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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-06-24 · 24-25 (24.6.1931) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
24-25 (24.6.1931)
Date
1931-06-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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zum 12. Lebensjahre. Wenn die Juden vor den europäischen Pogromen nach Amerika geflohen waren, aus einem neuen Aegypten in ein neues Land der Verheißung, so zeigt uns G., wie dieses „gelohte Land“ für die große Masse in Wirklichkeit aussah. Wie schnell zerrannen doch die Märchen, die man in dem rumänischen Dorf, aus dem die Golds stammten, über Amerika erzählte. „In Amerika, glaubten wir, graben die Leute unter dem Gras nach und finden überall Gold, in Amerika lebt der ärgste Lumpensammler besser als ein rumänischer Millionär, in Amerika arbeiten die Leute sehr wenig und amüsieren sich den ganzen Tag.“ In, der Easf-Side der Erfüllung dieser Träume nicht viel zu merken, denn sie von New-York, wo der Knabe aufwächst, ist allerdings von ist eine Schule des Verbrechens und der Armut, ein Dschungel, „in dem wilde Tiere lauerten und giftige Pilze in vergifteter Erde wuchsen — Päderasten, Kokainisten, Menschenräuber, Brandstifter und Bauchaufschlitzer“. Diese Welt, die außerdem von Prostituierten und Zuhältern, von Dieben und Falschspielern bevölkert ist, schildert der Autor mit unerbittlicher und fast unerträglicher Realistik als — darf mau den Vergleich wagen? — ein Zola der East-Side. Wie auf einem Film ziehen die Bilder vorüber, Un'terwelts- und Hintertreppengestalten, die Abschaum der Menschheit, der das Elternhaus des Vf. wie ein wilder Wogenschwall umbrandet, ohne es in seinen Strudel hineinziehen zu können, weil es durch Glaube, Sitte und Herkommen gefeit war. Ein interessantes, lesenswertes Buch. Prof. Dr. Go lins lei. „Die fremde Erde." L. Gumtau. In Reklams Universalbibliothek, Leipzig, Phil. Reclam jun. (Geh. RM 1,20, geb. RM 2,—.) Alles andere vermutet man unter diesem Titel „Die fremde Erde", als ein poetisches Gemälde vom werdenden Moses. Die Dichterin hat, sich eng anschließend an altbiblische Ueberlieferung, den Versuch unternommen, die gewaltige Führe rnatur Moses von der menschlichen Seite her zu erfassen. Zwischen dem Moses, der im Wohlleben des ägyptischen Pharaonenhofes groll geworden ist, und dem Führer, der in selbstloser Hingabe Israels Wüsten Wanderung leitet, muß die seelische Verbindung gefunden werden. Wie hier es die Dichterin vermag, aus den spärlichen Hinweisen der Bibel über diese Entwickelung ein prachtvolles Bild von realster Wirksamkeit zu entwerfen, gibt dem Büchlein seinen künstlerischen Wert. Wir empfehlen dieses billige und gute Buch aufs Wärmste. Dr. Davin Schönberger, Aachen. „Die Hilflosen" von Heinz Liepmann. Verlag RUtten und Loening, Frankfurt a. M. (Preis geh. RM 4,50, geb. RM 6,50.) Im düsteren Milieu russischen Kleinbauerntums spielt sich die Tragödie ab zwischen dem unumschränkt herrschenden Großbauern Bärin, Iwan Szegedin und seinen demütig fronenden Bauern. Die furchtbar belastende Einsamkeit führt den Bärin, der tief an ‘sich leidet, zu Brutalität und Grausamkeit und verstrickt ihn in eine unlösbare Kette der Schuld. Das Schuldproblem, in seiner Person zur ersten Frage werdend, gibt dem ganzen Buche eine an Tolstois Romane erinnernde Tiefe. Wie es in dem unehelichen Sohn zum ehern auswirkenden Schicksal wird, steigert der Dichter die Antwort paradox dahin: „Es gibt nur eine einzige Art anständig und glücklich zu sein, nämlich Verbrecher zu werden, weil nur Verbrecher büßen dürfen, was sie andere leiden machen." Sühnen dürfen ist also die einzige Befreiung, denn Jeder wird am Andern schuldig. Hand in Hand mit dieser Problematik geht eine meisterhafte Gestaltung der Charaktere, die das Buch unter die beste Literatur einreiht. Dr. Davin Schönberger, Aachen. Joachim Prinz, Jüdische Geschichte. Mit 16 Illustrationen. Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1931. Auf 270 Seiten eine jüdische Geschichte zu schreiben — wohlgemerkt: nicht ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte, nicht ein Buch für den Schulgebrauch, sondern eine wirkliche .und leibhaftige jüdische Geschichte —, das ist eine Leistung, die Dank und Anerkennung verdient, auch wenn im einzelnen manches daran auszusetzen wäre. Freilich will der Vf. kein Werk geben, das für das Studium der jüdischen Geschichte in all ihren Verzweigungen in Betracht käme wie etwa die „Geschichte der Juden" von Graetz und die „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" von Dubnow. „Was hier unternommen wird, ist der bescheidene Versuch, die jüdische Geschichte in einem Zuge zu erzählen, und zwar für Menschen, denen daran gelegen ist, etwas von der Spannung, von der Dynamik, von dem Drama dieser seltsamen Gemeinschaft zu spüren." (Vorwort.) Und dieser Versuch, der eine Geschichte von ßU> Jahrtausenden in einem einzigen Bande in drei großen Abschnitten — Antike, das Traditionsjudentum seit Esra, Ghettodämmerung — zusammenfaßt, ist durchaus als gelungen zu bezeichnen. Das Buch ist ein guter, lebendiger und verständiger Führer durch die jüdische Geschichte vom Altertum bis in die jüngsten Tage. Für eine zweite Auflage — es ist wohl kein Zweifel, daß dieses packend, begeistert und begeisternd geschriebene Buch viel gelesen, daß es zum 'Hausbuch des gebildeten Juden wird — hätten wir den Wunsch, daß der Stoff gleichmäßiger verteilt wird. Man kann nicht den Makkabäeraufstand auf einer halben Seite abfertigen, während man beispielsweise der Familie Aboab fast drei Seiten widmet. Sodann wäre es für das Ganze vorteilhaft, wenn der zuweilen schnoddrige Ton, die etwas saloppe und schmissige Art verschwände. In einem Ton, der allenfalls in einer Volksversammlung zulässig ist, .schreibt man keine „Jüdische Geschichte". Hier muß der Atem der Ewigkeit wehen, hier muß man den Schauer und die Ehrfurcht vor einem beispiellosen Schicksal empfinden. Erwähnen wir noch, daß manches unbekanntere, aber wertvolle und aufschlußreiche Dokument geschickt in die Darstellung verflochten ist und diese selbst viele glückliche Formulierungen aufweist, so können wir abschließend sagen, daß aus dem guten Buch ein besseres werden kann, wenn es noch einmal gründlich durchgearbeitet wird. Wir hoffen, es in verbesserter Auflage bald wieder begrüßen zu können, und sind davon überzeugt, daß diese „Jüdische Geschichte“ — übrigens die erste und einzige illustrierte — die verdiente Würdigung und Verbreitung finden wird. Rabbiner Prof. Dr. G o 1 i n s k i. Andreas intzko: Sieben Tage. Krystall-Verlag. Man hat kaum einen anderen lebenden Dichter so völlig vergessen, wie Andreas La-tzko, vor allem in seinem eigenen Vaterlande, Deutschland. Man hat in der Fülle der späteren Anti-Kriegsliteratur niemals, des Mannes gedacht, der als schwer verletzter, moribunder Frontsoldat den verzweifelten, aiuf rütteln den Aufschrei der. „Menschen im Kriege" gegen die Götter der Generäle, die apostolischen Majestäten und die blutdürstigen Vaterländer hinaus sandte. Damals, man schrieb 1916, gehörte der Mut des reinsten Idealismus dazu und ein wahrhaft klarer Geist, der mit den Problemen fertig zu werden verstand, die sich den späteren Kriegsliteraten (ohne deren Verdienste schmälern zu wollen) durch die natürliche Entwicklung der Dinge einfach lösten. Seit vielen Jahren lebt Latzko in Salzburg. Trotz seiner scheinbaren