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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-07-08 · 26-27 (8.7.1931) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
26-27 (8.7.1931)
Date
1931-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Austandeloinmcil der Wahl nicht verhindern. Auf Vorschlag von Dr. Jtzig beschließt die Bcrsammlnng, den dieSbezüglichen voraus. <l«flcutflcttcn Schriftiocchsel ztvischen den Fraktionen dem Protokoll beizusügen. In drei Wahlgängen werden nunmehr die ausschcidendwn Borstandsmitglieder Justizrat Zander (Liberal), Justizrat Fabian (Liberal) und Louis Maschlcr (Liberal) mit allen 9 gültigen Stimmen wiedergewählt. Die Mitglieder der BolkSpartei hatten weiß: Zettel abgegeben. Als Vorstands-Stellvertreter iverden von libera'er Seite die Herren Arthur Anker und Rudolf Brzezinski, von volksparteilicher Seite Herr Louis Nachmann vorgeschlagen. Dr. Jtzig (Liberal) erklärt zu dem volkspartcilichcn Wahlvorschlag, daß Herr Nachmann in der vorausgegangenen Fraktions-Sitzung eine ihm angctragene Wahl in den Vorstand abgelehnt habe. Hierauf »vccden als Stellvertreter für 6 Jahre Herr Arthur Anker und auf 3 Jahre Herr Rudolf Brzezinski, beide mit fe 9 Stimmen gewählt. Die restlichen 6 Stiminen waren für Herrn Nachmann abgegeben worden. Die Repräsentanten Senator a. D. Kamnitzer, Konsul Wcinkrantz, Lippmann, Gclhar, Knsselewski sollen als Deputierte der Versammlung bei der Einführung des neuen Vorstandes zugegen sein. Hierauf wird die Verteilung der Verninsbeiträge, die im Ausgabeetat vorgesehen sind, zur Kenntnis genommen und genehmigt. Zuletzt begründet Herr Dr. Landau einen schriftlichen Antrag auf Einsetzung einer paritätischen Kommission zur Ausstellung der Wählerlisten. Der Antrag lautet: Tie Repräsentant cn-Versammlung möge beschließen, den Vorstand zu ersuchen, eine paritätische Kommission zu bilden, bestehend ans Mitgliedern des Vorstandes und der Repräsentanz, die die Aufgabe haben soll, die Liste der GemeinUemitglieder ständig in Evidenz zu halten und zu diesem Zwecke regelmäßig zusammenzutreten. Sie soll eine Liste ausstellen a) sämtlicher Gj'meindemitglieder, b) der Gemeindcsteuerzahler mit Wahlrecht, c) der Gemeindesteuerzahler ohne Wahlrecht, d) der Gemeindcmitglieder, die Wahlrecht haben, ohne S cuerzahler zu sein. In der anschließenden Aussprache, an der sich vom Vorstand Scnatsrat Bereut und Iustizrat Zander, von den Repräsentanten Konsul Weinkrantz, Dr. Guter, Dr. Löwenherz und Baumann beteiligen, kommt allgemein zum Ausdruck, daß es wünschenswert wäre^ eine lückenlose Liste sämtlicher Gemeindemitglieder zu erhalten. Besonders wird auch auf das soziale Moment, das dabei von Bedeutung sei, hingewiesen. Danzig. (7 0. Geburtstag.) Am 3. Juni vollendete .Herr Louis Maschler das 70. Lcbcnsiahr. Wenn auch der Jubilar seinen Ehrentag fern von Danzig begangen hat, so hat doch die ganze Gemeinde an ihm lebhaftesten Anteil genommen, denn Herr Masch/'r, der auch im Danziger Wirtschaftsleben einen bedeutenden und angesehenen Platz einnimmt, gehört seit Jahrzehnten dem Genwindevorstand an und hat sich mit besonderer Wärme stets der religiösen Institutionen angenommen. In dem Festartikel des Danziger Jüdischen Gemeinde blattes wird er als rechter Mittler zwischen orthodoxem und liberalem Judentum gefeiert. Vorstand und Remäscntanz haben