Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 32-33 (19.8.1931)
- Date
- 1931-08-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Fortbestandes; sein Leben wäre bei Verbleiben im alten Hause am alten -Orte einfach erstickt. Aber uns (atf daran zu erweisen, daH cpuch eine arme oder gerade eine arme, die notreichste Zeit, ein Gotteshaus zu errichten vermag. Armut und Schlichtheit können mehr geben als Prunk, Häufung alles Kostbaren an Materialien und aus den Baustilen aller Kulturen und Zeiten es vermögen. Uns trieb die Armut zu äußerster Schlichtheit in der Bauweise, in Material und Ausstattung. Aber es ist uns, als sei dieser Zwang zur äußersten Knappheit und Sparsamkeit gerade zu unserem Reichtum geworden. Eine neue Form jüdischer Kultstätte ist erstanden, in Schlichtheit zugleich und wuchtiger Größe, abseits von allen entlehnten Baustilen, — aus eigenem Geist! Die Prediger des Hamburger Tempels Von Dr. phil. Alfred Beis, Hamburg. Im Jahre 1783 gab Moses Mendelssohn als erster deutscher Jude eine deutsche Bibelübersetzung heraus, in der Absicht, seinen jühischen Glaubensbrüdern den Weg aus dem Ghetto in die Kultur der Umwelt zu erschließen, der ohne Kenntnis der Sprache nicht möglich war. Schon nach dem Siege von Roßbach und Leuthen und nach dem Frieden von Hubertusberg hatte er je eine deutsche Predigt geschrieben, die vom Rabbiner in der Berliner Synagoge vorgelesen wurde. Josef Wolf-Dessau hielt 1805 die erste selbstverfaßte deutsche Predigt und Israel Jacobson führte sowohl in den Gottesdiensten im Königreich Westfalen als anch später in Berlin einen Gottesdienst mit deutscher Predigt ein. Diese Vorarbeiten für eine Gemeinschaft systematisch geordnet und eineu für weitere Fortschritte vorbildlichen Gottesdienst mit deutscher Predigt für das ganze Jahr eingerichtet zu haben, ist das Verdienst der Männer, die in unserem Hamburger Tempel geistige Führer gewesen sind. An erster Stelle verdient Erwähnung Dr. Eduard Kley (1818 -1840), der im Jahre 1817 als leitender Oberlehrer an die 1815 in Hamburg errichtete Israelitische Freischule kam. Die Kinder dieser Schule bildeten seine erste Gemeinde, vor der er ein Jahr lang allwöchentlich Andachtsstunden abhielt, an denen sich später auch viele Eltern und. sonstige Anhänger beteiligten. Aus ihnen ist ein Jahr später der Tempel-Gottesdienst hervorgegangen. Bei der Gründung des Tempels würde Dr. G o t t h o l d Salomon (1818—1857) neben Dr. Kley zum Prediger am Hamburger Tempel gewählt. Ein Meister der Redekunst, hat er vor allem bei der Einweihung des ersten Tempels (18. Okt. 1818) und auch bei der Einweihung des Tempels in der Poolstraße (5. September 1844) seine hervorragende Begabung in zwei Predigten gezeigt, bei denen er in Anlehnung an die Tradition die Erhaltung der Ewigkeitswerte des Judentums in einer der Gegenwart angepaßten Form als Ziel des Tempels ausführte. Neben seiner großen rhetorischen Be-?l<rf>ung verdient auch seine Stellung unter den jüdischen Wisenschaftlern besonders erwähnt zu werden, hat er doch int Jahre 1837 die erste vollständige jüdische Bibelübersetzung in deutscher Sprache und in deutschen Lettern herausgegeben, sowie im Streite, der sich an die Herausgabe des Tempelgebetbuches anschloß,, wissenschaftlich wertvolle Gutachten veröffentlicht. Als im Jahre 1840 