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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-10-28 · 42-43 (28.10.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
42-43 (28.10.1931)
Date
1931-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gehäuse, das die beschriebenen Pergamentstreifen umschließt, Mund und Augen sind geöffnet — er betet — aber man spürt kaum eine Bewegung der Seele. Lesser Urys „Betender Jude" steigt aus unergründlichen Tiefen, aus Dunkel und Nacht empor, als würd' er — befreit von dämonischen Mächten — willenlos ans Licht gezogen. Auf formlosem'Körper sitzt ein gewaltiges Haupt, ein breiter Bart bedeckt verdüsternd Mund und Kinn und Brust, das Stirngewölbe aber wird durch hellstes Licht ins Dasein gerufen, ein Strahlen geht von ihm aus, als hätte die Schechina, Gottes Majestät, sich herniedergesenkt. Die Augen liegen im Schatten, die Lider geschlossen, der Blick ganz nach innen gerichtet» Kein Symbol, kein Zeremonial verrät, was geschieht, schreibt vor, was geschehen soll. Das Käppchen ein dunkler Fleck, das Buch — ein Heller Streifen —sie könnten fehlen. Es bliebe ein betender Jude, betend mit der ganzen Inbrunst seiner aus dem ewigen Urquell der Menschenseele strömenden Religiosität. Hier wird Religiosität nicht „geübt" — Religiosität wird hier geboren, ist ein Schöpsungsakt der mit dem Urgrund alles Seins ewig verbundenen Seele. So gesehen, so gefühlt, gewinnen Lesser Urys Schöpfungen erst Sinn und Bedeutung; das gibt seinem Werk die innere Einheit. In diese Einheit fügt sich auch das große Triptychon „Der Mensch". Denn auch die Auseinandersetzung, der Kampf mit dem Dasein, mit unserm Schicksal, ist in der Form, die dieser Künstler ihm gibt, tief religiös. Werden, Sein und Vergehen, die Stufen alles Geschehens, sind im hoffenden Jüngling, im ringenden Mann, im erstarrenden Greis symbolisiert. Wonneschauer durchrieseln den jungen Körper beim Prozeß des Werdens. Ein Klingen und Singen hebt an in den Lüften, ein Wehen und Rauschen, wie zum Empfangen bereit öffnet er sich der beftuchtenden Natur. Kraftgeschwellt richtet der Mann sich empor, schiebt mit gewaltigem Nacken sich in die feindliche Welt, um mit ihr, mit Menschen und Göttern zn kämpfen, Prometheus gleich in verwegenem Trotz: „Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten!" Aber'abgekämpft sinkt der Greis in sich zusammen, kauernd wie Hiob in der Einöde, aber ohne Freunde, ohne Hoffnung, ein schaurig-schreckliches Ende! Rückkehr in die Urheimat aller Wesen, alles Seins! Die große Frage nach dem Sinn des Daseins stellt hier der Mensch Lesser Ury, er läßt sich vom Maler nicht trennen: Es ist -lächerlich zu sagen, der Maler ist ein Maler und weiter nichts!" — Aber kann dies die endgültige Antwort auf die bange Frage sein: Promethischer Trotz und hiobgleiche Verzweiflung? Ist solch lähmender Pessimismus Wesenszug des jüdischen Menschen, des religiösen Juden? Gewiß auch — wenn er dabei nicht erstarrt. Auch die Gestalt des Jeremias ist von Kämpfen durchrüttelt, schwebt hart am Rande der Verzweiflung. Aber er sinkt nicht unter. „Der gestirnte Himmel über ihm und das Sittengesetz in seiner Brust" sind die ewigen Mächte, die ihn emporziehen in die reinen Sphären göttlicher Erhabenheit. Aber Lesser Ury hat noch eine Antwort auf die Menschheitsfrage gegeben. Mose lehnt am dunklen