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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-05-27 · 20-21 (27.5.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
20-21 (27.5.1931)
Date
1931-05-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Julius Blau zum 70. Geburtslag Zu», LI. Mai 1981. «on diesem Manne, der jegliche Ehrung aus Anlaß feines 70. Geburtstages zurnckweist, wäre Vieles zu sagen. Wir wellen jedoch nur unserer publizistischen Pflicht, unserer Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit genügen und mit we nigen Worten aussprechen, was Julius Blau uns, den, liveraten Judentuin und der jüdischen Gemeinschaft überhaupt bedeutet. Zeit säst 4 Jahrzehnten ist Julius Blau in der Per waltung der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main tätig, seit säst drei Jahrzehntel, ist er der Vorsitzende ihres Vorstandes, d. st. der Führer einer der grössten Gemeinden in schicksalsschwerster Zeit. Wenn schon der Führer einer jeden jüdischen Großgemeinde außergewöhnlicher Qualitäten bedarf, so gilt dies st, besonders hohem Maße von den, Füh rer der Frankfurter Gemeinde. Tenn hier war selbst mit die Jahrhundertwende . ein halbes Jahrhundert nach der Spaltung keine rechte Beruhigung esttgetreteu, hier stau den aus engem Raum - auch in Der Hauptgemeinde die Parteien hart und schroff sich gegenüber, hier war ein mit alten Traditionen verknüpftes, zum Teil auch belastetes Ge meinwesen in die neue Zeit überzusühren und mit moderner Organisation und modernen Institutionen neu zu beleben. Und diese Ausgabe ward in die Hände eines jungen, drei niiddreißigjährigen liberalen Rechtsanwalts gelegt, der noch dazu ans dem deutschen Osten kam, der aber mit der strengen preußisch humanistischen Bildung auch gründliches jüdisches Wissen und innige Liebe zum Judentum, init dem klaren Blick für menschliche Verhältnisse auch zugleich die uuvee brauchte Arbeitskraft und Schaffensfreude nach der alten Pa irizierstadt des Westens nstigebraeht hatte. Es schien, er war prädestiniert für diese Aufgabe. Sein Liberalismus war tief gegründet, war organisch gewachsen, war erzeugt aus der Verschmelzung von Deutschtum und Judentum, entwickelt und gefestigt durch vorurteilsloses Studium religiöser und wett j tichrr Schriften.;>iu wenn er auch als Vorsitzender mit vollem Bewußifeii: liebet Parteilichkeit bekundet, fo wird er doch nie dulde.'., das; von irgend einer Seite „sein" lidera les Judentum a's minderwertiges Judentum bezeichnet wird. Ta kaini der sonst so beherrschte Mann in heiligen Zorn geraten, denn ans der gegenseitige» Anerkennung alter.Rieb nmgen als gleichwertigee Formen des Judentums beruht für ihn die Einheitsgemeinde, für die er ans innerster lleberzeu gnng alle feine .straft einsetzt. Sie ist ihm Shiubot der Ein h'il des Judentums selbst. Es war ein besonderes Glück, das er in allen Lagern vecstündnisvollc Mitarbeiter fand, daß er vor allem für die libecott Wirksamkeit sich mit Männern wie Lato Adler und Cäsar Seligmann verbinden konnte, deren gemeinsamer Arbeit es alsbald gelang, den liberalen Teil der Gemeinde zu aktivieren und religiöse, unterrichtliche, kulturelle sowie Wvhlsahrlseinrichtungen zu schassen, die vorbilolich sein ton» len und der ganzen Gemeinde neues Lebe» und grössere Bedeutung verlichen. Tie liberale Westet,dshnagvgc. der Neu bau des Philcmthropins, oes Krankenhauses, des Friedhofs, die Zentralisation der gesamten Wohlfahrtspflege legen beredtes Zeugnis von der Tatkraft der durch Blau geführten Gemeinde ab. Aber Blaus Bedeutung geht weil über sie Grenzen der Gemeinde hinaus. Bon Anbeginn hat er sein tätiges Interesse allen jüdischen Organisationen zugewandt, die dem Gesaintjudentun, .Hilfe und Rettung ans der Not der