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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-09-16 · 36-37 (16.9.1931) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
36-37 (16.9.1931)
Date
1931-09-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Denn dies wird ein Teil der größten Not sein: die Ittot der aus dem Wirtscha Gleben geschleuderten Selbständigen und die Not der abgebauter: Unselbständigen. Hier werden die Mittel aller unserer Wohlfahrtseinrichtungen und unserer Wohltätigkeitsvereine nicht ausreichen; ihre Ausgabe wird es sein, durch Zusammenfluß und durch Ausschaltung jeder Zersplitterung von Arbeit und Mitteln den größtmöglichen Wirkungserfolg zu erreichen. Unter dieser Voraussetzung dürfen wir unsere Mittel für sie einsetzen. Hier wird nicht Sparen, sondern Ausgeben uns Pflicht: kerne Verminderung unserer bisherigen Beiträge, wenn möglich, Erhöhung unserer Leistungen. Allerdings, dies muß nochmals betont werden: wo immer wir für Gemeinden und Einrichtungen eintreten, wir dürfen nur dann Opfer bringen, wenn sie durch die Selbstzucht der empfangenden Stellen berechtigt sind. Zur sachlichen Not wird die seelische hinzukommen. Auel) hier werden wir helfen müssen: soweit als möglich soll durch zweckmäßige Veranstaltungen das Gefühl der Gemeinschaft gestärkt werden. Zumal auch unsere Glaubensgenossen in den Klein-Gemeinden, die in ihrer Vereinsamung unter den Angriffen unserer Gegner besonders leiden, müssen wissen, daß wir zu ihnen stehen. Schon mancherlei geschieht von Rabbinern und Lehrern, von Logen und anderen Einrichtungen; aber die jetzige Zeit fordert mehr wie bisher; vielleicht findet unsere Jugend hier ein Feld gemeinsamer Tätigkeit — unter Einschluß jeder Richtung. — Unsere Arbeit in den Landesverbänden muß in enger Fühlung mit den Gemeinden, mit den Trägern der Wohlfahrtspflege und der Abwehr und mit den sonstigen gesamten Einrichtungen stehen. Aber auch untereinander werden wir enge Fühlung halten. Manche Frage wird uns alle beschäftigen, zumal die Stellungnahme zu den gemeinsamen Einrichtungen der deutschen Judenheit und die Ausrechterhaltung von Bildungs- und Wohlfahrtsanstalten. Ob dem Reichsverband in dieser Zeit eine glückliche Geburtsstunde wird, mag bezweifelt werden. Ob jetzt oder später, er sollte nur in der einfachsten Form und ohne Ueberfluß von Organen geschaffen werde»; besser gemeinsames Schaffen, als die Gefahr des Zuviel- und Auseinanderredens. Die Ausgabe dieser Zeitung soll die Stellungnahme der Verbände und Gemeinden enthalten; sie erscheint zum Neujahrs- und Versöhnungstage. Mögen wir alle in unserer Arbeit diesen .Hinweis empfinden: die Zeit schreitet vom Tag des Gerichtes zum Tag der Versöhnung; auch unsere Arbeit soll, vorn Rechte getragen, zum versöhnenden Geiste führen. Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, Stuttgart: Präsident des Oöerrats der Israelitisch!".: Religiousgcmcinschast Württembergs. In wenige,: Wochen kann der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs das 100jährige Bestehe!: einer württembergischen israelitischen Oberkirchenbehörde begehen. Ein Rückblick darf uns mit einiger Genugtuung erfüllen. Der Ausblick erweckt ernste Sorgen. Bon Jahr zu Jahr geht die Zahl der jüdischen Bevölkerung zurück. Landgemeinden, von deren ehemaliger Blüte noch stattliche Synagogen Zeugnis ablegen, sinken zu Zwerggemeinden herab oder verschwinden ganz. Der bloße