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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-09-02 · 34-35 (2.9.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
34-35 (2.9.1931)
Date
1931-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Iu-AHMeraleZeilmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Die vereiulgnng für dar llberale Judentum übernimmt nur für diejeuigeu Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen »der in ihrem Auftrag« verfatzt gekennzeichnet sind, die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aeutzeruvgen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3356, 3359 Sostscheckkouto: Berlin NW 7. 137069 (Bereinigung für das liberale Zudeatum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redamon gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/ijährüch BL 3.— Einzelnummer 0.25. Bel freier Zusendung i. Inland LSD Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitglledsbeikrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 geipal». Nonpareillezeile 0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u.fämtl.Auuoucen-LMedit. Nr. 34/35 Berlin. 2. September 1931 U. Jahrgang Ae Hot der deutsch-jüdischen * mm m * mm * t * m » V In den letzten Nummern dieses Blattes haben wir wiederholt auf die Notlage aller jüdischen Gemeinden Deutschlands hingewiesen und betont, daß mehr als je das Zusammenstehen aller derer notwendig ist, an denen die Not der Zeit, wenigstens in ihrer ganzen Schwere, noch vorübergegangen ist. Im Zusammenhänge hiermit und unter Hinweis auf die bevorstehenden Hohen Feiertage, seien die folgenden zwei Meldungen bekanntgegeben: I. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Inden läßt soeben einen Aufruf an die jüdischen Gemeinden in Deutschland ergehen, dessen Grundgedanken nachstehend folgen: „In schwerer Stinrde richten wir an die jüdischen Gemeinden in Deutschland den Ruf: Haltet, die Wohlfahrtspflege aufrecht! 1. Keine Gemeindeaufgabe ist in dieser Not notwendiger als Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. 2. Helft, daß überall die unentbehrlichen Heime, die Kindergärten, Horte, Jugendheime offen bleiben. Vermehrt die Speisungen. Aber vermeidet und verhindert rücksichtslos alle Doppelarbeit, jeden Leerlauf. 3. Erhaltet der Arbeit alle Betufskräfte. Sie leisten schwerste, verantwortungsvolle Arbeit. Sie bringen das Vielfache von dem herein, was sie kosten. 4. Ermutigt den Helferwillen jedes Einzelnen! Gewinnt freiwillige Mitarbeiter! Weckt die Nachbarschaftshilfe! Schafft „Pfundsammlungen"! 5. Stärkt in der Arbeit die Gemeinschaft mit den anderen konfessionellen und interkonfessionellen Organisationen und mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege. Gemeinden und Vereine schließt euch enger zusammen! Erhaltet und stärkt das Werk der jüdischen Wohlfahrtspflege!" Berlin, August 1931. Für den geschästsführenden Vorstand der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden Baeck, Vorsitzender. II. Die Jsra elitische Gemeinde Frankfurt a.M. hat in einer Sonderausgabe ihres Gemeindeblattes folgenden! Hilferuf an die Gemeindemitglieder gerichtet: „Die Jüdische Wohlfahrtspflege befindet sich in einer Katastrophe! Wenn ihr nicht in ausreichendem Maße von allen Kreisen der Frankfurter jüdischen Bevölkerung in großzügiger Wesse Mittel zur Verfügung gestellt werden, muß sie in 'kurzer Zeit ihre gesamte Fürsorgetätigkeit einstellen. Das bedeutet: Hunderte jüdischer Familien, Männer, Frauen und Kinder, werden auf der Straße liegen; Hunderte körperlich geschwächter Kinder werden für ihr ganzes Leben gesundheitlich geschädigt werden; Hunderte geistig oder körperlich gefährdeter junger Menschen werden der Verwahrlosung verfallen. Tausende müssen hungern! Eine Verwahrlosung wird einsetzen, deren Folgen nicht abznsehen sind! Schnelle Hilfe tut not! 