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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-08-05 · 30-31 (5.8.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
30-31 (5.8.1931)
Date
1931-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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^MchllberaleZeÜML Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Die Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenige« Aufsätze, die ausdrücklich als ln ihrem Namen oder ln «yrem Aufträge verfotzt gekennzeichnet find, die Berautwortnng. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerschein» jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Slr. 1 Fernruf: Bergmann 335S, 3359 Postscheckkonto! Berlin NW 7. 137 069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich Al. L— Einzelnummer 0^5. Bel freier Zusendung i. Inland (U* Jöt die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mltglledsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Ronpareivezeile0.4S Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedit. Ilr. 30/31 Berlin. 5. August 1931 11. Jahrgang Judentum und Malerei Von Tr. Max Osborn. Die nächste Doppel - Nummer erscheint Mittwoch IS. August (Redaktivnsschlutz Sonnabend, 15. August, vormittags). Bereinigung für das liberale Judentum E. B. Die Frage, inimciueir Die Werte jüdischer Künstler von ihrem Judemum geprägt oder mitgeprägt crjchernen, führt lies ui d'.e gehcimmsvollen Gänge des großen Problems, dasdurch die Verteilung der Juden über den Erdball aufgeworfen wird. "SBntu bei der schöpferischen Arbert des Künstlers an jeden Werke feiner Hand der ganze Mensch beteiirgt ist, der dayinrer stehr wie sollte nicht das Urelement des Blutes'dabei mitsprechen? Bei andersartigen Betä.igungeri, die den Jritellekt so stark in Bewegung setzen, daß er einen wesentlichen Eirifluß aus das Ergebnis gewinnen kann, selbst bei der dichterischen Produktion, könnte man sich vorstellen, daß ein regulierender Wille sich einmische, der sogar nnstandc wäre, kennzeichnende Niederschläge auch der Rasse und Abstammung bewußt zurückzudrängen, obwohl es sich dabei um Kräfte handelt, die, wie man annehrnen sollte, die Persönlichkeit bis in die Wurzeln bestimmen^ müssen. Bei de» bildenden Kunst aber, wie bei der Musik, wäre solch bewußtes Vorgehen ausgeschlossen, .hier strömt alles aus den Rätselquellen des innerlichsten Kerns, aus dem Unbewußten in die schaffende Hand. Hier muß sich das Versteckteste offenbaren. Indes die Fanatiker der Rassentheorie kommen dabei gleichwohl nicht sehr auf ihre Rechnung. Gewiß, es lassen sich gelegentlich, aber auch, daun niemals eigentlich mit letzter Bestimmtheit, Züge Nachweisen, bei denen man von einen: Zusammenhang mit Wesenseigenfchaften spezifisch jüdischer Geistigkeit sprechen könnte. Doch, geht mam solchen Erscheinungen nach, so kommt man säst immer zn Erkenntnissen, die keine sicheren Schlüsse zulassen und sich nur zu leicht wieder in vage Verschwommenheiten auflösen. Und selbst die Ausnahmefälle, in denen man festeren Untergrund zu fühlen glaubt, verschwinden gegenüber den unzähligen anderen Fällen, die das Gegenteil beweisen: das völlige Ausgehen der jüdischen Maler und Bildhauer in der Kunst des Volkes, in dessen Mitte sie leben, als dessen Teil sie sich fühlen. Ohne Zweifel spricht bei dieser Tatsache der Umstand mit, daß das Judentum, so lange es noch als Volk und nationaler Staat bestandzu den bildenden Künsten nur lose Beziehungen unterhielt. Ein Volk, dessen wettbedeutende Tat inn einer unvergänglichen Religionsstiftung bestand, muß in seiner aeistigen Struktur so sehr darauf eingestellt gewesen sein, dein "Gedanklichen und der mystischen Spekulation zuzuneiaen, daß die Entwicklung und Ausbildung der sinnlichen" Anschauung und Gestaltung dabei in den Hintergrund nedrängl wurde/ Mancherlei Anzeichen der ältesten