Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 38-39 (30.9.1931)
- Date
- 1931-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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(Schweinsurth) schreiben lassen, m dem sich neben sonstigem, für Menschen unseres Jahrhunderts unlesbarem Zeug folgende Sätze finden: Und um das Zusammenstehen der Völker aller, der gesamten Menschheit — zumal in einer drangvollen Zeit, wie die ist, in der wir leben, in der alle zum Zusammenschluß sich aufgefordert sühlen müssen, ganz besonders hinsichtlich der Gefahr des Bolschewismus — recht eindringlich zu gestalten, verlangte das Fest die Darbringung von 70 Stieren, die für alle Nationen der Welt, die man auf 70 berechnete, dargebracht wurden, um so den Gedanken der Solidarität aller Völker, aller Menschen zum Ausdruck zu bringen und zur uneingeschränkten Universalität anzuregen. Die C.V.-Zeitung kommt in viele tausend nichtjüdische Hände. Glaubt ihre Redaktion, durch „Symbolisierung" von Massenschlachtungen für das Judentum Propaganda zu machen? Das Judentum hat das Tieropfer überwunden; das ist wichtiger als alle Symbolspielerei, zumal vor einem Kreis von Lesern, deren christliche Religion auch in ihrer Frühzeit nie ein Tieropfer gekannt hat, weil sie später entstanden ist als das Judentum. Welcher Christ aber denkt an diese spätere Entstehung und daran, daß auch das Judentum das Opfer abschaffte? Die christliche Theologie lehrt ohnehin, das Christentum, der „neue Bund" Gottes mit den Menschen, sei Fortschritt über den „alten Bund", über das Judentum hinaus. Jeder Christ lernt das als Kind schon im Religionsunterricht. Ist es da nötig, durch einen orthodoxen Rabbiner die Hinschlachtung von siebzig Stieren als religiöses Symbol (man denke: als Symbol des Völkerzusammenschlusses!) verherrlichen zu lassen, so daß man bei der Erinnerung an den Tempel Salomos nicht an diu Heiligtum des ewigen Gottes, sondern an einen modernen Zentralviehhof denkt?! Solch abgeschmackte „Symbolik" erschwert dein C.V. seine Arbeit -- u. a. sogar die gegen das Schächtverbot, denn ein Laie inuß aus Dr. Steins Schilderung den Eindruck gewinnen, siebzig Stiere wären damals alljährlich unnütz hingeschlachtet worden, bloß als Symbol: bekanntlich erklären die antisemitischen Schächtgegner das Judentum für tierquälerisch und grausam. Die Aufklärung über das wahre Wesen des Judentums kann nur getingen, wenn inan sich dafür moderner Geister bedient und mit dem gedankenlosen Vorurteil ausräumt, .Hüter der Religion s sei allein die Ortoodozie. l Jüngst lasen wir, man habe viele hunderttausend Schwalben, die, ans der Nordseite der Alpen voii Frost und Schure überrascht, erschöpft mit dem Tode rangen, eiugesnngen und in Flugzeugen nach Italien gebracht, damit sie von dort, er! holt, weitersliegen. Es ließe sich unschwer Nachweisen, daß j dies Geist des Judentums ist, und es bedürfte zu solchem Nachweis keines mit Symbolik spielenden Aussatzes wie desjenigen von Rabbiner Stein, der der Sache der deutschen Juden auch deshalb abträglich ist, weil er gegen den § 1 der C.V.-Satzungen („unbeirrte Pflege des Deutschtums"', verstößt. Oder hält irgendwer die Sprache, in der die oben! zitierten Sätze geschrieben sind, für Deutsch? Ewig schade, daß dieses Symbol unserer Rückständigkeit sich in der gleichen Nummer finden muß, in der über die Arbeit berichtet wird, die der C.V. aus Anlaß der Kurfürstendamm-Krawallc geleistet hat und für die wir ihm wie für alle seine unersetzliche Abwehrarbeil dankbar sind. tz. Professor Nathan Stein (Karlsruhe) 50 Jahre Mit großer Freude nehmen wir die Gelegenheit wahr, dem Vorsitzenden des Oberrates badischer Israeliten, Herrn Professor