Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 36-37 (16.9.1931)
- Date
- 1931-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WlschNeraleZeMU Orgaii der Bereinigung für das liberale Judentum e. V. Die Vereinigung für da« liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsähe, die ausdrücklich al» in ihrem Namen «der in ihrem Aufträge versaht gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aenherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Haliesche Sir. 1 Fernruf: Vergmann 3338, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 1370öS (Vereinigung für dar liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Vriginal-Veiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. vezugsprei« durch die Geschäftsstelle '^jährlich M. Ir- Einzelnummer OJ25. Bei freier Zusendung i. Inland BJS Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Vezugsprei» im Mtglledsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.NoupareillezeileÜ.4S Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Aanouceu-Lxpedit. Nr. 36/37 Berlin, 16. September 1931 11. Jahrgang Zu deu Tagen der Einkehr Von Heinrich Stern. Zwischen das Fest des Gedenkens und den Versöhnungstag haben die tiefsinnigen Schöpfer unseres religiösen Kalenders 10 Tage der Einlehr, der Umkehr, der Selbstbesinnung gesetzt. Wollen wir am Jom Kippur das höchste Ziel, den Frieden mit uns selbst, erringen, so muß nicht nur eine Rückschau staUsmden -- die zwar nicht stets erfreulich sein mag, aber unschwer und billig ist — sondern es muß aus den: Rückgedeuken heraus der Entschluß gefaßt werden, der die höchste Tat ist, wahr gegen sich selbst zu sein, und aus der Selbsterkenntnis muß der Wille zu handeln geboren werden. Sonst gibt es keine Versöhnung. Wir haben ein Katastrophenjahr hinter uns und eure vielleicht noch schwerere Zeit vor uns. Gewiß, ivir Juden haben cs gesuhlt, hier in Deutschland vielleicht am stärksten, daß unser Los verknüpft ist mit dem der Umwelt wie nie zuvor. Man mag sagen oder nicht, es gebe auch eine spezielle jüdische Not im Materiellen und Ideellen; — das fmt doch Theonen, zu politischen Zwecken erdacht und vertreten. Es gibt kern Einzel-, kein Einzelgemeinschastslos und -leben mehr. Ob aus der britischen Jnselfeste, obin der Riesenwelt Ehinas, ob im Herzland Europas oder Amerilas, überall die gleichen Probleme, der Kamps der Arbeitenden um Arbeit, das Ringen des Geistes mit der Materie nur Erhaltung m den Wirtschastsnöten des Tages, hie Nationen Trennung, lste Nationen Versöhnung und stärker als je der immer mehr durchbrechende Gedanke: wir erleben crne Welt-Katastrophe, und nur die Erkenntnis und der Wille der Menschheit, eins zu werden, kann erhalten und Helsen! v Wie stark die Fäden sich zwischen Juden und Nichtjuden spinnen, hat selbst diejenige jüdische Gruppe erfahren müssen, welche die Selbständigkeit, die Vereinzeltheit jüoischen Lebens und Schicksals ain stärksten betont: der Zionismus, und zwar auf dem Baseler Kongreß. Der ganze Kongreß, soweit er nicht rein organisatorlsch-administrative Arbeit leistete, ein einziger Versuch, dir Ideale, die Theorie mit den Tatsachen, mit der Ilmwelt auszuglerchen. Jinmcr wieder auf und hinter der Szene der Versuch, nicht sich über das „Endziel" klar zu werden oder es oor den anderen zu klären, nein, nur das Streben um der großen Mächte der Welt willen, ohne dre cs nicht geht, aus Rücksicht aus die internationale Politik und Wirtschaft, aus Rücksicht aus nichtzionistische Freunde und solche, die es werden sollen, einen Ausgleich zwischen Wollen und Können zu finden, zwischen Ideal und Wirklichkeit. Alle wollen die jüdische Mehrheit in Palästina - - aber es anszusprechen ist gefährlich wegen der Araber, der Engländer, ja auch wegen der nicht zionistischen „Fisty" der Agency, die das nicht mitmachen. Glaubte man an die Kraft, eigenes jüdisches Schicksal zu erringen, so sollte man ehrlich das Letzte sagen, glaubte man nicht, so sollte man ehrlich eingestehen, daß das Letzte unerreichbar sei - man tat weder das Eine noch das Andere —• man diskutierte über den gemeinsamen Glauben und faßte Resolutionen, hichler deren großen Worten der Zweifel aus jeder Zeile heroorsreht. Vom Zweifel zur Verzweiflung ist es nicht weit. In diesen Tagen, in denen das britische Palästinagouvernement jüdischen Siedlern plombiert: Wassenbehälter („sealedarmouris“) verteilen muß („nach den Grundsätzen der Feuerwehr oder Notbremsen in den Zügen", schreibt der Manchester Guardian sehr bezeichnend)' müßten sich die neuen Führer, die mit Mühe Erwählten, die grausige Verantwortung vor Augen halten, die Verantwortung nicht nur um Leib und Leben der jüdischen Idealisten in Palästina, sondern die noch viel größere, daß es bei Bieltausenden um das Judentum geht, das ihnen eins ist mit dem Sein oder Nichtsein des „national bome". Heimatlose Menschen rönnen wieder angesiedelt werden, aber heimatlos gewordene Ideale sind unrettbar verloren. Schon jetzt ist der Bruch zwischen dem goldenen Traum und dem grauen Tag so klaffend, daß echte Einkehr die Führer heißen müßte zu sagen: jo, unten ständigem Feueralarm, können wir Palästina nicht besiedeln, geschweige zu einem jüdischen Zentrum gestalten. Man nehme alle Kraft zusammen, um die Tausende, me jetzt in Palästina leben, friedlich arbeiten zu lassen, man verzichte aus utopische Forderungen, die schließlich nicht nur jüdisches Geld und jüdisches Blut kosten, sondern Unersetzliches zerschlagen: den Gemeinschaftsgeist und den Enthusiasmus unserer Jugend! Noch eimnal sei es klar ausgesprochen: Es wären alle gemeinschaftsbewuWen Juden für die Palästina-Arbeit zu haben, wenn sie in den Grenzen des Politisch-Möglichen und Wirtschaftlich-Erreichbaren geleistet, d. h. auf absolut jüdischneutrale Grundlage gestellt würde: in Frieden mit den Arabern, ohne politische „Endziele" und als Teilproblem der viel größeren Judenheits-Frage, welche die jüdische Gemeinschaftsarbeit und -kraft hinreichend zu beschäftigen Hut. Eine wirkliche „Jewish Agency" muß geschaffen werden, die sich auch mit der Palästina-Siedlung beschäftigen soll, die vor allem aber dafür zu sorgen hat, daß die Juden der Diaspora erhalten werden, ohne die keine Palästinasiedlung einen Sinn hat. Millionen werden jährlich für die Zehntausende in Palästina gestiftet, — was bleibt für die acht Millionen Ostjuden, die verhungern, für die Hunderttansende in Westeuropa, deren hundertjähriges Ausbauwerk, wirtschaftlicher, sozialer, geistiger Arbeit voll, vor bcm Niederbruch steht? Es mag^heut noch Idealismus sein, der die „alten Zionisten" an ihrem Jugendideal jach wie vielen an ihrem Judentum) sesthalteu läßt; nutzt man auch diese letzte Zeit der Einkehr nicht, — sie darf länger sein als 10 Tage, - - so wird der Idealismus zum Fanatisinus, der nicht ansbaut, sondern niederreißt. Ter Zionismus darf heute getrost seine Palästina Arbeit eluengen, auf sachlichen Boden stellen, wenn sie ihm lvirklich das ist, was sie sein sollte, ein Mittel zum höchsten Ziel: durch Weckung des jüdischen Gemeinschaftswillens das Judentum zu erhalten und fortzupstauzen. Wir deutschen Juden haben diesen Gemenischastswillen ja iininer bewiesen: die deutsche jüdische Gemeinde, der DJGV, die JCA, ja auch der Eentralvercin bestanden schon, ehe Herzl auftrat. Aber sei's drum! Mari riiuß dem Zionismus de» Ruhm lassen, ein Menschen alt er lang für die Notwendigkeit jüdischer Gemeinschaftsarbeit mit Wort und in seinem Ehatuzim auch mit der Tat eingetreten zu sein. Heute ist der Gedanke wieder Allgemeingut, und er wird und muß mel umfassender geprägt und verwirklicht werden. Palästmaarbe't allein genügt nicht als Aufgabe für eine jüdische Gemein- \ schast, die ihrer selbst bewusst ist, - Palästina als eine Wegeffippe mag beibehalten werden, als letztes, einziges Ziel kann es nie mehr alle Juden einen. Setzt an die Stelle des „nationalen Willens" die jüdische Gemeuischastsarbeil, die Tai aller für alle, zeigt in dev heutigen Notzeit, daß für geineinjüdisches Handeln keine Parteidoktrin ein Hcrnmnis sein darf! Heule heißt es: „Nicht Philosophie, nicht Diskussion, nur Arbeit kann Helsen!" Freilich zweierlei ist zu beachten: ein eminent Praktisches und ein eminent Geistiges: Das Praktische: Unsere jüdische Arbeit leidet unter einem Ucbermaß. an Organisation und Organisationen. Ich will jetzt nur voii der sozialen Arbeit in Deutschland sprechen. DaS Interesse an sozialer Arbeit für außwdentsche Ausgaben ist groß: inuß es sich im Hilssverein, in Ort, m Ose, in Emigdireet etc. zersplittern? Zehnlausende kosten nur die Büros mit ihrer Maschinerie. Und dann der Ressortpatriotismus, dre Zuständigkeitssragen! Das gleiche gilt für die innerdeutsche Arbeit: In