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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-09-30 · 38-39 (30.9.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
38-39 (30.9.1931)
Date
1931-09-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Repräsentation r'"‘ I. Die Wirtschaftsnot wächst unaufhaltsam. Schon vor einigen Jahren konnte der aufmerksame Beobachter — besonders in den Großstadtkreisen - bemerken, wie langsam ein Kreis um den andern, eine Familie nach der andern von ihr erfaßt wurde; in den letzten Monaten und Wochen aber wächst sie täglich, stündlich fast, an und überflutet immer weitere Volkskreise,- Millionen von Volksgenossen gehen dabei unter! Zu denjenigen, die von der Sturmflut der Wirtschaft^ not am härtesten betroffen werden, gehört unstreitig der jüdische Bevölkerungskreis. Wohl drückt sich das weniger in der Zahl der jüdischen Arbeitslosen aus; wenngleich auch diese erschreckend hoch angewachsen ist, mag sie vielleicht prozentual noch hinter derjenigen der großen Allgemeinheit zurückslehen. Dies besagt aber gar nichts über die Gesamtlage, da eben bei uns Juden von jeher nur ein relativ geringer Teil der Erwerbstätigen zur Gruppe der Angestellten gehörte. Bei der jüdischen Bevölkerung aber sind es vor allem auf dein Lande der Händler, in den Städten der kleine und mittlere Kaufmann, der Industrielle eines kleineren Betriebes, der frühere Rentner, Angehörige der freien Berufe, die Angehörigen des einstigen Mittelstandes, die schon von Krieg und Inflation geschwächt und eines großen Teils ihres Ka pitals beraubt worden waren, und nun fast wehrlos den heutigen Wirtschaftsstürmen nach und nach zum Opfer fallen. Sie sind aber nach ihren, Zusanmrenbruch fast noch schlimmer gestellt als diejenigen, welche arbeitslos geworden sind, da bei ihnen keine sozialen Hilfsmaßnahmen vom Staate vorgesehen sind. Wenn vor kurzem von antisemitischer Seite in beispiellos frivoler Weife die Not unter den Juden bestritten und dabei höhnisch nach der Zahl der jüdischen Arbeits losen gefragt worden ist, so verdient diese Frage überhaupt keine .Erwiderung, denn diese Not ist sichtbar genug; »verklär und unvoreingenommen sehen will, erkennt sie deutlich am Zusammenbruch alter und angesehener jüdischer Firmen, an, Verschwinden größerer und kleinerer jüdischer Ladengeschäfte, am Untertauchen zahlloser jüdischer Existenzen des einstigen Mittelstandes im Proletariat. Darüber können den sachlichen Beurteiler auch einzelne Warenhäuser, die sich zum Teil in jüdischen Händen befinden, nicht täuschen, wobei noch zu bemerken wäre, daß auch diese Geschäftszweige durchaus nicht alle so glänzend stehen. II. So ist.heute die Lage der jüdischen Bevölkerung Deutschlands, deren wirischaftliches Fundament in katastrophaler Weise unterhöhlt ist. Wie aber Reich und Länder, Staat und Verbände alles ausbieten, um dem drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch zu begegneil, so ist es auch Pflicht der jüdischen Geineinschjaft, Dämme gegeir das Ucberhandnehmen der Wirtschaftsnot zu errichten, zeitig Maßnahmen gegenüber der drohenden Katastrophe zu treffen; nichts darf hier unversucht bleiben. Es »vurde — auch in diesen Blättern - schon auf man ches Mittel der Selbsthilfe hingewiesen. Organisatorischer Zusammenschluß der jüdischen Landesverbände, Zentralisation des Wohlsahrtswesens, Gründung von Darlehnskassen, Berufsumschichtung, Stärkung jüdischen Belvußtseius, jüdischen Wissens und jüdischer Lebensgestaltung sind vor allem hier zu nennen. In diesem Zusammenhang möge heute auf eine weitere Maßnahme hingewiesen tverden, die geeignet ist, den Kampf gegen die Wirtschaftsnot zu stützen und die letztere zu lindern, nämlich daß wir all das, was wir unter Repräsentation verstehen, auf das Maß des Notwendigen und Zweckmäßigen zurückzuschrauben den Mut und die Kraft ausbringen. Dies gilt für den Einzelnen