Ueberlieferunaen deuten darauf hin, daß in Palästina, wenn große künstlerische Ausgaben gelöst werden sollten, wie der Bail des Tempels, auswärtige Kräfte herangezogen wurden. Und wenn die jüdische Religionsvorschrift es streng verbot, eine bildliche Darstellung des großen, einzigen Gottes zn wagen, so dürfen wir überzeugt sein: ein so gewaltiges Geict-, das sich von allen Gepflogenheiten jener frühen Jahrhunderte bei anderen Völkern scharf abhob, konnte pur entstehen, weil die Herrschaft dieses tiefsinnigen Gedankens durch kein Bedürfnis nach sinnfälliger Formung gefährdet wurde. So mag es zn erklären sein, daß die Inden in der Diaspora, sobald sic und soweit sie daran gingen, ihre Tempel zu schmücken, ihre Kultgeräte gefällig und kunstvoll herzuricksten, sich durchaus nach den Vorbildern richteten, die' sie ringsum wahrnahmen. Tie dekorativen Malereien aus den Wänden und Decken alter Synagogen, namentlich in Osteuropa und im südlichen Deutschland, sind vollkommen nach der Kunst des Wirtsvolkes orientiert. In der Architektur der Gotteshäuser und in der Herstellung der Gegenstände zum religiösen Gebrauch an diesen Andachtsstätten wie in der Familie spiegelt sich der Wandel der europäischen Stile ab. Wir haben romanische und gotische Synagogen, die also die Bauformen der christlichen Kirchen einfach übernahmen. Wir haben Psombiichschen aus der Renaissaneezeit, um ein Beispiel herauszugreifen, die im Stil ganz und gar mit weltlichen oder kirchlichen Gerätschaften der christlichen Nachbarn übereinstimmen. Tie barocke Ornamentik der kleinen bayerischen und schwäbischen Tempel aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts entspricht durchaus den allgemeinen'Gewohnheiten der Zeit. Bei den kunstreichen Umrahmungen der Heiratsv ertrage, die im Lause des IR Jahrhunderts besonders beliebt wurden, können wir genau unterscheiden: dies ist eine Rokoko-Urkunde aus Norddeulschland, dies ein Empire-Vertrag aus Italien — auch die nationalen und regionalen Varianten der Stilarten kornmen deutlich zum Ausdruck. In der Aufklärungszeit treten nach uud nach einzelne jüdische Künstler Persönlichkeiten auf, zumal Stecher oder Modelleure, wie der berühmte Berliner Mün.z- und Medaillenmeister Abramson —: es ist nicht der geringste Unterschied zwischen den Arbeiten dieser Männer und denen ihrer christlichen Kollegen sestzustetten. Als die Tore des Ghetto endgültig geöffnet wurden und wir nun allmählich auch aus Juden stoßen, die als freie Künstler sich den: Beruf des Malers zuwenden, liegen die Tinge nicht anders. Einer der ersten unter ihnen, die sich in Deutschland einen Namen machten, war der Frankfurter Morin Oppenheim. Er ist späterhin namentlich bekannt geworden durch seine Bilder aus dem altjüdischen Familienleben, die in Reproduktionen bis vor wenigen Jahrzehnten noch weiteste Verbreitung genossen. Aber diese Wahl des Stoffes, die ihm nahelag, hatte schließlich mit der Art seiner Darstellungen nichts zu tun, die sich vollkommen mit der sonst üblichen Genremalerei deckte. In seiner Jugend aber war Moriv Oppenheim in Italien, und' es ist bezeichnend für die gründliche Annäherung an die allgemeine Kunst, die sich damals schon vollzogen hatte, daß er in Rom biblische Szenen ganz im Stil der höchst christlich gesinnten Nazarener komponierte. An unsere Ortsgruppen und Mitglieder! In den schweren Wochen, die hinter uns liegen, hat die Vereinigung für das liberale Judentum nur unter Anspannung alter Kräfte ihre Arbeit fortsetzen können. Nachdem nun eine allgemeine Beruhigung und sogar eine Besserung sich zu zeigen beginnt, entfällt jetzt auf unsere Mitglieder die Pflicht, uns in unserer Arbeit dadurch zu unterstützen, daß uns zumindest die Beiträge pünktlich überwiesen werden. Wir lassen in den ersten Tagen des August die Nachnahmen m diejenigen Mitglieder hinausgehen, von denen der Beitrag für das laufende