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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-08-19 · 32-33 (19.8.1931) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
32-33 (19.8.1931)
Date
1931-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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in langer, mühevoller Arbeit gelungen, und zwar nicht in Verfolgung selbstsüchtiger Ziele, auch nicht ausschließlich um seiner Glaubensgenossen willen, sondern geleitet von einem tiefen Gefühl für Gerechtigkeit, die Wendung in Her Geschichte der deutschen Juden herbeizuführen; ihm ist es in der Hauptsache zu verdanken, daß die vielen einschränkenden und demütigenden Hindernisse hinweggepäumt wurden. Er schuf so die Wahlmöglichkeit, vor allem aber die Wählbarkeit als Voraussetzung der bürgerlichen Gleichstellung, wie sie 1848 in den „Grundrechten der Deutschen" zum Ausdruck kam: Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechteweder bedingt noch beschränkt; den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun. Als der Völkerfrühling, von Paris ausgehend, auch über Deutschland heraufzog, da war es naheliegend, daß sich Gabriel Rießer den politischen Vorgängen zuwandte; er tarn als Vertreter seiner Vaterstadt ins Frankfurter Vorparlament und bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung wurde er vom Herzogtum Lauenburg mit großer Stimmenmehrheit in die Paulskirche entsandt. Der Zauber, der von Rießers Persönlichkeit ausging, seine Beredsamkeit, gepaart mit strenger Rechtlichkeit, hatten zur Folge, daß er bald zum Biee,- Präsidenten gewählt wurde. Er schloß sich dem Ruf nach der Gemeinsamkeit für Heer und Flotte an, er trat ein füv ein einheitliches Handels- und Zoll-System, für die Schaffung eines bürgerlichen Gesetzbuches, für die Abschaffung der Todesstrafe, für eine Steuergesetzgebung nach Vermögen und Einkommen, für eine Verbesserung der Lage der sozial benachteiligten Klassen unter Ablehnung unsinniger Forderungen auf wirtschaftlichem Gebiete, aber auch ablehnend gegenüber dem Radikalismus des Parlaments und der Straße — so etwas gab es damals auch schon; als die Vorgänge bei den Frankfurter September-Unruhen, deren Opfers die Abgeordneten von Auerswald und Fürst Lichnowski waren, in der Paulskirche zur Sprache kamen, da donnerte Rießer, sich schützend vor die Rechtsparteien stellend: „Ich kann den Eindruck dieser Ereignisse nicht hinwegwischen von meinem Gemiite, wie man den Staub von den Füßen schüttelt, und wenn man uns gesagt hat, daß auch die Leidenschaft ein Recht habe, in der Politik ein Wort mitzureden, nun denn, so möge man auch der Leidenschaft des empörten Rechtsgefühls etwas zu gute halten... Ich fürchte den Tod nicht, aber ich fürchte das Verbrechen. Ich fürchte es nicht um seiner Opfer willen allein, sondern eben sowohl um seiner Urheber und Werkzeuge, um des Vaterlandes willen, dessen Ehre es untergräbt, dessen Freiheit und Zukunft es gefährdet... Deutschland wird durch eine blutige Herrschaft unter dem Vorwände 'der Freiheit niemals regiert werden können; es bedarf für jetzt und für immer einer gerechten, einer sittlichen Regierung." Unter Berücksichtigung der Verhältnisse an den deutschen Fürstenhöfen und um überhaupt den verfassungsmäßigen Aufbau zu ermöglichen, wollte er von der republikanischen Staatsform nichts wissen, er setzte sich vielmehr entschieden und.entscheidend ein für die erbliche Kaiserwürde. Als schließlich der Wclcker'sche Antrag angenommen worden und sich die zweiunddreißig Abgeordneten unter Simsons Führung auf den Weg nach Berlin machten, um dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone anzutragen, da war auch Gabriel Rießer dabei; der Senior dieser Abordnung war der Sänger der Freiheitskriege Ernst Moritz Arndt, ein weiterer Vertreter Ernst Merck, einer der drei Abgeordneten Hamburgs, der