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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-07-08 · 26-27 (8.7.1931) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
26-27 (8.7.1931)
Date
1931-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Obwohl die Polizei die immer wieder sich bildende,: Gruppen von antisemitischen Agitatoren zerstreut, dauert die Unruhe immer noch an. Am Mittwoch abends stürmte der Wob den Makkabi-Klub, zertrümmerte die gesamte Einrichtung und mißhandelte die jüdischen Sportler. Einige jüdische Jugendliche erlitten erhebliche Verletzungen. Die etwas spat eingetrvffene beritte,re Polizei trieb die Menge auseinander. Die Verteilung antisemitischer Flugschriften durch Studenten m den Straßen von Saloniki wird sortgescht. Die jüdische Bevölkerung lebt in Furcht vor erneuerten Ausschreitungen, da die Ausrufe von Regierung und Behörden gegen die Veranstalter der Unruhen bisher nicht vermocht haben, die Ruhe wieder herzustellen. Athen, 26. Juni (J.T.A.). Am Donnerstag, dem 25. Juni, griffen etwa 200 Mitglieder der nationalistischen Liga, darunter Reserveoffiziere, das Haus der Jüdischen Gemeinde Saloniki an und versuchten es in Brand zu stecken. Mehrere Personen wurden verwundet. — Auf die Interpellation der jüdischen Abgeordneten in der Kammer erwiderte Ministerpräsident Venizelos, es bestünde nicht die mindeste Begründung für die Ausschreitungen. Die Mainsestanten seien schlechte Griechen und verdienten exemplarische Bestrafung. Auch die Führer der Opposition verurteilten entschieden die antijüdische Hetze in Saloniki. Saloniki, 30. Juni (J.T.A.). Die Leiden der Judenschaft von Saloniki, die von den griechischen Nationalisten ans Grund erfundener Legenden der Sympathien für Bulgarien und die bulgaro-mazedonische Bewegungen bezichtigt wird, nehmen kein Ende. Nachdem in den letzten Tagen in Saloniki verhältnismäßige Ruhe geherrscht hat, haben die nationalistischen Agitatoren, hauptsächlich Studenten, am Montag wiederum die Bevölkerung gegen die Juden auszehetzt. Es wurde angekündigt, daß man die jüdischen Stadtviertel Salonikis in Brand stecken werde. Der Oberrabbiner von Saloniki sandte ein Telegramm an den Ministerpräsidenten Venizelos nach Athen, in welchem er ihn auf die drohende Gefahr aufmerksam machte und um Sck)ntz bat. Die Drohung der Brandlegung wurde noch in der Nacht zu Dienstag, den 30. Juni, wahr gemacht. Um Mitternacht begann es im jüdischen Teil Salonikis an mehreren Stellen zugleich zu brennen. Bis 1 Uhr nachts waren über 200 kleine Häuser im ärmsten Teil des jüdischen Saloniki vollkommen niedergebrannt. Mehrere Hundert jüdische Familien sind obdachlos und des Allernotwendigsten beraubt. Während der Feuersbrunst wurden die Juden von Nationalisten angegriffen, dabei wurden zahlreiche Juden verletzt. Sechs jüdische Einwohner erlitten schwere Brandwunden. Am Morgen des 30. Juni durchzogen Militärpatrouillen die Straßen, um einen weiteren Ausbruch der Unruhen zu verhindern. Trotzdem entwickelte sich schon in den .Vormittagsstunden nach heftigen Angriffen der Nationalisten auf die jüdische Einwohnerschaft eine regelrechte Straßenschlacht, bei der auch heftig geschossen wurde. Man zählt bis jetzt etwa zehn Tote und über 50 Verletzte. — Der Zustand des beim Sturm aus das Makkabi-Lokal verletzten Jsaac Errera ist besorgniserregend. , Athe n, 2. Juli. (J.T.A.) Nach einer amtlichen Meldung des Generalgouverneurs von Mazedonien fanden in der vergangenen Nacht in Saloniki erneut blutige judenfeindliche Ausschreitungen statt. Das Judenviertel wurde an verschiedenen