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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-10-14 · 40-41 (14.10.1931) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
40-41 (14.10.1931)
Date
1931-10-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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„Lehrer zu verpflichten, daß die Vorträge lediglich im reinen Interesse der Wissenschaft des Judentums, ihrer Erhaltung, Fortbildung und Verbreitung gehalten werden". Nach meiner Ueberzeugung führt zwar strenge Wissenschaftlichkeit, deren höchste Forderung die Wahrhaftigkeit ist, zu einer liberalen Gesinnung; das aber ist, wie die Verhältnisse leider zeigen, mit dem abgestempellen Parteiliberalismus nicht identisch. Professor Dr. I. E l b o g e n. Erwiderung Von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Zu den vorstehenden Ausführungen von Herrn Professor Elbogen ist einiges zu bemerken. Nur eingangs möchte ich mich mit seinen Schlußaus führungen beschäftigen. Herr Professor Elbogen hat das Glück, der Wissenschaft zu dienen. Er darf der reinen Erkenntnis folgen und muß ihr folgen. Für die jüdischen Politiker jedoch, welche in der Einheitsgemeinde sich mit der Welt der Tatsachen zn beschäftigen haben, gilt leider das Dichterwort, daß sich die Sachen hart im Raum stoßen und daß die Macht, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen, nicht immer so vorhanden ist, wie der Wille dazu. Der Gelehrte, der an seinem Pult Erforschtes und Erkanntes ausspricht und vom Katheder her vertritt, hat sich höchstens theoretisch mit gegnerischen Meinungen auseinanderzusetzen. Der Politiker aber hat mit Menschen zu tun und leider spielt in politischen Dingen nicht nur Recht und Wahrheit, sondern auch Macht und Möglichkeit eine recht erhebliche Ralle. Der offizielle Liberalismus würde ganz anders ausfehen, wenn er, lvie in England und Amerika, sich in eigenen Gemeinden betätigen würde. Er würde viel entschiedener, viel reiner und freier sich ausgeslalten können. Aber keiner will doch wohl, am wenigsten Herr Professor Elbogen, die Einheitsgemeinde mit ihren Kämpfen und ihren Relativitäten, aber auch mit der großen Einheitsfront nach außen, zerschlagen. Würden sich unsere Gelehrten etwas mehr in den Organisationen betätigen, anstatt von hoher Warte aus die Politik zu kritisieren, so würde das sicherlich sowohl dem offiziellen „Parteidogma" wie den „Gelehrten" nichts schaden. Doch dies nur zur Einleitung. In der Sache selbst muß der unbefangene Leser kopfschüttelnd einen Rattenschwanz von Mißverständnissen feststellen. Was Herr Professor Elbogen rügt, sind Mißverständnisse, und teilweise hat er diese Mißverständnisse selber mitverschuldet. Zuerst das Unerhebliche. Die Redaktion weiß natürlich genau, daß ein Gemeindebeschluß für die Einführung des Gebetbuches vorliegt; sie bezweifelt nur, ob es richtig ist, einem Gremium, wie den Synagogenvereinen, mit ihren verschiedenen Strömungen, Richtungen, Schattierungen usw., Einfluß aus die Gestaltung des Gebetbuches zu geben. Ich persönlich bin für die Aktivierung der Synagogenvereine, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sie orientiert und gehört werden mußten; nur scheint mir dieses reichlich späh zu kommen. Wären die Einwendungen vor Drucklegung des Manuskriptes erfolgt, so wären sicher manche Mißstände be feitigt worden. Wenn die Redaktion von einem Gebetbuch e n t w