Gegenwart und Sicherung vor Len Gefahren der Zukunft bringen können. Kann, eine Organisation, kaum eine Institution von Bedeutung, die ihn nicht zu ihrem unentbehrlichen Mitarbeiter zählt. Er fleht überall mit an erster Stelle, in der Alliance Jsraelite Universelle, in der Jewish Eolonisation Association, im Hilssvereiu der deutschen Juden, im .Hilss komniitb der osteuropäischen Juden, im „Joint", im „Ort", int Landesverbano, int Orden Bin Bris> iit der Jewish Agency, im Eentralvercin. Für jede Maßnahme zur Stützung und Rettung jüdischer Arbeit, jüdischer Menschen hat er ein .Herz, das verfolgten GlanbeuSgenossen Zuflucht und Schutz und die Aussicht aus eine bessere Zukunft gewähre:, kann, begrüßt er hoffnungsvoll. Tabei lehnt er. mit unmist. revstä üblicher Klarheit jegliches Nationaljudentum ab: denn er ist Deutscher mit Leib und Seele, wie er Jude ist mit der ganzen Innigkeit se-.nes religiösen .Herzens, eine reiche ein- Zeitliche Persönlichkeit. MW————————TO—— Arthur Silbergleit 3u seinem 50. Geburtstag. Von Dr. ü u b w i g D n i> i b o h ii , Verl in. Wenn titan in Berlin von der Charlottenburger Brückt zum Bahnhof Tiergarten geht, fallen einem links plötzlich zwei wundervolle, mehr als hundert Jahre alte niedrige Biedermeierhäuser auf, ganz mit immergrünem Epheu um kleidet, von Eichendorf-Stimmung umweht, mit altmodischen Fensterläden und zärtlich gepflegten Gärtchen vor den Tu rctt. Während die Straßenbahnen und Stadtbahnzüge in der Nähe dröhnen und nebenan unzählige Autos, Symbole unserer Zeit, hupend vorübersausen, bilden die beiden alte» stillen Märchenhäuser mit ihrer blumenun,hegten Jdyllik wunder liche Anachronismen. In einem dieser .Häuser müßte der Lyriker Arthur 2 i lb e r g l e i t wohnen, denke ich immer, wenn ich hier vor übergehe. Auch der ist ein solch rührend stiller Unzeitge ,näß.er in unseren. Deprimierenden, geräuschvollen Heute, das sich nur um Aeußerlichkeiten kümmert. Ein ganz verinnerlichter Mensch, dem das Geschick den großen Segen und das schmerzvolle Unglück mit aus den Lebensweg gab, nur alles Schöne und Göttliche an den Dingen zu sehen, und das zu erfühlen, was hinter allem Sein liegt. Und der kein Organ für den Kampf mit dem Leben besitzt. Ein „Nnr- Dichter", ein Lyriker par excellence" und damit ein Vereinsamter, ein von irdischen Gütern Ausgeschlossener, dem — alleri Realitäten des Daseins gegenüber sein Künstlertum wie eine Dornenkrone um die Stirne gewunden ist. Man hat dein Judentum oft vorgeworfeu, (vgl. Som- Hart? große Monographie), daß es nur eine Tiesseitigkeitsreligio» sei und seine Anhänger in der Praxis nur zu kalten Raffern und .Geschäftsleuten erziehe. Der Bolksaberglaube identifiziert ja häufig geradezu den „Händler", den ^Börsenjobber" mit „dem Juden". Natürlich ist es in Wirklichkeit ganz anders, einer der Gründe dieses Irrtums ist aber die Tatsache, daß der geschäftige Händler auffällt. Dieser Mann trägt nicht nur d,e Sorge um seine Gemeinde, uno ihre Zukunft, er trägt auch die Sorge und an der Sorge um oie Zukunft des Gesamtjudentums und er trägt sie mit tiefer Inbrunst und mit bewundernswerter Stärke, weil mit hoffender Zuversicht. Gewiß, er verschließt sich nicht der Macht der unerbittlichen Tatsachen -- sich ihnen beugen zu müssen, bereitet ihm schwersten Schmerz , aber er überwindet durch Optimismus, diese Quelle seiner Kraft und seines Lebcnsgefühls. So steht er vor uns: Eine hochragende Gestalt mit Hellem Auge, klugem Wort nnd mit warmem jüdischen Herzen. Wir wünschen ihm, wünschen uns, daß er noch lange so bleiben, so wirken möge, zum Segen unserer Gemeinschaft, ad multos annos. Das Zeremomal-Geseh Eine Erwiderung an Herrn Rabbiner Dr. B. Jacob. Von Tr. Richard 2 t e r n s c l o, Berlin. Das Berliner Jüdische