Weltabgeschiedenheit in dieser stillen, alten Stadt, steht er mit beiden Beinen in der Aktion, weicht keinen Schritt vom Wege im Kampfe gegen das Unrecht der Gesellschaftsform; der Typus des revolutionären Bürgers, das Beispiel des intellektuellen Dichters, dessen Denken systematisch anarchische Abwege meldet. Sein neuer Roman, diese glückliche Verquickung lebendiger Spannung mit der Auseinandersetzung mit den brennenden und Zukunft bestimmenden sozialen Problemen des Tages ist ein Beweis einer ausgeglichenen und glühend rebellierenden Reife. Lange Jahre hörte man nichts von ihm, viele kennen ihn nur aus der Zeitung. Jahre der Krankheit waren es, welche den Dichter die Ruhe zu schaffen versagten, die Folgen eines völligen Nervenzusammenbruches, den er im Jahre 1915 erlitten. In diesen Monaten der größten Not der Massen und des Einzelnen, in dieser Zeit am Rande der Verzweiflung und der höchsten Gefahr, erinnere man sich des Dichters, der, bar aller literarischen Ambitionen in den jämmerlichen Jahren der Schlachten und Hymnen, fernab vom sicheren Hafen der Kriegspressequartiere, im Schatten der Militärgerichte, die Auflehnung der Millionen zum Ausdruck brachte und der, sich stets treu, seine Feder dem Kampfe gegen Unrecht und Unterdrückung dienstbar macht. Mit Meisterhand skizziert der Dichter seine Gestalten. Der norddeutsche Industrielle, der in den Bannkreis des jüdischen Armenarztes gerät und dessen Weltanschauung lötzlich eine völlige Veränderung erfährt, da er einen Blick inter die Kulissen tut, in den Schlagschatten der sonnigen Welt. Dieser Jude, Sohn eines reichen Bankmannes, losgelöst von Familie und Wohlstand, ganz dem Dienste der Allgemeinheit ergeben, der das Kreuz der Menschheit auf sich zu nehmen bereit ist, das sind Gestalten, wie sie mir ein ganz Großer zu erfassen und wiederzugehen imstande ist, Typen der Zeit. „Ich weiß gewiß, die Zeit wird einmal kommen, wo alles denkt, wie ich!" Diese Worte setzt der Dichter vor sein Kriegswerk lind von demselben Gedanken getragen rollen die „Sieben Tage" vor uns ab. Erklären, begreifen, die Forderungen zu einer Erfüllung dieses Optimismus. Robert D. Alfredson. Joseph Carlebach: Das Hohe Lied. Uebertragung und Bedeutung. Hermon-Verlag, Frankfurt a. M Goethe urteilt über das Hohe Lied in seinen „Noten und Abhandlungen zum Diwan": Wir verweilen sodann einen Augenblick bei dem Hohen Lied, als dem Zartesten und Unnachahmlichsten, was uns von Ausdruck leidenschaftlicher anmutiger Liebe zugekommeu ist. Wir beklagen freilich, daß die fragmentarisch durcheinandergeworfenen iibereinandergeschobeiien Gedichte keinen vollen reinen Genuß gewähren, und doch sind wir entzückt, lins in jene Zustände hineinzuahnden, in welchen die Dichtenden gelebt. Mehrmals gedachten wir aus dieser lieblichen Verwirrung einiges herauszuhehen, anelnanderzureihen. Aber gerade das Rätselhaft-Unauflösliche gibt den wenigen Blättern Anmut uiici Eigentümlichkeit. Wie oft sind nicht wohldenkende .ordnungsliebende Geister angelockt worden, irgendeinen verständigen Zusammenhang zu finden oder hiriieiiiziilegeii, und einem Folgenden bleibt immer dieselbe Arbeit." Ordnungsliebende Geister: Sie haben die Köuigshypotliese aiufgestellt: das Hohe Lied soll die reine Liebe Salomos zu einem Hirtenmädchen besingen. Sie haben die Hirtenhypothese aiufgestellt: nach ihr soll das Lied darstellen, wie ein Mädchen von Salomo geraubt wird, aber trotz aller zudringlichen Versuche, sie zu gewinnen, trotz aller herrlichen salomonischen Pracht ihrem Geliebten, dem Hirten ihres Heimatdorfes, treu bleibt. Sie haben itn Hohen Lied ein regelrechtes Drama erkennen wollen: Sie sehen im Hohen Lied eine Reihe von Hochzeitsgesängen, seit Wetzstein im Jahre 1873 