Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 40-41 (14.10.1931)
- Date
- 1931-10-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Verlängerung des Breslauer Wahlkompromiffes auf ein Zahr Das im Jahre 1930 abgeschlossene Kompromiß zwischen den Parteien der Gemeindevertretung Breslau war aus die Dauer von einem Jahre vereinbart. Dasselbe laust somit mit dem 3l. Dezember 1931 ab. Die Liberale Fraktion wie wohl auch die anderen Parteien waren sich bei den nun notwendigen Verhandlungen darüber einig, daß Neuwahlen in der jetzigen Zeit unter allen Umständen zu vermeiden sind. Die Verhandlungen zur Verlängerung des Kompromisses wurden durch den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Geheimrat Goldfeld, eingeleitel. Gegenüber dem Vorschläge per Liberalen Fraktion, das Kompromiß aus ein Jahr zu verlängern, wurde seitens der anderen Fraktionen der Vorschlag gemacht, dieses Kompromiß auf weitere zwei Jahre festzulegen. Schließlich wurde es in den Verhandlungen der Liberalen Fraktion überlassen, die Entscheidung über die Dauer des Kompromisses aus ein oder zwei Jahre zu tressen. Da nun die Liberale Fraktion der Ausfassung ist, daß die im Konrpromiß festgelegte Verteilung der Sitze in keiner Weise dem tatsächlichen Verhältnis der Wählerstimmen entspricht, so hat sie geglaubt, den Wünschen der Wähler dahingehend zu entsprechen, daß das Kompromiß auf eine möglichst kurze Dauer festgelegt wird, um den Wählern zu gegebener Zeit Gelegenheit zu geben, die Zusammensetzung der Gemeindevertretung nach ihren Wünscheil zu bestimmen. Lediglich aus diesem Grunde hat die Liberale Fraktion sich für Verlängerung des Kompromisses auf nur ein Jahr entschieden. Damit ist auch das Kompromiß auf ein Jahr verlängert. Die Verteilung der Sitze in der Gemeindevertretung bleibt -.somit wie folgt: Von den 23 Sitzen erhalten Liberale 11 Jüdische Volkspartei 4 Konservative Partei 3 Msttelpartei 2 Wirtschaftspartei des jüdischen Mittelstandes Arbeitsgemeinschaft ostjüdischer Organisationen 1 Im Vorstand verbleiben: Liberale 6 Jüdische Votkspartei 2 Konservative Partei 2 . Mittelpartei l Wirtschaftspartei des jüdischen Mittelstandes l Tic Liberalen stellen den Vorsitzenden der Gemeinde Vertretung als auch beu Vorsitzenden des Geineindevorstandes. Tie wesentlichen weiteren Bedingungen des Kompromisses gehen zunächst dahin, daß während per Dauer dieses Kornpromisses die bestehenden Gemeindeeinrichtungen, insbesondere diejenigen des Kultus, des Ilnterrichtes und des Ritualwesens, in bisheriger Weise aufrecht zu erhalten find. Es ist Vorsorge getrossen, daß sowohl in Fragen der jüdischen Schule als auch bei Anträgen betr. Palästinaunterstützung den liberalen Wünschen entsprochen wird. Winterhilfe der Synagogengemeinde Köln Das Wohlfahrtsamt der Synagogengemeinde Köln und das Gemeinde-Rabbinat haben an die jüdischen Einwohner- Kölns folgenden Aufruf erlassen: In der Gewißheit, daß wir den schwersten Kampf gegen Not und Elend im herannahenden Winter führen müssen, verfammluuaskalender Berlin-Norden-Nordosten. Vorttagszyllus für die Mitglieder der Bezirksgrnppen Norden und Rordosten des Liberale» verein« für die Angelegenheiten der jüdischen Genreindr zu Berlin E. V. und der Liberalen Synagoge Norde» (im Rahmen der Freien jüdischen Volkshochschule). Rabbiner Dr. Mar Wiener: „Gebet und religiöse Sitte". (<£«1» stehung und Ausbau unserer Gebete. — Die gottesdienstlichen Riten. — Der Sabbat. — Die Feste. — Was sagt der Gotteroienst dem modernen Eroßstadtmenschen?) Fragrnbeantmortung, Aussprache. Der Zyklus ßndet an fünf Dienstagen, am 20., 27. Oktober, 3., 10., 17. November, im Aurrbachfchrn Waisenhaus, Schönhauser Allee 162, abends 8 Uhr, statt. — Unseren Mitgliedern und Freunden stehen Karlen zum Preise von RM. 0,50 für den gesamten Zyklus bei den Vorstände» zur Verfügung. Cs wird eine rege Teilnahme erwartet. Breslau. Am 25. Oktober Bildet nunmehr der erste der geplanten Bibel» Nachinittage statt. Der Vorstand der Synagvgengemeinde hat zu diesen Bibel-Nachmittagen die Wochentags-Synagoge am Anger zur Verfügung gestellt. Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. vogelstein wird das Buch „Kohelet" besprechen, unb die Möglichkeit der Fragestellung soll danach eine rege Aussprache herbeWhren. In dieser Form glaubt der Liberale verein der Synagoge «-Gemeinde eine neue willkommene Anregung in bas religiöse Leben der Gemeinde zu bringen. Gottesdienste Berlin-Rorbe». Liberal« Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 16. Oktober, abends 7.15 Ahr. Predigt: Dr. Plotke. Sonnabend, vormittags 10 lllhr. Freitag, den 23. Oktober, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Swarfenski. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstraß« 30, Aula der Mädchen, schule. Freitag, den 16. Oktober, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Andorn. Freitag, den 23. Oktober, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Hirschberg. Verlin-Westend. Liberale Synagoge Westend, Letstilowstraße 7-8. Freitag, den 16. Oktober, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Swarfenski. Freitag, den 23. Oktober, abends 7.15 Uiyr. Predigt: v. d. Zyl. Berlin. Jüdische Rriorm-Eemeinde. Gottesdienste am Sonntag, dem 18. Oktober, vormittags 10.30 Uhr. Johanni-straße 16: Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststraß« 10: Predigt: Dr. Rosenthal. Gottesdienste am Sonntag, dem 25. Oktober, vormittags 10.30 Uhr. Johanni-straße 16: Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: Predigt: Dr. Lehmann. rufen wir euch zur Hilfe und Mitarbeit auf. Keiner darf sagen: „Ich kann nichts geben, mir geht es selber schlecht genug." Etwas zu geben hat jeder. Die Not pocht an allen Türen, bei allen Berufen und Ständen. Es geht darum, Hunderte und Taufende, die ohne unsere Hilfe hungern, frieren, verkommen, Eltern und Kinder, Greise und Greisinnen zu stützen und zu erhalten. „Du darfst nicht müßig stehen bei Gefährdung des Lehens deines Nächsten!" lischer Abstammung nach Südafrika ein. Eine Reihe von jüdischen Familien kam über die Insel St. Helena nach dem Kap. Diese Insel, die jetzt im allgemeinen nur durch die Gefangenschaft und den Tod Napoleons bekannt ist, spielte bis in das 19. Jahrhundert hinein eine sehr bedeutende wirt - schaftliche Rolle als eine der wichtigsten Laudungs- und Versorgungsstationen für die Schiffe der Britisch - Ostindischen- Kompanie, die zwischen England und Ostindien verkehrten. St. Helena war für die Britisch-Ostindische-Kompanie in dieser Beziehung fast ebenso bedeutend, wie früher Kapstadt für die Niederländisch-Jndische-Kompaguie. Als nun Kapland zur englischen Besitzung wurde und die Bedeutung von St. Helena zurückzugehen begann, wanderten einige jüdische Familien, die es in St. Helena zu großem Wohlstand gebracht hatten, nach Kapland aus. Unter diesen Familien ist namentlich die Familie Salvmon von Bedeutung, eine englisch-jüdische Familie, deren erster Vertreter, Saul Solomon, sich 1796 auf St. Helena niederließ. Er kam dorthin in jungen Jahren, wahrscheinlich als Angestellter der Britifch-Ostindischen-Kompagnie, wurde unterwegs krank, blieb auf der Insel und erwarb sich durch seine kaufmännische Tätigkeit eine solch hohe Stellung, daß er in den Handelskreisen nicht nur der