Tr. Nathan Stein, zu seinem 50. Geburtstag am 1. Oktober unsere herzlichsten Glückwünsche auszusprecheu. Solange Herr Professor Stent in der jüdischen Oeffentlichkeit und Verwaltung tätig ist, hat er sich mit vollem Einsatz seiner Persönlichkeit stets zum liberalen Judentum bekannt. Wenn ihm heute aus allen Kreisen des Judentums iin badischen Lande einstimmig Dank und Anerkennung ausgesprochen wird, so zeigt dies wiederum, daß treues Eintreten für die 'eigene Partei und unparteiische Verwaltungsarbeit nicht in Gegensatz zueinander stehen. Ter Verejni- 'gung für das liberale Judentum jst der Jubilar stets eiil eifriger Freund und Förderer; der breiteren Oestentlichkeit ist er in der letzten Zeit namentlich dadurch bekannt geworden, daß er in Baden der Exponent des Reichsverbands- Gedankens ist. Noch in der vorigen Nummer dieses Blattes Versammlungskalender Berlin-Norden. Limchas-Tauro.Feirr der Lezirlsgruppr Norde« des Liberale« Vereins )ür die Angelegrnh.'iten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. für Mitglieder und deren Angehörige am Sonnabend, den, 10. Oktober, abends 8 Uhr pünktlich, in den Räumen des Jüdischen Wohlfahrtsamtes Prenzlauer Berg, Metzer Straße 1. Vorträge, Geselligkeit, musilalifchr Unterhaltung. Eintritt 30 Pfennig einschließlich Bewirtung (Tee und Kuchen). Der Ertrag fließt dem Jüdische« Wohlfahrtsamt Prenzlauer Berg zu. Berlin-Rorden-Nordosten. Vortragszyklus für dir Mitglieder der Bezirksgruppen Norden und Rordvsten des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. und der Liberalen Synagoge Norden (im Rahmen der Freien jüdischen Volkshochschule). Rabbiner Dr. Mar Wiener: „Gebet und religiöse Sitte". (Entstehung und AuHau unserer Gebete. — Dir gottesdienstlichen Riten. — Der Sabbat. — Die Feste. — Was sagt der Gottesdienst dem modernen Großstadtmenfchrn?) Fragrnbeantmortvng, Aussprache. Der Zyklus fändet an fünf Dienstagen, am 20., 27. Oktober» 3., 10., 17. November, im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 182, abends 8 Uhr, statt. — Anmeldungen und Karten bei den Vorständen. Es wird eine rege Teilnahme seitens unserer Mitglieder und Freunde erwartet. Gottesdienste * Lerttlt'Nßrde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 2. Oktober, abends 7.15 Uhr, SeelenFier. Predigt: Dr. Plotke. Sonnabend, den 3. Oktober, vormittags 10 Uhr, Seelenfeier. Predigt: Dr. Swarsenfki. Sonnabend, den 3. Oktober, abends 6 Uhr. Predigt: Dr. Swarsenfki. Sonntag, den 4. Oktober, vormittag» 10 Uhr. Predig!: Dr. Salomonski. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstraße 30, Aula der Mädchen, schule. Freitag, den 2. Oktober, abends 7.30 Uhr, Seelenfeier. Predigt: Dr. Swarsenski. Sonnabend, den 3. Oktober, abends 7.30 Uhr. Predigt: Dr. Plotke. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-8. Freitag, den 2. Oktober, abends 7.15 Uhr, Seeleufeier. Predigt: Dr. Mehler. Sonntag, den 4. Oktober, vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Swarfensii. BarmizunN, rier: Am 4. Oktober, Hans-Peter Arnhold. Berlin. Jüdische Rekorm-Gemeinde. Laubhütten-Schlußsest mit Seelenfeier am Sonnabend, dem 3. Oktober. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Lehmann. — Fest der Freude — Gottesdienst der Jugend — am Sonntag, dem 4. Oktober. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr. Ansprache: Alfred Hadra. — Gottesdienste am Sonntag, dem 11. Oktober. Johannisstraßr 16: vormittags 10.30 Ahr. Predigt: Dr. Rosenthai. Kleiststraße 10: vormittags 10.30 Ahr. Predigt: Dr. Jelski. — Am 3. und 4. Oktober finden in der Kleiststraße keine Gottesdienste statt. kam dies in den Ausführungen zum Ausdruck, die er über die Aufgaben der jüdischen und GemeindeverbänDe geinacht hat. Wir glauben, den verdienten Mann au dieser Stelle nicht besser ehren zu können, als wenn wir die Worte hierher setzen, die das Mannheimer Israelitische Gemeindeblatt ihm m der Septembernummer widmet: „Die Menschen von heule in ihrer Lang- und Raschlebigkeit haben den Termin für Geburtstagsjubiläen weiter hinausgerückt. Offiziell beginnt man erst am 60. zu feiern. Mer Herr Professor Dr. Nathan Stein in Karlsruhe, der Vorsitzende des Oberrates der badischen Israeliten, will trotz seiner höhen Stellung und Würde kein „Offizieller" sein. In der Familie ist heute der 50. Geburtsrag ein frohes Fest. Und so will und soll die große Familie der badischen Judenheit mit ihrem Oberhaupt den Tag, an dem dieser das erste Lebcnshalbjahrhundert vollendet, den 1. Oktober 1931, freudig begehen. Für laute Feiern ist unsere Zeit nicht geeignet. Schlicht und einfach, herzlich und innig sei sei unser Glückwunsch an den Mann, der an der Spitze unserer badischen Religionsgemeinschaft steht. Wir »vollen die Bedeutung und Wirksamkeit der Organisation der badischen Judenheit nicht überbewerten; innerhalb der deutschen Judenheit bilden wir einen kleinen Bruchteil. Ja man mag auch das historische Gewicht unserer über 120 Jahre alten Landessynagoge zu leicht befinden: so viel bleibt unangefochten stehen, daß über alle lokal« und numerische Beschränktheit hinaus die Organisation der badischen Juden als ein Beispiel festgefügter Gemeinschaftsarbeit aus der Zerrissenheit und Unausgeglichenheit der jüdischen Parteiungen emporra-gt, breit fundiert aus dem Vertrauen aller Richtungen und Schichtungen der badischen Juden. Prof. Dr. Stein ist der Hüter und Mehrer dieses unseres kostbaren Besitzes. Nichts besseres kann die dankbare Gemeinschaft heute von ihrem Führer sagen, als daß sie ihren Besitz gesichert und wohlbehütet in seinen Händen weiß. Es ist als ob sich jeder Einzelne in seinen jüdischen Interessen geborgen fühlte unter der Führung^ Prof. Dr. Steins, der, ein Träger jüdischer Kultur, eine führende Persönlichkeit im deutschen Wirtschaftsleben in die Leitung der Organisation hincinlegt die Wärme alter jüdischer Familientradition und die weise Besonnenheit der weltmännischen Erfahrung. Prof. Dr. Stein ist ein würdiger Repräsentant der badischen Judenheit, der er Kraft nach innen und Ansehen nach außen verlieh. Jugendfrisch, in körperlicher und geistiger Elastizität schreitet er über die Schwelle des neuen Lebensabschnittes, in dem gesteigerte Anforderungen seiner harren» denn auch die Laudessynagogo wird bedroht von den Strömungen der Wirtschaftsnöte; das Steuer muß mit Umsicht und Kraft geführt werden. Mit Zuversicht blickt die badische Judenheit auf den Steuermann. Ihm fließt zu seiner Gebnrtstagsseicr eine Fülle von Vertrauen, Liebe und Treue entgegen." Emanuel Kürschners 50jähriges AmlsjubilSum Der hervorragende Kantor, Komponist und Musikwissenschaftler Emanuel Kirschner beging sein 50 jähriges Jubiläum als erster Kantor der jüdischen Gemeinde München. Kirschner wurde 1857 in Rokitznitz (Oberschlesien) geboren und 1881 zum Kantor in München gewählt. Von der Münchener Akademie der Tonkunst als Lehrer des Solo-Gesanges berufen, trat er nach wenigen Jahren voll diesem Posten zurück und widmete sich fortan nur seinem Amte uub wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiete der Synagogmmusik. Sein Lebenswerk bilden die „Tehillot leel eljon", Synagogengesänge für Kantor und Chor mit Orgelbegleitung, 1 Bde., sowie „Trauungsgesänge", deren Veröffentlichung er 1896 begann und 1926 abschloß. Auch seine fachwissenschastlichen Arbeiten über die Musik im Judeutum, über Entwicklung des traditionellen Gesanges u. a. m. haben weiteste