Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 30-31 (5.8.1931)
- Date
- 1931-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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größere Menge Lebensmittel an ungefähr 15 000 Frankfurter Kinder verteilt. — Auch an der Errichtung der „Frankfurter Künstlerhilfe" war James Speyer hervorragend beteiligt. Gedenkfeier für Professor Mchelson in Berlin Im Harnaö-Haus, Berlin-Dahlem, fand eine gemeinsame Sitzung der Berliner Physikalischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für technische Physik zum Gedenken für den amerikanischen Physiker Michelson statt. Die Gedenkrede hielt Professor Albert Einstein, der in seiner Ansprache auf das künstlerische Wirken des unlängst verstorbenen Gelehrten hinwies und den berühmten Lichtinterferenzversuch erklärte. Einstein gedachte der Untersuchungen Michelsons, welche die Bewegung des Lichtes als Lichtmedium gegenüber der Erdbewegung ausführt. Mllionenstifkung Julius Rofenwalds Der bekannte jüdische Philanthrop Julius Rosenwald aus Chicago hat dem Berliner Oberbürgermeister Dr. Sahm durch Vermittlung des amerikanischen Botschafters Sackett die Absicht mitgeteilt, der Stadt Berlin eine Stiftung in Höhe von einer Million Dollar zur Errichtung einer Kinder-Zahnklinik zu machen. Der Magistrat hat sich mit der Annahme dieser Stiftung grundsätzlich einverstanden erklärt. Aus den Gemeinden Arendsee. (Einweihung d e s Erholungsheims jüdischer Akademiker.) Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin hat, wie ivir seiner Zeit berichtet haben, von Feau Margarethe Hausmann, geb. Frank, eine schloßartige Bitta mit großem Park im Ostseebad Arendsee geerbt, mit der Auflage, ein Erholungsheim für jüdische Akademiker einzurichten. Bor kurzem fand die feierliche Eröffnung des Heimes statt, an der Mitglieder des Kuratoriums und des Lehrerkollegiums der Hochschule, die Vertreter jüdischer Gemeinden und des Gcmeindcvorstandes des Ostieebadcs Arendsee teilnahmcn. Herr Rabbiner Tr. Baeck gab in einer tief angeleg len Weiherede der Hoffnung Ausdruck, daß von dem .Heim reicher Segen ausgehen möge. Ansprachen hielten ferner: Herr Dr. Vcit-Sinion, Berlin^ Herr Laudesrabbiner Tr. Silberftein, Rostock, und .Herr Bürgermeister Becker, Ostseebad Arendsee i. Meckl. Nach der Feier fand ein Ruudgang durch das Erholungsheim statt. Es bietet von der großen Terrasse des ersten Stockwerks ein? ,herrliche Aussicht auf das Meer. Das Heim, das rituell geführt wird, war im Juli voll besetzt. Jin August sind noch einige Plätze frei (Pensionspreis 5 RM.). Auskünfte crreilt das Sekretariat der Akademischen Gesellschaft, Berlin N. 24, Artillerieftraße 14. Barmen. (Gold e n e Hochzeit.) .Herr Kart Elsbach und Frau, Hcrmiue ged. Würzweiter, Mirrelstraßc 19, begehen am 10. August d. I. im engsten Familienkreise bei ihren Kindern in Köln ihre goldene Hochzeit. Herr Elsbach hat 'ich seiner Zeit um die Gründung der jüdischen Gemeinde in Barmen große. Verdienste erworben. Berlin. (Neuer R c p r ä s e n t a n t.) Wie unseren Lesern erinnerlich sein wird, hatte sich .Herr Tr. Jsmar Freund seinerzeit als Spitzenkandidat der von ihm gegründeten sogenannten Ueberpartei aufftelien lassen und die Ueberpartei hac in der Wahl vom 30. November 1930 ein Mandat erhalten. Als dann die Wahlen vom Polizeipräsidenten bestätigt waren, hat Herr Dr. Freund es wochenlang unterlassen, sich zu erklären, ob er das Mandat annimmt oder nicht. Nunmehr hat Herr Dr. Freund dem Gemeindevorstand erklärt, daß er das Mandat nicht annimmt; an seiner Stelle wird also der zweite Kandidat, Herr Dr. med. Joseph Hirsch, die Ueberpartei in der Repräsentantenversammlung vertreten. Berlin. (6 0. Geburtstag.) In aller Stille und fern von Berlin