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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-09-16 · 36-37 (16.9.1931) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
36-37 (16.9.1931)
Date
1931-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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11. Jahrgang Nummer 36/37 Jüdisch-liberale Zeitung 2. Vellage 16. September 1931 Aufgaben der Gemeinden und Gemeindeverbände im kommenden Jahr (Aortsehung aus dem Hauplblatt) Geheimer Zustizrat Goldfeld, Breslau: Vorsitzender des Vorstände-? der Synagogcngemeinde Breslau. Durch Gesetz, Satzung und Herkommen sind die Ausgaben der Synagogengemeinde Umrissen. Das noch in. Geltung stehende Preußische Gesetz über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847, das freilich vielfach veraltet und insbesondere durch die Staatsversassung durchlöchert ist und dessen Ersetzung'durch ein neues Gesetz vom Preußischen Landesverbände angestrebt wird, erwähnt als Aufgaben nur die Regelung des Kultuswesens (§8 51 ff.) einschließlich der Einrichtung und Unterhaltung der Friedhöfe (§ 58), die Armen- und Krankenpflege (§ 59) und das Unterrichtswesen (88 60 sf.), auch hierin durchaus unvollständig und unzureichend. Hier treten ergänzend die Satzung und das Herkommen ein. Ueber den Inhalt der Satzung enthält das Gesetz nur unvollständige, in der Hauptsache organisatorische Vorschriften (§§ 50—52, 58); durch das Herkommen sind sie ergänzt worden, und die Zulässigkeit einer solchen Ergänzung ist niemals bestritten worden. Wenn hiernach auch das Preußische Gesetz die Ausgaben der Synagogengemeinden nicht erschöpfend regelt, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß die Stellung neuer Ausgaben in der Gemeindesatzung keineswegs unbeschränkt zulässig ist. Diese wird sich auch in Zukunft, bei aller Autonomie der Gemeinden, innerhalb der Schranken der durch das Religionsgesetz gewiesenen Aufgaben zu halten, also sich aus die Regelung des Kultus, des Unterrichts und der aus der früher sehr primitiven Armen- und Krankenpflege fortentwick'elten sozialen Fürsorge zu beschränken haben. Eine weitere Ausdehnung der Gemeindeaufgaben müßte an der Notwendigkeit der staatlichen Bestätigung der Satzung (§ 50 a.a.O.) scheitern. Auf dieses Bestätigungsrecht wird aber der Staat auch in Zukunft im Hinblick auf seine Finanz- und Steuerhoheit sicherlich uicht verzichten. Hermann Frlkenöecg, Berlin: Vorsitzender der Liberalen Synagoge Berlin. Stellung und Ausgabe der Liberalen Synagoge'Berlin ist bestimmt durch die Entwicklung, die die Groß-Gemeinde Berlin in den letzten Jahrzehnten genommen hat. Je größer sie räumlich und zahlenmäßig geworden ist, je stärker die Dezentralisation der jüdischen Bevölkerung Berlins fortschreitet, desto schwieriger wird die Erfüllung der ursprünglichen und natürlichen Aufgaben der Gemeinde. Hier in der Grvßgemeinde hat sich der Kreis der Ausgaben wesentlich verschoben. Was in der Mittelgemeinde an der Peripherie des Interesses liegt, rückt hier in das Zentrum. Hier wird die Verwaltungs-Aufgabe, nämlich den reibungslosen Ablauf aller Funktionen der Gemeinde zu schassen und zu gewährleisten, zu einem K ern- Problem. In naturgemäßer Folgerung steht deshalb fast überall das der Wirtschaftlichkeit im Vordergrund, der Verwaltungsfachmann an 1. Stelle. Bei dem gewaltigen Umfang der Verwaltungsausgaben aber ist es unmöglich, den Typ des Baal habbajis herauszübilden, der einst in der kleinen Heimatgemeinde der Träger des Gemeindelebens war. Die Großgcmcinde