Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 28-29 (22.7.1931)
- Date
- 1931-07-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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fürchten mag, es möchte vielen unter uns vielleicht nicht gelingen, ihm in die schwindelnde Höhe seiner Gedankenwelt zu folgen, tut er ein klebriges und legt ein Bekenntnis ab, das man aus dem Munde dieses Denkers mit seiner oft so knorrigen Luthersprache nur mit tiefer Ergriffenheit lesen kann: „Und nun an dieser Stelle ein Wort für mich, ein Wort für euch: Wer meine Schriften kennt, kennt auch meinen unendlichen Dank an das Judentum; der weiß, was rnir der Geist des Judentums ist und damit auch der wahrhaftige Gott, wie das prophetische Judentum ihn lehrt. Denn was ich jemals gegen den Gott sprach, das geschah um des wahrhaftigen, heiligen Gottes willen. Das geschah gegen den Götzen, den ich hasse, gegen den persönlichen Gott des im Heidentum steckengebliebenen Judentums."") Ein Mann, der nt i 1 solch glühender Begeisterung v o m Geist des Judentums spricht, k a n n der jüdischen Religion nicht gefühllos g e g e n ü b e r st e - h e n, kann nicht wünschen, daß sie rühmlos vom Schauplatz verschwinden soll; er wünscht, daß sie lebe. Dann aber muß sie die Vorbedingung für ihre Fortdauer erfüllen: sie „hat sich wieder dem Prophetismus öffnen, der einen Strom voll neuen Lebens durch alle ihre Teile ergießen wird."") Führen Brunners Gedanken und Forderrungen aus dem Judentum hinaus? Man hat das behauptet. Soweit es sich um seine politischen Forderungen handelt, hat er deutlich genug.gesagt, daß er aus dem Judentum lediglich die nationalen Elemente ausgeschieden wissen will, weil diese seiner Ansicht nach den Gang der Emanzipation hemmen. Wie aber steht es mit seinen religiösen Gedanken, wie steht es mit seiner Auffassung des „Jahweh echad"? Ist das noch Judentum oder nicht? Ich glaube, wir sollten mit Behauptungen wie die, Brunners Gottes begriff führe aus dem Judentum hinaus, äußerst vorsichtig sein. Der Religionsphilosoph I o s e s A l b o schreibt in seinem Werk Jkkarim: „...Dies zu schreiben (daß bei abweichenden Anschauungen über Auferstehung, jenseitige Vergeltung und dergl. nicht von Ketzerei gesprochen werden darf) hielt ich mich verpflichtet, weil ich sah, wie manche unbedeutende Menschen, die sich weise dünken, ihren Al und ohne Sinn und Verstand gegen große Denker aufreißen. Jedem, der weisen Herzens ift, muß es gestattet sein, über die Grund lehren der Religion nachzusinnen und die Schrift stellen so zu deuten, wie sie seiner Ansicht nach der Wahrheit entsprechen/"') Wollen wir uns von unserm Philosophen aus dem fünfzehnten Jahrhundert beschämen lassen und uns als Ketzerrichter über einen großen Denker ausspielen? Haben wir denn gar nichts aus unserer Geschichte gelernt? Wollen wir das Schauspiel, das unsere Vorfahren vor drei Jahrhunderten gegeben haben, als sie Spinoza ans ihrer Gemeinschaft ausstießen, wiederholen, indern wir den Spinozisten Brunner als -nicht zu uns gehörig von uns weisen? Brunner ist begeisterter Spinozist. Und warum? Weil, wie er sagt, Spinoza mehr als irgend ein anderer Jude dem wahren Gott gedient hat, weil Spinozas Ethik voll ist vom Geist des Judentums, indem sie mit dem Einen beginnt und mit der Liebe endet. Das aber genügt wahrhaftig nicht, daß wir einen Brunner nicht verketzern und seine Gedanken nicht als ans dem! Judentum hinausführend bezeichnen. Wir haben alle Ursache, einen Mann aufs höchste zu verehren, dessen ganzes Sinnen darauf gerichtet ist, die jüdische Lehre von dem rein geistigen Gott in ihrer schier unergründlichen Tiefe zu erfassen und sie uns in ihrer ganzen Erhabenheit und Heiligkeit vor Augen zu führen. „Man soll das Schkma Jisroel lesen mit Angst und Ehrfurcht, mit Zithern und Beben", fordert der Schulchan aruch. „Bei dem Lesen des