Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 18-19 (13.5.1931)
- Date
- 1931-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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druck für die Zutuns! fest zu halten. Als ehemaliger Zögling sprach Herr Zucker den Tank aller früheren Schutzbefohlenen des Dauses aus. Rechlsainvatt Dv. Weisbecker überbrachte Grüße und Wünsche des Borsteheramts der Israeliten und hob die Bedeutung der Auslall für das knrhessische und deutsche Judentum hervor; gleichzeitig machte er Miireilnng von einer JubiläumSspendc. Auch im Nainen der Cinailoge, deren Beziehungen zum Waisenhaus er näher um riß, über- -reichte er einen namhaften Jahresbeitrag und Jubiläumsgabe. Rechtsanwalt Talberg sprach als Bertreter der Kasseler jüdische» Gemeinde, die mit dem Waisenhaus eng verbnnden sei. Er zeigte die Synthese zivischen RechtSverivirklichung und Nächstenliebe, betonte den Wert der Persönlichkeit und ivandte diese Gedankengänge auf Kuratoren, Hausellern, ehemalige und heutige Zöglinge an. Frau Kommerzienrat Wertheim, die für die Zentraltvohlsahrtsstelle und alle ihr «ngeschtossenen Vereine sprach, fand herzliche Worte der Würdigung der Erziehungsarbeit an den Waisen. Tas Waisenhaus genüge an erster Stelle den sozialen Pflichten, sei eine Schute für das Lebeik und eine Pflanzstätte für Religion und Ethik.' Es gratulierten noch Frau Tr. Walter für deu Israelitischen Fraucnverein mit gleichzeitiger Ueberrcichung einer Jubiläumsspende. Herr ömil Rubensohn als Vorsitzender der „Humanität", der Vorsitzende Louis Engelbert bock Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Kassel, die auch aus ihrem Unterstützungsfonds eine Jubiläumsausgabe gestiftet hatte, Gemeinde ältester Nußbaum für mehrere Wohltätigkeitsvereine und Frau Tr. Sichel Gotthelft für die Schtvesternvereinigung der Sinaisoge. Mir abermaligem Chorgesang tvurde der stimmungsvoll verlaufene Festakt beschlossen, nachdem Waisenknaben im Lause der Veranstaltung zu Ehren der Stifter PH. Feidel und R. E. Goldsctnnidt das Kaddifchgebet gesprochen hatten. Köln.; E t a t b e r a t il n g.) In der Einzelbehandlung des Haus baltpianes ivurden eine Reihe von Positionen gestrichen. Bemerkenswert >var die Kritik des GeineindereligionsiinterrichtcS durch den Misrachisten Tr. Leiboivitz, der beträchtliche Summeil für die hebräischen Sprachkurse und die verschiedenen Talmud-Thora Schulen eingesetzt ivissen »vollte. Man spreche zu viel über jüdische Dinge und ginge nicht an die sachlichen Quellen heran. Seine Vorschläge ivurden indes aogetehnl. Ten Wohlsahrtsetat begründete das Vorstandsmitglied Kaiser Blürh in gründlicher Sachkenntnis. Er wies daraus hin, daß alle rvohlgeineimeii Vorschläge in Bezug aus konstruktive Fürsorge an der einfachen Tatsache scheitern müßten, daß es sowohl an Geld als auch air Arbeit fehle. Redner durste mit Genugtuung aus die trotz der schivereu Zeiten ansehnlichen Leistungen seines Ressorts Hinweisen. Frau Auerbach ((ilO schilderte die Schwierigkeiten der Tätigkeit des jüdischen Arbeitsnachweises. Es sei ihm besonders schwer, die fabbathalienden Kräfte unterzubriugeu. Der Voranschlag tvird nach '.rnsgiebigcr Debatte im Sinne des Borstandes angenommen. Köln. ^T a s neue G c in c i n d c b l a t tZ Wie der Vorstands- Vorsitzende in einer der letzten Repräsentantensitzungen mitteilte, wird das Gemeindeblatt voraussichtlich am 1. Juli erstmalig erscheinen. Schriiiicner ist Herr Neuländer, der Herausgeber des Düsseldorfer Gemeindeblattes und frühere politische Redakteur des Hamburger I' r a e l i i i s ch c 11 F a m l l i e 11 b l a t t e s. Flöln. (N e u e R e p r ä s e n t a u t e n.) Anstelle des Heimgegangenen liberalen Repräsentanten ist Herr Hermann Bloch in die Fraktion eingetreten. Herr Nathan Kahn (Achduth) hat sein?lmt als Repräsentant niedergelegt, an seine Stelle ist Herr Nürnberg getreten. Köln. c.E h r u n g a n s g e f ch i e d e n e r B o r st a n d s m i t - g lieb c r.l Am Samstag, dein 2. Mai, bereitete der Vorstand ver Tvnagogengemeinde drei ausgeschiedenen