Bestand wie der deutschen Judenheit im ganzen, so ihres württembergischen Teils, scheint auf die Dauer in Frage gestellt. Dazu kommen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, deren Ende nicht abzusehen ist. Es ist ein trübes Zeichen der Zeit, daß auch für unsere, kulturellen Zwecken dienende, festgefügte Organisation und gerade für sie die Sorge um die Beschaffung der finanziellen Mittel bei der Frage nach den Aufgaben des neuen Jahres die erste Stelle einninunt. Unseren: Steuerrecht entspricht unter dm heutigen Verhältnissen die ernste Pflicht zur allersparsamsten Wirtschaftsführung unter Verzicht auf die Ausführung mancher lvertvoller, auf kulturellen: Gebiet liegender Pläne. In: Interesse der Erhaltung der kleinen Gemeinden wird ein Ausgleich der Gemeindefteuersätze, die allzu hohe Unterschiede ausweisen, anzustreben sein. Im übrigen scheint in: Zug der allgenieinen Entwicklung, wenigstens bei uns tu: Süden, die Abwanderung von: Land in die Großstadt vielleicht doch allmählich auszuhören. Wenn in dieser Beziehung regionale Verschiedenheiten zweifellos eine Rolle spielen, so kann die oben angedeutete bevölkerungspolitische Ausgabe organisatorisch überhaupt nur zu eineu: geringen Teil und keinesfalls von einer so kleinen Organisation wie unserer württembergischen für sich in Angriff geuonunen werden. Hier tut enge Zusammenarbeit mit den übrigen deutschen Landesverbänden not, für die hoffentlich im neuen Jahre die richtige Forn: gesunden werden wird. Solcher Zilsaininenarbeit muß es auch gelingen, die pädagogischen und wissenschaftlichen Anstalten und Einrichtungen, die sich die deutsche Judenheit in den verschiedenen Teilen des Reichs geschaffen hat, in gedeihlicher Wirksamkeit und mit ihrer Hilfe den Geist lebendigen Judentums wach zu erhalten, dein alle unsere Organisationen nur zu dienen bestimmt sind. Rechtsanwalt Paul Solinger, Dresden: Vorsitzender des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes. Der Aufforderung der Jüdisch-liberalen Zeitung, aus Anlaß der diesjährigen hohen Feiertage einige Gedanken über die Aufgaben der Landesverbände und Gemeinden in: neuen Jahre an dieser Stelle zu behandeln, komme ich gern nach. Erscheint es doch als eine Selbstverständlichkeit, daß zum Neujcchrstage gerade in der heutigen besonders für die jüdischen Landesverbände und Gemeinden so überaus schweren Zeit die zur Führung dieser öffentlich-rechtlichen Körperschaften berufenen Männer verpflichtet sind, sich und der Oefsentlichkeit Rechenschaft abzulegen über das, was für die Zukunst geplant ist, was im kommenden Jahre erreicht werden kann. Der sächsische Israelitische Gemeirweverband und die acht sächsischen israelitischen Religionsgeineinden sehen der kommenden Zeit mit größter Sorge entgegen. Stehen wir doch unmittelbar vor Behandlung eines Gesetzes im Landtage, das das Schacht-Verbot bringen soll und somit die religiösen Gefühle eines erheblichen Teiles der sächsischen Judenheit auf das schwerste zu beeinträchtigen geeignet ist. Wenn auch zu hoffen steht, daß dieses Gesetz, das ich als Laiwrs-Gesetz für unmöglich halte, das vielmehr nur durch Reichsrat und Reichstag erlassen werden kann, keine parlamentarische Mehrheit finden wird, so werden doch zweifellos bei Bearbeitung dieses Gesetzes Angriffe gegen die Judenheit gerichtet töerden, die abzuwehreu unsere erste Aufgabe sein wird. Daß hierbei die Hilfe des Central-Vereins nicht