ersten Satzes pflegt man die Augen mit der Hand zu bedecken, um in seiner Andacht durch nichts gestört zu werden/"«) Ich sehe Brunner förmlich vor mir, wie er, bevor er seine wunderbaren Gedanken über Jahweh echad in seinen Werken niederschrieb, die Hand auf die Augen legte, die ganze Welt um sich herum vergessend, um tief und immer tiefer einzudringen in das mystische Geheimnis des jüdischen Gottesbegrifss. Nicht anders als mit tiefer Ergriffenheit kann ich Brunners Ausführungen hierüber lesen. Es ist dieselbe Ergriffenheit, mit der ich die unvergleichlichen Schice hajichnd, die Lieder von Gottes Einzigkeit, lese; dieselbe Ergriffenheit, mit der ich am Morgen des Versöhnungstages den feierlichen Hymnus Ho-aderes weho-emunoh auf mich wirken lasse („Die Herrlichkeit und die Treue sind sein, des ewig Lebenden, die Harmonie und die Reinheit sind sein, des ewig Lebenden..."); dieselbe Ergriffenheit, die mich bei der Schilderung der göttlichen Einzigkeit in Gabirol s „Königs kröne" überwältigt. („Du bist einzig, und vor dem Geheimnis deiner Einheit stehen die Weisen voll Staunen... Du bist einzig: und dir eine Grenze zu setzen, bemühen sich meine Gedanken vergebens.") Es ist dieselbe Ergriffenheit, mit der ich mich in die Lehrsätze Spinozas über Gott als das absolut unendliche Wesen vertiefe. („Alles, was ist, ist in Gott: und nichts kann ohne Gott sein, noch begriffen werden.") Es ist dieselbe Ergriffenheit, mit der ich G o e t h e s einzig schöne Worte aus seinen „Sprüchen in Reimen" in mich aufnehme, in die er seinen Gottesglauben kleidet („Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße" usw.) oder sein berühmtes Gottesbekenntnis im „Faust" („Wer darf ihn nen- ,nen" usw.). Diese durch und durch jüdische und eben darum auch allgemein menschliche Auffassung von Gott als dem einzig wahrhaften Wesen, dessen Herrlichkeit und Heiligkeit das Weltall erfüllen und mit dem wir uns eins wissen: sie ist dazu angetan, in Tagen des Glücks uns vor .Hochmut und Uebermut zu bewahren und in Tagen tiefsten Seelenleids uns Halt und Stütze zu sein. Nun weiß ich sehr wohl, daß bei weitern nicht alle Juden die obige Auffassung von Gott teilen. Die Orthodoxen bekämpfen sie und tun 'es von ihrem Standpunkt aus mit Recht. Aber auch viele Liberale können sich mit dieser Auffassung nicht befreunden; sie glauben an den „persönlichem" Gott, und auch ihnen darf das Recht hierzu nicht bestritten werden. Nur dürfen sie ihrerseits nicht fordern, daß alle Liberalen ihre Anschauung teilen. Die im Jahre 1912 ausgestellten „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum" sprechen von dem einig-einzigen, rein geistigen, heiligm Gott; von dem „persönlichen" Gott sprechen sie nicht. ss) Das. S. 155 f. St) Das. S. 132. sö) Albo, Jkkarim I, 2. se) Schulchan aruch, Orach chajlm 61, 1 und 5. Es ist das schöne Vorrecht des Liberalismus, weitherzig sein zu könnem Möge er seine W e i t h e r z i g k e i t darin bekunden, daß e r d e r s p in o zi sti s ch - pa nt h e i sti s ch e n G o t t e s a u f f a s s u n g freudigen Herzens Raum gewährt aus der klaren Erkenntnis heraus, daß z n den B e k e n - n ern jener Auffassung jüdische Menschen gehören, die zu den tiesgläubigsten Naturen zu zahlen sind. „Zweifellos", bemerkt Rudolf Otto.in seinem vielgelesenen Werk „Das Heilige", „kann die Leugnung des Persönlichen in Gott sehr unfromm sein, und zumeist ist sie verkappte Atheisterei oder ein Verlegenheitsversuch, den Gottesglauben mit Naturgesetz und Naturalismus auszugleichen. Aber es wäre der allergrößte Mißverstand zu meinen, derartiges läge auch bei den Mystikern vor, wenn sie sich gegen das Persönliche sträuben."") ..Die Grenzen des Persönlichen sind flüssig, und sie vermögen nicht ganz .bei! Inhalt des Unfaßlichen und Unnennbaren zu fassen, der über sie hinausdrängt/"«) Auch der Jahweh des Alten Testaments