bei einer Reise nach Syrien den Brauch fand, Braut und Bräutigam in der Hochzeitswoche durch Preisgesänge zu feiern. Die ersten 7 Tage nach der Hochzeit spielt der syrische Land mann und seine junge Frau die Rolle von „Melik" und „Melika", von König und Königin. Joseph Carlebach wirft in seinem Buch „Das Hohe Lied, Uebertragung und Bedeutung" (Hermon-Verlag, Frankfurt a. M.) von neuem die für die moderne Wissenschaft schon entschiedene Frage auf: Allegorie oder Liebeslied? Für ihn ist es wie für alle vergangenen Jahrhunderte der jüdischen Schriftforschung Allegorie. „Ist aber die Allegorie einmal zugestanden, daun ist das ganze Liebesmärchen von hinreißender Deutlichkeit, dann ist die vermummte Braut, die im Sonnenbrand ihrer Schönheit verlustig geht, die an fremdem Gute Dienste tut, Israel in Aegypten. Dann ist es klar, daß der Geliebte von der Wüste her.a-ufkommt, von den Helden Israels begleitet, daß endlich erst viel später, lange nach der endgültigen Erwählung Israels als Gottesvolk, der Einzug in den Garten Palästinas erfolgte." So singen noch heute die Chassidem vor Beginn des Sabbat dieses Lied, die Sabbatbraait mit diesem Brautgesang begrüßend. v Die christliche Schriftdeutung der früheren Zeit hat unter dem Bräutigam den Erlöser, unter der Braut die katholische Kirche verstanden. Mit großer Sachkenntnis und vielem Geist sucht Carlebach seine These meist aus dem Midrasch zu beweisen. Für ihn muß der Sänger einer Zeit angehört haben, wo die Teilung des Reiches noch nicht das Land in zwei feindliche Gebiete zerrissen hatte, auch wenn die letzten Aufzeich.ner und Redakteure einer viel späteren Zeit angehört haben. Auch Carlebach gibt zu, daß aus Hochzeilsliedern diese Lieder geboren sein können, daß a,»geregt durch solche Volksklänge über den Dichter der Geist Gottes kann „Diese Liebesniär von Israels Volksschicksal wird Symbol der Einzelliebe." Die Philologen mögen in vielen einzelnen Fällen über die Richtigkeit der Uebersetzung streiten. Die Schönheit der Uebersetztung muß anerkannt werden. Anzueikennen ist auch der außergewöhnlich hübsche Druck, so daß man die Herausgabe eines kleinen Büchleins wünschen möchte, das ohne Einleitung und ohne Erklärung nur in gleichem Druck und in gleichem Format den hebräischen Text mit der Uebersetzung bringt. Anregung wird aber durch das Buch jedem gegeben, der sich für das Hohe Lied interessiert. Dr. Georg Wilde. Festschrift für Heinrich Brody, herausgegeb. von EI ho gen, Freimann, Pick Simonsen. Sonderheft der Soncino-Blätter (Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches, Berlin 1930. Heinrich Brody, Oberrabbiner von Prag, seit vorigem Jahre Leiter für das (von Schocken gegründete) „Forschungsinstitut für Geschichte und Quellenstudium der hebr. Dichtung", ist wohl gegenwärtig der bedeutendste Gelehrte auf diesem Gebiete. Weitverbreitet ist seine Auswahl mittelalterlicher hebräischer Gedichte im Inselverlag: Anthologia hebraica, Lpz. 1922, sowie eine Anthologie: Die neu hebräische Dichterschule der spanisch-arabischen Epoche (Hinrichs, Lpz. 1905), die er mit Karl Alhrecht gemeinschaftlich herausgab. 1896 gründete er die Zeitschrift für hebräische Bibliographie, die er, später mit A. Freimann zusammen, bis 1906 leitete. Seine bedeutendste Arbeit ist die Herausgabe der sämtlichen Gedichte von Juda Halevi, die noch nicht ganz vollendet ist. — Zu seinem 60. Geburtstage (1928) haben ihm seine Freunde eine Festschrift gewidmet, die wie gewöhnlich solche Schriften etwas verspätet nun gedruckt vorhegt. Sie hat die wundervolle Ausstattung der Sandno- Hefte und enthält auch Brodys Bild. Aus dem Inhalt ist zunächst zu nennen ein kurzer Aufsatz von Israel Davidson über Brodys „Beitrag zur Kenntnis der