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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-09-16 · 36-37 (16.9.1931) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
36-37 (16.9.1931)
Date
1931-09-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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11. Zahrgmg Nummer Z6/Z7 Wisch-Uberale SellWg MonaljoMWcher Terror in Betiin am Bold) HManah Wie auö bcu Tageszeitungen bereits bekannt ist, ^habeu am Vorabend des zweiten Rosch Haschanah-Tages, Sonnabcnd, 12. September, abends, im Berliner Westen Ausschreitungen des Nazipöbels gegen die jüdischen Mitbürger stattgesunden. Während die amerikanischen Juden an ihrem Neujahrsfest die Genugtuung hatten, daß der Präsident der Vereinigten Staaten .Herbert Hoover in einer Rosch Haschanah- Botschaft den hohen jüdischen Idealismus rühmte und die Bereicherung des materiellen, kulturellen und geistigen Lebens der Wett und der gesamten Menschheit durch die Juden feststellte, durfte in Berlin ein taufendköpfiger jugendlicher Mob das heilige jüdische Fest entweihen, in den Straßen wüten und von der Andacht heimkehrende Juden^ unflätig beschimpfen und blutig mißhandeln. — Wiö es schon die Regel bei solchen Anschlägen ist, hielt sich die eigentliche Kerntruppe der Sturmabteilungen Hitlers noch zurück;. es wurden zunächst Jugendliche und Halbwüchsige vorgeschickt, die aber, wie festgestellt wurde, unter dem Befehl erwachsener Hitler leute das blutige Terrorwerk vollbrachten. Es steht fest, daß dies nach einem vorher gefaßten, genau ausgearbeiteteu „Mobilmachungs-Plan" geschehen ist. Vor 9 Uhr abends tauchten plötzlich an zahlreichen Stellen des Berliner Westens stärkere Trupps Hitlerjuirgen auf. Diese Trupps meist noch ganz jugendlicher Personen, die zum Teil Schülermützen trugen, wurden von Erwachsenen kommandiert. Es waren Kundschaften ausgestellt, die das Herannahen der Polizei rechtzeitig melden sollten, außerdem bestand ein Kundschufterdienst zwischen den einzelnen Trupps, die Befehle her und hin brachten. Wie aus Aeußerungen einzelner Teituehmer hervorging, war ein Sturm auf die Synagogen während der abendlichen Rosch Haschanah-Andacht geplant gewesen, die Veranstalter hatten sich aber in der Zeit verrechnet: denn als sie kurz vor 9 Uhr auf dem Plan erschienen, waren die Andachten bereits beendet, der größte Teil der Andächtigen hatte die Synagogen verlassen, so daß den Hitlerjungen nichts übrig blieb, als über die etwas verspätet heimkehrenden Shnagogenbesucher herzusallen. Insbesondere scheint der jüdische Tempel in der F a s a n en st r a ß e das Ziel des Anschlags gewesen zu sein, denn verschiedene Trupps hatten sich so postiert, daß sie alle zu der Synagoge führenden Straßen blockierten. Schauplatz der Ausschreitungen war der Teil des Kurfürstendamms zwischen Knesebeckstraße und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche samt Nebenstraßen, einzelne Attacken kamen aber auch in der Tauentzienftraße, am Nollendorfplatz und in anderen Gegenden vor. Die Art der Ausschreitungen war von einer schwer wiederzugebenden Roheit. Sprechchöre brüllten: „Deutschland erwache, Juda verrecke!", „Schlagt die Juden tot!", „Wenns Judenblut vom Messer stießt, dan^ gehts noch mal so gut!". Jüdisch aussehende Personen, die die Straßen passierten, wurden mit Fäusten, Gummiknüppeln und Eisenstäben roh niedergeschlagen, mehrere am Boden Liegende auch noch mit den Stiefelabsätzen getreten. Manche der Trupps stürzten sich puf ihre Opfer unter den Rufen „Die Synagoge brennt! Sarah packt die Koffer!" Andere riefen: „Das habt Ihr Juden Euch nicht träumen lassen, daß wir heute an Eurem Feiertage zu Euch kommen!" Auch unflätige