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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-06-24 · 24-25 (24.6.1931) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
24-25 (24.6.1931)
Date
1931-06-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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obgeleugnet. Nachdein die Liberalen die Unrichtigkeit dieser Behauptung sestgestellt batten, haben Herr K. und seine Partei zugegeben, sich für die Proteste eingesetzt zu haben. §en* K. hat hierbei persönlich Schritte unternommen, die mit der Stellung des Gemeindeoorsitzenden' unvereinbar sind. Das ist durch die geführten Verhandlungen bestätigt, nicht, wie die „Jüdische Rundschau"" fälschlich behauptet, entkräftet worden. Unter diesen Umständen wird cs einleuchtend sein, das; die Liberale Fraktion die Duldung einer Wiederwahl des Herrn Kareski in den Gemeindevorftund zunächst für untragbar halten mußte. Dennoch hat die Liberale Fraktion nach reiflicher Ueberlegung das Präsentationsrecht der Jüdischen Volkspartei auch im Falle Kareski nicht abgelehnt, ist sich aber schlüssig geworden, ihrer Stellung zu Herrn Kareski durch Abgabe weißer Zettel und durch folgende Erklärung ihres Vorsitzenden in der Repräsentantenversammlung Ausdruck zu geben: „Tie Liberale Fraktion hält nach eingehender wiederholter Prüfung Herrn Direktor Kareski wegen seines Verhaltens in der Angelegenheit der Wahlproteste für nicht mehr geeignet, dem Gemeiudevorstand wieder anzugehören. Aus die'em Grunde beteiligt sich die Liberale Fraktion nicht an der Wahl des Herrn Kareski. Allein die Fraktion der Jüdischen Volks Partei ist für die Wahl dieses .Herrn verantwortlich." Bei der Entscheidung der Fraktion hat der Wunsch mitgesprochen, in der gegenwärtigen Zeit höchster wirtschaftlicher und politischer Gefahr der Jüdischen Volkspartei nicht einen billigen Vorwand zur Entfesselung einer verantwortungslosen Obstruktion zu geben. Ter Beschlus; der Fraktion bedeutet aber keineswegs, das; die Gemeinde in Form einer Art von Koalitionsregierung verwaltet werden wird. Tie Jüdische Bolkspartei mag im Geincindevorstand vertreten sein und somit die Möglichkeit haben, sich über alles, was vorgeht, zu unterrichten. Bestimmenden Einfluß wird und darf sie nach dem Willen der Wählerschaft nicht mehr ausüben, und .Herr Lareski wird keine Gelegenheit haben, die Richtung der Gemeindepolitik fernerhin zu dirigieren. Aufgabe der liberalen Mehrheit wird es fein, ihren Grundsätzen gemäß und der Rot der Zeit entsprechend die von .Herrn Kareski geschaffene Inflation der Gemeindeaufgaben und des Gemeindeapparats - auch hinsichtlich des Profanschulwcfens -- abzubauen. Tein gibt die bereits erfolgte Dezernats-Verteilung im Vorstand unzweideutigen Ausdruck. Herr Karesti benndet sich nicht mehr im Präsidium des Gemcindevorstaudes und verwaltet keines der in dieser Zeit wesentlichen Dezernate. Tic liberale Mehrheit wird bei der pflichtgemäßen und konsequenten Durchführung der übernommenen Aufgaben sich von der Arbeit oder Nichtarbeit der Indischen Volkspartei im Gemeindevorstand nicht beeinflussen lassen. |Wilhelm Monster j Ter Berliner Liberalismus hat in den letzten Jahren einen unverkennbaren Aufschwung genommen. Ter Wahlsieg vom 30. November 1930 beruht nicht zuletzt darauf, daß die Zahl der in Organisation und Agitation aktiv tätigen Liberalen in erfreulicher Weise gestiegen ist. Uilter diesen neuen Kräften sind die Ueberlebenden von denen, die schon in früheren Jahrzehnten, vor dem Kriege, sich diesen Aufgaben ßt widmet, kann; mehr befcmut, ünd mancher, der seine besten Kräfte für die Gemeindearbeit des Liberalismus eingesetzt hat, ist bei der heutigen Generation nicht mehr so gewürdigt, wie er es verdient!:. Mancher von denen, die heute mit uns streben, wird so auch Wilhelm Plonsker nicht mehr gekannt haben, oa er sich feit 1920 von der aktiven