Insel, sondern auf dem Kap und in London als der „Kaufmann- König von St. Helena" bezeichnet wurde. Solomon war übrigens ein glühender Verehrer von Napoleon und soll sogar an einer Verschwörung beteiligt gewesen sein, zum Zwecke, Napoleon von seiner Gefangenschaft zu befreien, die aber dadurch vereitelt wurde,d aß eine Leiter, auf der sich Napoleon hätte von einem Felsen aus ein Schiff schwingen sollen, vorzeitig entdeckt worden war. Nach ihm kamen einige Brüder von ihm ebenfalls nach St. Helena, die meisten dieser Familien zogen dann weiter nach Kapstadt. Einer seiner Neffen, der ebenfalls Saul Solomon hieß, spielte später in Kapstadt eineg roße politische Rolle, wurde in den 50 ziger.Jahren zum Mitglied des dortigen Parlaments gewählt, war Eigentümer und Herausgeber einer der größten Zeitungen in Kapland, „Cape Argus", und übte während einiger Jahrzehnte einen sehr starken politischen Einfluß in Südafrika aus. Ein Verwandter von Solomon, Nathaniel Jsaacs, spielte noch als ganz junger Mann eine sehr große Rolle in der wirtschaftlichen Ausschließung der jetzigen Provinz Natal, die damals noch unter der Herrschaft der Zulukönige stand. Er war einer der englischen Pioniere, deren Tätigkeit dazu beitrug, dieses Land unter englische Herrschaft zu bringen. Neben englisch-jüdischen Familien kamen auch einige jüdische Familien aus Deutschland, die ebenfalls einen hohen Grad von Wohlstand erreichten, so z. B. Maximilian Talwitzer, der 1823 aus Deutschland kam, und welcher der Erste war, der Merinoschafe nach Südafrika brachte und als eigentlicher Gründer des Wollhandels und der Wollindustrie in Südaftika gelten kann. Andere Personen deutsch-jüdischer Abstammung waren z. B. Gabriel Kilian, der als Teilhaber einer Handelsfirma aus Frankfurt a. M. kam, Joseph Mosenthal, der 1839 als Angestellter der Kilianfirma nach dein Kap gelangte, und andere mehr. Mosenthal und feine Brüder, die nach ihm aus Deutschland nach Südafrika kamen, entfalteten eine großzügige Tätigkeit und schufen ein Handelshaus, das namentlich auf dem Gebiete des Woll-, Häute- und Fellhandels zu einem beherrschenden wurde. Es gelang den Mosenthals, nachUeberwindung großer Schwierigkeiten die Zucht von Angoraschafen in Südafrika zu entwickeln, was für die Wollindustrie des Landes von sehr großer Bedeutung wurde. Diese aus Deutschland eingewanderten Juden zogen, wie es stets in solchen Fällen geschah, eine Reihe von anderen deutsch-jüdischen Familien nach sich, zum größten Teil aus Hessen, und der Verfasser schreibt von ihnen, daß sie durch ihre gute Erziehung, ihre geschäftlichen Fähigkeiten und durch ihr Kulturniveau oft höher standen, als die sonstigen Elemente der damaligen weißen Bevölkerung Südafrikas. Es ist interessant, was Lady Duff Gordon 1860 über die Juden englischer und deutscher Abstammung in Kapland schreibt: „Diese kolonialen Juden sind eine neue Erscheinung für mich. Sie besitzen die Züge ihrer Rasse, viele ihrer Eigentümlichkeiten sind aber verloren. Herr L., der sehr hübsch und ein Gentleman ist, ißt Schinken und besitzt eine große Schweinezucht auf seiner Musterfarm. Er sagt von sich, er sei ein ■ treuer Jude, ist es jedenfalls in seiner Wohltätigkeit, will aber seine Gebete nur englisch sprechen und sich dabei nicht in einen Tallith und Tesillim kleiden. Er und seine Frau sprechen von England als von ihrer .Heimat und kümmern sich um Jerusalem so viel, wie ihre Nachbarn. Sie haben nicht die früheren Verfolgungen vergessen, sind den Farbigen gegenüber höflich und sprechen von ihnen ganz anders als die anderen englischen Kolonisten. Sie besitzen dazu weit bessere Manieren und in jeder