und seiner Führer. Dieser Wertung gaben Präsident Reinohl i»n Namen des Kultnsministeriums und der Oberschulbehörde, Regicrungsrat Libich für das Innenministerium und die Zentralwohlfahrtsstelle, Vizepräsident, Abgeordneter Andree für den »vürttembergischen Landtag, Oberbürgermeister Lanten-schlager für die Landeshauptstadt Stuttgart und Oberbürgermeister Lang von Langen für die Stadt Eßlingen beredten Ausdruck. Bon den jüdischen Gremien brachten Dr. Hayum als Präsident der israelitischen Landesversammlung, Stadtrabbiner Dr. Ricger-Tübingen für den Israelitischen Oberrat, Oskar Rothschild für die Israelitische Gemeinde Stuttgart, Hl. Feigenbaum für die Israelitische Gemeinde Eßlingen und Rabbiner Dr. Schorsch-Hannover für die ehemaligen Zöglinge des Waisenhauses ihre Glückwünsche — teils unter Beifügung von Geschenken für das Haus — zum Ausdruck. Rabbiner Dr. Tänzcr-Göppin-gen sprach das tief empfundene Weihegebet. Ten Mittelpunkt der Feier bildete ein forn»vollendeter Vortrag von Waisenhausdirektor Rothschild ü-ber „Unsere Kinder". Chöre der Zöglii»ge des Waisenhauses eröffnet«»» und schlossen die schön gelungene Feier, deren entsprechend einer Anordnung des Israelitischen Oberrats schon arn Tag zuvor beim Sabbatgottesdienst in den Synagogen des Landes gedacht tvorden war. Frankfurt a. M. (Ludwig Börne-Denkmal geschändet.) Das Ludwig-Börne-Denkmal in den Promenaden (Bocke,»Hein»er Anlage) in Frankfurt a. M. wurde in der Nacht vom Sonntag zu Montag schlver beschädigt. Die Täter versuchten, die überlebensgroße Marmorbüste Börnes vom Sockel zn reißen. Da ihnen das nicht gelang, haben sie die Büste durch Abschlagen der Nase und and-eva Beschädigungen verstüininclt. Bon den Tälern, die offenbar aus antisemitischen Gründen gehandelt haben, hat man bisher keine Spnr. Das Denkmal wurde am 6. Juni 1877 enthüllt und ist ein Werk des Bildhauers Kaupcrt. Freudental in Württemberg. (G e m e i »t b e j u b i 1 ü »t in.) Am 1. Oktober d. I. konnte die Israelitische Gemeinde Freudental auf ein 200 jähriges Bestehen zurückblicken. An» 1. Oktober 1731 verlieh die Gräfin von Würben, die „»vttrttembcrgische Pompadour", ivelche damals reichsunmittclbare Herrin des Dorfes Freudental war, durch Schutzbrief 28 jüdischen Familien das Recht der Niederlassung. Die Israelitische Gemeinde erstarkte an äußerer Zahl und an Bedeutung. Sie zählte um 1850 fast 400 Mitglieder uud ihr Name hatte einen guten Klang unter den süddeutschen Landgemeinden. Der zahlenmäßige Niedergang erfolgte seit ctum 1870; heute umfaßt sic noch etwa 50 und »nit den Filialen zusammen noch ungefähr 70 Seele,»; es wird noch regelmäßiger Gottesdienst abgehalten, und die »vichtigsten Gemeindeeinrichtungen sind noch vorhanden. Es »var eine größere Feier anläßlich des 200. Jubiläums geplant »vorden, diese mußte aber im .Hinblick auf die Zeitverhält,»isse verschoben »verden. Kassel. (Personalien.) Am 16. Oktober beging Lehrer S. Neumann das Jubiläum seiner 25 jährigen Tätigkeit im Dienst der hiesigen Gemeinde. Der Jubilar entstammt einer bayrischen Lehrerfamilie und hat der Tradition des Elternhauses gemäß seine Lebensaufgabe in der Festigung und Förderung aller religiösen Einrichtungen gesehen. Mancherlei Aufmerksamkeiten wurden ihm, der der vierte Jubilar-Beamte hiesiger Gemeinde in diesem Jahre war, von Freunden und Beamten zuteil. — Die Regierung in Kassel ernannte Lehrer Willi Katz, der seit August 1929 an der israelitischen Volksschule bereits tätig war, zum dritten staatlich angestellten Lehrer dieser Schule, deren Schülerzahl z. Zt. 152 beträgt, so daß der Minister für Unterricht, Kunst und Wissenschaft die Einrichtung einer dritten staatlichen Lehrerstelle genehmigte. Kiel.' (P e r f ö n l i ch e s.) In Berlin* ist Lehrer und Kantor (&<< Chamr