entbehrt werden kann, ist selbstverständlich, und es ist erfveuverlag: Bereinigung für da» liberale Judentum e. Berlin lich, daß die Zusammenarbeit zwischen Central-Verein und Landesverband gerade in Sachsen reibungslos läuft. Andererseits kann aber mit Genugtuung sestgestellt werden, daß die sächsische Staatsregierung den Entwurf eines neuen Kirchengesetzes (Gesetz über die öffentlich-rechtlichen Relicftousgemeinden) vorbereitet hat und daß in diesem Gesetze die sächsische Judenheit alle ihre Wünsche, die sie bei Vorbereitung dieses Gesetzes der Regierung hat näherbringen dürfen, erfüllt sieht. Daß der Landesverband, der staatliche Subventionen in Sachsen nicht erhält und nur äußerst beschränkte Mittel zur Verfügung hat, in der heutigen Zeit nicht in der Lage ist, große soziale Aufgaben zu lösen, liegt klar auf der Hand. Der Landesverband muß daher auch im komn:enden Jahre darauf bedacht sein, seine Landes-Wohlfahrtsstelle als Spitzen- Organisation der jüdischen Wohlfahrt nach Möglichkeit auszubauen mü> im Rahmen seiner Mittel bemüht sei», auch die Wanderfürsorge weiter zu betreiben. Aehnlich liegt die Not bei den Gemeinden. Die Gemeindevorstände werde» auch im kommenden Jahre nicht in der Lage sein, bei der immer größer werdenden Not Ausgaben sozialer Hilfeleistung im großen Stile zu betreiben. Man wird auch weiterhin nur die drückendste Not lindern können und auch seitens der Gemeinden nur darauf bedacht sein müssen, mit den bescheidensten Mitteln kulturelle und kultelle sowie Wohlfahrts-Aufgaben zu lösen, die der gesamten Gemeinde zugute kommen, ohne daß damit in steuerlicher Beziehung höhere Belastungen eintreten. Erfreulich ist es, daß lvir in Sachsen feststellen können, daß die Austrittsbewegung wohl die niedrigste ist, die in den deutschen Ländern beobachtet wird. Ich glaube, das nicht zun: wenigsten darauf zurückführen zu können, daß das Sächsische Oberverwaltuugsgericht einwandfrei durch Urteil festgestellt hat, daß der Austritt aus der jüdischen Gemeinde gleichzeitig den Austritt aus den: Judentume bedeutet. Trotz aller Not und trotz aller Angriffe können wir gerade in Sachsen mit hoher Befriedigung feststellen, daß in sämtlichen Gemeinden ein reges jüdisches Leben herrscht und daß selbst in denjenigen Gemeinden, in denen die leidige Wahlrechtsfrage noch immer nicht zu einer befriedigenden Lösung gebracht werden konnte, durch die hierdurch entstandenen' Kämpfe das Interesse der Gemeinde an: Judentume erhalten bleibt. Möge auch im konnnenden Jahre das Interesse durch die dazu berufenen Persönlichkeiten weiter gefördert werden. Das ist der hauptsächlichste Wunsch, den ich für die Zukunft habe. Paul Pincus, Berlin: Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Reform-Gemeinde. Aus einer aus dein 14. Jahrhundert stammende» Sonnenuhr fand sich der Sinnspruch: „Bei Sonnenaufgang -- Hoffnung, bei Sonnenuntergang — Frieden!". Was kann :nan beim Beginn eines neuen Jahres Besseres wünschen, als daß alle Hoffnungen, die in den Herzen keimen und wachsen, zu voller Blüte ausreisen und daß bald alle Menschen ü: Frieden verbunden sein mögen. Ruhe in: Gemüt und Frieden der Seele, das ist meii: Festes grüß! Diesen Wunsch, der der Gesamtheit gilt, sei nur gestattet, für die Gemeinschaft zu ergänzen, die ich zu leiten die Ehre habe. Dabei sollen in: Folgenden die Hoffnungen de» Jüdischen Reform-Gemeinde ans ihrem bisherigen Wirke» abgeleitet werden. Die