ihm telegraphisch ihre Glückwünsche übermittelt. Dortmund. (Re p r ä s e rr t a n t e n s i tz u n g.) Auf der Tagesordnung der erster, dieswöchigcn Sitzung stand die Vorlage und Genehmigung des Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1031/32. Für den Vorstand berichteten der 1. Vorsitzende Herr Konsul Jacoby, für das Kollegium in Vertretung für den später erschienenen Herrn Arthur Rosenberg Herr Albert Heinemaiin, der auch Mitglied der Finanzkommission ist. Herr Jacoby gab zunächst ein übersichtliches Bild über die Finanzlage der Gemeinde und begründet/ d^ verschiedenen Erhöhungen und Abstriche gegen den vorjährigen Etat. Vielfach sind für die Belange der oft; irdischen Gemeindcmitglietvr Erhöhungen eingesetzt (Betlokale, Cbewroh Vikur Chaulim, Jugcnd- und Sportvereine). Ueberall mußte äußerste Sparsamkeit walten. Die Gehälter der Beamten sind zunächst durchweg um 10 o/0 herabgesetzt; die Bestimmungen der Notverordnung solle» sich später auswirken. Tie Ausgaben betragen insgesamt 129 030 Mk., die Einnahme 22 050 Mk.; der Fehlbetrag von 106 980 Mk. soll gedeckt werden durch 15 go der Einkommensteuer oder 40 o/o der Reichsvermögenssteuer. Die letztere Steuer .tvird in diesem Jahre zum ersten Male erhoben. Aus dem Vermögen der Gemeinde sollen 27 680 Mark entnommen werden. Rücklagen für Iriedhofsfonds, Synagogenbau und dergleichen können leider nicht gemacht werden. Der Etat wird schließlich nach längerer Aussprache über die Positionen für den (£.=$., den Keren Hajessod den Verein „Ort", die Jugend-- und Sportvereine, die Bibliothek, für begabte unbemittelte Kinder u. v. a. einstimmig angenommen. Zur Annahme gelangen zwei Entschließungen des Vorstandes; die eine, wonach von den Wohlfahrtsorganisationen äußerste Sparsamkeit verlangt wird, die andere für den Landesverband jüdischer Gemeinden: Die Unterstützung der verschiedenen Einrichtungen und Anstalten im Reiche sind eine Angelegenheit der Landesverbände, dies« allein sind auch in der Lage, sich tiri« Hebersicht über die Bedürfnisse der in Frage kommenden Anstalten zu verschaffen und die vorhandenen Mittel gerecht zu verteilen. In geheimer Sitzung wurde sodann' die wiederholt verhandelte Angelegenheit Anstellung bezw. Bertragsschließung mit dem Schächter Herrn Rosenseld endgültig getätigt. Dsrtmund. (R e p r ä s e n t a n t e n - S i tz u n g e n.) In dieser Woche fanden zwei sehr wichtige Sitzungen der Gemeindekörfterschasten unter Leitung des Repräsentanten-Borsitzenden Herrn Rechtsanwalt Tr. Koppel statt; am Montag die Beratung des Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1931/32 und am Mittwoch die erste Lesung des Entwurfs der neuen Gemeinde-Satzungen. Der Entwurf ist in mehrcüen Sitzungen der Satzungskommission — bestehend aus drei Herren vom Vorstande und vier Herren von der Repräsentanz — entstanden und wird vom Vorstande durch Herrn Konsul Jacoby eingehend begründet. Ter Vorwurf der Verschleppung, der von zionistischer Seite gemacht wurde, muß entschieden zurückgewiesen werden. Die Kernfrage des ganzen Entwurfs ist die des Wahlrechts, ob Mehrheitswahl wie bisher oder Verhältniswahl; mit ihr steht und fällt diese Verfassungsdebatte. Denn nur die Mehrheitswahl, die eine „deutsche Mehrheit" gegen den Zionismus am ehesten sichern, komme für den Vorstand in Frage und dementsprechend gebe er eine Erklärung ab. Andernfalls toetc der § 35 des alten Statuts in Anwendung: ..Aenderungen dieser Satzung können nur durch übercinstimmeude Beschlüsse des Vorstandes und der Reprüsentanten-Versammlung, vorbehaltlich der Genehmigung des Königlichen Oberpräsidentcn erfolgen" (11. 