Beschimpfungen gegen das jüdische Fest wurden laut. Wie bis jetzt festgestellt wurde, wurden etwa neun Juden und vier jüdisch aussehende Christen mehr oder weniger schwer verletzt. Am schlimmsten wüteten die Nationalsozialisten vor und in dem Cafe Reimann aw Kurfürsteudamm zwischen Uhland- und Knesebeckstraße, gegen das sie — anscheinend aus Wut und Enttäuschung darüber, daß sie zum Synagogensturm zu spät kamen eine regelrechte Attacke inszenierten. Ein Trupp von etwa 70 Nationalsozialisten erschien unter strammer Führung vor dem Cafe. Zunächst wurden zwei Schüsse gegen die Glaswand abgegeben. Dann wurden die draußen stehenden Marmortische und -stühle in die Höhe gehoben und durch die Glaswand in den Jnnenraunr geschleudert. Dann stürmten die Hitlerleute in das Cafe, schlugen auf die Gäste los und demolierten die Inneneinrichtung. Es entstand eine fürchterliche Panik. Zu bemerken ist, daß der Inhaber des Cafes Reimann kein Jude ist, das Cafe aber sehr viel von Juden, namentlich jüdischer, Künstlern, besucht wird. Auch vor der Konditorei Möhring am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße wurden mehrere Passanten mißhandelt, unter ihnen der Schn des Konditors Möhring, der so geschlagen wurde, daß er einen Nervenschock erlitt. Mit blutenden Kopfwunden wurde er zum Arzt gebracht. Möhring ist kein Jude, sondern wurde nur wegen seines jüdischen Aussehens verprügelt. In der Nähe der Gedächtniskirche wurde ein Herr von Löwenftein, ein früherer Offizier, der kein Jude ist, aber etwas jüdisches Aussehen hat, blutig geschlagen. Auch vor dem Cafe Heßler in der Kantstraße veranstalteten die Hitlerleute einen Tumult und schlugen die Fcnsterwand ein. Die nationalsozialistische Aktion kam so plötzlich, daß die Polizei von ihr vollkommen überrascht wurde und nicht rechtzeitig an den gefährdeten Punkten erscheinen konnte. Wo sie aber erschien, griff sie, wie Augenzeugen berichten, scharf durch. Gegen 11 Uhr abends war die Ruhe wieder hergestellt. Zu irgendeiner Alarmierung jüdischer Selbsthilfe war, wie uns mitgeteilt wird, kein Anlaß, weil die Polizei., wenn auck spät, durchgegrifsen hat. Etwa 50 Nationalsozialisten wurden verhaftet. Am Sonntag abend wiederholten sich, wenn auch in vermindertem Maße, die nationalsozialistischen Ausschreitungen gegen jüdische Synagogenbesucher. Diesmal war der Schauplatz der Norden Berlins. Nationalsozialisten blockierten eine hauptsächlich von Ostjuden besuchte kleine Synagoge in der Weise, daß sie sich an beiden Ausgängen der Straße, in der die Synagoge liegt, postierten. Als die Andächtigen, am Ausgang des Rosch Haschanah-Festes die Synagoge verließen, wurden sie von den Hitlerleuten attackiert. Um eine Wiederholung von Ausschreitungen au den kommenden jüdischen Feiertagen zu verhindern, sind umfassende Vorkehrungen seitens der Behörden getroffen worden. Z u r Besorgnis beim Besuch der S t) n a $ o q c tt am Vcrsöhnu n g s - und L a u b h ü t t e n f e st liegt also kein Anlaß vor. Empfehlen würde sich aber, daß alle iSynagogen Gemeinden im Reiche durch ihren Vorstand sich an ihre Ortsbehörden wenden und unter .Hinweis aus die Berliner Vorgänge um ausreichenden Schutz und Sicherheitsmaßnahmen ersuchen. Zur Ostjudenfrage Ein imitier wiederkehrender Vorwurf gegen den jüdischen Liberalismus, der besonders beim vorjährigen Wahlkamps als Glanz- und Paradestück der gegnerischen Agitation erne große Rolle spielte, ist die angebliche Feindschaft gegen dre Ostjnden. Ten Beweis für diese Behauptung ist man stets schuldig geblieben. Jeder unbefangene Kenner der Verhältnisse weiß,, daß es sich hier um eine Legende handelt und daß von einer Ostjudenseindschask der Liberalen in Wirklichkeit leine Rede sein