Quartal noch ausstcht. Wir bitten ebenso herzlich wie dringend um sofortige Einlösung dieser Nachnahmen, und auch unsere Ortsgruppen bitten wir um Aeberweisung der fälligen Beiträge, da wir andernfalls die ruhige Fortarbeit der Bereinigung und das regelmäßige Erscheinen der Jüdisch-liberalen Zeitung nicht gewährleisten können. Bereinigung für das liberale Judentum E. V. Man kann behaupten, daß die Einschmelzung der führenden Kreise des Judentums in die Kultur der europäischen Völker gerade aus dem bedeutsamen Gebiet der Kunst einen erstaunlichen Beweis anbringt. Wäre diese geistige Verbindung nicht so stark und durchdringend gewesen, wie es tatsächlich der Fall war, so hätten sich gerade bei den führenden Persönlichkeiten irgendwelche Merkmale herausbildrn müssen, die eine gewisse Gemeinsamkeit erkennen ließen. Das ist keineswegs der Fall. Eam'lle Pissarro ist ein Kops bis zu Fuß ein Mtglied des Jmpressionistenlreises, der sich rn Paris um Manet und Monet scharte. Jozef Israels ist ein Renlbrandl-Abiömmling, in dein Holland heute ebenso w? zu seinen Lebzeiten den Typus des nationale i niederländischen Malers des 19. Jahrhunderts oerkörpert sieht. In Schwcden wurde Ernst Josephson, der l9M stark'., so sehr ais ein kennzeichnender Vertreter der Eigenart schwedischer Kunst betrachtet, daß heute auf der Terrasse des neuen Rathauses von Etockholnr seine Statue neben der August Strindbergs steht, in dem die schwed.sche Dichtung des abgelaufenen Jahrhunderts ihre Spitze sieht. In Deutschland wurde Mar Liebermann nicht nur zu e-'nem maßgeblichen Verkünder des deutschen Naturalismus, sondern zu einem Berkörpcrer norddeutschen, berlinischen Wesens — wurde Lesser Ury, neben Liebermann, zürn Vorkämpfer eines sarlügen Lyrismus, der das malerisch einseitige Pleinair ablöste. Wo bleiben bei allen diesen Künstlern die Speciw.ma jüdischen Wesens? Sie sind nicht zu ermitteln. Wohl kann mau, wie es gelegentlich versucht wurde, auf verschiedene Eigenschaften jüdischer Geistesart Hinweisen, die hier und dort durchbrechen: auf den scharfen Intellektualismus Liebcrulnnns in den früheren Perioden seiner Kunst (nicht in der letzten), auf die mitleidsvolle, etwa sentimentale Güte, die bei Israels, auf die hymnische Verzückung der Propheten, die bet Ury zum Ausdruck kommt. Aber das'alles sind Züge, die sich ohne weiteres auch auf anderem Wege erklären lassen als auf dem der Blut- und Abstammungsanalyse. Dennoch gibt es in der Kunst der letzten betten Menschenalter eine Erscheinung, deren Betrachtung lohnt. Es stt nicht zu bestreiten, daß der I m prcschonis m n s mit seiner Nuancenfreude, seiner eindringlichen Analyse des Lichtes und der Luft, seiner scharfsichtigen Behandlung des Details, ich möchte sagen: seiner Schnelläugigkeit, der jüdischen Neigung zum Intellektualismus, zur Spaltung des Begrifflichen, zur Zerlegung gedanklicher Konstrültionen besonders entgegentommt. Wir hätten dann hier das sehr beachtliche Schauspiel, daß sich geistige Eigenschaften in sinnttche umgesetzt haben — und das wäre in der Tat ein sehr erhebliches psychologisches Ergebnis. Man könnte es säst so ausdrückcn, daß jene eigentümliche, uralter Kultur entstammende Art der Denkmethode, die sicherlich einer bestimmten Einrichtung des Gehirns entspricht, und die auf der einen Seite zur bohrenden Rabulistit des Talmud, auf der anderen Seite zur charakteristischen Prägung des jüdischen Witzes geführt hat, in der zerlegenden Auffassung ein.es Landschaftsausschmtts, eines Strahenbildes, einer Figurcngruppe, in der strichelnden Führung des Pinsels, in der behutsam nach allen Seiten ausblickenden Behandlung der Farbenwerte aus lleiustem Flächenraum sich in einer höchst interessanten Weise spiegelt. Ter Gleichnischarakter allen künstlerischen Wesens kommt hier zu wunderbar sinnfälligem Ausdruck. In einer Ausstellung von Schülerarbeiten der Zeichenklasse