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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-07-22 · 28-29 (22.7.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
28-29 (22.7.1931)
Date
1931-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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herausgebildet. Mau sagt etwa, man wolle zwar auch die jüdische Mehrheit in Palästina, aber es sei doch nicht empfehlenswert, das jetzt öffentlich zu fordern, wobei man offensichtlich vergißt, daß die Araber auch die Kongreß-Zeitung zu lesen verstehen und also auf einen formellen Beschluß nach derartigen Erklärungen nicht mehr zu warten brauchen. Oder man erklärt gar, daß man m!it den Arabern Palästinas in Frieden zu leben wünsche — wobei man dann in einem Nebensatz als selbstverständliche Voraussetzung des friedlichen Zusammenlebens die Anerkennung der national-jüdischen Forderungen für Palästina bezeichnet. Für wie dumm hält man doch die Araber und die Welt. Richard Lichtheim hatte völlig recht, wenn er demgegenüber betonte: „Hören Sie nicht auf die, welche Ihnen sagen, dies sei unklug und unvorsichtig. Die Welt weiß längst, was Zionismus ist. Glauben Sie, Sie werden mit einer neuen Deutung die Welt überzeugen?" Lassen wir in der Frage der Mehrheitssorderungen die Parteien aufmarschieren. Der Führer der Arbeiterpartei, Tr. Arlosoroff, entwickelte einen Plan, nach dem eine Durchschnittseinwanderung von 20 000 Immigranten im Jahre gesund im Wirtschaftsleben des Landes verwurzelt werden soll. I. Ben Gurion, Vertreter der Arbeiterpartei Palästinas, führte aus: „Wenn ivir in Palästina so wie in allen anderen Ländern eine Minorität unter den Nichtjuden bleiben, wenn wir uns auch in Palästina nur auf unseren Geist stützen werden, ohne Förderung der Materie in Arbeit und Wirtschaft und eigenem Leben, wenn Sie glauben, daß dann die Atmosphäre von Palästina und die historischen Erinnerungen des Landes uns vor dern Schicksal der Diaspora schützen würden, so irren Sie sich. We,m tvir in Palästina eine Minorität sein werden, fern von den Urquellen des Schaffens und der Arbeit, vorn Boden getrennt, fern von jedem weiten volkslümlicheu Leben, das seine Kräfte aus dem Boden zieht, ohne daß wir selbständig sind in ivirtschastlicher, kultULeller und politischer Hinsicht und ohne daß wir zu einer großen volkstümlichen und selbständigen Macht werden, tvird das Schicksal der Diaspora, das Schicksal der Assimilation und des Hinsicchens in kultureller und physischer Hinsicht uns auch in Palästina treffen. Und unsere Arbeit im Land hat nur dann einen Sinn und eine Zukunft, wenn >vir den Millen und den Glauben haben, daß tvir im Lande die Grundlagen unseres Lebens ändern und in Palästina keine neue Galuth schaffen, sondern eine große, selbständige jüdische Nation errichren, die von ihrer eigenen Wirtschaft, ihrer Kultur und eigenen Arbeit lebt." Ein anderer Sprecher der gleichen Partei, Meir Jaari, meinte: „Wir kämpfen für die Befreiung der jüdischen Volksmassen, wir wollen die territoriale Konzentration der Mehrheit des jüdischen Volkes i n Palästina und seiner Umgebun qDie Aeußerungen der Allgemeinen Zionisten sind ebenso klar wie sie unklar sein sollten. Kurt Blumeuseld machte die Feststellung: „Ich habe immer Erklärungen abgelehnt, die mit einem Verzicht aus Mehrheitswerdung verbunden sind." Und er fügte hinzu: „Sie diskreditieren den Mehrheitsgedanken, indem Sie nämlich ein leeres Wort aus einer Sache machen, die politisch erarbeitet werden soll." Andere Angehörige der Allgemeinen Zionisten waren noch deutlicher. So Jacob Fishman: „Wenn Jabotinsky einfach und klar bewiesen hat, daß die Losung, die wir jetzt herausbringen wollen, in den Worten: „Wir wollen eine jüdische'Mehrheit zu beiden Seiten des Jordans" bestehen soll, so ist dies, glaube ich, sehr erwünscht und niemand von uns wird dagegen sein. Wenn Jabotinsky diese neue Formulierung durchsetzt, so rennt er meiner Meinung nach damit offene