Felsenhang. Schon mit ihm zu einer Masse zusammengeschlossen schaut er das in zaubrischem Sonnenglanz liegende Land der Verheißung, schaut es still beglückt und resigniert. Wie ein unetmeßlicher Segen strömen Fluten farbigen Lichts herab und verklären die heilige Stunde. So mag er, der Siebzigjährige, sein Ideal erschauen, wissend, daß kein Mensch, kein Künstler je sein letztes Ziel erreicht, aber auch wissend, was er Großes geleistet, wie reich er uns immer von neuem beschenkt hat und weiter beschenken wird. Die Kunstgeschichte wird ihn immer als einen großen Koloristen und Luministen, als einen der Begründer des modernen Impressionismus, aber auch — und das ist vielleicht mehr — als einen Ueberwinder dieser „Richtung" feiern. Wir aber sehen in ihm zugleich noch ein anderes! Den Künder jüdischer Religiosität. Den 19.10. 1931. Dies wurde gestern geschrieben, vielleicht in der Stunde, da Lesser Ury Abschied vom Leben nahm. Sein Mosebild ist zum Symbol seines Daseinskampfes geworden. Nur von ferne hat er das Land der Verheißung, hat er Anerkennung und Ehrung, die ihm in wenigen Tagen vollauf werden sollte, erblicken dürfen. Dann ging er ein in die ewige Heimat. Die Beisetzung Am Dienstag Mittag sa>id in der Alten Halle in Weißensee die Beisetzung in ein von der Gemeinde dem Künstler gewidmetes Ehrengrab statt. Vor der Ueberführung war der Sarg noch einmal in den Räumen der Berliner Sezession aufgebahrt worden. Bei der Trauerfeier tu Weißensee war Herr Rabbiner Dr. Lehmann von der Reformgemeinde, den eine sünfundzwanzigjährige Freundschaft mit dem Verstorbenen verbunden hat, die gegebene Persönlichkeit, um Lesser Ury in seinem Leben, in seiner Eigenart und in seiner Kunst zu schildern. — Prächtige Worte waren es, die Herr Dr. Lehmann für den Verstorbenen gesunden hat, Worte, die die zahlreiche Trauerversammlnng ergriffen. Nach Herrn Dr. Lehmann sprach Herr Direktor Heinrich Stahl namens des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und erklärte, daß die Gemeinde dem Großen in ihrer Religionsgemeinschaft ein Ehrengräb bereitet habe. Herr Direktor Stahl wies darauf hin, daß das religiöse Empfinden des Künstlers so recht in seinen Werken „Jesaias", „Jeremias" und „Der sterbende Moses" zum Ausdruck kommt. Herr Professor Dr. Spiro als Sprecher der Sezession gab einen Ueberblick über den Lebenslauf des Künstlers, ganz besonders auch über seine Einwirkung für das Durchsetzen des Impressionismus in der deutschen Malerei. Zum Schluß hielt Herr Rechtsanwalt Dr. Klee eine Rede, die vielfaches Kopsschütteln in der Trauerversammlung erregte und allgemein als peinliche Entgleisung empfunden wurde. Im Interesse zionistischer Propaganda glaubte Herr Dr. Klee, Lesser Ury für sich und seine Genossen reklamieren zu dürfen, nachdem gerade vorher Herr Dr. Lehmann in seiner Trauerrede den verstorbenen Meister mit Recht als einen guten deutschen Maler gefeiert und ganz besonders die Liebe des Künstlers für seine deutsche Heimat und für die märkische Scholle hervorgehoben batte. Lesser Ury wurde atu 7. November 1801. in Birnbaum, in der früheren preußischen Provinz Pose», geboren, seit 1887 lebte er tu Berlin. In Paris malle er seine ersten Strastenbilder, Interieurs und Nachtstimmnngen. In dem flämischen Orte Bollouvct schuf er (1882/84) seine ersten naturalistisch-impressionistischen Bilder, die mit zu den