beging Herr Carl Pant-iel am 31. Juli seinen 60. Geburtstag. Der Jubilar ist in der Tapisseriebranche eine bekannte und geschätzte Persönlichkeit. Berlin. (Trauerfeier für Direktor Weile.) Eine nach Hunderten zählende Trauergemeinde hatte sich auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee versammelt, um von dem bei einem Autounglück tödlich verletzten Direktor Emil Weile vom Kaufhaus des Westens Abschied zu nehmen. In der Friedhofshalle war der Sarg ausgebahrt und mit kostbaren Blumenspenden bedeckt. Man sah zahlreiche Abordnungen von Vereinen und Verbänden, Vertreter der Handelskammer sowie die Chefs der Warenhäuser Tietz. Rabbiner Dr. Warschauer hielt die Gedächtnisrede, in der er von dem Verstorbenen Abschied nahm und seiner großen Menschenliebe gedachte. Oberkantor Davidsohn umrahmte die Feier mit Trauergesängen. Frankfurt a. M. (Gemeindevertretung.) Die letzte Sitzung der Gemeindevertretung befaßte sich zunächst mst Wahtangelegenheiten, nachdem vorher der Vorsitzende beauftragt worden war, * Gottesdienst * Berlin. Jüdisch« Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, dem 9. August, vormittags 10 Uhr, Ivhannisftreße 16. Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10, vormittags 1v Uhr. Predigt: Dr. Rofenthal. Gottesdienste am Sonntag, dem 16. August, vormittags 10 Uhr, Jvhannisstroße 16. Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststraße 10, Vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Jelski. dem erkrankten 'Dr. Geiger (lib.) die Wünsche auf baldige Genesung zu übermitteln. Anstelle des ausgeschiedenen.Herrn Jakob Dränger (Volksp.) tritt Herr Saly Kaufmann neu in die Gemeindevertretung ein. Anstelle des verstorbenen Herrn Fritz Sondheimer wird Herr Jacob Wolfs (Bolksp.) neu und die ausscheidenden Frau Frenkel und Herr Dr. Emmerich in den Gemeinde-Vorstand iviedergewählt. Ein Bericht der Kommission für Unterrichts- und Erziehungswesen wird zur Kenntnis gebracht. Aus ihm geht hervor, daß 97,89 Hb der jüdischen Schüler jüdischen Religionsuntnerricht genießen, davon haben z. Zt. 67,14 o/o hebräischen Unterricht, weitere 15,48 o/« haben aus früherem Unterricht Kenntnisse im Hebräischchen. — Die Zustimmung des Vorstandes zu den zahlenmäßigen Beschlüssen der Gemeindevertretung über den Gemeindeetat wird zur Kenntnis genommen. — Bezüglich einer Differenz, die wegen der Umlage mit dem preußischen Landesverband besteht, wird der Vorstand um Vergleichsverhandlungen ersucht. Eine Notstandsaktion, die vom Gemeindevorstand vorbereitet ist, findet Zustimmung. Ein volksparteilicher Antrag wird auf Wunsch der Antragsteller vertagt. In nichtöffentlicher Sitzung wird über Gehalts- und Personalangelegenhciten beraten. Frankfurt a. M. (Berufung Professor G o t t h o l d Weits a n b i c Universitä t.) Die Universität Frankfurt a. M. hat zur Wicderbesctzung des Lehrstuhls der semitischen Philologie an Stelle des vor einigen Monaten verstorbenen hervorragenden Gelehrten Professor Horowitz einen Ruf an Dr. Gotthold Weil, Direktor der Orientalischen Abteilung an der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin und Honorarprofessor an der Berliner Philosophischen Fakultät, ergehen lassen. Wcils Sondcrgebiete sind semitische, besonders arabische und hebräische Philologie, Geschichte und Sprache der Mohammedaner Rußlands. Er wurde 1882 in Berlin geboren, habilitierte sich 1912 an der Universität Berlin und wurde 1920 Honorarprofessor mit einem Lehrauftrag für nachbiblische jüdische Geschichte und Literatur. Er übernahm die Organisation und Leitung der neuen, auch für den Fortgang der Auslandsstudien in Deutschland bedeutsamen Orientalischen Abteilung der Staatsbibliothek. Von seinen Werken sind zu nennen ..Abn'l-Barkat 'Jbn