Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 32-33 (19.8.1931)
- Date
- 1931-08-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Jahrgang Kummet 32/33 Ziidlsch'ULekale Zeitung 1. Verlage iS. August 1S31 Ser Neubau des Hamburger Tempels Bon Dipl.-Jng. Felix Ascher und Dipl.-Jng. Robert Friedmann. Gedanken können in Formen oder in Worten zum> Ausdruck gebracht werden. Der Architekt drückt seine Gedanken durch die Bauform aus und muß sie dadurch dem Beschauer ebenso zuganglick machen wie der Schriftsteller oder der Redner durch das Wort. Die Wirkung wird um so nachhaltiger, das Verständnis der Masse umso größer sein, je klarer und einfacher die gewählte Ausdruckssorm ist. — Die Architekten haben daher für den Tempel-Neubau Formen gewählt, die infolge einfachster Linienführung und Massengruppierung auch dem schnellebigen Menschen von heute einen starken Eindruck vermitteln, ohne der Größe der Zielsetzung, dem! jüdisch-religiösen Gemeindeleben eine würdige Stätte zu bereiten, Abbruch zu tun. — Hinzu kan:, daß die vorhandenen Nachöairhäuser, die aus einer baukünstlerisch weniger glücklichen Zeit stammen, mit unschönen Ornamenten so reichlich überladen sind, Paß die puritanische Sachlichkeit sich von selbst gebot. Das Bauprogrammi verlangte in erster Linie die Schaffung folgender 3 Räume: 1. den Haupttempel, 2. den kleinen Tempel, gleichzeitig Trausaal, , 3. den. Versammlungsraum. Schulräume, ein größerer Raum für Ch-orübung und kleine Versammlungen der Jugend. Unterstützt wurden die Architekten von Prof. Friedrich Adler durch Entwürfe für die Schrift über den: Haupteingang und besonders für die großen Bronzebuchstaben an der Wand hinter der Estrade. Die Entwürfe für sämtliche Beleuchtungskörper und Fenster stammen von Raum Slutzky, Hamburg, ebenso die der beiden Brunnen neben dem Eingang. Alles ist in einfachem, solidem Material ausgeführt, um der Schlichtheit und Wohlabgewogenheit der Form zur Wirkung zu verhelfen. Lediglich die Frontfassade erhielt zur Steigerung ihrer Wirkung eine Verkleidung aus großen Muschelkalksteinplatten. Diese große ruhige Fläche hat als einzigen Schmuck das große runde Fenster, dessen Austeilung symbolhaft die Form einer Menorah andeutet. Zurückgezogen von der Straße, aber durch breite Freitreppen mit ihr verbunden, zeigt sich das Aeußere wie das Innere schlicht und klar, ruhig und selbstsicher, dem jüdischen Gedanken Ausdruck gebend. WOCHtHTtWM. wERsmmuMossftia Crimdriß des neuen Hanfes. Alle drei sollten bequem zugänglich und mit Vorhalten und Garderobenanlagen reichlich versehen werden. Die Lösung fanden die Architekten in einer streng symmetrisch-axialen Lösung, wobei alle drei Räume an einer zentral gelegenen Halle mit den dazugehörigen Garderoben zusammengefaßt sind, und z-war der Haupttempel seiner Bedeutung entsprechend in der Hauptachse liegend, links der kleine Tempel, rechts der Versammlungsraum. Die Treppen sind an den beiden Seiten der Vorhalle so angeordnet, daß die Frauen, ohne diese zu berühren, zur Empore gelangen können, und sonnt eine Stauung vermieden wird. Ebenso sind die Gackerobenräume anschließend an die Vorhallen so reichlich angeordnet, daß eine glatte Verkehrsabwickelung vor und nach dm: Gottesdienst unbedingt gewährleistet ist. Für die grundrißliche Gestaltung des Haupttempelraums war oberstes Gesetz die Schaffung eines Betraumes, in dem alle Gemeindemitglieder in gleicher Weise an den gottesdienstlichen Handlungen teilnehmen können. Insbesondere erhielt die Empore genau die Weiche Weiträumigkeit und gute Sicht, wie das Erdgeschoß, io daß damit die'Gleichberechtigung der Empore zum Ausdruck gebracht ist. Hinter der Estrade, wo Almemor und Kanzel stehen, erhebt sich groß und schlicht die steinverkleidete Wand, in der der Araun