u r s spricht, so ist natürlich gemeint der „Berliner Entwurf", denn es ist ja bekannt, daß zwar für das Reich das Gebetbuch fertig ist, das; aber für Berlin eine besondere Ausgabe' geschaffen werden soll, die noch nicht vollendet wurde. Ich glaube, daß niemand, der die Dinge keunt, etwas anderes verstanden hat. Biel erheblicher erscheint mir die Polemik zwischen Herrn Professor Elbogen und Herrn Dr. Sachs. Was zunächst die beiden Punkte'anlangt, auf die es Herrn Professor Elbogen besonders ankommt, so ist in der Tat zuzugeben, daß der Artikel des Herrn Dr. Sachs den Eindruck erwecken kann, als zitierte er die angegriffenen Stellen aus dem neuen Gebetbuch, während er in Wirklichkeit nur den alten Gottesdienst dem neuzuschasfenden an zwei besonders prägnanten Beispielen gegenüberstellen wollte. Ich hatte beim Lesen des Artikels nicht den Eindruck, als wenn Herr Dr. Sachs sich in diesen beiden Punkten gegen das Gebetbuch wendete, sondern faßte ihn so auf, daß Herr Dr. Sachs länglich dartun wollte, wohin derartig retardierende Momente führen würden. Ich gebe allerdings zu, daß dem nicht voll eingeweihten Leser diese Zusammenhänge nicht so klar sind. Herr- Professor Elbogen ist im Recht, wenn er sagt, daß diese angeführten, von' der Gottesdienstresorm beseitigten Gebete in das Einheitsgebetbuch nicht wieder ausgenommen worden sind. Alles das trifft doch aber nur die formelle Seite der Sache, uud wir haben uns über das zu unterhalten, was materiell wichtig ist. Zunächst einmal ein Zwiefaches über das Aeußerlichc des Gebetbuches! Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß der durchgehende Druck keine sehr glückliche Lösung der technischen Frage ist und daß die technische Brauchbarkeit des Buches, wenn auch nicht ebenso wichtig ist wie sein Inhalt, so doch das Urteil über den Inhalt wesentlich beeinflußt. Dann ein zweites: Das Gebetbuch sollte einheitlich für alle liberalen Gemeinden gebraucht werden können, auch für diejenigen, welche noch den alten Siddur und Machsor benutzen. Dieser Erfolg ist in wesentlichen Teilen Deutschlands erzielt worden, und es darf nicht übersehen, sondern muß unterstrichen werden, daß hier ein wesentlicher 'Schritt auf dem Gebiet geschehen ist, welches Herr Dr. Sachs die Liberalisierung des Gottesdienstes nennt. Dieser Vorzug führt nun für die Gemeinden mit schon weiter entwickeltem Gottesdienst beit Nachteil mit sich, daß eine Reihe von Gebetstücken ausgenommen wurde, die tatsächlich in diesen Gemeinden nicht gesagt werden (mit dem Zusatz „in vielen Gemeinden nicht gesagt, in manchen Gemeinden gesagt"). Das zieht natürlich weiter eine gewisse Unübersichtlichkeit nach sich, an die man sich erst gewöhnen muß. Ebenso wäre zweifellos eine Scheidung zwischen den vom Vorbeter und den Geineinden gesagten Gebeten am Platze gewesen und die stillen Gebete müßten als solche gekennzeichnet werden. Alle diese Dinge aber lassen sich noch bessern, und es ist, wie gesagt, ja auch beabsichtigt, für die Berliner Gemeinde eine entsprechende Aenderung baldigst zu treffen. Entscheidend ist doch aber nun nicht allein die Form eines Gebetbuches, sondern in erster Linie sein Inhalt, und da muß doch mit allem Nachdruck hervorgehoben werden, daß nach meinem Dafürhalten eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Verbesserung gerade vom Standpunkt des Liberalismus emgetreten ist, nämlich die sorgfältige und formschöne