Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 38-39 (30.9.1931)
- Date
- 1931-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchMeraleZeidU Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Die vereinignng für da» liberale Zndentnm übernimmt anr für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich al» la ihrem ttatnen »der in »yrem Aufträge versaht gereuazelchnet sind, die Verantwortung. Alle anderen Artikel. Aenheruugeu und Vorschläge erscheinen unter der'verantwortnng der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. Halles che Str. 1 Aernruf: Bergmann 3356, 3359 Vaslfcheckkonto: Berlin Nw 7. 137069 (Vereinigung für dar liberale Judentums Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nnr mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Vezugaprei» durch die GefchLstrstelle '/«jährlich Al. 3r- Linzelnummer 0.25. Lei freier Zusendung i. Inland 139 Für die Mitglleder der Vereinigung ist der Vezugapreis im Mtgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die irgespalt.TlonpareillezeNe 9.4b Anzeigentarif durch die GefchLstrstelle. Anzeigeuannähme bei der Geschäftsstelle ilfomtl Aunouceu Lzpedit. Nr. 38/39 Berlin. 30. September 1931 11. Jahrgang Dir nächste Doppel-Nummer erscheint am Mittwoch, dem 14. Ok- I toder. (Redaktionssch'.uß: Freitag, den S. Oktober, vormittags.) j Vereinigung für das liberale Judentum E.B. rnrnmmcmmmimmmmammmmamtmmmmmmmmmmmmmmmmaßmmmmmm Zettspiegel Von George Goetz. Das L a u b h ü tt e n f e st steht vor der Tür. Daß wir uns in einer Zeit des Ueberganges zwischen zwei Epochen unserer Geschichte und Kultur befinden, kommt uns in diesem Jahre der Not auch bei der Begehung unserer Feste zum Bewußtsein. Wo sind die Vertreter der Religion, aller Religionen, die uns heute noch ermahnen dürften: der Mensch lebt nicht vom Brot allein?! So steht es ja in unseren heiligen Büchern, und diese Seite der Religion ist während der vergangenen hundert Jahre wohl auch diejenige gewesen, die man hervorgehoben und betont hat. Daß wir „Geld und Gut zu unserem Abgott gemacht" hätten, wurde in Predigten und Gebeten unter die am Bersöhnungsfeste zu bekennenden Sünden gerechnet, und auch am Lanbhüttenseste ging die übliche Mahnung dahin, weniger auf die irdischen Güter zu sehen, als vielmehr die Gedanken auf Gott zu richten, weniger der eigenen Kraft zu vertrauen, als vielmehr uns der Hut Gottes anzuvertrauen; vielfach war die Laubhütte geradezu ein Symbol dafür, daß wir unser Selen unter Gottes Schutz stellten. — Heute hat alles dies doch wohl ein anderes Gesicht bekommen. Die Gedanken auf Gott richten, das bedeutet nicht mehr Abwendung von unseren irdischen Angelegenheiten; es bedeutet im Gegenteil, dem göttlichen Gesetz, der Ethik, gemäß unser irdisches Dasein zu gestalten; und wenn die Laubhütte uns Gottes Schutz symbolisiert, so bleibt zwar richtig, daß alles, was wir in der .Hütte wie im Leben genießen, und sogar die Fähigkeit, uns diese Hütte zu errichten, uns letztlich „ccm Gott" verliehen wurde, aber richtig bleibt auch — und das ist das, was wir heute mehr hervorheoen als in der vergangenen Zeit —, daß wir alle diese Gaben sinnvoll nutzen, daß wir vor allem uns die Hütte selber bauen müssen. Lebt der Mensch nicht voni Brot allein, so lebt er doch auch nicht ohne Brot; „erst Mehl, dann Thora", lautet ein talmudisches Wort; die Römer hatten für den gleichen Gedanken den Terminus vom prim um vivere; und wenn nach dem Worte Friedrichs Gott stets mit den stärksten Bataillonen ist, so begnügt sich auch das Judentum nicht mit dem Neujahrsglückwunsch, den man nach Schluß des alten, vor Beginn des neuen Jahres einander zürnst, daß Gott uns zu einen: guten Jahre in das Buch des Lebens „einschreiben" möge, sondern es hat zu allen Zeiten auch