Dr. Kley sein Predigeramt niederlegte, wurde aus besondere Empfehlung Berthold Auerbachs Dr. Naftali Frankfurter (1840—1866) an den Tempel berufen, an dem er 20 Jahre lang neben Gotthold Ialomon in langjähriger Freundschaft mit demselben verbunden als beliebter Prediger wirkte. Zum Nachfolger Dr. Salomons, der am 16. April 1857 sein Amt krankheitshalber niederlegen mußte, wurde Dr. H e r - wann Jonas (1858—1880) gewählt, der als Prediger und Seelsorger bei den älteren Mitgliedern und der Jugend geachtet war. Als im Jahre 1868 bei der Jubelfeier des 50 jährigen Bestehens des Tempels eine Neuausgabe des Gebetbuchs erschien, war es neben der Mitarbeit Dr. Frankfurters vor allem seiner Initiative zu oerdanken, daß dieses Gebetbuch in einer Ausgabe erschienen ist, die für alle weiteren Ausgaben vorbildlich werden konnte. Nach dem Tode Dr. Frankfurters wirkte von 1867—1882 Dr. Max Sänger am Tempel, der vor allem als Wissenschaftler und als Mitarbeiter an der Herausgabe des grammatischen Werkes „Masseh Efod" in Gemeinschaft mit Prof. Luzzato hervorragendes geleistet hat. Auch er verstand es. sich einen großen Anhängerkreis unter den Mitgliedern .des Tem- : pels zu erwerben. Nach dem plötzlich erfolgten Tode Dr. Sängers wurde 1883 Rabbiner Dr. David Leimdörfer (1883-1922) an den Tempelverband berufen. Mehr als ein Menschenalter, fast vier Jahrzehnte lang hat er seine ganze Lebens-, kraft dem Tempel und seiner Gemeinde geweiht. Seine Persönlichkeit steht noch heute bei den älteren Tempelmitgliedern in dankbarer Erinnerung. Als er im Jahre 1918 zum 100jährigen Bestehen des Israelitischen Tempels eine Festschrift herausgab, faßte er das Ziel seiner Arbeit in die Worte zusammen: Erbauung eines neuen Gotteshauses in Verbindung mit einer Religionsschule und Lehrstätte für die Jugend. Einen treuen Mitarbeiter fand er in den ersten Jahren seiner Tätigkeit an Rabbiner Dr. Caesar Selig mann (1889 -1902), der als junger Prediger am Hamburger Tempel sich einen großen Kreis von Anhängern uttd Freunden erwarb, die ihm ihre Anhänglichkeit und Verehrung auch heute noch in seiner Stellung als geistiger Führer des liberalen Judentums in Deutschland darbringen. Mit besonders großer Freude und in dankbarer Erinnerung an seine Hamburger Tätigkeit hat ihm im vergangenen Jahre anläßlich seines 70. Geburtstages der Tempelverband herzliche Glückwünsche entboten. Als Dr. Seligmann nn Jahre 1902 nach Frankfurt a. M. berufen wurde, folgte ihm Rabbiner Dr. Paul Riege/ (1902—1908), dessen Name in der wissenschaftlichen Wssli einen guten Klang hat und dessen Wirken noch heute Jod seinen zahlreichen Schülern unvergessen ist. Die 6. Aui/age des Hamburger Tempelgebetbuches'ist das Werk Dr. Ri/gers, der heute als Stadtrabbiner in Stuttgart eine fegen/reiche Tätigkeit entfallet. / Von 1908—1922 wirkte als Rabbiner Dr. /Jacob Sonderling, der vor allem als Kanzelrednet sich eine große Anhängerschaft über den Rahmen des Temp/lverbandes hinaus erworben bat und heute als Rabbiner /n Amerika tätig ist. / Nach dem Tode Dr. Leimdörfers wurde a/n 1. Januar 1923 Dr. Friedrich Rülf (1923—26) zum/Rabbiner des Israelitischen Tempelverbandes bestimmt, nachwem er bereits im Frühjahr 1922 als stellvertretender Leite r an die Religionsschule des Jüdischen Schulder eins berufen war. Er bewähtte sich vor allem