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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-08-19 · 32-33 (19.8.1931) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
32-33 (19.8.1931)
Date
1931-08-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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sich dann auch die Repräsentantenversammlung angeschlofsen, indem sie den rein demonstrativen Antrag, das Brauern auszusprechen, ablehnte. Es ist daher absolut irreführend, wenn die Jüdische Rundschau in ihrer hämischen und beschimpfenden Berichterstattung über diese Versammlung einen Gegensatz.zwischen dem Vertreter des Gemeindevorstandes und den Liberalen konstruieren will. Als der Gemeindevorstand seinen Beschluß faßte, auch seinerseits sein Bedauern über die Unruhen in Saloniki zum Ausdruck zu bringen, war die Wunde noch frisch und die Situation ungewiß. Eine Resolution des Bed-auerns heute nach Wochen und nachdem die Verhältnisse geordnet sind, würde in der ganzen Welt lnur gls eine billige Demonstration, die nichts kostet, aufgefaßt werden. Von den Berliner Juden weiß man auch ohne derartige Demonstration, daß sie oft genug bewiesen haben, daß sie allen Juden der Welt, die um ihres Glaubens willen leiden, nicht nur ihr Bedauern aussprechen, sondern auch mit Rat und Tat helfen. Es wurde also in dieser Repräsentantenversauunlung nur viel geredet. Wenn man auch, wie der Vorsitzende der Versammlung, Rechtsanwalt Heinrich Stern, hervorhob, den neu gewählten Mitgliedern zugute halten soll, daß sie zunächst einmal als Redner ihren Befähigungsnachweis bringen »vollen, so wäre doch dringend zu wünschen, daß diese Zeit der Jungfernreden recht bald abgeschlossen wird. Die Situation der Gemeinde ist so ernst, daß die Volkspartei der Versuchung widerstehen sollte, in bloß demonstrativen oder rein politischen Anfragen ihr rednerisches Licht leuchten zu lasse»:. Die Zeit verlangt Taten uitb teilte Reden. Nach dem Volksentscheid Ein Interview mit dem C.B.-Syndikus Dr. Wiener. Die große Bedeutung, die auch von jüdischer Seite der am 9. August getroffenen Entscheidung der preußischen Wählerschaft beigetnessen wird, hat die Jüdische Telegraphen-Agentur veranlaßt, sich an jüdische Persönlichkeitei: Deutschlands m.it der Bitte zu wende»:, ihre Meinung über die nach dem Volksentscheid gegebene Situation zu äußern. — Gegenüber den vielen Stimmen in der allgetneine»: u»:d auch in der jüdischen Presse, die in bem Scheitern des Volksentscheides eine grundlegende Wandlung zu»:: Bessern sehen wollen, ist die skeptische und vor übertriebenen: Optimismus warnende Aeußerung des bekannten Centralvereins-Lyndikns Dr. A l -- fred Wiener besonders beachtlich. Dr. Wiener sagte u. a.: Der Central-Bereir: hat seine Aufklärungsarbeit über den antisemitischen Nationalsozialismus auch während des Kampfes um den Volksentscheid allen Kreisen zugänglich gemacht, die in dem Erfolg des Volksentscheids eine Bedrohung des inneren Friedens sahen. Er sieht aber in der Ergebnislosigkeit des Volksentscheids keineswegs ein endgültiges Anzeichen für eine dauernde Beruhigung und Versachlichung der inneren Politik. Jrn Gegenteil, es besteht die Gefahr, daß die Nationalsozialisten ihre Wut über den Mißerfolg und ihr Bemühen, ihre Anhänger von der Enttäuschung über das Ausbleiben des „sicheren Lieg es" abzulenke»:, in verstärkter Judenhetze auslassen werden.' Der Central-Verein sieht sich also inmitten der augenblicklichen Entspannung einer