'Jeder muß Helsen!" Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M., Postscheckkonto 54 893, Langestraße 30. Das jüdische Darlehnskassenwesen in Deutschland In der Schriftenreihe der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge erschien soeben eine für die breite jüdische Oeffentlichkeit besonders wichtige Veröffentlichung: „Das jüdische Darlehnskassenwesen in Deutschland". In dieser Schrift wird rin 'Ueberblick gegeben über den gegenwärtigen Stand des jüdischen Darlehnskassenwesens (samt einem Verzeichnis sämtlicher bestehenden jüdischen Darlehnskassen in Deutschland und ihrer Darlehnsbedingungen), über seine Formen und über die Tätigkeit der einzelnen Darlehnskassen im ganzen Reich. Ferner wird auf die günstigen Möglichkeiten, sich bei öffentlichen Stellen, Behörden usw. billige Darlehen zu verschaffen, hingewiesen. Schließlich werden noch die bisherigen Förderungsmaßnahmen erörtert, die die Zentralwohlfahrtsstelle gemeinsam mit dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden getroffen hat. Diese Maßnahmen zielen insbesondere darauf ab, den bestehenden oder neu zu errichtenden Darlehnskassen Kapitalien zu verschaffen und dieses Kapital durch einen bereits bestehenden Zinsverbilligungsfonds erheblich zu verbilligen. Im zweiten Teil der Schrift wird für den notwendigen Ausbau des jüdischen Darlehnskassenwesens in Deutschland geworben. Es wird darauf hingewiesen, daß die gegenwärtige wirtschaftliche Situation der deutschen Juden den Ausbau des Netzes der jüdischen Darlehnskassen dringend erforderlich macht. Die vor kurzem ins Leben gerufene Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen wird allen Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Insbesondere macht sich die Zentralstelle zur Aufgabe, Bezirksdarlehnskassen auf genossenschaftlicher oder genossenschaftsähnlicher Basis zu fördern oder zu errichten. Die nächste Doppel-Nummer, zugleich Festnummer aus Anlaß des Neujahrs- und Versöhnungsfrstes, erscheint am Mittwoch, dem 16. September. (Redaklionsfchluß: Sonnabend, de« 12. September, vormittags.) Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Mehr Tradition (Nachdruck mit Quellenangabe gestattet!) Der englischen Pädagogik rühmt man ihre bewußte Anlehnung an die Tradition nach. In dieser Erziehungstradition erblickt man die Quelle der intellektuellen und ethischen Energien des englischen Volkes. Mit Recht. Sie ist zweifellos auch als ein hoher Beitrag zur Weltpädagogik zu werten. Mit nicht geringerem Rechte darf die jüdische Erziehungstradition — als die ältere und ursprüngliche — als eine Kraftquelle des Judentums nicht nur, sondern der heutigen Kulturwelt angesprochen werden. Das werden alle Sachkundigen zugestehen, die die jüdische Erziehungstradition in ihrer Tiefe schon ergründet haben. Es ist der Geist des „Propheten Elia, der das Herz der Väter den Kindern zuwendet und das Herz der Kinder ihren Vätern". Diese gelebte, nicht bloß gedachte Pädagogik war der sichere Unterbau für den Bestand des Judentums und der Judenheit. Mit Stolz hat der Reichstagsabgeordnete Ludwig Haas s. A. in einem Vortrag einmal auf diese ruhmvolle jüdische Tradition hingewiefen. Dieses gefühlsmäßige Fundament des jüdischen Hauses ist heute in Gefahr, einer Katastrophe zuzutreiben. Es ist nicht der gegenwärtige außerordentlich schwere Existenzkampf, der diese Gefahr heraufbeschworen hat. In wirtschaftlich guten Zeiten hat man das, was den Vätern heilig war, allzu radikal preisgegeben. „Oelfeist ward