Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 36-37 (16.9.1931)
- Date
- 1931-09-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I Handwerk in Not! Vom Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands weiden wir um Veröffentlichung des nachstehenden Aufrufs gebeten: Furchtbar und verheerend sind die Auswirkungen der Wirtschaftsnot in jüdischen Kreisen, vor allem im gerverb-- lichen Mittelstand; verursacht durch die allgemeine schlechte, wirtschaftliche Lage, besonders aber dn-ch einen sich täglich steigernden Antisemitismus. Unzählige selbständige Existenzen sind nicht nur erschüttert, sondern zum Teil zum Erliegen gebracht worden. Manschen, die früher in geordneten Verhältnissen gelebt haben, sehen keine Möglichkeit mehr, den Daseinskampf aufzunehmen, wenn in diesem Augenblick höchster Not der Ernst der Stunde von denen nicht erkannt wird, die in der glücklicheren Lage sind, von der ganzen Wucht des Wirtschaftskampfes nicht betroffen zu sein. Das Rausch Haschanah-Fest, das uns zur Einkehr und Nachdenklichkeit mahnt, soll und muß allen Glaubensbrüdern und -Schwestern ganz besonders Veranlassung sein, derer zu gedenken, die unter der Last der täglichen Sorgen zu zerbrechen drohen. Darum appellieren wir an das Solidaritätsgefühl eines Jeden und wenden uns mit besonderer Eindringlichkeit an unsere Glaubensbrüder mit der Bitte: Gebt unfern jüdischen Handwerksbrüdern A rb e i t s m ö g l ich kei t! Entlohnt sie aber auch nach ihren L eistu n g e n! Keiner nütze die Arbeitskraft seiner M i tm e n s ch e n infolge der ungeheuren Not aus! Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands e. D., Sitz Berlin. Wilhelm Marcus, Vorsitzender. Zum Gedächtnis von Simon Singer Von Magnus Davidsohn, Berlin. Nekrologe werden sehr oft mit Superlativen versehen — dennoch sei es hier gesagt: Einer der befähigtsten und gebildetsten Kantoren Deutschlands ist am ersten Selichottage zur ewigen Ruhe gebracht worden. Simon Singer ist, wie so viele von uns, in beruflicher Atmosphäre ausgewachsen. Der Vater diente dem Sohn im besten Sinne zum Vorbild. Joseph Singer war berufen, das schwere Erbe Salomon Sulzers in Wien anzutreten — und stand während seines ganzen Berufslebens im Schatten von Salomon Sulzer. Der Sohn erlebte den aufreibenden Kampf des Vaters und behielt dennoch die Begeisterung für den Beruf. Simon Singer erhält eine gediegene Ausbildung wissenschaftlicher und beruflicher Natur. Nach absolviertem Gymnasialstudium werden erste Meister der Wiener Musikwelt seine Lehrer. Er wird zunächst ein ousgezeichneter Pianist, kenntnisreicher Theoretiker und eignet sich auch jenes Maß von hebräischem Wissen an, das für den Kantor unerläßliche Bedingung ist. Die Stimme wird von Jahr zu Jahr schöner. Da hört ihn Pollini aus Hamburg und veranlaßt ihn, die Opernkarriere einzuschlagen, wo er um seines Judentums willen genau dieselbe Enttäuschung erlebt, wie wir alle, die wir in jungen Jahren uns sehr bald dem heiligen Beruf zuwenden, zu dem wir uns hingezogen fühlen. Wir beginnen beide unsere Laufbahn in unserer oberschlesischen Heimat. Er wirkt in Kattowitz innerhalb einer großen angesehenen Gemeinde, die die beruflichen und künstlerischen Qualitäten ihres Kantors zu schätzen weiß. Es kann nicht ausbleiben, daß dieser hochgebildete, grundmusikalische Mensch in dem Musikleben der Stadt, in der er beruflich