Beachtung gefunden. Eine ausführliche Würdigung Emanuel Kirschuers werden wir anläßlich seines 75. Geburtstages, im Februar, veröffentlichen. Wieder nationalsozialistischer Minister in Vraunschweig Der Braunschweigische Landtag wählte den Nationalsozialisten Regierungsrat Klagges mit 20 gegen 19 Stimmen zum zweiten Staatsminister. Für ihn stimmten mit den Nationalsozialisten die bürgerlichen Abgeordneten, gegen ihn stimmten die Sozialdeinokraten, Kommunisten und der volksnationale Abgeordnete. Die Begrüßungsworte des Präsidenten gingen unter im Lärm der Tribüne, die rief: „Nieder mit dem faschistischen Landtag!" kleine Nachrichten Am 20. September konnte der 80 jährige Schriftsteller und Redakteur I. Landau Beiveise der Anhänglichkeit und Dankbarkeit in Menge entgegennehmcn. Sein Heim in der Bamberger Straße war mit Blum-cnspenden überfüllt, Briese und Telegramme von überall her brachte»: Grüße, und viele Freunde waren persönlich erschienen. Die Verbände, denen der Jubilar seine Mitwirkung gewidmet hat, sprachen durch ihre Vertreter Glückwünsche aus: der Verein Berliner Presse, Verlag und Redaktion des „Berliner Börsen- Couriers", Verband Berliner Theaterkritiker, Schillerstiftung und Goethebund, Gesellschaft für deutsche Theatergeschichte und der Verein Berliner Journalisten. Die Antworteu des Gefei-erten zeugten ebenso von seinem gütigen Wesen wie von seiner Frische. Die Bühnengenossen-- schüft hatte eine künstlerische Adresse übermittelt. Glückwunschtelegrammc sandten u. a. Oberbürgermeister Dr. Sahm im Namen der Stadt Berlin, Präsident Franz von Mendelssohn für die Berliner Handelskammer und die Reichsbahndirektion Berlin. * Die bekannte jüdische Philanthrvpin Oesterreichs, Frau Dr. Henriette Weiß, ist an den Folgen einer Operation im Alter von „Ein Mann hak sich erhängt" Eröffnungsvorstellung des „Zeittheaters". Es ist in diesem Blatte nicht die Ausgabe des Kritikers, in die Debatte darüber einzntreten, ob und wie weit die Kunst sich in den Dienst bestimmter Tendenzen zu stellen hat. Unfraglich bleibt zweierlei: erstens, daß die große,' absolute Kunst (Shakespeare) sich niemals zum Werkzeug einzelner Tendenzen, und feien diese noch so ideal, hat machen lassen; und ferner, daß zur Propagierung von Tendenzen jedes Mittel, auch das der Kunstform, benutzt wird. Wenn also das „Zeittheater", ähnlich wie Piscator, die Politik ans die Bühne bringen will, so interessiert uns an dieser Stelle nur die Frage, welche Politik es auf die Bühne bringt. Wir dürfen zufrieden sein: das „Zeitstück" des bereits vom „Krach um Leutnant Blumenthal" her bekannten Schriftstellers Alfred Herzog „Ein Mann hat sich erhängt", dieses Mal nicht in der Reichswehr, sondern in der Reichsmarine spielend, vertritt eine gut republikanische Gesinnung und zudem die Gesinnung echter Menschlichkeit und Kameradschaft. Auch die Judensrage, oder besser: die Antisemitenfrage wird behandelt, auch sie in einem Sinne, den wir nur begrüßen können. Allerdings darf man fragen, ob der Verfasser sich nicht manches zu leicht gemacht hat: daß dem einzigen in dein Stück auftretenden Juden zwei Söhne im Felde gefallen sind, reicht allein zur Beurteilung der Judenfrage nicht aus, aber natürlich ist es als Argument auf der Bühne ebenso wirksam wie bei Auseinandersetzungen über das alte und neue „System" der Hinweis darauf, daß „Seine Majestät den Fahneneid nicht gehalten hat, als er nach Holland über die Grenze floh". Alles in allem: ein bühnenwirksam zurechtgemachter politischer Leitartikel mit sympathischer Tendenz. Ausgezeichnetes Spiel — bei den vielen Rollen nur ein einziger (weiblicher) Versager —, bewundernswertes Zusammenfpiel, und, an den primitiven Bühnenverhaltnissen