Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 30-31 (5.8.1931)
- Date
- 1931-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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| Lee ü. Frankel . | Auf der Durchreise in Paris verstarb plötzlich Dr. Lee Käufer Frankel, einer der Führer der amerikanischen Juden, ■im Aller von 64 Jahren. Dr. Frankel war seit einiger Zeit herzleidend, nahm aber doch an der Tagung des Council -er Jewish Agency teil. Die Anstrengungen dieser Reise haben wohl seinen Tod beschleunigt. Das Werk der sozialen Fürsorge der amerikanischen Juden und das liberale Judentum in Amerika, dem der Verstorbene als führendes Mitglied angehört hat, werden an dem Verlust schwer zu tragen haben. Dr. Lee Käufer Frankel wurde am 13. August 1867 in Philadelphia geboren, war Dozent für Chemie an der Universität Penna, dann Chemie-Professor in Phila und errang sich als Chemiker in den Vereinigten Staaten einen sehr geachteten Namen. Er wurde dann veranlaßt, in die Versicherungsbranche einzutreten und wurde Vizepräsident der „Metropolitan Life Insurance Coinpany", der größten amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaft. Die Regierung der Vereinigten Staaten nahm seine Dienste vielfach in Anspruch. So war er zuletzt Präsident der „American Public Health Assoication" und der „New Jork Conference of Charities". Er war einer der Gründer des „National Health Council" und gab das Werk „Human Factor in Jndustry" heraus, das dazu beigetragen hat, in den Vereinigten Staaten eine Bewegung für möglichste Schonung der menschlichen Arbeitskraft in der Industrie zu schaffen. Frankels Wirken in der sozialen Hygiene und Fürsorge Amerikas war bahnbrechend. 1922 bereiste er Europa als Vorsitzender der amerikanischen Sonderkommission zum Studium der europäischen Lage. Einen großen Teil seiner Zeit widmete Dr. Lee K. Frankel jüdischen religiösen und sozialen Angelegenheiten. Er war nach dein Kriege Mitglied des Exekutivkomitees des Campaign für jüdische Kriegsopfer in Europa. Er war Mitglied der Exekutive des Verbandes der amerikanisch-jüdischen Kongregationen, Mitglied des Hauptkomitees des American Jewish Committee, Mitglied des Advisory Council der Palestine Economic Corporation, seit 1924 Mitglied des Komitees für die Jewish Agency, Vizepräsident des Kuratoriums der Hochschule für jüdische soziale Fürsorge, Mitglied des Verwaltungsrates der jüdischen Flüchtlingshilfe, Mitglied des Präsidiums per Nationalfonferenz für jüdische soziale Fürsorge, Mitglied der Leitung des United Jewish Campaign. Der Council der Jewish Agency wählte ihn in seiner letzten Baseler Tagung neben O. E. d'Avigdor Goldsand zum Mitvorsitzenden. Fortschrittliche Orthodoxie in Amerika In Long Brauch (New Jersey) wurde die Jahresversammlung der orthodoxen Rabbiucrvereinigung Amerikas (Rabbinical Assembly of America) unter dem Vorsitz von Rabbi Israel Levinthal abgehalten. Ohne zu Einzelheiten ihres Verlaufs und ihrer Ergebnisse hier Stellung zu nehmen, veröffentlichen wir nachstehend den Bericht der J.T.A. Dieser Bericht ist deshalb von so besonderem Interesse, weil er uns deutschen liberalen Juden zeigt, wie gänzlich anders das orthodoxe Judentum Amerikas aussieht als die Orthodoxie hier in Deutschland. Wer die nachfolgende Veröffentlichung liest, kann keinen Zweifel daran hegen, daß die orthodoxen Rabbiner Amerikas in weitgehendem Maße jüdisch-liberalen Gedankengängen Platz geben und diese auch in die Tat umsetzen. Sowohl das Negative des Liberalismus (Abschaffung von überlebten Formen) als auch das Positive (religiöse Neuschöpfungen, z. B. der letzte Sukkoth-Tag als Seminartag), als auch schließlich die Aktivität in politischen Tagesfragen, zusammengefaßt also die drei wichtigsten Elemente des deutschen liberalen Judentums, finden wir in den Reden und Beschlüssen der orthodoxen Rabbiner- Tagung Amerikas wieder. Die