Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 24-25 (24.6.1931)
- Date
- 1931-06-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Jahrgang Kummer 24/25 Jüdisch-liberale Zeitung 2. Beilage 24. Juni 1S31 Die griechische Weltanschauungslehre I bei den Römern und Juden Zeiten wirtschaftlichen Zerfalls, Kulturkrisen, Pausen zwischen zwei Weltbünden, waren seit jcher Zeiten geistiger Besinnung und Ausschwungs. Dieser Eindruck entstand auch! wieder de» der diesjährigen Jahresversammlung der Akademie fü,r die W iss e nsch aft d es I ud ent ums. Aus der einen Seite wurde über eine wirtschaftliche Enge und Not berichtet, welche der Akademie den äußeren Wirkungsraum aus ein Minimum beschränkt. Innerhalb dieses Raumes aber lenkte Professor Heinemann-Breslau mit seinem Vortrag den Blick auf die geistigen Grundlagen des gegenwärtigen Judentums, die in jahrtausendelangem Prozeß, in immerwährender Entwicklung begriffen, noch heute von denselben Elementen gebildet werden wie in früheren Jahrhunderten. Denn das Problem der Hellenisierung, das Thema des Vortrags, hat für uns alle Bedeutung. Auf der Hellenisierung beruht die Hauptwirkung des modernen Römertums, und auch im Judentum, das nächst den Römern wohl am meisten von den Griechen gelernt hat, ist der Prozeß der Hellenisierung noch heute bedeutsam. Dennoch gibt es bisher noch keine wissenschaftliche Darstellung dieser Wirkungen, eine Darstellung, die überdies ein Denkmal für den großen Forscher der römischen Kaiserzeit, Professor Hermann Dessau, dessen Verlust die Akademie zu beklagen hat, im Sinne einer Wetterführung seines Werkes wäre. Die historische Betrachtung des griechischen Einflusses aus' die römische und jüdische Art zeigt eine merkwürdige Analogie der Wirkung in dreifacher Hinsicht: eine rein äußere Beziehung (Uebernahme des griechischen Alphabeths und griechische Fremdwörter), eine zerstörende Wirkung: ein Sittenverfall und schließlich bei Römern und Juden eine gesunde Reaktion, ausgehend in Rom vom alten Cato, in Palästina von den Makkabäern. Tie Berührung mit dem Fremden scheint die Schätze des eigenen Geistes umso mehr sichtbar zu machen. Auf der Nation aufbauend entstand durch griechischen Einfluß eine Weltkultur. Der Urenkel Catos ging unter die Stoiker, um Römer bleiben zu können; in Alexandrien entsteht ein hellenisiertes Judentum. Die heilemsierte Kultur der Römer und Juden hat rm 'Mittelalter fortgewirlt und wirft, erneuert durch Maimonides, Mendelssohn und Hermann Cohen bis in unsere Tage. Dieser historisch beobachtete Treitakt: der äußeren Berührung, der zerstörenden Wirkung, des Aushaus, hängt an sich nicht mit den drei Völkern zusammen; er wiederholt sich stets in der Geschichte. Aber jede der drei Kulturen zeigt eigenartige Züge, die sich an die Tatsache, daß es unübersetzbare Worte gibt, anknüpfen lassen. So bedingte Die römische Staatsanssassung der „res publica" (im Gegensatz z. B. zur res privata Ludwigs XIV.) eine Brutalität nach außen, eine Verpflichtung zur Hingabe an die Gemeinschlaft im Innern, sie bedingte auch die römischen Tugenden: virtus, sides, Pietas und sie bewirkte schließlich die Fähigkeit zum Gesetzesaufbou. Aus dem für das Griechische unübersetzbaren Wort: „Briß" beruht das Ethos des jüdischen Lebens: die Hingabe an Gott und an das Volk. Die Gesetzbücher sind anders gefärbt als in Rom, das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit ist von vornherein religiös durchdrungen. Um den Bund innezuhalten, ergibt sich auch die Idee der Keduschah. In Griechenland wiederum ivirkt das Ungeschriebene Gesetz, auf das Antigone sich beruft, als sie gegen deZ Königs Willen den Bruder bestattet. Nicht auf einen geschichtlichen Akt oder auf eine Offenbarung gründet sichhier das Gesetz, sondern auf die Erkenntnis der einzelnen denkenden Persönlichkeit. Die