11. 1914). — Das Frauen- >vahlrecht ist vorgesehen; die Karrenzzeil soll ein Jahr betragen; für die Wählbarkeit wird gefordert: 25. Lebensjahr, mindestens fünfjährige Mitgliedschaft bei einer deutschen jüdischen Religionsgemeinde und davon mindestens ununterbrochene zweijährige Mitgliedschaft in Dortmund. Beamte der Gemeinde sind nicht wählbar; statt „Synagogen-Gemeinde" soll „Jüdische Rcligionsgemcinde Dortmund" firmiert tverden. Dies die Hauptpunkte, die in der ersten Lesung zur Debatte stehen. — Herr Albert Heinemann, Repräsentant und Mitglied der Satzungs-Kommission, ift durchaus anderer Auffassung. Für ihn komme nur die Verhältniswahl in Frage, gewiß auch kein ideales Wahlrecht, aber z. Zt. das bevorzugteste mit allen seinen Vorzügen, aber auch Mängeln. Er zeigt zahlenmäßig die Härten der Mehrhcitswahl, die Znrückdrängung bedeutender Minderheiten und weist als langjähriger ehemaliger Stadtverordneter auf das einstige Verhältnis zur S.P.D. und ihrer Mitarbeit hin. Im letzten Wahlkompromiß ist u. a. das Verhältniswahlrecht versprochen worden; das muß jetzt gehalten werden. Auch der preußische Landesvechand empfiehlt es. Nach kurzer Erwiderung des Herrn Jacoby bekennt sich auch Herr Rechtsanwalt Dr. Hoffmann für die Verhältniswahl. Ideen müssen miteinander ringen; der Kampf wird kommen, das schadet nichts. Vielleicht ift auch das jetzige System der „beiden Häuser" nach Art der Magistrats-Verfassung zu beseitigen, und der Vorstand nur das ausführende Organ der Gemeindevertretung. Sein Entwurf hat bei der Kommission keine Mehrheit gefunden. — Herr Arthur Rosenberg, Vorsitzender der „Liberalen Bereinigung", gibt die Erklärung ab, dnß er durch das Wahlkompromiß gebunden sei und gegebenenfalls mit den damals gewählten Herren sein Mandat zurückgeben würde. Die Debatte geht weiter; Herr Andorn fordert Beseitigung des 'Schlußsatzes, wonach Beamte nicht wählbar sein sollen. Eine Abstimmung soll am heutigen Abend nicht erfolgen,' zunächst eine juristisch-gutachtliche Erläuterung des eingangs erwähnten § 36 «ingeholt werden. Die zweite Lesung der Gemeinde-Verfassung soll 14 Tage später, am 8. Juli, stattsinden. Dortmund. (Israelitisches Altersheim in Westfalen, Sitz Unna.) Das in ganz Deutschland wohlbekannte mrd sich;n einer Musteranstalt entwickelte Heim versendet soeben seinen 27. Jahresbericht. Einleitend hören wir über das vorjährige Jubelfest am 5. und 6. Juli anläßlich des 25 jährigen Bestehens, das dem Heim viele neue Freunde und "Gönner zngcsührt hat. Das Hans ist nnt 43 Insassen voll besetzt; es traten neu ein. fünf weibliche und vier männliche Pfleglinge; durch den Tod verlor es 6 Zugehörige. Tie Einnahme betrug im Rechnungsjahr 1930 60 248,76 Mk.; die Ausgabe 56 991,38 Mk.; uach Abzug einer Schuld für Hausreparatur betragt der Bestand 1789,11 Mk.; der Vermögensbestand beträgt 122 708,77 Mk. Das Jahr 1930 verzeichnetc insgesamt 17 852 Pslegetage mit je 3,20 Mk. Gesamtkosten; die Aufwendungen je Pflegetag sind gegenüber dem Vorjahre mr unwesentlich verändert. Zum Jubiläumstage stiftete die Synagogengemcinde Unna eine