erhöhten Aufgabe gegenüber, der er sich in gewohnter J»:tensität widmen wird. Er wird dabei mit allen erlaubten Mitteln politischer und literarischer Aufklärung gegen den volkszerstörenden Judenhaß und für den inneren Frieden im deutschen Vaterlande wirken. Drei Siebzigjährige Georg haberland Der Chef der Berliner Baugesellschaft Ko»nmerzie»:rat Georg HaLerland feierte an: Freitag, den 14. August, seinen seinen 70. Geburtstag. Komlnerzienrat Haberland ist bekannt als der Schöpfer des Bayerischen Viertels in Berlin. Nach der Inflationszeit widmete er sich, der neuen Situation Rechnung tragend, mit vollser Tatkraft dem Bäu von Siedlungen und Geschäftshäuser»:. Auf dem vorige»: Festbankett anläßlich des 40jährigen Bestehens der Berliner Baugesellschaft sagte der frühere Bürger»neistec Dr. Schwitz: „Georg Haberland verkörpert ein Stück Berliner Geschichte." In der jüdischen Oefsentlichkeit ist Haberland nicht hervorgetreten, hat jedoch durch Unterstützung politischer und philanthropischer Institutionen seine jüdische Verbundenheit be- Besuch in der Synagoge Von Rabbiner Dr. Lubasch, Wuppertal-Barmen. Im letzten Jahre besuchten einige Oberklassen hiesiger höherer Schulen unsere Synagoge. An den Gottesdienst schloß sich eine Aussprache an, die den Ausbau der jüdischen Liturgie, ihre Eigenart, das Wesen des Judentums und seine Stellung zur Umwelt zum Gegenstand hatte. Welche Fragen bewegten diese jungen Menschen? Welches ist ihre Einstellung zum Judentum, und welchen. Sinn hat dieser Synagoge:»- besuch für uns selbst? Bor allem fällt die große Un-- kenntnis jüdischen Wesens und jüdischer Eigenart aus. Mau ist mehr als erstaunt über die Primitivität vieler Fragen, die doch von gebildeten'und denkenden Menschen gestellt werden. Wir erfahren eigentlich von den anderen, in welch' geistiger Isoliertheit das Judentum lebt. Wär wählen nur aus der Fülle der Fragen einige aus, die auch aus unserer Seite interessieren könnten. Frage: Woher stammen die Melodien des jüoiichen Gottesdienstes? Anttvort: Nur ein kleiner Teil der jüdischen Gesänge »veist in die Zeit des Altertumes zurück. Das Rezitativ der Thoravorlesung, einige charakteristische Gesäuge der Festtage lassen den archaistischen Stil erkennen. Der größte Teil der heute gebräuchlichchen Melodihu ist in freier Anlehnung an die deutschen Romantiker (Mendelssohn und Schubert) geschaffen» einige andere basieren auf modernere Kornponisten (Reger u. a.). Charakteristisch für unseren Gottesdienst ist das Alternieren von Kantor und Gemeinde, »vodurch eine Aktivierung der Gemeinde erreicht werben soll. Frage: Was bedeutet die Vorlesung der Thora? Antwort: Ihr Sinn ist, das Religionsgesetz der gesamten Ge- . meinbe zu verkünden. Das Judentum ist keine Religion, die ein von Priestern gehütetes Geheimnis vor der profanen Menge verschließ!, sondern das Judentum ist Gemeingut aller» das Priestertum umfaßt die Gesamtheit. Frage: Wie ist die Stellung de»s Rabbiners? Antwort: Der Rabbiner ist der Lehrer der Gemeinde. Seine Aufgabe erschöpft sich in der Unterweisung in den Lehren des Judentumes und der Erziehung der Gemeinde zur Verwirklichung der jüdischen Ideen im Alltag. wiesen. Insbesondere hat er der Abwehrrrbeit dess Centralvereil^, dessen Mitglied er seit 1893 ist, reges Interesse entgegengebracht. Die Arbeiten des Hilfsvereins der deutschen Juden, die osteuropäische Aufbauarbeit der Ort-Gesellschaft und verschiedene jüdische Wohlfahrtseinrichtungen hat er in freigebiger Weise gefördert. Das Wirken und die Verdienste Georg Haberlands »verden von der Berliner Presse anläßlich seines 70. Geburtstages ausführlich gewürdigt. Dem treuen Mitglied des Liberalen Vereins sprechen wir auch an dieser Stelle unsere herzlichsten Glückwünsche aus. * Julius Rosenwald Dieser Tage trat der bekannte Philanthrop und Multimillionär Julius Rosenwald, der als der reichste Jude der Welt gilt, in sein 70. Lebensjahr ein. 