den Appell an die eigene Kraft daran geknüpft, den man am Fest der Thora-Freude einander zuruft, wenn .hie Verlesung des letzten Kapitels der Thora beendet ist und bevor mit dem ersten Kapitel wieder begonnen wird: „Chasak cliasak w’nis’chasek Sei stark, sei stark, ja lasset uns stark sein!" Es wäre an der Zeit, einmal grundsätzlich die Frage auszurollen, wie weit wir Juden - nicht als einzelne, in die verschiedenen Teile und Parteien des politischen und wirtschaftlichen Gesamtorganismus eingeordnete Individuen, sondern als Juden und geschlossen, durch Vermittlung unserer Organisationen — zu den Tagesfragcn Stellung nehmen können, um an der Errichtung der „Hübte göttlichen Schutzes" hier auf Erden mitzuhelfen. Daß bei derartigem geschlossenen Vorgehen die Gefahr nationaler und kultureller Absonderung vermieden werden muß, ist für uns selbstverständlich; aber sie kann vermieden werden, und das Problem, um das es sich hier handelt, betrifft ja auch nicht uns Juden allein, sondern alle Religionsgemeinschaften könnten und sollten in eine grundsätzliche Erörterung darüber eintreten, wieweit sie und zu welchen Tagesfragen sie bei Wahrung ihrer parteipolitischen Neutralität Stellung nehmen können, damit die Religion nicht neben dem Lebten, und ohne Beziehung auf dieses, einhergehe, sondern es antreibe und erhöhe. » Der Krieg in China, der Einmarsch der Japaner in die Mandschurei, hat auch bei uns in Deutschland, obwohl wir doch der eigenen Sorgen genug und übergenug haben, die Gemüter aus das Heftigste erregt. Bon der Saturiertheit des Bürgersmannes aus dem „Faust" ist bei uns gottlob nicht mehr viel übrig geblieben: Nichts Bess'res weiß ich mir an Soun- und Feiertagen Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, Wenn hinten weit in der Türkei Die Völker aufeinanderschlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; Dann kehrt man abends froh nach Haus Und segnet Fried' und Friedenszeiten. So sieht es in Deutschland nicht mehr aus, weder äußerlich noch innerlich, und die Erregugg über das Aufeinanderschlagen der Völker fern in der Mandschurei ist berechtigt, weil dieses ganz unerwartete Ereignis uns zeigt, wie blitz schnell durch den geringfügigsten Anlaß e:n Erdteil in Flammen gesetzt werden kann. Möglich, daß, wenn dieses Blatt in den Händen der Leser sein wird, alles wieder ruhig, der „Zwischenfall" erledigt ist; aber kein Zweifel, daß es ebenso leicht anders kommen kann. Jeder Krieg ist furchtbar, und wir würden uns nicht freuen können, wenn der vielleicht bevorstehende Krieg im Fernen Osten auf Asien lokalisiert bliebe; aber es könnten Teile Europas und Amerika militärisch in diesen Konflikt verwickelt werden, wie auch wirtschaftlich alle Länder die Wirkungen zu spüren bekämen. Das wissen wir seit 1914, und es ist gut, daß wie es wissen. Denn nun werden wir nicht das Gläschen austrinkend am Fenster stehn, bunte Schisse sind ohnehin auf Deutschlands Flüssen und Meeren nicht mehr 'o viel zu sehn wie einst in Fried' und Friedenszeiten, fonderie wir werden daran denken, die äußere Macht von Genf auszubauen und zu stärken, damit nicht die Verwirklichung unseres Fnedensideals, der Völkerbund, zu einer Karikatur unseres Friedensideals herabsinkt. Die innere Macht von Genf, das mag als erfreuliches Symptom hier festgestellt werden, scheint freilich zugenommen zu haben. Noch während der Inflationszeit faselte bei uns in Deutschland alles davor:, in einen: künftigen Kriege zwischen Japan und Amerika oder Japan und England würde Deutschland der Waffen und Munitionslieserant sein und so wieder zum Aufstieg gelangen. Wenn heute weiteste Kreise auf derartige Absurditäten garnicht mehr kommen und völlig vergessen haben, daß sie vor acht Jahren so gedacht haben, so ist das immerhin ein