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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-05-27 · 20-21 (27.5.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
20-21 (27.5.1931)
Date
1931-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWchliberaleZeMna Amm htt KkrMmm ttr M UbttcHt ^kAtoium i 2L Die Vereinigung für das iiberaie Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Nomen oder in »yrem Auftroge versaht gekennzeichnet sind, die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aeuherungen und Vorichläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle. Berlin SW 11, Hottesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3358. 3359 Postscheckkonto: Berlin NW?, 137 069 lVereinlgung für das liberale Zudentum) -iachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich Ni. Z.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespült.NonparetUezeile 0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. fämtl. Annoncen-Expedit. Nr. 20/21 Berlin. 27. Mai 1931 11. Jahrgang Doumers „Such für meine Söhne" Bon Prof. Tr. Alfred Leicht, Meißen. Die nächste Doppel-Nummer erscheint Mittwoch, 10. Juni (Redattionsschlutz Freitag, den 5. Juni, vormittags). — Bereinigung für das liberale Judentum E. B. Der Tag des guten Willens Der 18. Mai gilt — was wahrscheinlich großen Bevölkerungsteilen gar nicht bekannt sein dürfte — als sogenannter „Weltfriedenstag", in Erinnerung an die Eröffnungssitzung der ersten.Haager Friedens-Konferenz im Jahre 1899. Ter Vorschlag, diesen denkwürdigen Tag als Weltfriedenstag zu feiern, stammt von einer Deutschen, Frau Professor Selenka. Seitdem haben ihn in jedem Jahre immer mehr Völker eingeführt und besonders in den letzten zwei Jahren hat ihre Zahl sich sehr vergrößert. Der holde Reiz dieses Tages aber besteht hauptsächlich darin, daß seine Protagonisten Kinder sind. Tie Deutsche Liga für Völkerbund, der ja auch die „Vereinigung für das liberale Judentum" als korporatives Mitglied angehört, läßt durch ihre Erziehungsabteilung insbesondere von der Jugend für den Weltfrieden werben — ein schöner Gedanke; denn, während man sonst mit Recht den Grundsatz aufstellt, daß Kinder der Politik sernzuhalten sind, möchte man schon die Allerjüngsten in die Friedensbewegung einreihen nicht nur wegen des erzieherischen Wertes, sondern weil der Pazifismus die einzigepolitis che Bewegung: st, inder es keine Verh etzung geben'kann. Deshalb freuen wir uns, in der einmal jährlich, eben am 18. Mai, erscheinenden Druckschrift „Jugend und Weltfriede", in diesem für den Weltfrieden so besonders kritischen Jahre den Friedensgruß der Kinder von Wales an die Kinder der ganzen Welt lesen zu dürfen: „Wir Jungen und Mädels von Wales grüßen Euch auch in diesem Jahre von ganzem Herzen, Ihr Knaben und Mädchen von Europa, Asien, Afrika, Amerika und von den großen Ländern der Südsee. Heute, am Tage des guten Willens 1931, gedenken wir in Wales im besonderen des Werkes von Tr Fridtjof Nansen, der ein Freund aller Völker war und ein .Held aller Kinder ist. Wir glauben, wie Tr. Nansen es glaubte, daß stetige freundschaftliche Gesinnung zwischen den Völkern der ganzen Welt Friede bedeutet. Auch wir wollen mithelsen, die Welt für den Frieden zu gewinnen. Wir freuen uns der bisher errungenen Fortschritte und geloben, gemeinsam mit Euch, auch in Zukunft alle unsere Kräfte daran zu setzen, noch größere Erfolge zu erzielen." In diesem Jahre ist dieser Ruf der Walliser Kinder aus achtundvierzig Ländern