mittelalterlichen Pesie" lind eine Zusammenstellung seiner Schriften und Artikel, nach Materien geordnet, von Minna und Hermann Wollstein (nach eigner Angabe nicht ganz vollständig). Beide geben von Brodys Arbeitskraft und Vielseitigkeit und von seinem tiefen Eindringen in jede Materie, mit der er sich befaßt, höchst ehrenvolles Zeugnis. Von den übrigen Aufsätzen des Heftes enthalten viele gelehrte Kleinarbeit, die hier nicht zu besprechen ist. Dem gebildeten Laien wird besonders eine flüssig geschriebene kurze Biographie des bedeutendsten liebr. Buchdruckers von Amsterdam, Joseph Athias, von J. S. da Silva Rosa, Interesse abgewinnen, sowie die Aufsätze von A. Freimann: Die hebr. Druckereien in Prag 1733 — 1828, und von Beruh. Wachstein: Die Ofener hebräischen Drucker. Beide verarbeiten eine Fülle gelehrten Kleinkrams zu abgerundeten, gut lesbaren und menschlich bedeutsamen Kulturbild - Miniaturen! — Für den Gelehrten wird besonders Ludwig Blaus Aufsatz: „Lehren und Gruppieren der Gebote in talmudischer Zeit", wichtig sein, der im Anschluß und z. T. mit Abweichungen von einem Aufsatz M. Guttmanns in den Berichten des Breslauer Rabbiner-Seminars die am Ende des Talmudtraktats Makkoth in einer Predigt des R. Simlai genannte Zahl der Tora-Gebote 613 und andere damit in, Zusammenhang stehende Themata untersucht. Blau nimmt an, daß die Zahl von R. Jochanan (gest. 279) stammt, der sie durch seine Autorität kanonisch machte. R. Simlai benutzte sie in einer Schowuoth - Predigt, aber nur um zu zeigen, wie die Propheten die Fülle der Gebote in wenige zusammengefaßt haben. Das war nicht Polemik gegen das Christentum, sondern entsprach einer .Tendenz, die schon bei Philo erkennbar ist, alle Gebote um das Zehngebot zu gruppieren. Um 150 dachte man geradezu, alle Gebote seien auf den Bundestafeln zwischen den einzelnen Geboten aufgeschrieben gewesen. Nebenbei zeigt Blau, daß es zwar kein eigentliches Lehrbuch, aber verschiedene Aufzählungen der Gebote in besonderen Büchern gegeben zu haben scheint, die in ta.nnaitis.cher Zeit als Mittelstück im pädagogischen Lehrgang zwischen Tora- und eigentlichem gelehrtem Gesetzess Indium gelehrt wurden, etwa im Alter von 13—15 Jahren. Dafür spricht auch eine Synagogeninschrift, die R. Weil! 1913 in Jerusalem gefunden hat. Auch vermutet Blau, daß die Großjährigkeit des Barmizwa in ältester Zeit nicht mit 13, sondern erst mit 15 Jahren eintrat. In den Sprüchen der Väter bedeute der Satz: „Mit 13 Jahren zu den Geboten": zum Lernen der Gebote! Von den übrigen 10 größeren und kleineren Aufsätzen der Festschrift, die z. T. in engerem, z. T. in weiterem Zusammenhang mit Brodys Lebenswerk stehen, sei noch der letzte genannt, eine Zusammenstellung von Hermann Meyer, dem Redakteur der Soncino - Hefte, der alle „Uebersichten" über Druck-Erzeugnisse von hebräischen Druckern, Druckereien und Druckorten zusammenstellt, — ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des hebräischen Buchdrucks überhaupt! Rabb.-Dr. Fuchs- Chemnitz. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Bd. 29. Berlin 1931. Verlag Poppelena. Vom „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" liegt das neue Jahrbuch vor, in der Reihe der bisher von ihm herausgegebeneti Bücher das 29 te. Es enthält wie die bisherigen auch diesmal neben dem üblichen Kalendarium und einer kleinen feinsinnigen novellistischen Erzählung (v. H. York-Steiner, Wien) eine Reihe allgemein interessierender und sehr beachtenswerter Aufsätze. Es enthält nicht den üblichen Rückblick auf das verflossene Jahr und die „Literarische Jahresrevue". Das ist bedauerlich und müßte später nachgeholt werden. Unser Jahrbuch ist zum großen Teil ein Buch des Gedenkens. Dem Andenken an. Ludwig Stein sind die Eingangsworte gewidmet, die (von Prof. Eibogen) dem Verstorbenen als dem Mitbegründer und stets tätigen Mitarbeiter des Vereins gelten; ferner ein Aufsatz des Dr. Rudy Rudy zeichnet den vielseitigen fruchtbaren Gelehrten, Geschichtsphilosophen und Soziologen, den Optimisten. „Die große Linie der Entwicklung des Menschengeschlechts geht aller scheinbaren Rezidive in Barbarei ungeachtet, vorwärts, aufwärts." „Das Heil der Wissenschaft liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.