wie für die Gesamtheit, für Geschäft und Familie, für Gemeinden und Verbände. Zunächst für den Einzelnen: Wir können uns hier kurz fassen. Die Lebenshaltung der jüdischen Familien war bis vor dem Kriege im, allgemeinen diejenige des Mittelstandes, dem die meisten damals auch angehörten. Der rasche wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands in deu letzten Jahrzehnten der Vorkriegszeit aus dem Gebiete von Handel und Industrie brachte unter den dieser» Kreisen angehörigen jüdischen Familien einen Aufstieg in der Lebenshaltung, der in manchen Fällen schon von der altjüdischen Sitte der Einfachheit und der nüchternen Sparsamkeit recht bedenklich sich abhob. Während früher der Wohlstand der sogenannten „guten jüdischen. Familie" bei »näßigem Erwerb zumeist durch klnges, beson- »renes Sparen und Haushalten langsam und sicher sich hob, brachte scholl die Vorkriegszeit mit ihren schnelleren und leichter'vn Verdienstmöglichkeiten einen ungleich rascheren Verbrauch in vielen Kreisen. Die Inflationszeit hat diesen Prozeß beschleunigt und vertieft, und heute ist es so, daß viele jüdische Familie,, noch den Lebensstandard des Mittelstandes aufrecht erhalten, trotzdem sie längst nicht nzphr dem Mittelstano sich zurechiieu können: manche halten den Schein aufrecht, solange es überhaupt noch geht, bis dann der Zusauupenbruch früher oder später um so gründlicher erfolgt. Gewiß, es geschieht durchaus '.licht überall aus Leichtsinn oder aus Gedankenlosigkeit; viele führen noch nach außen hin das Leben des Mittelstarldes, halten die bisherige Wohnung, Auto und Telefon, lassen ihre Kinder die gewohnte Privatschule be suchen, um nicht aufzusalleu und um auf diese Weise den Rest ihres geschäftlichen Kredits, der vielfach mit dein gesellschaftlichen zusammenhängt, solange als möglich zu erhalten, während sie innerhalb ihrer behaglich auSgestatteten Räume schon am Nötlgsten Mangel leiden,'oft schon'geradezu hungern. Zugegeben sei auch, daß eine äußere Uinstelluilg, >vie z. B. die Ausgabe einer größere,! Wohnung, heute aus rein technischen und finanziellen Gründen gar nicht inuner reicht durchzufühlen ist, daß die Lebenshaltung des früher den, gurcli Mittelstand Angehörigen nicht derjenigen der unteren Schichten sich mit eineiumal anpasseu kann. Dies wäre nicht möglich und auch gar nicht erwünscht. Was aber geschehen kann und gefordert werden muß, das ist, daß wir lernen müssen, das zt> leben, ivas wir sind, das; es in jüdischen Kreisen nicht als anstößig, .sondern als selbstverständlich an gesehen wird, wenn Familie X ihren veränderten Verhältnissen entsprechend auch in Wohnung und Kleidung, in ihrer ganze,! Lebensführung sich uinftedt, ohne daß sie deshalb bedauernd über die Achsel angeschaut, vielmehr gerade darum von ihrem bisherigen Kreis geachtet und respektiert wird. Dann wird auch die falsche Schau» aufhören, mehr scheinen zu wollen, als man ist. Ich erinnere mich, daß jüdische Familien, die wirtschaftlich aufs schwerste bedrängt waren, in Kcamheits fällen ihre Angehörigen in der 1. Klasse des Krankenhauses uut erbrachten und die nuverhältuismäßig höheren Kosten aufbrachten, iubeiu sie selbst sich das Notigste versagten, und dies vor altem um der äußeren Repräsentation willen. Einfachheit in der Lebensführung, Rückkehr zu», altjü discheu Sparsinn, nüchternes Siche,,,fügen in die veränderten Lebensverbällnisse, Verzicht ans alle äußerliche Repräsentation schließen eine innerlich reiche, edle, in besten, Sinn gut jü discbe Lebensgcstaltung n,cht aus, sondern befestigen sie und Helsen uns, den schweren Wirtschaftskrisen zu begegnen. III. Das gleiche gilt aber auch für die jüdische Gesanttheit, für Gemeinden und sonstige jüdische Vereinigungen. Auch hier vielfach ein Hang zur übermäßigen Repräsentation, die mit der Größe und der tatsächlichen Bedeutung des betreffenden Kreises oft in gar keinen, Verhältnis