frühesten Werken des modernen Impressionismus in Deutschland zählen. Als er nach Berlin übcrsiedelte, inalle er, in den dürstigftcn Verhältnissen lebend, daS moderne Berlin. Noch bis zuletzt galt er als einer der berlinischsten Maler. Der Michael Boer-Preis der Preußischen Akademie ermöglichte ihm eine Reise nach Italien. .Hier wurde der Großstadtmaler zum Schilderet der Landschaft, er erreichte darin eine Größe und Tiefe, wie kein deutscher Landschafter bisher. Die Epoche seiner großen Gemälde beginnt 1896 mit Jerusalem". Es folgen: das Triptychon „Der Mensch", „Adam und Eva", „Jeremias" (1901), „Sintflut" (1906), „Moses beschwört die Finsternis", „David im Gebet", „Rahcl am Brunnen", „Ruth und Boas" und „Der scheidende Moses" (1928). Eine Ausstellung seiner Werke i. I. 1916 brachte ihm hohe Anerkennung. 1923 erwarb die Nationalgalerie in Berlin drei Gemälde von ihm. Bis in die letzten Tage, ja Stunden seines Lebens stand er vor der Leinwand. Als am vorletzten Sonntag der Kunsthändler Arthur Dahlheim ihn im Atelier aufsuchte, um mit ihm die umfassende Ausstellung seiner Werke, die die Nationalgalerie vorbereitet, zu besprechen, fand er den Künstler in sehr gebrechlichem Zustande vor. Man rief einen Arzt herbei, der aber keine Hilfe mehr leisten konnte, Lesser Ury erlag bald einem Herzschlag. Die Kritiker der Berliner Zeitungen neunen Lesser Ury den wahren Begründer und ersten Meister des Impressionismus in Deutschland, neben Max Liebermann den bedeutendsten Vorkämpfer des Naturalismus in der deutschen Malerei und den größten deutschen Landschafter der Neuzeit; ein Farbengenie, einen der bedeutendsten Pastellmaler des 20. Jahrhunderts, der auch als Blumenmaler und als Graphiker von tvenigeu erreicht wurde. Die Kritiker nennen sein Leben tragisch Durch manche Enttäuschungen scheu geworden, hauste der alte, herzkranke Mann in einem ungesunden Riesenatelier am Nolleudorfplatz, das er mit eigenen Händen heizen mußte, wochenlang ohne richtig zu essen, ohne Pflege. Seinen Freunden war es unmöglich, gegen seinen Kopf und Willen etlvas an diesem Zustande zu ändern. kleine Nachrichten Das Okroderheft der Mitteilungen der Großloge für Trntschtaiiü VIII N.O.B.B. „Der Orden Bue Briß" erscheint als „Kestuummer zuin Ordeustage" und enthält die Biographie» voir zehn jüdische« Rvbelpreistkägrr«. Alfred Goldschmidt würdigt in einleileuden Ausführungen den Menschen Alfred Nobel und sein Werk. Unter den vielfachen Erfindungen Alfred Nobels, Abkömmlings eines alten schwedischen Bauerngeschlechts, der erfüllt war von Interessen für medizinische, literarische, allgemein menschliche Dinge, ist die bedeutsamste und zugleich die tragischste, die seinen Namen weltberühmt gemacht hat, die des Dynamits, das nicht nur kulturellen Zwecken, sondern auch dem menschenmordenden Krieg dient. Dem Tragischen seiner Erfindung suchte er durch die kulturelle Auswirkung entgegenzuwirkeu und errichtete die Nobelftiftung, aus der neberr vier Preisen für die jährlich größten kulturellen Leistungen auf dem Gebiete der Physik, Chemie, Physiologie, Literatur auch ein Preis für die Verbrüderung der Völker, ein Friedenspreis, zur Verleihung gelangt. Das Heft bringt dann eine Würdigung des Mediziners Paul Ehrlich (von Prof. Hugo Brau»), des Physikers Gabriel Lippmann '(von Hans Cassel), des Völkerrechtslehrers T. M. C. Asser (von