tätig ist, eine führende Rolle zu spielen beginnt. Kattowitz ist das oberschlesische Bayreuth gewesen. Dorthin kamen die größten Künstler der Welt, und die Kritiken Singers über diese Konzerte, die er in der Kattowitzer Zeitung schrieb, erregten berechtigtes Aufsehen. Im Jahre 1911 wird die viel umworbene Position in der Synagoge Fasanenstraße ausgeschrieben. Er tritt mit mir in engere Konkurrenz. Daß er diese Position nicht erhielt, hat er eigentlich nie recht verwunden. Wie oft ich mich auch später mühte, ihn in eine Position zu bringen, die seiner würdig war — *es gelang nie recht. Er war eine eigenwillige Natur, sich voll und ganz des Wertes seiner bedeutenden Kenntnisse bewußt. Schade, daß dieser große Mensch, groß in körperlicher und geistiger Beziehung, zwischen die Speichen des Alltagsgetriebes geworfen wurde. Bei aller Wertung der Anerkennung, die Singer in Kattowitz wurde, befriedigte ihn die Stellung auf die Dauer nicht. Ein Charaktristikum! Die viel kleinere Hallenser Gemeinde berief ihn. Dort hatte er, was er brauchte, die Orgel in der Synagoge, ein freieres Wirken durch liberale Anschauungen, die Universität und eine große Zeitung, an der er bald Platz greifen konnte. Dennoch konnte sich seine eminente Begabung nicht auswirken. Er wurde müde, mürbe und krank, war auch kein Jüngling mehr. Vorzeitig mußte er den geliebten Beruf verlassen. Noch konnte er journalistisch sich austeben, aber auch das nur kurze Zeit. Nun ist er in den ewigen Frieden. eingegangen. Jawohl, ewiger Frieden! Wie viele von uns ersehnen ihn in dem fortwährenden Ringen um die Anerkennung einer sozialen Position, um die Würdigung des heiligen Berufes, in den wir gestellt sind. Eine Generation von Kantoren, die Bildung und reiche Kenntnisse mitbrachte und darum unablässig im Kampf um ihre Position stand, fängt mählich an zu schwinden. Wie die Dinge heute liegen, darüber ist in diesen Blättern debattiert worden. Simon Singers sei in Ehren als Nner der Besten seines Standes gedacht. Kleine Nachrichten In der letzten Sitzung des Exekutivkomitees des amerikanischen Gewcrkschaftsbundes teilte der Präsident William Green, der Nachfolger des verstorbenen Führers der amerikanischen Arbeiterbewegung Samuel Go mp e r s, mit, daß demnächst an die Errichtung eines Gompers-Denkmals in Washington herangegangen tvird. Der Platz für das Denkmal, das in der Massachusetts Avenue zwischen i^r 10. und 11. Straße errichtet werden wird, lvurde vom amerikanischen Kongreß zur Verfügung gestellt. — Samuel Gompers, der 1850 im Londoner jüdischen Ghetto geboren wurde, starb im Dezember 1924 in New Jork. Er war der Gründer des 414 Millionen Mitglieder umfassenden amerikanischen Gewerkschastsbumdes (American Federation of Labour) und bis zu seinem Tode Präsident des Bundes. Unter seiner Führung wurde 1886 in den Vereinigten Staaten die Bewegung; um den Achtstundentag eingeleitet. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer national-amerikanischen Kundgebung. Der damalige Präsident Taft und die Mitglieder der Regierung hatten bei seinem Ableben! Trauerbotschaften erlassen. Aus den Gemeinden * Augsburg. (Todesfall.) Im 65. Lebensjahre starb Lehrer L. Regensburger, der zwei Jahrzehnte im benachbarten Kriegshaber als Lehrer und Kantor amtierte und in weiten Kreisen durch sein charakter^ volles Wesen Liebe und Wertschätzung genoß. Bei seiner Beerdigung sprachen Oberkantor Heymann, Augsburg, für den abwesenden Rabbiner, Lehrer Rosenfelder, München, für den Bayrischen Lehrerverein und Kommerzienrat Dann für die Kuliusverwaltung. Aus allen Reden klang die Anerkennung für das rastlose Wirken des Verstorbenen im Dienste des religiösen Lebens. Aukich. (P e r s ö n l i ch e s.) Ter Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr A. van Dyk, beging am 20. August in voller Frische unter Teilnahme zahlreicher Freunde seinen 70. Geburtstag. Mit großem Eifer vertritt der Jubilar auch heute noch die Interessen der Gemeinde durch Förderung aller religiösen Institutionen und durch aktive Mitarbeit in allen Gemeindefragen. In einem besondereil Festgottesdienst beleuchtete Landrabbiner Dr. Blum, Emden, die großen Verdienste des Siebzigjährigen um die Geineindeangelegeuheiten. Den ihm in Würdigung dieser Verdienste zugedachteu Morenu-Titel hatte der Jubilar in seiner Bescheidenheit abgelehnt. Die Ansprache des zweiten Vorsitzenden gipfelte in herzlichen Dankesworten für alle der Gemeinde geleistete Arbeit. Gesänge des Synagogenchores, der von Lehrer Lachmann gesührt wurde, trugen zur Ausgestaltung des stimmungsvollen Festgottesdienstes bei. Das vom Vorstand gestiftete und durch den Borsteher A. Wolsfs überreichte Bild des Gefeierten soll im Sitzungszimmer der Gemeinde aufgehängt werden. Berlin. (Musikdirektor Aron F r i e d m a u n Ehrenmitglied der K a n t 0 r e n v c r e i n ig u n g G r 0 ß - B e r li n.) Am Sonnabend, dem 22. August, feierte der Berliner Oberkantor Musikdirektor Aron Friedmaun seinen 76. Geburtstag. Diesen Anlaß benutzte die Kantorenvcreinigung Groß-Berlin, um dem Senior der Berliner Gemcindekantoren durch ihren Vorstand die Urkunde der Ehrenmitgliedschaft in seiner Wohnung überreichen zu lassen. Der Vorsitzende der Vereinigung, Oberkantor Gollanin, feierte den Jubilar in seiner Ansprache als einen der würdigsten Vertreter des Standes, dem der heilige Dienst Lebensinhalt ist, als einen Scheliach-zibbur, der sich 'durch seine gottbegnadete Kunst, sein reiches Wissen und seine tiefe Religiosität das volle Vertrauen, die höchste Wertschätzung und die uneingeschränkte Sympathie seiner ganzen Gemeinde erworben hat und den Könner und Meister, der, obwohl im wohlverdienten Ruhestand, noch heure unermüdlich schöpferisch tätig ist und dessen Werk für Lernende und Lehrende unentbehrlich geworden ist. Im Anschluß daran sprach Oberkantor Kalischer, zugleich im Namen der Berliner Gemeindetantoren, dem langjährigen Freunde und Weggenossen herzliche Wünsche aus. Tiefbewegt dankte Musikdirektor Frieümann den Kollegen für die Ehrung mit dem Bibelwort des Stammvaters Jakob: Kotaunti mikol hachassodim umikol hoemmess ascher ossisso ess awdecho (Ich bin zu gering für alle Gnade und Treue, die Tu Deinem Knechte erwiesen). Eine Stunde gemütlichen Beisammenseins schloß sich dem Festakte an, in der der greise Jubilar in gewohnter jugendlicher Frische von seinen jüngsten biographischen und kompositorischen Arbeiten erzählte. Berlin. (Verband der Chorangestellte n.) Zum ersten Male ist der Verband der Chorangestellten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V„ anläßlich des Ablebens eines seiner Mitglieder, genötigt gewesen, von seiner Sterbekasse Gebrauch zu machen. Die für seine Mitglieder eingerichtete Sterbekasse wird durch eine Umlage aufgebracht