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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-09-16 · 36-37 (16.9.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
36-37 (16.9.1931)
Date
1931-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Aufgaben der Gemeinden und GemeindeverbSnde im kommenden Iahr Aus Anlaß der Hohen Festtage haben wir uns an die Präsidenten der LandesveÄände jüdischer Gemeinden, an Borsitzende von Großgemeinden, sowie an die Vorsitzenden der beiden liberalen Flügelgruppen mit der Bitte gewandt, uns ihre Gedanken über die Aufgaben der Landesverbände und Gemeinden im kommenden Jahre zur Veröffentlichung bekanntzugeben. Wir glaubten, daß eine derartige' Zusammenstellung der an den verschiedenen Brennpunkten des deutschjüdischen Gemeindelebens bestehenden Wünsche und Pläne zur Vereinheitlichung und Förderung des gesamten deutsch-jüdischen Lebens in hervorragendem Maße beitragen kann und lassen nunmehr die Einsendungen folgen. Es ist selbstverständlich, daß die Schriftleitung sich nicht mit allen Einzelheiten in den Ausführungen der Herren Einsender identifizieren kann; die Verhältnisse auch des jüdischen Lebens sind in den einzelnen deutschen Ländern noch zu verschieden; auch ist es ein Grundsatz des Liberalismus, die praktische Ausgestaltung des jüdischen Lebens den örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten anheimzustellen, wenn nur das Prinzip der reinen Idee des Judentums gewahrt bleibt. Die Red. Kammergerichtsrat Leo Wolff, Berlin: Vorsitzender des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Wir treten in ein neues Jahr ein, und, wenn wir die ersten Tage auch als solche der Erinnerung begehen und deshalb uns auch das vor Augen halten dürfen, was wir Erhebendes selbst in dieser Zeit der Not erleben konnten, so folgen doch bald die Tage der Einkehr und der Buße mit ihrer Krönung, dem Versöhnungstage. Unendlich vieles hat sich ereignet, wofür wir alle büßen müssen, und keine Zeit war geeigneter als die jetzige, uns die Notwendigkeit der Besinnung auf uns selbst, des Verlassend der bisher betre tenen Wege und des Einlenkens in neue Bahnen klar zu machen. Es steht ein Jahr bevor, das nicht nur der Wiedergewinnung manches verlorenen Wertes, der Wiederausrichtung mancher in Trümmer gesunkenen und doch so nützlich gewesenen Menschenwerke, sondern auch in weitestem Umfange neuer Leistung, aufbauender Arbeit gewidmet sein muß. Jedem einzelnen wird solche Arbeit obliegen, und sie wird vor allem denjenigen Organisationen obliegen, die durch Zusammenfassung der Kräfte das Wohl des Ganzen und danrit wiederum das der einzelnen fördern wollen. Stellte sich früher als eine solche jüdische Gesamtheit nur die Kehilloh dar, die Gemeinschaft derjenigen, die in enger, beinahe nachbarlicher Fühlung standen, und im religiösen Leben alle zu' diesem gehörigen Einrichtungen mit einander teilten, so ist in neuerer Zeit die Empfindung dafür erwacht, daß auch die Kehilloth miteinander verbunden sind, daß auch sie ein gemeinsames Band umschlingt und daß durch ihre Zusammenfassung ein Gebilde entsteht, das als solches besondere Leistungen vollbringen kann, wie sie den nebeneinander laufenden Anstrengungen feiner einzelnen Glieder versagt bleiben müssen. Die landsmannschaftliche Aufteilung Deutschlands hat es mit sich gebracht, daß die Zusammenschließung der deutschen jüdischen Gemeinden in jedem Lande getrennt vor sich ging. Es haben sich jüdische Landesverbände gebildet, aber überall ist der Wille zum Ausdruck gekommen, sie alle so schnell wie möglich in einem Reichsverbande zusammenzusassen, in den sie zwar nicht völlig aufgehen sollen, durch den aber das einheitliche Vorgehen in allen gemeinsamen Angelegenheiten und die geordnete Vertretung aller deutschen Juden nach außen gewährleistet wird. Es ist eine der wichtigsten