griechische Kultur ist also rational begründet uno wurde später zur universalen Kultur. Und der Grieche war es. oer dev Welt den Mensch heitsgebauten gebracht hat. So war der erste Zusammenstoß zwischen einer rationalen, universal gewordenen Kultur mit zwei anoern, national gewordenen vernichtend. Sowohl in Rom als auch in Palästina erhielt die Religion diesen Stoß, eine Erschütterung, die zugleich eine Erschütterung der Schamhaftigkeit b-n Juden und bei Römern im Gefolge hatte. Aber durch den Ausbau, oer nach der Ueberwindung dieses ersten Zusammenstoßes und nach Ausnahme der griechischen Kultur auf partikularer Grundlage erfolgte, wurde die virtus des Römers: seine Mannhaitigkeit zur Menschlichkeit, und die human-las lehrt das Volkstum im menschheitlichem Sinne verstehen. So beginnt der Gedanke der Sendung bei den Römern. Und als Aufgabe des Judentums wird unter griechischem Einflüsse erkannt, den Glauben an einen Gott zu vertreten. So ist nach dem Eindringen des Griechentums das jüdische Volk in gewisser Befteßimg der Priester oer Menschen und Rom der König. So gewiß also das Hellenentum zu Verwicklungen geführt hat, so gewiß ist, dab erst unter seiner Wirkung die Universaltuaenden auf partikularer Grundlage ihren vollen Glano,senbart haben. Damit beginnt die Einmündung in die Gegenwart, denn der Hellenisierungsprozeß dauert an, und wir verstchen das Judentum gewis, voller, wenn wir es ans dem griechischen Universalismus heraus verstehen und herausarbeiten, denn: Jedes einzelne Volk ist da für die gvttaeschaffe n e "M e n s ch b e i t. H. O. Im Dienste des jüdischen Ruches Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches veranstaltete eine Tagung während der Pfingsttage in Frankfurt a. M. In Erfüllung ihres Programms, das die Förderung und Pflege des schönen und guten jüdischen Buches, sowie die Verbreitung von Kenntnissen und die Anregung zu Forschungen über jüdische Buchkunde umfaßt, bildete den Mittelpunkt der Tagung ein im Lesesaal der Stadtbibliothek veranstalteter öffentlicher Festakt, der dem Buche des Judentums gewidmet war. In seiner einleitenden Ansprache begrüßte der Direktor der Stadtbibliothek, Prof. Dr. Oehlerj, die Erschienenen. Er betonte den Wert und die Bedeutung der Hebraica-Sammlung des ihm unterstellten Institutes und wies auf die schweren Gefahren hin, vre der allgemeinen Kultur drohen, wenn durch die Not der Zeit eine weitere Drosselung der den Bibliotheken zur Verfügung stehenden Etats vorgenommen werden sollte. Herr Justizrat Dr. Baerwald im Namen der Israelitischen Gemeinde und Herr Jacob N o s e n h e i m im Namen der Israelitischen Religionsgesellschast richteten Begrüßungsworte M die Gesellschaft. Alsdann sprach der Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Dr. Heinrich L o e w e-Berlin, über „Die^Juden als das Volk des Buches". Er zeigte, daß das Buch vom Urbeginn an Wesen und Eigenart des jüdischen Volkes bestimmt habe, und legte die Bedeutung seiner buchkünstlerischen Durchdringung im Sinne der Bestrebungen der Gesellschaft dar. Professor Dr. Freima n n - Frankfurt gab in seinem Festvortrag „Die Illustration im hebräischen Buch der Frühzeit" einen Ueberblick über die Entstehung des hebräischen Buches. Nach eingehenden Darlegungen über das Wesen der hebräischen Handschriftenillustration und über den Anteil von Juden an ihrer Herstellung verfolgte er in seinen gehaltvollen Ausführungen die Geschichte der Illustration in den Zeiten des Buchdrucks. Die anschließend erösfnete Ausstellung „Das illustrierte hebräische Buch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts" bot eine Menge auserlesener Schätze. Neben reich in Gold und Farben ausgeführten Handschriften wurden die besonders seltenen Erzeugnisse der hebräifchen Presfe aus den Anfängen der Buchdruckerkünst, die sogenannten