'Rosenwald, der in Springfield (Illinois) geboren wurde, begann seine geschäftliche Laufbahn bei der großen Bekleidungsfirtna Hammerslaugh Bros in New Aftrk, verlegte jedoch seine Tätigkeit bald nach Chicago, wo ec im Jahre 1895 Vizepräsident und Schatzmeister der Firma Sears Roebuck and Company, des größten Postversandbauses der Welt, wurde. Seit 1910 ist ist Rosenwald Präsident der Gesellschaft. Allgetneine und jüdische philanthropische Institutionen wurde»: von Julius Rosenwald in großzügigster Weise gefördert. Auf jüdische»»: Gebiet hat er sich insbesondere für die Arbeit des Joint Distribution Committee interessiert. An der United Jewish Campaign des Joint Distribution Committee i. I. 1925 beteiligte er sich mit einem Betrage von einer Mitlion Dollar, 1928 gab er 5 Millionen Dollar für die Kolonisalionsarbeit des Joint ln Rußland, zu deren Durchführung die amerikanische Gesellschaft für jüdische Landsiedlung in Rußland gegründet wurde, deren Ehrenpräsident Rosenwald »reden Felix M. Marburg ist. Er ist ferner Vizepräsident des American Jewish (Sommittee. Nach de,»: Tode des Präsidenten des Atnerican Jewish Cotnmittee Louis Marshall spendete er dem Jewish Theological Seminary os America eine halbe Million Dollar zur Errichtung einer Marspall-Gedächtnisstiftung. Rosenwald gehört zu den »venigen führenden Persönlichkeiten des Joint Distribution Committee und des Ainerican Jewisti (iomiuittee, die sich der erweiterten Jewish Agency nicht angeschlossen habe»:. Er lehnte den Eitrtritt in die Agency mild er Begründung ab, daß seiner Meinung nach die Rotlage der jüdischen Massen durch Hilfs»naßnah»»:en an Ort und Stelle, »ncht aber durch Mafsenutnsiedlung »rach Palästina oder Argentinien bekämpft werden solle. Für allgemeine Wohlfahrtszwecke errichtete er im Jahre 1917 den Julius Rosenwald-Fonds, den er 1928 durch Schenkung von 100 000 Aktien von Sears Roebuck and Co. auf 22 Millionen Dollar brachte und der heute bereits die Höhe von 35 Millionen Dollar erreicht hat. Der Foirds wird von Truftes verwaltet, die beauftragt fiitb, das Kapital binnen 25 Jahren nach Rose»:walds Tode zu verteilen. Außer - dern spendete er 3 Millionen Dollar zur Errichtung von Negerschulen in den südlichen Territorien der Bereinigten Staaten, 3 Millionen 'Dollar für ein Jndustriemuseum in Chicago und 2 Millionen für die Chicagoer Universität. Bekanntlich hat Julius Rosenwald vor kurze»»: auch der Stadt Berlin eine Million Dollar zur Errichtung einer Kinderzabnklinik zur Verfügung gestellt. * Henriette Fürkh Am 15. August beging die bekannte Vorkärnpserin der Frauenbewegung Henriette Fürth ihren 70. Geburtstag. Henriette Fürth, die 1861 in Gießen geboren wurde, ist eine der Mitbegründerinuen der Mütterschutzbewegung. In den Jahren 1919 bis 1924 »var sie sozialistische Stadtverordnete in Frankfurt a. M. Als eine der ersten »nachte sie den Versuch volkswirtschaftlicher Erfassung der einzelnen Hauswirtschaft in ihren Schriften über „Ein »nittelbürgerliches Budget vor und nach den: Kriege". Bekannt finb auch ihre