beantwortet worden. Gleichzeitig hat Sir Eric Drummond, der Generalsekretär des Völkerbundes, ein beherzigenswertes Manifest für die internationalen Kinderzeitungen erlassen. Pazifismus ist unabhängig von jeder Konfession, aber er sollte eigentlich, den Sittenlehren fast aller herrschenden Glaubensbekenntnisse entsprechend, zu einem integrierenden Bestandteil einer jeden Konfession — mithin auch des Judentums — werden. Die Weihnachtsbotschaft der christlichen Religionen verkündet „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". So wenigstens lautet ihr volkstümlicher Text. Und vielleicht nur wenige wissen, daß eben dieser populäre Text auf einem Uebersetzungsfehler beruht, da es in der ursprünglichen Fassung heißt: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen, die guten Willens sin d." Dieser guter Wille aber ist es, dessen die heutige Welt so bitterlich bedarf. Und an diesem guten Willen mitzuwirken, sollten gerade die Juden bestrebt sein, unabhängig von nationaler Bedingtheit, geschweige denn parteilicher Zersplitterung. Am 4. Mai 1921, also vor kaum zehn Jahren, ist Dr. Alfred H. Fried, der große Vorkämpfer der Friedensidee, aus dem Leben geschieden. Er wurde 1864 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren, kam in jungen Jahren nach Berlin, wo er sich der Propaganda für den Weltfrieden widmete und 1892 die deutsche Friedensgesellschaft begründete. Von 1896 an gab er die „Friedenswarte" heraus. Er war Jahrzehnte lang Mitglied des Berner Büros, und des Internationalen Friedensinstitutes, rief auch die österreichische Friedensgesellschaft ins Leben und gab das ln Brüssel erscheinende „Annuaire de la Vie Internationale" heraus. Während des Weltkrieges weilte er in der Schweiz, wo er sich der Für-- sorge für die Kriegsgefangenen widmete und sein vielbändiges „Kriegstagckuch" herausgab. In Ocherreich wegen Hochverrats angeklagt, kehrte er ech nach dem Zusammenbruch der Httbsburgischen Monarchie nach Wien zurück. Fried erhielt den Nobelpreis für seine Friedensarbeit. Die weltberühmte Universität Lehden hat ihn zu ihrem Ehrendoktor gemacht. In diesem Jahre hat die Presse aller Länder ihm Gedenkartikel gewidmet und sestgchellt, daß es heute fast keinen Daß chei der Wahl des französischen Staatsoberhauptes, die unter Vorsitz des Senatspräsidenten stattfindet, dieser vor Gegenkandidaten einen großen Vorsprung hat, ist nie so deutlich hervorgetreten wie bei Doumers überraschendem Siege über Briand, den anerkannt hervorragendsten aktiven Politiker Frankreichs. Auch Doumer hatte diese Wahrheit erfahren, als er vor einem Vierteljahrhundert gegen den jetzt neunzigjährigen Fallieres unterlag, zu einer Zeit also, da er als Präsident der Abgeordnetenkamnrer im Mittelpunkte des politischen Lebens stand, nachdem er sich als Generalgouverneur von Jndochina glänzend bewährt hatte. Lebhaften Beifall fand die in den offiziellen Glückwünschen des Vicepräsidenten Roubier und des Ministerpräsidenten Laval ausgesprochene Hoffnung, das Septennat Doumers, des warmen Friedensfreundes, werde nach außen und innen Eintracht und Glück verbürgen: „Das Land wird unsere Wahl in der Zuversicht gutheißen, daß Sie in hoher Achtung vor der Verfassung mit dem Hasse gegen den Krieg, der Ihnen so viel gekostet hat (er hatte vier Söhne durch ihn verloren), unablässiges Streben nach Frieden verbinden." Toumer betonte in seinem Danke nachdrücklich, daß er der Friedenspolitik dienen werde, und seine Vergangenheit gibt keinen Anlaß, in dieser