nach nur zehnmonatigem Ruhestände verschieden. Zehn Jahre wirkte der Entschlafene hier als Lehrer und Kantor, und die Vertreter der Gemeinde, Rabbiner Dr. Posn-er und Herr Hurtig als Beauftragter des Gemeindevorstandes, gab der allgemeinen Trauer über das Ableben des bei den Gemeindemitgliedern in bestem Andenken stehenden Beamten in bewegten Worten Ausdruck. Worte des Trostes und der Würdigung des Verstorbenen richtete außerdem noch Rabbiner Dr. Rosenberg (früher in Thorn) an die Hinterbliebenen. Köln. (Bon der jüdischen Winterhilfe.) Vor wenigen Wochen hat die hier ins Leben gerufene „Indische Winterhilfe" mit der Bereitstellung von »varmem Mittagessen begönne»». Für den Preis von 25 Psg. kann inan eine Mahlzeit bestehend aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch haben. Die Einrichtung »vird von vielen Bedürftigen in Anspruch genommen. Köln. (Vom jüdischen Lehr haus.) Das jüdische Lehrhaus hat seine Tätigkeit für den Winter ausgenommen. Tic Leitung bereitete eine große Werbeveranstaltun-g für Dezember vor. Es wird Glück und Glend des Generals Baulanger*) Der General Boulanger ist keine geschichtliche Persönlichkeit van Belang. Ueber Glück und Elend, also über das Alleräußerlichste eines jeden Leberts hinaus, kommt es niemals in dem wechselvollen Geschick dieses Mannes, an dessen Namen sich eine säst vergessene innerpolitische Erschütterunr; der französischen Republik aus den letzten achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts knüpft. Interessant ist nickst die Figur des Führers, aber die Geschichte seiner Bewegung und Partei, die anstelle eines greifbaren politischen Programms nichts zum Gegenstand und Inhalt hatte, als eben diesen General Boulanger mit seinen patriotischen Phrasen, seinen Ruhin, seine Macht. Und in kräftiger, dramatisch belebter Darstellung führt uns Weil Glück und Elend der nationalen Opposition, des Boulangismus, iu der dritten Republik vor Augen mit dem heute besonders aktuellen Hintergrund der deutsch-französischen Beziehungen seit dein Frankfurter Frieden, so daß der Spiegel der Geschichte auf die politischen Vorgänge der deutschen Gegenwart fällt. Daraus ist zu lernen, soweit man aus Erfahrung lernen kann. Denn die Geschichte hat ihre elementare Bedeutung als das überiudividuelle Gedächtnis der gesellschaftlichen Erfahrungen. Wer vor der nationalen Opposition das Gruseln verlernen. will, dem wird gezeigt, wie der von seinem Mitschüler Cleinenceau in den Sattel gehobene Kriegsminiftcr Boulanger mit Reden und Paraden eine wahre Springflut der Popularität in dem durch die Niederlage zwar gedemütigten, aber keineswegs gebrochenen französischen Volk entfesselt. Im Gegensatz zu dem großen Gambetta und seinem Wort: „Immer daran denken, niemals davon sprechen" schmeichelt er rücksichtslos und öffentlich dem Revanchegedanken im Publikum, das stets lieber die Nerven verliert als behält. Im Handumdrehen haben die von der Republik gestürzten Royalisten und Klerikalen den anfangs revublikanischen, aber von der Bolksgunst schnell berauschten General so weit, daß er sein *) Bruno Weil: Gluck und Elcn.d des Generals Boulanger. Verlag Dr. Walther Rothschild, Berlrn-Grunetvald, 1931. Kapital an Popularität in eine Gesellschaft heitnlich Verschworener einbringt, zu welcher sie ihrerseits natürlich nicht nur in ideellen Werten beisteuern; und zwei Jahre nach seinem ersten Auftreten könnte Boulaitger die Hand nach der Diktatur, vielleicht nach der Krone Frankreichs ausstrecken, wenn nicht, ja wenn nicht unter anderem auch eben politische Köpfe unter den republikanischen Gegenspielern ihm schleunigst den Prozeß gemacht und ihn für immer ins Exil gejagt hätten. Sein Sturz bedeutete den sofortigen Zerfall seiner Partei. Das Beispiel des Boulangismus gibt