ist mehr als ein „Gott" im nur personalen Sinne."") So hat Constantin Brunner denn nun vollkoinmen recht, wenn er von sich sagt: „Ich Exjudaeus et atheista (so nennt er sich gern in humorvoller Selbstironie) mag wohl ein seltsanrer Helfer der jüdischen Religion und der Juden erscheinen, bin aber dock am Ende ^ner."") Ja, er will und kann unserm Judentum ein Helfer sein, denn er ist in Wahrheit ein „Großer in Israel", eine Bezeichnung, mit der wir oft ein .wenig zu freigebig verfahren; bei Brunner ist sie am Platze. Tie Juden aber, „mögen sie hören oder es lassen, denn ein Haus der Widerspenstigkeit sind sie, so sollen sie doch wissen, daß .ein Prophet unter ihnen ist."") ") Rudolf Otto, Das Heilige, 5. Auflage, S. 227. -'*) Das. S. 229. ") Das. S. 231. 40) Von den Pflichten, S. 132. ") Ezechiel 2, 5. Hohe französische Auszeichnungen für Professor Carl Neuberg Professor Carl Neuberg, der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstituts für Biochemie in Berlin-Dahlem, hat auf Einladung der Societe Chimique de France und der Societe de Chimi'e Biologique in.Paris Borträge gehalten. Dem Gelehrten ist die Pasteur-Medaille, die Leblanc-Medaille und die Pasteur-Gedächtnis-Plakette verliehen worden. Der 1877 ni Hannover geborene berühmte Biochemiker wurde 1919 ordentlicher Professor, an der Universität Berlin. 1922 Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin und im gleichen Jahre Träger der Emil-Fischer-Medaille des Vereins deutscher Chemiker. Er hat auf dem Gebiete der Znckerarten, des Eiweißstofswechsels und der biochemischen Wirkungen des Lichtes epochale Entdeckungen gemacht und u. a. grundlegende Werke wie „Die Beziehungen des Lebeus zum Licht" veröffentlicht. An den Vorarbeiten zur Begründung der Hebräischen Universität in Jerusalem nahm er lebhaften Anteil. StresemanU'Mer in Maiuz Die Einweihung des Stresemann-Ehrenmals in Mainz, über die die politische Presse aller Richtungen und aller Länder ausführlich berichtete, ruft auch bei uns, gerade in den Wirren der letzten Wochen, das Gedenken an den großen Staatsmann wach. Die Vorgänge an den Universitäten in Berlin, München und Wien erinnern uns an den mannhaften! Kamps, den Gustav Stresemann zu seinen Lebzeiten gegen den Hochschulantisemitismus führte. In diesen Blättern konnten wir damals berichten, wie Stresemann den Allgemeinen Deutschen Studentenbund „ausdrücklich warnte, seine alten Ideale der Toleranz und Gleichberechtigung aufzugeben": auf seine Einwirkung war die Erklärung des A. D. B. zurückzuführen. daß „der Bund für sich jede' antisemitische Betätigung verwirft und seme Hauptaufgabe darin sicht, mitzuarbeiten an allen Ein'gunasbestrcbungen der Studentenschaft, über alle politischen, religiösen und Mstammungsnnterschiede hinweg- Es war für den Centralverein eine selbstverständliche Ehren- und Dankespflicht gegen diesen großen Staatsmann, der ebenso für die innere Befriedung in Deutschland wirkte, wie er für den Frieden zwischen den Staaten arbeitete, sich an der Aufbringung der Mittel für sein Ehrenmal zu beteiligen. Der Centralverein hat gleich vielen anderen Einzelpersönlichkeiten und Organisationen eine Marmorplatte für die Wand der inneren' Halte des Ehrenmals gestiftet und war bei den Einweihungsfeierlichkeiten in Mainz am 5. Juli dieses Jahres vertreten. Aus der Arbeit des Preußischen Landesverbandes l. Sonderausschuß für Wirtschaft-sragen. Vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden erhalten wir die folgende Notiz: Tie wirtschaftliche Notlage, von der immer weitere Kreise der jüdischen Bevölkerung Deutschlands ersaßt werden, beschäftigt bereits seit langem die maßgeblichen Instanzen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Neuerdings ist ein besonderes Dezernat für die sozial-wirtschaftlichen Fragen geschaffen worden, dem ein Sonderausschuß für Wirtschaftsfragen