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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-07-22 · 28-29 (22.7.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
28-29 (22.7.1931)
Date
1931-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWch KberaleZellung Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Die Vereinigung für da« liberale Zudentum übernimmt nur für diejenigen AuffShe, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in »yrem Aufträge verfahr gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aeuhemngen und Vorschläge erscheinen unter der Verautwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11. Hallesche Slr. 1 Fernruf: Bergmann 3353, 3350 Postscheckkonto. Berlin TW 7, 137069 (Bereinigung für das liberale Judentums -lachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. «**» Anzeigenpreise: Die 12getpalt.Nonpareillezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle n. fämtt. Annoncen-Expedit. Nr. 28/29 _Berlin, 22. Juli 1931_11. Jahrgang Notzeit — Not liegt über dem deutschen Volk; Not und Zusammenbruch gehen um unter uns, Tage des lähmenden Entsetzens liegen hinter uns; Tage der Not — wer wird es oerkenneu — liegen vor uns, selbst dann, wenn es dem vereinten Verständigungswillen der Regierungen gelingt, das Aeußerste abzuwenden. Schwer ist unser Schicksal. Und insbesondere die heutige Notzeit macht es zur gebieterischen Pflicht für jeden, daß er sich besinnt und fragt, ob ihm nicht ans der allgemeinen Situation besondere Pflichten erwachsen. # Wir deutschen Juden, und auch wir liberalen deutschen Juden, verteilen uns auf alle gesellschaftlichen Schichten, auf alle politischen Parteien, und so kann kein altgeiueiugültiges Wort arr uns ergehen, wohin wir, als Deutsche, uns zu orientieren haben. Wie aber auch der einzelne sich entscheiden mag, sein Denken und Handeln lnuß getragen sein vom Ethos der Religion, vom Geist des Judentums. Gerade von uns Juden sollte man fordern dürfen, daß die Erfahrungen zweier Jahrtausende uns zur Erkenntnis unserer Pflicht führen, die Erfahrungen einer isolierten, von Gefahren bedrohterr Gemeinschaft, die um sich Furcht und Mißtrauen und Abneigung sieht. Wir wissen: kein Appell an die Gewalt hilft und kein wildes Aufbegehren der Leidenschaften; nur der Geist der Solidarität und der Opferwilligkeit kann helfen. Jede Mafsenstimmung ist heute Gefahr: nrag es der Geist der Panik sein, der umgeht, der Geist des „Rette sich, wer kann", oder mag rine Welle der Feindseligkeit gegen andere Völker durch das Land gehen. Was wir brauchen, was gestärkt hervorgehen möge aus dieser Kr'senzeit, es ist der Geist der Solidarität. Der Geist der Solidarität unter den einzelnen Menschen und unter den Völkern. Nie ist es so sinnfällig gewesen wie in den Wochen, d'e hinter uns liegen: was aus der Erkenntnis der schicksalhaften Verbundenheit Aller entspringt, die Einsicht in die Notwendigkeit des Einstehens aller füreinander, ist zum Segen. Der 'kurzsichtige Wunsch aber, in der allgemeinen Not nur d'e nächsten eigenen Interessen zu wahren, führt zum Chaos. Haben wir doch gesehen, — nachdem die dem Bewußtsein von der Solidarität aller Völler entsprungene Aktion der amerikanischen Regierung dre Verwirrung zunächst zu bannen schien. — daß dann doch das an sich verständliche Bestreben der französischen Regierung, dem eigenen Volke so weit wie möglich Opfer zu ersparen, über große Teile der Welt die Verwirrung gebracht hat, die schließlich auch ihr eigenes Volk zu berühren begann. Und in Deutschland haben'wir erlebt, wie es nicht der Zusammenbruch einer Großbank an sich gewesen ist, sondern vielmehr das Streben jedes einzelnen, sich vor jeder Gefahr zu sichern, welches die Katastrophe herbeizufübreu drohte. Wir haben gesehen, wie es nur die Gefahrengemeinschast aller Volksgenossen gewesen ist, die