Fortschritt, über den inan erfreut sein darf. Der Besuch der französischen M i::: ster in Berlin zeigt uns freilich, daß wir, trotz einigem Fortschritt im Pazifismus und in der internationalen Verständigung, nur erst an: Anfang find. Noch konnten völkische Blätter unter Schlagzeilen-Uebcrschriften erscheinen, wie: „Die Franzosen in Berlin", „Einzug Lavals durch das Brandenburger Tor", ohne daß die Setzmaschinen scheu wurden. Und im übrigen, warum nur „internationale B e r st ä u d i g u n g", warum nicht „internationale Z u s a m m enarbe:' t?' Wenn aber doch :m Verlaufe der Besprechungen das Wort „Znsamineuarbeit" vorkam und sogar Pläne für eine solche Zusainineuarbeit auftauchteu, sv kann auch dies lediglich als ein Anfang gewertet werden. Mehr als einer Zusammenarbeit der deutsch-französischen Wirtschaft bedürfen wie einer Zusa»:mknarbe:1 der Nationen, von denen die Wirtschaft ja auch e:n Teil, aber eben nur ein Teil ist. Es war nicht der Deutsche Brüning, es war de: Franzose Laval, der c>?>: Wunsch ausgesprochen hat, daß u: die deutsch französische Konimission auch Vertreter der Arbeiterschaft entsandt werden. Alles in allein: wir wollen uns mit dem gemachten 'Anfang freuen: aber w:r wollen nicht aufhören, daran zu deukei:, daß wir fo gut wie btc ganze Arbeit noch vor uns haben. Auch d:e Hamburger Bürgers ch a s 1 s w a h l e u zeigen uns, wieviel zu leisten wir noch vor uns haben:'die Nazi-Bewegung ist noch immer im Anwachsen; sie brachte es auf 202 465 Stimmen gegen 144 684 bei dev Reichstagswahl von: 14. September 1930. Diese Bürgerschaftswahl fand an: 27. Septeniber, dein zweiten Sukkoth-Tage, statt, und da der Großteil der Hamburger Judenschaft orthodox ist, so war befürchtet worden, daß die jüdischen Wähler der Urne fcrnblcibei: würden. Ob diese Befürchtung berechtigt war, hat unser Berichterstatter nicht feststellcn können; aber auch bejahendenfalls wäre der Ausfall von Stimmen ohne Einfluß gewesen, denn die Wahlbeteiligung belief sich aus 80 Prozent. Daß wegen des Zusammensallens der Wahl mit dem jüdischen Feiertag eine Anfechtung der Wahl stattfrnden soll, wie ein Teil der jüdischen Presse meldet, ist also ausgeschlossen. Wichtiger als diese innerjüdische Angelegenheit bleibt das Faktum, daß die Hitler-Bewegung dauernd noch zunnnmt. Zwar meint der Hamburger Bericht- >erstatter des B.T., es handle sich bei allen derartigen Wahlen und überhaupt be: den: Zug nach den Extremen hin denn auch die Kommunisten haben erheblichen Stimmenzuwachs erhalten um „Protestwahlen gegen die wachsende Not des Volkes". Das mag zum Teil richtig sein; wenn aber jetzt abgesehen von der moralischen Schädigung, die Deutschland durch solche Wahl im Auslande erleidet :n Hamburg die Bildung einer Regierung unmöglich wird, so steht man erneut, daß mit leeren Protesten, init Aberglaube an die Hitler-Phrase nichts getan ist. In dem Läüdchen Mecklenburg ist es ja seit Jahren mit Wahlen und Unmöglichkeit der Regierungsbildung nicht anders. Alle diese Sorgen :m Kleinen vermehren unsere Sorgen im Großen, und vielleicht sollten wir hieraus u. a. auch die Folgerung ziehen, uns mehr als bisher für eine gesunde Reichsresorm einzusetzen, zumal durch diese ja auch die innerjüdischen, höchst verworrenen Verwaltungsangelegenheiten durchs eine zwar schwierige, aber grundlegende Neugestaltung aufs Glücklichste bereinigt und vereinfacht werden könnten. Die Berliner Nazi-Krawalle am jüdischen Neujahrsfest haben erwiesen, was in Wahrheit die einzigen handgreiflichen Ergebnisse sind, die wir zu gewärtigen haben, wenn die an sich berechtigte Verzweiflung mit der leeren Phrase sich verbündet. Der einzig wirksame „Protest gegen die wachsende Not des Volkes" ist die 'Zusammenfassung der Kräfte, der internationalen wie der nationalen; die nationalistischen aber können nur immer weiter Fewter ciuschlagen und vermehren unser wirtschaftliches Elend.