Gemeinoeblatt brachte in seiner Ausgabe vom Dezember 1030 einen Aufsatz von Rabbiner Tr. Jacob (Dortmund): „Zereinonial- und Sittengesetz", welcher in dem Gedanken gipfelt, das; das Zereinonialgesetz ein unveräußerlicher Bestandteil der jü. di scheu Religion und daher für die Juden aller Richtungen, wenn auch nach verschiedenen Graden, verbindlich sei. Au> diesen Artikel, der zweifellos der Ansfassung weiter Kreise der Gemeinde nicht entspricht, sandte Herr Tr. Richard Sternselo dein Gemeindeblatt eine Erwiderung, die sich bis aus geringfügige Abänderungen mil dein nachfolgenden Artikel deckt. Die unter dem Vorsitz von Herrn Tr. Jsmar Freund stehende Redaktionskommission hat drei volle Monate gebraucht, um sich bezüglich des Aussatzes schlüssig zu machen: der Beschluß, selbü lautete dann ablehnend. Wir wissen j nichl, ob diese Ablehnung nur wegen einzelner veson dcrS polemischer Stclten' erfolgt ist: denn in diesem Falle mußte die Redaktion ähnlich wie wir es czetau haben mit dem Autor zwecks Abmilderung in Verbindung treten. Ta dies nicht geschah, so liegt zumindest ok Per,nutung nahe, daß hier eine innerhalb -er E i n h ei t s gemttnde und ihres Pnblik.rti.vtsorgan: berechtigte Tendenz unterdrückt werden sollte gan.- abgesehen davon, baß die Angelegenheit über jede Gebühr verzögert wurde. So darf die Redaktionskommission der Jüdischen Gemeinde nicht mit einem Gemettwemit gliede versahr.-n. daS durch Uebersendung eines Manufkriptes sein aktives Interesse an religiösen Fragen bc knudet. Wir behalten uns vor. zu dein Artikel des Herrn Rabbiner Tr. Jacob noch weitere Aeußerungen zu verössentli-chen. und hätten nur gewünscht, baß dre sehr nötige Erwiderung au der gleiche» Stolle hätte vorgenomntcn werden törntc», wo der Aussatz des Herrn Dr. Jacob erschienen El. S eh r i s l l e i t n n g. Wec verlangt denn von Euch, basst Ihr in meinen Vorhöfen herumtretet? (Jes. 4, 12.; „Int Renen Testament ist zu lesen, daß einmal ein jüdischer Gesetzeslehrer an den Stifter herantrat und ihn fragte: welches ist das größte Gebot in der Thora? Und er antwortete: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott! Tn sollst den Herrn, deinen Gatt, liebe», mit dennm ganze» Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinen! ganzen Sinn. Ties ist das große und erste Gebot. Ein zweites aber ist ihin gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Nach dem neutestamentliehen Bericht erklärte sich der Schlristgelehrte von dieser Antwort voll besriedigt. Air möchten das bezweifeln." Mit dieser Einleitung beginnt Dr. B. Jacob in Nr. 12 des Genieind.blalts seine Ausführungen über „Zeremonien- und Sittengest'tz", Ausführungen, denen meines Erachten? energisch widersprochen werden musst, tveil sie eine Aussassung vom Wesen nicht nur des Zeremonialgesetzcs, sondern vom Wesen des Judentums überhaupt zum Ausdruck bringen, die liosfentlich iw weitesten Kreise» nicht geteilt wird. v Wir wollen einmal ruhig zusehen, was Jesus sagt. Er gibt dem Frager die Antwort, die kin guter Jude geben kantt, eine Antwort, wie sie ebensogut Jesaja oder Jeremia hättet, geben können, wie sie Hillel etwas später aus eu,e ähnliche Frage ebenfalls gegeben hat. Nur erwähnt Hillel, rein praktisch eiggestellt, das Verhältnis zu Gott überhaupt nicht, sortdern faßt die Gvtmdlehre des Judentums einfach in den Satz zusammen: Was du nicht nullst, daß inan dir tue, das tue auch deinem Nächsten nicht. Wentt Tr. Jacob gleichwohl meint, der Schristgelehrte sei vermutlich mit der von Jesus erteilten Antwort nicht zufrieden gewesen, obwohl das Neue Testament (es handelt sich um das Markus- Evangelium, Kapitel 12) es behauptet, s» muß! er dafür ja wohl gewichtige Gründe haben. Und ztvar, so meint Herr Dr. Jacob: „Da der