Al-Anbari", „Grammatik der osmanisch türkischen Sprache", „Talarische Texte" u. a. nt. Professor Gotlhold Weil ist Mitglied des Kuratoriums der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, des Vorstands der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, der Sprachwissenschaftlichen Kommission der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und des Akademischen Rates der Universität Jerusalem. Auch im Kuratorium der Jerusalemer Universität wird Gotthold Weil Professor Horowitz ersetzen; das Kuratorium und der Akademische Rat der Hebräischen Universität haben, wie bereits mitgeteilt, beschlossen, Tr. Gotthold Weil zum Mitglied des Kuratoriums zu ernennen und ihn einzuladen, das seit dem Tode von Prof. Horowitz verivaiste Amt des beaufsichtigenden Direktors des Orientalischen Instituts an der Universität Jerusalem zu übernehmen. Eelsenkirchen. (Aus der R e p r ä s e n t a n t e n - Versammlung.) In der letzten Sitzung lag dem Kollegium eine längere Tagesordnung vor. Bor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsteher des Kollegiums Herr Theodor Frenkel dem verstorbenen Repräsentanten und stellvertretenden Vorsteher .Herrn Albert Steinberg einen ehrenvollen Nachruf. Er verwies auf den großen Verlust, den die Gemeinde durch das Ableben dieses wertvollen Menschen erlitten. Er war ein Mensch, der sich und seine Kenntnisse und Arbeitskraft in den Dienst der Gemeinde gestellt, der unermüdlich das verantwortungsvolle Amt vertreten, auf welches ihn das allseitige Vertrauen, der Gemeinde getviesen hat. Der Vorsteher begrüßte sodann das neue Mitglied des Kollegiums Herrn E. Geister und verpflichtete ihn durch Handschlag auf sein neues Amt. Der Vorstand gab einen Bericht über die Tagung des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens in Bielefeld, der von den Anwesenden mit größtem Interesse entgegengenommen wurde. Insbesondere interessierten die Ausführungen über die in die Wege geleiteten Schritte des Verbandes zur Begegnung der in letzter Zeit zunehmenden Austritte ans den Verbandsgemeinden. Einige weitere Vorlagen des Vorstandes standen zur Diskussion, wobei der Vorstand ermächtigt wurde, in der Angelegenheit der Wandersürsorge entsprechende Verhandlungen mit der in Frage kommenden Stelle zu führen. Auch über das weitere Erscheinen des Gemcindedlattes erfolgte eine Aussprache, wobei dein Wunsche Ausdruck gegeben wurde, daß versucht werden soll, das Blatt auch nach Ablauf des Vertrages weiter erscheinen zu lassen. Dem Vorstände wurde die Ermächtigung erteilt, mit dem Verleger weitere Verhandlungen zu führen. In den nachfolgenden Wahlen wurden gewählt; als stellvertretender Vorsteher des Kollegiums Herr Hartog Heynnmn, als 2. Kassenprüfer Herr Julius Schönenberg. Für den Platz- und Synagogen-Ausschuß wurden gewählt die Herren I. Schöneniberg, Gustav Sternfeld, Julius Levie, E. Geisler. Der Antrag des Vorstandes auf Uebernahme der Pflege des Friedhofes Wannerstraße wurde zurückgezogen, unr weitere Unterlagen zu sammeln. Ein Antrag des Turnvereins Brr Kochbah auf Erhöhung der Subvention wurde abgelehnt, dagegen ein Restbetrag der Subvention ans dem vorjährigen Etat für den Betsaal Florastraße einstimmig nachbewillitzt. Einige weitere Anträge wurden dann noch durchberaten und zum Teil angenommen bezw. zurückgestellt. Hamburg. (Todesfall.) Dr. Bruno Tannenwald, der langjährige zweite Beamte und Rechtbeistand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, ist einem tückischen Leiden im 48. Lebensjahre erlegen. Die überaus zahlreiche Trauergemeinde, die sich am Sonntag nachmittag in der Kapelle des Israelitischen Friedhofes in Ohlsdorf versammelte, gab ein beredtes Zeugnis von der allgemeinen Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute. Vertreter