Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 42-43 (28.10.1931)
- Date
- 1931-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchKberaleZeMm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Me-a»«i»üg«»i für öa» llberale )udeut»m übernimmt «w ßte diejenigen Auftätze, die ausdrücklich al» lu ihrem Name« «her in »yrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Ver- «ttwortuug. Alle anderen Artikel. Aeutzeruugeu uad Vorschlüge erscheiueu unter der Veraatwortuug der Ledaküon. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Verlin SW 11, Hallesche Skr. 1 Aervrvf: Veramann 3359, 3350 Postscheckkonto: Berlin INS 7. 137 069 (Vereinigung für da» liberale Judentnrn) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redakno« gestattet. Vezugepret, durch die Geschäftsstelle '/«jährüch 2R. L— Einzeln»««« OJS. Bei freier Zuseuduug l Ialand Ql30 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugopreis im Mitgüedsdettrage enthalten. Auz eige npreifcs Die 12 geipalt. Noupareillezeile 0.45 Anzeigentarif durch die Gefchäftrstelle. Auzeigeuanu ah me bei der Veschastsstelle u. fämtl. Annoucen-llMedit. Nr. 42/43 Berlin. 28. Oktober 1931 11. Jahrgang Ausbm der jüdisch-liberalen vewegung i« Holland Bekanntlich herrscht bereits seit einiger Zeit m religiösliberalen jüdischen Kreisen Hollands der dringende Wunsch, eine Vereinigung für religiös-liberales Judentum in Holland zu gründen mit Ortsgruppen in den größeren und kleineren Gemeinden des Landes. Trotz heftigsteil Widerstands von seiten der Orthodoxie macht die Bewegung weitere Fortschritte. Am Sonntag, dem 18. Oktober, ist, wie bereits in voriger Nummer gemeldet, die Vereinigung in Amsterdam gegründet worden. Es besteht nun ein Plan, als geistigen Führer der Bewegung einen liberalen Landesrabbrner für Holland zu berufen. Zu diesem Zweck wandte sich bereits vor b-rei Monaten der vorläufige Vorstand an Rabbiner Tr. Joseph Norden in Elberfeld. Tr. Norden erklärte sich bereit, einige aufklärende Vorträge über „Pflichten und Rechte der religiös-liberalen Inden" in verschiedenen holländischen Städten zu halten. Auch gab er dem Vorstand auf dessen Wunsch die Genehmigung, seine Schrift „Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums" ins Holländische übersetzen zu lassen. Tagege,t hat er eine Zusage, denr ehrenvollen Rrrf nach Holland als liberaler Landesvabbiner zu folgen, noch nicht gegeben. Man hofft jedoch, daß es den vereinigten Bemühungen der World Union for Progressive Judaism, der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland und dem neugegründeten holländischen Verband gelingen wird, Tr. Norden zur Annahme des schwierigen Amtes zu bewegen. Ter als Vorkämpfer der Orthodoxie bekannte Lbcrrabbiner des Haag I. Maacsen, der n. a. am vergangenen Bersöhnungssest von der Kanzel herab vor der liberalen Bewegung gewarnt hat, h«t, wie jetzt die „Jta" meldet, erklärt, daß er der von orthodoxen Mitgliedern seiner Gemeinde an ihn ergangenen Aufforderung, die Anhänger des liberal-jüdischen Gedankens in Holland ans der Gemeinde ausznschließen, nicht Nachkommen wird. Die nächste Doppelnummer erscheint am Mittwoch» dem 11. November. (Rebaktionsfchlnß: Freitag, dm 0. November» vormitts-s.) Inflationsangst Bon George Goetz. Tie Mißtrauensanträge gegen die Regierung Brüning sind abgelehnt. Manche geben sich dem gefährlichen Optrmismus hin, bis zum 23. Februar 1932, dem Tage des Wiederzusammentritts des Deutschen Reichstages, sei nun die Lage stabilisiert. Fragt man sich, aber nach den Gründen, die zur Ablehnung der Mißtrauensvoten geführt Ijaben, so wird man nicht in der Lage sein, solchen Optimismus zu teilen. In der vorigen Nummer wurde hier ausgeführt, daß es zur Zeit, wirtschaftlich gesehen, nich-t um die Frage „Kapitalismus oder Sozialismus" gehe, sondern, da zur Zeit Vertreter sozialistischer Bestrebungen nicht an der Regierung sind, um die innerkapitalistische Strejtftage „Weltwirtschaft