Fragesteller ein Jude ist, so mußte er eine Stellungnahme zu dem senk gen Pflichten kreise vermissen, der das unterscheidende Merkmal de s Indent n m s i st, d a s 'Z e r e m v n i a l g c s e tz." Sehr richtig, diese Stellungnahme mußte er vermissen! Und da der Frager offenbar nicht auf den Kops gefallen war, so hat er sich Jesu Antwort selbst sinngemäß zu ergänzen verstanden. Und da Tr. Jacob das leider nicht zittert, so will ich cs hier zitieren: „Nnd der Schristgelehrte sprach zu ihm: Meister, Du hast wahrlich recht geredet: denn es ist ein Gott und ist kein anderer neben ihm: und ihm lieben von ganzem .Herzen, von ganzem Geutüte, von ganzer Seele und von allen Kräften, und lieben seinen Nächsten wie sich selbst, das t st m e li r d e n n B r a n d o p f e r und alle O p f e r." Da Jesus aber sah. so heißt es weiter, daß jener vernünstiglich antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reiche Gottes. Ich will mich nicht mit einem so guten Juden wie Jesus vergleichen, der nicht dafür verantwortlich ist, was andere nachträglich ans ihm, dem letzten der großen Propheten, ge macht haben, aber das wage ich doch zu behaupten: Wenn heute ein Schriftgelehner, anders als vor!000 Jahren, das Z e r e ni o n i a 1 g e f c tz a l s ., d a s u n t e r s ch e i d e n d e Merkmal des Judentums" bezeichnet, dann ist er j von einer Erkenutnis deS tiefsten Wesens der jüdischen Reli j gion erheblich mfiter entsernl als sei» Vorgänger vom Reiche Gottes. Nach .Herrn Dr. Jacobs Ansicht ist das Zevemonialge setz eben ein Gesetz, und als solches ist eS „verbind lich". Schön nnd gut. Nach meiner Ansicht ist es kein Gesetz und für niemanden verbindlich. Wenn es grotesk iß, zu sagen: Tn sollst nicht morden: Du sollst nicht ehebrechen: Du sollst keinen Fisch essen, der keine Schuppen hat: Du sollst nicht stehlen dann habe ich recht: wenn diese?,n sammenstellung völlig normal wirkt, dann hat Dr. Jacob recht. Ter Leser möge entscheiden. Tas Sittengcsetz leb! in uns, auch wenn cs niemals ntedergestchrieben wurde, das „Zeremouialgesetz" ist papierne menschliche Satzung, abhängig von dem, der sich daran halten will. Der Erzvater Abraham hat den „drei Männern", die zu ihm kamen, (!. Mos.,!8,S) Kalbfleisch in Milch vorge setzt, aber er hat weder gemordet, »och Ehebruch getrieben, noch gestohlen, obwohl er die zehn Gebote ebensowenig gekannt hat wie die Speisegesetze Und nun möge Herr Dr. Jacob uns erklären, wieso daS Zereinonialgesetz notwendig ist . um ,, u n? z u h e i figeu Aber weiter! Gilt das Zeremmttalgcsetz nur insoweit, als es in der Bibel begründet ist, oder ist auch 'altes das. unbedingt verbindlich, was man in den folgenden 2000 Iah reu daraus gemacht hat? Haben etlva Mose, Elia. Jesaia, Jeremia nach den Vorschriften des Schulchan Aruch gelebt? Stehen die Juden von heute, soweit sie durch strenge Befolgung der Porschristen des Schulchan Aruch „geheiligt" ivor den sind, sittlich höher als die alten Propheten? Vielleicht meint Herr Dr. Jacob das wirklich, denn die großen Person lichkeiten des Alten Testaments standen ja nur in Bezug auf die „Moral" hoch, jenes „plebejische aber uner last liehe Lebensmittel der Religion", nnd sie hatten noch nicht den Vorzug, durch eifrige Befolgung aller Feinheiten des Zeremonialgesetzes die höchste Weihe der Hei ligkeit zu empfangen. Und dann uoch Eines! Herr Dr. Jacob spricht für nteinen Geschmack etwas reichlich viel vom „Heiligen Israels". Da ist die Rede von.dem Band, das Israel, „mit seinem Gott" zusammcnbindet, von dem heiligen Gott, der „int s e r Gott" ist, der sich „in unserer Geschichte" erwiesen I während der stille, weltabgeivandte Künstler - mich ein jüdi!! scher Typ! - von der großen Menge nicht beachtet wird.!! Arthur Silbergleit