prachtvolle Altardccke aus rotem Plüsch für die i n'inagoge und Herr Hermann Ncugartcn aus Detmold stattete den Sneisewal mit 44 wunderschönen und bequemen Polsterstühlen aix. Treu kamen noch im Lan'e des Jahres reiche. Naturalgaben (Kicidunasstücke, Wäschestücke, Lebensmittel u. a.). Die Höhe der Miigliedsbciträge und Spende senkt sich auch hier ftider infolge der wirtschaftlichen Depression. An Jahrzeitsftiftunqcn sind 433 vorhanden, und 12 schon zu Lebzeiten errichtet. Rach Eingang des Seminars der Marks- Haindorffschen Stiftung zu Münster hat das Heim die Pflege von 57 Stiftungen mit übernommen. Vorsitzender des Gesamtvorstandes ist Herr Iustizrat Tr. Kempenich und Schriftführer und Schatzmeister Herr Konrektor a. D. Goldschmidt, beide in Dortmund. Anstaltsoberin ist seit Bestehen des Heim? die Oberschwester Henriette Karges. Herzlicher Dank gebührt allen Männern und Frauen, die in unermüdlicher Weise für dieses Werk edler Menschenliebe tätig sind. Frankfurt a. M. (Professor Karl Herxheim er 70 Jahre.) Professor Karl Herxheimer, Ordinarius für Dermatologie in Frankfurt a. M., vollendet am 20. Juni 1931 sein 70. Lebensjahr. Dem hervorragenden Mediziner sind aus diesem Anlaß mannigfache Ehrungen aus Gelehrtenkreiscn zugedacht. Professor Karl Hcrrheimar wurde 1961 in Wiesbaden geboren. Seine Untersuchungen und Veröffentlichungen über Hautkrankheiten sind über Deutschland hinaus bekannt. Nach ihm benannt ist die „Herxheimersche Reaktion". Er ist Mitherausgeber des „Archivs für Dermatologie" und der „Tcrmatologi'chen Zeitschrift". Hardukg-Wilhelmsburg. (P c r s ö n l i ch c?tt Der Vorsk^ende des Vorstands der Synagogen-Gemeinde Harburg-Wilhelmsbura, Herr Lud- >"ig F'eiß, begeht am 11. Juli seinen 50. Geburtstag. Lange Jahre dem Rcpräsentanten-Kollegium angehörig, wurde er im Jahre 1925 mit dem Arn'e eines Gemcindevorsitzcndcn betraut. Mit großem Interesse kür alte Fragen des Judentums vereinte der Gefeierte viel taktisches Geschick, das besonders notwendig ist in einer jener Mittelvemeinden, die heute aus verschiedenen Gründen in ihrem Sein stark bedroht sind. Seinem vermittelnden und ansglcichenden WeHen, seiner außerordentlichen Opferbercitschaft und seinem Wohltätigbeitstiurt gelang es bisher immer, die Klippen zu umstcuern. Ihn noch lauge Jahre in dem Ehrenamte wirken zu sehen ist der Wunsch seiner Gemeinde. Kassel. (Sitzung der G e m e i n d e - A c l t e st c n.) In der letzten Sitzung des Aeltestcn-Kollegiums wurde das neue Mitchnch des Gemeindevorstandes, Steuer- und Wirtschaftsberater Louis Ro'enzweig. der als Vertreter der Liberalen für Bankier Ballin ernannt und bestätigt worden war, irr sein Amt eingesübrt. Kreisvorsteher Lev Lazarus nahm Stellung zu den Aenßernngcn eines früheren Gcmleinde- Aeltesten, der ihn in einer öffentlichen Versammlung angegriffen habe. Er betonte, daß er stets Gegner der Varterpolitik im Gemeindleparlament gewesen sei und darum nur den Wunsch ausznsvrechen habe, daß sie auch künftig ausgeschaltet bleibe und dadurch die ruhige Arbeit im Interesse der Gemeinde gesichert werde. Da? Kollegium beschäftigte sich dann mit der neuen Friedhossordrnrng. Der von einer Kommission beratene, in 30 Paragraphen festgelegte Entwurf fand die Billigung der Acltesten; über einzelne Sonderbestimmungen soll in einer Kommission nochmals verhandelt und die Friedhofsordnung