ist gezwungen, ihre Tätigkeit auf die Masse, auf die Wirkung nach außen einzustelleu. Bei reinen Verwaltungsaufgabeu ist das berechtigt. Verhängnisvoll aber wird diese Einstellung, wo die Erziehung zur religiösen Gemeinschaft, die Gewinnung der Eiuzelseele auf dem Spiele steht. Hier führt Massenbetrieb unweigerlich zu einem allmählichen Absterben des religiösen Bodens, auf dem doch das zukünftige Leben der Gemeinde wachsen soll. Nirgends zeigt sich das deutlicher als in unserm Kultus, in der Art unserer Gotteshäuser. Unsere Synagogen bedeuten religiöse Massenabsütterung, die zudem auf wenige Tage zusammengedrängt ist. Der feierliche und erhebende Eindruck des N'ila z. B., da 2000 bis 3000 Menschen in der Wallung der Stunde zum Glaubensbekenntnis zusammenschließen, ist gewiß etwas Erfreuliches, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier überwiegend eine Erregungs- und Augenblicksstimmung in die Erscheinung tritt. Das bedeutet — vom Standpunkt der religiösen Erziehung aus gesehen — wohl ein kräftiges augenblickliches Stimulanz, als Erziehuugsfaktor für die Dauer aber ist es fast wertlos, zumal hier in der Großstadt die Umwelt von allen Sejten viel stärker den Alltag prägt. Die kindliche Frömmigkeit des Alten, der, in seinen Tallis gehüllt, in Andacht versinkt, die religiöse Verbundenheit der Gemeind emitglieder, der intime Stimmung s geh alt, der von der alten „Kehilla" ausströmte, all diese wertvollen Erziehuugsfaktoren gehen in solchem Großbetrieb verloren. Hier vermag sich auch jeder leicht der religiösen Beeinflussung entziehen, und die vielen „einzelnen" werden allmählich fremde Splitter in der Eigenen Gemeinschaft. Hier liegt der Urgrund des Zndisferentismus, von hier droht die Gefahr, daß die Großgemeinde Berlin allmählich die Urkraft des Nährbodens verliert, aus dem das religiöse Leben der zukünftigen Generation erwachsen soll. Und hier beginnt die Aufgabe der Liberalen Synagoge Berlin, die von der Gesamtgemeinde nicht erfüllt werden kann, auch nicht, wenn das Schlagwort von der „Parochialverfassung" verwirklicht werden sollte; denn auch diese vermag vorwiegend wohl das Verwaltungs- Problem zu lösen, nicht aber dasreligiöseZukunfts- Problem. Dies aber stellt folgende Aufgabe: Aufbau des religiösen Lebens von unten herauf, Religiöse Erfassung des einzelnen und Erfüllung seiner besonderen Bedürfnisse, Schaffung von Zellen religiösen Lebens in den Einzelbezirken der jüdischen Bevölkerung. Aus solcher Erkenntnis heraus sind die privaten R e l i g i o n s g c m e i n d e n entstanden. Sie sind — bewußt oder unbewußt — das Organ, mit dessen Hilfe die Gr o ßg eme ind e an den einzelnen h e r a n z u k o m m c n vermag, Sie sind der enge Kreis, indem der einzelne zum Gemeinschaftsgefühl erzogen wird, Sie sind die „K l ein - K ehil l a", in deren intensiver religiöser Atmosphäre das Gemeindeglied die Weihe des religiösen Erlebnisses gewinnt und in religiöse und soziale Tat um zusetze zr le rn t. Das haben die konservativen Kreise Berlins seit langem erkannt, und die sehr große Zahl der konservativen Synagogen und Betstuben zeugt davon, wie stark die Aktivität nach dieser Richtung unter ihnen ist. Im Liberalismus Berlins ist erst seit ca. 10 Jahren das Bewußtsein stärker geworden, wie notwendig es auch für ihn, ja besonders für ihn. ist, über die rein religiös-politische Einstellung hinaus dazu ü b e r z ug e he n, d i e s e R e s e r v o i r e religiösen Lebens zu schaffen. Im Norden, der bis dahin vom Liberalismus am stärksten vernachlässigt worden war, regte