Türen ein." Suprasky: „Und wenn wir hier auf dem Kongreß von einer jüdischen Mehrheit in Erez Israel sprechen — und ich glaube, daß beide Parteien, sowohl diejenigen, die es für richtig halten, daß man offen über eine jüdische Mehrheit spricht, wie diejenigen, di« es nicht für gut halten, darüber zu sprechen, eine jüdische Mehrheit anstreben — so sollte man nicht vergessen, daß das wichtigste Mittel zur Erweiterung des jüdischen Jischüw in Erez Israel die Entwicklung der Industrie ut." Es kann darauf verzichtet werden, Aeußerungen der Misrachisten, Radikalen und Revisionisten zur Mehrheitsfrage wiederzugeben. Daß sie die programmatische Forderung nach der jüdischen Mehrheit in Palästina unterstützen oder richtiger erheben, ist ja bekannt. Auch auf anderen politischen Gebieten ist der Unterschied zwischen Revisionisten und Allgemeinen Zionisten oder Vertretern anderer Richtungen oft mehr Temperamentssache als grundsätzlicher Art. So macht cs beispielsweise stutzig, wenn Dr. Rufeisen (Allgemeiner Zionist) betont: „Nie werden Wir unsere Ideale geographisch begrenzen." Oder wenn ein anderer Allgemeiner Zionist, Dr. Osias Thon, offen die Forderung nach dem Judenstaat unterstützt. In Palästina ist eine arabische Mehrheit der Bevölkerung. Ich will nicht sagen, daß die Zionisten die Araber verdrängen wollen. Ich will nicht einmal sagen, daß die Zionisten die Araber beherrschen wollen. Aber kann man es dennoch den Arabern verargen, wenn sie sich in ihrer Heimat nicht zur Minderheit durch immer wertere zionistische Immigration machen zassen wollen? Auch bei vollkommenster Anwendung nationalen Minoritäten-Rechts wird es noch immer angenehmer sein, Mehrheit als Minderheit zu sein. Wäre es gleichgültig, das zionistische Streben imd/ der Mehrheit wäre sinnlos. Die Araber wehren sich gegen zionistische Masseneinwanderung, und niemand, der das'Selbstbestimmungsrecht der Völker schätzt, wird ihren Standpunkt ablehnen können. Sie wehren sich auch gegen den Verkauf des Bodens Palästinas an die Juden. Kann man ihnen diesen ihren Standpunkt verdenken? Ussischkin, der Vorsitzende des Direktoriums des Keren Kajemeth Lejisraet, hat auf dem Kongreß den Satz geprägt: „Wem der Boden gehören tvird, der wird der Herr des Landes sein," und er hat diesen Satz noch ergänzt: „Unsere Hoffnungen, unser Volk, unsere Organisation, alles hängt vom Boden ab. Werden wir den Boden unter den Füßen haben, sind 20 Paßfields für uns nicht gefährlich. Haben wir den Boden nicht, werden 20 Balfours uns nicht helfen. Juden für Erez Israel werden wir immer bekommen. Aber Erez Israel für die Juden ist eine Frage der nächsten Jahre. Darum brauchen wir den Boden. Mit dem Boden stehen wir und mit dem Boden fallen wir." Kann man es den Arabern verdenken, wenn sie den Bodenverkauf an die Juden verhindern wollen? Palästina gehört zu den A Mandaten des Völkerbundes, die in absehbarer Zeit in Selbstverwaltung übergeleitet werden sollen. Der Irak ist vor kurzem in den Völkerbund bereits ausgenommen worden und es verlautet, daß Frankreich für Syrien ähnliche Pläne hegt. Dann wird es nur noch ein A-Mandatsland geben, Palästina. Wird man diesem noch lange das Parlament verweigern können? Kommt das Parlament in Palästina, das in dem Paßsield'schen Weißbuch bereits angekündigt ist, und über das sich der MacDonald- Brief an Weizmann völlig ausschweigt, so ist damit das Ende des Zionismus, das Ende seines „Historischen Rechts" gekommen. Jabotinsky sieht auch hier klar die Gefahr. Er spricht sie offen aus und zeigt seine — die zionistische — unmögliche Lösung: „Ich glaube, der Kongreß muß dieseu Standpunkt einnehmen und gegen irgendwelche Form von verfrühten pseudo-parlamentarischen Institutionen in Palästina Stellung nehmen. Man sollte dabei die Frage der „Gerechtigkeit" nicht unaufrichtig gegen uns ins Spiel ziehen. Ist es gerecht, daß inan das Recht der Juden aus Rückkehr nach Palästina anerkannt hat — dann ist jede Maßnahme, die diese Rückkehr