oder Binnenwirtschast". Bisher, und auch während der Parlamentstagung, war diese Frage nicht entscheidungsreis, denn auch diejenigen Kreise, die der Binnenw'.rtschast, der sogenannten „Autarkie" zuneigen, wollten sich den „Weg nach drüben", die Möglichkeit der AuslandMlse, nicht verschütten. Nun scheint es leider, als sei von den Besprechungen in Washington nicht viel zu crwartem und es ist, wie Pressestimmen aus allen politischen Lagern bestätigen, leider die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß das magere Ergebnis der amerikanischen Konferenzen für die derzeitige deutsche Regierung unerfreuliche Auswirkungen haben könne. Es ist nicht unseres Amtes, hier allgemeinpotitische Betrachstungeu anzustellen, obwohl die meisten deutschen Juden, aus geschichtlich! erklärbaren Gründen, den Linksparteien angeihören. Aber auch abgesehen hiervon, direkt tu unserer Eigenschaft als Juden, haben wir ein Interesse an der Frage, ob «ine Rechtsregierung kommt und was sie uns bringt, denn „ rechts" heißt bei uns in Deutschland leider in den meisten Fällen zugleich „antisemitisch". — Wird es zu Pogromen kommen? Tie Frage ist zu verneinen, aber nicht bedingungslos. Bei einem Regierungswechsel gibt es immer eine mehrtägige Uebergangszeit, und in dieser Zeit des Interregnums könnte es allerdings sein, daß die entfesselten Völkischen Morgenluft wittern. Was diese Tage uns bringen können, vermag niemand zu sagen, und es steht lediglich zu hoffen, daß jüdische Abwehrorganisationen und behördliche Stellen ihre Pflicht tun. Nachher freilich! wird jede Regierung, also auch eine rechtsgerichtete, geordnete Zustände herbeiführen müssen. Das aber ist für uns Juden ein schwacher Trost, denn es hatte ja auch vor Beginn des' Emanzipationszeitalters Pogrome in Deutschland seit langem nicht gegeben, und wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß unter einer Rechts'- regierung sowohl die politische als auch vor allem die wirtschaftliche Entwicklung die Früchte unseres bisherigen Cmanzipationskampfes erheblich beeinträchtigen wird. Symptomatisch hierfür ist die Tatsache, daß z. B. m der deutsch-französischen Wirtschaftskommission Tr. Carl Melchior sitzt, während iu den Wirtschastsbeirat der deutschen Regierung, den Hindenburg berufen hat, kein einziger Jude gewählt wurde. Wir sind die letzten, die jedes Gremium danach untersuchen und bewerten, ob und wieviele Inden darin sitzen, aber es zeigt sich hierin die Tatsache, wie sehr schon jetzt diejenigen Berufe in ihrer wirtschaftlichen Bedeuturm zurückgedrängt sind, iu denen Juden tonangebend sind. Allerdings sind es auch selbstgemachte Fehler, die sich rächen, denn in eiugeweihten Kreisen weiß inan, wie verbittert der Reichskanzler Tr. Brüning gegen gewisse jüdische Großbankiers ist, seitdem in jerrer Schicksalsnacht zum 13. Juli sein Versuch!, erne Solidarhaftung der Großbanken herbeizusühreri, scheiterte. In privaten Aeuß^rungen ist dem Schreiber dieser Zeilen der Borwurf gemacht worden, daß die an dieser Stelle dargelegten wirtschaftlichen Auffassungen mit dem nationalsozialistischen Wirtschaftsprogramm des Tr. Feder überemstimmen. Auch dort werde die Schaffung zusätzlichjer Kredite und Geldmittel gefordert, und es sei ein Glück, daß die Regierung Brüning bisher sich allen diesen Plänen standhaft entzogen habe, da sie unweigerlich zur Inflation führen. — Hierauf ist zu erwidern: es können von zwei verschiedenen Seiten sehr ichnlich klingende Forderungen erhoben werden, und doch kann etwas gänzlich anderes gemeint sein. Was hier geineint war, sind die in Deutschland unter dem Namen Schwarzschild-Plan bekannt gewordenen, oder vielmehr leider unbekannt gebliebenen Theorien von Leopold Schwarzschild, dem Herausgeber des Tage-Buch. Es ist ganz selbstvevMndlich, daßdie Hervorhebung der Schwarzschi ldschen Ideen lediglich meine persönliche Meinung widerspiegelt, denn eine einheitliche Wirtschastsausfassung der deutschen liberalen