Jeschurun; es verstieß den Gott, der es machte, und schmähte des Fels seiner Freiheit." (5. Mos. 32, 15.) Was weiß der Durchschnittsjude einer Großgemeinde heute noch von seinem Judentum, von dessen Bräuchen und gottesdienstlichen Einrichtungen und ihren geistig-sittlichen Werten? Fm allgemeinen betrüblich wenig. Ist nicht ein großer Teil der jüdischen Menschen der Ungeistigkeit verfallen und bringt dem ausgeartetsten Sport sein bestes Erbteil zum Opfer? Bringen nicht zahlreiche jüdische Mütter und Väter den Golf- und Tennismeistern, den Boxern und den Leicht- und Schwerathleten ein größeres Interesse entgegen als unserer jüdischen Geschichte und ihren Helden, wiewohl diese doch den Sturm der Zeiten überdauert haben, für jeden Einzelnen und für die Gemeinschaft wahrhaft Großes bieten und zur stiften Einkehr und Besinnung mahnen? Haben solche Eltern dann ein Recht, über die destruktive Entwicklung der jungen Generation zu klagen? Tradition muß in der Bildungskrise, die wir durchleben und die uns Juden stärker als andere Bevölkerungskreise trifft, wieder neu erstehen. Dabei bedarf das „Wie" sehr sorgsamer Ueberlegung. Der Erfolg traditioneller religiöser Erziehung beruht ebensowohl auf der richtigen Auswahl des Stoffes wie auf seiner geistigen Ausdeutung. Das Beste des Eigenen muß dem jungen Gefchlechte verständlich gemacht und fein Herz dafür geöffnet werden, wenn wir ein seiner Tradition sich stolz bewußtes Geschlecht wiedergewinnen wollen. Zwei Bücher der letzten Jahre steuern diesem Ziele tapfer zu: „Ein Buch für unsere Mütter" (Philo-Verlag, Berlin, 119 S., Halbl. Mk. 4,25) und „Von jüdischen Brä u ch e n und jüdischem G o t t e s d i e n st" (Verlag Boltze'-Karlsruhe i. B., 86 S., Mk. 2,—). Sie haben beide S. Müller zum Verfasser, einen längst anerkannten pädagogischen Schriftsteller. „Sabbat und Feste im Garten der Kindheit" lautet der Untertitel des erstgenannten Buches, das in seiner Dialogform sich den jüdischen Müttern als ein vortreffliches Hilfsmittel für die häusliche religiöse Unterweisung ihrer Kinder erweist. Noch umfassender für die Praxis ist das Problem der jüdischen religiösen Erziehungstradition in dem zweitgenannten Buche gelöst. Sein Schwergewicht liegt nicht im bloßen Belehren, sondern im Erwärmen für die Sache. Die gemütstiefe, dem religiösen Ideal entsprungene Grundauffaffung des Büches ist zugleich eine Widerlegung der oft gehörten Meinung, daß das liberale Judentum unter allen Umständen eine negative Kraft sei. Die schlichte und doch beschwingte Darstellung gewinnt dem Buche rasch Freunde. Jung und Alt leisten ihm Gefolgschaft. Ich habe dies zu meiner Freude in meiner nächsten Umgebung beobachten können. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Heidelberg hat es aus Gemeindemitteln sämtlichen jüdischen Schülern und Schülerinnen der örtlichen Gewerbe-, Handels- und Fortbildungsschulen zugänglich gemacht. Die Friedrich-Loge des U.O.B.B. und Private haben das Buch allen Mitgliedern des jüdischen Jugendbundes unentgeltlich zugewendet. Letzterem und dem „S ch westernbund der Friedrichloge" leistet das Buch für ihre Diskussionsabende werwolle Dienste und trägt zur Belebung ihrer geistigen Arbeit bei. Dem Urteil hervorragender Christen — wie des von Thomas Mann, vom Erzbischof von Bamberg, von Joseph Hofmiller in den „Süddeutschen Monatsheften" und von Prof. Siegmunid- Schultze, Herausgeber der Zeitschrift „Die Eiche" (des deutschen Organs für Freundschastsarbeit der Kirchen) — wonach das Buch auch für die Christen eine aufschlußreiche Orientierung Wer „Gewand und Geist des Judentums" darstelle, ist es zu verdanken, daß das Buch den allgemeinen Schulbibliotheken hier, von den