unmöglich macht, ungerecht. Hat man erkannt, daß noch nicht alle Bürger Palästinas im Lande sind, dann ist es nicht gerecht, der heute anwesenden Bevölkerung parlamentarische Institutionen zu geben, die die Repatriierung der anderen verhindern." * * # Die Resolutionen. Gegenüber der Bedeutung dieser Diskussion über das „Endziel" verblaßt die Bedeutung der angenommenen Resolutionen. Hier kam es nicht mehr auf die erwünschte Klärung an. sondern aus Diplomatie nach allen Seiten. Immerhin zeigt schon die Tatsache, daß man sich mit der früheren Formulierung des Baseler Programms nicht mehr begnügte, sondern eine neue Zielsetzung für erforderlich hielt, die Schwierigkeiten der Verwirklichung. Weizmann hatte der Jüdischen Telegraphen-Agentur während des Kongresses ein Interview gewährt, in dem er gegen einen Beschluß im Sinne des Strebens nach der Mehrheit in Palästina sich äußerte. Dieses Interview nahm man zum Anlaß, um den von Weizmann vertretenen Gedankengang durch eine Resolution abzulehnen. Nachdem so nach der negativen Seite eine eindeutige Abgrenzung — und zugleich der endgültige Sturz Weizmanns — vorgenommen war, erfolgte unter Ablehnung einer revisionistischen Resolution die Annahme einer Entschließung, die, wie der Berichterstatter sagte, „eine entschiedene Zurückweisung beffett darstellt, was wir die liquidatorischen Tendenzen im Zionismus nennen". Sie lautet: Angesichts der wiederholten Versuche, das Wesen des Zionismus zu entstellen, erklärt der 17. Zjonistenkongreß: Der Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes. Er hält an seinem im Baseler Programm nieder-- gelegten Ziel unerschütterlich fest, in Erez Israel die Lösung derJudenfrage herbeizusühren. Das heimatlose, landlose, zur Auswanderung drängende Volk will durch seine Wiederverwurzelung in seinem historischen Heimatland auf dem Wege einer ununterbrochenen Einwanderung und Ansiedlung seine wirtschaftliche, geistige und politische Not überwinden und in Erez Israel sein mit allen Merkmalen eines normalen Volkslebens ausgestattetes nationales Dasein erneuern. Ter Kongreß weist jeden Versuch, dieses Ziel des Zionismus zu verkleinern, mit Entschiedenheit zurück. Die Resolution wurde später von dem Präsidenten Motzkin noch ausdrücklich dahin interpretiert, „daß der Zionistenkongreß keinen Beschluß gefaßt hat, der im Sinne einer Verhinderung eines umfassenden Nationalheims mit einer jüdischen Massensiedlung gedeutet werden könnte und die Hintanhaltung des Entstehens einer jüdischen Mehrheit sanktionieren würde." In einer anderen Resolution, die auf Vorschlag der Immigrations-Kommission angenommen wurde, beißt es: „Die freie jüdische Immigration nach Palästina, deren Regelung der Jewish Agency anheimgestellt werden soll, ist die Grundlage des Palästina-Aufbaus." Und damit man auch ja jeden Vergleich mit reaktionären Tendenzen anderer Völker aushatten kann, ist in einem weiteren Beschluß die Verpflichtung ausgesprochen worden, „das Prinzip jüdischer A rb e i t i n d er jüdischen Wirtschaft zu verwirklichen." Nun, die Resolutionen werden den Laus der Welt nicht ändern. Aber eins machen sie klar: daß dieser Kongreß mit der Realität nichts zu tun hatte. Konnte er es? T i e Anerkennung der Realität würde den Verzicht auf den Zionismus bedeuten. Und das von einem Zionistenkongreß zu fordern, ist wohl nicht angängig. * * * Die neue Exekutive. Vierzehn Jahre hat HLeizmann die zionistische Organisation geleitet. Jetzt ist er, sifty-fisty, gegangen und gestürzt worden. Sein Nachfolger ist Nahum Sokolow, dessen Mitarbeiter in der Exekutive sein werden: Dr. Arlosoroff, Prof. Brodetsky, Farbstein, Locker und Newman. Gegen die Wahl der Exekutive gaben die Revisionisten, die Radikalen und Blumenfeld für die Gruppe A der Allgemeinen Zionisten Erklärungen ab. Man wird die Taten'der neuen Exekutive abwarten müssen, ehe man ein endgültiges Urteil abgeben kann. Ist sie doch sehr heterogen zusammengesetzt. Soviel aber läßt sich wohl bereits