Jüdische Reform-Gemeinde will nicht Kampf, sie will innige Verbundenheit aller Glaubensgenossen. Sie toleriert jede religiöse Richtung, beansprucht aber auch für sich volle Anerkennung des religiösen Standpunktes ihrer Mitglieder und unbedingte Gleichberechtigung innerhalb der Einheitsgemeinde. Sie will alle diejenigen um sich scharen, die die Ausübung der Religion in modernem Geiste, die Entwicklung des'Judentums und die Ausgestaltung seiner Einrichtungen in: Sinne der heutigen Kultur und int Ginklang mit den Ergebnissen neuzeitlicher Erkenntnis wollen, die sich zun: jüdischen Glauben »nd zun: deutschen Volk bekennen, die treuen' Herzens jüdische Mitbürger unseres deutschen Vaterlandes sind. Die Jüdische Reiorm-Gemeinde, die sich seit mehr als 8;> Jahren mit wachsenden: Erfolge für die Erneuerung und die Erstarkung jüdischer Religiosität eingesetzt hat, arbeitet unablässig daran, endlich ein würdiges Gotteshaus, auch in: Westen Berlins zu erhalten, in den: sie die von ihr vertretene religiöse Idee mit aller Kraft entfalten kann. Sic erwartet von der jüdischen Einheitsgemeinde Berlins, daß das früher gegebene Versprechen bald eingelöst wird. Die Jüdische Reform-Gemeinde hat berechtigten Anspruch darauf; denn alle ihre Mitglieder, unter denen sich sehr potente Steuerzahler befinden, sind gleichzeitig Mitglieder der Einheitsgeincinde. Wir sind bernüht, im Gottesdienst der Jüdischen Reform- Geineinde Weihe und andachtsvolle Stimmung zu verbreiten. Hierzu hat besonders unsere mit tiefem religiösen Verständnis, mit Liebe und Ehrfurcht von berufenen Stellen neugeschassene Liturgie beigetragen. Diese Liturgie findet überall großen Anklang', verschiedene Gemeinden wollen sie übernehme» und die Zahl unserer Anhänger wächst zusehends. Das Gebet in der Muttersvrache erschließt die Herzen und erfüllt sie mit Trost und mit Zuversicht. Unsere Feiertags gottesdienste werden im»:er mehr ausgebaut. In diesem Jahre werden sie außer in unserer Synagoge in der Johannisstraße noch in den würdigen Räumen der Hochschule für Musik in der .Hardenbergstraße und in den: stimmungsvollen Bürgcrsaal des Rathauses Schöneberg abgehalten. Da wir unser Ideal, den Eintritt kostenlos zu gestalten, leider noch nicht ganz verwirklichen können, haben wir in diesem Jahre bereits die Preise für die Eintrittskarten so herabgesetzt, daß es jeden: ermöglicht ist, den: Gottesdienst beizuwohnen. Und der Glaubensgenosse, der durch die Ungunst der Verhältnisse nicht in der Lage ist, selbst diese niedrigen Beträge zahlen zu können, erhält freien Eintritt. Neben den .Hauptgottesdiensten finden zur gleichen Zeit in besonderen Räumen Jugendgottesdienste statt, an denen alle Kinder kostenlos teilnehmen können. Ganz besondere .Hoffnungen für die Zukunft setzen wir auf das von unserem Vorstandsmitglied Herrn Lachmann- Mosse mit feinstem musikalischen Empfinden und Verständnis sowie in uneigennützigster und großzügigster Weise unter Aufwendung bedeutender Geldmittel geschaffene Schallplattenwerk. Die ersten Künstler und einen hervorragenden Chor von 84 Mitgliedern hatte er hierfür verpflichtet, mit uner-- müdlichem Eifer wohnte er den Proben und Ausnahmen bei, in rastloser Arbeit wurde geseilt und verbessert, bis die herrlichen Melodien und Gesänge unserer Liturgie so hell und klar, so glockenrein erklangen, daß sie das Ohr des Zuhörers entzückten und tiefen Wiederklang in den Herzen fanden. In vielen kleinen Gemeinden, die ihre Gottesdiensteohne Chor und ohne Orgel oder in Sälen veranstalten, in Altersheimen, Krankenhäusern, Erziehungsanstalten usw. wurden Gottesdienste mit unserer neuen Liturgie und den Schal.