steht. Es wäre in diesem Zusammenhang zu erwägen, ob nicht auch innerhalb unserer Großgemeinden und Großverbände da und dort eine Ueberorganisation sich ähnlich wie in Staat und Kommunen heransgebildet hat, bei welcher der reine Verwaltungsaufwand gegenüber den, Aufgabenkreis viel zu hoch bemessen ist. Vor allem ist eS aber das rein Repräsentative, das in unseren größeren Gemeinden und Verbänden zu sehr im Vordergrund steht. Hier kann und soll gespart werden. Es soll davon abgesehen werden, auf die Frage näher einzugehen, ob nicht die in der Nachkriegszeit errichteten Heime und sonstigen Wohlfahrtsanstalten, die Synagogen und die neuen Friedhofanlagen mit der tatsächlichen Finanzkraftl der betreffenden jüdischen Korporationen manchmal im Widerspruch stehen. Wie Staat und Kommunen, Firmen und Einzelpersonen, so haben sich auf diesem Gebiet auch manche jüdische Gemeinden in Verkennung der wirklichen Verhältnisse übernoprmen und dadurch auch für die Zukunft sich schwerste Belastung auferlegt, deren Tragungsmöglichkeit angesichts des Bevölkerungsschwitndes und der wirtschaftlichen ZulunftsauSsichten sehr zweifelhaft ist. Wie sehr das repräsentative Moment schon vor Jahrzehnten in den Vordergrund gerückt wurde, mag eiye kleine Episode dartun. Eine Gemeinde suchte einen Rabbiner. Unter den Bewerbern ragte einer an theologischem Wissen und an Georg Hermann Zum 60. Geburtstag. Vor ein Essay, das sich mit Georg Hermann beschäftigt, setzt Hans Kohn folgendes Zitat als Motto: „Man denkt, wenn mau glaubt; ohne Glauben ist kein Denken; nur wer Glauben hat, hat Denken. Den Glauben muß man also suchen zu erkennen." Eine schwierige Aufgabe bei Hermann, denn er ist durchaus kein „Gottsucher". Dennoch ist der Glaube an das Judentum, das Gefühl Jude zu sein die unbedingte Basis feines Schaffens -- vielleicht ihm selbst unbewußt. Hier ist der Untergrund, aus dem all feine mannigfaltigen Gestalten einporsteigen. Wenn wir das jüdische Element aus seinen, Gesamtwerk fortdenken, wie wenig bliebe da übrig! Auch in ihm ist die große Wandlung vor sich gegangen, die uns alle, die wir aus dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts stammen, so ganz und gar umgeformt hat. Die Lauheit der Assimilationszeit, in der er auswuchs, hatte in ihm nie recht das Bewußtsein anfkommen lassen, wie reiche Werte in dem Mutterboden unserer Rkligion schlummern. Aber das Leben zeigte ihn, unerbittlich, wohin er gehört, und er trat das Erbe an, „erkannte die letzte Verkleidung des Ahasveros". Etwas von diesem Ahasveros lebt in jeder seiner Gestalten, wie in jeder Gestalt ein Stück seiner selbst bebt. Seines Stammes bewußt geworden, Hai er in dem „doppelten Spiegel" sein Bekenntnis zum Judentum zusaminenfassend ausgesprochen, sich mit Freund und Feind auseinandergesetzt. Er ist hier Jude saus Phrase, über den Parteien stehend, keiner zugefckworen. Am Ostjuden schätzt er die hohe Begabung, die Zielstrebigkeit, die Unverbrauchtheit — am Westjuden die alte Kultur, den Kunstsinn, das Beharrungsvermögen. Ueberhaupt ist es ihm nicht gegeben, sich aus ein bestimmtes Programm einzustellen: „Wer kann für sich gutstehen, daß er nicht schon morgen anderer Meinung ist? Ich beneide alle, die glauben, irgend etwas verantworten zu können." Dieser vollkominen und radikal Gesinnte wäre gleichzeitig als Konservativer anzusprechen, wenn »nan diesen Begriff von „konservieren" ableitet; es gibt keinen Menschen, der fanatischer am schönen Alten hängt. Georg Hermann hat es uns leicht gemacht, seinen Werdegang zu verfolgen. Seine Bücher sind die Geschichte seines inneren und äußeren Lebens und vielleicht gerade darun, so ganz und gar lebendig. „Fettchen Gebert" gibt Kunde von seinen Vorfahren, jenen stolzen, rassebewußten Juden, die füglich als Aristokraten zu bezeichnen find. Welche Fülle von Typen, und doch alle auf den gleichen Grundakkord gestinunt, von