Ausgaben des kommenden Jahres, auf Grund der bisherigen Vorarbeiten, die bereits zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände Deutschlands geführt haben, den Reichsverband zu schaffen, dessen Fehlen gerade in jüngster Zeit bei vielen Gelegenheiten schmerzlich empfunden wurde und dessen Zustandekommen über manche beachtliche und noch viel mehr gänzlich unbegründete Bedenken hinweg zu erleben, uns deutschen Juden endlich beschicken sein möge. Die Tätigkeit der Landesverbände wird dadurch nicht geringer werden, Zuständigkeitsftreitigkeiten werden nicht entstehen. Es herrscht Einigkeit darüber, daß die Selbständigkeit der Landesverbände erhalten und ihr Arbeitsgebiet im wesentlichen unangetastet bleiben soll. Dieses wird in Preußen im kommenden Jahre sehr groß sein. Die laufenden Geschäfte haben sich mehr und mehr ausgedehnt. Die Zahl der zugehörigen Gemeinden wird immer größer, und es ist das Bestreben des Preußischen Landesverbandes, mit ihnen in ständiger, enger Fühlung zu bleiben. Mit Recht suchen sie in allen ihre Interessen berührenden Fragen Rat und Hilfe beim Landesverband, und dieser gewährt ihnen beides gern nach Maßgabe der Möglichkeit und seiner Mittel. Er ist sich bewußt, daß er mit dazu da ist, die Gemeinden zu erhalten und das jüdische Leben in ihnen zu kräftigen. Zur Erreichung dieses Zieles wird er gerade in den jetzigen schweren Zeiten keine Anstrengung scheuen. Er wird weiter den einzelnen bedürftigen Gemeinden aus seinen, eigenen Mitteln und aus denjenigen, die ihm der Staat zur Verfügung stellt, die nötigen Unterstützungen zufließen lassen und ihnen dadurch die Erfüllung ihrer eigenen Aufgaben vor allem auf dem Gebiete des Kultus und des Religionsunterrichts ermöglichen. Wo eine Gemeinde zu klein ist, um den ausschließlichen Wirkungskreis für einen Beamten zu bilden, wird der Landesverband auch künftig durch Errichtung von Bezirksrabbinaten und Bezirkslehrerstellen um ihre Versorgung bemüht sein. Im übrigen wird er nicht aufhören, der sozialen Hilfstätigkeit in umfassender Weise sein Augenmerk zuzuwenden und dadurch zur Aufrechterhaltung vieler der Allgemeinheit dienender Anstalten und Unternehmungen beizutragen. Endlich werden diejenigen Hochschulen und Seminare, in denen der Nachwuchs für die Rabbiner und die Lehrer herangebildet wird, darauf rechneu können, daß der Landesverband das seinige zur Abwendung der ihrem Bestehen drohenden Gefahren tun wird. Sehr bemerkenswert find die allgemeinen Ausgaben, die auf Grund der bisherigen Vorbereitung nunmehr ihrer Lösung zngesührt Werden müssen. Dabei ist an die Schaffung eines Beamtenrechts, einer Mustersatzung für die Gemeinden und möglichst auch an die Gründung einer Ruhegehaltskasse für die Beamten der Gemeinden oder die anderweitige Sicherung ihrer Ansprüche zu denken. Vor allem müssen die Rechtsverhältnisse der Juden in dem gesamten Freistaat Preußen den neuzeitlichen Anschauungen entsprechend geregelt werden. Statt des in Alt-Preußen geltenden Gesetzes vom 23. Juli 1847 und der iu den neuen Provinzen noch bestehenden buntscheckigen Bestimmungen muß endlich ein einheitliches Gesetz erlassen werden. Der Entwurf für ein solches ist von den: Landesverband längst gefertigt und der Regierung vorgeletzt worden. Es besteht Aussicht, daß auf seiner Grundlage int künftigen Jahre vom Landtag ein Gesetz verabschiedet wird, das allen berechtigten Anforderungen genügen dürfte. Dabei sollen in den Grenzen der Möglichkeit auch diejenigen des Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Gemeinden berücksichtigt werden, soweit sie sich als berechtigt erweisen. Zu ihm gehört zwar nur ein sehr geringer Bruchteil der preußischen Gemeinden mit einer nur unbedeutenden Seelenzahl. Es muß aber anerkannt werden, daß die von ihm vertretene Richtung Anspruch auf Beachtung hat und daß jeder