Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 20-21 (27.5.1931)
- Date
- 1931-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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lim, dessen „H os" und „A l t a r D i e u st" ^vir uns als „R i t t e v" und „P u ieste v" widmen, dessen „S ch w eizergo r de" wir bilden sollen. Es drängen sich einem förmlich die.Worte auf, die LessingS weiser Nathan durch Rechas Mund zu der braven Daja über den Tempelherrn, also auch so einen priesterlichen Ritter, quasi einen Offizier der göttliche» Tchweizergarde, sprechen läßt: Was spichst dn da nun wieder, liebe Daja! Du hast doch wahrlich deine sonderbaren Begriffe! „S e tu, f c i n Gott! Für den er kämpft!" Wen, eignet Gott? Was ist das für ein Gott, der einem Menschen eignet? der für sich muß kämpfen lassen? - In der Tat, das ist ein merkwürdiger GotteSbegrisf! Aber es tonunt hier nicht so sehr darauf an, wie Herr Dr. Jacob „seinen" Gott ausfaßt, als auf die Tatsache, daß er ii^ dein durch Befolgung des ZeremcmialgesetzeS „geheiligten" Juden den besseren Juden und gegenüber dem Andersgläubigen, für den, wie er selbst sagt, das Zeremonialgesetz weder ver näiidiich noch verbindlich ist, den besseren, „heiligere n" Menschen erblickt. Das ist eine Ueberhebtichkeit, die gerade von jüdischer Seite besonders scharf znrnckgeivie int werden muß, weil sie die einzige sachliche Grundlage für die feindselige Einstellung Andersgläubiger gegenüber dein Inden wie gegenüber dem Judentuine bildet. Diese lieber beblichkeil ist freilich uralt. Schon vor mehr als siebenund zwanzig Jahrhunderten hat der größte der kleinen Propste i-en sie scharf gegeißelt, ohne Scheu vor dein Zorne der Mächtigen. furchtlos trotzend dein Priester Amazja, dein Ab gesandten Jerobeanis. Israel hat damals die Stimme des Warners riicht gehört, obwohl der Hirte von Thekoa wahr lici, einen Donner teil im Munde führte. Es wäre an der -zeit, das Jacob endlich diese Stimme hörte, denn es nt ganz gewiß heute nicht an der Zeit, Hochmut und Ueberheb«. ii.f-.i'cii zu vredigen. Wer Wind sät, wird Sturm ernten! llr.idann könnte des Ainos Weissagung zum zweiten Male Ersülliing gehen: Das Donnerwort des .Herrn wird er von Zions Hohen, fein-' Stimme erschallen von Jeriw! :rm. das die Weiden der .Hirten trauern und der Gipfel! ■ .Vuiuut'l verdorrt! Zur Diskussion über die Stellung des Kantors Es isj nicht das erste Mal, daß Angelegenheiten jüdi ,;inBcn>nien. allgemein, wie einzelner Kategorien im be >nnbcrr». in jüdischen Blättern zur Sprache kommen. Auch r-ir von Herrn G o etz in Nr. ll» d. Bl. in dankenswert frei wütiger Weise hervorgchobcnen Mängel bezüglich der ösfent iiilMi Steilung des Kantors haben, (was aber ihren Wert krinesfalls herabmindert), wiederholt schon den Gegenstand öss, ittlicbcr Diskussion gebildet. Wenn nun (mit wenigen rühmlichen Ausnahmen» auf diesent Gebiete dennoch heute gar manches im argen liegt, so dürfte u.a. die Ansicht nicht unberechtigt fein, daß auch das Fehlen g e e i g n e t e r, ein n «' i 11 i ch e v F a ch b i l d u n g s - M a ß n a h m e n b e e i n l r a ch t i g e n d mitgewirkt habe. Tenn unbestreitbar stellen sie einen wichtigen Faktor dar für die Geltung eines Standes und Berufes nach innen sowohl, wie nach außen hin. Es ml! aber hier nicht entschieden werden, ob die Möglich k e i t z it r B e. r w irklichung dieser auch von unserer Standesvertretung, deni Allgemeinen deutschen K anto - renverbande, inunmer wieder erhobenen Forderung in .wischen schon Vorgelegen bat, oder zur Zeit vorliegt. - Hart deti es sich doch, das darf nicht übersehen werden, ilicht zu!cln. um eine finanzielle Frage. Die, will man gerecht sein, bei der heutigen a l l g e m e i n e n w i r t s ch a f t l i ch e it S ch w c r e u n b der b e s o n dere n Lage der Land e s n e r