Volksschulen bis zur Universität, zugeleitet und von diesen dankbar begrüßt wurde. Ebenso hat der Ob errat der badischen Israeliten eine Anzahl Exemplare des Buches an die weniger leistungsfähigen Gemeinden des Landes überwiesen. Wir möchten deshalb an dieser Stelle wünschen, daß gerade dieses Werk die ausgedehnteste Verbreitung finde, und möchten gleichzeitig der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß viele jüdische Organisationen, vor alleur unsere Gemeindeverwaltungen aller wärts, sich verpflichtet fühlen werden, das Buch seiner vielseitigen Nützbarkeit zuzuführen, damit die in Vergessenheit geratenen jüdischen Lebensformen, fern von gewohnheitsmäßiger seelenloser Uebung, ihren traditionellen pädagogisch-ethischen Wert bei den gottsuchenden Menschen aufs neue bewähren. Prof. Dr. K a s s e w i tz, Heidelberg. Rückblick Vor einem Monat ist der Zionistenkongreß zu Ende gegangen. Vierzehn Tage lang haben in Basel ungefähr 250 Delegierte zusammengesessen. Rechnet man noch den Stab an Hilfsarbeitern- Stenographen nsw. und die Tatsache hinzu, daß ein großer Teil der Führer der Zionisten nach Beendigung des Kongresses in Bafel pevblieben ist, um den Sitzungen der Jewish Agency beizuwohnen; bedenkt man dann weiter, daß ein großer Teil der Anwesenden aus entlegenen Ländern wie den Vereinigten Staaten, Südafrika, Palästina usw. nach Basel gekommen sind, so geht man nicht fehl, wenn nmn die durch diese weiten Reisen und den Kongreß entstandenen Kosten auf eine sechsstellige Zahl annimmt. Was ist dabei erreicht worden? Betrachten wir zunächst die Ziffern, wie sie sich nach dem Bericht der Jta-Nachrichten stellen. Das Budget sieht Einnahmen von £ 276.000 und Ausgaben von £ 286000 vor, es schließt also mit einem Defizit von rund RM. 200000. Nach den Mitteilungen der Jta-Nachrichten würden in den Einnahmen nicht weniger als £ 260.000 aus dem Keren Hajessod stecken.. Sind die Ziffern richtig — und es besteht gar kein Anlaß, die Angaben der Jta-Nachrichten zu bezweifeln —, so wären nur £ 16.000 als eigene Einnahmen, abgesehen von den Einnahmen aus dem Keren Hajessod, zu buchen. Das wäre ein niederschmetterndes Ergebnis und gleichzeitig der Beweis dafür, daß die ganze zionistische Organisation eigentlich nur auf den Einnahmen des „neutralen" Keren Hajessod basiert ist. Was die Ausgaben angeht, so muß weitaus die größte Summe, nämlich ein Betrag von £ 91.000 zur Zahlung von Zinsen und zur Abtragung von Schulden verwendet werden. Die Ausgaben der Verwaltung betragen nicht weniger als £ 48.000, dazu kommen aber nochmal £ 15.000 an Vergütungen für Beamte und Zahlungen auf Gehaltsrückstände, die in früheren Jahren nicht vollständig entrichtet worden sind. Das bedeutet also, daß die Verwaltung £ 63.000 kostet, also mehr als fünfviertel Millionen Mark oder 23 o/o; der Gesamteinnahmen. Die Posten für Verzinsung und Abtragung der Schulden und für Verwaltung belaufen sich also auf weit mehr als 50 % des ganzen Budgets — immer wieder vorausgesetzt, daß die von den Jta-Nachrichten angegebenen Ziffern richtig sind, was ein Außenstehender nicht kontrollieren kann. Es' folgen dann erhebliche Beträge für Erziehung, für Gesundheitszwecke, für landwirtschaftliche Niederlassungen und Einwanderung und zum Schluß auch ein kleiner Posten, nämlich £ 1.000, Ausgaben für religiöse Zwecke. Bon unserem Standpunkt aus gesehen, spricht dies finanzielle Ergebnis Bände, insbesondere bezüglich des letzten Punktes. Und das sachliche Ergebnis? Hier lohnt es sich einmal der Mühe, die Dinge von der anderen Seite aus anzusehenj. Wir Juden wachen ja leider immer wieder den Fehler- 8999998

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