des Gemeindevorstandes und des Repräsentanlenkollegiums würdigten in ergreifenden Ansprachen die Verdienste des Dahingeschiedenen. Kassel. (Wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft verurteilt.) Bor dem erweiterten Schöffengericht in Kassel hatte sich der verantwortliche Redakteur der nationalsozialistischen „Hessischen Volksmacht" Wolfgang Bergemann wegen Gotteslästerung zu verantworten. Äm 19. März d. I erschien in der „Hessischen Volkswacht" ein mit dem Pseudonym „Argus" Unterzeichneter Artikel „Wie entstand die jüdische Weltanschauung?", in dem der Verfasser u. a. ausführt: „Jatveh, der Oberjude, ist kein Gott, sondern nur ein Geschäftemacher. In den Gesetzen des Judentums tritt das Religiöse ganz zurück, es ist nur eine notwendige Maske für die Tarwnng des rassemäßig-en Volksbetruges ..Schließlich würbe von den Juden als moralisch minderwertigen Menschen gesprochen und ausgeführt, die christliche Welt müsse sich gewöhnen, damit zu rechnen, daß jeder Jude ein direkter Nachkomme von Verbrechern und ein direkter oder indirekter Betrüger sei. In der Verhandlung gegen den verantwortlichen Redakteur Wolsgang Bergemann wurde festgestellt, daß Bergemann bereits wegen Gotteslästerung und Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft vorbestraft ist. Der Angeklagte gab die Erklärung ab, er übernehme zwar die pressegesetzliche Verantwortung für die Veröffentlichung des Artikels, habe jedoch die Beröffentlichnng nicht selbst bewirkt. Er bedauere die Publikation, weil er den Artikel weder seinem Inhalt, noch seiner Form nach billigen könne. Nach Einvernahme eines sachverständigen Zeugen über die Frage, welche Bedeutung der Talmud und der Schulchan Aruch für die jüdische Gemeinschaft haben, schloß si-ch das Gericht der in einem Reichsgerichtsurteil ausgesprochenen Ansicht an, daß zwar Talmud vnd Schulchan Aruch keine Einrichtungen der jüdischen Religionsgesellschaften seien, daß aber deren Beschimpfung gleichzeitig eine Verunglimpfung der jüdischen Religion darstelle. Ter erste Staatsanwalt Ludwig erklärte in seinem Plädoyer, der Angeklagte habe sich durch die Bezeichnung des jüdischen Gottes als Oberjude der Beschimpfung der jüdischen Rcligionsgesellschaft schuldig gemacht. Er beantrage die Verurteilung des Angeklagten zu vier Monaten Gefängnis mir der Begründung, daß es dem Angeklagten durch Verhängung einer Freiheitsstrafe zu Bewußtsein gebracht werden müsse, daß der politische Gegner vor der Religion Halt zu machen habe, und daß auch im politischen Kampf auf das religiöse Empfinden Rücksicht zu nehmen sei. Das Gericht verurteilte Bcrgemann zu zwei Monaten Gefängnis und Ersatz der Kosten des Verfahrens. In der Urteilsbegründung wird hervorgehobcn, daß die Veröffentlichung des Artikels eine Aergernis erregende Gotteslästerung und eine schwere Beschimpfung der jüdischen Religion darstellt und daß deshalb auf eine Freiheitsstrafe zu erkennen sei. Kassel. (Todesfall.) Im 73. Jahr seines arbeitsreichen Lebens verstarb Herr Hermann Oppenheim, der frühere Mitinhaber der Firma V. Oppenheim Söhne. Dem von seinem Vater im Jahre 1833 gegründeten, also jetzt fast 100 Jahre bestehenden Geschäft widmete er seine ganze Kraft und brachte es im Verein mit seinen Brüdern zu hoher Blüte. In weiten Kreisen der Bevölkerung ist Herr Oppenheim durch seine vorbildliche und verdienstvolle ehrenamtliche Tätigkeit in den Organen der Israelitischen Gemeinde, der reichsgesctzlichen Krankenversicherung und der Stadtverwaltung bekannt. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Vorsteher der Israelitischen Gemeinde und Stadtverordneter war Herr Oppenheim vom Jahre 1901 bis 1922 Vorsitzender der Allgemeinen Oltskranken lasse für den Stadtkreis Kassel. Diese Körperschaft hat sich unter seiner Leitung gut entwickelt und ihm viel zu verdanken. Eine schwere Erkrankung im Jahre 1922 veranlaßte Herrn Oppenheim, sich von seiner Tätigkeit für die Allgemeinheit znrückzuziehen. Alle diejenigen, welche mit Herrn Oppenheim zu tun hatten, schätzen ihn sehr wegen seiner eifrigen Tätigkeit für das gemeine Wohl und seiner steten Hilfsbereitschaft. Mannheim. (Todesfall.) In ansehnlicher Zahl versammelten sich die Verwandten und Freunde des in weiten Kreisen bekannten langjährigen Waisenhausvorstandes Karl Billigheimer in der Trauer- Halle des israelitischen Friedhofes, um von dem früheren Religionslehrer vber Mannheimer jüdischen Gemeinde Abschied zu nehmen. Rabbiner Dr. M. Grünewald gedachte des segensreichen Wirkens bis 1030, lumpige zwanzig Jahre, noch nicht einmal ein Staubkorn vor dem Antlitz der Ewigkeit, umfassen die gewaltigsten Bewegungen der Menschengeschlechter. Generation türmt sich gegen Generation; ein Kampf aller gegen alle entbrennt, Existenzen werden verworfen, vernichtet; Völkerwanderung, Treißigjahrlger Krieg, schwarze Pest und alles, was die Menschheit bisher an gewaltigen Emotionen gekannt h>at, ist scheinbar nichts unb' nichtig gegenüber den furiosen Leidenschaften, die innerhalb dieser zwei Jahrzehnte auf einander prallen, die Menschen zerspalten und immer aufs neue einen Kain wider einen Wel erstehen lassen. Im Jahre 1913 kehrt der geniale Naturforscher, Großindustrielle und Hochtory Jrlen, Enkel und Erbe alten patrizischen Geblütes aus fernen Erdteilen in die europäische Heimat zurück, siech an Leib und Seele. Im Mark ergriffen von einer der schwersten und unheilbaren Tropenkrankheiten, ist seine Psyche vielleicht noch morbider als seine gewaltiitige und der Gewalt Widerstand leistende Physis. Er, der sich alle Winde der Welt um die Nase wehen ließhat früher erspürt und gewittert, welche Gefahren Europa, insbesondere aber dem deutschen Vaterland« drohten, als jene, die nichts anderes als Kirchturmpolitik trieben. Er hat das Verhängnis abzuwenden getrachtet. Vergebens. Ein gebrochener Mann ist nach Europa zurückgekehrt. Nun aber setzt das eigentliche Wassermannsche Postulat ein, das vielleicht noch niemals so deutlich zum Ausdruck gekommen ist, wie in der Kerkhoven- Andergast-Trilogte, nämlich die These „Eines der Grundgesetze, denen die Existenzen unterworfen sind, ist das der Begegnung". Ter Moriturus Jrlen trifft auf den noch unbekannten Arzt Joseph Ketkhoven, auf den er mittels geheimer Transplantation seinen eigenen eisernen Willen und die Erkennung des persönlichen Jchs übertragt. Jrlen stirbt unter der widerwillig geleisteten Mithilfe des ärztlichen Freundes, der als erster weiß und erkannt hat, daß Jrlen ein Totgeweihter ist, und der darum in seiner Eigenschaft als Arzt dem Freunde das erlösende Gift nicht versagt. Nach, Jrlens Tode hat Kerkhoven nicht nur eine bedeutende materielle Erbschaft angetreten, sondern vor allem das Vermächtnis des Freundes übernommen und in dtk Tat «mgesetzt, das nach den klastischen Worten des delphischen Orakels lautet: „Erkenne Tich selbst!" Wassermann selbst hat das Glück genossen, den analogen Vorgang einer geistigen und schicksalhaften Transfusion, gleichsam einer Neuinkarnation, durch seine frühe Begegnung mit Hugo von Hofmanns- 1a l zu erfahren, dem er auch die Verpflanzung und restlose Verwurzelung in altösterreichischem Boden dankt. In der Romanfolge um „Etzel Andergast' und „Joseph Kerkhoven" wiederholt sich nun das Motiv von dem Gesetz der Begegnung dreimal. Ter anonyme Arzt Joseph Kerkhoven trifft auf den großen Menschendeuter Jrlen und empfängt von ihm in der Sterbestunde nicht nur das Wissen um die eigene Persönlichkeit, sondern auch die Berufung, der