Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 32-33 (19.8.1931)
- Date
- 1931-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Stimmen von Zeitgenossen über de« Hamburger Tempel Bon Rabbiner Dr. Caesar Selig mann, Frankfurt a. M. ,Ion der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Dieses Dichterwort gilt in gewissem Sinne auch vom Hamburger Tempel. Nicht ohne Berechtigung ist darum die ironische Bitterkeit, mit der Dr. Maimon Fraenkel in seiner Einleitung zu den „Theologischen Gutachten über das Gebetbuch nach dem Gebrauche des Neuen Israelitischen Tempelvereins in Hamburg" bemerkt: „Seltsam! Während man denr Tempel von den meisten Seiten den Vorwurf macht, er sei zu weit gegangen, werfen chm andere mit Bitterkeit vor, er sei nicht weit genug gegangen. Mer der eine Vorwurf ist ebenso ungerecht wie der andere." Als ich vor vierunddreißig Jahren an einem Samstag nach dem Gottesdienst aus dem Tempel trat, stellte sich mir der dem Gottesdienst beiwohnende amerikanische Rabbiner Max Landsbero aus Rochester vor und sagte nur: „Das will euer berühmter Resormtempel sein! Bei uns in den Vereinigten Staaten wäre das der dunkelschwärzeste Gottesdienst!" Das hinderte aber nicht, daß die Hamburger Dajonim, nachdem die ersten Bogen des Tempelgebetbuches im Jahre 1818 erschienen waren, die Bekanntmachung erließen: „Ha-Besdin de-Kehillosenu macht hiermit bekannt, demnach seit einigen Tagen ein Siddur al Schabbos hier zum Vorschein gekommen ist, worin Nus'chos meschunnos') sind min Ha-Nus'chos, ascher siddru wesikknu chachomenu s'l we-Ansche cheneses ha-g'dolo-), viele Stellen bi-Brochos, Kerias Sch'ma uwi-S'phillos Schacharis u-Mussof schel Schabbos sind ganz ausgelassen und viele Stellen sind umgeändert, lochenZ ist Ha-Besdin mashir umodia lechol isch Jifroell), daß man aus dieser Tephillo nicht darf mispallell) sein und wer daraus mispallel ist, l'gamra nicht joze j'de chowas tephillo«) ist." In viel stärkeren Ausdrücken wiederholt der Chacham Jsaac Bernays zweiundzwanzig Jahre später, bei der Neuauflage des Tempelgebetbuchs, diese Verwarnung, indem er jenem „willkürliche Verstümmelung unserer Hauptgebete", „unverantwortliche Zerstörung des Gebetgeistes" und „frivole Behandlung unserer religiös verheißenen Zukunst" zum Vorwurf macht. Während Jost in seiner „Geschachte des Judentums" warme Worte der Anerkennung für den Tempel findet, daß er den Gottesdienst von höherem Standpunkt aufgefaßt habe und als würdiges Gegenbild der älteren Synagoge dastehe und sich von früheren Versuchen durch „engere Anschließung an die herkömmliche Einrichtung und Feststellung einer haltbarem Ordnung und durch vorzügliche Beachtung des inneren Lebenselements des Judentums" unterscheide, urteilt Graetz, der sich von seinem Freund Nathan Adler, einem Gegner des Tempels, informieren ließ'), daß man „eine Auswahl unter den vorhandenen Gebetstücken" traf, „um sie mit den neueingesührten deutschen Liedern und Gebeten zu verquicken, eine ungleichartige Mischung in Inhalt und Form, einem friedlichen Ausgleich unter streitenden Geschäftsleuten ähnlich". „Diese' Mischlingsgeburt ist ohne Liebe und Begeisterung in die Welt gesetzt worden." Demgegenüber höre man aber, wie die unter dem unmitetlbaren Eindruck des Tempelgottesdienstes Stehenden sich äußern. Nack dem ersten Jomkippur-Gottesdienst schreibt M. I. Bresselau in das sonst so sachlich trockene Protokollbuch des Tempels: „Die Feier des Bersöhnungstages hat die Erwartung aller übertroffen, es herrschte unausgesetzt die tiefste Andacht, und jeder ging am Abend innigst erbaut aus