als Führer der Jugend, die noch heute seiner Tätigkeit in Hamburg dankbar gedenkt. Seit 1929 ist Dr. Rülf Rabbiner der Synagogengemeinde des Kreises Saarbrücken. Mit ihm zusammen wirkte von 1924—1928 Rabbiner Dr. Lothar Lubasch als Prediger und Religionslehrer. Auch er war eifrig bemüht, das jüdische Schulwerk weiter auszubauen. Er wurde 1928 nach Oppeln und 1930 nach Wuppertal-Barmen berufen, wo er* als Rabbiner tätig ist. (Seit dem 1. Januar 1928 ist Rabbiner Dr. Bruno Italiener am Israelitischen Tempel tätig. Wenn es sich auch aus naheliegenden Gründen verbietet ,eine noch im Amte wirkende Persönlichkeit näher zu charakterisieren, so soll hier doch gesagt werden, daß Herr Dr. Italiener als Kanzelredner, Seelsorger und Jugendbildner einen großen Ruf hat, und daß es vorwiegend seiner Initiative zu danken ist, wenn jetzt staatlicherseits an den hamburgischen Schulen der jüdische Religionsunterricht eingeführt worden ist. Anch den Tempelbau hat er wesentlich gefördert. Neben Herrn Dr. Italiener wirkt der Verfasser des vorstehenden Artikels, Dr. phil. Alfred B e i s, der nach fünfzehnjähriger Tätigkeit im Rheinland seit dem 1. Januar 1929 als akademischer Religionslehrer des Jüdischen Schulvereins und als Stellvertreter des Herrn Dr. Italiener beim Tempelverband tätig ist. Auch Herr Dr. Beis ist mit Geschick und Erfolg bemüht, das Schulwerk zum besten der liberalen Jugend weiter auszubauen. — Die Schriftleitung.) Musik und Musiker im Hamburger Tempel Von Leon Körnitz er. Als der Hamburger Tempel am 18. Oktober 1818 seine Pforten öffnete, stand er einem ungelösten und für den Augenblick unlösbaren Problem gegenüber: der Gestaltung seiner liturgischen Musik. Das Vorbild der „reformierten" Gottesdienste in Seesen und Berlin war wohl gegeben und notgedrungen zum Teil befolgt; aber von allem Anfang an sah man, daß dieses Vorbild für den Gottesdienst einer'liberalen Gemeinde nicht genügen könne. Drei Elemente waren dazumal für die gottesdienstliche Musik gegeben. Dazumal; denn der große schöpferische Geist, der aus diesen Elementen und aus eigenem Schaffen ein Neues, ein von Geist, Genie, Kraft und Kunst Erfülltes geformt hätte, wurde nicht gesucht und wäre wahrscheinlich auch bei emsigstem Suchen nicht gesunden worden. Denn er war sicherlich nicht vorhanden. Wo sollte ein Mann zu finden gewesen sein, der mit der Kenntnis, dem tiefsten Verständnis der musikalischen Traditton, der Beherrschung der Kunstgattung und ihrer Technik auch noch die Gottes gäbe besessen hätte, aus eigenem Schaffen ein neues Gebäude aufzuführen? Ohne Vorbild, ohne Erprobung, ohne Erfahrung für Ausmaß, Tragfähigkeit, Wirkung des Neuen! (Denn auch die zwei Jahrhunderte vorher entstandene synagogale Musik Salontone Rossis, die einzige synagogale Kunstmusik, war ohne praktische Erprobung geblieben, zudem in jenen Tagen verschollen und erst viel später wiederentdeckt.) Dieser große Geist tauchte erst einige Jahre nach Eröffnung des Hamburger Tempels auf und wurde durch einen unerhörten .Glückszufall von der Wiener jüdischem Gemeinde zum Vorbeter bestellt. Es ist S a l p in o n Sülze r, der Gestalter und Schöpfer der liberalen gottesdienstlichen Musik, die, wie so manch andere Einrichtung des jüdischen Liberalismus, ihren Weg auch in die Gotteshäuser der Orthodoxie fand. Die drei Elemente, die