Hakaudesch eingebaut ist. Kein störendes Ornament, kein übermäßiger Glanz soll die Hoheit dieser Stelle beeinträchtigen. Nur die im Maßstabe gesteigerten bronzenen Buchstaben des „Schma Jiscoel" wecken in der Höhe ihre eindringliche Sprache reden. Durch die großscheibigen Fenster, deren goldgelbe Farbigkeit durch ein kräftiges Blau gesteigert ist, wird ein warmes Licht, ohne zu blenden, von beiden Seitm reichlich hereinströmen. Sechzehn wuchtig gehaltene Leuchter sind an ben über den Seiteriemporen angebrachten Längsbalken so angeordnet, daß die Besucher der Emporen nicht geblendet wecken. Die Decke ist der ruhigen Wirkung wegen und insbesondere mit Rücksicht aus eine gute Klangbildung in dunkel! gebeiztem Holz ausgeführt. Haupttempel und kleiner Tempel haben der schweren wirtschaftlichen Not entsprechend allereinfachste Ausbildung erhalten. Die Wände sind in hellem, nngestrichenem, rauhem Kalkputz ansgesührt, das Gestühl besteht aus positiv gebeiztem Kiefernholz, nur die Estraden in den beiden Kulträumm sind unter Verwendung von echten Hölzern, Makassarebenholz und Palysander, ausgeführt worden. Der Bersammlungssaal hat eine Bühne für kleine Vorführungen; zur Erzielung einer warmen Stimmung und einer besseren Akustik wurde er mit Stoff bespannt. Neben der Bühne liegende Anrichteräume verbinden dm Saal mit einer im Keller liegenden Küche, die eine Einrichtung für die Bewirtung von zirka 130 bis 150 Personm erhält. Im Keller liegt auch die Hausmeisterwohnung und die Heizungsanlage. Für die Lüftungsanlage ist der Raum vorgesehen'; sie soll itt wirtschaftlich besseren Zeiten ansgebaut werden. Neben dein kleinm Tempel liegt das Büro und das Sitzungszimmer der Verwaltung. Rabbiner- und Kantorzimmer liegen hinter dem Haupttempel, daran anschließend die Geschichte des Tempel-Tteubaus Von Rechtsanwalt Dr. Uria s. Die Aüfgabe, den seit der Jahrhundertwende geplanten und immer wieder zurückgestellten Neubau des Teinpels durchzuführen, hatte aus verschiedenen Gründm ihren Reiz und ihre Bedeutung. Galt es doch, einem Hause seine neue Gestalt zu geben, das bahnbrechend als erstes dem Judentum eine neue Art des Gottesdienstes geschenkt hatte. Das Gebäude neu zu errichten, hieß aber auch anknüpfen an die Arbeit von Männern, deren Namen Klang und Geltung für die dmtsche Judenheil erlangt haben. Der alte Tempel in der Poolstraße ist in den Jahren 1840—1844 von einer Baukommission errichtet, die Gabriel R i e ß e r leitete und in der S a l o m o n Heine entscheidend mitwirkte. Die Gründe für seine Verlegung schon nach der verhältnismäßig kurz erscheinenden Zeit von etwa sechs bis neun Jahrzehnten sind seine Lage im jetzt ältesten Teil Hamburgs, seine baulichen Verhältnisse u:rd endlich wachsende Unsicherheit. Zur Zeit seiner Errichtung lag der Tempel im Mittelpunkt der Wohngegend seiner Gemeinde; schon 190!) lag er abseits davon; wieviel mehr weitere 30 Jahre später. Der Ban entsprach nicht mehr den ständig wachsenden Anforderungen an Verkehrssicherheit. Endlich war die Gege:rd insbesondere im letzten Jahrzehnt zu einem Herd fast ständig drohender Unruhen geworden, sodaß die Abhaltung der Gottesdienste nicht mehr gewährleistet erschien. Dennoch entsprang die Wiederaufnahme des Baugckankens einem Zufall. Frühere Versuche, die vor dem Kriege insbesondere von den inzwischen leider verstorbenen Herren Adolf und Max Kimmelstiel, nach dem Kriege insbesondere von den Herren Isidor 5zirsch selb, Max Marx und Daniel Münden eingeleitet waren, wurden erst durch den Krieg und dann durch die immer wieder unübersehbar erscheinenden Verhältnisse der Inflationszeit und ihrer Folgejahre zurückgestellt. Insbesondere war man von der Sorge geleitet, daß jede Bausumme die gegebenen Mittel oder vorhandenen Möglichkeiten überstiege. Der