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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-08-19 · 32-33 (19.8.1931) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
32-33 (19.8.1931)
Date
1931-08-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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11. Jahrgang Rümmer 32/33 1«-ischttberale MW 2. Beilage 19. August 1931 Jüdische Sludenlenseelsorge an der Berliner Universität Auf der vorjährigen Wellkonferenz des liberalen Judmtums in London erklärte der Berliner Gemeinde-Rabbiner Dr. Mar Wiener, der als Delegierter der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschklands" dort teilnahm, der eigentliche Feind der jüdischen Religion fei — wenigstens unter der Jugend — nicht, wie es früher der Fall gewesen — der religiöse Jndifferentismus, sondern vielmehr die konkurrierenden Weltanschauungen. Es ist klar, daß Dr. Wiener damit a u ch den Kommunismus gemeint hat, doch hat er keineswegs nur den Kommunismus gemeint, sondern vielmehr zum Ausdruck gebracht, daß die religiösen Führer an dem Jndifferentismus nur das Symptom, nicht die Krankheit selber bekämpfen. Es gelte, nicht auf den Jndifferentismus zu schelten, sondern seine Ursache zu erkennen: alle möglichen philosophischen, naturwissenschaftlichen, aber auch politischen Systeme umwerben und gewinnen heute die intellektuelle Jugend, damit auch den jüdischen Teil dieser Jugend. Es ist anzunehmen, daß Herr Dr. Wiener bei diesen Ausführungen auch an die studentische Jugend gedacht hat, aus welche die Schilderung ja in dar Tat besonders zutrifft. Jedenfalls muß es die ernste Sorge der heutigen jüdischen Führergeneration sein, die studentische jüdyche Jugend mit dem Judentum in Verbindung zu bringen, das Judentum an sie heranzutragen. Das kann geschehen, indem man unter den jüdischen Studenten Ausspracheabende über jüdische Probleme aller Art veranstaltet: jüdische Geschichte, Religionsphilosophie, Soziologie, Politik, letztere nach ihren verschiedenen Sparten: wenn man so sagen darf, jüdische Außenpolitik: Abwehrkamps und Emanzipation; jüdische Innenpolitik: das große jüdische Parteiwesen und die Tagespolitik in den Organisationen und Gemeindestuben — das alles sind weite, inhaltsreiche Stoffgebiete, für die die akademische jüdische Jugend gewonnen werden müßte und auch zu gewinnen wäre. Den jüdischen religiösen und politischen Organisationen bieten sich hier große und dankbare Aufgaben, die vielleicht eine gewisse Umstellung der bisherigen Arbeitsweise dieser Organisationen erheischen, die zu vollbringen aber ein Gebot der Zeit ist. Insbesondere der auf dem Boden des Centralvereins stehende K.C. und der Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur könnten hier Wesentliches leisten, aber auch alle anderen jüdischen Studenten-Organisationen haben hier ihre eigentliche Ausgabe; eine Aufgabe von wahrhaft geschichtlichem Ausmaß, wie die vorhin zitierten Ausführungen Dr. Wieners deutlich zeigen. Wie in aller jüdisch-organisatorischen Tätigkeit, so kann auch bei dieser jüdischen Studentenarbeit der Rabbiner nicht entbehrt werden. Soweit jüdische Theologm zur Studentenarbeit Liebe und Fähigkeit mitbringen, wird ihnen bereitwilligst und dankbar der Platz eingeräumt werden, der ihnen nach ihrem Wissen und Können, nach Persönlichkeit und Charakter zukommt. Das ist überall so, in allen jüdischen Organisationen, und also auch in den studentischen. Wie aber im allgemeinen jüdischen Leben so ist auch in dem der Studenten die geistige und politische Arbeit streng zu sondern von der Seelsorge. Wir möchten nicht mißverstanden werben: es können dieselben Rabbiner sein, die in den Organisationen arbeiten und die die Seelsorge ausüben. Ja, es wird sogar in den meisten Fällen so sein, daß die Studenten mit ihren Noten und Sorgen sich an denjenigen Rabbiner wenden, mit dem sie bereits von der geistigen