vor der Veröffentlichung dem Landrabbmer zur Begutachtung nochmals vorgelegt werden. Die nach der zweiten Notverordnung festgesetzte Kürzung der Beamtengehälter wird, trotzdem ein Zwang seitens der Religionsgesellschasten nicht vorliegt, auch hinsichtlich der Gemeindebeamten schlossen. Die Ersparnis wird für die Gemeinde etwa 6500 RM. betragen. Der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten wird eine Subvention von 25 Mark, dem Heil- und Erziehungsheim in Marburg ein Beitrag von 50 Mark überwiesen; ein Unterstützungsantrag des Verbands jüdischer Jugendvereine Deutschlands wird abgelehnt, das Gesuch des Schaumre-Schabbos-Vereins zurückgestellt, um über dessen Arbeit und Erfolge Erknndigmrgen einziehen zu können. Kassel. (Sitzung des A el t e st e n-K oll egi nms.) In der Sitzung vom 2. Juli wurde von zwei Schreiben des Landes-« bauptmanns und des Preußischen Landesverbands jüdische: Gemeinden in Berlin bezüglich der Abzüge der Beamten nach der 2. Notverordnung Kenntnis genommen. Eine längere Aussprache entspann sich im Anschluß au zwei Eingaben, die vom Landrabbiner und den Lehrern der Gemeinde eingereicht waren und die Zurückziehung einer von den Gemcinde-Aeltesten am 15. Juni beschlossenen Beseitigung der Steuerfreiheit der Gemeindebeamtten zum Gegenstand hatten. Zum Verständnis dieser Sache sei kurz erwähnt, daß nach einem seit Jahrzehnten hier bestehendm Brauch die Lehoer der Gemeinde einschließlich des Rabbiners keine Gemeindesteuer zu entrichten und die Synagogenplätze nicht zu bezahlen brauchten. Im Jahre 1904 hat das Landrabbinat, dem drei hessische Rabbiner und ein Mitglied des Kasseler Vorsteheramts der Israeliten angehören, dbeses Privileg erneut bestätigt, und im vorigen Jahre war in einem besonderen Falle auf Veranlassung des Ministers und der Regierung im gleichen Sinne Stellung genommen worden. Die Berliner Rabbiner Dr. Baeck und' Dr. Munk hatten sich sogar als Gutachter mit dieser Frage beschäftigt und sie grundsätzlich im Sinne des Kasseler Landrabbinats beantwortet. In der Eingabe des Landrabbiners tvurde auf die religionsgesetzliche Basis hingewiesen, auf der das Vorrecht der Steuerfreiheit begründet sei; bei den Synagogenplätzcn wurde ein Gewohnheitsrecht hervoraehoben, das von einer Seite willkürlich nicht gelöst werden könne. Die Aeltestru waren entgegengesetzter Meinung. So bezweifelte Herr Speicr, daß in dieser Rechtsfrage der Rabbiner als Sachverständiger gehört werden könne, eine Auffassung, die der Berichterstatter für irrig hält und die nach seiner Meinung schon dadurch als abwegig erkannt werden muß, wenn man berücksichtigt, daß der Kasseler Reg.-Präsident auf Grund des Gutachtens des Landrabbinats die Besteuerung eines hessischen Lehrers untersagt hat. Diese Entscheidung ist auf Veranlassung des Ministers hcrbeigesührt worden und dürfte also auch Anspruch auf Rechtsgültigkeii haben. Ter Krcisoorstehcr, die Aeltesten Dalberg, HeinLmann und Loeb sprachen sich ebenfalls für die Ablehnung der Eingaben aus, so daß bei der Abstimmung die einmütige Ablehnung erfolgte. Die Weiberentivicklung der sich nun ergebenden Konflikte beztv. Meinungsverschiedenheiten muß abgewartet werden. Das Kollegium beschäftigbe sich noch mit der Entgleisung des hier erscheinenden katholischen Blattes „Hessischer Kurier", das in Bezug auf die Hoover-Verhandlungen