kann. Viel eher wäre die Frage auszuwerseu, ob die geflissentlich zur Schau getragenen Sympathien der Zionisten für das in Deutschland lebende ostjüdische Element den Charakter der Echtheit haben oder ob hierfür nicht vielmehr ganz bestimmte parteiegoistische Zwecke maßgebend sind. In Wahlzeiten sind die 'Ostjuden für die Zionisten willkommenes „Stimmviehs, das' man nach allen Regeln der Knust in die Pferche zu treiben sucht; in ruhigeren Perioden gewährt inan einigen auserwählten und zuverlässigen Exemplaren zur Belohnung den Zutritt an die Futterkrippe, während man der großen Masse gegenüber die so oft proklamierte „jüdische Solidarität" sofort fallen läßt, wenn sie es wagt, gegen die Parolen der Treiber auszumuckcn. Mit viel größerem Ernst und erheblich stärkerem Verantwortungsgefühl als die lediglich auf Agitation eingestellte Taktik der' Zionisten aufzubrtngen vermag, wird das liberale Judentum, an das Problein der in Deutschland lebenden Ostjuden herantreten müssen. Das fluktuierende Element unter den Ostjuden, das in den ersten Nachtstiegsjähren augenfällig m Erscheinung trat, ist in letzter Zeit, wie zahlreiche Statistiken beweisen, 'stark zurückgegangen. Umso wichtiger ist das Ssticksal jener eingewanderten Glaubensgenossen, die die ernste Absicht haben, innerhalb der Reichsgrenzen für sich und ihre Nachkommen ein dauerndes Domizil zu finden. Ganz gleichgültig, ob die Immigration erfolgte, weil in den .Herkunftsländern eine menschenwürdige Existenzmöglichkeit nicht bestand oder aus Gründen der Glaubeilsversolgung, wird man diesen Zuwanderern schon deshalb - von allen gefühlsmäßigen Argumenten, die zu ihren Gunsten sprechen, abgesehen - brüderliche Aufnahme und tatkräftige Unterstützung entgegenbringen müssen, weil sie für die Erhaltung des Judentums überhaupt eine wichtige Rolle spielen. Ta bekanntlich die alteingesessene deutsche Judenheit einen ständig wachsenden Ueberschuß der Sterbefälle über die Geburten aufweist, da ferner Austriltsbewegung und Jndisserentismus die Reihen der Judenschaft ständig dezimieren, müssen alle Quellen, die neuen Zustrom bedeuten, anss sorgsamste gehegt und gepflegt werden. Daß dieser Zustrom weder nutzlos versickert noch eigene Wege wählt, die in die Irre führen - daraus kommt es an. - Die Eingliederung und Verwurzelung der zng ew an d erten O stjud en tm deutschen Ä ol ksorg anismus uni er Wahrung des jüdischen R e - ltgionscharakters ist die große Aufgabe des Liberalismus. Er wird damit dein Gesanttjudentimr. etnen ebensolchen Dienst erweisen wie den ivohlrecstandeneu Interessen der Ostjlidrn selbst. Tex Zionismus versagt vor dieser Ausgabe, weil er weder die Fähigkeit noch den Willen hat, sie ernsthast durchzuführew. Er züchtet fanatische Nattoncrljuden, die der Umwelt fremd oder feindselig gegenüberstehrn und sü wider Willen der antisemitischen Agitation Wasser aus ihre Mühlen treiben. Er schasst sogar vielfach wenn auch unbeabsichtigt - ideologische Vorbedingungen für eine Entfremdung vom Judentum; denn es häufen sich die Fälle, nr denen radikale jüdische Nationalisten oder deren Nachkommen plötzlich ebenso radikale Atheisten werden und damit definitiv der jüdischen Religionsgemeinschaft verloren gehen. Gerade hier zeigt sich, daß liberale Religiosität wert mehr konservierend wirken kann, als eine fiktive Nassentheone. Tenn religiös-ethisches Bewußtsein besitzt dauernden Wert, Nationalismus dagegen ist eine ephemere Erscheinung. Die Einfügung der zugewanderten Ostjnden in das deutsche Volks- und Staatsleben ist Assimilation in bestem und wertvollstem Sinne. Es ist nicht einzusehen, weshalb der Begriff „Assimilation", der von unseren Gegnern so häufig in geringschätzigem Tone angewandt