Prof. I. Palache), des Friedcnsvorkämpfers Alfred H. Fried (von Alfred Goldschmidt), des Mediziners Robert Barnay, des Chemikers Richard Millstätter, des Physikers Albert Einstein (von Wladimir Lasarefs), des Mediziners Otto Meyerhof, des Physikers James Frank (von E. Rabinowitsch) und des Philosophen Henri Bergso» (von Prof. I. Benrubi). Die Liste scheint aber nicht ganz vollständig zu sein, denn Professor Dr. Carl Neuberg, der, wie uns bekannt ist, auch den Nobelpreis erhielt und dem Judentum angehört, fehlt in der Reihe der Würdigungen. In Gegcutvart des Prinzen Hendrik, des Präsidenten des Internationalen Gerichtshofs im Haag, und vieler anderer Autoritäten wurde der Ehrengerichtshof für Journalisten im Haag durch den Außenminister der Niederlande Dr. Beelaerts von Bloklaud eingesetzt. Einer der permanenten Richter ist der bekannte Berliner Schriftsteller und Publizist Dr. Ernst Feder. Den jahrelangen Bemühungen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist cs gelungen, jetzt endlich einen Erlas; des Ministeriums für Wissenschaft, Knust und Volksbildnng vom 21. September d. I. zu erwirken, durch den die Genehmigung von 33 Lehrbücheri« für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen Preußens ausgesprochen wird. Der Erlaß mit der List« der Bücher tvird in der demnächst erscheinenden Nummer des Verwaltungsblattes des Landesverbandes zum Abdruck gelangen. Er ist außerdem im Zentralblatt für die gesamte Unterrichts-Verwaltung in Preußen aus 3. 275 veröffentlicht. lieber die Anstrittsbewegung aus oeu Religionsgesell schäften tie gen nunmehr die Zahlen für 1930 vor. Danach ergibt sich, daß 59 255 Evangelische, 6794 Katholiken und 566 Jude» aus den Reli gionsgesellschasten ausgetreten sind. Seit 1925 sind für Evangelische und Katholiken die Zahlen in ständigem Steigen begriffe». j'*j.Aus den Gemeinden"'" j' *] Berlin. (T r. James Simon-Feier.) Im Aeichenheiinscheu Waisenhaus, dessen Kuratorium Dr. James Simon feit nahezu 40 Jahren als Vertreter der Familie Reichenheim angehört, fand am Donnerstag, dem 22. Oktober, die nachträgliche Feier seines 80. Ge burtstags statt. Ein Zögling des Waisenhauses, Unterprimaner, brachte die Glückwünsche der Jugeird zum Ausdruck, zu der der Jubilar immer ein besonders herzliches Verhältnis gehabt hat. Die humanitäre Wirksamkeit von Dr. James Simon würdigte der Vorsitzende des Kuratoriums, Kammergerichtsrat Leo Wolf. Ter Direktor der Anstalt Dr. Feist gedachte der Verdienste des Jubilars für die Wissenschaft. Auf alle Ansprachen antwortete Dr. Simon in voller geistiger Frische und in launiger Weise. Unseres Wissens ist dies die einzige. Feier des 80. Geburtstages des Jubilars gewesen. Berlin. (D r. Warschauer 6 0. Jahre.) Am 26. Oktober beging Rabbiner Dr. Malvin Warschauer seinen 60. Geburtstag. Wenn auch Herr Dr. Warschauer der zionistischen Richtung angehört, so ehren wir dennoch in ihm die aufrechte, stets nach Versöhnung strebende Persönlichkeit, den ausgezeichneten Kanzelredner, den warmherzigen Seelsorger und schlichten Menschen. Als solcher erfreut sich Herr Tr. Warschauer auch in weiten liberalen Kreisen eines großen Rufes. Berlin. (Ein Heim für erwerbslose jüdische I u - g endliche.) Am 14. Oktober fand die Eröffnung des vom Landesausschuß Berlin der jüdischen Jugendverbände gemeinsam mit dem Jngendpslegedezernat der Jüdischen Gemeinde