und zu einem erheblichen Teil von der Verbandskasse auf Mk. 150,— ausgcfllllt. Der Verband der Chorangestellten ist die einzige geschlossene Angestelltengruppe der jüdischen Gemeinde, die au-s ihren eigenen geringen Mitteln für ihre Mitglieder eine Sterbe- und Darlehenskasse eingerichtet hat, ohne eine Subvention seitens der Gemeinde in Anspruch zu nehmen. Anfang des Jahres 1932 wird der Verband -der Chorangestellten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V. mit einem Konzert an die Oeffentlichkeit treten, um dadurch seine Darlehns- und Unterstützungskasse zu stärken. Breslau. (7 5. Geburtstag von Frau Beate Guttmann.) Gegenstand zahlreicher Ehrungen war Frau Beate Guttmann, die hervorragende Breslauer Philanthropin, am Tage ihres 75. Geburtstages, dem 4. September 1931. Die Jubilarin ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes. Zu ihrem 70. Geburtstage vor 5 Jahren ist ihr aus Kreisen des Jüdischen Frauenbundes ein kleines Kapital als Grundstock zur Errichtung eines Altersheims für Frauen überreicht worden. Seit mehr als zwei Jahren nun dient das „Beate Guttmann-Heim" seiner Bestimmung. Frau Beate Guttmann ist die Witwe des 1919 verstorbenen Breslauer Rabbiners, hervorragenden Religionshistorikers und Religionsphilosophen Prof. Jacob Guttmann und Mutter des hervorragenden Religionsphilosophen Prof. Julius Guttmann in Berlin. Buchen <Baden>. (B e st r a f 1 e Synagogenschänder.) In der Nacht zum Verfasfungstage hatten junge Burschen die Scheiben der Synagoge in Buchen eingeschlagen.. Das Amtsgericht verurteilte die Täter, den Autoschlosser Witte zu 4 Monaten, den Finanzpraktilanten Erbsland zu 31/2 Monaten Gefängnis und den Kellnerlehrling Merz zu 50 Mark Geldstrafe. Dresden. (Aus dem Gemeinderat.) An die Stelle des verstorbenen Mitgliedes Saul Weinreich, dessen Andenken geehrt wird, tritt nach einer Meldung von ihm selbst Herr Schneidermeister Reumann. Der von der liberalen Fraktion und der Fraktion der Volkspartei eingebrachte Antrag auf N e u s as s u n g des die Wahlen zum Gemeinderat betreffenden $ 15 der Satzung wird in zwei Lesungen gegen eine Stimme genehmigt. Sie sieht hauptsächlich vor, daß bei einem einheitlichen Wahlvorschlag mehrerer Gruppen $m Ersatzmännervorschlag mit vorzulegen ist, aus welchem ersichtlich ist, für welchen Bewerber jeder einzelne Ersatzmann einLUtreten hat. Vorsteher Dr. Lcvy berichtet über die Vorverhandlungen, zur Aufnahrne einer Anleihe; der Genreinderat beschließt einstimmig, eine Anleihe in Höhe von Mk. 150 000 zum Zwecke der Umschuldung kurzfristiger Kredite aufzunehmen. Durch d-eu Gemeindeetat konnte 1930 und 1931 ein Betrag für die Landeskasse Sachsen für jüdische W a n d c r f ü r s 0 r g e nicht bewilligt werden. Nachdem aber laut Bericht von Vorsteher Weigcr der Verwaltungsausschuß der Landeskasse in Leipzig den 'Betrag der Gemeinden auf 3 bezw. 2,5 «;o des Rnchsemkommcnsteuersolls für die beiden Jahre festgesetzt hat, wird der zur Bezahlung dieses Betrages erforderliche Nachkredrt von Mk. 3000 einstimmig bewilligt. Dr. Lcvy berichtet über eine Versammlung und verliest die am 28. Juni gefaßte Resolution betr. Gründung einer Volksbank oder Darlehnskasse unter Mitwirkung der Gemeinde. Angesichts der verschärften Wirtschaftskri.se wird auf eine Aussprache verzichtet und ebenso die Beschlußfassung ausgesetzt, der Vorstand wird sich aber weiter ernstlich mit dem Problem beschäftigen, lieber den Fortgang der Verhandlungen mit dem Stadtrat betr. Vergrößerung des Friedhofs an der Trinitasstraße berichtet der Vorsitzende R.