den, alten Eli bis zu den, schönen glücklich-unglücklichen Mädchen. das dem Doppelbuch feinen Namen gegeben hat. TaS Berlin der Biedermeierzeit, das jüdische Berlin jener Epoche ist nie besser, plastischer geschildert worden. Wir leben müt diesen so durchaus menschlichen Phantasiegestalten, »vir ^kennen ihre Gedanken, ihre Gewohnheiten, Wünsche und Hoff nungen, sie sind uns nahe Freunde. Jtt diesem Kreis versteht man die Kunst ins tägliche Leben zu tragen und ans dem Leben ein Kunstwerk des Genusses zu machen, ohne sich von den praktischen Grundlagen zu entferneii. - Auch „die Lust zu fabulieren" und der Geschmack am Sammeln sind von diesen Vorfahren auf Hermann vererbt. All seine Bücher von dem Frühwerk „Spielkinder" bis zum „November 18" sind eigentlich eine Autobiographie. Wir verfolgen seinen Lebensgang vom Elternhaus durch die Lehr- und Wanderjahre. Wir sehen ihn in seinem Berliner Kreis, den er in den Romanen „Einen Sommer lang", „Der kleine Gast" und „Ellen Stein" so verblüffend lebendig darzustellen weiß und auch in „Kubinke" als Hintergrund wählt. Wir sehen ihn in seiner Brautzeit und jungen Ehe, wir folgen chm und den Seinen ins Neckartal. Schließlich in „November 18" finden wir ibn wiÄer in Berlin, vereinsamt, traurig, vom Leben mitgenommen. — Am deutlichsten tritt uns sein Selbst in dem Bekenntnisbuch „Die Nacht des Dr. sonstigen Qualitäten besonders hervor; die Wahl war also nicht schwer. Doch eines stimmte den Vorstand bedenklich, der Bewerber war — zu klein von Statur. „Es könnte doch bei Gelegenheit einer öffentlichen Feier geschehen, daß Nichtjuden zu uns kommen, oder daß der betreffeirde Rabbiner in der weiteren Oefsentlichkeit die Gemeinde zu vertreten hat; da machte sich eine größere, repräsentativere Erscheinung doch besser", meinte ehrlicherweise einer der Repräsentantenvertue-i ter. Das gleiche findet man übrigens immer wieder bei Stellenausschreibungen für Rabbiner, Lehrer, Kantoren, sonstige Gemeindebeamte; wenn da immer wieder der Wunsch „ach einer „repräsentativen Erscheinung" auftaucht, könnte der Leser fast glauben, daß es sich weniger darum harrdelt, einen religiösen Führer von lauterem Charakter, große,,» Thorawissen und umfassendem beruflichen Können zu finden, als vielmehr um eine Sport-, Mode- oder Dekorationsangelegenheit. , Auf der gleichen Linie liegt auch die in einzelnen Gemeinden übliche Regelung der Gehälter ihrer Beamten. Genau wie heute in Staat und Wirtschaft mit Rechlt über die sogenannten Spitzengehälter geklagt wird, die einzelne Direktoren, Oberbürgermeister usw. beziehen und die in keinem Verhält,,is zu denjenigen der Arbeiter und sonstigen Beamten und Angestellten stehen, so haben auch einzelne Genreinden für ihre Beamten, die eine repräsentative Stellung bekleiden, wie z. B. Rabbiner, .Kantoren, Syndici Spitzengehälter gewährt, die in keinen, Verhältnis zu der finanziellen Leistungsfähigkeit der betreffenden Gemeinden stehen. Abgesehen von der wirtschaftlichen Belastung, welche der Gemeinde selbst durch solche Repräsentativausgabeu entstehen, wirken solche Zustände in Notzeiten besonders aufreizend und verärgernd für die schwer ringenden Gemeindemitglieder wie für ändere Beamte derselben Gemeinde oder des gleichen Kreises, die oft nicht einmal die staatlichen Mindestgehälter beziehen. Hier soll auch von den Veranstaltungen und Zusammenkünften gesprochen werden, die bei Vereinen, Gemeinden. Gemeinde- und Landesverbänden usw. sich in den letzten Jahren mehr und mehr gehäuft haben, ,„eist Veranstaltungen mit repräsentativen, Zweck und Charakter, bei denen eine Reihe prominenter Persönlichkeiten schöne und tiefgründige Reden halten, ein tatsächliches Ergebnis aber selten zustandekommt. Wir haben heute kein Recht zu den bannt meist verbundenen hohen Ausgaben für Reisen und sonstige»,» Repräsentationsauswand: Es wäre wohl möglich, daß die Schwierigkeiten der