b ä n d e. die ntau mit verantwortlich macht, zum min desicit nicht so ohne weiteres zu beantworten ist. — Allein so wichtig dieser Faktor tatsächlich ist, entscheidend für unsereu Gegenstand scheint mir in erster Reihe doch eil, ganz anderes, eilt soziales Moment zu sein: Verschließen am uns nicht die Augen und gestehen wir ruhig ein, ,daß auch bei uns Inden, trotz Hoch st an des dessen, was wir „jüdischen Geist" zu nennen pflegen, ei» beträchtlich Maß von menschlichen Schwächen, Jrrtnniern und Fehlern vorhanden ist. Und zu diesen gehören (auch bei uns!) viel fach Ac i n d e r b e >v e r t n n g w i r t s ch a f t l i ch A b h ä n g ig e r, Engherzigkeit und Vorurteil. i verfammlungskalender i *:: L zu Be i« der Alt-M liirtlid sind h Berlin. iberaler Berlin für di« Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde rlin E. L. Sonnabend, 13. Juni 1931, großes Sommersrst Gesamlräumen und im Park der Landesausstellung lUlap), oadit 4-19. Auftreten erster Künstler, Tayz im Freien. Botts.- )t Preise. Beginn 17 Uhr. Unsere Mitglieder und Freunde erzlichst eingeladen. (Näheres siehe nächste Nummer!); * j Gottesdienste Vttlitt’Jtata». Liberale Synagoge Norden, Schönhauser ‘ Allee 162. Freitag, de» 29. Mai 1931, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Sroarsenfty. Sonnabend, vormittags 19 Uhr, Gottesdienst. Dr. Swarsensty. Berlin-Oste». Liberale Synagoge Osten, Kaiserstraße 39» Aula der Mädchenschule. Freitag, den 29. Mai 1931, abends 7.39 Uhr. Gottesdienst. Predigt: Dr. Hirschbcrg. Beritn-Lefte«». Liberal« Synagoge Westend, Leistilowstraße 7-3. Aula. Freitag, den 29. Maü 1931, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Platte. Berlin Jüdische Resormgemeindc. Gottesdienste a.n Sonntag, oem 31. Mai. Johannisstraße 16: vormittags 19 Ilm. Predigt: Dr. Jclski. Kleiststraße 19: vormittags 19 Uhr. Predigt: Dr. Lehmann. Gottesdienste am Sonntag, den: 7. Juni. Joimnnisstraße 16: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Avsenthal. Kleiststraße 19: vormittags 19 l^r. Gastpredigt: Dr. Gottschalk. Kal». Davon hat vor allem der jüdische Beamte, soweit er dagegen niccht anzukäiltpsen vermachte zu allen Zeiten ein gut Teil zu spüren bekommen. Und damit ist auch der Kantor iu seine von Herrn Goetz gerügte „A s ch e n b r ö d e l st e l t ii it fl" gelangt. Bon hier aus gesehen, icnd nicht nur von der sachlich-beruflichen Seite, erklären sich mir saß folgerichtig all jene W i d e r s p r ü ch e z >v i s ch e it D e r i 1» m n u v ertrante n 1) o h e n amtliche n 2 teil u n g und dem ihm oft entgegengebruchten w ü r d e I o s e n sonfti gen Verhalten: Da wird ein Mann (wenigstens sollte man es anneh ine») für würdig befunden, als S ch a l i a ch zibbur („Abgesandter der Gemeinde") an geweihter Stätte, alten sichtbar, in seinen Funktionen allen vernehmbar, zu stehen. Aber einen Anspruch (!) ans M i t b e r a t n n g selbst in Dingen, die dieses Amt angehen, besitzt er (auch i» unserem d e m o k r a 1 i s ch e n Zeitalter) noch nicht. Geschweige gar, daß er, wie Herr Goetz es ihm gönnt, sogar schon eo ipso dem Gemeindevorstandc mit beratender Stimme beigeordnet sein sollte!! Eine Forderung, die, wie Herr Goetz ja selber bemerkt, auch die Herren Rabbiner noch nicht einmal überall durchgesetzt hätten. — Ist es aber darum unbedingt nötig, altem, rückständigem „Kehille-Geist" feinen Fortbestand auch in einer völlig anders gearteten Zeit zu sichern? — Kann man sich wirklich nicht loslösen von jener Anschauung, daß ein „B e z a h l t e r" auch als „Meschubbad" (Bediensteter, „Untergebener") betrachtet werden muß? - Selbstverständlich, ist das „Dreinreden" eines solchen „unerwünscht", weil oft - unbequem. Und wenn dabei auch grundfalsche Wege gegangen werden; was tnt's? - Und so gilt auch für die praktische Durchführung der rein fach 1 