errichteten Heimes für erwerbslose Jugendliche statl. Im Hanse Auguststraßc 14-15 sind 4 Räume als Erwcrbslosenheim hell und freundlich eingerichtet worden. Die Einrichtuugsgegenstände, die aus den Beständen der ver- Der Zug des Todes Isidor Kastan — Georg Engel — Arthur Schnitzler. Mit dem Herbst, dem großen Sterben draußen in der Natur, kam in den letzten Wochen ein Sterben überragender jüdischer Persönlichkeiten, das nicht nur auss tiefste erschüttert, sondern auch zugleich ein wehmütiges Abschiednchmeu von einer versinkenden Kulturepoche bedeutet. Ter Tod von drei bedeutenden, liebenswerten Menschen, darunter einem ganz Großen, ist zu beklagen. Vor 14 Tagen starb einundneunzigjährig, herausgerissen aus emsigster Arbeit, der ehemalige politische Hauptschriftleiter des Berliner Tageblatts, Tr. Isidor Kaftan. „Der alte Kastan", wie er allgemein genannt wurde. Erft vor wenigen Jahren hatte er uns die schönen lokalWorischen Bücher „Berlin, wie es war" und „Kaftans Panoptikunr" geschenkt. Er war ein Polyhistor, ein Mann oon immensem Wissen und Können. Ursprünglich Arzt, ging er schon 1868 zum Journalismus über -und wurde bald einer der sleißigsten, aufrechtesten und geachtctsten Publizisten der werdenden Großstadt. Ein unermüdlicher liberaler Kämpfer süc allen Fortschritt, wahrlich im He ine säen Sinn „ein braver Soldat im Befreiungskrieg der Menschheit". Eine jener vorbildlichen Synthesen von gutem Deutschtum und gutem Judentum. Eine von jenen seltenen Persönlichkeiten, deren menschlicker und persönlicher Wert so allgemein bekannt war, daß er auch von den schärfsten politischen Gegnern geachtet und geehrt wurde. Allem Jüdischen war Kastan zeitlebens innigst verbunden. Er hat eine ganze Reihe Aufsätze zur jüdischen Proornzialgeschichte geschrieben, auch wertvolle Beiträge für die „Jahrbücher jüdischer Geschichte und Literatur" geliefert; eifrige Arbeit leistete er auch als ständiger Beirat der Bibliothekskommission der jüdischen Gemeinde. Seine letzten Jahre waren nicht glücklich; denn das Alter hatte ihn geschlagen, seine Augen getrübt und seine Beweglichkeit gehemmt, war aber an seinem Geist völlig spurlos vorübergegangen; und unter dieser Diskrepanz von außerordentlicher, immer noch jugendlicher geistiger Regsamkeit und verfallendem Körper litt er unsäglich; sie machte ihn todessehnsüchtig und lebenssatt. Noch vor kurzem besuchte ich ihn, verbrachte eine halbe Stunde lebhaften Gesprächs mit ihm und staunte über seine geistige Frische. In der Geschichte des Berliner Geisteslebens hat sich Kastan einen unvergeßlichen Ehrenplatz gesichert. Sowohl manches von dem, was er schrieb, als vor allem, wie und was er lebte, „wird Dleiben stahn". Fünfundsechzigsährig starb dann in voriger Woche der in ganz Deutschland beliebte und bekannte Erzähler nftd Bühnendichter Georg Engel. Alles in allem war Engel „nur" ein Ilnterhaltungsschriftsteller, ober einer der wertvollsten. echtesten und besten. Dieser Künstler, von denen man nicht herabsetzend sprechen darf, wenn sie auf solcher .Höhe stehen, wie dieser wirkliche Könner. Und mit verschiedenen seiner Werke ragt Engel doch über das Niveau des bloßen Unterhalters heraus. Verschiedene seiner pommerscheu Fischcrgeschichten, sein „.Hann Klüth", seine „Leute von Moorluke" sind gute, bleibende .Heimatkunst. Typen einer Kunstgattung, die gesund, echt und