Gründung des so notwendigen Reichsverbandes der deutschen Juden in ähnlichen Gedankengängen mit eine Ursache finden, zumal der Parlamentarismus heute ohnehin nicht unbestritten anerkannt wird. Man wird gegen „ranches, was hier ausgeführt wurde, im Einzelnen Einwendungen erheben, triftige Gründe anführen können, es wird daraus hiugewieseu werden können, daß jede Zeit ihren besonderen Rhythmus hat und ihre besonderen Anforderungen an daS Leben. Es ist selbstverständlich, daß wir heute unsere Lebensgewohnheiten sowohl für den Einzelnen wie für die Gesamtheft nicht mehr aus Großvaters Zeiten zurückstellen können. Was aber nottut, das ist, daß wir bei aller Berücksichtigung der veränderten Zeitverhältnisse und des durch die vollendetere Technik erhöhten Lebens standarts in unseren Gewohnheiten uns den augenblicklichen Zeitverhältnissen anpassen, und diese erfordern gebieterisch Zurückhaltung und Zurückdrängung all dessen, was nur wünschenswert, nicht aber lebensnotwendig ist, insbesondere darum Verzicht auf Luxus und Repräsentation auf allen Gebieten. Wen,» »vir in solchem Sinne moderne Juden sind, dann siird wir auch in Wahrheit gute Jude,». Oberlehrer Hans R o s b y. Religiöse Symbolik — wie sie nicht sein soll Die C.V.-Zeitung, mit der wir im Kampf gegen den Judenhaß uns solidarisch wissen und oft genug uns solidarisch erklärt haben unsere liebe, gute C.V.-Zeitrmg begibt sich manchmal auf religiöses Gebiet, und obwohl ihre Mitarbeiter so wenig wie die unsrigen nach den» Schulchan Aruch leben, glaubt sie seltsamerweise noch immer, die jüdische Religion sei am besten bei der Orthodoxie aufgehoben: je schwärzer, desto „religiöser". So hat sie sich auch jetzt wieder zu SukkauS einen Artikel „Die Symbole des Laubhüttenfestes" ausgerechnet von Rabbiner Dr. Stein Herzfeld" entgegen, da leuchtet er in die tiefsten Tiefen der Seele. „Und so bleibt der Mensch in seiner Einsamkeit, aus der er doch hinauswill, an der er leidet; und daS macht die Welt für ihn so wehmütig und er wird ein Wissender, der sein Wissen in Sch,vermut und im Weltschmerz trägt." „Da erscheint mir die Lösung, all die hunderttausend Bedrücktheiten unseres Lebens haben ihre tiefste und letzte Wurzel, ziehe», ihre stärkste Nahrung nur aus dem Zusammenprall dieser beiden, nie zu vereinigenden, immer wieder sich bekämpfenden Welten: der Welt in uns und der Welt um uns, von denen jede herrschen will und von denen jede uns glauben »nachen will, daß sie eben die wirkliche und die andere die unwirkliche sei. Dem „Ich" wollen wir glauben und können es nicht, und dem „Nicht-Jch", den. Außerhalb, - sollen wir glauben und vermögen es ebensowenig." Hören wir hier nicht aus jedem Wort den alten Ahasveros, den „entwurzelten Juden"? Wenn wir seine Sprache betrachten, dieses wundervolle Instrument, das er als Künstler zu handhaben versteht, so finden wir vor allem das Berlinische Element, die Treffsicherheit des Ausdrucks, den oft recht drastischen Humor, wir finden den Schüler Fontanes und Liebermanns, durchsetzt aber von tausend Lichtern des Orients, von Bildungen reichster Phantasie, von Stimmungen und Schilderungen, wie sie nur ein Jude finden kann. Dieser unerreicht schöne und ausgefeilte Stil, diese glückliche Synthese gibt Hermann seinen Sonderplatz unter den Schriftstellern unserer Epoche. Aber nicht nur der Stil gibt ihm seine Note als Einzelner; er weiß von den Ströinungen, die den modernen Menschen durchfluten; er »veiß von der großen Einsamkeit des Individuums, von dem Unvermögen sich mitzuteilen, er weiß von der stummen Qual dieser Einsamkeit. „Verstehen — nein — nur m i t fühlen, m i t leiden!" Und daraus entspringt die große Sehnsucht, der melancholische Grundakkord, die Sehnsucht nach dem Versunkenen, Unwiederbringlichen, die Sehnsucht nach, dem Künftigen, das ewig verschleiert ist. Jula Magnus.

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