i ch e n Aufgaben des Kantors sehr oft noch n i ch t s e i n e, des durchgebildeten Fachmannes Initiative und Ansicht. Sondern vom grünen Tisch wird ihm, oder durch Organe, deren Urteil durch Sachkenntnis keineswegs getrübt ist, ein fach diktiert „was" er zu singen habe, wenn nicht sogar das „W i e". - Seit Jahrzehnten glaubt man nichts Höheres der Sache des Gottesdienstes leisten zu können, als daß man ein zum Teil aus Irrt ii m e r n und Mi ß v erst ä n d ii i ff c it znrechtgemachtes Rezept präsentiert, lautend: „An unserer Ordnung e i n g e f ü h r t e r Gesänge haben Sie nicht zu rütteln!" Daß aber diese „Ordnung" nicht immer auf sachgemäßer Basis errichtet worden ist und darin allein schon die Grenzen ihrer völligen Verbindlichkeit finden kann, was besagt's, wenn man die Macht zum Befehlen hat!? Daß, ohne der Willkür im geringsten das Wort zu reoen, der Kantor keine „singende Maschine" (kein Grammophon) sein darf (!) und zu Zeiten bei einem mehr oder weniger schematisierten Gesänge nach neuen Impulsen, die doch der Andacht zu gute kommen, geradezu suchen muß, will er nicht verflachen; wett geht das was an? — Was weiß man denn über den wahren Sachverhalt des so gern mit dem Brustton der Ueberzeugung herbeizitierten Begriffes „t r a d i t i o n e l l e r" Gesang? Wie , viele wissen, daß es sich hierbei überhaupt nur um etwas ganz Relatives, nicht in eine allein gültige Form Zwängbares handelt? Und doch glaubten gänzlich Uninformierte in ihrer Machtbefugnis, zum Schutze dessen, was sie unter „traditionellem" Gesang verstanden oder kannten, sogar die doch „a u s dem H crzens ich ringende" Tefillo (das schlichte Kantorale Recitativ) Note für Note ihm befehlen zu dürfen. Was sie damit angerichtet, wie sie den Niedergang des deutschen K a u t o r a t s infolge ihrer Unbelehrbarleit lind Selbst Herrlichkeit mitverschuldet haben! Unterzeichneter könnte n. a. mit einem krassen Beispiel aus den achtziger Jahren auswarten, das für eine der größten deutschen Gemeinden nicht garade schmeichelhaft ist. — Es scheint allerdings, Gott sei dank, ein wenig zu dämmern. Eine in früher selbst rigorosen Gemeinden bemerkbare Abkehr und ein Uebergang zur Belehrbarkeit möge uns die .Hoffnung auch für weiteres stärken! Weil nun aber mit gekennzeichnetem Geiste auch ein S i ch „zuviel" v e r p s l i ch t c n vor der Oefsentlichkeit sich nicht gut verträgt, wird naturgemäß der Vorschlag des Herrn Goetz auch den Kantor durch einen fei er I i di e n A 11 i u s e i n A m 1 ein z u f ü h reu, auch weiterhin höheren Ortes wohl nur wenig Gegenliebe finden. Es sind auch keineswegs nur finanzielle Schwierigkeiten, zu folge deren auch für den „A b ge s a n d t e n d e v G cm ei n - de" noch nicht überall zeitgemäße Anstetlungs und Bersorgungsbedingungen selbstverständlich geworden sind. Ueberall in solchen Fällen spielt die M i n d e r bewertung der beruflichen Leistungen, wie eine gewisse, nicht selten zur Schaugetragene Geringschätzung des Standes mii. Warmu wird uns (als Beamten) noch nicht überall das E li v e ii r e ch t der aktiven und passiven G e m e i n d ew a b! zugeslanden? - Fürchten auch demokratischer Staat und Kommune hier das „Treinreden" ihrer „Bezahlten"? Gemeinden anderen Denkens haben sich dadurch eine über die amtlichen Verpflichtungen gerne hinausgehende treue Mitarbeiterschaft zu ihrem eigenen Nutzen gesichert. Offcnsicht tiches Zurücksetzen aber löst, da sich Liebe nicht kommandieren läßt, bei An fr echte ii (!) Verstimmung und Abkehr ans. Nicht selten hinterher zniii großen Erstaunen derer, die es selbst verschuldet. - Von der gesellschaftliche n Stellung schon gar nicht zu reden, wo man vielfach in^Vorurteil besangen, nur das sieht, was von des Beamten L-eite „s i ch schickt", nicht aber aus gegenseitiges T a k t e m p - finden Wert legt. Für