vom „Erwachen der Pariser Geldsuden" gesprochen hatte und diese Bemerkung, die ln der Jüd. Wochenzrituwg registriert wurde, nach einer weiteren Erklärung nicht auf die jüdische Rasse oder Glaubensgemeinschaft, sondern auf die „französische Mentalität" (?) bezogen »wissen wollte. Der Kreis Vorsteher schlug vor, diese nüerkwürdige Taktik des katholischen Blattes in einer gemeinsamen Aussprache mit dem Borsteheramt der Israeliten zu erörtern. Pls Vorsitzender der Kaufmannschen, Mäuschen und Moritz Heß-Stistung schlug der Kreisvorstcl>er Dr. Rothschild zum Rechnungssührer genannter Stiftungen vor, das Kollegium stimmte zu. Eine längere geheime Sitzung schloß sich der öffentlichen «m. Kassel. (Neuer Lehrer.) Die seit neun Monaten unbesetzt gewesene zweite Lehrerstelle an der israelitischen Volksschule ist durch die hiesige Regierung dem Lehrer B- Kleeblatt, bishler in Felsberg tätig, übertragen worden, nachdem die israelitische Volksschule in Felsberg auf Anordnung des Unterrichtsministcrs der Auflösung anheimfiel und alle Bemühungen der beteiligten BchörHen, den öffentlichen Charak.er der Felsberger israelitischen Volksschule zu erhalten, gescheitert waren. Kasiek.;P e r s ö n t i ch e s.) A:n 1. Juli beging der Rechnungs» führer u::d Rcndam der hiesigen israetiiifthcn Gemeinde, .Herr I. Stiesel, icin 25 jähriges Amtssubitäum. Dem allgemein geschätzten Jubilar, der auch fast drei Jahrzehnte als Sekretär beim Borsteheramt der Israeliten beschästift ist, konnte es an Gtücr>vünschcn und Aufmerksamkeiten rm seinem Ehrentage nicht sehlcu. Kassel. (7 5. Geburtstag.) Am.21. Jltni beging 5>'u Siegfried Hallo seinen 75. Geburtstag. Der Jubilar gehört zit den angesehenfteii Vertretern des Kasseler Handivcrks uwd hat sich als Spezialist kolorierter Skizzen zu. Tekorationsmalcreien, di« teiltveife in der dem Hessischen Landesmuscum angeglicderten Kunstbibliothek aufbewahrt werden, cineu Namen verschafft. Mit seinem vor einigen Jahven verstorbenen Bruder hat Siegfried Hallo auch die von der „Humanität" erstrebte Heranbildung jüdischer Jünglinge zn Handwerkern unterstützt und als eins der ältesten noch lebenden Mitglieder der Gr'sellschaft für die Erfüllung ihrer Aufgaben segensreich gewirkt. — lieber die Lcbensschicksale der Familie Hallo ist im vorigen Jahre in einer interessanten Schrift „360 Jahre aus dem Leben einer deritschen Hofjuden- und .Handwerkersamilie" von Tr. Rudolf Hallo, dem Neffen des- Jubilar?, berichtet tvorden. Köln. (E t a t s b e r a t u n g s b e s ch l u ft.) In der letzten Repräsentautensitzung »onrde der Erhebung einer -Vcrmögelissteuer zugestimmt. Tie Konservativen lehnten den entsprechenden Antrag ab. Königsberg. (Re P r ä s e n t a n t c n v e r s a m m l uu g.l Tie letzte Rcpräsentantcnoersammlung eröfsnete der Repräscntanrenvorsteher Prof. Dr. Rudolf Cohn mit geschäsllichen Mitteilungen. Die Versammlung trat dann in die Tagesordnung mit einer Beratung über die Verringerung der Zahl der Kommissionen, die zur Zeit sechzehm beträgt, ein. Es wu.rde beschlossen, daß die bcsichenden Kommissiowen zur Zeit in der alten Form Weiterarbeiten, später jedoch — nachdem, die einzelnen Fraktionen sich schlüssig geworden sind — verringert werden sollen. Die Vertreter der einzelmen Fraktionen sollen sobald» als möglich dieserhalb mit denr Repräscntantenvorstcher zusammerikommen. Danach