jetzt durchgeführte Plan beruht auf den: Ergebnis zufälliger Gespräche des Verfassers über Sakralbauten und deren Herstellungskosten, ging also umgekehrt zunächst darauf aus, festzustellen, welche Summe eigentlich erforderlich sein würde. Das Ergebnis war, daß die Durchführung durchaus mit eigenen Mitteln des Tempels bei Unterstützung durch die Gemeinde möglich sei. Im Oktober 1927 legte Herr Dr. Urias seinen Plan der Verwaltung vor, die sofort eine Baukommission einsetzte, deren Vorsitz der Verfasser übernahm. Diese prüfte das Projekt zunächst aus seine Durchführbarkeit durch einen Sachverständigen der Hamburger Baubehörde, dessen Gutachten das Ergebnis wiederum bestätigte. Wärm nicht damals Bedenken laut geworden wegen des ursprünglich für den Neubau erworbenen Platzes' an der Hallerstraße, so hätte schon damals unmittelbar mit der Bauausführung begonum werden könnm. So trat 'infolge zahlreicher Verhandlungen mit privaten Grund eignern und mit dem Hamburchschen Staate über verschickene.geeignet .erscheinende Grundstücke eine Verzögerung von fast 18 Monaten ein. Im Sommer 1929 wurde dann durch Vertrag mit der Finanzdeputation der Stadt Hamburg das Grundstück Oberstraße 118 Die nächste Doppel-Nummer erscheint am Mtttmoch^ dem 2. September. (Rckattionsschluß Somradend, dees 29. August, vormittags.) Vereinigung für das liberale Judentum E. 9. bis 124 erworben, das aus den verschiedensten Gründen, auch nach dem eingeholten Gutachten eines Sachverständigen, für den Ban besonders geeignet erschien. Zur gleichen Zeit, am 17. Juni 1929, nahm das Repräsentanten-Kollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg eine Vorlage des' Gemeinde-Vorstandes einstimmig an, wonach die Gemeinde die von dem Tempel eingeworbenen Mittel und Bcreithaltungi von Garantien bewilligte. Unmittelbar daraus wurde zur Bauausführung übergegangen. Man wollte einen Bau ans dem Baugeiste der Zeit schassen, fort von den Nachahmungen und Anfängen, außerjüdischer Bauart, in denen die Mehrzahl, ja fast alle unsere Gotteshäuser bisher errichtet sind. Deswegen sollte die Bauaufgabe so weit wie möglich zur Lösung ausgeschrieben, werden. Aber die Beschränktheit der Mittel zwang auch hier zur Bescheidenheit. So wurde anstelle einer allgemeinen Ausschreibung ein „Engerer Jdeen-Wettbewerb" veranstaltet, zu dem sämtliche Hamburger jüdische Architekten, aber auch eine weitere Anzahl namhafter jüdischer und nichtjüdischer Baumeister im Reiche aufgefordert wurden. Von den zum Wettbewerb Aufgeforderten beteiligten sich 17 Architekten. Innerhalb der Frist vom September bis 15. Dezember 1929 Uesen 29 Entwürfe ein. Das Preisgericht tagte bereits eine Woche nach dem Ablieferungstermin. Unter dem Vorsitz des Herrn Erster Baudirektor Dr. Ehr. Ranck von der Baubehörde in Hamburg und der Mitwirkung der Herren Ministerialrat C. W. Behrend-Berlin und Architekt B.D.A. Heinrich B o m h o f f - Hamburg als Fachpreisrichtern, den Herren Rabbiner Dr. Italiener, Rechtsanwalt Dr. Urias, Julius Schindler und Daniel Münden als Laienrichtern, sowie den Herren Heinrich Levy und Isidor Hirsch selb als Ersatzpreisrichtern, wurden zunächst 12 Entwürfe zur engeren Wahl gestellt, von denen 3 mit Preisen bedacht, 3 zum' Ankauf empfohlen, 2 weitere eventuell zum Ankauf und die letzten 4 „lobend erwähnt" wurden. Preisgekrönt waren Entwürfe der Herren Architekten Dipl.-Jng. Felix Ascher- Hamburg (erster), Dipl.-Jng. Fritz Landauer -München (zweiter), Dipl.-Jng. Robert F r i e d m a n n - Hamburg (dritter). Auch bei der Aufstellung des letzten Entwurfs ging die Baukommission mit äußerster Sorgfalt vor und ließ sich an jedem Scheidewege sachkundig beraten. Nachdem es die Preisträger zunächst jeden für sich nochmals zu engsten Beratungen zugezogen hatte, beauftragte sie die beiden Hamburger Preisträger, die Herren Architekten Dipl.