Uebersetzung. Was wir bisher hatten, waren meistens nur Uebertragungen, die dem ersten Erfordernis eines Gebetbuches, der Wahrhaftigkeit, nicht entsprachen. Es wurden hebräische Dinge gebetet, die deutsch ganz anders übersetzt wurden. Das ist hier radikal beseitigt worden. Gemeinden also, die heute auf dein Standpunkt der stärkeren Vorherrschaft des deutschen Gebetes stehen, können mit gutem Gewissen und gutem Geschmack zu diesem Gebetbuch greifen. Ferner ist gerade in dem rein deutscheu Teil eine erhebliche Anzahl deutjcher Gebete zu gefügt worden, und endlich und vor allem ist der Text aus das sorgfältigste redigiert. Da wir im 'liberalen Judentum natürlich eine ganze Reihe von Ansichten über die Auswahl der Gebete, über die Umformung der Gebetstexte haben, so wird eine völlige Einigkeit über das, was gut und was nicht gut ist, kaum jemals erzielt werden. Mit einer ganzen Reihe jüngerer liberaler Freunde stehe z. B. ich auf dem Standpunkt — entgegen Herrn Dr. Sachs —, daß einer der Fehler der alten Reform die Ausmerzung der Zions- und Messias-Gebete gewesen ist. Nienrals wäre man auf den Gedanken gekommen, diese Gebete politisch und nicht etwa geistig auszufassen, wenn nicht die Reform diese Gebete beseitigt hätte. Gerade diejenigen, die überzeugt sind, daß in. unseren Gebeten Zion und Jerusalem ausschließlich in geistigem Sinne aufzufassen sind und daß die messianische Zeit nicht ein irdisches, sondern ein ewiges Gottesreich bedeute, müssen sich gegen diese materialistische Deutung unserer Gebete wenden. Das hat mit Rechts- und Linksliberalismus nicht das geringste zu tun; ich weiß im Gegenteil, daß sehr viele radikale Antizionisien auf demselben Standpunkt stehen. Wir haben Herrn Dr. Sachs dankbar zu sein, daß er das unendlich wichtige Problem der Liberalisierung des Gottesdienstes in diesen Blättern wieder aufgerollt hat, und das Entscheidende au seinen Ausführungen scheint mir in zweierlei zu bestehen: Eine gründliche Aussprache tut not über die Ausgestaltung des Gottesdienstes in grundsätzlicher Beziehung. Hierbei muß die Frage des Hebräischen im Gottesdienst, der Kürzung der Gebete usw. einmal unter ganz grundsätzlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Das würde in diesem Nachwort zu weit führen; denn zunächst einmal ist die Frage zu beantworten, was der Gemeindegottesdienst heute überhaupt noch für einen religiösen Sinn hat. Gerade für die Anhänger des Gedankens der religiösen Gemeinschaft aller Juden ist diese Frage von fundamentaler Bedeutung. Wer, wie ich, aus dem Standpunkt steht, daß der Gottesdienst das weittragendste und ergreifendste Zeugnis der Einheit aller Juden sein soll, wird sich bei aller Notwendigkeit einer Reform im einzelnen immer wieder gegen die grundsätzliche Aenderung der gottesdienstlichen Struktur uud dagegen aussprechen, daß das Hebräische aus dem Gottesdienst verschwindet. Andererseits aber gibt es eine sehr große Fülle von Einzelfragen, in der die Anhänger und Gegner einer radikalen Reform Zusammengehen können. Auch ich bin in zahlreichen Einzelgebeten, nämlich bei Psalmen, Prophetenstellenusw., für Vortrag in deutscher Sprache; ich bin vor allem für eine ganz grundlegende Aenderung der Thoravorlesung, die nach meinem Dafürhalten gerade aus historischen Gründen deutsch abgehalten werden müßte, und es darf in keiner Synagoge die Vorlesung eines Gebetstückes hebräisch erfolgen, das nicht auch deutsch