Mitgliedern, den Herden E'inil Blumenau, Moritz Falkenstein und Aron Hofmann, eine weihevolle Abschiedsstunde, zu der sich viele Freunde und Verehrer eingefunden hatten. Ten Höhepunkt der Feier bildete die Abschiedsrede des neuen Vorstandsvorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Frank, der in die Schilderung des Wirkens der drei Männer geistvolle Gedanken über Erzichungssragen einwob, und der namentlich die Persönlichkeit Emil Blumenaus lebendig vor den Hörern erstehen ließ. Ihm sowie den beiden Gemcinderabbinern dankten die Jubilare für die Worte liebevollen Gedenkens. Die Stunde war umrahmt von Gesängen der Gemeindekantoren. 'Es bedeutet eine'besonders sinnige Ehrung, daß der Gemeindevorstand dem Jugendheim den Namen „Emil Blumenau- Haus" gegeben hat. .Herr Falkcnstein wurde zum Ehrenvorsitzenden oer Steucrkommissiou ernannt. Tie Ehrungen sind nicdcrgelegt worden in künstlerisch ausgesührten Adressen, die den Jubilaren überreicht zvurden. Köln. (Louis Goldberg s. AZ In der vergangenen Woche trug man Louis Goldberg zu Grabe, der Tod hat ihn endlich von langem schweren Leiden erlöst. Er war viele Jahre hindurch liberales Mitglied der Repräsentanz und hat hier der Gemeinde stets wertvolle Dienste geleistet. Goldberg war Begründer des Verein» selb ständiger jüdischer Handwerker; bis zu seinem Tode stand er diesem Verein als Präsident vor. Ter Heimgegangene entfaltete in dieser ^Eigenschaft, auch im Vorstand der Gesamtorganisation des deutschen jüdischen .Handwerks, eine segensreiche Tätigkeit. Ein großes Trauergefolge gab ihm das letzte Geleit. Königsberg. (Aus den G e m e i n d e k ö r p e r s ch a s t e n.) Tie Repräieniantenversammlung hielt eine Sitzung ab, die infolge der Amtsnieberlegung des sortgezogensn Revräsentantenvorstehers, Tirektor Peritz, von Justizrat Lichtenstein geleitet wurde. Auf Antrag des Gemeinbevorstands wurde ein Beschluß angenommen, demzufolge die Versammlung sich im Einverständnis mit der RcchtSkornmission ans ceu Standpunkt stellte, daß der Vorstand berechtigt sei, allein ohne vorherige Einholung eines Beschlusses der Repräsentantenversanimlung -bestehende Verträge zu den vertraglichen Fristen zu kündigen. Gleich zeitig riahcn die Versammlung Kenntnis von der Kündigung eines Kultusbeamten. Ten Verträgen mit zivei weiteren Kultusbeamten ivurde einstimmig zugeftimmt. Sodann wurde zur Telegiertentvahl zu oer Hauptversammlung des Synagogenverbandes Stellung genommen. Ter Gemeindevorstand gibt seine Konstituierung für das GeschästSjabr 193l bis 1932 amtlich bekannt. Es wurden geivählt: zum Vorsitzenden des Vorstands: Gehcimrat Professor Tr. Falkenheim, zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden und Kassenpfleger: Kaufmann Sally Joachim, zum ztveitcn stellvertretenden Vorsitzenden, Schrift Führer und stellvertretenden Kassenpfleger: Bankdircktor .Hermann Marx, zum stellvertretenden Schriftführer: Rechtsanwalt Dr. Fraenkcl, zum .Synagogeuvorstehcr: Rechtsanwalt Dr. Jacob: II. Tarauf wurden ote Vorstandsmitglieder für die verschiedenen Ausschüsse benannt und Kommissare in andere Vereine entsandt. Küstrin. (Jubiläum.) Ter allverehrtc Vorsteher der Synagogeimemeinde, .Herr Stadtrat I. D. Müller, feierte am 21. April sein :U»jähriges Jubiläum als Vorsitzender der Allgemeinen Ortskrankenkasse. 1901 tvurde er in den Vorstand getvählt, 1909 tvurde er stellvertretender, 1912 erster Vorsitzender. Während der schwierigen Kriegs und Jnflationsjahre hat er durch seine Tatkraft und vor allem durch sein soziales Empfinden die Kasse zur Erfüllung ihrer sozialen Aufgaben befähigt und zur Befriedung der Verhältnisse innerhalb der Krankenversicherung viel beigelvagen, immer im Sinuc einer ständigen Zusammenarbeit der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Jahrelang war .Herr Müller Obervorstcher der Schützcngilde, die ihn vor 5 Jahren zum Ehrenmitgliede ernannte. Seit 35 Jahren leitet er ununterbrochen die Gemeinde, seit 28 Jahren den Verein für jüdi sche Geschichte und Literatur. Leipzig. (G c rn e i n d e s i h u n g.) Eine