tvurde über den Anstellungsvertrag mir einem Kultusbcamten beraten. Bei dieser Gelegenheit wurde gleichzeitig überdie Fusion der beiden konservativen Gemeinde-Synagogjen beraten. Der stellvertretende Gcmeindevorsitzende, Kaufmann Sally Joachim, gab hierbei bekannt, baß der Vorstand nicht die Absicht habe, den Vertrag „ach seinem Abläufen im nächsten Jahre zu erneuern. Für die Rcnovalionsarbcilen an den Gemeindc-Grundstückiett Lindenstraße 16/17 und Tragheimer Pulverstraße 1 ivnrdcn 3006 Mark bewilligt, mit der Maßgabe, daß der Borstand der Reprrfentantcnversammlung noch eine besondere Vorlage eiuveichcu soll, und daß nachgeprüft wird, ob besondere Beschädigungen im Dienstgebäude des Friedhofsinspektors in der Tragheimer Pulverftraße nicht durch Vornahme gewisser baulicher Veränderungeir entstanden sind. Schließlich wurde noch ein Dringlichlcitsantrag angenommen, auf dein neuen Friedhof in der Stesseckstraße Drainagcarbeiticn, die durch Grundwasser notwendig getvordcn sink», vornehmen zu lassen. Königsberg. (6 0. Geburtstag.) Seinen sechzigsten Geburtstag beging der int Gemeindeleben sehr tätige Kaufmann Georg Jontofsohn am Mittwoch, dem 1. Juli. In sehr eifriger Weise betätigt sich der Jubilar, der an seinem Ehrentag mit seiner Gattin in Bad Kissiirgen tveilte, i,n Vorstande der Cheivrn Kadischah. Auch gehört er dem Vorstand des Centralvercins an. Königsberg. (Todesfall.) Hier verstarb nach langenr schweren Leiden Frau Gertrud Pollnoiv geborene Hermann, die Gattin des bekannten Lanbesverbandsvorjitzendeu des Central Vereins, Sanitätsrat Tr. Leo Pollnow. Tie Verewigte hat sich im jüdischen Leben durch starke Betätigung rm Weiblichen Verein für jüdische Armenpflege ausgezeichnet. Ihr Hinschciden erregt in weitesten Kreisen der Stadt schmerzliches Bedauern. Die Beisetzung fand unter besonders starker Beteiligung statt. Nach Trauergesängen vom Ersten Kantor Dr. Pick hielt Gcmcftrderabbiner Dr. Lewin die Grabrede. Leipzig. (Zum Etat.) Wir werden vom Vorstanü der Israelitischen Gemeinde um Veröffentlichung nachstehenden .Hinweises gebeten: Zwar beträgt der Posten Wohlfahrtspflege in unserem Hanshaltplan in diesem Jahre nur Mk. 102 100,— (gegen Mk. 171 640,—)» doch bedeutet dies keine Kürzung um Mr. 69 540,—, sondern nur um Mk. 44 540,—. Die scheinbar stärkere Kürzung der Ausgaben erklärt sich daraus, daß ein früher auf der Einnahmeseiie erscheinem!»er Posten von Mk. 25000,— von vornherein bei den Ausgaben abgesetzt worden ist. Mannheim. (Todesfall.) Eine stattliche Trauergemeinde gab dem überraschend verstorbenen, angesehenen Mannheimer Großkaufmann Theodor Levi das letzte Geleit. Die Kapelle des isrwslitischen Friedhofs konnte die Erschienenen nicht fassen, so sprach Rabbiner Dr. Grünewald die Abschiedsworte im Freien. Der Tod ist überraschend gekommen und hat mitten aus einem tätigen, strebenden Dasein Theodor Levi gerissen. Worte sind schwach, um das Wesen des Verstorbenen zu beschreiben, Iwr eure ungeheure Sehnsucht nach Bildung und Wissen hatte. Ein Dichterwort und ein gemeinsames Gebet beendeten die Abschßedsseier. Der Verstorbene war Mitglied der Vereinigung, für das liberale Judentum. Papenburg. (Persönliches.) Ter seit 10 Jahren hier im Ruhestcrnd lebende Lehrer Strauß beging kürzlich unter Teilnahme weiter Kreise der jüdischen und nichtjüdischcn Bevölkerung seinen 70.. Geburtstag. In