“ In metnoriam Lassalles veröffentlicht Alex Bein einen Briefwechsel von Arnold und Joseph Mendelssohn. Der Enkel von Moses M. wendet sich an seinen Onkel um Unterstützung; Lassalle, sein Freund, ist ihm bei der Abfassung der Bittbriefe behilflich. (Der erste Brief ist im Auszug wiedergegeben, weil bereits in Lassalles „Nachgelassenen Briefen und Schriften" abgedruckt.) Ernst Loewenberg, Hamburg, gibt ein Lebensbild eines „deutschen Juden", seines Vaters Jacob Loewenberg (gest. 7. Febr. 1929). Wir lernen den bekannten Pädagogen und Dichter, den Freund Otto Ernst’s und Richard DehmeFs, aus seinen unveröffentlichten Tagebüchern und Briefen als einen liebenswerten, strebenden und aufrechten Deutschen und Juden kennen und hochschätzen. Dr. Max Grunvvald, Wien, schildert recht ausführlich das Wirken des vor 50 Jahren heimgegan^enen großen Philantropen und unermüdlichen Anwalts der Juden, Adolphe Cremieux, „den großen Juristen mit dem edelsten Herzen". (Sehr interessant ist seine Begegnung mit Napoleon I. als Kind in der Schule zu Nimes.) Die andern beiden Aufsätze sind: Dr. Karl Schwarz „Das jüdische Museum — eine Kulturforderung" und Prof. Franz Oppenheimer „Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert". Schwarz faßt seine Ausführungen zusammen: Zweck des Museums ist, „die uns durch jahrhundertlange Tradition ans Herz gewachsenen Kultgeräte" nicht nur als Tradition fortbestehen zu lassen, sondern ihnen neues Leben und neuen Inhalt zu geben. Das „Vorbild des jüdischen Museums" soll „durch Förderung des Neuen, durch Anregung unserer Künstler", durch den Hinweis auf das gesammelte alte Kulturgut zum lebendigen Faktor werden. Es soll beweisen, daß Kulturgeschichte nicht nur Rekonstruktion der Vergangenheit bedeutet, sondern daß sie auch dann wirksam ist, „wenn sie den Zusammenhang mit dem ewig pulsierenden, immer vorwärts strebenden Leben bildet“. Besonders wertvoll ist der Vortrag von Prof. Franz Oppenheimer „Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert". Der Antisemitismus ist, soziologisch gesehen, aus dem Kampf gegen den Kapitalismus entstanden. Dem Kapitalismus verseilvvistert ist der Nationalismus (nicht Nationalgefühl), der im „bösen" Sinne Gruppe »haß ist. (Haß gegen jede andere Gruppe, Gemeinschaft, Volk). Der Keim des Gruppenhasses liegt in der Konkurrenz. Da der Jude allemal der Sündenbock ist, folgte dem Kampf der Gruppen gegen einander immer der Haß gegen die Juden. Der Nationalismus wird aber mit der Ueber- Windung des Kapitalismus schwinden und mit ihm zwangsläufig zugleich seine Abart, der Antisemitismus. Mit dem Kapitalismus entstanden, wird er auch mit seiner Uebervvindung vergehen. „Das ist das große Problem der Menschheit und des kleinen Teiles von ihr, den unsere engere Gemeinschaft darstellt." * Wie verlautet, besteht die Absicht, das Jahrbuch nicht weiterhin erscheinen zu lassen. Das wäre sehr bedauerlich. Eine Einrichtung, au der Männer wie Karpeles, Geiger, Hildesheimer, Cohen, Lazarus, Auerbach mitgewirkt haben, hat ihre Tradition. Es wäre sehr zu wünschen, daß ihr Werk fortgeführt wird und der deutschen Juden heit erhalten bleibt. A. M a r g o 1 i u s.

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