Versicherung nur eine schöne Geste des neuen Präsidenten zu sehen, der, ebenso wie Briand, Herriot, Laval, Painlev^, Tardieu und andere führende Staatsmänner, dem Ehrenvorstand des Frauenbundes für den Frieden angehört. Beides steht im Einklang mit einem Werke, das er 1905 schrieb, und das seine innerste Ueberzeugung offenbart. Es ist dies sein „Livre de mes fils", eine Art Handbuch der Moral und Bürgertugend, hervorgegangen aus Gesprächen mit seinen Söhnen, durch die er sie zu echten Staatsbürgern erziehen wollte. So sollte es allen Vätern Anleitung bieten, ihre Kinder für das Leben zu ertüchtigen. Einem in dieser Absicht verfaßten Werke kann man unmöglich den Charakter der Aufrichtigkeit absprechen. Tie Völkerpsychologie, deren Ziel Einsicht in den Aufbau der menschlichen Kultur ist, verdankt ihren Namen der Erkenntnis, daß der Begriff des Volkes allen Formen der Zusammenschließung, von der Familie bis zur Idee der Menschheit ihr Gepräge verleiht. So war ihre Begründung durch Lazarus (1851) eine hohe sittliche, eine patriotische Tat. In jener Erkenntnis wurzelt auch Doumers Moral, die in vier Abschnitte gegliedert ist: Mensch, Familie, Bürger, Vaterland. Ter Geist der Vaterlandsliebe, der „ersten Bürgerlugend", durchweht sein Werk. „europäischen" Staatsmann gibt, der nicht von Frieds Gedankengütern zehre. Wir schließen uns dieser Würdigung nachträglich, aber auch nachdrücklich an, mit der Genugtuung darüber, daß es gerade einem Juden befchjeden war, die heute in der ganzen Welt obwaltende Sehnsucht nach Völkerverständigung und „Friede auf Erden" vorzufühlen und durch Taten zu antizipieren. Wir sind uns bewußt, daß es gerade in der heutigen, politisch und wirtschaftlich zerklüfteten Zeit auch in den Reihen, der Jugend — oder vielleicht gerade in ihren Reihen — Extremisten von Rechts und Links gibt, Exaltados und Desperados, die da vermeinen, die erkrankte Welt nicht anders heilen zu können als durch erneute Waffeugänge, fortgesetzte „Stahlbäder", in denen wiederum Millionen und aber Millionen zugrunde gehen würden. Dieser ewigen Soldateuspielerei gegenüber ist es durchaus lehrreich, wenn das Flugblatt zum Tag des guten Willens den Weltkrieg in Zahlen darstellt, die Menschenopfer der einzelnen Nationen beziffert, sowie die Materialzerstörungen ebenfalls statistisch wiedergibt und dazu bemerkt: „Könnten die Toten wieder auserstehen, und ein General würde die Parade über sie abnehmen, dann würden dieselben in Gliedern von zwanzig Mann zweieinhalb Monate von Sonnenaufgang bis Sonnennntergang brauchen, um vorbeizumarschieren." Ferner: „Der gesamte Schaden, der durch Wcrtezerstörung und Produktionsausfall der Menschheit erwachsen ist, beläuft sich auf 1680 Milliarden Goldmark. Dafür hätte man jeder Familie in Deutschland, Oesterreich, Rußland, Belgien, Frankreich, England, Canada, Australien und in den Bereinigten Staaten von Nordamerika ein Hajus bauen können im Werte von zehntausend Mark mit einer Wohnungseinrichtung von viertausend Mark und einem Garten zu zweitausend Mark. Bon der übrigbleibenden Summe Härten noch in jeder Stadt mit mehr als zwanziglausend Ein- Tem allumfassenden Bande der Einheit des Menschengeschlechts ist darin kein besonderer Abschnitt gewidmet. Mit Recht, denn Patriotismus und Humanität sind unlösbar verbunden. Es ist der Fluch unsrer Zeit, Volk und Menschheit als gegensätzliche Begriffe Zu betrachten, während sie doch einander bedingen, ergänzen, eins bilden. Echter Patriotismus ist ohne Humanität undenkbar. Sie sind das A und das O der Sittlichkeit, und so eröffnen und schließen sie den letzten Hauptteil: Vaterland. ~ „Tie glühende Liebe, die'wir dem Vaterlande schulden, sagt Doumer, kann uns nicht für die übrige Welt blind machen, kann uns nicht di? anderen Nationen verkennen oder hassen lassen.