zu werden pflegt, von uns nicht als Ehrentitel akzeptiert werden sollte. Kann nicht der Assirnilant. der als vollwertiger Volksgenosse an den Kulturgütern der realen ihn umgebenden Gemeinschaft teilhat und an ihrem Erleben und Kämpfen, Streben und Leiden teilrmnnit, der sich nach seiner klassenmäßigen Stellung und weltanschaulichen Ueberzeugung der entsprechenden deutschen Parte: oder Organisation anschließt, weit Wertvolleres im Dienste des Volkes wie der Menschheit leisten, als der nationaljüdische Phantast, der, dem aussichtslosen Palästina- Traum nachjagend, vom „Leben im Galuth" faselt, alle Tagesereignisse im Zerrspiegel einer jüdischen Rassenideologle betrachtet und durch seine wirklichkeitsfremden, der Fortschrittstendenz entgegengesetzten Bestrebungen nn Endeffekt nur reaktionären Kräften Vorschub leistet? Die Assimilation der Ostjuden geht in der Regel ohnedies glatt vor sich. Sofern ihr keine Gegenwinung in den Weg tritt, ist sie schon in der ersten oder zweiten, spätestens ln der dritten Generation' vollzogen. Tie zionistische Gegenwirtung auszuschalten, die anfänglichen Reibungen mit der Umwelt zu vermindern, die natürliche Entwicklung zu fördern und zu beschleunigen das müssen die Gnlridzüge einer liberalen Ostjudenpolitit sein. Aii Gelegenheit dazu fehlt es nicht. Als Beispiel fei erwähnt, daß auf dem jüngsten Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden auf liberale Initiative eine Resolution angenommen wurde, die die Errichtung von Erwerbslosenk'ursen versieht Vorsicht und dabei besonders die ostjüdischen Erwerbslosen erwähnt, die ja vielfach von den staatlichen Maßnahmen nicht ersaßt werden. Für die unserer Fürsorge ganz besonders bedürftigen ostjüdischen Proletarier würde es in der Tat viel wertvoller sein, anstatt jüdisch-nationaler Tiraden etwa Borträge oder Lchrkurse über die staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der deutschen Republik, über Geschichte und Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung, des deutschen Volkes, der deutschen Kultur zu hören. Und was für diesen Teil der Ostjuden gilt, das hat auch Geltung für alle anderen Teile. Ueberlaßt die Ostjuden nicht den geistigen Einwirkungen der jüdisch-völkischen Propaganda! Was sollen ihnen die Phantastereien über Palästina? Lehrt sie lieber das Land kennen, in dem sie wohnen und das ihnen eme wirkliche Heimat werden sott und kann! Belehrt sie über die Grundzüge der Weimarer Verfassung, zeigt ihnen die Bedeutung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens im deutschen Volksstaat, sagt ihnen, daß hier Raum für sie ist-, wenn sie den ehrlichen Willen haben, sich rückhaltlos einzugliedern. Ter jüdische Liberalismus hat bei den Gemeinde- und Landesverbandswahlen des vorigen Herbstes eine über Erwarten große Aktivität an den Tag zu legen vermocht. Tie Anziehungskraft seiner mit Energie verfochtenen Grundsätze hat sich bei breitesten Massen der jüdischen Wählerschaft erwiesen. Es gilt, diese Aktivität nicht nur lebendig zu erhalten, sondern sie womöglich noch zu verstärken und auch diejenigen Schichten zu erfassen, die noch abseits stehen. ^[{{'(((HiKfnHiKMiHKHdUHfniniiintiinniitiiiiiiniüiimnnHiiiiitiiiinimiiiiHmiiitiiiiitiiiHiiiiDitiniTiiHiiiiiiiitiiiiiiiu^ Unseren verehrten Mitgliedern übermitteln | wir hierdurch unsere herzlichsten Qlück- § wünsche zu [Rausch haschono 1 £iber alerter ein für die Angelegenheiten § der jüdischen Qemeinde zu [Berlin | 1 3)er ^Vorstand W ^!>iiHiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiH JIlUSiR. PREISLISTE KOSTENFREI GUTTER TRIUNFALES DAS ALTBEWÄHRTE SUMATRA-SAN DBLrSOBTIMENT rm-fcMHdj 15.20.25.30.40 PF. 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