Vereinsarbcit aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen mußte. Diejenigen aber, deren Erinnerung so weit zurückreicht, wissen, daß der Berliner Liberalismus ihm, dem Ehrenvorsitzenden des Liberalen Vereins, zu allergrößtein Dank verpflichtet ist. — Plonsker ist am 21. August 1862 in Eulm in Wen Preußen geboren und bat, nachdem er dort das Abiturienten examen absolviert hat, auf den Universitäten Berlin und Leipzig die Rechte studiere. Am 8. Roveinber 1888 bat er dH große Staatsprüfung bestanden und sich im Februar des folgenden Jahres in Berlin aus dem Gesundbrunnen als Rechtsanwalt niedergelassen, als erster Anwalt in dieser da- Mals arg abgelegenen Gegend überhaupt. Er hat dort über 13 Jahre als Rechtsanwalt und später auch als Notar gewirkt und sich unter seiner zahlreichen Klientel ebenso wie unter der Kollegenschaft und bei de;; Richtern das größte Ansehen erworben. Eine besonders große Zahl von Kollegen dieser Stadtgegend folgte seinem Sarge. Sein Berufsleben füllte ihn jedoch nicht aus. Er fand Zelt, feine Kräfte nebenher dein öffentlichen Leben zu ividmen. Er war viele Jahre hindurch polili'ch irr der Fortschrittlichen Volkspartei, später der Demokratischen bzw. Staatspartei ats Bezirksvorsitzender tätig. Vor allem aber widmete er sein Interesse den Ausgaben seiner jüdischen Gemeinschaft, der er zeitlebens rüit der ihn; eigenen Treue anhing. Oertlickien Ausgaben, indem er ebenfalls durch viele Jahre im Vorstand des aus dem Gesundbrunnen wirkenden Synagogenvereins mit tätig war, und allgenreinen Aufgaben in den Organisationen seirier Richtung, des liberalen Judentums, dein sein freier, klarer Geist allein Neigung zuwenden konnte. So trat er in den Vorstand des Liberalen Vereins ein, so wurde er im Jahre 1911 dessen Vorsitzender und bekleidete dieses Amt bis 1920, so verwaltete er interimistisch auch durch eineinhalb Jahre den Vorsitz in der deutschen Spitzenorganisation des Liberalismus, der Vereinigung für das liberale Judentum. Er gehörte zu den zielklarsten Liberalen und hat Kompromisse in Gesinnungsfragen stets abgelehnt. T,abei aber war er von größter Duldsamkeit gegenüber anderen religiösen Auffassungen. Es ist bezeichnend für ihn, daß sein letztes Werk bei der Leitung des Liberalen Vereins das Wahlkompromiß von 1920 war, in dem sich sämtliche religiösen Parteien bis zur strengen Orthodoxie unter dem Motto der Wahrung gegenseitiger Achtung ihrer religiösen Überzeugungen für die Schaltung der Religionsgemeindr zufammenfchtossen. Dieser Zusammenschluß erfolgte gegenüber dem Nationaljudentum, und die entschiedene Stellungnahme gegen das Vordringen nationatjüdi'cher Bestrebungen in der Gemeinde cn sprach ganz der Gesinnung Wilhelm Plonskers, dem deutschj irdische Gesinnung allezeit eine Selbstverständlichkeit war. — Sind wir dem Verewigten so für sein Wirken zu größtem Dank verpflichtet, so können alle diejenigen, denen es noch vergönnt war, mit und unter ihm zu arbeiten, nur mit größter Verehrung sich seiner Persönlichkeit erinnern. In seiner tiefempfundenen Trauerrede hat Herr Rabbiner Tr. Blumenthal als das wesentliche Kennzeichen seines Charakters die Treue gewürdigt, die Treue, in der er durch alle Jahrzehnte seinen Geschwistern, seinen Freunden und den Ideen, die er vertreten hat, verbunden war. Daneben war hervorstechend seine absolute vornehme Sachlichkeit. Ehrgeiz hat ihn niemals geleitet. Mit Intrigen konnte niemand wagen, an ihu heranzutreten. Und schließlich mußte jeder die Schlichtheit dieses Mannes hochschätzen, der niemals auf sein Können und Wirken gepocht, sondern unabhängig von Anerkennung und Ehren, die man ihm zuteil werde,; fteß, ohne das; er sie je erstrebte, der Sache gedient hat. Sein öffentliches Wirken haben, wie erwähnt, die Beschwerden seines Alters schon vor Jahren eingeschränkt. Seinem Beruf konnte er bis in die letzte Lebenszeit nachgehen. Rach