der Stadtverwaltung hat Lehrer Strauß eine rinslußreiche Rolle gespielt und als Stadtverordneter und Senator, ebenso auch als Kreistagsabgeovdneter das von der Bürgerschaft ihm entgegcugebrachte Vertrauen in jeder Hinsicht gerechtfertigt. Viele Ehveuärnter wurden von ihm verwaltet. S» war er u. a. Leiter des Wohnungsamtes und Vorsitzender der Kreispriisungsftelle. In öffentlichen Sitzungen hat der Magistrat wiederholt die Verdienste des Jubilar? um die Stadt anerkannt. Einer besonderen Feier entzog sich der Jubilar in seiner Bescheidenheit. Potsdam. (Stadtrat Julius Z i e l e n z i g « r 75 I a h r e.) Hier beging am 28. Juni Stadtrat a. D. Julius Zielcnzigcr seinen 75. Geburtsiag. Er ist Ehrenmitglied der Potsdamer Kaufmannschaft und hat viele Jahre als demokratischer Stadtrat im Magistrat mustergültig geivirkt. Im jüdischen Leben ist er seit jeher hervorgetreten; insbesondere ist aus den letzten Jahren seine Tätigkeit in der Liberalen Fraktion des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zu erwähnen, deren Alterspräsident er ist. Weiteste Kreise der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung haben sich an den wohlverdienten Ehrungen des Jubilars beteiligt. ^Auch wir sprechen ihm ari dieser Stelle unsere herzlichsten Glückwünsche aus. Stadtoldendorf. (Persönliches.) Unter starker Beteiligung weitester Kreise wurde das Borstairdsmitgtied der hiesigen isra-elitischen Gemeinde, Herr M. Heinberg, zur lctzren Ruhe Gleiter. Ju seiner Grabrede hob Lehrer Braun i„ einem wrrmempsundeicken Nachruf die wertvollen Charaktercigenschasten des Verstorbenen hervor, der als ältestes Mitglied der Gemeinde zu den angesjeheiistcn Bürgern des Ortes gehörte und den Geineindeintearsseu als ehrenamtlicher Vorbeter an den hohen Feiertagen auch im Gotteshause seit vielen Jahren freudig gedient hatte. Der Vorsitzende des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, dem der Verblichene als ehemaliger, mit d«m Eisernen. Kreuz ausgezeichneter Kombattant von 1870/71 und Ehrenmitglied angehört hatte, zeichnete die hohen Vorzüge des Entschlafenen als guten Juden und echten Deutschen in einer herzlichen Ansprache. Stuttgart. (Niedergang der jüdischen Bevölkerung Württembergs.) Die vom Oberrat der Israelite« Württembergs zusaminengestellten Daten über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung des Landes legen von neuem erschreckendes Zeugnis von dem Prozeß ab, den ein vor Jahren erschienenes Buch Dr. Theilhabers unter dem Titel „Der Untergang der deutschen Juden" voraussagt und den das Akademie-Werk von Prof. Heinrich Silbergleit für Preußen ziffernmäßig bestätigt hat. Die württembergrsche Uebersicht weiß für das Jahr 1930 im ganzen 94 jüdische Geburten auf, denen nicht weniger al? 171 Sterbesälle gegcnüberstehen. Zählt „ran die 6 Austritte aus dem Judentum hinzu, die von den 2 Uebertritten zürn Judentmil nicht ausgeglichen werden, so ergibt sich ein Abgang der jüdischen Bevölkerung, der fast doppelt so groß ist wie ihr Zuwachs. — Eheschließungen tverden im gaumen 54 verzeichnet, von denen 42 rein jüdische und 12 Mischehen waren. Verlag: Bereinigung für da» liberale Judentum e. SB., Berlin SW. 11. — Verantwortlicher Nedakteur: George Goetz, Berlin SW. 61. — Druck: Hermann Wegn« 6c To-, Brrlin-Mariendors.

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