ungeeignet Elemente, vor deren Eindringen man ja bei keiner Gemeinschaft ganz sicher ist, darf nicht unser Stand als solcher entgelten. Viel Schuld trifft jene Stellen, welche die rechte Aufgabe des in deutschen Gemeinde» amtierenden Kantors verkennend, neben den uns selbstverständlichen (!!) gesanglichen Fähigkeiten zu viel auf 2 t i m makrob a t e n t ii ui u nd 3 e u f a t i o n s b c b ü r f n i s bei An - stellung pon Kantoren oft achten; weniger dagegen zugleich auf moralische und kulturelle Q u a li täten.' Und muß auch endlich das fein, daß dem nicht für voll Angesehenen das bißchen Achtung, das er vielleicht noch besitzt, durch eifersüchteliide persönliche Prestigepolitik ohnehin bevorzugter Beamtenkategorie gemindert werde? - Fraglos Halle der Preußische Landesverband gar manches von den Gemeinoen Verabsäumte ausgleichen können. Es wäre aber auch nicht das erste Mal, daß wir ihm die offizielle Berufung eines Kantors in den Rat, wie angeregt, nahelegten. Desgleichen auch für das entsprechende leitende Gremium des hoffentlich einmal Wahrheit werdenden Reichsllit uh hall niifi suchen: es ist iu der Hauptsache eine Sannn ung von musikalisch religiösen Lyrismen, farbenfreudig und klangvoll verweilend, alle in inniger Beziehung zu Psalm und Andacht. Besonders viel spezifisch-jüdische Poesie steht im „Füll iM'i .i, Gotte s". Die „Sabbatseicr", „Ruth", „Jerusalem", „Der siebenarmige Leuchter" sind poetische Variationen uraheu, auf eine lyrische Formel gebrachter jüdischer Tinge. Gegenwärtig ist ein neues Gedichtwerk Silbergleits „O r - p h e u s ", im Truck. Teile daraus, die man kürzlich auf einem Rczitationsabend hörte, lassen wieder Bedeutendes er warten: übrigens arbeitet der Dichter jetzt auch an seinem ersten Roman. Es soll ein jüdischer Roman werden, der den Titel „Ter Leuchter" führt, und eine Berklämna und moderne pamhei'tisch kosmische Sinndeutuug des jüdischen Monotheismus enthält. Das; viele Teile Silbergleit'scher Poesie, wie gesagt, in katholischen Andachts-Anthologien Aufnahme fanden, ist nicht venvunderlich. .Hat doch gerade die tiefste und allgemeinverständtiche Art der katholischen Poesie ihre Wurzeln im Judentum! Unter den Perlen katholischer Poesie finden sich bekanntlich auch Heine'sche Gedichte. Es liegt auf der Hand, daß ein so weltentrückter, ganz und gar verinnerlichter Künstler wie Silbergleit in unserer p',cit härtester Realitäten und furchtbarster Wirtschaftsnot unendlich viel mehr „am Leben leidet", als wir robustere Durchschnittsmenschen. Ganz objektiv kann man sagen, es ist ein Trost und Glück, daß es heute noch Persönlichkeiten, wie Silbergleit, gibt, die menschgewordene Harmonien und Melodie sind. Daß die Vielen, denener mit seinen Dichtungen etwas, und zwar etwas Unschätzbares, gab, ihm zu seinem 50. Ge burtstag von ganzem Herzen mehr Resonanz und noch Jahr- Jahrzehnte ungetrübter Schaffenslust und -Kraft wünschen, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Denen aber, die in stillen Winkeln des Sprechers harren, dem ein Gott zu sagen gab, was s i e leibflt — sei gewünscht, daß sie in Arthur Silbergleit diesen ihren Dichter finden, den sic unbewußt ebenso suchten, wie er bewußt sie. Aus Württembergs Geschichte Anläßlich der vor kurzem erfolgten Wiederwahl des Stuttgarter Oberbürgermeisters wurde manche bemerkenswerte Begebenheit aus älter Zeit in Erinnerung gebracht. Eines der beliebtesten Volksblätter enthält folgendes: ,,Es war am 27. Juli 1846 zum ersten Male, daß in Stuttgart ein Jsraelite auf dem Rathaus als Mitglied eines bürgerlichen Kollegiums beeidigt wurde. Merkwürdig ist, daß diese Wahl eigentlich ohne Opposition durchging. Man erkennt daraus einmal den moralischen Kredit der Vorschläge, welche bei den Stadtrats¬ und Bürgerausschußwahlen von'der Bürgergesellschast auszugehen