kurzer Krankheit ist er am 10. Juni 1931 'heimgegangen. Tein Andenken fei in Ehren. Tr. Walter B r e s l a u e x. Drei Zubilare Robert Hirschfeld, Aron Auerbach, Josua Friedlander. An; 21. d. Mts. begeht Herr Lehrer und Religionsschnlschnldezernent Aron Auerbach seinen 70., und am 21. konnte Herr Robert Hirschfeld seinen 60. Geburtstag begehen. Beide Herren verdienen, daß ihrer auch in der Jüdisch-liberalen Zeitung mit Anerkennung und Tank gedacht werde. .Herr Auerbach ist über 40 Jahre a.r städtischen Volks-, höheren und Religiousschulcn unserer Gemeinde als Lehrer tätig gewesen und seit fast 30 Jahren auch Leiter der Religionsschule in der Rytestraßk. .Herr Hirschfeld war bis 1924 gleichfalls als Lehrer an Religions- und höheren Schulen tätig und ist seitdem Schulreferent des Vorstandes der Jüdischer; Gerneiude. Beide Herren sind Schüler der ehemaligen jüdischen Lehrer- Bildungsanstalt, aber beide find bei dem nicht stehen geblieben, was ihnen das Seminar mitgegeben hat. Beide haben die weitcrgeheirden Prüfungen abgelegt, die dem Volksschullehrer ossenstehcn, aber beide haben auch in in vorbildlicher Weise an der Fortbildung auf religions-wissenschafllichem Gebiete gearbeitet. Alan braucht sich nur ihre Bibliotheken anzusehcn, um festzustellen, daß sie kein Mittel unbenutzt gelassen haben, um sich aus die .Höhe ihres Fachwissens zu bringen und sich dauernd auf ihr zu erhalten. Beide haben mit hingebender Treue ihre unterrichtliche und erzieherische Tätigkeit ausgeübt, haben in der schwierigen Stellung eines Religionslehrers an höheren Schulen sich und ihren Aemtern Achtung und Anerkennung verschafft und zahlreiche» Schülern Kenntnis vom Judentum und Liebe zu ihm ins Herz gepflanzt. Beide haben auch schriftstellerisch an der Hebung des Religionsunterrichts nutgearbeitet, Herr Auerbach als einer der Bearbeiter der Biblischen Erzählungen von Jakob Auerbach, Herr Hirschfeld als Herausgeber des Hilfsbuchs der nachbiblischen jüdischen Geschichte, eines Schulbuches, das zum ersten Male den Versuch macht, dem Kultur- und Religionsgeschichtlichen die Rolle zuzuweisen, die ihm in der Entwicklung unserer Gemeinschaft zukommt. Und wie Herr Auerbach seine Fähigkeiten in der Organisation der von ihm geleiteten Religionsschule bewährte, die zu den besuchtesten unserer Gemeinde gehört, und die, wie sich namentlich bei ihrem Jubiläum vor einigem Jahren zeigte, in den Kreisen der Elternschaft ein großes Vertrauen genießt, so hat .Herr Hirschfeld die gleiche Fähigkeit bei der Organisation des Religionsschulwesens unserer Gemeinde gezeigt. Große Religionsschule,; bestanden schon seit Jahrzehnten in unserer Gemeinde, Herrn Hirschfeld aber ist es gelungen, ein ganzes Retz von Uitterrichtsstationei; um Berlin auszubreiten, so daß es kaum noch ein jüdisches Kind in Groß-Berlin gibt, dem eS wegen der Weite des Weges unmöglich wäre, an; Religionsunterricht teilzunehinen. Beide .Herren stehen aus dem Standpunkt des Judentums als einer Religion der Entwicklung, und wir dürfen sie mit Genugtuung zu den aufrichtigen und charaktervollen Vertretern unserer religiösen Anschauung zählen.' Herr Hirschfeld, der sich immer zur Jugend gerechnet hat und ein feines Verständnis für sie besitzt und bei ihr auch immer gesunden hat, befindet sich trotz seiner 60 noch in der Vollkraft seiner Jahre, aber auch Herrn Auerbach merkt man seine 70 keineswegs an: Beiden .Herren wünschen wir, daß ihnen ihre jugendliche Frische noch ungezählte Jahre zum Besten der ihnen anvertrauteu Jugend erhalten bleibe. * Nachträglich — leider nachträglich — erfahren wir, daß unser Freund Professor Josua Friedlaender an; 13. Juni seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Auch ihn; haben wir .zu danken: ist er doch feit Jahren an führender Stelle gemeinsam mit Hermann Falkenberg an der Liberalen Synagoge Norden tätig. Manche der von ihm eingesührten