vorgetragen werden könnte. Des ferneren erscheint mir eine Ausarbeitung der von Falkenberg kreierten beweglichen Teile des Gottesdienstes eine unbedingte^ Notwendigkeit. Auch Herr Rabbiuer Dr. Wiener hat ja au dieser Stelle dieser: beweglichen Teilen des Gottesdienstes schon das Wort geredet. Wenn Herr Dr. Sachs am Schluß seines Aussatzes die Forderung aufstellt, daß wir die Orgelsynagogen öffnen sollten, damit rnan sich in ihnen mit dem Werdegang und mit der Abänderung des liberalen Gottesdienstes in ernsten Lehrvorträgen befasse, so greise ich diese Forderung gern aus, und ich weiß, daß sich niemand für diese Lehrvorträge lieber zur Verfügung stellen wird als Herr Professor Elbogen, und auch einen Mann mit dem großen, umfassenden Wissen wie Herrn Dr. Sachs werden wir dabei nicht entbehren wollen. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn in dieser Zeit, in der materielle Arbeit mit Recht die Vorherrschaft beansprucht, die rein geistige, die religiöse Seite unserer Bewegung nicht zu kurz käme. Wer im Gottesdienst nicht nur ein Ererbtes, sondern ein Eigenes liebt und in seinem Herzen trägt, der; muß wünschen, daß die Arbeit hieran nie einschläft, sondern, daß sich die Herzen und Seelen gerade in den Zeiterr wirtschaftlichen Niedergangs in der Beschäftigung mit ihm wieder aufrichten. Kleine Nachrichten Der hervorragende Wiener Soziologe uni» Ethiker Rudolf Goloscheid ist in Wien im Alter von 61 Jahren gestorben. Er wurde 1878 in Wien geboren, widmete sich anfänglich dem Studium der Philosophie, ging dann zur Soziologie über, in der er besonders die Menschen-Oekonomie betonte. Sein Aauptiverk ist die „Ethik des Gesamtwillens" (1902); diesem Werre folgten: „Berelenoungs- oder Meliorationstheorie" (1906), „Höhenentwicklung und Menschheitsökonomie" und „Staatssozialismus oder Staatskapitalismus". Das letztgenannte Weck, das 1917 erschienen toar, hatte einen der größten Bucherfolge während des Krieges aufzuweisen; cs begründete die Finanzsoziologie als Lehre von der gesellschaftlichen Bedingtheit des öffentlichen Haushalts. Die Finanzpolitik der Gemeinde Wien hat sich nach der Revolution zum Teil in Bahnen bewegt, die Goldscheid gewiesen hat. Er war Präsident der Soziologischen Gesellschaft und einer der bekanntesten Führer der Friedensbewegung Europas; seit 1922 gab ec die „Friedenswart«" heraus. Der große Gelehrte ist wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum und seiner mutig zur Schau getragenen demokratisch-pazifistischen Gesinnung in seiner Heimat niemals zu offiziellen Ehrungen gelangt. Der dirigierende Arzt der Abteilung für Augenkrank« am Rudols- Birchoto-Krankenhaus, Professor Dr. Oscar Fehr, wurde am 9. Oktober 60 Jahre alt. Der Gelehrte stammt aus Braunschweig. Bekannt wurde Fehr durch seine Abhandlungen über bösartige Geschwülste des Auges, Magnetoperationen und wissenschaftliche Arbeiten auf klinischem Gebiete. In seiner Ambulanz werden jährlich etwa 7000 Personen behandelt. Seit 1909 ist er Professor. Unter dem Verdacht, an den Kurfürstendamm-Unruhen in den Abendstunden pes 12. September beteiligt gewesen zu sein, wurden jetzt nachträglich noch drei Nationalsozialisten auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft festgenommen. Die Verhafteten sind ein Standartenführer, ein Sanitätstruppführer und ein sogenannter Sturmtruppadjutant. Die drei Festgenommenen werden unverzüglich dem Vernehmungsrichter