beigeordnet ist. Dieser trat am Montag, dem Ü. Juli 1931, zu einer ersten Sitzung unter dem Vorsitz des Herrn Bruno Woyda-Berlin zusammen. Einleitend betonte der Vorsitzende, daß es nicht die Ausgabe des Ausschusses sei, theoretische Erörterungen anzustellen, sondern praktische Hilfsmaßnahmen im Interesse der deutschen Judenheit durchzuführen. Aus diesem Grunde sollen auch weniger allgemeine Aussprachen stattsindeu, vielmehr solle in den Sitzungen jeweils eine Begrenzung auf bestimmte aktuelle Fragen erfolgen. In der ersten Sitzung standen insbesondere zwei Fragen zur Erörterung: der Ausbau des jüdischen Darlchnskassenwesens in Deutschland und die Durchführung von Siedlungsbestrebnngen. Neben den Ausschuß.mitgliedern Alfred Berger, Bankier Wilhelm Graetz, Robert Gutheim, R.-A. Horooitz-Franlsurt a. M. und Direktor Kareski nahmen auch eine Reihe bekannter Fachleute an den Beratungen teil, so Prof. Franz Oppenheimer, Prof. 1t. Julius Hirsch, Landgerichtsrat Tr. Lilienthal, Tr. Ollendorsf, Tr. Kreutzberger, Tr. Lamm, Dr. Loewensteiu, Adler-Rudel, Martin Götz und Marcus. In vielstündiger Beratung wurde der gesamte Fragenkomplex durchgearbeitet. Tr. Kreutzberger berichtete über den derzeitigen Stand der jüdischen Tarlehnssassenbewegung in Deutschland. Er schilderte die verschiedenen Rechtsformen der Darlehnskassen und befürwortete eine genossenschaftsähnliche Grundlage. Es wurde übereinstimmend für dringend notwendig gehalten, das Darlehnskasfenwesen weitestgehend auszubauen. Während zur Zeit nur in einigen größeren Gemeinden solche Darlehnstassen bestehen, soll darauf hingewirkt werden, daß in allen größeren jüdischen Gemeinden neue Kassen errichtet und insbesondere da, wo dies möglich ist, die lokalen zu Bezirks darlehnskassen ausgebaut werden, die den in kleinen Städten und aus dem Lande wohnenden Juden zugute kommen sollen. Ter Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat gemeinsani mit der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Inden eine Zentralstelle für Darlehnskassen geschaffen. Er hat 10000,— Mk. zinslos zur Verfügung gestellt, um das Kapital, das von den Darlehnskassen auf dem Kreditwege ausgenommen wird, bezüglich der Zinshöhe zn verbilligen. Die Schaffung eines Kapitalfonds ist ebenfalls bereits in Angriff genommen. Es wird mit Intensität daraus -ingewirkt werden, durch die Hergabe größerer Beträge zu erträglichen Bedingungen den Kreisen, denen die Existenz durch Darlehen gestützt oder ausgebaut werden kann, zn helfen. Zur Kapitalbeschaffung sollen alle in Betracht kommenden Hilfsquellen erfaßt werden. Hierbei ist insbesondere an staatliche Stellen und jüdische Institutionen des Auslandes gedacht. Ferner soll die Frage geprüft werden, ob das Vermögen von jüdischen Gemeinden, Stiftungen und Organisationen durch die Zentralisierung an einer Stelle als Grundlage für die Erlangung weiterer Gelder zum Ausbau des jüdischen Darlehnskassenwesens nutzbar gemacht werden kann. Das zweite Hauptthema des Abends war die Siedlung sfrage. In einem einleitenden Referat schilderte Herr Götz vom Reichsbund für jüdische Siedlung die rechtlichen Grundlagen der Siedlungstätigkeit in Preußen sowie das numerische, politische und wirtschaftliche Verhältnis der Juden in der Landwirtschaft und Gärtnerei zur Gesamtbevölkerung. Er legte die Gründe klar, aus' denen Juden au den allgemeinen interkonfessionellen Siedlungsbestrebungen in Deutschland nur in einer begrenzten Zahl 'teilgenommen haben, und erläuterte im einzelnen Art, Umfang und Rentabilität der jüdischen Siedlungen. Prof. Oppenheimer ergänzte diese Ausführungen in einer außerordentlich lebendigen und interessanten Schilderung. Er verwies ans die von ihm ins Leben gerufenen Siedlungen, insbesondere auf bije Äüter Eden und Bärenklau, die durch ihren genossenschaftlichen Aufbau sich besonders günstig entwickelt haben. Ec