wertvoll ist. Mit Recht hat der Magistrat von Greifswald vor fünf Jahren eine Gedenktafel am Geburtshause des Dichters anbringen lassen. Eine Reihe Geschichten Engels aus seiner pommerschen Heimat ist .Heimatskunst im besten Sinne des Wortes; es ist ein gutes Zeichen für den Geschmack des deutschen Volles, daß> z. B. der „Hann Klüth" in 119 Auflagen erschien. Verschiedene Theaterstücke Engels, wie z. B. „Ausflug ins Sittliche" sind graziöse, feine Bühnenwerke, die allenthalben gespielt wurden und überall gefielen. Tie Hauptrolle in „Ueber den Wassern" war ein nachhaltiger Erfolg von Agnes Sorma. Engel hat auch ein poetisches, biblisches Drama „Hadassa" geschrieben. Seine Werke werden freilich in unserer raschlebigen Zeit bald verblassen und von anderem. Aktuelleren vcrdräsngt werden. Unvergängliche Verdienste hat sich der Dichter jedoch als Organisator des deutschen Schrifttums, als Gründer der Notgemeinschaft der deutschen Schriftsteller erworben. Gr war Vorsitzender und Leiter des „Verbandes Deutscher Erzähler" und hat den größten Teil seines Einkommens zu Hilfeleistung cu für andere verwandt. Dieses „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!", das Engel tätig lebte und nicht nur verkündete, wird ihm einen Ehrenplatz in den Herzen aller, die ihn kannten, sichern. Einige Monate vor seinem 70. Geburtstag starb in Wien A r t h u r Schnitzle r, der sich testamentarischalle Totenseieclichkciteu, Reden, Nachrufe etc. verbat und für sich, ein Begräbnis letzter Klasse anordnete, unter der Verfügung, daß die ans diese Weise erzielten Ersparnisse dem Wiener Spital für unbemittelte Kranke überwiesen werden sollten. Würdigungen Schnitzlers erübrigen sich tatsächlich: «s gibt keinen Geistigen in Deutschland, der diesen großen Dichter, großen Oesterreicher und sehr jüdischen Inden nicht kennt und schätzt. Sein reiches, vielfältiges Lebenswerk und der Sinn und Inhalt desselben ist Allgemeingut der modernen deutschen Kultur und Literatur gewordleu. Schnitzler ist einer der wenigen Deutschen und' jüdischen Dichter, dessen Wert über ihre Heimat hinausgewachseu ist und der Weltliteratur angehört. Er ist in alle Kultursvrachen übersetzt worden, seine Stücke sind in allen fünf Erdteilen gespielt worden. Ter Kuriosität halber sei erwähnt, dasder „grüne Kakadu" 1911 in japanischer lleberschuug einen langwirkenden Erfolg im Oga-Theater zu Tokio hatte! Schnitzlers Schaffen und Denken kreiste unablässig um die beiden tiefsten und rätselhaftesten Dinge der Welt, um den Tod und die Liebe. Einige seiner Dichtungen werden unsere Zeit überleben und in kommenden Epochen „klassisch" sein. - Es ist bekannt, daß. ein Teil seiner Dichtung sich mit jüdischer Problematik befaßt: Ter große Roman „Weg ins Freie" z. B. ist ebenso wie das meisterhafte Drama „Professor Bernhardt" eine unsäglich-bittere Klage über die Ungerechtigkeiten und Zurücksetzungen, dem das Judentum ausgesetzt ist. Diese ebenso schwermütigen wie treffenden Anklagen haben freilich die jüdische Situation weder m Deutschland noch in Oesterreich verbessert. Hier wie dort macht sich immer noch ein geistloser und gehässiger Antisemitismus breit, der sich nicht klar machst, was z. B. ein Dichter vom Range Arthur Schnitzlers für die deutsche Kultur bedeutet. Tr. Ludwig D a v i d s o h in Berlin.

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