dem neuen Hatnburger Tempel zu Gebote standen, waren: die Musik der „reformierten" Gottesdienste in Seesen, Berlin und Kassel, also „Deutscher und hebräischer Choralgesang mit Begleitung der Orgel", weiter der traditionelle Gesang der (portugiesischen) Sephardim und endlich her heimische, aschkenasische Traditionsgesang, das deutsche Chasonus Hamburger Färbung. Ich welchem Ausmaße, in welcher Mischung, in welchem Entwicklungsgang gebrauchte der Hamburger Tempel diese b^tei Elemente für seine Musik? Zunächst bildete der ChorMesang, in erdrückender Mehrheit in deutscher Sprache, das Hckuptmaterial. Ein iuhalt- und umfangreiches „Gesangbuch" wurde gedruckt und gebraucht, dem später das „Melodienbuch" beigesellt wurde. Die Melodien waren zum großen Teile die evangelischer Choräle, daneben die der Seesener und Berliner Lieder, endlich auch solche, die für den Tempel nem geschaffen wurden. Die Komponisten der letzteren waren ^vorwiegend die christlichen Organisten und gelegentlichen Chorführer des Tempels, daneben namhafte Musiker jener Zeit, die mit dem Tempel in Verbindung trasien, und endlich snehr oder minder musikkundige jüdische Dilettanten, die ihre wahrscheinlich einstimmig geschriebenen „Lieder" für den Gottesdienst zur Verfügung stellten. Unter den Namen finden sich auch solche, die heute noch einen guten Klang haben, wie M eit h f e s s e l und Ferdinand Hitler. Die Zahl der jüdischen Choralkomponisten ist jedoch recht gering, neben Hiller nmr noch Dr. S. I. Fränkel, einer' der „Direktoren" (Vorsteher) des Tempels, und Moritz Levy, Berlin, ein Onkelldes Hamburger Gemeindevorsitzenden Alfred Levy. Später komponierte Moritz Henle eine Reihe deutscher Choräle^ E/s ist bezeichnend, daß von all diesen Chorälen heute nur noch 'ein einziger im Hamburger Tempel zu hören ist. Das erwachende jüdische Bewußtsein und jüdische Kunstbewußtsein drä'ngte den deutschen Choralgesang immer mehr zurück, und diy letzten Jahrzehnte vollendeten das Werk der Ausmerzung. (As wurde selbst dem begeistertsten „Tempelaner", der mit Liebe utnb Verehrung an allen Einrichtungen seines Tempels hing, /allmählich untragbar, wenn er sein „Schofarlied" eines Mittags vom Glockenspiel der Nicolaikirche ertönen hörte. Das Prinzip „man nehme das Gute, wo es zu finden ist" wich dem wiedererwachten jüdischen Selbstgefühl. — Die erwähnte einzige Ausnahme ist der Gesang „Seele, was betrübst du dich", dem Hamburger Organisten und Gesangslehrer I. H. G. S t ö w i n g zugeschrieben, der im ersten Jahrzehnte des Tempels „mehrere Choräle und Gesänge komponiert und mit dem Chor eingeübt hat" (Sitzungsprotökoll der Direktion und Deputation vom 27. Oktober 1823) und 1828 als stellvertretender Organist .wirkte. Der Gesang, weniger im Stile des evangelischen Chorals als in dem Weberscher Chöre gehalten, ist.so sehr mit der Tradition des Tempels verknüpft, daß ihn die Gemeinde nicht missen kann und die musikalischen Leiter nicht abschaffen wollen. Prof. A. Z. Jdelsohn in seiner „Geschichte der jüdischen Musik" wirft mir die Beibehaltung dieses Gesanges vor, obwohl er mir ansonsten die Judaisierung der Tempelmusik hoch anrechnet. Er weiß eben nicht, daß hier ein Jmponderabile vorliegt, über das man sich nicht hinwegsetzen kann. Neben dem Choral wurden auch mehrstimmige Motetten und Kantaten