ist nie so beachtet worden, wie er es I j verdient hätte! j Dieser deutsche Dichter, der am 20. Mai fünfzig Jahre! alt wird, hat die deutsche Literatur um viele wundervolle und bleibende Gedichte und „Gedichte in Prosa" bereichert: ( er ist aber in eminentem Sinne auch gleichzeitig ein jüdi j scher Dichter nnd beweist in seinem Schaffen, daß den! i sches und jüdisches Wesen durchaus nichts antipodenhaft Ge tretmtes sind, sondern auf dem richtig gespielten Instrument zu einem höchst harmonischen Akkord zusammenklingen können. In erster Linie ist Arthur Silbergleit eilt religiöser Dichter und als s olcher wurzelt er ganz und gar im Judentum.' Biblische Motive und biblische Bildersprache, jüdische Symbole und jüdische Frömmigkeit, jüdische Gottes- und Er lösungssehnsucht, jüdische Schwermut und jüdische Erinnerungen durchpulsen sein gesamtes Schaffen. Wie Spinoza sieht er das Göttliche auch noch im winzigsten Geschöpf. Ein Käfer kriecht z. B. über seine Hand und löst sofort in Ihm eine pantheistische Verbundenheit mit dem kleinen Insekt aus, die sich ihm zur Dichtung formt. Tie Dichtung Silbergleits ist im letzten Jahrzehnt wenn auch nicht nach Gebühr gewürdigt mrd geschätzt, so doch in Deutschland allgemein besannt geworden. In Zahllosen Zei tungcn und Zeitschriften verstreut (so auch wiederholt in der „Jüdisch Liberalen Zeitung) fand und findet man seine häufig nur wenige Strophen langen Gedichte oder seine kleinen Prosa-Kunstwerke. Meist sind es Psalmen, Hymnen an Gott, Lobpreisungen der göttlichen Schöpferkraft, religiöse Lyrik, aber der Begriff „religiös" in einem viel weiteren und tieferen Sinne gefaßt als in dem allgemein-üblichen. Vieler Stücke der Silbergleit'schen religiösen Lyrik hat sich die katholische Liturgie bemächtigt. In der erzbischöflichsalzburgischen Sankt-Franziskus-Andrcht stehen z. B. Teile aus den Silbergleitschen „Gesängen des Klaus» e r s", von denen die ersten zwei Strophen hier Platz finden mögen: Ihr alle seid noch draußen Mit eurem Sein und Sinne», Mir aber wird das Außen Schon ganz zu einem Innen. Was frommen mir die Länder, Wo sich die Lüge hält? Mir sinken wie Gewänder Die Wünsche dieser Welt. Ich habe kein Geleite, Als klarer Quellen Takt, Wenn ich zum Pater schreite, Und bin in allem nackt. Durchsichtig wird die Hülle, Tie einst mein Wesen war. Und meine tiefste Fülle Glänzt mild nnd morgenklar. Gegenüber der großen und umfangreichen, in ^Zeitschriften und Zeitungen verstreuten Produktion Silbergleits ist das von ihm in B ü ch s o r m Erschienene eigentlich nur ein kleiner Teil: aber auch gerade bei diesem ist die mangelnde Verbreitung bedauerlich. Vieles hat bleibenden Wert, ist von zeitloser Schönheit! Keiner literarischen Mode oder „Richtung" unterworfen. Im Kriege, an der Westfront, entstand sein schmales Bändchen „Flandern", das nichts blutrünstiges „Immer-fcftcdruff" enthält, sondern leise die Schönheit der Landschaft besingt und diese schwermütig in Gegensatz zu dem grausigen Geschehen in ihr stellt. Dann erschienen die Gedicht-, Skizzen und Lcgendenbändc „Alte Stadt", „Die Magd", „Balaleika", „Bajazzo-Herbst" und „Der verlorene Sohn". Am reichsten und vielfältigsten spiegelt sich die Kunst des Dichters aber in seinen umfangreicheren Büchern „Farbenfest" und „D a s Füllhorn Gottes". Es sind schönheits und zärtlichkeitstrunkene Visionen der feierlichen Stille in einer prunkgesättigten und dabei doch nicht überladenen Sprache. Die Prosa im „Farbenfest" zumal gehört zu dem Lyrischsten, Klangvollsten und Zartesten, was das deutsche Schrifttum der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat. Es ist wenig Novellistisches in dem Werk, nichts für Leser, die „Spartnnng" und

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