zu denken. Eine Bewegung der Progranunlosigkeit, der verairtwortungslosep Insubordination steht auf nichts als der Person des Verführers. Der Boulangismus war ehrlich genug, dies auch in seinem Namen zu äußern. Das Programm ist nichts, „unser" Führer alles. Gleichgültig wohin, die Masse glaubt und folgt ins dritte Reich, an das Grab Siegfrieds oder zum Mond. Aller Wille der Gefolgschaft erschöpft sich darin, dein Führer Macht zu verleihen im Vertrauen darauf, daß er sich nach Erlangung der Macht so leutselig und kameradschaftlich zeigeir werde wie vorher. Es erscheint aber höchst bedenklich, höchst unpsychologisch, höchst unpolitisch, abzuwarten, bis der Augenblick der Enttäuschung und Ernüchterung die Bande der Suggestion gelöst hat. Das kann lange dauern; so schnell wie der Glaube, so langsam kommt Kritik in die Köpfe. Die französischen Republikaner haben nicht gewartet, sondern gehandelt. Ob ihr Beispiel uns nützen kann?! Dr. A. B. Zulius Skettenheim Zum 2. November. Das deutsche Judentum hat dem deutschen Humor eine Reihe namhafter Vertreter geliefert. Wir nennen nur Heine, Börne, Saphir aus der ersten, Oscar Blumenthal („Allerhand Ungezogenheiten") und Julius Stettenheim der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Aber während die erstgenannten vier mehr Vertreter des stachligen Humors und bitteren Sarkasmus sind, repräsentiett Stettenheim sowie der erfreulicherweise noch im rosigen Licht atinende Alexander Moszkowskr, -der Nestor nuferer Humoristen, mehr den gemütvollen, herzbefreienden Humor. Wir lachen förmlich unter Tränen. Julius Stettenheim ist vor 100 Ja h r en in H am - b u r g geboren. Er war und blieb sein ganzes Leben lang freier Schriftsteller und Redakteur. Er hat nie ein Amt bekleidet. Als Herausgeber und Kritiker eines Theaterbtattes, des „Figaro", lernte er in seinem Geburtsort die dort als reizende Soubrette am „Thalia-Theater" wirkende Tochter vvn Schweitzer, dem Chefredakteur des Wiener Journal, kennen und lieben. Sie entsagte gar bald den „Brettern, die die Welt bedeuten" und wurde ihm über ein Menschenalter die liebevollste Lebensgefährtin, bis der Tod das Bmtd löste. Sie schuf ihm erst in seiner Heimat, dann nach der Uebersiedluug nach Berlin (1808) ein äußerst gemütliches, geistig angeregtes und anregendes Heim. Stettcnheims bekannteste Zeitschrift sind die schon in Hamburg (1862) begründeten, später jahrzehntelang in der Reichshauptstadt fortgesetzten „W e s p e nHier zeigte er sich, namentlich in der von ihm geschaffenen Figur des Kriegsberichterstatters Wippchen, als Meister des geschlissenen Wortspiels und fein zugespitzter Satire. Die Figur des Wippchen, eines ehrsamen Bürgers in Bernau, der in Schlasrock und Pantoffeln, mit der unverineidlichen Tabakspfeife im Munde, von seinem Schreibtische aus Berichte über alle die Kriege, welche seit Jahrzehnten, die Welt erschütterten, über Ausstellungen und andere bemerkenswerte Vorkommnisse gibt, der nichts wirklich sieht und doch über alles zu reden weiß, der einen großen Teil seiner Briese mit Bitten um Vorschuß anfüllt, ist in mancher Beziehung unübertrefflich und machte ihren Urheber berühint, wenn auch nicht gerade reich an irdischen Schätzen. Sie war wohl hervorgegangen aus einem ehrlichen Haß gegen die frivole Unzuverlässigkeit mancher Berichterstatter, wurde aber allmählich zu einem scherzhaften Symbol, das schon in der bloßen Sprache, besonders in der Verdrehung geflügelter Worte, uitbändige Heiterkeit hervorrief. Stettenheim war im Gegensatz zu nicht wenigen Humo- . risteu, die im Verkehr oft eine rauhe Außenseite zeigen, stets liebenswürdig, lustig und geistreich. Er starb hochbetragt, bis zuletzt bei guter Laune mitten im Weltkrieg, drei Tage vor seinem 85. Geburtstag. Dr. C. P. Jenkwitz.