Gewissenszwang zu vermeiden ist. Da, wie mit Genugtuung festgestellt werden kann, die Beziehungen zwischen den beiden preußischen Landesverbänden sich seit geraumer Zeit in erfreulicher Weise gebessert haben, ist damit zu rechnen, daß die auf beiden Seiten bestehende Absicht, ehrlich zusammenzuarbeiten und dadurch der gemeinsamen Sache des preußischen Judentums zu dienen, gerade auf staatskirchenrechtlichem Gebiete Früchte tragen wird. So können wir bei Beginn des neuen religiösen Jahres den Ernst der' Lage zwar nicht verkennen, in dem sich die Welt und besonders unser deutsches Volk, mit ihm wir deutschen Juden, befindet. Aber wir dürfen darin keinen Anlaß zu stumpfer Resignation sehen, sondern wollen um so mehr von der Zukunft erwarten und durch treue Arbeit das unsrige dazu 'tun, um sie auch für die jüdischen Gemeinschastsausgaben verheißungsvoll zu gestalten. Oberstlan-esgerichtsrat Dr. Alfred Neumeyer, München: Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. , Die verehrliche Schriftleitung ersucht um Meinungsäußerung über die Aufgaben unserer Gemeinden und Landesverbände. Sie will dadurch zur Förderung des Lebens unserer Gemeinschaft beitragen. Ihre Aufforderung fällt in eine bittere Zeit. Wir haben uns in den Jahren seit der Umgestaltung der staatskirchenrechtlichen Verhältnisse im Reiche und in den Ländern bemüht, unsere Gemeinschaft anszubauen, und haben vielleicht auch manche Ansätze zur Erneuerung des jüdischen Lebens erzielt. Wir haben die Gemeinden in den Ländern zusammengefaßt und ihre Angelegenheiten nach der rechtlichen und kulturellen Seite geordnet, die Großgemeinden haben durch ihre Steuermittel den Fortbestand der lebenskräftigen kleineren und mittleren Gemeinden gewährleistet, wir haben unseren Rabbinern und Beamten auskömmliche Gehälter gegeben und ungeachtet des Währungsverfalles unsere Einrichtungen und Anstalten aufrechterhalten, wir waren bestrebt, unsere Kräfte zu sammeln, um sie in einer Zeitenwende für die Aufrechterhaltung der Kultur einzusetzen, eingedenk des Wortes von Hermann Cohen, daß wir nur durch die Pflege unserer Eigenart zur Förderung unserer deutschen und der allgemeinen menschlichen Kultur beitragen können. Da fällt ein Reif auf die keimende Saat. Die Not des Volkes, die sich im jüdischen Mittelstand besonders schwer auswirkt, zwingt uns das Steuer rückwärts zu stellen und wir wissen nicht, ob die Not nur eine vorübergehende ist oder den Beginn einer armen Zeit eröffnet. Als verantwortliche Leiter unserer Gemeinwesen müssen wir jedenfalls diese letztere Möglichkeit ins Auge fassen, von dem Wege nach vorwärts abbiegen und Richrlinien für den Abbau geben. Hierbei müssen wir uns vor allem klar sein, daß wir nicht eine Gesellschaft des Erwerbs und der Wirtschaft bilden, die mit den ihr zugrundeliegenden Interessen eingeschränkt oder gar aufgehoben werden kann, daß wir vielmehr dauernde'religiöse und ethische Werte zu behüten haben, die, in ein ärmlicheres Gewand gekleidet, doch unter allen Umständen erhalten und unversehrt iu die Zukunft getragen werden müssen. Wir haben zu unterscheiden, welches sind die Werte, die in keinem Falle verkümmern dürfen, und was sind die Äerte, deren Pflege zurückgestellt werden kann. Wir kommen so auf die Grundlagen unseres Gemeinwesens. Als oberster Wert ergibt sich hier die Religionsschule. Sie verbürgt die Zukunft unseres Bekenntnisses und muß darum unbedingt erhalten werden. An sie reiht sich der Gottesengeren Sinne. Wie steht es aber mit der Wohlfahrtsdienst. Zurücktreten müssen die kulturellen Leistungen im pflege? In ergreifenden Worten richtet die Zentralwohlsahrtsstelle an die jüdischen Gemeinden in Deutschland den Ruf: Haltet die Wohlfahrtsarbeit aufrecht! Die Wohlfahrtsrrbeit muß erhalten bleiben, aber sie muß wieder auf breitere Schultern gelegt werden. In höherem