es sich zuerst. So wurde 1923 als erste die Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162) gegründet und in verhältnismäßig rascher Folge Wilmersdorf, Cäcilienschule (nach Eröffnung dcr nahen Prinzregemen-Synagoge, die ihren Kultus im wesentlichen übernommen hat, wieder geschlossen), Westend, Leistilowstraße 8, Osten, Kaiserstraße 29, und neuerdings Süden (die aber infolge äußerer Hindernisse noch keinen Gottesdienst abhalten kann). Damit ist die Reihe der beabsichtigten Neugründuugen nicht geschlossen. Schon hat Grunewald sich zu aktivieren begonnen, nachdem dieser Bezirk, dessen Bevölkerung fast durchweg liberal eingestellt ist, einzig mit einer konservativen Synagoge ausgestatiet worden ist. In deö Absicht der Liberalen Synagoge Berlin liegt es, das Netz der Liberalen Synagogenvereine und Gottesdienste über die verschiedenen Stadtteile, insbesondere die Außenbezirke und die neuen Siedlungsgebiete, auszubreiten und dort religiöses und gottesdienstliches Interesse zu wecken und auszuüreiten. Welches Ziel sich die Liberale Synagoge gestellt hat, zeugt das hoffmmgsfreudige Einführungswort zu unserer periodischen Zeitschrift „Die Gemeinschaft" vorn Sevtembcr 1925: „Vor dem Tore, abseits vom Kern, des jüdischen Lebens in Berlin, liegt unser Norden.- Aus unserm vorgeschobenen Posten ist auch geistiges, religiöses Sehnen; hier regt sich, bewußt oder geahnt, freudiges Wollen, mitzubauen am Erstarken des religiösen Lebens in unserer eigenen Mitte, in der Gesamtgemeinde. — — All die einzelnen wachen Stimmen in unserm Kreise zu sammeln und zu einen, alle hier, in denen das religiöse Sehneu noch schlummert, zu wecken. Jugend und Alter für unsere Glaubensgemeinschaft zu erwärmen zur mitfühlenden und mitbaumden Teilnahme an unserm religiöser: Leben, in die Herzen freudigen Zukunstsglauben hineinzusingen an ein starkes, lebendiges Judentum — — — - — Das ist unser Rauschhaschono-Wunsch, Das ist unsere Rauschhaschono-Hosfnung!" Und das Leitmotiv auch aller später gegründeten Liberalen Synagogen ist geblieben: „DeO Ausbau einer Gemeinde von im Leben stehenden modernen Menschen, die sich nicht mehr in alte und vielfach überlebte Formen einkapseln können und wollen, die aber doch nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich für das lebendige Judentum geweckt werden müssen, wenn der Zufluß der Geschlechter nicht aufhören soll." Der vom ihnen geschaffene Gottesdienst „kommt der Stimmung des Besuchers entgegen und trifft sich mit ihm auf einer Gedankenlinie, die er in Gebet, Gesang und Predigt sortzuspiunen, zu erweitern, zu erläutern sucht... Dieser Stimmung stellen wir eine Idee zur Verfügung, die iu Gebet, Gesang und Predigt ihren mannigfaltigen Ausdruck findet, um eindringlich durch „dreifach festverschlungene Fäden" zu sicherer Tat anzuleiten." Dieser Gottesdienst schaltet unbedenklich manchen Ballast aus, der im Gemeindegottesdienst noch immer konserviert wird, scheut sich aber nicht, altes Gut, das dort tot daneben liegen bleibt, wieder lebendig zu machen. Er lehnt es ab, in den Strom des stereotypen offiziellen Gemeindekultus einzumünden, will vielmehr sich aus dessen Starrheit lösen und die alte Wandelbarkeit nach Inhalt und Form wiedergewinnen. — Die Liberale Synagoge Berlin will nicht warten, ob die Menschen zu ihr kommen, .sie will zu ihnen gehen, süe will das religiöse Bedürfnis zu jedem einzelnen tragen. Die seelsorgerische Arbeit im wahrsten Sinne soll das Zentrum ihres religiösen Lebens werden. Darum kann ihr Wirkungskreis kein lauter, marktschreierischer