Beziehung sind sie mehr „human" im deutschen Sinne des Wortes.' sie sind kurz gesagt, weniger „kolonial". Viele dieser Juden, deren Zahl im allgemeinen eine verhältnismäßig geringe war und die in einer überwiegend nichtjüdischen Umgebung lebten, gaben ihr Judentum auf, entweder durch direkten llebertritt zum Christentum oder durch eine vollkommene Entfremdung vom Judentum, auch dann, wenn sie keine Christen geworden sind. Erst im September 1841 entstand die erste jüdische Gemeinde in Südafrika, in dem sich 17 Juden in Kapstadt zur Feier des Versöhnungs-- festes versammelten. Sie legten die Grundlage zur jüdischen Gemeinde, die sich „Tikvath Israel" (die Hoffnung Israels) nannte, und die nn Sepetmber 1849 die erste Synagoge in Kapstadt und damit in ganz Südafrika, erbaute. Der Verfasser gibt in seinem Buch eine sehr eingehende Schilderung der Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Kapstadt und den übrigen Städten Südafrikas, auf die wir hier nicht eingehen.können. Es sei nur erwähnt, daß auch in beit 70 zig er und 80ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als in Südafrika ungeheure Reichtümer an Diamanten und Gold entdeckt wurden und das Land zahlreiche unter¬ Spendet Beiträge, einmalig oder monatlich, wmn auch noch so klein, um dem Wohlfahrtsamt die ausreichende Er- & seiner sürsorgerischen Aufgaben auch in diesem harten zu ermöglichen. Gebt Kleider, Wäsche, Lebens- und Heizmittel. Setzt nns in den Stand, insbesondere die auf breiter Grundlage neuorganisierte Bolksspeisung so durchzuführen, daß sie allen Anforderungen genügen, jedem Bedürftigen zugute kommen kann. „Brich dem Hungernden dein Brot! Verstoßenen Armen bereite ein Dach! Siehst du einen Nackten, bekleide ihn! Entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!" Man bittet, für Geldüberweisungen sich des Postschecks Köln Nr. 618 zu bedienen. Alle andern Zuwendungen wolle man beim Wohlfahrtsaint der Synagogengemeinde Köln, Rubensstraße 33, Tel. Nr. 21 6117 anmelden. Notlage der jüdischen Werkstudenten Durch die Tagespresse erscheinen in letzter Zeit Artikel über die Werkstudenten im allgemeinen Und ihre Tätigkeit im besonderen. Recht romantisch geschrieben, wie ein junger Mann mit Schmissen im Gesicht Straßenarbeiten verrichten muß, um sein Studium zu ermöglichen, oder wie ein zweiter kellnerierend sich in den Ferien durchs Land schlägt. Mehr staunend als die Not erkennend werden diese Erlebnisse, die leider zu stark auf Effekthascherei zugeschnitten zu sein scheinen, vom fernstehenden Publikum gelesen. In Folgendem will der Schreiber, der selbst Werkstudent ist, die traurige Lage der Werkstudenten schildern, mit der Absicht, bei den Lesern für Arbeit zu werben. Die immer mehr sich auswirkende Wirtschaftskrise trifft den Werkstudenten dreimal. Einmal sind die Unterstützungsqnellen derart erschöpft, daß dem einzelnen Studenten ein kaum nennenswerter Teil aus den. Mr Verfügung stehenden Mitteln znfällt. Dann wirkt die allgemeine Arbeitslosigkeit und die geringe Kenntnis von der Art der Arbeit der Werkstudenten, auf die der Schreiber noch zu sprechen kommt, lähmend auf Stellerweschasfung für die Kommilitonen und letztens senkt das Zunehmen der Werkstudenten die Möglichkeit auf Arbeit für den einzelnen stark. Auf das akademischen Erwerbsvermittlungsamt kommen täglich 100 bis 150 Studenten und Studentinnen nach Arbeit fragen. Ausgeschrieben sind durchschnittlich 6—7 Stellen, wobei eingerechnet ist, daß Sonnabends wegen Mangel an Angeboten die Stellenverteilung häufig ausfällt. Es gibt kaum Arbeit, die durch Werkstudenten nicht ausgeführt wird. Einige Angebote, die dem Schreiber noch im Gedächtnis sind und Arbeiten, die er selbst ausgeführt hat, sollen angegeben werden. 