pflegen, dann aber auch den unleugbaren Fortschritt der Zeit, welche nicht mehr das Glaubensbekenntnis, sondern die Ehrenhaftigkeit des Charakters obenan gestellt wissen will. Wir glauben, daß eine solche Wahl beide Teile ehrt, Israeliten wie Christen. Denn die Hauptsache hierbei ist natürlich nicht die Person des Gewählten, sondern das Prinzip, das durch seine Wahl zur äußerlichen Geltung kam. Vollends um so erfreulicher ist eine solche Wahl, als keine andere Tugend so viel mit Worten gepriesen wird, als die der Toleranz, keine andere aber auch in der Tat so wenig geübt wird. Würde man im allgemeinen mehr bemüht sein, mehr innerliche und wesentliche Berührungspunkte zwischen Israeliten und Christen herzustellen, so würde die Feindschaft bald erloschen, das Mißtrauen bald abgeschlifsen sein, womit beide Teile aus manchen Gebieten unleugbar bis jetzt noch sich betrachten." — An demselben Tag wurde auch infolge der glücklich beendigten Wahl ein Mahl abgehalten. Unter anderen Celebcitäten war auch der Abgeordnete Römer anwesend. In dem Toast, den er ausbrachte, rühmte er namentlich die Wahl eines Israeliten. Auf die Emanzipation zu sprechen kommend, gab er den Israeliten den Rat, dieselbe — wie ihre Haltung überhaupt — nicht in der Anlehnung an die Machthaber der Erde, sondern im Volke suchen zu wollen. Von wesentlich anderem Geiste erfüllt ist ein Bericht desselben Jahres 1846, der über die Veranlassungen zu den Unruhen, welche zu Buchau am Federsee gegen die dortigen Israeliten ausbrachen. Kunde gibt. Bei einer bevorstehenden Wahl eines Stadtratmitgliedes hat das dortige Stadtschultheißenamt in den Lokalblättern bekannt gemacht, daß die Israeliten nicht wählen dürfen. Reklamationen beim dortigen Taxischen Amt waren erfolglos. Die Präsides beider Stellen sind keine absonderlichen Jsraelitenfreunde. Die Wahl ging vor sich. Ein Günstling des Stadtschultheißen, dessen Wahl, so die Israeliten mitwählten, in Frage gestellt war - trat in den Stadtrat. Indessen hatten sich die Israeliten an die Regierung gewandt. Die Wahl wurde annulliert, eine neue > angeordnet, die nach allgemeiner Verordnung wahlfähiger Israeliten zugelassen, und der Kaumgewählte siel durch. Das erbitterte den Ortsvorstand noch mehr. Er zettelte sich eine Agitation gegen die Israeliten an. Man fand im israelitischen Gemeindehaus ein gelegtes Feuer, an der Synagoge war ein fürchterlicher Drohbrief angeheftet, Fenster wurden eingeworfen, Gebäude teilweise ruiniert und mehrere Leichensteine aus dem Friedhof ausgerissen und zertrümmert. Bemerkenswert ist, daß unter diesen Judenfeinden sich auch zwei israelitische Taugenichtse befanden, die gerechtcrweise von ihren Glaubensbrüdern Unangenehmes erlitten, sich hiermit rächen wollten. Die Polizei ist froh, daß sie keinen Täter ertappt hat. Zur Besänftigung der unruhigen Gemüter wurde von ihrer Seite nichts getan. Im Gegenteil: sämtliche Tatsachen wurden im Oeffentlichen bemäntelt, die Lage der Israeliten als ganz sicher dargestellt, und in einer öffentlichen Rechtfertigung gesagt, daß sich ja der Schaden an den Leichensteinen nur auf etwa 23 Gulden belaufe!! Als sei Ehrenkränkung nichts! Die Israeliten haben sich deshalb an die höchsten Behörden gewendet, und es ist ihnen, falls neue Unruhen ausbrechen sollten, Schutz durch eine Abteilung. Militär versprochen. Der König soll, als er diesen Skandal gehört, über die christliche Bevölkerung Buchaus sehr entrüstet gewesen sein. Solche Austritte soll man in unfern Tagen in Württemberg, m Buchau, wo Christen und Israeliten gebildet sein sollen, hören! Das gute Einvernehm ei, und das ungestörte Zusammenleben in der konfessionell gemischten Bevölkerung Buchaus hat sich rasch wieder gebessert und kann bis aus den heutigen Tag als geradezu vorbildlich bezeichnet werden. ' A. Adler, Oberlehrer, Ulm.