im Polizeipräsidium vorgeführt werden, da die Staatsanwaltschaft Erlaß eines Haftbefehls beantragt hat. Die Staatsanrvaltschaft wird gegen die drei Festgenommenen Anklage wegen Landfriedensbruches und Rädelsführerschast erheben und beantragen, die drei Nationalsozialisten gemeinsam mit Graf Helldorf, Stabslciker Ernst und dem Jung-Stahlhelmsührer Ingenieur Brandt vor dem Schöffengericht Charlottenburg abzuurteiken. Der Oberrabbiner von Karlsbad. Dr. Ignaz Ziegler, begeht dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Dr. Ziegler, der der Autor zweier populärer Werke über die Judenfrage im Werk Romain Rollands und über die „Sittlichen Lehren des Judentums" ist, hat sich in weitesten jüdischen Kreisen der Tschechoslotvakei durch die Schaffung des großzügigen und kürzlich seiner Bestimmung über- Abba Glosker Ein Vorlaps er der Aufklärung im Osten. Von S. Meisels. In zwei reizenden Balladen hat Adalbert von. Chamisso jüdische Stoffe behandelt. Die eine Ballade „Ein Baal Teschuba" handelt von einem büßenden Sünder, ,cher wallend durch das Elend Buße tut". Den: Gedicht liegt eine wahr, Begebenheit zugrunde. Der in dem Gedichte genannte Baal Teschuba lebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Königsberg. Chamissos Quelle ist ein Aufsatz von David Friedländer „Büßender Sünder. Zur Sittengeschichte der Inden", der in der Neuen Berlinischen Monatsschrift abgedruckt war. Die andere Ballade — eine der schönsten, die Chamisso geschrieben — trägt die Ueberschrift: „Abba Glosk Leczeka". Den Stoff zu diesem Gedicht entnahm der Dichter einem ebenfalls in der genannten Zeitschrift erschienenen Aufsatz „Wandernde polnische Talmudisten" von Friedrich Nicolai. Auch hier handelt sich es um eine wahre Lckbensgeschichte, die der Dichter historisch getreu schildert, ohne etwas aus dem Eigenen hinzuzufügen. Vor der Veröffentlichung legte Chamisso das Gedicht den jüdischen Gelehrten David Friedländer und Dr. Jost zur Begutachtung vor. Am 28. Juni 1832 schreibt er an seinen Verleger: „Ich habe das Gedicht („Abba Glosk") der strengen Zensur etlicher unserer gelehrten Juden unterworfen, und verdanke ihren Rügen, die ich strenge beobachtet habe, daß es jetzt vollkommen in beit Sitten gehalten ist, — Friedländer, ein Gleichzeitiger unb Freund von Mendelssohn, hat den Abba gut gekannt und mit reger Teilnahme an meinem Lied erkannt." Wer war nun dieser Abba, den Chamissos Lied als mutigen Kämpfer für Freisinn und Aufklärung in schönen, rührenden Tönen feiert? Ein litauischer Jud:. der ein gewiegter Talmudkenner und berufsmäßiger Wanderprediger war. Abba Glosker (nicht „Glosk", wie Chamisso schreibt) lebte in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die Spuren seines Leüensganges lassen sich nur schwer verfolgen. Jahr und Ort seiner .Geburt sind unbekannt; nur die Namensbeisügung — die Juden im Osten führten damals noch keine Familiennamen — deutet vermutlich auf irgendeine abgelegene Ortschaft im Litauischen hin, aus der Abba herstaminte. Wir wissen nicht, wer seine Eltern waren und wo und bei wem er seinen ersten Unterricht genossen hatte. Jedenfalls muß er in seiner Jugend den Talmud nebst Kommentaren überaus fleißig studiert haben, denn er wird als ausgezeichneter Talmudkenner gerühmt. Als Wanderprediger aber dürfte er, wie die meisten jüdischen Wanderprediger jener Tage, auch in den hebräischem moralphilosophischen Schriften gut bewandert