Stellen angegriffen, auch mehrer Brandstiftungen kamen vor, denen 11 Bauten, darunter auch die Synagoge und die jüdische Schule, zum Opfer fielen. Es wurde eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen. 54 jüdische Familien sind obdachlos. Am Tage vorher waren Nationalsozialisten in die Synagoge eingedrungen und hatten die Thora-Lade gesprengt und Thora-Rollen zerrissen. In Athen ist man über den neuesten Unruhe-Ausbruch sehr bestürzt. Man befürchtet, daß die Truppen, die bie strenge Weisung erhielten, sofort ihre Waffen zu gebrauchen, sobald sich verdächtige Elemente dem jüdischen Viertel nähern sollten, ihre Pflicht nicht tun. Schon früher hatten Militärs mit den Nationalisten sympathisiert. Es verlautet, daß die griechischen und jüdischen Notabilitäten demnächst eine gemeinsame Konferenz abhalten werden, um die Mißverständnisse zu beseitigen. Bis jetzt zählt man zehn getötete und weit mehr als 50 erheblich verletzte Juden als Opfer der Unruhen. Saloniki, 3. Juli. (J.T.A.) Vertreter von siebzehn griechischen und drei jüdischen Organisationen, darunter der Bnei Brith, haben eine Konferenz abgehalten, in der mehrere Redner ihr Bedauern über die judenseindlichen Ausschreitungen in Saloniki und iIr Vertrauen, daß die Behörden für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit Sorge tragen werden,"zum Ausdruck brachten. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der die Presse - Salonikis aufgefordert wurde, an der Wiederherstellung einer Atmosphäre des Friedens in Saloniki, sowie besserer Beziehungen mens utzd ähnlicher Gesinnung, Fr^s, der 1816 die Erlaubnis erhalten hatte, in Jena Vorlesungen in der theoretischen Philosophie zu halten. Tie Anordnung, daß in Jena fein Jude übernachten dürfe, bezeichnet Goethe als eine „löbliche". Aus welchem Grunde er zu dieser so unfreundlichen, ja gehässigen Einstellung gekommen sein mag, erscheint zunächst ausfallend, da er grade in Jena Juden mehrfach empfangen hat, z. B. den jüdischen Studenten David Veit, der dort studierte. Bei einem zweiten späteren Besuche sagte Goethe zu Veit: „Besuchen Sie mich, wenn Sie wieder nach Weimar kommen; komme ich nach Jena — und ich denke: bald — so will ich nach Ihnen fragen." Er hat ihn auch auf einem Ball in Jena angesprochen und mit ihm eine längere Unterhaltung über die Rahel geführt und ihm seine Ansichten über das Studium der Naturwissenschaften auseinandergesetzt. Auch mit dem Orientalisten Bernstein in Jena hat er persönlich und brieflich verkehrt. — Offenbar hat Goethe, wie so viele Christen heute auch, in Erinnerung an das Frankfurter Ghetto einen Unterschied zwischen Juden und Juden gemacht. Ebenso vielleicht bei der Gelegenheit, als der schon 74jährige gegen das Gesetz wetterte, das den Juden die Ehe mit' Andersgläubigen gestattete: „Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch solch ein skandalöses Gesetz untergraben. Das Ausland müsse durchaus an Bestechung glauben, um die Adoption dieses Gesetzes begreiflich zu finden; wer wisse, ob nicht der allmächtige Rothschild dahinter stecke." Sollte das ein Hieb gegen den Frankfurter Bankier fein? Manche glauben es. Aber man kann daran zweifeln, denn Goethe hat wie- \ * j Versammlungskalender v<r>w»N«rhe». Mitglieder und Freunde der Bezirksgruppe Norden des Lite« ralen Verein» treffen sich an de» Dienstagen 14. und 28. Juli ab abends 8 Uhr lm Sportrestaurant „Einsame Pappel", Lantianstraße (Nahe Kochbahn Danziger Straßes, zum gemütlichen Beisammensein. i: *! Gottesdienste Berlin Jüdische Rrsormgemriude. Gottesdienste am Sonntag, 12. Juli. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Posrnthal. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr> Predigt: Dr. Jelsli. Gottesdienste am Sonntag, 19. Juli. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. und gegenseitigen Vertrauens zwischen allen seinen Bewohnern nutzüwirken. Es wurde beschlossen, eine Konferenz aller griechischen und jüdischen nationalen und professionellen Verbände Salonikis sowie der verschiedenen jüdischen und griechischen Vereinigungen in den Vorstädten einzuberufen, auf der die Ursachen, die zum Ausbruch der Unruhen geführt haben, besprochen und die gegenseitigen Mißverständnisse zwischen Inden und Griechen beendet werden sollen. Der Finanzminister hat dem Gouverneur von Saloniki einen Betrag von 500000 Drachmen zum Wiederaufbau des vom Mob nieder gebrannten Campbell-Viertels zur Verfügung gestellt. Der Justizminister und der Luftschiffahrtsminister sind mittels Flugzeug aus Athen eingetrosfen, um die Lage an Ort und Stelle zu studieren. Die jüdischen Vertreter Salonikis im Parlament, Senator Mallah und Abgeordneter Bessantchi, sowie' der Rechtskonsulent der jüdischen Gemeinde in Saloniki, M. Dacocl, haben dein Justizminister den Hergang der Unruhen und ihre Vorgeschichte geschildert und ihm ein detailliertes Memorandum überreicht. Der Minister erklärte, er wisse, daß der gegen den Makkabi erhobene Vorwurf illoyaler Haltung unbegründet sei. Er wolle an Ott und Stelle eine Untersuchung einleiten, um diese Tatsache offiziell und in einer jeden Zweifel ausschließenden Form feftzuftellen. — Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurden bisher ein Grieche, zu 20 Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe von 400 Drachmen, sechs Juden und fünf Griechen zu je drei Tagen Gefängnis und 400 Drachmen Geldstrafe verurteilt. Aus den Gemeinden * Allenstein. (A u s z c i ch n u n g.) Die beiden jüdischen Mitbegründer und Mitleiter der hiesigen Feuerivehr >vurd«n anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der Wehr ausgezeichnet. Ehuenhauptmanu Mendelsohn, der Vater des weltberühmten Architekten Erich Mendelsohn-Berlin, und Ehrenoberbrandmeister Lewald wurde das Ehrenzeichen des Preußischen Feuerwehrverbandes verliehen. Beiden Veteranen wurde außerdem vom Oberbürgermeister Zülch der porzellanene Ehrenteller der Stadt Allenstein überreicht. Beckum i. Wests. (A u s z e i ch n u n g i m D i e n st e d e s F r i e - dens.) Aus dem Kreise jung-jüdischer Pazifisten geht uns folgende begrüßenswerte Nachricht zu: Die Chelcicky-Friedensgesellschast, Prag, die dem Internationalen Friedenskartell, Genf, angeschlossen ist, hatte zu Anfang dieses Jahres einen Preis für den besten Artikel ausgiesetzt, der zur Propaganda der Errichtung einer internationalen Pressekanzlei und eines internationalen Verbandes von pazifistischen Publizisten in Genf dienen soll. Die Jury hat nunmehr den ersten Teil des ansg>'- setzten Preises dem Leiter des Kreises jungjüdischer Pazifisten, Herrn Jack Raphael, Beckum i. Wests., zuerkannt und ihn von dieser Ehrung in einem Schreiben in Kenntnis gesetzt. Berlin. (Bon der 5) o ch s ch u l e für die Wissenschaft des Judentums.) Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums legte den W. Jahresbericht vor, der Rechenschaft über ihre Tätigkeit während der letzten zwei Semester gibt. Ihm ist zu entnehmen: Das Interesse am Studium der jüdischen Wissenschaft zieht immer größere Kreise und hat die Zahl der Studierenden in unerwartetem Maße ansteigen lassen. Sie betrug 1930 schon rund 120 und hat jetzt wieder eine Zunahme erfahren. So erfreulich diese Erscheinung auch sein mag, so bringt die Ausbildung solcher Massen doch manche Schwierigkeiten mit sich. Auch die Verantwortung für die Zukunft der Studierenden bereitet schwere Sorgst; der Zuwachs rekrutiert sich zumeist aus Deutschland selbst, die hier gebürtigen Hörer haben sich im Laufe der Jahre 1928 bis 1930 mehr, als verdoppelt. Diese jungen Menschen gilt es zumeist beruflich in Deutschland cinzuordnen. Obwohl die Zulassung der jüdischen Religwnslehrer als Prüfungsfach beim philologischen Staatsexamen ein wenig Erleichterung in der Berufsfrrge zu schaffen verspricht, ist doch der Ernst der zukünftigen Situation nicht zu verkennen. Die drohende Gefahr der Proletarisierung sollte von Seiten jüdischer Wissenschaftler bei Zeiten ernstlich beachtet werden. Das Lehrerkollegium hat einen schweren Verlust durch das Hinscheiden von derholt Beweise seiner Anetkennung für die Rothschilds' gegeben. Als er einmal über die Zeitdauer sprach, die jede Kulturarbeit erfordere, äußerte er: „Das Haus Rothschild ist reich, aber es hat ein Menschenalter gebraucht, diesen Schatz anzusammeln." Er empfing im Jahre 1827 einen der Frankfurter Rothschilds und 1831 dessen Gemahlin. Dabei notierte er in sein Tagebuch: „Ein junges anmutiges Wesen." Goethe nahm in Weimar gern Gäste auf, die ihm gefielen. Sein Freund und Mitarbeiter, der Geheime Rat Friedrich Wilhelm Riemer, macht über diesen Verkehr folgende Bemerkung: Da Goethe auch in dem sozialen Sinne die Honneurs von Weimar machte, so wurden die Fremden, die ihn besuchen kamen. Gelehrte, Künstler, berühmte Reisende, weß Glaubens sie sein mochten, auch Juden und Judengenossen, gewöhnlich zur Tafel gezogen." Viele dieser von Goethe mit Juden angeknüpften Beziehungen waren nur vorübergehende oder wenigstens nicht tiefer gehende. Zwe: Personen hatte er aber innig in sein Herz geschlossen: den jungen Felix Mendelssohn und ein Fräulein Marianne Meyer, «die Tochter eines Berliner Bankiers. Er lernte sie und ihre Schwester Sara im Jahre 1795 in Karlsbad kennen. Ter noch jugendlich Empfindende, im 44. Lebensjahre stehende Dichter schloß mit dem auffallend schönen Mädchen eine innige Freundschaft, die auch dann weiter bestand, als Marianne dem österreichischen Gesandten am preußischen Hof, dem Fürsten Heinrich! XIV. von Reußj die Hand zu morganatischer Ehe reichte. Sie erhielt dabiei den Namen Baronin von Eybenberg. Welch tiefen Eindruck diese Frau aus Goethe gemacht hat, geht aus Amßerungen in mehreren Briefen hervor. Am 29. Juni 1797 schreibt er an Karl August: Professor Baneth erfahren, der fast 35 Jahre an der Anstalt als Talmud-Dozent gewirkt hat. — Dagegen ist die Mitarbeit Professor Julius Guttmanns, an den «ch Ruf an das Hebrelv Union College ergangen war, der Hochschule erhalten geblieben. — Stimmpfleg>e und Sprachbildung der zukünftigen Rabbiner und Lehrer sind neuerdings der besonderen Obhut der bekannten Vortragskünstlerin Edith Herrnstadt-Oettingen anvertraut worden. Eine neue Aufgabe hat die Hochschule in der Verwaltung des „Erholungsheimes für jüdische Akademiker" in Arendsee in Mecklenburg übernommen. Dieses bildet den wesentlichen Bestandteil einer Hinterlassenschaft, dite mit der Aufgabe verknüpft ist, Haus und Park der Erblasserin als Erholungsheim. für jüdische Akademiker und deren Angehörige zu verwalten. Für die Zwecke der Hochschule selbst sind aus dieser großen Stiftung keine Mittel verfügbar, so daß die Finanznot der Anstalt auch ferner nicht behoben ist. Das Haushaltsjahr begann mit einem Defizit von annähernd Mk. 30000, die Gemeinden und