gottesdienstlichen Neuerungen haben sich gut bewährt und sind zu dauernden Einrichtungen geworden. Auf die Gestaltung des sogen Fallenbergschen Ritus hat er durch seine rege Mitarbeit bestimmenden Einstuß gehabt. Friedlaender war früher an der Talmud-Thora-Realschule in .Harnburg als Sprachenlehrer tätig, lebt nbers eit langen Jahren in Berlin. In; Si;u;e seiner liberalen Auffassung von; Judentum hat er stets an jüdischer; Dingen mitgearoeitet. Auch ihm wünsche;; wir noch I lange Jahre segenvvller Wirksamkeit. Zur Diskussion über die Stellung des kaukors V. Be: der Weitschichtigkeit des Themas muß ickp mich auf aphoristische Bemerkungen beschränken. Daß diese sich verwiegend aus musikalischem Gebiete bewegen, liegt daran, daß ich Musiker bin. Daher möchte ich michauch auf historische Exkursionen nicht eiulassen. Es wäre aber freilich sehr wünschenswert, wenn sich jüdische Wissenschaftler (w;e Jsinar Elbogen, um nur einen zu neunen) zu den; lapidaren Satz dem Artikel von George Goetz (Nr. 16) ausführlich äußern wollten: „In; Anfang war der Chasan." — Dieser Satz dürfte dann wohl mancherle'- begründete Einschränkung und Berichtigung erfahren, besonders dahin, daß der Chasau ursprünglich ja fein Berry (oder Amt), sondern daß er ein Berufener war, einer aus der Mitte der Gemeinde Berufener, der wiiroig war und der die (noch nicht notierten) Gebete 'beherrschte. Das heißt also: erst hatte sich dieser alte Chasan der Gemeinschaft gegenüber durch seine Kenntnisse und vor allem durch seine Persönlichkeit legitimiert, dann erst wurde er von ihr als Scheliach Z'bbnr, als Sendbote zwischen diese Genneinschast und Gott gestellt. Hier liegt, scheint mir, einer der Hauptgründe (über andere vgl. die Liturgischen Hebungen, Heft 2, S-cholosch regolim von Ed. Birnbaum 1912), warum die Kantoren augeblich nicht das Anseben genießen, das sie — darüber bcstelü kein Zweifel — voll zn beanspruchen haben. Kantor ist vielfach ein Erwerbszive;g, ein Berus geworden wie jeder andere Berus, und manchmal sogar eine letzte Zuflucht für sonst gefährdete, vielleicht beinah? gescheiterte Existenzen, die dann durch nichts dazu getrieben werden als durch die Tatsache, das. sie „Stimme haben". Ich denke da vor allem auch au die zahlreichen Opernsänger, die, meist wenn die Stimme oder das Darftellungstalent oder die Musikalität (es soll Vorkommen') nicht oder nicht mehr ausreichen, die Bühne verlassen und wieder vor den Altar treten. (Zum Chasan reicht es noch, die böse Zeitungskritik hat aber hier nichts mein* zu sage,;.) Waren sie auf der Bühne oft nur Ehasonim, so sind sie nun vor den; Allerherligsten oft nur Bühnensänger, die sich und ihre mehr oder weniger große Kunst zur Schau stellen. Mir hat einmal ein sehr bedeutender Chasan dieser Kategorie, der ans dem Osten stanunt, geantwortet, als ich sagte, ein Gottesdienst sei kein Konzert: „Sie irren, der Gottesdienst ist ein Konzert und ich bin die Hauptperson dabei!" —; Dieser — im übrigen ausgezeichnete — Vorbeter steht mit dieser Meinung kaum allein. Der Hauptirrtum dieser VerbetemKategorie 'ist eben, daß sie glauben, man könnte ein Chasan, ein Scheliach zibbur werden. Nein, Chasan i st man entweder aus innerer Berufung, oder man wird es nie. Das bloße Anlegen der Amtstracht hat noch niemanden zum „Sendboten" gemacht, sondern das Herz. Daher können sich die heutigen Vorbeter schlecht auf jene alten, nicht berufsmäßigen; Chasonim berufen, die vor Festlegung des 'Siddur von der Gemeinschaft, aus ihrer Mitte ausgewählt und entsendet, btteten, vielleicht auch in inbrünstiger Erstase extemporierten und musikalisch improvisierten. Die waren erst Sendboten und dann hat man sie dazu offiziell delegiert. Wieviel übrigens von dieser Pijntim wirklich den „Grundstock unserer Liturgie, unseres Siodms" bilden, wie Oberkantor John in seinem Vortrag gesagt hat (er lag wohl Herrn Goetz bei Abfassung