- platten abgehatten und leuchleiwe Augen, begeisterte Worte dankten uns stets für die andachtsvolle Weihe und Erhebung, die wir den frommen Zuhörern bereitet. Der Segen dieses großartigen Werkes wird sich immer mehr und mehr verbreiten. Gerade in der gegenwärtigen Zeit, in der die finanziellen Nöte die Durchführung eines Gottesdienstes in zahlreichen jüdischen Kleingemeinden bedrohen, dürste den: Schallplattenwerk erhöhte Bedeutung zukommen. Seht längerer Zeit besteht in unseren Kreisen der lebhafte Wunsch, über die allwöchentlichen Gottesdienste an den gesetzliche» Ruhetagen hinaus auch Freitag-Abendgottesdienste einzuführen. Die Freitag-Abendgottesdienste sollen in: koinmendeu Jahre eingerichtet werden. Diese Tatsache hat dazu geführt, daß schon jetzt in unserem neuen Gebetbuch eine Liturgie hierfür ausgenommen worden ist. Die Jüdische Reform-Gemeinde erwartet ferner, daß ihren Wünschen für den Ritus bei der Bestattung ihrer Mitglieder auf dem Gemeindefriedhof Rechnung getragen wird. Gleiches Recht für alle! Die Ansprüche der Orthodoxen sind erfüllt, nun verlangen auch wir unser Recht. Wir beten in unseren: Gottesdienst in deutscher Sprache zu Gott, nur die Kernsprüche werden hebräisch gesprochen. Wir wollen, daß das Kaddisch-Gebet in der bei uns üblichen Forn:, wie es unsere Seelen ergreift, von unseren Predigern ans dem Friedhof gesprochen wird, wir wollen, daß unser Chor, aus männlichen und weiblichen Personen bestehend, bei der Bcifetzungsfeier mitwirkt und durch seine Gesänge die Trauernden trösten und aufrichten kann. Durch den Opfermut unserer Mitglieder konnten wir unsere Wohlfahrtseinrichtungen erweitern, einer Reihe von Bedürftigen helfen, manchen die so nötige Erholungsreise durch Zuwendungen ermöglichen und zahlreiche Kinder in die Ferienkolonien senden. Dem immer größeren Ausbau unserer charitativeu Bestrebungen, denen sich eine Anzahl Damen und Herren mit Hingebung und Opferwilligkeil widmen, gilt unsere Arbeit. Wir streben danach, durch Berufsberatung und Stellenvermittlung nach unseren Kräften die Wirtschaftsexistenz unserer Mitglieder zu schaffen, zu erhalten oder zu kräftigen. Durch Krankenbesuche bei leidenden Mitgliedern, durch Anteilnahine an dein Schicksal der Mitglieder bei freudigen "und trauriger: Anlässen versuchen wir, einen .engen Konnex unserer Mitglieder herzustellen. Tie Not der jetziger: Zeit macht es uns zu einen: dringenden Gebot, gerade auf diesem sozialen Gebiete noch weit stärker als bisher tätig zu sein. Unsere Religionsschulen erfreuen sich regen Besuchs. Durch den Unterricht, den unsere Prediger und Lehrer in: Geiste der Reform erteilen, wird die Begeisterung der Kinder für unseren Glauben geweckt ur:d gefördert. Die Errichtung weiterer Schulen in mehreren Stadtteilen ist unser eifriges Bestreben. Mit außerordentlicher Freude und rnit regster Teilnahme verfotgen die intensive Arbeit, die in unserer erst so kurze Zeit bestehenden Jugendgeineinschast geleistet wird. Diese Jugendgeineiuschasr, die schon jetzt etwa 180 Mitglieder besitzt, unterstützen wir nach Kräften zur Erreichung ihrer Zwecke. Zietbewußt sind die jur:gei: Leute bestrebt, sich aus religiösem Gebiet sortzubilden und in den Geist unserer