Inkunabeln, in staunenswert frischen und gut erhaltenen Exemplaren gezeigt. Zahlreiche Bücher, von denen nur noch ganz wenige Exemplare erhalten geblieben sind, waren zusammengetragen, um die Darlegungen des Festvortrages zu erläutern. Die gehaltvolle Kundgebung hinterließ auf die zahlreich erschienenen Teilnehmer, die den großen Lesesaal bis auf den letzten Platz füllten, einen tiefen Eindruck undwarb zahlreiche neue Freunde für das jüdische Buch. Am Vortage der Tagung fand eine Besichtigung der Altertümer in Worms statt, wo Herr Rabbiner Dr. Holzer und Herr Redakteur Tschirner den Erschienenen die erforderlichen Einführungen in vorbildlich knapper und dabei erschöpfender Weise boten. Die Frankfurter Sammler hatten es sich nicht nehmen lassen, den auswärtigen Teilnehmern ihre Schätze vorzuführen. Besondere Erwähnung verdient die Einladung des Freiherrn Max von Goldschrnidt-Rothschild. Der im 86. Lebensjahre stehende Sammler ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich durch sein Haus zu führen und ihnen über jedes einzelne Stück seiner in sechzigjähriger Sammlertätigkeit zusammengetragenen Kunstwerke ausführliche Erklärungen abzugeben. Einige auswärtige Herren, die am folgenden Abend einer Einladung des Herrn Notar Tr. Guggenhei m nach Ossenbach Folge leisteten, sahen dort das fast vollständige Werk der weltberühmten Offenbacher Werkstätten, aus denen unter Leitung von Rudolf Koch zahlreiche zum jüdischen Sakralgebrauch bestimmte Kunstgegenstände und Handschriften hervorgegangen sind. Beim Vorstande wurde angeregt, künftig derartige Tagungen auch in anderen jüdischen Zentren zu veranstalten, um anch dort dem jüdischen Buch neue Freunde zu werben. KÜCIEX1EJE&SCEIA1LJ lustav Cohn, Der jüdische Friedhol. Seine geschichtliche und kulturgeschichtliche Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der aesthetischen Gestaltung. Frankfurt a. A1. 1930 (Franzmathes Verlag). Das letzte Jahrzehnt zeigte bedeutend erhöhtes Interesse für die Erforschung historischer jüdischer Kultbauten, Anlagen und ihrer Zusammenhänge, die Rückschlüsse auf die Gemeinden und ihre Träger selbst gestatteten. Eine größere Anzahl jüdischer Friedhöfe, lapidare Geschichtsbücher der Gemeinden, sind aufgenommen und einzeln veröffentlicht. Eine zusammen fassende Betrachtung fehlte. Diesem in interessierten Kreisen seit vielen Jahren stark empfundenen Mangel hat das obengenannte kleine Werk ein Ende bereitet. Sein Autor s.agt von ihm. daß es „als Einführung zu einem Buche gedacht ist, das sich mit alten und neuen Friedhöfen einer westdeutschen Gemeinde befassen soll; es will zugleich Laien, die solche Friedhofe besuchen, als Führer dienen". Er hat mit großem Blick nicht allein die historische Entwicklung der jüdischen Begräbnisstätten verfolgt und mit selbstverständlichem Wissen die Quellen aus unseren Büchern herangezogen, sondern auch mit feinstem Empfinden die künstlerischen Gesichtspunkte, auf die es bei diesen Betrachtungen ankommt, klargelegt. Die Schrift bedeutet naturgemäß nur einen Anfang. Man weiß verhältnismäßig wenig aus älterer Zeit, man weiß noch weiniger .aus der Zeit bis um das Jahr 1000 und erst die nachfolgende ist mit einigen Repräsentanten geschlossener vertreten. Es fehlen Zusammenhänge, Lücken sind durch viele Zerstörungen entstanden, die sich nicht leicht ausfüllen lassen und doch erhalten wir einen Ueberblick über die Entwicklung der jüdischen Bestattung von Abrahams Familiengrab bis in die heutige Zeit. Neben dieser Entwicklungsstudie sind die Formen und die Gestaltung der Grabmale verschiedener Zeiten besprochen, deren Beschriftung und ihre Symbole. Mit vollem Recht kritisiert der Verfasser die Entwicklung moderner Friedhöfe: „M,a.n kann nicht sagen, daß die Entwicklung des jüdischen Friedhofs im 19. Jahrhundert eine glückliche Fortsetzung der früheren gewesen ist. Es wird kaum bestritten werden, daß das Gesamtbild eines neueren Friedhofs nichts weniger als den Eindruck des Friedens und der Ruhe hervorruft. Unsere Grabnialkunst hat sich in falscher Richtung weitergebildet.