dem Tempel, nur eine allgemeine Stimme herrschte, daß dieser Tempel blühen und gedeihen möge zum Segen für uns und unsere spätesten Enkel." Aehnlich schreibt der Prediger Gotthold Salomon in einem Briefe vom 21. Oktober 1822 an Noa Mannheimer: „Die Leipziger Predigers haben sich tapfer gehalten, und der Gottesdienst hat die Messe bei weitem — übertroffen. Es ist in der Tat eine große Idee, in dein' Tummelplatz der Weltgeschäfte ein Gotteshaus zu unterhalten und dort gerade die Herzen für das Bessere zu bearbeiten. Auch unser Tempel wurde in den verflossenen Festen gar viel und stark und mit Liebe besucht, und einen wohltätigen Eindruck ließ der Versöhnungstag zurück." Gegenüber der Kritik Geigers an Tempel und, Tempelgebetbuch bemerkt der obengenannte Dr. Maimon Fraenkel mit Recht: »Zudem der Tempelverein seine religiösen Bedürfnisse auf eine angemessene und fruchtbare Weise zu befriedigen vermag und so die väterliche Religion für sich und die Seinigen zu erhallen strebte, war dessen Spezialaufgrbe keine andere als die: dem Kultus in dessen ganzem Umfange Würde und Wirksamkeit zu verschaff e n. Er hat diese Aufgabe ehrenvoll und mit Erfolg gelöst. Der Tempelgottesdienst ist würdevoll und ansprechend, die religiösen Anregungen in demselben find nachhaltig, und das Leben selbst zeugt von ihrer Wirksamkeit. Nicht bloß bei einzelnen Personen, sondern bei ganzen Familien, die alle religiöse Schwungkraft verloren hatten, und dem Materialismus ganz hingegeben waren, findet sich jetzt eine lebhafte Teilnahme an den Interessen der Religion... Die väterliche Religion ist vielen erst verständlich geworden." In einer Anmerkung fügt der Verfasser hinzu: „Es verdient bemerkt zu werden, daß alle namhaften Theologen, die den Tempelgottesdienst aus eigener Anschauung kennen, sich übereinstimmend günstig Wer denselben geäußert haben, wie die Herren Dr. Holdheim, I. N. Mannheimer und L. Stein. Der Erstgenannt». sagt in einem für die Beurteilung des Tenrpels wichtigen Aufsätze: „Der feierliche und wahrhaft erhebende Gottesdienst machte auf mich einen lckhaften und entschieden wohltuenden Eindruck"." Der zum Konservativismus neigende Mannheimer schreibt: „Je weniger die Rabbinen, deren Grundsätze Herr Bernays vertritt, sich die Wiederherstellung des Gottesdienstes zu Herzen genommen, je gleichgültiger und stumpfsinniger sie es mit augeschaut haben, wie Tausende und wieder Tausende in Israel dem Hause Gottes sich! entfremdet und eut- 1) veränderte Lesarten. 2) gegen über den Lesarten, die unsere Weisen, gesegneten Andenkens, und die Männer der großen Versammlung angeordnet und festgesetzt haben. 3) deswegen. l) verwarnt die Rabbinatsb-chörde und macht bekannt jedem Mann von Israel. 6) beten. 6) durchaus seine Gebetpflicht nicht erfüllt hat. T) nach einer privaten Mitteilung mir gegenüber. 8) Der Hamburger Tempel hatte von 1820 an während der Hohen Feste und zu Pesach, die meistens in die Zeit der Leipziger Messen fielen, einen.Filialgottesdienst in Leipzig eingerichtet. * Gottesdienste * Serlitt'KfcfeN. Liberale Synagoge Norden» Schönhauser Allee 162. Freitag, den 21. August» abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Kantorowsti. Sonnabend, vormittags 1ü Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfensky. Freitag, den 28. August, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Eottfchall. Sonnabend, vormittags 16 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Vertt«-vlte». Liberale Synagoge Osten, Kaiserstraße 30, Aula der Mädchenschule. Freitag, den 21. August, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Gottschalk. Freitag, den 28. August, abends 7.36 Uhr, Gottesdienst. Predigt': Dr. Andorn. Freitag, den 4. September, Freitag-Abend-Fe st gottesdien st anläßlich des zweijährigen Bestehens der Liberalen Synagoge Osten. Predigt: Dr. Swarsensky, Liturgie: Oberkantor Wrißmanu. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Sonntag, den 6. September» vormittags 10 Uhr: 1. im Gotteshaus Johannisstraße 18, Predigt: Dr. Jetski,' 2. im Logentempel, Kleiststraße 10, Predigt: Dr. Lehmann. Gottesdienste an den hohen Feiertagen. Predigten: Neujahr Vorabend (Rofch haschanaj, Freitag, den 11. September, 6.30 Uhr. Gotteshaus Johannisstraße 16: Dr. Rosenthal; Hochschule für Musik, Fafanenstraße Ecke Hardenbergstraße: Dr. Jelski; Rathaus Schöneberg, Rudolph Wilde-Platz: Dr. Lehmann. Neujahr vormittags (Rosch haschanaj, Sonnabend, den 12. September, 10 Uhr. Johannisstraße: Dr. Lehmann; Hochschule: Dr. Rosenthal; Schöneberg: Dr. Jelski. Neujahr vormittags (Rosch haschanas, Sonntag, den 13. September, 10 Uhr. Johannisstraße: Dr. Jelski; Hochschule: Dr. Lehmann; Schöneberg: Dr. Rosenthal. Versöhnungsfest Vorabend (Jom Kippur), Sonntag, den 20. September, 6.15 Ahr. Johrunisstraße: Dr. Lehmann; Hochschule: Dr. Jelski; Schöneberg: Dr. Rosenthal. Bersöhnungssest vormittags (Jom Kippur), Montag, den 21. September, 10 Uhr. Johannisstraße: Dr. Rosenthal; Hochschule: Dr. Lehmann; Schöneberg: Dr. Jelski. Verföhnungsfest nachmittags (Jom Kippur), Montag, den 21. September, 5.15 Uhr. Johannisstraße: Dr. Jelski; Hochschule: Dr. Rosenthal; Schöneberg: Dr. Lehmann. Der Jugendgottesdienst findet gleichzeitig mit den Vormittagsgottesdiensten statt: 1. im Betsaal Johannisstraße 16, 2. in der Aula Hardenbergstraße 38, 3. im Bezirksverordnetensaal des Rathauses Schöneberg, Rudolph Wilde-Platz. Der Besuch der Jugendgottesdienstes ist auch für Kinder von Richtmitgliederu unentgeltlich. Auskünfte und Eintrittskarten täglich 8—2 Uhr im Büro der Jüdischen Reform-Gemeinde, Jvhannisstraße 16, Telephon: D. 1, Norden 5150. Gottesdienste am Laubhüttenfest, Schlußfest und Simchath Thora. Sonntag, den 27. September, vormittags 10 Uhr: Laubhüttenfest, Johrnnisstraße 16, Predigt: Dr. Rosenthal; Kleiststraße 10, Predigt: Dr. Jelski. Sonnabend, den 3. Oktober, vormittags 10 Uhr: Lanbhütten- Schlußfest mit Seelenseier. Johannisstraße 16, Predigt: Dr. Lehmann. In der Kleiftstraße findet an diesem Tage kein Gottesdienst statt. Sonntag, den 4. Oktober, vormittags 10 Uhr, Jvhannisstraße 16: Gesetzesfreude, Gottesdienst der Jugend, Ansprache: Alfred Hadra. In der Kleiftstraße findet an diesem Tage kein Gottesdienst statt. zogen, desto weniger haben sie das Recht, denen gegenüber, die zuerst der drohenden Auflösung und Zerrüttung Einhalt getan und der Gesetzlosigkeit in heiligen Dingen eine Schranke gezogen, — sich das Ansehen der Glaubenseiferer und Helden zu gÄen." Diesem Urteil fügt Mannheimer die Erklärung hinzu, daß er dem Hamburger Tempel „die reichhaltigsten und bleibendsten Eindrücke und Eingebungen verdanke." Er werde es „nie vergessen, daß er im Neuen Tempel zu Hamburg die Weihe empfangen, aber auch nie vergessen, welchen Eindruck die Vorträge des Herrn Bernays, die er zur selben Zeit in ihrer ganzen Verworrenheit mit angehört, und welchen Eindruck die totale Berfallenheit des Gottesdienstes in der Synagoge, in der Herr Bernays diese Vortrjäge hielt, auf ihn gemacht und bis auf den heutigen Tag hinterlassen haben." Noch eindrucksvoller schildert Leopold Stein seine Eindrücke vom Gottesdienst des Hamburger Tempels: „Ich erinnere mich", schreibt