irregegangenen und irregchenden Nachkriegs- und Nachrevolutionsgeneration Beistand zu leisten. Und als dieser geniale Heilkünstler einer ans allen Wunden blutenden Menschheit, der nach dem alten Worte „Mens sana in corpore sano", nur bisweilen mit umgekehrtem Vorzeichen handelt und behandelt, eben auf dem Gipfel feiner Mannesjahre und seines wissenschaftlichen Ruhmes angelangt ist, tritt ihm abermals ein Anderer, ein Junger, ein Fordernder entgegen, eben jener Etzel Andergast, der Ideologe aus dem „Fall Maurjzius", der durch Enttäuschung bis zum seelischen Anarchismus geschritten ist und für den Kerkhoven zur letzten Selbstentäußerung gelangen must um dem Jüngling die gleiche Lehre zuteil werden zu lassen, die er dereinst von dem sterbenden Jrlen empfing. Dostojewski, Wassermanns großer Meister, hat dergleichen tragische Verpflichtungen immer mit dem Bibelworte gekennzeichnet: „Das Leiden auf sich nehmen". Auch der fünfundvierzigjährige Joseph Kerkhoven nimmt das Leiden auf sich, aus daß der zweiundzwanzigjährige Etzel Andergast wieder zum Leben gesunde. Und er weist in ihm, Kerkhoven, glüht Jrlens unsterbliche Seele und in dem Jünger Andergast wird — über ein kurzes oder «in langes — der Meister Kerkhoven erglühen. Trer Männer. Und zwischen diesen drei Männern immer die gleiche Frau, um die ein Jeder zum Verräter am anderen wird: Marie Bergmann, eine Nichte Jrlens und seine einzige Liebe, Kerkhoven verfallen, späterhin Kekkhovens Frau und — in einem noch späteren ZeitMikkt — die Geliebte des jungen Etzel And er gast. Wiederkehr des ewig Gleichen. Glied in der Kette, die über unerhörte Zeiträume und durch ein gigantisches Fatum hindurch Menschen miteinander verknüpft und den Menschen Uebermacht gewährt über die Dinge und über den Geist der Masse. Beiläufig gesagt,, ist gerade diese Frauengestalt am schemenhaftesten gezeichnet, gleichsam nur ein Schatten inmitten der Fülle und Vielfalt der Gestalten, die der Tächter — ein Geschichtsschreiber der Gegenwart — zu einem imposantem Grenium vor uns versammelt. Tier Jude Jakob Wassermann, der heute siebenundfünfzig Jahre zählt, hat es mit den genialischen Mitteln einer zah und wuchtig ringenden Gestaltungskraft vollbracht, uns, seinen Zeitgenossen, die Vorwelt, das heißt die Welt vor dem Kriege, mit ihrem individualistischen Willen, ebenso wie die Mitwelt, in deren Mittelpunkt die „Masse Mensch" mit ihren erotischen Erlebnissen, politischen Bindungen und exzentrischen Rasereien steht, menschlich-allzumenschlich nahe-, zubringen. Früher hätten wir geglaubt, daß vielleicht nur die unerschöpfliche Erdhaftigteit russischer Dichtung ein Gefüge von ähnlicher Dynamik und' trotzdem bewußter Geschlossenheit zu schaffen vermöchte. Heute neigen wir zu der Erkenntnis, daß es vielleicht nur einem Juden beschicken sein konnte, die Erfahrungen seines Blutes und die Welt seiner Erlebnisse dergestalt zu kompilieren, daß sie Altes und Neues rücksichtslos auszudrücken und dem Antlitz der Erde nene Züge zu oerleiheu vermochte. Wassermann beobachtet vielleicht weniger als er schaut (im Begriff des „Sehers" genommen), und seine Formgebung ähüelt weniger einer linguistischen Diktion als einer nur mühsam gebändigten Elementargewalt. Trotzdem ist es ihm gelungen, das Chaos durch die Form zu bannen, das einzige Ziel, auf das es, nach seinem eigenen Bekenntnis, für das Individuum, für die Nation und für die Menschheit ankommt. Unheimlich zeigen sich die Mächte der Idee und der Gestalt, wenn Schicksal«, die man vtelleicht in existierende Personen htineingedichtet hat, sich ä posteriori in der Realität erfüllen. Dieser selig-unselrgen Gabe scheint Jakob Wassermann, der Freund Hugo von HosmannRals und Schüler Siegmund FreuW, nicht haben entrinnen können.