Massenbetrieb sein. Ihr Lebenselement ist die stille, aber unablässige religiöse Kleinarbeit des Tages, ihr Objekt die' Einzelseele. Das ist der schwerere, undankbarere Weg des Ausbauens; er gewährt nicht Augenblicks-, nicht Publikums- und Volksversammlungserfolge. Aber er ist der sichere Weg, den religiösen Baugrund zu schaffen, auf dem die Gesamtgemeinde — und der Liberalismus — auch für bie Zukunft fest ruheu kann. Das schwerste Problem ist, die Menschen zu finden, die solche Aufgabe als Seelsorger erfüllen möchten und können. Es hat an ihnen aus dem Kreise der Laien bisher nicht gefehlt. Aus der Initiative der Laien ist die Liberale Synagoge entstanden, Laien haben sie weitergebaut, Laien haben zunächst und vielfach auch weiterhin die theologischen Aufgaben geleistet. Aber je größer der Kreis der Gottesdienste geworden! ist, in deren Mitte der ganz auf aktive Beteiligung der Jugend gestellte Jugendgottesdienst an den Hohen Feiertagen, die Sukko-F eiern der Jugend, die Sondergottesdienste an ausgezeichneten Gedenktagen wichtige Aufgaben erfüllen, — je umfassender die rein seelsorgerischen 'Notwendigkeiten werden, — desto dringender wird die Mitwirkung des beruflichen Seelsorgers und Predigers, des Rabbiners. Noch ist hier nichts Endgiltiges beschlossen und fast alles im Fluß, und die Wirtschaftslage wirkt sich auch aus diesem Gebiete hindernd aus. Aber die Liberale Synagoge Berlin schreitet trotz aller Schwierigkeiten in ihrem Ausbau vorwärts, und sie hat die Genugtuung, daß ihr Beispiel in verschiedenen deutschen Gemeinden außerhalb Berlins Nachahmung gesunden, daß die neue Gemeindesynagoge Prinzregentenstraße nicht nur in der Aufhebung des Frauenchores ihr gefolgt ist, sondern auch die Liturgie nach ihrem Vorbilde geformt hat. Und sie darf die Hoffnung hegen, daß die neue Gemeinde-Verwaltung ihre religiöse Arbeit würdigen und ihr die wirtschaftliche Grundlage Leben wird, daß sie ihren Zielen weiterhin ungehindert nachstreben kann. könnenlwir denn wirklich beten? Von Joseph W e i n s a f t. Wir leben in einer Zeit voller Spannungen. Die Geschichte wird sie einmal interessant nennen. Ja, auch, wir selbst können, bei aller Enge und Bedrängnis, aller Verwirrung und Unklarheit, allem Widerspruchsvolleu und Vernunftwidrigen der Gegenwart, nicht leugnen, daß sich viel Neues, uns noch Verschleiertes und Rätselhaftes, in der Gestaltung von Welt und Menschheit vorbereitet. Aus dem Chaos ragcu doch schon bestimmte Tatsachen hervor, solche, die uns bereits grundlegend Neues auszeigen, und andere, die uns durch ihre völlige Sinnwidrigkeit beweisen, wie sehr man mit dem Alten am Rande ist. Man stelle etwa folgendes einander gegenüber: Die moderne Technik besiegt Raun: und Zeit mehr und mehr. Die Transportgeschwiudigkeit für Menschen und Güter hat Kilometer zu einer Angelegenheit von Sekunden gemacht, Berge, Wüsten, Ozeane und das Lustmeer werden überwunden. Aber Millionen Menschen des einen Erdstrichs müssen verhungern und erfrieren, während man aus dem anderen Erdstrich mit dem Gedanken spielt, ein Drittel der Ernten zu vernichten.