-A. Salingcr, über den Stand der Verhandlungen die Aufsicht in den Fleischereien betreffend Herr Weiger. Eine Einigung war bisher nicht zu erzielen. Auf die Bemerkung des Herrn Rabbiner Prof. Winter, daß es Ausgabe der Gemeinde sei, für Kaschruth zu sorgen, erwidert der Vorsitzende, daß der Vorstand in jeder Weise glaube, seine Pflicht erfüllt zu haben und cs ablehncn müsse, Ausgaben ohne entsprechende Deckung zu übernehmen. Die Orthodoxen hätten bisher keine Vorschläge gemacht; es stellt nunmehr solche Herr Lesser (lib.) in Aussicht, zu welchem Zwecke auf seinen Antrag eine baldige Besprechung des Schächtausschusses mit dem Rabbinat stattfinden soll. Dresden. (Milde gesühnter P r e s s e d e l i k t.) . Die Gewissenlosigkeit der mit allen Mitteln arbeitenden völkischen Agitation hat -dem Organ der sächsischen Nazis, dem' „Freihcitskampf" und seinem sich unentwegt blamierenden Schriftleiter Franke, mal wieder einen bösen Streich gespielt. In der letzten Weihnachtsnummer des Blattes — besonders geschmackvoll — war der als Mensch wie als Arzt hochgeschätzte Leiter eines der Reichsversicherung gehörenden Sanatoriums bei Dresden deshalb angepöbelt und zum Juden gestempelt worden, weil er eine jüdische Turnlehrerin zwei Sommer lang in seiner Anstalt beschäftigt hatte. Der Artikel strotzte so von Gemeinheit, daß nicht nur die betr. Nummer beschlagnahmt und ein Offizial-Strafverfahren gegen den Schriftleiter eingeleitet wurde, sondern daß der Arzt selbst eine schwere Schädigung seiner Gesundheit durch die damit verbundenen Aufregungen erlitt. Kurz vor der Hauptverhandlung erklärten sich nun die Helden von Angreifern wie üblich zu de- und wehmütiger Abbitte bereit, da sie einsahen, daß sic den Wahrheitsbeweis sür die angeblich in der Anstalt herrschenden „Zustände" nicht antreten konnten. Die daraufhin abgegebene Ehrenerklärung und gleichzeitige Zahlung einer Buße von Mk. 500, womit der Fall nunmehr seine Erledigung, gesunden hat, ist in Anbetracht der Schwere des Delikts and der damit verbundenen politischen Kampfmethode eine viel zu milde Buße. Weder wird dem Arzt, abgesehen vom Moralischen, damit seine Gesundheit wiedcrgegeben noch ist die Lektion wirksam genug, um weitere Ehrabschneidungen ein für allemal zu verhindern. Wenn es in der Erklärung unglaublicher Weise heißt, daß der Angegriffene „n i ch t Jude, sondern vielmehr — ebenso wie seine Ehefrau — väterlicher- und mütterlicherseits rein deutscher Abstammung und seit der Reformation evangelisch-lutherischen Bekenntnisses ist", so muß man zur Ehre des unbedingt proscmitischcu Arztes hinzufügen, daß er selbst an dieser unlogischen Terminologie, die nur die Geistesverwirrung weiter Kreise zeigt, Anstoß genommen hat. Vielmehr war es sein Anwalt (!), der den Nazis durch Anpassung an ihre Gedankengänge diese so bequeme Brücke zur Verständigung bot. Wuppertal-Elberfeld. (Von der Zentralstelle für jüd is ch e s P f l e g e ft e t l e n w e s e n und jüdische Adoptions- Vermittlung.) Am Sonntag, dem 12. Juli, fand im Gemeindehaus Wuppertal-Elberfeld die Vorstandssitzung der Zentralstelle für jüdisches Pflegestellenwesen und jüdische Adoptionsvermittlung unter Leitung voir Frau