Juden gibt es nicht und kann es nicht geben. Wohl aber bestcht ein öffentliches Interesse daran, jeder Panikstimmung entgegenzuwirken, und deshalb darf auch an dieser Stelle gesagt werden, daß es grober Unfug und Schlimmeres ist, bei jeder Gelegenheit mit dem Schlagwort Inflation zu operieren. Haben diejenigen, die sich von diesem Worte erschrecken lassen und andere damit erschrecken, eigentlich! eine Aare Vorstellung davon, was Inflation ihrem Wesen nach ist? Inflation bedeutet, daß gegenüber dein normalen Warenumsatz eines Landes übenwrmal viel Geld vorhanden ist, so daß mit einem gleichbleibenden Geldbeträge iveniger Ware gelaust werden kann. Die Schwarzschildschen Theorien laufen darauf hinaus, auf künstlichem Wege eine Hochkonjunktur herbeizuführen (so wie früher, nicht minder künstlich, die Kriege Hochkonjunkturen herbeisührten), so daß der gesteigerte Kredit und Geldumlauf gleichzeitig einen gesteigerten Warenumsatz -hervorbringt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, bafji, was hier nicht weiter untersucht werden kann, falls der Schwarzschild-Plan sich in die Wirklichkeit umsetzen läßt, ein Zustand herbeigesührt wäre, wie wir alle nach dieser verivünjchten Zeit hossimnasloser Krise ihn Herbeisehnen. Es sollte jeder in sich die Pflicht empfinden, diese Theorien wenigstens keimen zu lernen und mit ihnen sich auseinanderzusetzen;*) es sollte jeder dankbar sein, daß wir in Deutschland einen Mann haben — und ich persönlich sehe, abgesehen von den Theoretikern des Sozialismus, die heute und hier außer Betracht bleiben sollen, auf weiter Flur nur diesen einen - der konstruktive Ideen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau hat. Keiner, der diese Theorien nicht ernftbrft geprüft hat, hat das Recht, gedankenlos durch Mißbrauch, des Wortes Inflation Panik zu erzeugen. Denn, was auch immer kommen mag, Rechtsregierung, Weltkapitalismus oder Sozialismus: immer wird, das sollten gerade wir Juden wissen, das Schlagwort unser schlimmster Feind sein. Leger Ury (Geschrieben zum 7. November 1931.) Bon Dr. Arthur G a l l i n e r. Dieser Aufsatz sollte als Jubiläumsartikel sür Lesser Ury zu seinem auf den 7. November fallenden 70. Geburtstag hier veröffentlicht werden. Nun ist Lesser Ury, kurz vor Vollendung des 70. Lebensjahres, plötzlich gestorben. Die Kunstwelt war jetzt damit beschäftigt, diesen Tag würdig zu begehen. Die Nationalgalerie bereitete eine Sonderausstellung seiner Gemälde vor, die Berliner Sezession und andere Künstlervereinigungen, sowie der preußische Staat und die Stadt Berlin rüsteten sich zu Huldigungen sür den Siebzigjährigen, die geplanten Feste werden nun zu Tranerfcieru werden. Die Red. Das Problem der „Jüdischen Kunst", das vor kurzem in diesen Blattern Max Osborn behandelt hat, wird mehr als bei irgend einem der lebenden Künstler - bei Lesser Ury zur Diskussion gestellt. „Lesser Ury ist Jude. Er ist auch in Wahrheit eilt jüdischer Künstler." So schrieb vor nahezu 30 Jahren Martin Buber von ihm. Denn er kaitnte bereits jene großen Werke jüdischen und biblischen Inhalts, die Lesser Ury früh berühmt gemacht haben, jenes Jerusalem- Bild mit den heimatlosen trauernden Judengestalten, die sich in stummer Sehnsucht nach ihrer Urheiinat verzehren, kannte den zürnenden Mose, der mit machtvoller Gebärde die steinernen Tafeln dem entfesselten, entsetzten Volk „an beu Kopf wirft", und er kannte schließlich den Jeremias, der wie ein gewaltiger Dämon zwischen Erde und Himmel lagert, von dessen erdgebundenem Körper sich mit dem erhabenen Geist die Augen lösen und zum sternenbesäten Rachthimmel emporfteigen, zur ewigen Heimat, der einziger!, die dem Verfolgten Ruhe und Frieden gewährt. Und der Maler hat in den folgenden Jahren noch andere biblische Gestalten geschaffen. *) Leopold Schwarzschild: „Tie Notverordnung, die nicht kam". Tage-Buch Nr. 24 vom 13. Juni 1931, Tagebuchverlag, Berlin W. 62, Lützow-User 32. — Der in dieser „Notverordnung" niedergelegte Plan zeigt die praktische Nutzanwendung der im Tage-Buch seit langem propagierten Schwarzschildschen Theorien; in ihm ist außer dem Zustandekommen des zusätzlichen Kredits vor allem auch seine Tilgung genauestms bedacht, ebenso auch, als Wichtigstes, baß die Kredit« der Produktion und dem Konsum, also der Arbeitsbeschaffung! und der Versorgung zugeführt, nicht aber in neuen Investitionen für Produktionsmittel angelegt rverden. das verstoßene erste Merischenpaar, urtümliche Wesen, die mit stummem Staunen iu die öde Welt sich wagen, den jungen David mit den flehenden Augen, den greisen Jakob, der mit zitternd sich krampfenden Händen den vor ihn: knieenden: Benjamin segnet, bevor er mit feinen Brüdern den West gen Aegypten zieht. Gewiß, all diese Werke enthalten Biblisches, sind ohne Frage von jüdischem Geiste erfüllt, sind in diesem Sinne „Jüdische Kunst". Aber es wäre einseitige wäre verkehrt, das gesamte künstlerische Schassen Lesser Urys unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Ein Anderes ist der Inhalt, ein Anderes ist die Form, der Stil. Noch hat der jüdische Inhalt keinen jüdischen Stil geschaffen, auch bei Lesser Ury nicht. Sein Stil ist europäisch, zugleich aber auch durchaus persönlich. Er hat in jungen Jahren bekannte Kunststätten und Akademien im In- und Auslande, in Kassel und Düsseldorf, iu Brüssel, Paris und München besucht, hat mit erstaunlicher Feinnervigkeit auf alles Neue reagiert und das Wesentliche der modernen Malerei gierig in sich ausgenommen, um es in seine eigene künstlerische Sprache zu übersetzen. Wie die Franzosen Degas, Monet, Pissaro ihr Paris entdeckten, so entdeckt er nun Berlin, das Berlin der nebelgrauen Abende, der dunklen, nur durch Laternen erleuchteten Nächte, der nassen, spiegelnden Straßen, der mondänen Kaffeehäuser, der stillen sonnenbesäten Parkwege. Degas vor allenr scheint ihn iu Technik, Motiven, in den künstlerischen Problemen des Lichts und der Farbe beeinflußt zu haben. Aber dessen tageshelle Heiterkeit wandelt sich bei Ury in nachtdüstere Schwermut. Nur in seinen Landschaften strahlt Licht und Farbe, wie zur Festesfeier, voller Andacht und in schauernden» Erleben. In solchen Schöpfungen, iu denen der Inhalt zurücktritt, in denen selbst der Gegenstand ohne Bedeutung ist, wird das Wesentliche von Lesser Urys künstlerischem Schaffen offenbar: Eine Naturschau, die iu schweigender Andacht staunt, eine Naturliebe, die zur völligen Hingabe zwingt, eine Sehnsucht nach der Urheimat auch hier, ein Verbundensein mit dem Urgrund aller Wesen, der lebendigen Natur: ein religiöses Erleben. Man wird von all diesen Werken nicht sagen können, sie seien biblisch oder jüdisch -- aber sie sind religiös. Religiös in jenem tiefsten Sinne, Emanationen einer religiösen Seele, frei von objektiven religiösen Inhalten, von historischen Formen organisierter Religionsgemeinschaften, aber erfüllt vom persönlichen Erlebnis, von erhabenem Schauer und mystischer Hingabe. Diese subjektive Religiosität verleiht seinen Werken die eigene Form, die in ihrer Herbheit den Areligiöseu abstößt, verleiht ihnen aber auch das Zwingende, U eberzeugende, das den religiösen Menschen erschüttert und in den Bann zu schlagen vermag. Es ist in diesen Werken Religiosität schlechthin, frei von konfessionellen Schranken, frei von aller dogmatischen Fornr. Sie bedarf nicht des historischen Zeremonials. Marc Chagall hat einen „Betenden Juden" gemalt, angetair mit dem weißen, schwarzgestreiften Gebetmantel, an dem die Schaufäden hängen, mit den schmalen Gebetriemen um den entblößter: Arm, um Hand und Finger, und auf der Stirn das mächtig« „WELTKRISE UND JUDENTUM” Ueber dieses Thema spricht Herr Redakteur Alexander Szanto in der Bezirksgruppe Halensee-Grunewald des Liberalen Vereins am Dienstag, dem 10. November 1931, abends 8 Uhr, im kleinen Saal des Caf6 Leon, Halensee, Kurfürstendamm 155/56 (Näheres siehe Versammlungskalender)