das Gesetz schuf und durch die jedem auferlegte Bescheidung zugunsten aller das Schlimmste abzuwenden vermochte. Die nüchterne Ueberlegung sollte heute jedem sagen: wer rücksichtslos nur seinen eigenen allernächsten Interessen des Augenblicks dient, der trifft tätlich das Ganze und damit auch sich selbst. Was heute aber bei den einzelnen wie bei den Völkern und ihren Regierungen nur die Erkenntnis einer ehernen Notwendigkeit ist, das mag in der Lehre dieser Zeit zum Geist der Menschen werden. Wir Juden haben stets die Gemeinde der Gemeinbürgschaft des einen für den anderen fein wollen. Bewähren wir das heute. Sorgen wir, jeder an feiner Stelle dafür, daß der Geist der Panik und der rücksichtslosen Selbstrettung gebannt wird, daß so der Privatmann hne der Kaufmann heute und immer nicht ebenso verwerflich wie kurzsichtig nur danach streben, wenigstens für sich selbst jede finanzielle Unsicherheit zu vermeiden und zu beseitigen. Nur der Geist gegenseitiger Rücksicht und Hilfe darf uns leiten. Wegen wir mit neuem Nachdruck und ohne Angst auch'in weniger krisenhaften Zeiten den Geist der Solidarität unter den Völkern. Wenn ui diesen Tagen die unendlich wehmütige Trauermelodie des Neunten Ab in unseren Gottesdiensten erklingt, so mag uns der Smn unserer Zerstreuung unter die Völker bewußt werden. Als Glieder dieser Völker leben wir; die Verwirklichung jüdisch»-religiösen Geistes soll ihnen allen dienen, der ganzen Menschheit, und in ihr erst auch uns selbst. Aber auch im Hinblick auf unsere engere Gemeinschaft erwachsen uns aus der allgemeinen Not heute Pflichten. In der vorigen Nummer stand hier ein Artikel: „Die Not der Gemeinden". Diese Not ist durch die letzten Ereignisse unendlich verschärft. Es hat keinen Sinn, Zahlen zu nennen, denn die kann niemand vorher wissen. Sicher ist aber, daß in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands mit erheblichen Steuerrückgängen gerechnet werden muß. Nun ist es aber der Stolz unserer Gemeinden, daß sie in dieser Zeit der Not nicht nur ihre Waisenhäuser, Krankenhäuser, Altersheime usw. aufrecht erhalten, sondern ihr Wohlfahrtswesen auch aus al5emeinere Aufgabengebiete mannigfaltiger Art ausgedehnt haen, wie sie durch die Erfordernisse der Gegenwart sich ergeben Wchienzeit haben. Alle diese Leistungen der Gemeinden und auch der Landesverbände, in denen die Gemeinden zusammengeschlossen sind, wenn sie auch auf unseren engeren konfessionellen Kreis beschränkt find, gehen doch innerhalb unserer deutschen Gesamtheit vor sich. Die Finanzen der Gemeinden sind durchweg gesund; es sind Vermögenswerte vorhanden, und die Gemeinden sind in ihrer vollen Kreditfähigkeit unerschüttert. Zur Erfüllung ihrer laufenden Ausgaben aber bedürfen sie ihrer laufenden Einnahmen, und ist hier — unzweifelhaft — mit einem Ausfall zu rechnen, so müssen pünktlich geben Alle, die geben können. Das Bewußtsein von dieser Pflicht zu stärken, das ist heute die vornehmste Aufgabe der jüdischen Parteien. Deshalb müssen auch die Oppositionsparteien ihre Oppositionspolitik auf ruhigere Zeit vertagen, müssen dessen eingedenk fein, daß mit in Deutschland aufgebrachten Steuergeldern nur deutsche Ausgaben erfüllt werden dürfen. Wir haben tiefstes Mitleid mit den Glaubensbrüdcrn in Saloniki, und gerade wir deutschen liberalen Juden haben seit Jahrzehnten durch Taten bewiesen, daß unser jüdischer Gemeinsinn vor den Grenzpfählen des Deutschen Reiches nicht haltmacht; aber die Gemeinden müssen sich mehr als je auf die zu leistende Nothilfe in ihrem eigenen Aufgabengebiet konzentrieren, andernfalls liefern sie den Säumigen Vorwände und gefährden sich selbst: wenn das eigene Hans brennt, kann man in der Nachbarstraße nicht löschen; selbst das Haus des Bruders nicht. Notzeit ist Pflichtenzeit, Ihr jüdischen Brüder und Schwestern, vergeht das nicht!. Vergeht es