Red. Die Beratungen begannen mit einem von Dr. Max Kadushin-Chicago geleiteten Symposion über jüdischen Nationalismus und konservatives Judentum, an dem die Rabbiner David Aronson-Minneapolis und Harry Cahen-Jacksorrville teilnahmen, hierauf fand eine allgemeine Aussprach« über aktuelle Fragen des religiösen Lebens der orthodoxen Judenheit Amerikas statt. Im Verlauf dieser Aussprache forderte Rabbi Louis Finkelstein die Einsetzung qualifizierter rabbinischer Gerichte zur autoritativen Entscheidung jüdischreligiöser Fragen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des modernen Lebens. Rabbi Milton Steinberg-Jndianapolis und Rabbi Simon Greenberg-Philadelphia fe$en sich dafür ein, daß das Jewish Theological Seminary eine fortschrittlichere Haltung als bisher einnehme. Der Präsident der United Synagogue of America Louis I. Moß-Brooklyn richtete an die Versammlung den Appell, eine neue Interpretation des traditionellen Judentums vorzunehmen. Er wies darauf hin, daß es gewisse durch althergebrachte Uebung geheiligte Gebräuche und Vorschriften gebe, die indessen nicht in den religiösen Grundlehren des Judentums wurzeln. Man dürfe es nicht ablehnen, solche Gebräuche im Lichte der heutigen Erfahrung und Erkenntnis zu überprüfen, um ihre gegenwärtige Bedeutung festzustellen. Es bestehe kein Grund, an überlebten Traditionen in dem Glauben festzuhalten, daß das, was für gestern gut war, auch für morgen gut sein werde. Einen breiten Raum nahm auf der Versammlung die Erörterung von Erzichungsfragen ein. Die von Rabbi Leon Lang-Newark geleitete Aussprache über diese Fragen ließ erkennen, daß die Mehrheit der Versammlung der Ansicht war, für die jüdische Jugend Amerikas müsse im Durchschnitt ein Minimum jüdischer Erziehung genügen, wobei auf Sittenlehre und Religion größeres Gewicht zu legen sei, als auf die Kenntnis der hebräischen Sprache. An diese Debatte schloß sich eine Aussprache über Fragen der Liturgie und des Rituals. Rabbi Milton Steinberg, Indianapolis, erklärte das konservative jüdische Ritual ais unzureichend für die gegenwärtigen Bedürfnisse, da es die jüdischen Ideale der sozialen Gerechtigkeit und des Friedens und die zionistischen Aspirationen nicht zum Ausdruck bringe. Diesen Anschauungen trat Rabbi Simon Greenberg, Philadelphia, entgegen. Er erklärte, diese im Ritual nicht formulierten Ideale seien in der in englischer Sprache zu haltenden Predigt zu berücksichtigen, das traditionelle Gebetbuch aber solle unverändert bleiben. Die Versammlung faßte mehrere Resolutionen, in denen me Einführung der Fünftagewoche befürwortet, die Zurücksetzung von Juden bei Vergebung van Stellen und in Erzichungsinstitutionen verurteilt und Präsident Hoover ausgefordert wird, eine internationale Schuldenstundung durchzusetzen. In weiteren Resolutionen trat die Rabbinerversammlung für die allgemeine Abrüstung ein und verurteilte das Fremdenregistrierungsgesetz des Staates Michigan als „unvereinbar mit dem Geist der amerikanischen Verfassung". Ein Vorschlag von Dr. Cyrus Adler, den letzten Sukkol'btag als Sennnartaa zu proklamieren, wurde angenommen. Aus Antrag von Rabbi A. M. Heller, Brooklyn, wurde beschlossen, eine rabbinische Sommerschule abzuhalten und eine jüdische wissenschaftliche Zeitung herauszugeben. Protestantismus und Nationalsozialismus Der Evangelische Bund, der sich für politisch unparteiisch erklärt und „seine Ausgaben in erster Linie in der Pflege protestantischen Oessentlichkeitswillens sieht", hatte aus seiner diesjährigen Generalversammlung der Frage „Nationalsozialismus und Protestantismus" ein Referat gewidnret, das von dein rheinischen Bundesführer D. Hermann Kremers gehalten wurde und nun unter obigem Titel in den „Bolksschriften des Evangelischen Bundes" erschienen ist. Die „Nachrichten für evangelische Gemeinde- und Sonntagsblätter (Mitteilungen des Evangelischen Bundes)" widmen dem Vortrag