empfahl die von ihm befürwortete Siedlungsform auch eindringlich für die jüdische Siedlungstätigkeit. Wenn auch in der Landwirtschaft keine für alle Zeiten gültigen Rezepte möglich wären, so sei doch geioigi, daß, es Proletarier im Sinne der Stadtbevölterung in den Siedlungen nicht gäbe. Der jüdische Bevölkerungsrückgang in Deutschland mache eine stärkere Anteilnahme an den Siedlungsbeürebungen zur dringendsten Notwendigkeit. Durch den Anschluß! jüdischer Handwerker an jüdische Siedlungen werde die Neubildung und Erhaltung jüdischer Landgemeinden ermöglicht. Alsdann wurden die Möglichkeit und die Kosten der Ansiedlung von jüdischen Fam'lien auf dein Laude und die Absatzmöglichkeiten landwirtschaftlicher Produkte eingehend erörtert. Durch einen Antrag bei der Berliner Jüdischen Gemeinde soll das dem Reichsbund für jüdische Siedlung zum Ankauf des Gutes Groß-Gaglow gewährte Darlehn in eine Beteiligung bei der Jüdischen Landarbeit G. m. b. H. umgewandelt werden. Hierdurch dürfte die Erlangung erheblicher staatlicher Mittel für den Ausbau des Siedlungswerkes gesichert werden können. An die Gartenbauschule in Ahlem und das Lehrgut Geringhof wurden Subventionen bewilligt. Es wurde allgemein als sehr erfreulich empfunden, daß die Arbeit aus dem Stadium der rein theoretischen und allgemeinen Debatte herausgenommen ist und nunmehr ernsthaft Hilfsmaßnahmen in Angriff genommen werden. In weiteren Sitzungen sollen wieder andere Gebiete behandelt werden. II. Wohlfahrtsausschuß. Am Sonntag, dem 28. Juni 1931, tagte zu Berlin unter .dem Vorsitz von Landgerichtsrat Dr. Lilienthal der neugewählle Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. In eingehenden Beratungen wurden die in den diesjährigen Haushaltsplan für Woylsahrtszwecke eingesetzten Mittel nach genauer Prüfung der eingereichten Anträge den in Betracht kommenden Organisationen und Anstalten der Wohlfahrtspflege zugesprochen. Da gegenüber dem Vorjahre der diesjährige Betrag geringer war, mußte eine Reduktion aller laufenden Subventionen eintreten, und es konnten nur in sehr beschränktem Maße Anträge neuer Anstalten uird Verbände berücksichtigt werden. Der Ausschuß war sich darüber einig, daß auch in der neuen Wahlperiode grundsätzlich nur solche Wohlfahrtseinrichtungen durch den Landesverband subventioniert werden dürften, deren Wirkungskreis über örtliche und provinzielle Interessen hinausgeht. In erster Linie sieht der Ausschuß seine Aufgabe in der finanziellen Unterstützung der zentralen Wohlsahrtsorganisationen, da diesen die Beschaffung von Geldmitteln aus privaten Kreisen besonders schwer ich sowie in dem Ausbau der Stipendienfonds. Nur wenige Einzelanstalten und Einrichtungen von anerkannter Gesamtbedeutung konnten subventioniert werden. Ueber die Grundsätze, nach denen die Stipendiengelder auf die einzelnen Berufe verteilt werden sollen, fand eine ausführliche Aussprache statt. Mit Rücksicht auf die heutige Uebcrsülluny und die geringen Anstellungsmöglichkeiten in den akademischen und sozialen Berufen erschien es geboten, nur diejenigen jungen Menschen, die hervorragende Eignung und Begabung für diese Berufe mitbringen, zu berücksichtigen und für die Folge den heutigen Notwendigkeiten dadurch Rech^- nung zu tragen, daß die Hilfsmittel pes Landesverbandes aus die Ausbildung zu solchen Berufen konzentriert werden, die wenigstens auf längere Sicht gesehen eher Aussichten für gute Existenzmögllchkeiten bieteu, besonders auch auf handwerkliche Ausbildung. Außerdem wurde ein gewisser Betrag für hauswirtschaftliche Ausbildung bewilligt, auch soweit sie nicht auf die Ausbildung zu Anstaltsbeamtinnen hinzielt. Eine Erörterurm über den Ausbau des Arbeitsnachweiswesens führte zur Bereitstellung eines Betrages, der im wesentlichen zur Unterstützung der bestehenden Arbeitsnachweise im Reich verwandt werden soll. Im übrigen wurde die