^ Oder: Der maschinelle Fortschritt hat dem Menschen viel schwere Arbeit abgenommen, ihn freier gemacht und dabei die Produktion' ins Ungeheure gesteigert. Aber zahllose Menschen sind ihres Grundrechtes auf Arbeit beraubt, die produzierten Güter können nicht verbraucht werden, Mensch und Maschine sind zum Stillstand verurteilt. Oder: Die Arbeitnehmerheere der Welt j haben eine zeitliche Begrenzung des Arbeitstages sich erkämpft, I weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, — es fehlt uns! nur eine Kleinigkeit, nur Zeit, so saug der Dichter. Aber! inzwischen ist Zeit, diese kostbare Kleinigkeit, um die man rang, zur Fratze geworden, zum gräßlichen Ungetüm, das Millionen Menschen von innen her frißt, wie der .Hunger von außen. Muß noch von anderen Gegensätzen gesprochen werden, etwa Abrüstungswillen und dennoch Aufrüstung, Wohnungsnot bei Wohnungsüberfluß? Das dem gesunden Menschenverstand Unfaßbare, was jeweils zwischen diesen nebeneinander bestehenden Tatsachen liegt, — das eben sind die Spannungen. Und im Banne einer solchen Zeit, die uns zu immer neuem Kampf um Sein oder Nichtsein herausfordert, und von dcr einer sagte: es wird nicht geschossen (und wir titö^ teu hinzufügen: wenigstens nicht in großem Stile), sonst hieße es Krieg; in einer Zeit, die uns zwischen Bangen und Hoffen erhält und zu erhöhtem Wachsein zwingt, da können wir geistigen Raum zum Beten finden, können Welt und Leben auf viele Stunden und ganze Tage entfliehen? * Entfliehen? Suchen w i r denn im Gebet Weltflucht, Weltverleugnung, Weltvergessenheit? — Nein, wir beten, weil wir leben wollen und das Leben lieben. Einen Lehrsatz, eine philosophische Formel? Nein. Das Leben: Mosaik aus Karnps und Sorge, Sieg und Niederlage, Erfolg und Mißerfolg, bereiteten und empfangenen Freuden und Enttäuschungen, Liebe und Hilfsbereitschaft, Zu- und Abneigung, Feindschaft und Verbrüderung, Gedankenfreiheit, Geist, Fortschritt und tausend Rätseln, Widersprüchen und Spannungen, kurz: das Leben. Und um zu dieses Lebens tiefster, wirklichster Wirklichkeit hinabzusteigen, gehen wir.zur Stätte des Gebetes. Wir beten, weil wir genügend geschichtliche Erfahrung darin haben, daß Mensch uud Menschheit und was sie formt: Religion, Politik, Wirtschaft, Wohlfahrt, nicht von der Oberfläche her, nicht durch Betrieb und Organisation als Selbstzweck, sondern vom individualistischen Geiste aus weiterkommen, wir beten, weil wir nicht Spießer des Daseins sein wollen, sondern nach Totalität streben, unser Beten ist Ausdruck letzter, umfassendster, vollendetster Lebensbejahung. Unsere Gebetsstätte fängt alles auf, was uns Leben heißt. Wir hegen nicht zwei Seelen in unserer Brust, deren eine, die „erdhafte", wir draußen abgäben, bevor wir den geweihten Raum betreten. Wir nehmen unser ganzes Sein mit hinein. Die Weihe der Stätte — das ist: hier wird geklärt und geläutert, Sinnlos-scheinen-i dem Sinn gegeben, Unbegreifliches eingegliedert, scheinbar Nebensächliches ins Große, Großes ins Kleine-gerückt, unser zeitgebundenes Leben vom lebendigen, raum- und zeitlosen Geiste her beleuchtet. Die Weihe der Stätte — das ist: Geborgenheit, Sinngebung, Verwirklichung des Lebens! Ruach, Chaje aulom, Nischmaß kol chaj, Geist, Odem) Grenzenlosigkeit des Lebens, Seele allen Lebens, all diese Worte in unseren Gebeten, bestätigen doch die Einheit dieses unseres Seins. An der Stätte des Gebetes gehen wir dem Leben nach, in vertikaler Richtung, uud schöpfen es aus bis zur letzten faßbaren Wirklichkeit. Wir halten von Zeit zu Zeit eine Tiefenschau, um die Horizontale, die Weite und Fülle des Geschehens, leichter zu begreifen, zu sichten, zu ordnen, zu klären. Wir lieben ja das Leben und wollen nicht verzweifeln. So können wir doch nichts anderes tun als danach trachten, allem was geschieht einen Sinn zu geben, und wo das über unsere geistige Kraft geht, an einen solchen Siun zu glauben, um deiii Leben zu vertrauen. Dieser

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