gewesen sein. Der Wanderprediger, gewöhnlich „Maggid" oder „Darschan" geheißen, war gleich dem fliegenden Buchhändler eine stehende Figur im Ghetto. So ein Wanderprediger zog von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, und überall, wohin er kam, schlug er im Bethaus sein Wohnzelt aus, wo er auch gegen ein geringes, von den Zuhörern freiwillig gespendetes Lehrgeld seine Lehrvorträge hielt. Der Wanderprediger war eine Art von Improvisator, ec predigte gleichsam aus dem Stegreif; unangekündigt und unvermittelt stellte er sich vor den Almemor auf und begann zu predigen; sein Bortrag setzte sich aus allerhand philosophischen Betrachtungen, moralisierenden Mahnworten und packenden Gleichnissen zusammen. Fast immer und überall fand er eine Gemeinde, die ihm andächtig zuhörte. Auch Abba Glosker war ein solcher Maggid oder Darschan, aber er unterschied sich von leinen andern Berussgenossen dadurch, daß er freieren Anschauungen und lichteren Gedanken huldigte und auch den Mut befaß, diese Gedanken und Anschauungen in feinen Bortrag einzustreuen. Abba wollte nicht nur predigen, sondern auch lehren, belehren und seinen Stamm esgenossen einen neuen, ., fortschrittlichen Weg zeigen. Von Abba Glosker, dem Wano «Prediger, singt der Dichter: Vor Sprach- und Stammverwandten entg :t an > edem Ort Aus übervollem Herzen ihm das lebendige Wort, Zu lehren und zu bessern, zu sichten sonder Scheu Den Glauben von dem Wahne, den Weizen von der Spreu. In Litauens Hauptstadt, Wilna, finden wir Abba Glosker im offenen Kampfe gegen Fanatismus und für religiösen Fortschritt. Allerdings ist diese Kampfeszeit Abbas in ein gewisses unaufhellbares Dunkel gehüllt. Wir besitzen keine Nachrichten über die Wegrichtung, die er einschlug, noch über das Ziel, das er verfolgte. Nur aus dem Umstande, daß er von den Rabbinern und den Ueberfrommen der Wilnaer jüdischen Gemeinde mit tätigem Haß verfolgt wurde, können wir schließen, daß Abba wahrscheinlich höchst freisinnige, dazumal als ketzerisch empfundene Lehren zu verbreiten versucht hatte. Daß ihn ein Rabbinerkollegium in Wilna mit dem Bann belegte, ist nicht bezeugt, wenngleich es manche behaupten. Sicher ist nur, daß alle von Abba verfaßten Schriften eines Tages im Borhof der Synagoge zu Wilna auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt wurden. Bei diesem Autodafe ist mit den Blättern auch der auf ihnen schriftlich fixierte Gedankeninhalt vollkommen vernichtet worden. Nicht weniger als dreizehn Bücher hat Abba Glosker verfaßt, davon ist nicht ein einziges beschriebenes oder bedrucktes Blatt erhalten; dadurch ist uns jede Möglichkeit genommen, den Mann in seinem Denken und Trachten näher kenuenzulernen. Wir wissen nicht, ob Abba Glosker als ein Nachfahr Uriel Akostas oder als ein Vorfabr Salomo Maimoits, oder bloß als Verkünder der jüdischen Aufklärung im Osten anzusprechen wäre. Das Wenige, was seine Zeitgenossen über ihn berichten, besagt nur, daß er ein vollgerüttelt Maß an talmudischen Kenntnissen besaß, seine Rede durch tiefe Gedanken und lehrreiche Gleichnisse zu würzen verstand, und im übrigen als Märtyrer seiner liberalen Ueberzeugung alles Leid nnd jegliche Not mit stoischer Geduld ertrug. Nahe an die Sechzig war Abba Glosker, als er zum erstenmal von dem großen jüdischen Reformator Moses Mendelssohn erfuhr. Ans Wandern gewöhnt, beschloß er, aus

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