und organisatorischen Arbeit her in persönlichem Kontakt stehen. Dennoch sind die Gebiete als solche streng zu unterscheiden. Völlig analog den Verhältnissen in der nichtstudentischen Allgemeinheit in der Rabbiner in der studentischen Organisation Privatmann, der sich auf Grund seines Könnens und seiner Persönlichkeit seine Führerstellung selber schafft und in ihr nach seiner Ueberzeugung und nach seinem Gewissen sich betätigt, wohingegen aber der Seelsorger in sein Amt berufen wird und also Amtsperson ist. Es war.daher begreiflich und berechtigt, daß die erste Veranstaltung der jüdischen Studentenseelsorge an der Berliner Universität, die am 3. Juni stattfand und über die wir damals kurz berichteten, in weitesten Kreisen der Berliner Gemeindemitglieder lÄhasten Unwillen hervorries, weil sie den oben geschilderten Grundsätzen in unerhörter Weise zuwiderlief. Schon die äußeren, die formalen Umstände, unter denen die Veranstaltung zustandekam, waren außergewöhnlich! und ausfällig. Bis zum heutigen Tage ist nicht völlig aufgeklärt, wieso gerade der zionistische Rabbiner Dr. Prinz zum jüdischen Studentenseelsorger ernannt worden ist, ob hier eine der vielen Eigenmächtigkeiten des damaligen Gemeirürevorstandes bzw. seines zionistischen Vorsitzenden Kareski, oder von wessen Seite sonst eine Eigenmächtigkeit Vorgelegen haben mag. Rach der Veranstaltung mußte die Untersuchung unterbleiben; es war in den Tagen der Studentenkrawalle, und man wollte dem Rektor das Schauspiel innerjüdischer Uneinigkeit nicht bieten. Inzwischen ist aber eine gewisse Beruhigung eingetreten, zudem wird ein neuer Rektor die Leitung der Universnät übernehmen, und es wird daher aller Voraussicht nach sehr bald möglich sein, über die Ergebnisse der inzwischen angestellten Nachforschungen zu berichten. Bei der Frage nach dem Zustandekommen dieser seltsamen Ernennung handelt es sich um weit mehr als um die bloße Feststellung von Formalitäten. Bei dieser Veranstaltung war nämlich alles seltsam, nicht nur ihr Zustandekommen, sondern auch' die Teilnehmer sch aft und vor allem ihr Inhalt. Die Veranstalter halten triumphierend veröffentlicht, es seien etwa 350 Studenten und Studentinnen dort gewesen. Die C.V.-Zeitung aber wußte (in Nr. 24 vom 12. Juni d. Js.) zu melden, daß eine große Anzahl dieser Teilnehmer „sich aus Nichtstudenten, vor allem aus Jugendlichen, die mit der Hochschule nicht das Geringste zu tun haben", zusamrnensetzte, und sie fügte hinzu, unter solchen Umständen „verlieren solche Wende im Rahmen der Universität vollends ihren Sinn". Ein Sinn dürfte sich in der Tat lediglich unter dem Gesichtspunkt einer Einzelperson oder einer Parteigruppe ergeben, denen es aus politischen oder sonstigen Gründen vor allem darauf ankommt, sich möglichst glanzvoll in Szene zu setzen. — Run aber zu dem Wichtigsten, zum Inhalt der seltsamen Veranstaltung. Herr Dr. Prinz hat nach einem Bericht der C.V.-Zeitung in seiner einleitenden Rede ausgeführt, daß seiner Meinung nach ,pie jüdische Studentenseelsorge mit der protestantischen und katholischen nicht wesensgleich ist. Es käme daraus an, den Weg des jüdischen Studenten in das jüdische Volk zu ebnen und die jüdische Studentenschaft zu politisieren". Diese Ausführungen haben berechtigtes Aufsehen erregt. Vor allem war es wiüier die C.V.