-Jng. Felix Ascher und Robert Friedmann gemeinschaftlich, mit der Aufstellung eines endgültigen Entwurfs und der Bauausführung. Die vorbereitenden Arbeiten nahmen aber noch volle acht Monate in Anspruch, bis Grundriß, Außen- und Innengestaltung im Entwurf fertig Vorlagen und die Genehmigung der Baukommission und der Verwaltung gefunden hatten. Mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse der Zeit hatte man beschlossen, die Arbeiten nicht einem Generalübernehmer, sondern in Einzellosen zu vergeben. Gerade war das Ergebnis dieser Einzelausschreibungen Anfang September 1930 soweit gebracht, daß es mit den bewilligten Mitteln in Einklang stand, als der Reichstags-Wahltag vom 14. September 1930 alles^in Frage zu stellen schien. Jedem der Beteiligten wird die Sitzung der Baukommission vom Montag, 15. September 1930 in Erinnerung bleiben. In dieser stellte der Verfasser dieses als Obmann die Frage, ob angesichts dieses Wahlergebnisses eine Zurückstellung des Baues erfolgen müsse. Jeder einzelne der Anwesenden aber erklärte das gleiche, daß das einmal begonnene Werk entschlossen und so schnell wie möglich durchgeführt werden müsse, wobei durch entsprechende Fassung von Verträgen und Erklärungen mit aller Vorsicht und Behutsamkeit vorzugehen sei. Zunächst wurden drei kurze Bauabschnitte von 6 und 8 Wochen vorgesehen, bei denen genau sestgelegt war, welcher Betrag äußerst für jcken einzelnen in Frage kam. In jeden Vertrag wurde eine sogen. Sistierungsklausel eingcfügt. So konnte der erste Spatenstich kürz nach dem Neujahrsfest 1930 getan werden. Trotz zahlreicher Unterbrechungen gerade in den ersten Wochen durch jüdische und kirchliche Feiertage konnte schon am Sonntag, 18. Oktober 1930, eine feierliche Grundsteinlegung erfolgen, der bereits vier Monate später, am Mittwoch, 18. Februar 1931, die Richtfeier sich anschließen konnte. Ueber beide Feiern ist sowohl in der jüdischen wie der interessierten allgemeinen Presse seinerzeit ausführlich berichtet worden. In jedem Stadium des Baues mußte die Baukommission in besonderen Sitzungen die laufend erforderlichen Beschlüsse fassen. Es gab viel schwierige Ausgaben für sie zu lösen, die Frage, welcher Stein für Fassade und innere Hauptwände, des künstlichen und natürlichen Lichtes durch Gestaltung der Fenster und Beleuchtungskörper, die Fragen nach Tönung der Fichen und Farben, Fragen des Materials für die Fußböden und Estraden und viele mehr. Besondere Freude bereitete es der Leitung, daß dieses jüdische Gotteshaus — dieser „Tempel" im wahrsten Sinne des Wortes — unter Mitwirkung jüdischer Hände, der Hände jüdischer Arbeiter und jüdischer Handwerker, erbaut worden ist. Mehrere jüdische Arbeiter, die arbeitslos waren, konwten teils vorübergehend, teils während der ganzen Dauer des Baues bei den verschiedensten Arbeiten beschäftigt werden. Und fast alle handwerklichen Arbeiten konnten durch jüdische Handwerksmeister und ihre jüdischen Gesellen und Lehrlinge hergerichtet werden, so die Klempner- und Mechanikerarbeiten, ein großer Teil der Schlosserarbeiten, die ganzen Glaserarbeiten, darunter auch die für die bunten Riasenfensterreihen, die Malerarbeiten, die Marmorarbeiten, die Herrichtung der Tischlerarbeiten für die Estraden und heiligen Laden, des Gestühls und der Hauptwände, die Lieferung und Verlegung der Fnßbodenbedeckungen, der Vorhänge und Stickereien, die Schwachstromanlage, die Herstellung und Anbringung der Beleuchtungskörper, Leuchter und ewigen Lichter. Die Baukommission ist sich in jedem Augenblicke ihrer Tätigkeit ihrer Verantwortung bewußt gewesen, wenn sie in einer und trotz einer solchen Zeit diesen Ban errichtet bat- Für den Tempel war der Neubau einfach eine Frage das