Landesverbände haben ihre Zuschüsse reduziert, der Preußische Landesverband glieich um Mk. 10 000. Für das laufende Jahr ist die Finanzkalamität noch viel schwieriger, wiederum verringern sich die Beiträge d«er wesentlichsten Institutionen, der Bayerische Landesverband hat eine weitere Kürzung vorgenommen. So ist in dieser Zeit wirtschaftlicher Krisen, die an Verantwortungsgefühl und Hilfsbereitschaft jedes Juden ohnehin schon starke Anforderungen stellt, die Hochschule gezwungen, Mk. SO 000 auf privatem Wege aufzubrjngen, um die zwangsläufigen Ausgaben zu decken. Trotz aller Not darf es nicht unmöglich sein, die zur Erhaltung der Anstalt notwendigen Beträge aufzubringen. Die Erkenntnis ist nur erforderlich, daß das Judentum sich auf der Höhe seiner Aufgabe allein dann erhalten kann, wenn es mit der zeitgenössischen Kultur Schritt hält, d. h. sich durch wissenschaftliche Forschung immer wieder vertieft und erneuert. Wenn in einker Zeit so drückender Not allerorts gespart werden muß, darf die Rationalisierung nicht soweit getrieben werden, daß die Wissenschaft ganz leer ausgehl, der ihr eingeräumte Platz ist immer bescheitlen getvesen, und wenigstens dieser muß ihr erhalten bleiben. Bielefeld. (Verband der Synagogen- Gemein den Westfalens, Bielefel d.) Am Sonntag, dem 21. Juni 1931, fand in Bielefeld der 28. Gemeindetag der Synagogen-Gemeinden Westfalens statt. Es waren 20 Gemeinden mit 29 Delegierten vertreten. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Katzen stein (Bielefeld), eröffnete die Tagung und begrüßte die Delegierten sowie den Vertreter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Herrn Direktor Kareski (Berlin). Herr Adolf Schönfeld hieß die Erschienenen im Namen der Synagogen-Gemeinde Bielefeld willkommen. Zum Leiter der Versammlung wurde Herr Dr. K a tz e n st e j n gewählt, zum Stellvertreter Herr D. L e e s c r (Dortmund), zu Beisitzern die Herren Adolf S ch ö n s e l d (Bielefeld), Alflred R o s c n - berg (Witten). In seiner Eröffnungsansprache wies der Vorsitzende auf das 40-jährige Jubiläum hin, das der Provinzialverband in diesem Jahre begehen kann, und gab einen Ueberblick über die wichtigsten Leistungen des Verbandes: 1894/95 hat er das Bogelsteinsche Gebetbuch herausgegeben, 1898 folgt die Gründung der Beamten Pensionskasse, 1906 der Anschluß an die Beamten- und Witwen-Pensionskasse von Westfalen, 1905 die Eröffnung des Altersheims in Uuna, 1909 die Eröffnung des Kinderheims in Bad Sassendorf, 1922 Gründung des Sozialen Ausschusses für jüdische Wohlfahrtspflege in Westfalen. Im Laufe der Jahre hat der Verband viel« hundert Kinder mit Religionsunterricht versorgt, zur Erhaltung zahlreicher kleinerer Gemeinden beigetragen und Leistungsfähigkeit und Ansehen des Lehrerstandes zu fördern gesucht. Der Verband umfaßt augenblicklich 73 Gemeinden. Bei allein Uebergewicht liberaler Anschauung hat er Neutralität gegenüber den verschiedenen Religiösen und politischen Standpunkten als oberste Pflicht anerkannt. Im Anschluß daran fand Herr Direktor Kareski Worte hoher Anerkennung für den Verband und betonte die Notwendigkeit der Erhaltung der Kleingemeinden wegen der in den Großstädten drohenden Entwurzelung. Er wies auf die Leistungen des Preußischen Landesverbandes für dite Provinz Westfalen hin und übermittelte dessen Wünsche für den Provinzial-Verband. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Krön heim (Bielefeld) den Kassenbericht erstattet hatte und die Herren Hugo Abraham und Joseph Stamm (Gelsenkirchen) in den Verwaltungsausschuß gewählt worden waren, folgten die Borträge der Tagung. Herr Konrektor Goldschmidt (Dortmund) entwarf in einem ausführlichen Referat öin Bild von der Not der Kleingemeinden und betonte die dringende Pflicht der Hilfeleistung. Frau Schön e Wald (Bochum) sprach im Anschluß daran über die Stellung der Frau in der Gemeinde. Ihre Ausführungen gipfelten in der Forderung, der Frau die Möglichkeit zur Mitarbeit in der Gemeinde zu gewähren. Nach der Mittagspause setzte eine sehr angeregte Aussprache ein, in deren Verlauf ein Ausschuß gewählt wurde, der die Ausgabe hat, dem Austritt aus Einzel-Gemeinden entgegenzuarbeiten. Ferner wurde eine Resolution gefaßt, in der die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts den Gemeinden empfohlen wird. Die Gemeinde Bielefeld hatte es sich nicht nehmen lassen, die Delegierten und Gäste aus Anlaß des Jubiläums zu bewirten. Danzig. (Wahl des Gemeindevorstandes.) Die erste Sitzung nach den Repräsentantenwahlen fand am 17. Juli statt und galt zunächst der Einführung der neugewählten Repräsentanten. Der bisherige Vorsitzende der Repräsentaiitcnversammlmvg, Dr. Brodnitz, begrüßte die neugewahlten Herren, ebenso im Ramien des Gemeindevorstandes Herr Justizrat Zander. Die Versammlung schritt darauf zur Wahl des Büros. Herr Josephsohn übernimmt als Alterspräsident den Vorsitz und dankt dem bisherigen Vorsitzenden, Herrn Dr. Brodnitz, für die objektive Geschäftsführung. Die anschließende Wahl hatte folgendes einstimmiges Ergebnis: Vorsitzender Dr. Brodnitz (Liberal), stellvertretender Vorsitzender Dr. Letvy (Volkspartei), Schriftführer Echt (Liberal), stellvertretender Schriftführer Dr. Löwenherz (Volkspartei). Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete die Ersatzwahl für die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder, deren Amtsperiode am 31. März 1931 abgelaufen war. Zunächst betont Herr Dr. Lewy, daß die Volkspartei ohne zwingenden Grund von der Mitarbeit im Vorstande ausgeschaltet worden sei. Seine Fraktion werde sich daher an den Vorstandswahlen nicht beteiligen; trotzdem werde sie das „Indessen tvird^dann wohl Marianne Meyer zurückge'kommen sein, und Sie werden diese angenehme und interessante Gesellschafterin naher kennen gelernt haben; denn was bleibt uns denn viel Reelles vom Leben als das Verhältnis zu vorzüglich Gleichzeitigen?" Einige Wochen später schreibt er an Schiller: „Tie berühmte Marianne Meyer ist hier, schade, daß sie nicht einige Tage früher kam, ich hätte doch gewünscht, daß Sie dieses sonderbare Wesen hätten kennen lernen." — In einem Briefe an Christiane vom 2. Juli 1808 heißt es: „Zum Schluß muß ich noch melden, daß! auch Mariannchen angekommen ist, artig und gescheit wie immer." Und am 1. Oktober 1809 schickt er der Freundin „die Wahlverwandtschaften" und schreibt ihr dazu: „Gedenken Sie mein unter dem Lesen; gedenken Sie der guten Tage, in welchen dieses Werkchen größtenteils in Ihrer Nähe entstand." Nach alledem, besonders aber auch nach seinen zahlreichen Aeußerungen der Zuneigung zu Moses, Abraham und Felix Mendelssohn wird man Goethe gewiß! nicht als Antisemiten bezeichnen können, andererseits aber habe ich die Empfindung, daß das Wort „Jude" an sich bei ihm mehr oder weniger ein Gefühl des Mißbehagens ausgelöst hat. Goethe wird bei dem oben erwähnten, von ihm mit Zustimmung begleiteten Gesetz, daß? Juden in Jena nicht übernachten durften und bei seinem Zorn über das Gesetz, das den Juden die Ehe mit Andersgläubigen gestattete, sicherlich nicht an eine Marianne Meyer oder einen Felix Mendelssohn gedacht haben.

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