-Zeitung, die in ihrem schon vorhin erwähnten Bericht sich mit außergewöhnlicher Schätfe gegen Herrn Dr. Prinz wandte. Es hieß dort: ..Der jüdische Seelsorger an der Universität hat den einzelnen Studierenden in seinen iveltanschaulichen und persönlichen Nöten zu beraten. Was darüber hinausgeht, gefährdet den Bestand und ein gedeihliches Arbeiten der jüdischen Studentenseelsorge. Es muß in aller Schärfe ausgesprochen werden, daß die Veranstaltung rein politischer Diskussionsabende im Zeichen seelsorgerischer Tätigkeit eine Diskreditierung der Stellung und der Befugnisse des jüdischen Seelsorgers vor der Oesfentlichkciit bedeutet." Wir führen diese Aeußerungen wörtlich an, weil sie sich völlig mit unserer eigenen Auffassung decken. Inzwischen haben sich verschiedene Gruppen mit der Angelegenheit befaßt, und auch> die Repräsentanten-Bersammlung wird zu ihr Stellung nehmen müssen. Bereits der letzten Sitzung lag ein Antrag des Herrn Bruno W o y d a vor, der aber vertagt werden mußte und nun wohl in der nächsten Sitzung zur Beratung gelangen wird. Der Antrag lautet: An der Berliner Universität ist seit kurzem das Amt eines jüdischen Studentenseclsorgers eingerichtet worden. Von diesem ist eine Aussprache der verschiedenen Richtungen veranstaltet worden, in der er selbst nach einem Bericht der C.B.-Zeüung die Auffassung vertreten hat, „es käme darauf an, den Weg der jüdischen Studenten, in das jüdische Volk zu ebnen und die jüdische Studentenschaft zu politisieren". Die Repräsentanten-Bersammlung ersucht den Gcmcindcvorstand, darauf hinzuwirken, daß 1. die Tätigkeit eines jüdischen Studentenscelsorgers einem Gcmeindcrabbiner übertragen wird, 2. die Tätigkeit eines Studentenscelsorgers im Rahmen, der Seclsorgetätigkeit bleibt. Der zweite Punkt des Woydaschen Antrages entspricht unzweifelhaft einer gebieterischen Notwendigkeit —: wir haben einleitend ausgesührt, daß und warum die Seelsorge von jeder andern Tätigkeit getrennt bleiben muß. Wenn aber der erste Teil des Antrages die Uebertragung des Seelsorgeramtes aus einen Gemeinderabbiner fordert, so scheint uns das grundsätzlich zwar auch gerechtfertigt, ohne indessen den praktischen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Herr Dr. Prinz ist bekanntlich nicht Gemeinderabbinex« und auch wjr möchten das wichtige Amt des Studeubeiuseek, sovgersp wie alle wichtigen rabbinischen Aemter, in den Händen eines Gemerstderabbiners sehen. Hier aber macht sich/ nicht zum ersten Male, ein Mangel bemerkbar, unter hem wir in Berlin ftit Langem leiden: der Mangel an jungen' Rabbinern. Jugend verlangt Jugend, wenn irgendwo, so trifft das. für die Studentenseelforge zu.' NiM ohne Grund haben deshalb schon in der alten Repräsentanten- Versammlung Verhandlungen stattgefunden mit dem Ziel, einen jungen liberalen Rabbiner nach! Berlin zu berufen. Aus mehr als einem Grunde ist es zu bedauern, daß diese Berufung nicht längst erfolgt ist. Wir wollen wünschen, daß! sie in cwsehbarer Zeit erfolgen kann, trotz der schwierigen, finanziellen Lage der Gemeinde. Da aber bis dahin das Amt des Studentenseelsorgers nicht unbesetzt bleiben kann, soll man inzwischen eine geeignete Persönlichkeit ausfindig, zu machen trachten,, ohne dabei dogmatisch daran sestzuhalten, daß es ein Gemeinderabbiner sein muß. Wie muß der jüdische Studentenseelsorge r b eschaf f en se i n? Er muß jutip sein, beweglich und frisch. Er muß kraft seiner Persönlichkeit befähigt sein, sich bei den Studenten zugleich Vertrauen und Autorität zu erwerben. Er muß politische auf dem Boden des Central-Vereins, auf deutsck/jüdischem Standpunkt stehen. Gerade an der Universität wäre ein Zionist gefährlich, weil er die nationalsozialistischen Studenten in ihrer Anschauung von der wesenhaften Unterschiedenheit zwischen „Deutschen und Juden" bestärken müßte. Er muß religiös liberal sein, weil der weitaus größte j Teil der jüdischen Studierenden und Intellektuellen — in- > folge der „konkurrierenden weltanschaulichen und politischen Systeme" — der jüdischen Orthodoxie auf keine Weise zugänglich sein wird. Den wenigm orthodoxen Studenten aber wird ein liberaler Theologe stets mit Takt und Verständnis gegenübertreten. Es müßte, so meinen wir, nicht allzu schwer sein, unter den an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums studierenden Rabbinatskandidaten einen zu finden, der diese vier Bedingungen erfüllt. Wenn die Gemeindekörperschaften ernsthaft suchen, werden sie finden. Auch sind