offiziell eine rückhaltlos zustimmende Besprechung, in der darauf hingewiesen wird, daß der Nationalsozialismus heute die wichtigste geistige Bewegung ist, und daß Kremers mit diesem Referat „eine wirklich grundlegende und wegweisende Arbeit geleistet hat". In dem Erwachen des Nationalsozialismus, heißt es in der Auslassung des erwähnten Organs des Evangelischen Bundes, begrüßt der Verfasser einen Aufbruch der deutschen Seele, die grundsätzlich zu bejahen ist: Volkstum ist Gottesschöpsung, es ist Träger einer eigenen Idee. Das^ ist Lutherscher Geist, der hier spricht. Und diesem Geilste gegenüber Jakob Wassermanns Gegenwarlstrilogie Von Toris W i t t n e r. Ter süddeutsche Jude Jakob Wassermann gehört zu den repräsentativsten Persönlichkeiten der großen deutschen Erzählergeneration. Wassermann saßt seine persönliche Sendung als Romanschriftsteller in dem Sinne auf, in dem es die großen französischen Romanciers Balzac, Stendhal oder auch Zola getan haben, desgleichen die gewaltigen russischen Vorbilder, wie Dostojewski und Tolstoi, d. h. er strebt danach, den Aktionsradius seiner Betrachtung über die ganze zeitgenössische Kulturepoche zu spannen. Er sucht Zusammenhänge des rings um ihn waltenden Geschehens, das sich im Lause von Jahrzehnten zu Geschichte verdichtet, uuszuspüren und zu ergründen und aus den genialsten Analysen der Zeit und ihrer Erscheinungen eine dichterisch überzeugende Synthese zu gewinnen. Man kann einen Jacob Wassermann nicht etwa lesen wie vielleicht einen Sinclair Lewis oder Theodore Dreiser, die gleichsam nur literarisch verfeinerte Reportagen aus ihrer Umwelt liefern, und man sann ihn ebenso wenig französischen Zeitkritikern wie etwa Victor Margueritte oder George Duhamel zur Seite stellen. Auch der Engländer Galsworthy, der in seiner sechsbändigen Geschichte des Fortsythe-Geschlechtes gleichfalls einer bestimmten Kultnrperiode den Spiegel vorzuhalten gewillt ist, in' anders zu bewerten als Wassermann. Wenn Wassermann zu einem neuen Werke ausholl oder anhebt, ist es immer, als wenn ein abgründiger, geheimnisvoller, zerschrundeter und zerrissener Gletscher "sich in Bewegung setzt. Da eröffnet sich unversehens der Blick in die seegrstuen Tiefen der Eiswelt; aber es prasseln auch bisweilen mit der Urgewalt großer Natuckewegungen Steinschlag und Lawinen mit düsterer Dynamik hernieder. Schmale Grate gilt es zu bewältigen, oft unüberwindlich scheinend und gerade darum zur Bezwingung verlockend: daun wieder drohen graue Schutthalden, die talwärts zu führen scheinen und die oft Von donnernden Gebirgsbächen in jähem Sturz durchbrochen werden. Ter UrkosMss scheint in Wassermann und aus Wassermann heraus zu wirken. Unbändige Gewalten brechen auf und aus und beugen sich — offensichtlich nur ungern — den Gesetzen künstlerischer Gestaltung. Von seinein Erstlingswerk „Die Juden von Zirndorf" an über die „Geschichte der jungen Renate Fuchs", die dem klugen, wie ein literarischer Seismograph funktionierenden Arthur Eloesser zum bewegten und erregenden Anlaß wurden, Jakob Wassermann in die Ehrenlegion der deutschen Belletristen einzusühren, ist Wassermann von Werk zu Wetk tiefer eingedrungen in das Dschungel geheimnisvoller Schöpferkraft und schöpferischer Geheimnisse. Wie bei Balzac und Zola ist auch bei Wassermann jedes neue Werk eigentlich nur Fortsetzung, Glied in der Kette. Unter diesem Zeichen standen schon „Das Gänsemännchen", sowie „Christian Wahnschasse", „Oberlins drer Stufen", „Ulrike Woytich", und „Faber und die verlorenen Jahre". Nicht minder das meisterliche Epos „Laudin und die Seinen". Nicht zuletzt „Der Fall Mauritius", der den Anstatt zu der mit „Etzel Andergast" noch nicht beendeten Trilogie darstellt und in bereu Mittelpunkt der geniale Arzt und Wahrheitssucher „Joseph Kerkhoven" — formal zwar nur als Mittelstück, sachlich aber als Hauptstück — steht. Dem treuen Leser und