gebraucht, zum Teil für den Tempel neu geschaffen. Am längsten erhielt sich die Motette „Was ist der Mensch, Allmächtiger" für gemischten Chor und Orgel zur Seelengedächtnisfeier konrponiert von A. G. Methfesse l, 1822—1832 als Musikdirektor in Hamburg tätig. Das> Protokoll vom 12. Oktober 1826 über den Gottesdienst arnl letzten Dersöhnungstag enthält den Bericht: „Der deutsche Choral-Gesang „Was ist der Mensch" war von Herrn Methfessel einstimmig gesetzt und von ihm selbst dirigiert worden. Die Grund-Melodie von S. I. Fränkel war darin beybehalten worden, bis auf wenige Abänderung." Ob diese Fassung des Werkes die letzte, auf uns überkommene war, möchte ich bezweifeln, einmal, weil die Vierstimmig feit dem Protokoll widerspricht, hauptsächlich aber wegen der Struktur der jetzt vorliegenden Partitur, die den Typus der damaligen Kirchenmotette darstellt, aber keineswegs in bester Form. Ein prominentes, dabei musikkuMges Mitglied der Tempelverwaltung nennt diesen Chor ebenso bezeichnend wie richtig ein „Sauf- und Rauflied", ohne aber aufzuhören, seinen Wegfall zu beklagen. Die Einführung sephardisch-portugiesischer Melodien für den Vortrag der hebräischen Gebete durch den Borbeter und in geringerem Ausmaße auch für den Gemeindegesang bildet zugleich den Beweis für meine oben ausgestellte Behauptung, daß bereits die Gründer des Tempels sich dessen bewußt waren, eine Beschränkung aus die Musik von Seesen, Berlin und Kassel sei nicht möglich. Die Wahl gerade der portugiesischen Melodien ist mehreren Umständen zuzuschreiben: zunächst der Einsetzung der sephardisch-hebräischen Aussprache, weiters dem Umstande, daß zu den ersten Mitgliedern des Tempels in namhafter Zahl Portugiesen gehörten,'und endlich und hauptsächlich der Person des ersten Borbeters, David M e l d o l a, eines in Amsterdam gebotenen portugiesischen Juden. — Diese sephardischen Melodien, soweit sie Gemeinde- und Wechselgänge darstellen, haben sich bis zum heutigen Tage erhalten und sind ein lieber Besitz der Gemeinde. Wohl erzeugt die 1909 eingeführte aschkeuasische Aussprache des .Hebräischen manche Diskrepanz zwischen Wort und Ton, wohl ist die Aneinanderreihung aschkenasisch-traditioneller Rezitation (wie sie jetzt durch mich eingeführt ist) und dieser Melodien nicht ohne weiteres tunlich. Aber mit Feingefühl und Sorgsamkeit ist auch diese Schwierigkeit zu überb rücken, weil sie überbrückt werden must Das dritte Element endlich, der aschkenasisch-traditionelle Gesang, fand in den ersten Jahrzehnten des Tempels nicht die geringste Verwendung, erfühl vielmehr bewußte und prinzipielle Ablehnung. Die Form der jüdischen Kultmusik in ihrer Ausübung war ja in jenen Zeiten auf einen beklagenswerten Tiefstand gesunken und war eine der Ursachen, die zur Gründung des Tempels führten. In der Gründungs- und Bereimgungsurkunde vom 11. Dezember 1817 heißt es: „Durchdrungen von der Nothwendigkeit, den öffentlichen Gottesdienst, der... durch die mannigfaltigen-dabei eingeschlichenen Mängel seit einiger Zeit von so vielen vernachlässigt worden, zu seiner ihm angemessenen Würde und Bedeutung zurück zu führen,... haben die Endesunterzeichneten sich dahin vereinigt, ... einen würdigen und geordneten Ritus herzustellen .. In den Worten „mannigfaltige Mängel" ist unschwer ein Hinweis auf den damaligen Stand