wir gern bereit, die geeignete Persönlichkeit namhaft zu machen und so zu unserm Teile zur Lösung einer der brennendsten Nöte beizutragen. — tz Miarbeit oder Gegenarbeit? Berliner Repräsentantenoersammlung vom 3. August 1931. Bei der Vorstandswahl und auch sonst nach den Wahlen hat der Vorsitzende der Bolkspartei, Herr Dn Klee, wiederholt die Versicherung abgegeben, und andere seiner Fraktionskollegen sind ihm darin gefolgt, daß die Bolkspartei, wie auch ihr Eintritt in den Gemeindevorstand beweise, loyal Mitarbeiten wolle und sich, nicht als Oppositionspartei betrachte. Leider stehen die Toten der Partei in der neuen Session mit den Worten in nicht zu vereinbarendem Gegensatz. Zur loyalen Mitarbeit gehört es in erster Reihe, daß man in Zeilen schwerster Not und Krise alles unterläßt, was die augenblicklich genügend schwierige Arbeit der Gemeindebehörden zur Erhaltung des Gemeindebestandes in finanzieller und sozialer Hinsicht stört und verwirrt. Die Repräsentantenversammlung hat an sick Ferien. Es darf sehr bezweifelt werden, ob die Anfragen, die in der letzten Sitzung gestellt worden sind und für welche die Bolkspartei, wozu sie satzungsgemäß an sich berechtigt ist, eine eigene Feriensitzung aufgeboten hat, so wichtig und unaufschiebbar waren, daß man ihrethalben eine eigene Reprasentantenversammlung einberufen mußte. Es handelt sich, fast durchweg um überflüssige Anfragen oder um politische Aktionen, mit denen mau in der heutigen Zeit die Gemeinde verschonen sollte. Zu den überflüssigen Anfragen gehört zunächst einmal die Anfrage wegen der Sicherstellung der Mittel für die Beamtcngehälter. Es war bisher übliche daß derarttge Anfragen nur gestellt wurden, wenn persönliche Fühlungnahme mit dem Gemeindevorstand nicht weiterführte. Die Auskunft, die der Finanzdezernent, Herr Gra etz, gab, hätte jtt>es Mitglied der Volkspattei auch auf persönliche Anfrage erhalten und daraus entnehmen können, daß der Gemeindevorstand seiner schwierigen Pflicht in durchaus zureichender Weise nachkommt. Gleich, überflüssig war eine Anfrage über angebliche Beunruhigung wegen nicht zureichender Mittel der Wohlfahrtsämter. Der Dezernent des Wohlfahrtsamtes!, Herr Direktor Stahl, konnte diese Frage mit zwei Sätzen in durchaus befriedigender Weife klären. Wozu also das schwere Geschütz einer offiziellen Anfrage in der Versammlung? Will etwa die Volkspartei bei der Wählerschaft den Eindruck erwecken, als wenn nur sie bemüht sei um das finanzielle und soziale Wohl unserer Gemeinde, als wenn der Gemeindevorstand ohne ihre freundliche Anfrage seine Pflicht nicht täte? Derartige leere Demonstrationen können in der heutigen Zeit füglich unterbleiben. Ebenso überflüssig, ja sogar gefährlich, war die Anfrage der Volkspartei wegen der Verteilung der Dezernate im Gemeindevorstand. Wie der Gemeindevorstand seine Aemter besetzt, ist allein ^seine Sache. Das wußte natürlich die Volks- Partei genau. Sie konnte sich selbst mit mathematischer Sicherheit die Antwort sagen, die auch tatsächlich von Herrn Kammergerrchtsrat Wolfs gegeben wurde, nämlich, daß der Vorstand für das Interesse an seiner Arbeit danke, daß im übrigen aber die Dezernatsbesetzung die Repräsentantenversammlung nichts angehe. Daß die'Rechtslage so ist, wußte natürlich' jedes Mitglied der Bolkspartei, und so konnte die Anfrage gar keine andere Bedeutung haben, als eine Beschwerde darüber, daß die Volks parteilichen Mitglieder nicht ausreichend in den Vordergrund der Vorftandsarbeit gestellt seien. Der Sprecher der liberalen Fraktion, Herr Marcus, wies mit Recht darauf hin/ daß es> keinem weniger ansteht, derartige Vorwürfe zu erheben, als der Volkspattei, die in der vergangenen Periode, als sie nicht einmal die Mehrheit hatte, ja als sie nicht einmal die stärkste Partei war, alle wichtigen Aemter für ihre Herren beansprucht und sich nicht gescheut hat, ein Mitglied des Gemeindevorstandes, das