guten Kenner Wassermanns wird anfgesallen sein, daß Wassermann votivisch sehr häufig zeitgenössische Begebenheiten ausgreift, transponiert und synchronisiert, bis er sie in die höchste Stufung der Transfiguration hineingesteigert hat. Mancher Leser, der als sogfältige Chronist neben seiner Zeit einherschreitet, wird unschwer die Ereignisse und Gestalten verkennen, die Wassermann jeweils zum äußeren Anlaß seiner inneren Erlebnisse und künstlerischen Gestaltungen wurden. Er selbst verleugnet beiläufig diesen anekdotischen Grundzug seines Schaffens keineswegs. Er äußert sich selbst über die ihm eigentümliche Mischung von Begebenheit und Vision in scharf umrissenen Worten: ..Nicht weil mir das Erfinden, besonders schwer gefallen wäre, eher im Gegenteil, weil es mir nicht schwer genug fiel und weil mir das Vertrauen zu ihrer Bedeutsamkeit, ihrer Prägnanz und charaktergebenden Kraft fehlte. Eine Handlung erfinden, das ist, als wolle man di« Welt erfinden, da gerät man in die glühende Nähe des Schicksals, und was das Schicksal sich mit den Menschen erlaubt, darf der Dichter mit seinen Figuren doch nicht wagen, denn ehe er zur Wahrheit dringt, hat er sich mit hat der Protestantismus Aufgaben. Als ein Verdienst des Nationalsozialismus bezeichnet das Mitteilungsblatt des Evangelischen Bundes das Auswerfen der Rassenfrage, wenn auch der Protestantismus jede Rassenvergötzung entschieden ablchnt. In diesem Sinne sei der Staatsgebanke des Nationalsozialismus — der Staat kein Zweckverband, sondern Blutsverband — sowie die gelegentlich als „preußisch" bezeichnte Sozialmoral nicht abzulchnen. Eine zweite Gefahr drohe dem Nationalsozialistnus von Rom: „So sehr ruf der einen Seite begrüßet werden muß^ daß Hitler sich gegen jede Verquickung von Religion und Politik, und damit vor allem gegen das Zentrum, wendet, so schr scheint doch sein Blick getrübt zu sein für die umfassende Bedeutung der Reformation für das deutsche Geistesleben und die deutsche Geschichte." T-er Protestantismus, so wird gefolgert, .sei auf dem richtigen Wege, „wenn er die Ausgabe fühlt, als warnender treuer Eckart der nationalsozialistischen Bewegung zur Seite zu treten". Kremers' Schrift, heißet es zum Schlüsse, soll dem Nationalsozialismus das Besondere seiner Idee klar machen, insbesondere aber den deutschen Protestantismus ausrnsen, „daß er den Sinn der historischen Stunde, die jetzt anhM, erkenne und seine geschichtliche Aufgabe in ihr erfülle". 7Nax Liebermanns 84. Geburtstag In seinem Sommerhaus in Wannsee beging am Montag, dein 20. Juli, Max Liebermann, Präsident der Akademie der Künste, seinen 84. Geburtstag. Eine Abordnung der Akademie, bestehend ans den Professoren Amersdorser, Hans Pölzig, Ulrich Hübner und Philipp Franck, fand sich im Hause des Jubilars ein, um ihm zu gratulieren. Max Liebermann war in Lester Laune und ließ sich in seinem Tagewerk nicht stören. Wie Freunde des Hauses mitteilen, arbeitet Liebermann gegenwärtig an einem neuen großen Werk, das seiner Vollendung entgegengeht. James Speyer 70 Jahre Am Mittwoch, dem 22. Juli, vollendete der New Uorker Bankier und Philanthrop James Speyer, Seniorches der Banksirma Speyer & Co., sein 70. Lebensjahr. James Speyer, dessen .Hans eines der führenden in der amerikanischen und internationalen Finanzwelt ist, ist auch in der sozialen. Fürsorge in Amerika und Europa hervorragend tätig. Er ist u. a. Direktor des Mount Sinai Hospital und Leiter anderer jüdischer und nichtjüdischer charitativer Institutionen. Die „Frankfurter Zeitung" widmet dem Jubilar einen längeren Artikel, in welchem sein Wirken in Deutschland dargestellt wird. James Speyer, heißt es darin, ist einer jener internationalen Bankiers, die trotz ihrer Tätigkeit int Auslande ihre deutsche .Herkunft nicht vergessen und den Zusammenhalt mit Deutschlatid nicht verloren haben. Er ist als Sohn von Gustav Speyer in New Aork geboren