des Synagogengesanges, in „würdiger und geordneter Ritus" ebenso leicht die Andeutung der geplanten Abhilfe zu erkennen. Die Ausschaltung des' aschkenasischen Chasonus und der inzwischen entstandenen reichen Musikliteratur dauerte im wesentlichen bis 1879. Die Eröffnung des neuen Tempels in der Poolstraße, von dem wir jetzt Abschied nehmen wollen, im Jahre 1844 veranlaßte wohl Dr. Fränkel, sich an Felix Mendelssohn-Bartholdy, den in Hamburg geborenen Meister,, um eine Komposition zur Einweihungsfeier zu wmden, der auch seine Bereitwilligkeit erllärte, sie später aber wegen Ueberbürdung zurückzog. Auch Meyerbeer und Halevy dachte man wegen Komposition größerer Gesangsstücke für den neuen Tempel anzugehen, doch alle diese Pläne brachten keine Erfolge. Selbst das Nächstliegende, die Einführung des „Wiener Choralbuches", mit welch skurriler Bezeichnung nichts geringeres als Sulzers „Schir Ziou" gemeint ist, im Jahre 1846 mußte wegen verschiedener Schwierigkeiten aufgegeben werden. So blieb die Musik des Tempels 60 Jahre lang im großen und ganzen unverändert, vermehrt nur durch gelegentliche Kompositionen der an ihm wirkenden christlichen Musiker. 1879 trat Moritz Henle sein Amt als Borbeter des Tempels an, und damit beginnt eine neue Aera seiner liturgischen Musik. Henle, der geborene Württemberger, schuf neben dem portugiesischen auch dem süddeutschen Chasonus Raum; seiner Bemühung und Organisationskraft war die Gründung eines freiwilligen, stattlichen gemischten ^Chores zu danken, wodurch die Einführung von Gesängen Sulzers, Lewandowskis (der allerdings nur mit einem einzigen Stück, dem ,,'Omnom ken" vertreten war) Deutsch' und vor allen Henles selbst ermöglicht wurde. Daneben ließ Henle als Predigtlieder erlesene Stücke von Beethoven, Mendelssohn, Hauptmann, Hamma u. a. singen. So war die musikalische Isolierung des Tempels durchbrochen. Aber noch immer dorninierte der deutsche Choralgesang, der im Verein mit dem sephardischen Chasonus dem Tempelgottesdienst eine Gestalt gab, die von jener stark abwich, die in den Gotteshäusern der mitteleuropäischen Judenheit nunmehr schon in mehr oder minder einheitlicher Weise zu finden war. Erst mit meinem Amtsantritte schloß sich der Tempel jener musikalischen Form an. wie sie in den liberalen Gotteshäusern Deutschlands zu bören ist. Das Chasonus ist das in Hamburg seit langem übliche ostaschkenasische. etwa in der Art von Sulzers Lewandowski und Deutschs Was von den sephardischen Gesängen beibehalten wurde, ist schon erwähnt. Die Anzahl der Chor- und Sologesänge wurde reich vermehrt, eine nicht geringe Reihe der ersteren durch wgelnräßige Verwendung zu Gemeindegcsängen gestaltet; hebräische Gesänge nichtjüdischer Autoren eliminiert, dafür die neuere Literatur her angezogen; und endlich und hauptsächlich: der Choralgesang ist geschwunden. Der Hamburger Tempel gab vor 113 Jahren den Anstoß zur künstlerischen Entwicklung der jüdischen Kultmusik, wenn er selbst auch diese Entwicklung nicht führend beeinftusfen konnte. Aber seit mehr als 50 Jahren pflückt er die Früchte seiner eigenen Saat und nimmt an der weiteren Entwicklungsarbeit kräftigen Anteil. Die Männer, die seine Musik organisiert und geschaffen haben, sind zum Teil schon genannt. Seine beiden ersten Borbeter nahmen nur in geringstem Maße daran teil. Da-