jetzt sagen: Ihre Autorität wird tön Vergleich mit der Autorität früherer Exekutivbildungen stark beeinträchtigt sein, und ihr Zustandekommen — der Präsident Sokolow wurde mit den Stimmen der Revisionisten gewählt! — stellt eine schwere Belastung dar. Die vonWeizmann Zu Friedrich Gundolss Tode Ein Fürst im Reiche des Geistes ist mit diesem großen Künstler und großen Gelehrten dahingegangen, ein Künder und Deuter deutscher Kultur, wie ihn unser Vaterland bisher selten hervorgebracht hat. Erst 51 Jahre alt! Er war der erste und bisher einzige Germanist, der in solcher Vollendung eine Synthese von formend-kläreuder Wissenschaft und darstellender Kunst in sich vereinigte, daß seine Persönlichkeit fortan geradezu den Maßstab für einen idealen „Literaturprofessor" abgeben kann. Von seiner Wirksamkeit und seinem Schaffen an datiert eine neue und höhere Art der Literaturbetrachtung, eine neue Periode geistesgeschichtlicher Darstellungskunst. Seine berühmten Werke warfen nicht mehr hauptsächlich Fragen nach dem „Woher" des Stoffes auf, nach der aktiven oder passiven Beeinflussung des Dichters, nach seinem Ideengehalt, sondern sie stellten, zur Dichtung erhöht und verklärt, das Einmalige, Göttliche, Zeitentwandte der Großen im historischen Geschehen dar. Nur jemand, der selbst ein Dichter ist, kann einem großen Dichter ganz gerecht werden. Alle psychologischen, philologischen und historischen Kategorien erschöpfen das Wesen derber Kunst nicht. Die Schönheit und die Poesie einer Rose z. B. kann der Botaniker, der Morphologe oder Bhologe allein nicht erfassen! Friedrich Gundelsinger war abgesehen von seinem überragenden Gelehrtentum ein begnadeter Dichter und seine wundervollen Monographien über Shakespeare, Goethe, Kleist, Cäsar und George sind gleichzeitig — eins so groß wie das andere — vollendete wissenschaftliche Darstellungen und vollendete Kunstwerke, deren Glanz noch in kommende Zeiten strahlen wird. Es ist hier nicht der Ort, die Bedeutung dieses Mannes im deutschen Geistesleben der Gegenwart und in der deutschen Geistesgeschichte zu würdigen. Seine Wirksamkeit und die Kenntnis seiner Bedeutung wird ja in den kommenden Jahrzehnten immer mehr zunehmen, in demselben Maße, wie man sich seiner Einzigartigkeit bewußt werden wird. Was uns hier interessiert, was gerade in gegenwärtiger Zeit als bedeutungsvoll-typisch festgestellt werden muß: Gundeifinger war Jude, entstammte einer alten, angesehenen, süddeutschen jüdischen Familie, die schon mehrere Gelehrte hervorgebracht hat. Sein Vater war der scharfsinnige Mathematikprofessor Gundelsinger,' Friedrichs Künstlertum stammte wahrscheinlich aus seiner Familie mütterlicherseits. Im persönlichen Gespräch sagte Gundolf, der ein überaus schlichter und einfacher Mensch war, einmal: „unbescheiden und überheblich kann mich niemand schelten, das allereinzige, worauf ich mir etwas einbilde, ist meine jüdische Abstammung, meine Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe, dxren Ideal zu allen Zeiten Evidieruug höchster seelischer Kultus war!" In den heutigen verwirrten Zeiten, da an vielen deutschen Universitäten unreife, zum Nachdenken unfähige Studenten ihr geistloses „Juda verrecke" und „Deutschland erwache" schreien, muß wieder mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß für die deutsche Kultur oft jüdischer Geist ein ganz besonders fähiger, intuitiver und berufener „Künder und Deuter" war und ist. Daß der feinste und künstlerischste Kops unter den deutschen Germanisten, Gundolf, ein Jude war, ist ebensowenig ein Zufall wie die Tatsache, daß einst der erste Propagat'or Richard Wagners (Hermann Levy), der erste, der Hebbels Größe erfaßte (Kuh), der erste der Hans Thomas Malerei gebührend würdigte (Lilienthal usw. Juden waren. Zwischen bestem deutschen und bestem jüdischen Wesen besteht ejne tiefe Affinität, eine ausgesprochene seelische, Verwandtschaft — allen Fanatikern (auch unter den Zionisten) zum Trotz! Und dies ist garnicht