nicht gegenüber Euren Gemeinden, aber vergeßt es auch nicht gegenüber Euren Organisationen. Freilich scheint es das Bequemste, die eigene Lage zu erleichtern, indem man sich von öffentlichen Aufgaben zurückzieht. Aber alle die großen deutschjüdischen Organi- Träume können Wege weisen. Träume können auch Irrwege weisen. Das Traumland des Zionismus ist mit dem Palästina der Wirklichkeit nicht identisch. Dessen Größe und dessen Bevölkerungsverhältnisse lehren die Unerfüllbarkeit des zionistischen Traumes. Als während des Krieges und bald nach seiner Beendigung die hohe Politik den Versuch der Verwirklichung des Zionismus zu ermöglichen unternahm, da waren neben kriegspolitischen Erwägungen insbesondere zwei ethische Motive anlaßgebend: die Hoffnung, die Judennot in Osteuropa durch das zionistische Palästina zu beseitigen und der Glaube, bei der Neuregelung der Rechte der Völker auch denen, die sich als jüdisches Volk empfanden, einen Platz in der Welt sichern zu müssen. Weshalb man Palästina wählte? Weil die Hoffnungen „des jüdischen Volkes" dorthin gingen und weil man glaubte, für Palästina aus Grund „historischen Rechtes" noch am ehesten die Erfüllung nationaljüdischer Forderungen entgegen dem Willen der Landesbevvlkerung rechtfertigen zu können. Der Zionismus erschien als ein Werk der Wohlfahrt, der Gesittung und des Friedens. Der Zionismus unterliegt in der Gegenwart einem neuen Urteilsspruch. Die furchtbaren Ereignisse in Palästina während der letzten beiden Jahre haben jeden denkenden Politiker den Gefahrenherd erkennen gelehrt, der sich in Palästina durch den Beginn der zionistischen Verwirklichung gebildet hat. Noch zögert England. Soll es weiterhin das zionistische Experiment unterstützen, selbst auf die Gefahr hin, daß an diesem Punkt Palästina durch geeinte Opposition der arabischen Welt das britische Imperium aus den Angeln gehoben wird? Kann es sich hier durch die Beachtung des alten Grundsatzes vom bitifce et impera behaupten und den Pelz waschen, ohne ihn naß zu machen? Oder soll es die den Zionisten gemachten Hoffnungen enttäuschen, die Versprechungen widerrufen? Noch zögert England. Noch sagt es ja und tut es nein. Aber man kann wohl, auch ohne als Prophet gebaren zu sein, heute schon sagen ,daß auch das Ja-Sagen Englands nicht mehr von Dauer sein wird. Denn nicht' nur die Meinung Englands, die Meinung der Welt über den Zionismus wandelt sich. Ist es nicht schon recht still um all die Pvo- Palästina-Komitees geworden? Heute, in dem Chaos der Welt, sehnt sich die Menschheit mehr denn je nach Frieden. Frieden aber kann nur sein, wenn das Rocht der Gegenwart gilt, wenn dieses Recht der Gegenwart nicht aufgehoben oder beeinträchtigt wird durch vermeintliches historisches Recht. Noch zögert England. Kein Wunder, daß siine schon bisher nicht eindeutige Politik in Palästina immer stärker, sowohl von jüdischer wie von arabischer Seite, dem Vorwurf der Doppelzüngigkeit ausgesetzt ist. Stephen Wise hat auf dem Kongreß diesen Vorwurf mit einem gleichen gegen die Die nächste Doppel - Nummer erscheint Mittwoch 5. August (Redaltionsschluß Sonnabend, 1. August, vormittags). Bereinigung für das liberale Judentum E. V. fationen, den Eentraloerein, die Großloge N. O. B. B., die Frauen- und Hitfsvercine jeder Art, die wissenschaftlichen und Weltanschauungsverbände, nicht zuletzt unsere eigene Vereinigung für das liberale Judentum — Ihr deutschen Juden und'Jüdinnen, Ihr selbst habt sie geschaffen, weil Ihr ihre Arbeiten als unentbehrlich erkanntet. Laßt Euer eigen Werk nicht im Stich; noch einmal: Notzeit ist Pflichtenzeit. Not liegt über uns, und schwer ist unser Schicksal; unsagbar schwer besonders das Geschick der jüngeren Generation. Krieg und Inflation und wirtschaftlicher Zusammenbruch haben den Weg der Jugend gekreuzt. Furchtbare Not, Aussperrung von aller