*) Patriotismus nt ein zu erhabenes Gefühl, um .Haft zu erzeugen. Ter Bürger hat Pflichten nur gegen sein eigenes Land, aber oie Völker haben Pflichten gegen einander; sie bilden große Familien, die das Bewußtsein der notwendigen Zusammengehörigkeit ihrer Glieder nicht verlieren dürfen, wie auch unmöglich eine oas ganze Menschengeschlecht umfassende Solioarität geleugnet werden kann." In großen Zügen zeigt er, wie diese Solidarität sich in der Weltgeschichte ränml'.ch und zeitlich auswirkt, und er Greift Fragen, die den Kern von Spenglers „Untergang des Abendlandes" bilden. Doumer aber begegnet der drohenden Krise durch den zuversichtlichen Mahnruf: „Unser Volk muß heute wie gestern, morgen wie heute einer der vordersten Kämpfer für die Zivilisation sein", und er schließt mit dem Worte: „Arbeitest du für oie Größe deines Vaterlandes, so werkst du auch zum 5)eile der Menschheit." „Tie Friedensiöee macht nicht einen Gegensatz gegen den Patriotismus, sondern oie wahre Vollendung desselben. Wahrhaft patriotisch sein heißt: den eigenen Staat zum wirksamen Miede in der Gesamtheit der Menschheit erheben" (Lazarus). Dieser echte Patriotismus tritt uns in Doumers „Buch für nreine Söhne" entgegen. *) Anmerkung: Anläßlich meines Aussatzes „Moritz Lazarus" in den „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins" (1908) schrieb ein General: „Mit dankbarer Bewegung trat mir wieder die Zeit ins Gedächtnis, da er nufer hochverehrter Lehrer an der Kriegsakademie war und, während er unser deutsches Selbstgefühl vertiefte, uns zugleich lehrte, die anderen Völker aus ihrer Eigenart und historischen Entwicklung zu verstehen." — Lazarus' Wirken an der Kriegsakademie (1868—1872) ist ein Kapitel seiner „Lebenserinnerungen" gewidmet. wohnern folgende Gebäude errichtet werden können: je eine große Bibliothek, - ein Krankenhaus, Pflegeheim und Altersheim, alles mit Einrichtung, dazu höhere Lehranstalten mit freiem Schulbesuch." Wir vermögen diese Ziffern auf ihre Exaktheit nicht na-chzuprüsen, aber wir haben rein laienhaft immer den Standpunkt vertreten, daß, sofern die ungezählten Milliarden, die der Weltkrieg verschlungen hat, dem Wohle der Völker dienstbar gemacht worden wären, alle Nationen heutzutage sich eines gegenüber der Vorfriedenszeit wesentlich höheren Standes der Kultur und wirtschaftlichen Sicherheit erfreuen könnten, statt daß Sieger wie Besiegte sich noch zwölf Jahre nach Friedensschluß Gewehr bei Fuß und zum größten Teil materiell ruiniert, gegenüberstehen. Der Friedensgruß der Kinder von Wales hat unsere Herzen mit Freude erfüllt; aber es würde uns insbesondere interessieren, zu erfahren, ob und inwieweit auch jüdische Kinder Teilnehmer dieser Kundgebung waren, denn wenn wir einleitend sagten, daß und warum wir Kinder in der Friedensbewegung tätig sehen wollen, so wünschen wir dort in erster Reihe auch unsere Kinder, die Kinder des Judentums, welches innerhalb des Pazifismus seine geschichtliche Rolle hat — und behalten soll! DorisWittner. Sendet de« fällige« Beitrag für das S. Quartal »»»I aus das Postscheck-Kaut» der Bereinig«»« für das liberale Judentum Berlin Rr. 1S70M ein.

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