*) Die wirtschaftliche Erschütterung in England wurde uns Juden in der Nacht des Versöhnuugssestes bekannt. Es hat auch unter unfern Glaubensgenossen Leute gegeben, die noch immer, dreizehn Jahre nach Kriegsende, geglaubt haben, das deutsche Wirtschaftselend auf das moralische Schuldkonto der „Siegerstaaten" setzer: zu dürfen. Nun lesen wir zwar leider an unserem höchsten Feiertage immer noch den Bibelabschnitt von dem in die Wüste geschickten Sündenbock, anstatt ihn durch die Erzählung „Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen" zu ersetzen; aber in Politik und Wirtschaft lernen rinn endlich wohl auch die Letzten, daß wir mit Schuldfragen und Suchen nach einem Sündenbock nicht weiterkommen, sondern Brüder sind allzumal, zumindest leider Brüder im gemeinsamen Elend und Niedergang. Und aus solchem Lernen ließe sich Nutzen ziehen. Schon im Juli mußten wir ja erfahren, daß Institute wankten, von denen man vorher geglaubt hatte, sie „könnten" überhaupt niemals zugrundegehen. Hatte man vergessen, daß alles, was entsteht, wert ist, das; es zugrundegeht?, daß alles, was geworden, untergeht?, daß nur das niemals Gewordene ewig ist? Man hatte es vergessen; und hatte man es vielleicht abstrakt in der Erinnerung, so ist doch der Mensch leider so geartet, daß er immer des konkreten Erlebnisses bedarf, um das zu tun, was im Zuge der Entwicklung nötig wird. Zu tun? Die Vorgänge im Juli haben nicht einmal Taten, haben nur Panik und Ratlosigkeit erzeugt. Damals ging es um Institute, die man - allem abstrakten Wissen von der Vergänglichkeit alles Irdischen zum Trotz — für unwankbar hielt; 'heute geht es, zunächst iu England, bald überall, um die Grundlage und um das System, um die Goldwährung und den Individualismus. Denkt man rechtzeitig daran, daß auch die Goldwährung, an die heute noch überall mit festestem Aberglauben geglaubt wird, so daß der Zweifel an ihrer Ewigkeit für einen Ruf nach einer zweiten Inflation gehalten wird, - denkt mau rechtzeitig daran, daß auch sie nur eine F o r m, etwas Gewordenes ist, etwas, das sich abnutzt und dann durch eine neue Form ersetzt werden muß, so läßt sich aus der englischen Krise Besseres als nur Panik lernen. Konstruktive, ganz neuartige Pläne für eine Währungsreform sind längst vorhanden; man muß sich nur um sie bemühen und sie einheitlich für Europa, Amerika und alle zivilisierten Länder durchführen. Und was für die Grundlage zutriffl, gilt auch für das System: der schrankenlose Individualismus hat zum Ruin geführt: aber auch hier wird der Zweifel an seiner Ewigkeit mißverstanden, für einen 'Ruf nach dem Kommunismus und Bolschewismus gehalten, während in Wahrheit die sehr notwendige nationale und internationale Planwirtschaft durchaus möglich ist bei Ausrechterhaltung des Privateigentums, bei wechselseitiger Durchdringung von Staat und Privatinitiative. Ohne den Plan aber und ohne einen tragenden Gedanken sinken wir nur immer weiter in das Chaos. Deshalb mag uns die Religion, die uns in der Hastarah des ersten Neujahrstages verkündete: „Ein Gott der Gedanken ist der Ewige und von ihm werden die Handlungen erwogen", an dem Feste, da sie uns Blüten und Früchte darreicht, daran erinnern, daß wir Menschen uns diese Blüten und Früchte nur daun erringen können, wem: wir, im Ebenbilde Gottes geschaffen, gleich ihm Wesen des Gedankens sind, die ihre Handlungen, planvoll und einheitlich erwägen. *) Ucber die Berliner Rausch-haschonoh-Unrnhen vergl. auch den besonderen Artikel in dieser Nummer. Die Red. Sendet den fälligen Beitrag für das 4« Quartal 1931 auf das Poftfcheck-Konto der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 197999 ein.