Maße als bisher soll die Mildtätigkeit wieder Sache der jüdischen Gesellschaft als solcher sein, der einzelne und die Vereine müssen iu gesteigertem Maße die Wohlfahrtsarbeit tragen, wie dies von altersher ihre religiöse und menschliche Pflicht gewesen ist, unter Leitung und in Anlehnung an die Wohlfahrtspflege der Zentrale des Reiches, der Gemeinden und Landesverbände, deren Erfahrung und systematische Leistung nicht verloren gehen dürfen. Dabei ist weiter zu sagen, daß Krisen, Jean Paul und das alkjüdische Schrifttum. Zur Gesamtausgabe feiner Werke. Von S. M eisels. Als im Jahre 1925 Jean Pauls 100. Todestag gefeiert wurde, da glaubten »nanche, dieser Gedächtnistag werde einen Tag der Auferstehung für Jean Paul und sein Dichtungswerk bedeuten. Man erinnerte sich an das prophetischpoelisch klingende Wort, das Ludwig Börne in seiner berühmt gewordenen Denkrede auf Jean Paul vor 100 Jahren gesprochen: „Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint... Nicht alten hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren. Er steht geduldig an der Pforte des 20. Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm Nachkomme." Nun, diese Börnesche Prophezeiung ist nicht in Erfüllung gegangen: das Auge des Jahrhunderts hat sich geschlossen, aber das schleichend Volk ist seinem Jean Paul nicht nachgekommen. Gleichwohl darf man heute sagen: Jean Paul redivivus! Die Feier des 100. Todestages ist nicht spurlos vorübergegangen: sie hat die Jean-Paul-Literatur durch zahlreiche Neudrucke, Auswahlen, Biographien, Abhandlungen bereichert und bei vielen ein tieferes Verständnis für die genialen Schöpfungen des Dichters geweckt. In den letzten Jahren ist auch die Jean-Paul-Gemeinde in Deutschland wesentlich gewachsen. Und nun hat sich — um Jean Pauls gewaltiges Gesamtwerk in allen seinen Teilen zu erschließen — die Preußische Akademie der Wissenschaften mit der Deutschen Akademie und d-er neugegründeten Jean-Panl-Gesellschaft zu einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Jean Pauls verbunden. Die Herausgabe wurde dem als besten Kenner des Dichters bewährten Dr. Eduard Berend übertragen. Die Ausgabe, die im Verlage Hermann Böhlaus Nachs. in Weimar erscheint, wird in zwei Abteilungen zerfallen; die erste umfaßt die zu Lebzeiten des Dichters erschienenen Werke, die Zweite den Nachlaß. Bisher sind insgesamt acht Bände erschienen, von denen jeder einzelne mit einer orientierenden Einleitung eröffnet und mit erläuternden Anmerkungen geschlossen wird. Diese Gesamtausgabe schafft die Möglichkeit, den Dichter des „Hesprrus" in seiner ganzen Vielgestaltigkeit kennenzulemem Wenn man sich in die Werke Jean Pauls vertieft, so lernt man es begreifen, warum die Jean-Paul-Gemeinde zu der Größe des Tichters in so argem Mißverhältnis steht. Jean Paul darf sich rühmen, daß lauter Häupter zu seiner Gefolgschaft zählen. Dieser wenig gelesene Dichter ist zugleich der einflußreichste. Es gibt im ganzen letzten Jahrhundert im deutschen Sprachbezirk keinen großen Satiriker, Humoristen, Menschenzeichner, Naturmaler, der nicht in irgendeiner Weise von Jean Paul beeinflußt wäre, der uns nicht irgendwie jeanpaulisch käme. Aber das Volk, die große Lesermasse des Volkes, leistet ihm keine Gefolgschaft. Das ist jedoch nicht die Schuld des Volkes allein. Jean Paul macht es einem verdammt schwer, ihm zu folgen. Man weiß, wie labhrinthisch verschlungen oft seine Wege sind; man muß sich da erst durch vieles hindurchwinden, um zu seinen frischen Quellen zu gelangen. Nur wer Mühe und Anstrengung nicht scheut, wird das Werk Jean Pauls bewundernd genießen. Was in den Werken Jean Pauls Bewunderung und Erstaunen erweckt, ist nicht allein die geniale barocke Erzählungsknnst, sondern auch die Unsumme von Wissen, das in diesen Werken aufgespeichert liegt. Aus mannigfachen Wissensgebieten und