er, „mit wahrer Freude jener Tage, da ich vor wenigen Jahren Zeuge des wahrhaft erhebenden Gottesdienstes im Tempel zu Hamburg war, und freue mich der Gelegenheit, dieses öffentlich« aussprechen zu können. Ich habe daselbst die Ueberzeuguna gewonnen, wieviel bereits jene Anstalt durch die anziehende Kraft, welche sie auf ihre Besucher äußert, zur Befestigung vieler Wankenden im Glauben und zur Bekämpfung jener Schlange, die an unserem Lebensmarke zehrt, und deren Name Jndifferentismus ist, beigetragen. Ich habe dort Männer zu sprechen Gelegenheit gehabt, welche fast alle äußeren Religionsformen von sich getan, ja, sie nicht einmal im elterlichen Hause mehr vor sich gesehen, um noch von ihrer Weihe nachhaltige Wirkung zu fühlen, die aber dennoch für den Glauben ihrer Väter von der lebhaftesten Teilnahme ergriffen sind, und deren Erhaltung, ja Begeisterung für die Religion nur dem Umstande zuzuschreiben ist, daß die gottesdienstliche Anstalt, deren Träger sie sind, ihnen den dankbaren Dienst leistet, die religiöse Flamme in ihren Herzen stets aufs neue anzufachen und in lebhafter Glut zu erhalten." Der Hamburger Tempel hat seinen Weg gefunden. Er ist, wie Martin Philippson in seiner Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes sagt, „für die gesamte Weiterentwicklung der deutschen und damit der gesamten Judenheit von großer Bedeutung geworden. ... Hier ist der Ursprung der gemäßigten historischen Reformrichtung, die nach fast hundertjähriger Entwicklung Wer die extreme, die radikale Reform, wie die starre Orthodoxie in dem deutschen Israel den Sieg davongetragen hat." Tausende von Töchtersynagogen diesseits und ftnseils des Ozeans, die Geist von seinem Geiste sind, grüßen den Hamburger Dempelverband zum Einzug in den dritten Tempel, dankbar der Muttergemeinde huldigend. Gabriel Rietzer Von Marlin Engel. Einen Vater in den Höhen, Eine Mutter haben wir, Gott ihn aller Wesen Vater, Deutschland unsre Mutter hier. Gabriel Rießer, 1831. Der Israelitische Tempelverband veranstaltete im April d. Js. eine würdige Gedenkfeier für Gabriel Rießer im Hinblick auf die 125. Wiederkehr seines Geburtstages. Es war eine Dankesschuld, die hiermit zum Ausdruck gebracht werden sollte, war doch Rießer einst Vorsteher des Israelitischen Tempelverbandes, und zwar zu einer Zeit, als der Grundstein zu dem bisherigen Gotteshause in der Poolstraße gelegt und der Tempel seiner Bestimmung übergeben wurde. Dieses seltenen Mannes werden wir in herzlicher Verehrung auch bei der Einweihung des neuen Tempels in der Oberstraße gedenken, denn Rießers Name ist für alle Zeiten verknüpft mit dem Israelitischen Tempelverband und dem liberalen Judentum sowie mit der bürgerlichen Gleichstellung der deutschen Juden. Aber nicht nur seinen Glaubensgenossen gereichte sein; Leben zum Segen, es bedeutet gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte, und zwar ein Stück der besten deutschen Geschichte. Als Gabriel Rießer, geb. am 2. April 1806 in Hamburg, nach dem Besuch des Johanneums und nach Wschluß seiner rechtswissenschaftlichen Studien Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts in das öffentliche Leben trat, stand Deutschland politisch unter den Auswirkungen der großen französischen Umwälzung und der Befreiungskriege, geistig unter dem Einfluß der großen Dichterfürsten und später der Romantiker, wirtschaftlich in der hoffnungsvollen Ueberwindung der Kriegslasten; dazu kam, daß die Bedeutung Hamburgs als Handelsplatz ersten Ranges trotz mancher Krisis immer mehr in den Vordergrund trat. Die Zeit dey Aufklärung war vorangegangen