Religion ilmner mehr einzudringen. Durch. Diskussionsabende, Vorträge usw. suche,: sie die Fragen der Vergangenheit und der Neuzeit zu erforschen und zu erfassen, sie veranstalten Sederabende, Chanukkafeiern, sie widmen sich den Kindern unserer Gemeinde, veranstalten Gottesdienste der Jugend, bei derien sie alte Funktionen selbst ausüben. An musikalischen Abenden lassen sie sich die ^chönheiten jüdischer Melodien aus berufenem Munde erklären. Sie betätigen sich in: Wohlfahrtswesen und endlich üben iie Sport aus und erwecken durch Ausflüge die Liebe zu Gottes herrlicher Natur. All das geschieht natürlich nicht, wie sonst vielfach in jüdischen Jugendvereinen, in einem Geiste des Aofchließens vou der nich'tjüdischen Welt, sondern es wird ganz bewußt der Versuch weiteren Anschlusses an nichtjüdische jugendliche Kameraden gefördert.. Mehrfach habe,: bereits Mitglieder der Jugendgeineinschast nichts irdische Freunde zu den Veranstaltungen mügeöracht, deren Teilnahme selbstverständlich gern gesehen wurde. „Der Jugend gehört die Zukunft!" Darum freuen wir uns dieser Jugend, die pietätvoll und zugleich modern, selbstsicher und doch bescheiden, in treuer Anhänglichkeit an unsere Religion und erfüllt von heißer Baterlandstiebe, verwurzelt in der deutschen Heimat, mit festen Füßen in: Leben steht. Soviel über die Jüdische Reform-Gemeinde und den Weg, den sie in: kommenden Jahr zu gehen beabsichtigt. Noch ein Wort über die Einheitsgeineinden und Landesverbände. Wir wissen, daß in ihnen im konnnenden Jahre finanzielle Erwägungen im Vordergründe stehen werde». Tie wirtschaftliche Not der Einzelnen wird auch den Organisationen das Gepräge gebe». Umsomehr ist »eben Sparsamkeit und finanzieller Ordnung erforderlich, daß bieie auf Freiwilligkeit beruhenden Gemeinschaften berechtigten Wünschen ihrer Mitglieder Rechnung tragen. Wenn tatsächlich Ernst geuracht werden wird mit der Auffassung, daß die Gemeinden deutsche Religionsgemeinden sind und dementsprechend der Aufgabenkreis eine Begrenzung erfährt, so wird es nicht notwendig sein, daß auch die Erfüllung der religiösen und sozialen Pflichten durch die Ungunst der Verhältnisse beschränkt wird. Es geht auch nicht weiter an, daß alle sozialen Anstalten und Einrichtungen dieser Gremien weiterhin statutengeinäß in orthodoxein Geiste geleitet und verwaltet werden. Hier muß endlich zur Anerkennung gelangen, was außerhalb dieser Anstalten im Leben der Mehrzahl der deutschen Juden längst Wirklichkeit geworden ist. „Bei Sonnenaufgang — Hoffnung, bei Sonnenuntergang — Frieden!". Mögen alle Hoffnungen, die ich für unsere teure Resormgemeinde hege, sich verwirklichen. Möge der Geist der Liebe, des Vertrauens und der Einigkeit immer weitere Kreise erfassen, möge wahrer Gottesglaube und echte Menschlichkeit alle Menschen durchdringen, damit Friede und Wohlfahrt in allen Ländern der Erde herrsche! Alfred Levy, Hamburg: Vorsitzender der deutsch-israelitischen Gemeinde Hamburg. Ueber die Aufgaben des Deutschen Judentums für die nächste Zukunft kann ich mich kurz äußern. 2 Dinge tun uns not: entschiedenster Friedenswille und größte Opferbereitschaft. Nur sie werden uns über die schwere Zeit hinweghelfen, die uns bevorsteht. Fortsetzung der Antworten siehe 2. Beilage. SW. 11. — Verantwortlicher Redakteur: Seorg« Soetz. Berlin SW. 61. — Druck: -ermann Wegner & So., Berlin-Martendorf.

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