einmal verwunderlich oder rätselhaft. Die deutschen Genien waren gottbegnadete „Gestalter" in der menschlichen Geistesgeschichte, und der jüdische Genius hat von je zuerst und am 'stacksten das Göttliche irr allem Sein erfühlt und verkündet. Friedrich Gundolf war die bewundernswerteste und reinste Personifizierung eines Typs, den Deutschtum und Judentum gleichermaßen fiebenb verehren dürfen, und aus den sie beide gleichermaßen stolz sein können. Dr. Ludwig D a v i d s o h n - Berlin. Studevkenkrawalle vor 100 Zähren Tie unerhörten Vorgänge an der Berliner Universität, die ja letzten Endes in der provokatorischen, unduldsamen Hattune der Hakenkreuz-Studenten ihre Ursache haben, rufen die Erinnerung an ganz ähnliche Ereignisse wach, die sich kürz nach der Gründung der Berliner Hochschule, im Jahre 1811, zutrugen. Tie vergilbten Akten aus dieser Zeit geben einen interessanten Einblick in die damalige Konfli'ftstiiumung, in deren Verlauf kein geringerer als Fichte, der zweite Rektor der Universität, sich der schutzlosen jüdischen Minderheit bis zur Selbstaufopferung annahm. Einer der wenigen jüdischen Studenten an der Berliner Universität war damals der Mediziner Brogi. Dieser fleißige Studiosus hatte öfter Streitigkeiten mit seinen andersgläubigen Kommilitonen, die zuerst noch rm Rahmen gegenseitiger Neckereien blieben. Einer seiner Landsleute, Melzer, jedoch, wollte ihn zu einem Dnelt provozieren, worauf sich Brogi nicht eiuließ. Melzer, in seiner Studenteuehre gekränkt, lauerte nun Brogi auf und schlug ihn auf dem Platz vor der Universität (übrigens an derselben Stelle, wo auch die jüngsten Vorkommnisse sich abspielten) mit einer Reitpeitsche. Der Rektor Fichte, dem der Sachverhalt vorgetragen wurde, wollte gegen diesen Exzeß des antisemitischen Studenten mit gebührender Schärfe einschreiten. Aber er fand Widerstand im Senat, besonders bei dem nachmaligen Kultusminister Eichhorn, sowie bei Schleiermach,er, der dafür eintrat, daß nicht der Senat, sondern allein, das studentische Ehrengericht über diesen Fall zu entscheiden habe. Fichte wurde mit seinen wenigen Anhängern überstimmt, die für eine strenge Bestrafung des Raufboldes Melzer eintraten. Emer von ihnen, der Philologe Böckh, forderte, daß der Beleidiger von der Universität ausgeschlossen werden müsse, da sonst die Genugtuung nicht vollständig sei. Tie Streitigkeiten wiederholten sich. Wieder war es Brogi, der eine Senatsverhandlung heraufbeschwor. Diesmal war er geohrfeigt worden, und wieder ergriff Fichte seine Partei, um nochmals auf den Widerstand seiner Gegner zu stoßen. Fichte glaubte in dieser neuen Tat eine Auflehnung gegen die akademische Obrigkeit zu sehen, die einzig der Entscheidung des Rektors obzuliegen habe. Doch auch diesmal schien er der Ueberzahl im Senat weichen zu müssen. Aber noch bevor die Entscheidung fiel, bat er, von seinem Amt entbunden zu werden, da ihm sein Gervisscu verbiete, noch länger die Verantwortung sür die Folgen zu übernehmen. Nach Fichtes Abgang wurde besonders gegen Brogi, also gegen den Beleidigten, eine harte Strafe verhängt. Das Kulturdeparte-' ment, damals noch dem Innenministerium angegliedert, gab jedoch nach längerem Zögern Fichte Recht, und der Senätsbeschluß wurde aufgehoben, die Strafe Brogis ermäßigt. Fichtes Entlassung wurde genehmigt, sie kam sogar sehr gelegen, da er wegen seiner „Reden an die deutsche Nation" bei den französischen Behörden nicht gern geschen war. Es wäre zn wünschen, daß jeder Nachfolger aus Fichtes Platz ein wenig von dem Gerechtigkeitssinn und der unbeugsamen Charakterstärke dieses großen Deutschen und Menschenfreundes iu seiner Amtsführung sich zu eigen machte. Tonn wäre auch die Gewähr dafür gegeben, daß, die beschämenden Vorfälle feiger Verfolgung einer jüdischen Minderheit srch nie mehr wiederholen, die den wissenschaftlichen Ruf der Berliner Universität in der ganzen Welt schädigen. Dr. Willy Blumenthal.

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