“ „Dagegen hat man durch Steigerung des Ausmaßes zu ersetzen gedacht, was die früheren einfachen schlichten Steine an innerer Schönheit besessen hatten.. Und hat die wesentliche Forderung außer acht gelassen, die an einen Friedhof gestellt werden muß: daß er ein geschlossenes Gesamtbild darhietet. Der Friedhof trägt heute vielmehr das Gepräge der Zeit: Unruhe, Zerrissenheit herrschen auf ihm, wie unter den Lebenden selbst.“ „Waren die Friedhöfe in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nur schmucklos, nüchtern, unschön, aber doch immer noch in erträglicher Uebereinstimmrmg, so kam dann die Zeit der Obelisken und Säulen, der schwarz- oder rotpolierten Umbauung, die Zeit einer geradezu bewußten Außerachtlassung aller Einheit.“ Es wäre zu wünschen, daß die in diesem Werk ausgesprochenen Grundsätze bei Aufstellung von Friedhofsordnungen Beachtung finden und auch durchgeführt würden. Die Schrift stellt eine wertvolle Bereicherung unserer Friedhofsliteratur dar, wird viele Freunde finden und läßt auch gern ihre Fortsetzung erwarten. Wilhelm Haller, B. D. A. Emil Ludwig: Geschenke des Lebens. Ein Rückblick. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1931. 865 8. Emil Ludwig ist einer der gelesenstcn und bekanntesten Autoren unserer Tage. Um das zu erkennen , braucht man aus dem vorliegenden Buch nur zu erfahren, daß seine Werke in 25 fremden Sprachen verbreitet sind und die Auflage des Gesamt-Werkes bis Neujahr 1931 in deutscher Sprache 800 000, in fremden Sprachen 1210 000 Exemplare umfaßt. Er ist auch einer der umstrittensten Schriftsteller der Gegenwart. Die Kritik wendet sich insbesondere gegen seine Geschichtsschreibung, seine „historische Belletristik“. Die Historiker von Fach wären zweifellos berechtigt, ihm mangelnde Zuverlässigkeit und fehlende Akoibie historischer Forschungsmethode vorzuwerfen, wenn es E. L. als seine Aufgabe betrachtet hätte, in seinen großen Biographien berühmter Männer wie Goethe, Napoleon, Lincoln, Bismarck u. a. nur die Tatsachen wirklichen Geschehens zu uns sprechen zu lassen. Das ist aber garnicht seine Absicht. Das überläßt erden zünftigen Gelehrten. Er will Seelengemälde entrollen, er will „Beiträge zur Erkenntnis des menschlichen Herzens“ geben. Sagt er doch selbst: „Alles, was ich historisch darstelle, schöpfe ich aus der Gegenwart: ich habe nie Geschichte studiert, aber immer den Menschen“ (S. 729). Wenn aber die Kritik der Voreingenommenheit gegenüber E. L. „alias Emil Cohn“ entspringt, so verdient sie niedriger gehängt zu werden. Ein Beitrag zur Erkenntnis des menschlichen Herzens ist auch das autobiographische Werk, das der Vf. aus Anlaß seines fünfzigjährigen Geburtstages der Welt geschenkt hatj denn seine „Geschenke des Lebens“ sind auch für uns eine köstliche Gabe. Schon der Titel verrät den lebensfrohen Optimismus eines Mannes, der sich „vom ästhetischen und schauenden Jüngling zum sozialen und tätigen Manne“ entwickelt hat. Mit 50 Jahren schildert dieser Meister der psychologischen Darstellungsweise mit Laune und Selbstironie in bunten, reizvollen und fesselnden ßildern, was er erlebt, und auf einem „Spaziergang durch die europäische Gesellr schaff“ in zahlreichen Porträts die Menschen, die er traf. Es genügt darauf hinzu weisen, daß wir in seiner Porträtgalerie alle Männer wiederfinden, die der jüngsten Vergangenheit vor, in und nach dem Weltkriege den Stempel ihres Geistes und ihres Willens aufgeprägt haben: Könige, Staatsmänner und Diktatoren, Menschenfreunde, Denker und Handelnde, kurz: alle bedeutenden Menschen aus der Schmiedewerkstatt