seines Artikels vor), kann ich nick'.! nachprüsen. Es wäre aber interessant es zu wissen. Herr John wird alle an der Entwicklungsgeschichte des jnd.schen Gottesdienstes und der synagogrlen Musik Interessierten sich zu Tank verpflichten, wenn er seine diesbezüaftchen Forschungen recht bald der Oesfentlichkeit vorlegt. " Von der musikalischen Gestaltung dieser alten Gebete können wir uns heute gav keine Vorstellung machen, da die Quellen zur altjüdischen Musik — vorsichtig gesprochen — vorläufig verstopft, wenn nicht überhaupt völlig versiegt sind, wie es meine Ueberzeugung ist. Eine nationale jüdische u a eh biblis ch e Tonkunst gibt es nicht — ick. bin durch jahrelange eigene Forschungen von dieser Ansicht meines Lehrers Eduard Birnbaum, der ein Berufener war, völlig durchdrungen. Freilich aber könnte heute noch oder heute mieser der Vorbeter bei der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes eme sehr bedeutende und mitbestimmeude Rolle spielen. Wenn er das nicht tut und wenn er das nicht kann, liegt es auch mit an feiner mangelhaften m u f i k a l; sch-e n Vorbildung. Der Bovbeter von heute hat Singen gelernt* denn die stimmliche Befähigung ist immer noch in erster Linie maßgebend. (Vgl. das in Nr. 18 49 von Oberkantor Davidsohn treisend darüber Gesagte..: Sonst aber we*st die rnusikalische Vorb-ldung — manchmal in Verbindung mit mangelnder Mus'kalität — meist so erhebliche Lücken aus, 'daß von dem heutigen durchschnittlichen musikalischen standard bis zu dem ,Musikdirektor seiner Synagoge oder Gemeinde", wie Goetz utopiftisch vorsch'.ägt, ein, heute wenigstens, nicht zu betretender Weg ist.' Ta müßte, neben vielem anderen, eine völlig andere knunkalische Ausbildung und Pflege der Musikalität der Bor-- beter eiusetzen, mit Chasanus allein wird das nicht gehen. W:r brauche;; uns ja z. B. nur die Kompositionen ansehen, die von Kantoren herausgegeben wurden. Von (mit ganz wenige'.; Ausnahmen» den Mangelhastigkeitei; der Satzlechuit. cev musikalischen Orthographie und Logik will ich garm.cbt sprechen, auch nickt davon, daß 'oft der Inhalt des Textes zu Gunsten der Tlseatralik einer pathetischen Musik vergewaltigt ist. die Inspiration lasse ich ganz tmeile — ich schrecke nur von dem Geist dieses musikalischen Schaffens, das zu oft gar keiner inneren Notwendigkeit zu entspringen scheint. Da wäre zu sagen, daß alle diese Kompositionen noch heule rin Zeichen einer evigonaleu Romantik stehen, die in jeder anderen kirchlichen Musil längst überwunden iimvte, um der* modernen Musikentroicklung garnicht zu reden. . Schon Lewandowiki ist Epigone einer assimilierten weichlichen Romantik, seine Musik, vor alten; seine Chormusik, bat kaum etwas von jüdischem Geiste. Aber er bat immerhin das große historische Verdienst, entscheidend (nachdem der ohne Zweifel ursprünglichere Sukzer vorangegangen war) die musikalisch? Ausgestaltung des jüd-ischen Gottesdienstes in eine damals brauchbare Form gebracht zu haben. Die komponierenden Vorbeter sind es nun vor altem, die in ihren Kompositionen über diese Art nicht hinansgehen, entweder »vollen sie nicht, oder sie können es nicht. Alles, was von Kantoren herausgegeben wurde, (ich nehme da Birnbaum nicht aus), ist eine Musik, die der heutrgen Generation nichts gibt, weil sie ihrem lebendigen Empfinden nicht entspricht. Ick vermute, daß Herrn Goetz bei den; „Musikdirektor der Synagoge" vielleicht die Stellung dorgeschwebt baben mag. d;e der christliche „Kantor" be; seiner Kirche hat. Obwohl das auch nicht ganz stimmt, obwohl auch diesem von Verwaltungsstellen genügend hinein geredet tvird, (der musikwissenschaftlich gebildete Chasan wird nur an Bach zu denken brauchen), will ich es einmal gelte» lassen. Nehmen wir den eben erwähnten Bach. Was hat er denn für Musik in seiner Kirche dirigiert? Nun, die modernste Musik

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