sozialpolitischen Arbeiten über „Das Pslegekinderwesen", „Die Fabrikarbeit der verheirateten Frau", „Das Bevölkerungsproblem in Deutschland" und „Die Regelung der Nachkommenschaft". Seit 1890 betätigte sie sich auf den: Gebiet des jüdische:: öffentlichen Lebens u»:d setzte sich insbesondere für hie Arbeit des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein, dessen Frankfurter Ortsgruppe sie seit der Grü»:dung angehört. Der „Vorwärts" begrüßt .Henriette Fürth anläßlich ihres 70. Geburtstages als „unermüdliche Borkämpferin für die Frage: Molche Bedeutung hat dor Talmud? Anttvort: Das Judentum unterscheidet zwischen der schriftlichen Lohre (Thora) und der mündlichen Lehre. Letztere tritt als Erklärung und Ergänzung des schriftlichen Gesetzes hinzu. Der Talmud enthält nun nicht die mündliche Lehre, sondern die Lehr Meinungen der damaligen Gelehrt-en über das Gesetz, die sogar in vielen Punkten voneinander abiveichen. Erst aus der tatmudischen Distnssion ergibt sich in viel späterer Zeit das jüdische Gesetz. Bon einer Verbindlichkeit des Talmuds sür das moderne Judentum kann man daher nicht sprechen. Frage: Welcher Unterschied besteht zwischen Orthodoxie und Liberalismus? Antlvort: Für die Orthodoxie ist die Offenbarung Gottes ein einmaliges, abgeschlossenes Geschehnis am Berge Sinai. Jedes Wort dieser Offenbarung ist verpflichtend und hat Ewigkeitswert. Der Liberalismus unterscheidet zwischen ewigen und zeitgebundenen Ideen der Bibel. Die Offenbarung Gottes ist nicht abgeschlossen; Gott offenbart sich stäirdig im Leben der Völker »vie im Einzelschich'al. Das religiöse Denken und Fühlen unterliegt dem Gesetze der Entivicklung »vie die gesamte Kultur. Frage: Welchen Sinn hat der Sabbat? Antlvort: Der Sabbat erhält zunächst seine Bedeutung als soziale Institution. Das Gebot der Arbeitsruhe gilt, ohne Ausnahme, sür alle Menschen. Parallel geht das religiöse Motiv. Die Enthaltung von der »verktäglichen Arbeit soll den Menschen bestirnmen, sich über den Alltag zu erheben. Die Frage nach dem Sinn des Lebens tritt an ihn in Ihrer ganzen Größe und Schwere heran. Frage: Betrachten sich die Juden als das auserwählte Volk? Antlvort: Diese Frage ist zu bejahen. Schon der Segensspruch über die Thora enthält diesen Begriff. Auserwählung bedeutet hier die spezifisch religiöse Begabung. Israel hat zuerst den Gedanken des Monotheismus geschossen. Auserwählung ist daher eine Verrichtung für das Judentum, die sittlichen Forderungen der monoweistischen Religion im L-eben zu verwirklichen. Frage: Was ist typisch jüdisch am Monotheismus der jüdischen Religion? Antwort: Typisch jüdisch ist die unbedingte Einheit des Gottesbegrisfes, die mit bem Begriff der christlichen Gottessohnschaft unvereinbar ist. Ferner ist Gott der Unvergleichlich«, der den Rahmen der Diesseitigkeit sprengt, und schließlich ist Gott der Heilige als das Prinzip der sittlichen Vollkommenheit. Sache der Arbeiterschaft" und als „vorzügliche Sozialpolitikerin, deren Name innerhalb »vie außerhalb der Partei besten Klang hat". kleine Nachrichten Der in diesem Jahre zu vergebende Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit einer Frau wurde vom Preisrichterkollegium des Internationalen Akademikerinnen-Bundes (International Federation of University-Women) der anläßlich des Berfassungstages zum Professor ernannten Jndologin der lluiversilät Halle Dr. Betty Hermann zuerkannt. Die preisgekrönte Arbeit führt den Titel „Studien zur Eigenart indischen Denkens". Prof. Betty