der Welt- und Kulturgeschichte der Gegenwart. Und alles überglänzt von dem flutenden Sonnenlicht eines Optimisten und Idealisten, der den natürlichen Glauben an die Menschen besitzt. Wenn E. L., auf der Höhe des Erfolges stehend, in seinen „Geschenken des Lebens“ für die Früchte danken wollte, die ihm entgegenreiften, so haben wir alle Veranlassung, ihm selber zu danken für das Geschenk des Lebens, das er uns in seinem überaus lesenswerten und interessanten Werk bereitet hat. Es ist gewiß, daß diese Gabe seines Geistes und seiner dichterischen Kraft überall willkommen geheißen wird. Es ist ein sonniges Buch. Prof. Dr. G o I i n s k i. Max Picard: Das Menschengesicht. 2. Auflage. Mit 30 Lichtdrucktafeln. Delphin-Verlag, München 1929. Geheftet 12,— Mark, Ganzleinen 15,— Mark. Ein neuer Lavater, der den alten kritisiert und über ihn hinausgellt, der tiefer in die Charakterkunde eindringt und uns über das Menschengesiebt Aufschlüsse gibt, welche die Tür zu einem neuen Reich der Forschung öffnen. Der Bau des Menschengesichtes, sein Ausdruck, das Verhältnis zur Seele, die Beziehungen des einzelnen Gesichtes 'zu anderen Gesichtern, des Menschengesichtes zu den übrigen Gebilden der Schöpfung: zu den Tieren, Pflanzen, Gestirnen, der Einfluß der Umgebung, der Landschaft, des Berufes, der W Rasse, die Gesichter großer Männer: Casars, Alexanders, Napoleons, Hölderlins, Spinozas, Buddhas u. a., dann wieder allgemein das Gesicht des Kindes, der Frau, das Seelengesicht, die Gesichter der Tiere, des Greises, des Unternehmers, 'des Arbeiters, des armen Menschen und das Gesicht von heute werden geschildert und gedeutet. Man kann die Fülle der neuen Erkenntnisse, die man durch das wunderbare Buch von M. P. gewinnt nicht in eine kurze Besprechung zusammenfasse,n. Man muß das Buch lesen und bei der Lektüre, bei dem stillen Studium dieses Werkes von Zeit zu Zeit innehalten, um den Gedanken nachzusinnen und sie an den Bildern, die im Lichtdruck hervorragende und zum Teil wenig bekannte Köpfe aller Zeiten wiedergeben, nachzuprüfen. Einige Stellen aus dem ebenso religiös wie menschlich bedeutsamen Buche mögen seinen Wert erkennen Lassen; denn P. erweist sich als ein tief religiöser Mensch, der die Ewigkeit rauschen hört, wenn er ein Menschengesicht studiert. „Wenn zwei Menschengesachter sich betrachten, so ist es für die Seele wie eine Erinnerung: sie schaut jedesmal zu ihrer göttlichen Herkunft zurück.“ „Aber alle Menschen sind Eigentum Gottes, und Gott ist das Eigentum von allen Menschen.“ „Bei allen- Heiligen ist der Weg in die Welt der gleiche, es jst der gleiche Weg zu Gott, und darum sind alle Heiligen im Profil einander ähnlich.“ „Gott hat die Schöpfung nicht für den einzelner Men scheu geschaffen, sondern für alle Menschen. Darum ist das Bild der Schöpfung nur dann richtig in der Seele, wenn der einzelne Mensch verbunden ist mit den anderen Menschen.“ „Das Menschengesiclit aber, -in dem das göttliche im Uebermaß ist, trägt dieses Uebermaß für die Anderen, in denen das Göttliche wenig ist. Es läßt das Göttliche nicht von den Anderen suchen, sondern gütig sucht es die Geringen, es trägt ihnen das Göttliche nach.“ „Nicht nur das Wesen Gottes offenbart sich in seinem Ebenbild, im Menschen, — auch die Schöpfung Gottes ist im Mensch engesicht darin.“ „Wie ein Abziehbildchen ist das Gesicht des Kindes, wie jrin Abziehbildchen Gottes.“ Ein erschütterndes Buch, das in die Bibliothek des gebildeten, denkenden Menschen gehört. Der Delphin-Verlag hat es sorgfältig und prächtig ausgestattet. Prof. Dr. G o li n s k i. Michael Gold, Juden ohne Geld. Autorisierte Uebertragung aus dem Englischen von Paul Baudisch. Neuer deutscher Verlag, Berlin 1931. 305 8. Ein autobiographischer Roman, in dem der Vf. seine Jngendcrlebnisse schildert, seine Knabenzeit vom fünften bis