Gemeinden, Landesverbänden, privaten und halböffentlichen Organen wird sie geleistet und zersplitteit. Lassen wir den Gemeinden ihre sozialen Ausgaben in ihren Mauern, vereinen wir aber alle weitergeheiche soziale Arbeit in einer einzigen Organisation, die alle Lasten trägt, der aber auch alle Mittel allein zuslicßen. Eine Organisation für die innerdeutsche Sozra'larbeit: ich meine den bald zu schassenden Reichsverband und bis dahin ein Wohlfahrtsausschuß aller Landesverbände! Eine Organisation für die außerdeutsche Sozialarbeit: den — naturgemäß entsprechend ausgestalteteu - - „'Hilfsverein der deutschen Juden", der in Fühlung arbeiten muß mit allen Organisationen gleicher Art in dergänzen Welt. Eine Leitung, eine Arbeitsmaschine, ein Wille, ein Z:rl. Und damit das Letzte, das ungeheuer Wichtige! Ich bin dem Zionismus oben gerecht geworden als dem Wecker des Gemeinschaftslvillens in vielem, für vieles. Aber im Allerletzten hat er versagt. Daß die Nationalisierung der Juden ein grenzenloser Fehlgriff war, kann gar nicht mehr zweifelhaft sem. Darüber Helsen noch so glänzende Begriffsumbieguirgen der Begriffe „Nation" und „Nationalismus" nicht hinweg. Die furchtbarste Antwort auf diesen Lösungsversuch ist das Abwandern jüdischer Massen im Osten zum Kommunismus, der Versuch in Rußland, den letzten Schritt zu tun: ein jüdisches Volk zu schaffen, zu schirmen, zu siedeln und das Judentum zu bekämpfen, auszurotten! Solange haben die Doktrinäre des Nationaljudentums theoretistert, bis ihnen die Wirklichkeit e:ne Nation von jüdischen Menschen vor Augen führt, die Juden nicht mehr sein wollen oder — sollen. Ter Kommunismus schrickt heute leichtes Spiel zu haben. Auch bei uns hören wirs ja, die alte Weise der Verbitterten, Enttäuschten: Was hat ste uns denn gegeben, diese Religion? Hat sie uns vor Arbeitslosigkeit, vor Krieg, vor Hunger bewahren können? Wir sind von Erde und arbeiten aus der Die nächste Doppel-Nummer erscheint am Mittwochs dem 30. September. (Redaktionsschlutz: Freitag, den 25. September, vormittags.) Vereinigung für das liberale Judentum E.V. Erde, für irdisches Bedürfen. -- Dazu hilft uns, dafür brauchen wir kein Judentum. Hier die Antwort zu finden, zu diesen aus der Verzweiflung heraus doch Hoffenden zu sprechen, das, Ihr Lehrer, Ihr Führer, ist heute Eure größte Ausgabe, eine weit größere als Kasualien und Predigthalten, als Schullehre und Forschertum! - l Ich will hier nicht, ich bin auch nicht wissend genug, Einzelantworten des Judentums geben auf Einzelsragen. von Tag und Tagesnot. Aber eines, Ihr Jungen, Ihr Alten, sei gesagt: Soziale Arbeit, Gemeinschaststat kann nicht sein ohne Gemeinschaft, jede (Gemeinschaft aber stirbt ohne den Glauben an ihre Ausgabe. Wer lernt, um Wissen, zu erwerben, wer arbeitet, um Habe zu sammeln. wer mit anderen schasst, mn Not zu lindern, wird satt, wenn er erreicht, oder wird müde, wenn er versagt hat. Wer aber daran glaubt, daß cm letztes, fernes Ziel über dem ersten. sichtbaren besteht, daß ihm gearbeitet, ihm Wissen erworben, ihm Not gelindert ivird, den können auch Rückschläge nicht entmutigen. Wer Gleichheit und Einheit der Menschheit will, wer Freiheit und Frieden anstrebt, ivic kann der au der ewigen, der einzigen Gemeinschaft verzwei,cln, dre, was sic erlebt und erlitten hat, tat und duldete mit dem Blick über die Zeit hinweg. mit dem Gl:uben an den Sinn des Lebens! Auch der Kommunismus will Gemeinschaftsarbeit zur Erhaltung der Gemeinschaft; das ist ein endliches, crn erreichbares, doch bald einmal abgeschlossenes Zrel. Ans stem Fünsjahremag ein Zehnjahre-, ein Hundertjahre- Plan werden. Israel lebt nach einem ewigen Pkan, den vor zweieinhalb Jahrtausenden seine Propheten ans ihrer Schau des Ewigen heraus, gekündet haben. Es lebt als eme ewige Gemeinschaft, weil cs eine Gemeinschaft des Ewigen t|t, für die „Glauben" und „Treue" ein Wort war und ist, die nicht in Jahren lebt und denkt, sondern „von Geschlecht zu Geschlecht"! Diese Antwort, die uns unser Glaube gibt, führt aus der Einkehr zur Versöhnung. Nicht die Organisation macht es, nicht das Programm, Führer kommen und gechn, das Judentum bleibt. Wer den Glauben an sein: Gemeinschaft bewahrt, wer für sie arbeitet und opfert, dem wird Ja um Kippur ein Tag inneren Ausgleichs, wahrer und echter Versöhnung werden! 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