Hcimann ist am 29. März 1888 in Wandsbek geboren amd entstammt einer angesehenen Hamburger Bankierfamilie. Sie hat ihre Studien in Hamburg und Kiel absolviert und habilitierte sich 1923 in Halle' für indische Literatur und Sprachwissenschaft. Auf dem Gebiet der systematischen Philosophie hat Betty Heimann u. a. die Werke „Hegels ästhetische Anschauungen", „Ueber den Geschmack" und „System und Methode in Hegels Philosophie" veröffentlicht. Neben dem preisgekrönten Werk der deutsch-jüdischen Philosophin waren vom Prcisrichterkollegium noch Arbeiten einer italienischen und einer schottischen Gelehrten in die engere Wahl gezogen worden. Bei den vor kurzem vorgenommenen Ersatzwahlen in den engeren Senat der Berliner Universität für das Amtsjahr des neuen Rektors Professor Heinrich Luders wurde Professor James G o l d s ch m i i> t zum Dekan der juristischen Fakultät gewählt. Prof. Goldschmidt gilt als einer der bedeutendsten deutschen Strafrechtler. In den Jahren 1919 bis 1920 arbeitete er im Reichsjustizamt au dem Entwurf einer neuen Strafprozeßordnung. Er hat zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiete des Strafrechts, des Strafprozesses und des Zivilprozesses verfaßt, unter denen sein „Berwaltungsstrasrecht" und „Materielles Justizrecht" sowie Arbeiten über die Reform des Strafverfahrens, über die neue Zivilprozeßordnung «ind das Buch „Prozeß als Rechtslage" besonders hervorzuheben sind. Die Reichsregierung hat den .Hamburger Bankier und Wirrschaftspolitiker Carl Joseph Melchior, der i. I. 1926 als Vertreter Deutschlands Mitglied des ständigen Finanzausschusses des Völkerbunds wurde, neben Geheimrat Schmitz damit beauftragt, Verhandlungen mit den Herren Sprague und Wallenberg, die zur Begutachtung der deutschen Wirtschaftsverhältnisse in Berlin weilen, zu führen und ihnen bei ihrer Arbeit behilflich zu sein. Bankier Melchior ist Teilhaber des Hauses M. M. Marburg & Co. tu Hamburg. 1929 nahm er als stellvertretender Bevollmächtigter des Deutschen Reichs an den Reparationsverhandlungen in Paris teil. An der gemeinsam von der Reichsregierung, der preußischen Staatsregierung und der Stadt Berlin am 11. 8. veranstalteten großen Berfassungsseier in der Staatsoper am Platz der Republik nahmen als Vertreter der preußischen Judcnheit teil der Vorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes jüdischer Gemeinden, die Herren Kammergerichtsrar Leo Wolfs und Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee. Tie Festrede hielt Oberbürgermeister Tr. Sahm. In Berlin wurde eine „Großdeutsche Buchgemeinde und Nationale Verlagsgesetlschaft m. b. H." gegründet. Punkt 1 ihres Programms lautet: „Bewußter Angriff aiy die übrigen samt und sonders vecjudeten Buchgemeinden, um deren Einfluß zn schwächen und darüber hinaus zu brechen." Bei der Ankunft des deutschen Reichskanzlers und des Reichsaußenministers Dr. Curtius in Rom kam es zn einer Kundgebung einer kleinen Gruppe deutscher Nationalsozialisten, die in braunen Hemden und mit der .Hakenkreuzbinde am Arm aus dem Bahnhof erschienen waren. Als die deutschen Minister den Zug verließen, riefen die Nationalsozialisten: „Heil .Hitler!", „Deutschland erwache!", „Meder mit dem Judenkanzler!" Zwei Demonstranten wurden von der faschistischen Miliz verhaftet. Der bekannte Dirigent und Komponist Oscar Fried feierte am 10. August feinen 60. Geburtstag. Fried, der in Berlin geboren ist und sich durch (seine Tätigkeit als Dirigent des Stern'schetr Gesangvereins