den Makel liberaler Gesinnung mit sich herumtrug, Herrn Landgerichtsrat Dr. Arthur Lilienthal, ohne jedes Dezernat zu lassen. Hier ist also der Pfeil aus dm Schützen selbst zurückgeprallt. Eine Partei, die einem einzigen Mitglied während der vorigen Berwaltungsperiode den Vorsitz, das Personaldezernat, die Finanzen, die Baukommission, das Jugendbezernat usw. anvertraute, sollte wirklich! taktvoll genug sein, sich über die Dezernatsverteilung nicht aufzuregm. Rein politischer Agitation diente die Anfrage, „ob der Gemeindevorstand die politische und wirtschaftliche Lage der Berliner Juden mit der dem Ernst der Situation entsprechenden Austnerksamkeit verfolge und entschlossen sei, bei weiterer Verschärfung der politischen Lage die jüdischen Rechte mtt allem Nachdruck zu wahren". Auch diese Frage, im Munde einer Partei, die „loyal" Mitarbeiten will, etwas eigentümlich, enthält entweder eine Selbstverständlichkeit oder eine politische Demonstration. Der Gemeindevorstand hat auf diese Frage noch nicht geantworttt. Wir können ihm die Antwort ruhig überlassen. Das eine aber muß dazu gesagt werden: Was unter Wahrung der jüdischen Rechte verstanden wird, hat Herr Dr. Klee als Begründer der Interpellation recht wenig klar gemacht. Der Gemeindevorstand hat bisher keinerlei Anlaß zu der Befürchtung gegeben, daß es ihm nicht ernst genug ist mit der Sorge für Leib und Leben seiner Gemeindemitglieder. Sollte, was Gott verhüten wolle, einmal eine derarttge Sorge an den Gemeindevorstand herantreten, so wird er alle diejenigen Mitteh die ihm der Staat zur Verfügung stellt, sicherlich pflichtgemäß, energisch und erfolgreich heranziehen. Bedarf diese Selbstverständlichkeit der feierlichen. Bestätigung. oder spukt in der Anfrage der Volkspartei wieder das alte Steckenpferd, daß die Abwehrarbeit im großen dem Centralverein abgenommen und auf die Gemeinde übertragen werden solle? Dann freilich! ist diese Anfrage eine rein polittsche Demonstration, denn aus zahlreichen früheren Vorgängen kennt die Bolkspartei die Haltung der Liberalen (übrigens nicht nur der Liberalen, sondern auch zahlreicher Mittelpavteiler und Konservativer) in diesem künstlich geschaffenen Gegensatz zwischen Gemeinde und Centralverein. Politischen unwirtschaftlichen Kampf für die Rechte der Juden zu führen ist nicht Sache der Gemeinde. Wir haben keinerlei Veranlassung, den bewährten Händen des Centralverems diese seine jahrzehntelang erfolgreich geleistete Arbeit aus der Hand zu nehmen. Was die Herren Dr. Mayer und Woyda zu diesem Punkt in der Diskussion gesagt haben, deckt sich mit dieser Auffassung vollkommen. Die weitere Resolution der Bolkspartei betr. Stellungnahme der Gemeinde zu den Ausschreitungen in Saloniki kam etwas zu spät. Ursprünglich hatte die Bolkspattei mtt dem selbstverständlichen Bedauern für die Opfer der traurigen Vorfälle sogar die Aufforderung an die Gemeinde verknüpft, sich in das Gebiet der hohen Diplomatie zu begeben und Vorstellungen bei der griechischen Regierung zu erheben. Den letzten Teil, den, der wenigstens einen fachlichen (wenn auch zu bekämpfenden) Kern in sich schloß, hatte die Volkspartei schon vor der Versammlung zurückgezogen, offenbar, weil sie eiusehen mußte, daß man damit den Juden nur schade und nichts nütze. Ueberdies konnte aber Dr. Fleischer einen Originalbrief des Oberrabbiners von Saloniki zur Kenntnis bringen, welcher dringend im Interesse der Juden bat, bei der griechischen Regierung keinerlei Schritte zu unternehmen. Dem Bedauern, das jeder Jude von Herz und Gemeinschastsbewußtsein über die trauttgen Ereignisse in Saloniki fühlen mußte, gab auch der Bettreter des Gemeindevorstandes, Herr Direktor Stahl, Ausdruck, erklärte aber im übrigen, daß sich inzwischen die Gemüter dott beruhigt hätten und daß man die Sache ruhen lassen solle. Diesem Wunsche hat

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