übrigens einen Beitrag für den Neubau des Tempels in der Poolstraße gespendet hat. Aber -die vorangegangene Kaiserrede am 21. März 1849 ist doch wohl als der Höhepunkt Rießers politischer Laufbahn anzusehen; seine damaligen Ausführungen klingen so zeitfrisch, als ob sie heute gemacht wären: „Preußen ist doch immer ein Kunststaat, Deutschland ist ein Bolksstaat, ein Naturstaat. So wird, wenn Preußen und Deutschland ^vereint sind, die Naturkrast Deutschlands die künstliche Kraft von Preußen überleben. Der Name Preußen spricht mächtig zum politischen Verstand, aber nur der Name Deutschland spricht zugleich zum Herzen.Die Behaglichkeit aber, mit der jetzt manchmal Buben an den Geschicken des Vaterlandes verzweifeln, gehört zu den widerlichsten Erscheinungen der Gegenwart. .. Krönen Sie Ihr Werk, erfüllen Sie den alten, edlen Traum des deutschen Volkes von seiner Einheit, Macht und Größe, fassen Sie einen großen, rettenden, weltgeschichtlichen Entschluß." Der Erfolg dieser Kaiserrede muß in der Paulskirjch^ sehr groß gewesen sein; der Präsident von Gagern umarmte den Redner und Eduard von Simson, der bekanntlich Äewsalls im Präsidium der Deutschen Nationalversammlung war, sagte später von dieser Rede, daß sie der Gipfel der Beredsamkeit des ersten deutschen Parlaments gewesen sei. Bereits vor Auflösung der Nationalversammlung« als politische Empörung in Sachsen, Baden und anderswo gleichzeitig mit der Freiheitsbewegung in roher Weise von den Regierungen unterdrückt wurde, war Rießer, im Hinblick auf die Aussichtslosigkeit künftiger parlamentarischer Bemühungen enttäuscht nach Hamburg abgereist, hatte sich doch, der König von Preußen, bei dem schließlich die Entscheidung für die künftige Gestaltung Deutschlands lag, für die große Aufgabe zu klein erwiesen. — Im Juni 1849 nahm Rießer, dessen Eifer für die politischen Vorgänge wieder auflebte, an den Gothaer Beschlüssen teil, ebenso ein Jahr später an den Verhandlungen des Erfurter Volkshauses; Preußens Vertve- 1er war dort Bismarck, sein Stern war im Aufgehen, seinem Genius gelang es, allerdings andere Wege beschreitend und andere Mittel benutzend, als es den Achtundvierzigern möglich erschienen war, zwei Jahrzehnte später, wenigstens die Einheit der deutschen Bundesstaaten herbeizuführen; selbst der Weltkrieg und die Weimarer Verfassung vermochten nicht das Einheitsstreben des deutschen Volkes restlos zu verwirklichen. Abseits von seinen Berufspflichten und nckien feiner politischen Betätigung nahm Gabriel Rießer — er war der Nachfolger des Notars Meyer Israel Bresselau geworden, der einst zu dm Gründern des Israelitischen Tempelvereins gehörte und gemeinsam mit Seckel Jsaac Fränkel, unterstützt von den Predigern, das bekannte und angefeindete Gebetbuch verfaßte — lebhaften Anteil an den Gemeinde-Angelegenheiten. Wie bereits erwähnt, gehörte Rießer 1840—1843 dem Vorstand des Israelitischen Tempelverbandes an; während seiner Amtszeit ist der Tempel in der Poolstraße errichtet worden, zu der Durchführung des Baues hat er opferbereit beigetragen. Unter den Denkmünzen, die bei der Grundsteinlegung eingemauert wurden, befand sich eine Medaille, die Gabriel Rießer bereits im Jahre 1836 als Anerkennung erhalten hatte, ihre Widmung lautet: „Dem Streiter für Recht und Freiheit." Auch die Abwehr der heftigen Angriffe, die von strenggläubiger Seite wegen, des Tempelgebetbuches erhoben wurden, nahm er erfolgreich in die Hand. Später wurde er in das Borsteherkollegium der Israelitischen Gemeinde (1847—1853) gewählt, dem auch schon fein Vater Jacob Lazarus Rießer angehört hatte. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem jüdischen Handwerkerstände; schon mit jungen Jahren war er in den Vorstand des 1823 gegründeten „Vereins zur Förderung nützlicher Gewerbe unter den Juden" berufen morden und im Verfolg der dort zum Ausdruck gebrachten Bestrebungen setzte er sich für die Aufhebung der überlieferten, engherzigen und judenfeindlichen Zunftschrarstken ein. Im Anschluß hieran sei übrigens bemerkt, daß Rießer nicht nur für die politischm und wirtschaftlichen Rechte seiner Glaubensbrüder eintrat, sondern auch trotz — nein, vielmehr wegen seiner liberalen Einstellung für die unbedingte Anerkennung der religiösen Zerimonialbestimmungen: „Darum müßt ihr auch das jüdische System gottesdienstlicher Verrichtungen und Entsagungen, verbunden mit seinen Segensformeln und Gebeten, als ein lebendiges Ganzes in seiner vollen Wirksamkeit auf innig religiöse'Gemüter betrachtet haben, um es zu begreifen: auf solche Gemüter, die auch bei hoher Bildung und hellen freien Religionsbegrisfen darin leben wie in einer warmen Atmosphäre des Glaubens und der Andacht." 1857 ging Rießer zur Advokatur über; ausgedehnte Reisen nach England und Nordamerika waren vorangegangen und regten ihn erneut zu staatsrechtlichen Studien an. Es war daher kein Wunder, daß ein Mann mit so vielseitigen Kenntnissen und Erfahrungen zur Mitarbeit an der Fertigstellung der neuen 1859 in Kraft getretenen Verfassung Hamburgs hinzugezogen wurde; er wurde in die Bürgerschaft gewählt, ihr Bice-Präsident und außerdem Mitglied des Bürgerausschusses. Durch die Stärke seiner sittlichen Ueberzeugung, durch die Schönheit und Angemessenheit des Ausdrucks verstand er es, wie Jsler in Rießers Gesammelten Werken berichtet, auch hier bald Einfluß zu gewinnen. — 1860 erfolgte seine Ernennung zum Mitglied des Obergerichts; er war der erste Richter jüdischen Glaubens in Deutschland. Gabriel Rießer starb, übrigens nnvermählt, am 22. April 1863 im 58. Lebensjahre. Sein plötzlicher Tod rief in allen Kreisen Hamburgs und darüber hinaus aufrichtige Trauer hervor; unter großer Anteilnahme wurde er ans dem Israelitischen Friedhof des Grindels beigesetzt. Seine Vaterstadt hat einer Straße im schönen Villenviertel Eppendorfs den Namen „Gabriel-Rießer-Straße" gegeben. Ein wohlgelungenes Oelgemälde Gabriel Rießers von der Meisterhand des zeitgenössischen Malers Moritz Oppenheim hat der Israelitische Tempelverband anläßlich feiner Hundertjahrfeier im Jahre 1918 dem Vorstand der Deutsch- Israelitischen Gemeinde geschenkt als Ausdruck inniger Verbundenheit im Geiste Gabriel Rießers; eine Kopie dieses Bildes soll in dem Gemeindefaal des neuen Tempels, der den Namen Gabriel Rießersaal tragen wird. Platz finden. Geschäftliches Kürzlich fand in Berlin die erste Aufsichtsratssitzung des neugegründeten Vereins Familienschutz statt. Ter vom Vorstand vorgelegte Bericht wurde genehmigt, ebenso der mit der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden abgeschlossene Vertrag, nach dem dieser Spitzenorganisation des jüdischen Wohlfahrtswesens weitgehende Kontrollrechte innerhalb dieses Vereins eingeräumt sind. Die Ueberschüsse des Vereins werden unter entscheidender Mitwirkungder Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden sowohl sestgestellt als auch ausschließlich jüdischen Wohlfahrtszwecken zugeführt. Der Verwaltungsrat wurde durch Zuwahl einer Reihe von Vorstandsmitgliedern der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ergänzt. Zum Vorsitzenden wurde Herr Professor Dr. Seeligm ann - Berlin gewählt. TI ETZ HAT ALLES HERMANN TI ETZ DAS WARENHAUS AM JUNSFERNSTIEG aczillali MMi Berlin S W 68 ZimmerstraOe 60 TeUfon A 7, Dönhof 1965 Hebräische Buchhandlung Gegründet 1886 Grlndeiaile 115. Tel. Hansa 763a wollene u. seidene niesstm zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Barmlzwo-Bescltenlie u. sämtl. einschlägige Artikel in groBer Auswahl ♦ max Halberstadt Photographische Werkstätten Hamburg, Neuerwall 54 Besucht 2 und seine AUSKUNFT durch VERKEHRSVEREIN A D K I M S P E l I A L!$ki quk, ckufaohz, ߣLßlud> KIMMELSTIEL NEUERWALL 59

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