in den Jahren 1904 bis 1910, sowie als Dirigent der Gesellschaft der Musikfreunde und t. I. 1925/26 als Leiter des Berliner Symphonie Orchesters die besondere Wertschätzung seitens der musikalischen Kreise Berlins erworben hat, ist auch als Komponist der neuen romantischen Richtung bekannt. Er komponierte Lieder, Orchesterstücke und Choriverke auf Texte von Nietzsche und Dehmel, von denen „Das trunkene Lied" als das bedeutendste gilt. Auf zahlreichen Auslandstourneen durch England, Frankreich und Amerika hat Oscar Fried zur Popularisierung moderner Musik beigetragen. Das türkische Innenministerium bereitet ein neues Gesetz vor, durch das zum ersten Mal der Rechtsstalus der Juden in der Türkei als nationale Minderheit genau sestgelegt werden soll. Es tvird erlvarlet, daß der rechtliche Status der türkischen Juden durch das neue Gesetz wesentlich verbessert werden »vird. Gegenwärtig sind die jüdischen religiösen Angelegenheiten in der Türkei noch durch eine im Jahre 1884 erlassene Verordnung Sultan Abdul Medjids' Frage: Wie steht oas Judentum zu Luther? Antwort: Luther bedeutet praktisch eine Annäherung des Christentums an das Judentum. Die Aberkennung der päpstlichen Autorität, der Verzicht auf die Beichte, die Aufhebung des Priestertumes, die direkte Erhebung des Gläubigen zu seinem Gott sind uralte jüdische Forderungen. Die Zeitgeuossen Luthers erhoben daher gegen ihn den „Vorivuri", daß er judailiere. Frage: Wie steht das Judentum zu Jesus? Airtlvort: Das Judentum ist sich einig in der Anerkemrung Christi als einer sittlich überragenden Persönlichkeit. Christus war aber nur ein Mensch. Der strenge Monotheismus des Judentums verbietet von selbst den Gedanken der Dreieinigkeit. Frage: Treibt das Judentum Mission? Antlvort: Das Judentum erhebt den Anspruch, Weltreligwn zu sein, propagiert aber in der Gegenwart nicht diesen Gedanken. Bestimmend für diese Einstellung sind mehrere Motive. Zunächst hat Israel an sich selbst den Unsegen einer falsch verstandenen Mission erfahren. Die zahllosen Verfolgungen durch die Kirche, die gewaltsamen Taufen des Mittelalters legen davon Zeugnis ab. Dann aber erhebt das Judentum nicht den Anspruch, die alleinseeligmachcnde Religion zu sein. Nach jüdischer Auffassung haben die Gerechten aller Völker Anteil an der göttlichen Gnade. Im Mittelpunkt der jüdischen Religion steht auch nicht der Glaube, sondern die sittlich religiöse Tat. Sittlich handeln kann und soll jeder Mensch. Aus dieser Einstellung ergibt sich die passive Haltung des Judentums in der Frage der Mission. Frage: Glaubt das Judentum an die Unsterblichkeit der Seele? Antwort: Obgleich das Alte Testament keine direkte Formulierung dieser Idee aufweist, besteht sie in der nachbiblischen Zeit als allgemein anerkannte These. Was nun dje Bewertung dieser und ähnlicher Fragen anbetrifft, so ist es natürlich, daß die Christusidee und der Missionsgedanke das gesamte religiöse Leben dieser jungen Menschen beherrscht. Ta von frühester Kindheit an, diese Ideen im Mittelpunkte stehen und daher für sie zu religiösen Prinzipien werden, so ist diesen jungen Menschen fast unbegreiflich, wie eine Religion auf diese» Ideen verzichten kann. Religion, Christus, Mission sind dort beinahe identische Begrifft, und die ganze Diskussion zentralisiert sich um diese Gedanken. Aus dem bisher Gesagten geht hervor, oaß man die Erwartungen, die sich an diese Besuche des jüdischen Gettes-

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