Clara Samuel statt. Die Tagesordnung wies Fragen aus der Praxis auf. Im Pflegestellenwesen gestaltet sich gerade iit heutiger Zeit trotz starken Pflegestellenangebots die Unterbringung jüdischer Kinder in jüdische Umgebung sowie ihre Ueberwcisung aus andersgläubiger Pflege besonders schwierig. Die Behörden, die im allgemeinen den Verhältnissen der jüdischen Pflegeelterw Rechnung tragen, sind infolge der Sparmaßnahmen gezwungen, nur ihre bestimmt festgelegtcn .Pflegesätze, die in manchen Gegenden Deutschlands erschreckend niedrig sind, zu bewilligend Die Anwesenden sind sich darin einig, daß die jüdische Wohlfahrtspflege allerorten im Interesse der Kinder und der jüdischen Gemeinschaft ergänzend eintreten muß. Tie Schwierigkeiten, pie sich hier vor allen Dingen aus Mangel an genügender geldlicher Unterstützung, ergeben, tvurden eingehend besprochen. Da des öfteren andersgläubige Pftegeeltern unentgeltliche Pflege gewähren, ist es gerade hier außerordentlich schwierig, der Gefahr zu begegnen, daß jüdische Kinder dem Judentum verloren gehen. Die Zentrale kann unmöglich Wegegelder bezw. Zuschüsse leisten, um Kinder in jüdische Pflcgestellen zn überführen. Hier wurde wieder betont, daß die jüdischen Landes- und Wohlfahrtsverbände helfend und ergänzend eintreren müssen, wenn eine jüdische Wohlfahrtspflege sinnvoll sein und die jüdischen Kinder der jüdischen Gemeinschaft erhalten bleiben sollen. Nur unter größten Schwierigkeiten ist es möglich, vor einigen Jahren übernommene Verpflichtungen auf diesem Gebiet durchzuführen. Als notwendig ergab sich auch eine intensivere Nachforschung nach jüdischen Kindern in anderskvnfessionellen und städtischen Heimen und Anstalten- Im Adoptionswesen waren es besonders die Fragen „Adoption und Abfindung", „Adoption ehelicher Kinder", „Auslandsvermittlung", die die Leiterin der Adovtionsabteilung, Frau Else Meyer, zur Sprache brachte, und die eine längere Aussprache hervorriefen. Es wurde festgestellt, daß eine prinzipielle Ablehnung der.Auslandsvermittlung, wie es von einer Vermittlungsstelle gefordert worden war, nicht möglich sei, ebenso wurde grundsätzliche Ablehnung ehelicher Kinder, wie es Frau Meyer vorschlug, als nicht richtig erkannt. In all diesen Fragen ist der einzelne Fall nach jeder Richtung hin sorgfältigster Prüfung zu unterziehen und individuell zu behandeln. Der ärztliche Kinderfragebogen soll auf Wunsch von Frl. Prof. Meyer nach der gesundheitlichen Seite hin auf die Eltern und Geschwister der Kindeseltern ausgedehnt werden, ebenso soll ein Gesundheitsattest von den Adoptiveltern verlangt werden. Der Vorstand nahm gern davon Kenntnis, daß die 'Zentrale mit den jüdischen sowie behördlichen Landes- und Wohlfahrtsverbänden bezw. Aemtern im Reich in reger Verbindung steht und weiter gute Beziehungen zu den Bertranensstellen im Auslande unterhält. — Es folgte die 'Entgegennahme des Jahresberichtes. Frankfurt a. M. (Sitzung der Gemeindevertretung.) Wahlen zum Vorstand: Dr. Emmerich (Vp.) und Frau Paula. Frenkel (kons.) sind wiedergewählt und haben ihre Wahl angenommen. Die Neuwahl eines weiteren Vorstandsmitgliedes (Vp.) wird vertagt. Die Gemeindevertretung stimmt einem Vergleichsvorschlag des Vorstandes zn, wonach die Gemeinde dem Landesverband einen bestimmten Prozentsatz der Differenzbeträge aus den beiden letzten Jahren anbietet unter der Voraussetzung, daß