in vielen Schrifttümern war dieser universale Geist heimisch. Auch mit dem altjüdischen Schrifttum war Jean Paul aufs innigste vertraut, — was wir nachstehend an einigen markanten Beispielen dartun wollen. In feiner Autobiographie „Wahrheit aus meinem Leben'' erzählt Jean Paul, er habe in der Schule zu Schwarzenbach das hebräische Alte Testament mündlich in ein lateinisches übersetzt „wie Ein wahrer Vulgatamann". Jean Paul fährt dann fort: „Der jetzige Romanschreiber verliebte sich ordentlich in das hebräische Sprach- und Analysiergerümpel und -kleinwesen — eigentlich ein heimlicher Zug seiner Liebhaberei für Häuslichkeit — und borgte aus allen Schwarzenbachischen Winkeln hebräische Sprachlehren zusammen, um über die diakritischen Punkte, die Vokale, die Akzente und dergleichen alles aufgehäuft zu besitzen, was bei jedem einzelnen Worte analysierend aufzutischen ist. Darauf nähte er sich eiri Quartbuch und sing Parin bei dem ersten Worte im ersten Verse im ersten Buche Mosis an und gab über das erste Wort, über seine sechs Buchstaben und seine Selbstlanter und das erste Dagesch und Schwa so reichlich Belehrungen aus allen entlehnten Grammatiken mehrere Seiten hindurch, ' daß er bei dem ersten Worte „Anfangs"' (er wollte so von Kapitel zu Kapitel fortschreiten) auch ein Ende machte, wenn es nicht bei dem zweietn war. Was noch von des Quin* t u s F i x l e i n Treibjagd in einer hebräischen Foliobibel nach größern, kleinern, umgekehrten Buchstaben (im ersten Zettelkasten) geschrieben steht, läßt sich wörtlich mit allen Umständen auf Pauls eigenes Leben anwenden." Auf Grund dieses Bekenntnisses könnte man wohl der Ansicht sein, Jean Paul sei in der Kenntnis der hebräischen Bibel beim „Ansangswort" stehen geblieben. Seine Werke indes bezeugen, daß der Dichter auch auf diesem Wissensgebiete fortschreitend seine Kenntnisse vermehrte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Jean Paul auch später, nachdem er längst der Schwarzenbacher Schule entwachsen war und auch nicht mehr die theologische Wissenschaft er professo trieb, sich! für das altjüdische Schrifttum lebhaft interessierte. Man kann diese Annahme in Jean Pauls Gesamtwerk von Buch zu Buch bestätigt finden. Ja, man darf sogar ohne sonderliche Kühnheit behaupten, daß des Dichters frühe Jugendliebe zu dem altjüdischen Schrifttum später in ein recht intimes Verhältnis übergegangen sei. In der Glanzzeit der deutschen Klassik, wo so viele Siegel und Schlösser von alten Schriftwerken gelöst wurden, hat sicherlich fein zweiter unter den Dichtern vom altjüdischen Schrifttum soviel gewußt und soviel in seinen eigenen Werken daraus verwendet wie Jean Paul.^ Jean PaulJtreul schockweise Regeln der hebräischen Grammatik, massoretische Grundlehren, alttestamentliche Gleichnisse und rabbinische Weisheitssprüche in seine Werke ein. Auch ohne zu suchen, kann man in jedem Sektor, in jedem zweiten Zettelkasten, in jedem dritten Extrablatt irgendeine biblische Sprachblume oder irgendeine rabbinische Weisheitsperle finden. Dabei hat man nie die Empfindung, als gäbe hier Jean Paul mehr als er besitzt; im Gegenteil, er gibt aus dem Vollen, wie einer, der nicht zu knickern braucht. Freilich, im Glitzerschein seiner Humore glänzt das alte Gold biblischen Sprachguts ganz anders, aber das gehört ja eben mit zu Jean Paul, daß er alles, Eigenes und Fremdes, jeanpaulisch poliert. Schon in der Jugendschrift „Auswahl aus des Teufels Papieren" holt Jean Paul aus ziemlich entlegenen Bezirken des altjüdischen Schrifttums einige seltene Glauzsteinchen herbei, um im kleinen Meisterstück „Nötiges Aviso vom Juden Mendel" zu dem rechten Ton auch den rechten Inhalt zu fügen. Er nennt das kabbalistische Buch „Sepher Rasiel", dann die Gemara, und gibt zuguterletzt (in einer Fußnote)

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