und durch die Vorgänge in Westeuropa waren die früheren Vorurteile ins Wanken geraten, auch in der Judenfrage. Aus eigenem Erleben — konnte doch Gabriel Rießer wä>er in Heidelberg noch, in Jena Hochschullehrer werden, selbst in seiner Vaterstadt Hamburg waü ihm die Zulassung zur Advokatur zunächst versperrt — nahm er den Kamps um die bürgerliche Gleichstellung seiner israelitischen Glaubensgenossen auf, unterstützt von hochgebildeten Kreism anderer Glaubens-Bekenntnisse. Seine erste Veröffentlichung „Ueber die Stellung der Bekenner mosaischen Glaubens in Deutschland" ließ bereits den unerschrockenen Streiter erkennen; mit diesem „an die Deutschen aller Konfessionen" 1831 gerichteten Aufruf lenkte er eindringlich die Auftnerksam'- keit der großen Oessentlichkeit aus die Rechitsverkümmerung, unter der damals die Juden in Deutschland trotz ihrer hingebungsvollen und opferbereiten Teilnahme an dem vorangegangenen Befreiungskriege und der bereits vorher in manchen deutschen Ländern feierlich zugesicherten Gleichberechtigung lebten. „Mit den Waffen der unverhülltesten Wahrheit, den einzigen, die auch der Ohnmacht zu Gebote stehen und durch das einmütige unausgesetzte Bemühen aller, denen sie wahrhaft am Herzen liegt", konnte Rießer bald einen Erfolg für sein mutiges Eintreten feststellen, zuerst! in Baden, dann in Bayern, später auch in Sachsen, Kurhessen, Hannover, schließlich! in Preußen und in seiner Vaterstadt Hamburg (1849). Dabei war es nicht strenggläWige Einstellung, die Rießer veranlaßte, den Kampf aufzunehtmen, hinstrebend „auf das eine Ziel, die Erringung der vorenthaltenen Menschen- und Bürgerrechte", sondern treue Anhänglichkeit an den Bäterglauben und innige Verbundenheit mit der Heimat und dem deutschen Vaterlande. Wie ein Bekenntnis und Gelöbnis sind seine Worte: „Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet und genährt; der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, hat unsere schlummernden Freiheitshoffnungen geweckt.... Wir wollen dem deutschen Baterlande angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weisen haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wick." An einer anderen Stelle heißt es überzeugend: „Wir sind nicht eingewandert, wir siW eingeboren, ixnb weil wiy es sind, haben wir keinen Anspruch anderwo auf eine Heimat; wir sind entweder Deutsche oder wir sind heimatlos." Heimatlos? — was heimatlos bedeutet^ hat Theodor Storm in den treffenden Worten gesagt: „Kein Mann gedeihet ohne Vaterland." Der aufgenommene Kampf um die bürgerliche Gleichstellung der deutschen Juden, gleichbedeutend mjt der seelischen Erneuerung des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert war nicht leicht, nicht etwa weil das Bürgertum damals judenfeindlich eingestellt war, sondern vornehmlich, weil die Regierungen jede politische Regung des Volkes nach Möglichkeit ausschalten wollten, zumal die Sehnsucht nach Freiheit in zunehmendem Maße durch die deutschen Lande ging und schließlich weite Kreise erfaßt hatte. Gabriel Rießer ist es GEMEINNÜTZIGER VEREIN rmmmscHtTz Selbsthilfe im Dienste der Familie — Sterbegeldversicherungen für Monatsbeiträge von RM. 2.— u. 4.— Die Ueberschüsse des Vereins werden unter entscheidender Mitwirkung der Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Jaden sowohl festgestellt als auch ausschließlich jüdischen Wohlfahrtszwecken zugeführt- FAMILIEN STC H U T Z Gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenffirsorge der Mitglieder jüdischer Gemeinden e. V. BERLIN W 9, Friedrich Ebertstraße 2—3 Telefon B 1 Kurfürst 8464