damit die Angetenheit erledigt sei. Im Anschluß an den Bericht der Jug-endkomrnission werden von Dr. Hoffmann (lib.) weitere Räume für die Jugendorganisationen gewünscht. Deren Bewilligung wird in Aussicht gestellt; wegen der Benutzungs-Erlaubnis der Turnhalle des Philanthropins für jüdische Sportvereine will der Vorstand mit dem Schulrat verhandeln. Nachdem durch Verfügung des Ministers das Philanthropin die Anerkennung als „Große Doppelanstalt" erhallen hat, ist der Leiter der Schule, Herr Direktor Triefen, vom Schulrat zum Oberstudiendirektor gewählt worden; der Vorstand stimmt diesem Beschluß zu. Eine Sondernummer des Gemeindeblatts soll die Notstandsaktion zur Rettung der jüdischen Wohlfahrtspflege unterstützen; eine Wohlfahrtsküche, die täglich ca. 300 Liter Speisen in verschiedenen Gegenden der Stadt austeilt, soll ins Leben gerufen werden. Ueber die Frage der namentlichen Verössentlichung von Austritten aus Gemeinde und Judentum wird die Entscheidung noch einige Monate vertagt, innerhalb derer weitere Erfahrungen gesammelt werden sollen. Justizrat Dr. Blau dankt in einem Schreiben für die Glückwünsche anläßlich seines 70. Geburtstages. Herr M. Mai hat der Gemeinde eine vollständige Garnitur synagogaler Stickereien geschenkt. Die Gemeindevertretung beschließt, daß aus der gemischten Finanzkommission eine kleinere „Sparkommission" gewählt werde und legt dem Vorstande nahe, bei den Personalausgabeu alle vom Gesetz gebotenen Handhaben nach Möglichkeit zu nützen. Frankfurt a. M. (Professor D r. Julius Hülsen gestorben.) Im Alter von 59 Jahren verstarb in Frankfurt a. M. au Herzschlag der hervorragende Kunsthistoriker Pros. Tr. Julius Hülsen, einer der besten Kenner der Architektur Frankfurts. Einen großen Teil seiner Kräfte widmete er der jüdischen Kunst und Wissenschaft, sowie der jüdischen Erziehung und Volksbildung. Er war der Konservator des alten jüdischen Gemeindefriedhofes. Zuletzt lehrte er an der Darmstädter Technischen Hochschule. — Die „Frankfurter Zeitung" widmet dem Verstorbenen einen längeren Nachruf, in welchem bedauert wird, daß dieser bedeutende Gelehrte und hervorragende Kenner von Altsrankfurt nicht die offizielle Beachtung finden konnte, die ihm gebührt hätte, und daß es nicht gelang, ihm in Frankfurt eine Position zu schaffen, die seinem Wissen cntsproch-en hätte. Griedel. (Fr ie d ho f s s ch ä nd u ng.) In Hessen haben sich, in den letzten Tagen zwei Fälle von Schändungen jüdischer Friedhöfe ereignet. In dem oberhessischen Dorf Griedel bei Butzbach haben sich zwei 11 jährige Schüler in der Dämmerung in den jüdischen Friedhof eingeschlichen und haben dort drei Grabsteine beschädigt. Zwei davon, warfen sie um, einen dritten beschädigten sie dadurch, daß sie ans der Grabinschrift, die auf „Adolf Bär" lautete, den Nachnamen wegkratzten und „Heil Adolf" (Hitler) an dessen Stelle setzten. GrimsM. (S y n a g 0 g e n b r a n d.) Einem Brande, dessen Ursachen bisher noch nicht geklärt werden konnten, ist die Synagogen in Grünsfeld bei Tauberbischofsheim zum Opfer gefallen. Die Gemeinde hatte sic erst vor drei Jahren unter großen Opfern restaurieren lassen. Da das Feuer in den frühen Morgenstunden ausbrach und die Löscharbeit etwas spät einsetzte, sind nur noch die Grund-- mauern des Baus übrig geblieben. Eine junge Frau und zwei alttz Männer bargen unter Lebensgefahr die Thorrrollen. 1 ,