Arbeit, Zuasnunenbruch aller Hoffnungen, lähmende Verzweiflung, und manchmal die natürliche Reaktion darauf: der Exzeß der Lebensfreude — das sind Die Faktoren, die unserer Jugend Schicksal und Charakter formen. Was Wunder, wenn diese Menschen zerbrechen, wenn sie sich in die laute Phrase flüchten und in die brutale Gewalttätigkeit?! In den Jahren, die für ihre Entwicklung entscheidend find, und in den Wirbeln der Zeit bedarf die Jugend doppelt des Haltes; geistig und materiell muß ihr geholfen werden. Sie muß es als Vorbild sehen, daß die Aelteren den Geist der Opferwüligtcit und Solidarität bewähren; und ihr muß auch die Frucht dieses Geistes der Opserwilligkeit und Solidarität von uns. Aelteren zugutekommen, denn nur wenn wir diesen Geist in unserer deutschen und in unserer jüdischen Gemeinschaft bewähren, nur dann werden wir aus dieser Krisenzeit herausgehen nüt einer jungen Generation, die, gesund an Körper und Geist, fähig ist, die Lehren aus dieser Zeit zu ziehen. zionistische Politik gepaart: „Und doch müssen wir ehrlicherweise auch sagen, daß die englische Regierung in den letzten Jahren etwas von uns gelernt hat. Sie hat die Kunst des Fifty-fifty von der Jewish Agency gelernt. Fünfzig Prozent für die Araber und fünfzig Prozent gegen die Juden." Am klarsten erkennt die Gefahr Jabotinsky, dessen politische Warnungen an Weizmann sich nahezu restlos bewahrheitet haben: „Aber vielleicht das Gefährlichste ist der Wirrwarr, der dadurch entsteht, daß parallele und verschiedene Dokumente das Mandat, den Zionismus und die Politik der Regierung interpretieren, — Dokumente, die einander widersprechen, die aber alle gültig sind. Vor den Beamten, vor der Palästina-Regierung steht also eine ganze Bibliothek mit Kommentaren über die Absichten der Regierung. Jeder Beamte bekommt dadurch die Möglichkeit, heute das Dokument A, morgen das Dokument B zu benutzen und sich darauf zu berufen, daß das Dokument A doch schließlich das „donnnating document" ist, und zivar laut den Angaben der oberstser Behörde. Das gibt eine legale Basis für administrative Willkür. Damit erlaubt man jedem Beamten, Ihnen zu sagen: „Obwohl im Dokument B steht, daß nur diejenigen landlosen Araber berücksichtigt werden, die beweisen können, daß sie ihre Pacht im Zusammen^rng mit dem jüdischen Landkauf verloren haben, — im „dominatiug document steht es doch anders". Da spreche ich nicht von Möglichkeiten, sondern von Tatsachen, die Sie alle kennen." Ob deshalb wohl aber die Ausführungen Usfischkins' auf dein Kongreß England sehr imponieren? Er wandte sich an England mit den Worten: „Großes, mächtiges englisches Volk: Verstehe die Lage cin«S 17-Millionen°Bolkes mit gewaltigen intellektuellen Kräften und ungeheurem Idealismus, das zweitausend Jahre wandert und sein altes Heim sucht. Wirf uns nicht Steine in den Weg und lasse uns das Land aufbauen. Zwinge uns nicht den Streit mit Dir auf; wir wollen ihn nicht. Wenn Du uns aber diesen Streit doch aufdrängst, dann, großes, englisches Volk, vergiß nicht — Tu bist ein bibelkundiges Volk, vergiß nicht die Erzählung vom Kampf des mächtigen Philisters Goliath mit dem kleinen Juden David." * * Die Kernfragen. Mehrheit. Jvdenstaat. Transjvrdanim. Sokolow hat den Kongreß in seiner Eröffnungsrede alöl „Kongreß der Realität" bezeichnet. Vielleicht würde er' am! Ende des Kongresses ein anderes Urteil gefällt haben. Reali-. tät, das sind die Araber in Palästina und die leeren Kassen des Zionismus. Illusion aber — und zwar sehr gefährliche Illusion — ist Neunzehntel dessen, was auf diesem ZionWenkongreß gesprochen und beschlossen wurde. Dabei hat sich in den sogenannten einsichtigen Kreisen der zionistischen Bewegung ein mehr als merkwürdiges Rezept Kongreß der Illusionen Zum 17. Zionistenkongretz Von Bruno Voyda

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