des Wrllner-Theaters gemessen, überraschend gute Bühnenbilder. Zwei köstliche Typen verdienen besonders erwähnt zu werden, köstlich in der Konzipierung durch den Verfasser wie auch in Maske und Spiel der Darsteller: der katholische uird der protestantische Gefängnisgeistliche. Und noch eins verdient anerkannt zu werden: die nationalistischen und die kommunistischen Gegenspieler sind nicht übertrieben oder karikiert, weder durch den Verfasser noch durch die Ausführung. Handett es sich nach allem hier Gesagten auch nicht um hohe Kunst, und ist ferner auch das Politisch- Tendenzmäßige nicht eben tief, so war es doch ein genußreicher Theaterabend, und es ist sicher, daß das „Zeittheater" im Rahmen seiner Absichten einen guten Griff getan hat, der Nutzen stiften kann. tz. Kleinigkeiten Der Schulmeister Eines Tages sitzt einer unserer Freunde in der Straßenbahn einem Herrn gegenüber, der sich von ihm Feuer geben läßt und sich im Laufe des darauf einsetzenden Gesprächs als auswärtiger Lehrer, der in der Stadt einen Kollegen vertritt, vorstellt. Als Gegenleistung erbittest sich unser Freund dasjenige Blatt seiner Zeitung, auf welchem zufällig der Bericht über eine Lessingfeier in Kamenz steht. „Gern", sagt der Herr Lehrer unter Ueberreichung des Blattes, nicht ohne hinzuzufügen: „Sie sind wohl auch, wenn ich fragen darf, so ein Anhänger der freien Liebe?" „Wieso", entgegnet unser Freund, sich zunächst mal dumm stellend, denn er weiß als Kenner der Literatur genau, worauf jener hinauswill. Und nun zitiert ihm der Herr Lehrer tatsächlich die Stelle aus Nathan: „Es eifre jeder seiner... von Vorurteilen freien Liebe nach"!!! Umsonst — sie fuhren noch eine ganze Weile zusammen — bemühte sich unser Freund, Lessing vor solcher Verballhornung zu schützen und den Herrn Lehrer zu belehren. Umsonst! Unser Schulmeister glaubt nun mal an Lessing als Verkünder ber „freien Liebe", und so wird er Lessing, den sächsischen (sexischen?) Pastorsohn, nie leiden können und, was das Schlimme ist, noch in viele jugendliche Herzen das Gift solch verblödeter Auffassung spritzen. Getroffen Unser Freund befindet sich in einem Zigarrenladen an einem der verkehrsreichsten Plätze der Stadt, als vom benachbarten Stand ein Droschkenchauffeur eintritt. „Geben Sie mir mal so 'ne P a l ä st i n a - Z i g a r r e!" Der Käufer zuckt die Achseln und erkundigt sich, was das sein soll. „Na, das Fabrikat von dem Ostjuden" ist die Antwort. Der Verkäufer versteht jetzt zwar, bedauert aber, gerade diese Sorte nicht zu führe», und bietet etwas Gleichwertiges an. Hierauf der Chauffeur: „Gut, dann nehme ich davon drei Stück. We»»n sie nämlich die - andere Sorte geführt hätten, würde ich überhaupt nichts bei Ihnen kaufen." Das ist ehrlich, und nun mischt sich unser Freund ins Gespräch mit der Frage, warum ihm denn die Zigarre, die doch recht gut wäre, nicht gefiele, worauf dieser denn loslegt: „So einen Mann soll man noch unterstützen, der Tausende von Arbeite r n brotlos gemacht hat, der Aussauger!" — Da erklärt ihm unser Freund, daß das erstens nicht stimint, da in der einen Fabrik bereits über 10000 Arbeiter beschäftigt seien, was für das Wirtschaftsleben der kleinen Stadt sehr siel bedeute, und zweitens, indenr nun er loslegt: „Haben Sie sich ein Gewissen daraus ge,nacht, mit Ihrer Autodroschke soundsoviele Pferdedroschkenkutscher mit einem Schlage um ihren Broterwerb zu bringen? Und ich glaube doch, Sie sind kein Jude!" Ein dummes Gesicht machen und verschwinden war für den Chauffeur eins, ein Bild, über das sich unser Freund diebisch freute und das auch dem jungen Manne, der sehr andächtig der Szene beigewohnt hatte, ein behagliches Schmunzeln entlockte. Dr. Richard Elb.