1. Zwei kräftige Studenten zum Teppichklopfen gesucht. 2. Ein Student für Vormittag zum Fensterputzerl gesucht. 3. Studentin, Sportlerin, kinderlieb, zur Beaufsichtigung eines neunjährigen Mädchens. 4. Student oder Studentin, gewandt in Stenographie und Schreibmaschine, für Mietbüro halbtägig. 5. Drei Studenten für Tanz- und Unterhaltungsmusik, Klavier, Geige, Schlagzeug. 6. Student wird für statistische Arbeiten gesucht. 7. Zwei Studenten, schlanke Erscheinungen, als Hochzeitsgäste gesucht. 8. Drei Studenten zuin Verkauf von Bratkartoffeln in Tüten. . nehmungslustige Menschen aus allen Teilen der Welt, vor allem aus England, heranlockte, der Anteil der Juden ein sehr merkbarer war. So wurde z. B. Alfred Beit, ein Mitglied einer angesehenen Hamburger jüdischen Familie, einer der Mitbegründer der weltbekannten von Cecil Rhodes geleitetet De Beers Consolidated-Company, welche die gan^e Diainantproduktion. in Südafrika monopolisierte. Eine andere sehr bekannte Diamalltenfirmr wav dir von dem englischen Juden Barirett Jsaacs gegründete Firma Barneto Brothers. Ebenso beteiligten sich viele Juden an der Entwicklung der Goldindustrie in Transvaal, und als Johannisburg zur Stadt erklärt wurde bildeten die Juden mindestens ein Zehntel der Bevölkerung. Die Juden erreichten aber nicht nur ein hohes wirtschaftliches Niveau in Südafrika, sondern betätigten sich auch oft in sehr nützlicher Weise auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Seit dem Beginn der 80ßiger Jahre des vorigen Jahrhunderts trat in den Charakter der jüdischen Bevölkerung Südafrikas eine wesentliche Aenderung ein. Bi sdahin waren es hauptsächlich Juden englischer, bzw. holländischer oder deutscher Abstammung, die nach Südafrika kamen. Am Anfang der 80 ziger Jahre aber setzte in Rußland infolge der antisemitischen Reaktion, die mit dem Regierungsantritt Alexanders III. dort herrschend wurde, eine starke jüdische Auswanderungswelte ein. Auch aus Rumänien, wo die Rechtsverhältnisse ähnlich wie in Rußland waren, und dem damaligen österreichischen Galizien, wo es zwar keine Rechtsbeschränkungen gab, wo aber die wirtschaftliche Lage der Juden infolge ihres tiefer kulturellen Niveaus und anderer Ursachen ebenfalls eine sehr traurige war, verstärkte sich die jüdische Auswanderung. Sie richtete sich zum größten Teil nach den Vereinigten Staaten, während ein geringer, aber nicht ganz unbeträchtlicher Teil nach Südafrika kam. Während also vor 1870 es keinen einzigen Juden in Südafrika gab, der aus Osteuropa stammte, und noch vor 1880 klyn ein halbes Dutzend jüdischer Familien aus Rußland, Galizien oder Rumänien gezählt werden, wurde die Lage durch die Entwicklung in Osteuropa seit den 80 ziger Jahren so geändert, daß sehr bald der allergrößte Teil der Juden in Südafrika aus solchen gebildet wurde, deren Muttersprache Jiddisch war, und deren Geburtsorte im damaligen Rußland bzw. Rumänien oder Galizien lagen. Merkwürdigerweise war es besonders das frühere russische Gouvernement Kowno, welches den größten Teil der jetzigen Republik Litauen bildet, das die allermeisten jüdischen Auswanderer nach Südaftika schickte. Einige kleine Städte dieses Gouvernements, wie Ponovesh, Shavli, Plungyan, entsandten fast die Hälfte der jetzigen Juden in Südafrika. Die Auswanderer aus diesen Städten übertrafen an Zahl diejenigen, die in der Heimat geblieben waren, lieber die wirtschaftliche und geistige Entwicklung dieser neuen Einwandererschicht sagt der Verfasser fast garnichts, da seine Darstellung mit 1895 abbricht. I. Lewin