worden, aber er verbrachte seine Jugend in Frankfurt a. M. und begann auch hier seine Lehrzeit in dem väterlichen Bankhaus Lazard Speyer-Ellissen. Während des Krieges betonten James Speyer und seine Familie stets ihre Sympathie für Deutschland und zogen sich dadurch die Abneigung von manchen Teilen der amerikanischen Hochfinanz zu. Nach dem Kriege haben James Speyer und sein Haus aktiv an dem wirtschaftlichen Ausbau Mitteleuropas und besonders Deutschlands mitgearbeitet. Heute versorgt das amerikanische Haus Speyer deutsche Kommunen und Jndustrieunternehmungen mit Kapital, so auch die Stadt Frankfurt a. M. James Speyer gründete zum Andenken an seine verstorbene Schwester die „Lucie Beit von Speyer-Stiftung" für die Universität Frankfurt und wurde darauf zum Ehrenbürger der Universität ernannt. Ihm ist die Erhaltung des Frankfurter Goethe-Hauses zu verdanken. Er sorgte besonders für die notleidenden deutschen Kinder nach dem Kriege. Ms Schatzmeister des „American Relief Committee for German Widows and Orphans of the war" veranlaßte er im März 1920, daß eine Reihe von Waren nach Frankfurt zur Verteilung an verschiedene Wohltätigkeits-Institutionen gesandt wurden. Ferner organisierte er im selben Jahre mht dem jetzigen Präsidenten Hoover die „American Relief Administration Warehouses of American Relief Administration European Children Fund". Gleichzeitig wurde von ihm eine der Wahrscheinlichkeit zu raufen; jene ist eine Seins-, diese eine Denkkategorie. Ich mußte also trachten, das schicksalsmäßige, das legitime Geschehen, das im weitesten Sinn Anekdotische sicherzustellen, da mir das bloß Entwicklungshafte einer bestimmten Figur in seiner linearen Unabsehbarkeit von Grund aus widerstrebte; ich konnte mich nur im Sphärischen entfalten. Zunächst mußte ich eine unangreifbare Wirklichkeit vor mir haben, eine bereits gegebene Tatsachenwirklichkeit, die als Gerüst dienen konnte, die war dann iw der Anschauung zu verwandeln." Kriininalfälle, aktuelle Zeitungsberichte, die ein jeder kennt und nennt, dann aber wieder vergißt, bilden häufig die Keimzellen des Wassermannschen Schaffens. Wassermann selbst weist auf derlei literarische Metamorphosen hin, wenn er, der, wie wohl kaum ein anderer unter dem Einfluß, und Schatten Dostojewskis steht, von dessen „Dämonen" sagt: „Erinnert sich einer unter euch noch des politischen Prozesses, der Dostojewskiy den Vorwand zu den „Dämonen" lieferte? Einstens Tagesgespräch, jetzt verklungen und vergessen, nur noch — Dichtung. Und wen interessiert es heute noch, zu erfahren, daß das Liebespaar, das Balzac in „Beatrix" geradezu photographierte, vor hundert Jahren europäische Berühmtheit genoß? Man könnte in dieser Hinsicht ein Sündenregister anfertigen, dessen Verfasser plötzlich bemerken würde, daß die Namen der Uebeltäter durch Unsterblichkeit gefeit sind und die ihrer Opfer kein Gedenken in der Nachwelt hinterlassen haben." Auch der „Fall Maurizms", der „Joseph Kerkhoven" und „Etzel Andergast" voranging, hat, als ein tatsächlicher Jwtizfall, volkstümlich geworden unter dem Namen „Der Fall Hau", nahezu zwei Jahrzehnte die Gemüter der Zeitgenoffen erregt und bewegt. Wassermann hat dieser forensischen Tragödie zwar das Urbild entnommen, hat aber daraus einen grandiosen Kampf um Recht und Wahrheit abgeleitet, den der noch halbwüchsige Sohn des Staatsanwaltes Andergast, der feurige und fantasievolle Etzel Andergast! unternimmt. Kaum zu fassen Ist der Kreis, der Blutumlauf der Menschheit, den Wassermann zu beschreiben unternommen hak. Die Geschicke, die sich innerhalb der Peripherie van zwei Generationen abspielen, sind so ungeheuerlich und so viels pälttg, daß man bisweilen fürchtet, im Chaos unterzugehen. Und trotz alledem ist ihm der geniale Wurf gelungen, einmalige Menschen herauszuheben, die für ihre Zeit und ihre Welt gültiges Zeugnis abzulegen berufen stich. Tie Zeitspanne 1910