eines Neuköllner Gymnasiums sah ich vorm Jahre folgende kleine Unterabteilung. Der Lehrer hatte seine Schüler zum Nordhafen geführt und sie angeregt, das Gesehene zu Papier zu bringen. Tie mannigfaltigsten Auffassungen offenbarten sich dabei. Ter eine nahm den Eindruck ganz kindlich und primitiv. Ein zweiter suchte chn in große Form zu bringen. Ein dritter machte daraus ein romantisches Märchen. Ein vierter war konstruktivistisch gelaunt. Aber da kam plötzlich em Blatt, auf dem die Schiffe und Krane des Hafens, die umliegenden Häuser, die Uferbäumr, sogar der Himmel in einzelne Strichlagen aufgelöst erschienen. Ich fraget den Zeichenlehrer: Wer hat das gemacht? Er antwortete: Ein jüdischer Schüler von ungewöhnl'cher Intelligenz. Als ich Wetter forschte, erzählte er, daß er ähnliche Beobachtungen häufig gemacht habe. Diese Erfahrung war Wasser aus meine Mühle. Sie beweist aufs klarste, daß in der impressionistischen Malweise tatsächlich eine künstlerische Formgebung lebt, dir sich dem jüdischen Wesen anpaßt. Es wird kein Zufall sein, daß es gerade diese Kunstströmung war, die die schon genannten jüdischen tzanvtmeister der letzten Jahrzehnte, Pissarro. Liebermann, Ury in seinen Anfängen, aus Höhen der Leistung und des Ruhms emporgetragen hat, die jüdischen Künstlern bis dahin unerreichbar waren. Auch Marc Ehagall, uni aus der großen Zahl ostjüdischer Talente diese große Begabung herauszuhcbeu, wurzelte im späten Impressionismus, der sich schon mit Cezanne berührte, während überdies die russische Volkskunst als zweite Triebkraft von entscheidender Bedeutung seine Kunst bestimmte. Aehnlich steht es mit Isaak Grünewald, dem begabtesten Maler der jüngeren schwedischen Schuk', der Josephsons Erbschaft übernommen hat. Aber es ist zu merken, daß in dem Augenblick, da der Impressionismus von seinem Thron herabsteigen mußte, da mit dem Expressionismus eine Kunst der großen Zusammenfassung, der dominierenden FarbflScheu an die Regierung kam, die führende Beteiligung jüdischer Kräfte zurückgegangen ist. Nicht daß jüdische Künstler nun völlig fehlten. 'Davon ist keine Rede, kann keine Rede sein, weil allmählich der Einmarsch jüdischer Begabungen in die Kunst so breite Front angenommen hat, daß jeder Bezirk Teile davon ausnimmt. Namentlich in Paris sitzt heute eine große Kolonie jüdischer Malep, meist ans dem Osten eingcwandert. die als Mitkämpfer um neue Ausdrucksformen in Betracht kommen. Der mystische Grundzug des ostjüdischen Wesens drangt hier nach vorn. Aber Programm, Lehre und Parole werden seit der Krise de§ Impressionismus von Persönlichkeiten ausgegeben, unter denen sich nicht mehr Künstler jüdischer Abstammung befinden. Vielleicht stoßen wir hier aus eineu charakteristischen negatrven Zug: aus die noch nicht in weitem Ausmaß vorhandene, noch nicht voll entwickelte Fähigkeit zur wuchtigen Gestaltung großen Stils bei jüdischen Talenten. Sie fehlen bisher im Kreise derer, die zu bedeutenden Raumwirkungen, zum Wandgemälde streben. Offensichtlich handelt es sich hier um wesentliche Formen künstlenscher Aeußerung, bis zu denen der jüdische Künsttergeist in dem einen Jahrhundert Freiheit, das ihm zu seiner Entfaltung gegönnt wurde, noch nicht gelangt ist. In der Plastik haben wir die gleiche Erscheinung. Eine auffällige Parallele bietet das Sammlerwesen. Sie bestätigt das Gesagte. Sehr groß ist dir Zahl der jüdischen Kunstfreunde, die impressionistische Bilder mit Leidenschaft erwarben und aufstap'elten. Man wird nicht annehmen, daß dies lediglich geschah, weil es sich' um international gesicherte Werte handelte. Kein Zweifel, daß den Sammler hier die gleiche Neigung trieb wie seine Maler. Aber unter denen, die seil 1910 in Deutschland zeitgenössische Kunst sammeln, also Malereien ganz anderer Art, bilden die jüdischen Namen verschwindende Ausnahmen!

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