kurze Gemeindesitzung meine vor allem dem Zwecke, dem Gemeindevorstandc vor der endgültigem Verabschiedung des neuen Haushaltplanes die Möglichkeit zur Fortsnyrung der Gemeindegeschäste aus der Grundlage des bisherigen .Haushalts zu geben. Ursprünglich war der vorjährige Haushaltplan so angelegt worden, daß er unverändert auch für das neue Geschäftsjahr gelten sollte. Tie veränderte Wirtschaftslage macht nennenswerte Abstriche erforderlich, die in den Ausschußberatungen erst im Einzelnen geprüft werden sollen. Tie Sitzung eneilt dem Vorstande die Ermächtigung, vorerst innerhalb des Rahmens, der für das vorige Jahr festgclegt war, die Geschäfte weiterzuführen. — Die Verschlechterung der Wirtschaftslage veranlaßt auch den Vorstand, von einer Neubesetzung des Postens einer Fürsocgeleiterin abzusehen. Tie Fürsorge soll durch das schon jetzt bei der Gemeinde beschäftigte Personal verwaltet werden. Der Vorstand der Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes halte gegen diese Regelung Bedenken geltend gemacht. Die Gemeindesitzung befaßt sich eingehend mit dem diese Fragen behandelnden Schreiben. Nach deu von dem Tczernenlen, Herrn Siegmund Göttlich, gegebenen Aufklärungen glaubt man jedoch, daß durch die getroffenen Maßnahmen, tvie auch durch die schon jetzt be stehende Arbeitsmethode Gewähr für eine gute Abwicklung der Ge schäfte gegeben sei. Tic Angelegenheit wird in nichtöffentlicher Sitzung weilerberaten; es wird jedoch bekannt, daß die Gemeindesitzung den Vorschlägen des Vorstandes beigetretcn ist. — Aus der übrige» Tagesordnung verdient noch hervorgehoben zu werden, daß einige Gemeindemitglicder der Gemeinde ein von dem Maler Eduard Einschlag geschaffenes Gemälde: Ter alte israelitische Friedhof im Johannistal, als Geschenk überreicht haben. Osterode. (S y n a g o g e n b e s i ch t i g u it cj.) Vor einiger Zeit besichtigten die Ober' und die Unterprima des Osteroder Gymnasiums unter Begleitung ihrer evangelischen Religionslehrer die hiesige schone, neurenovierte Synagoge. In diesen Tagen haben nunmehr auch der Direktor des Osteroder Oberlyzeunis und zwei Studienrätumen mit ihrer obersten Klasse die Synagoge besucht. Ter eingehende Vortrag von Prediger Mannheim hatte großes Interesse bei den Zuhörern, wachgerufen; davon zeugte die lebhafte Anssprache. Plauen. (A b >v e h r eines a n t i s e m i t i s ch e n V o r st o ß e s in der S ch ä ch t s r a g e.) Tie nationalsozialistische Stadtverord „etenfraktion in Plauen hatte sür die Sitzung der Stadtverordneten vom Mittivoch, den 6. Mai 1931, folgende Anträge cingebracht: „Tas Stadtverordnetenkoltegium »volle beschließen: a) Das betänbungslose Schächten tvird verboten. b) Tas Fleisch geschachteter Tiere, welches von den rituell lebenden deutschen Staatsbürgern jüdischer Rasse als nicht koscher nicht übernommen tvird, ist als minderwertig der städtischen Freibank zum Verkauf zu überiveiscn und dort als solches dem Käufer kenntlich zu machen. Ten Mindercrlös haben die am Schächten interessierten Kreise zu tragen." Angesichts des plan mäßigen systematischen Borgehens der Nativ nalsozialisten im ganzen deutschen Reich aus .Herbeiführung von Schächtvcrboten, bedeutet deren Antrag in Plauen, der .Hochburg dieser Partei, einen schivereu, in seinen Folgen nicht cibzusehendcn Angriff auf unsere Religion, unsere politische Gleichberechtigung sowie eine ernste finanzielle Bedrohung unserer Gemeinde im ganzen, und deren Ivirtschaftlich schwächsten Mitglieder im einzelnen. Der vernünftige Sinn der anderen Fraktionen und die Aufklärungsarbeit des Sladtverordneten Tr. Goldberg, Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Plauen, ließen cs aber nicht erst zur Besprechung des Antrages kommen. Dem Anträge der Fraktion der bürgerlichen „Wirtschaftlichen Bereinigung" ans Uebcrgang zur Tages ordnung — ein solcher Antrag schließt nach den städtischen Statuten eine Aussprache aus — stimmten die Fraktionen der Mitte und der Sozialdemokraten zu, so daß er mit übergroßer Mehrheit angenommen wurde. Tie Begründugn des Antrages auf Uebcrgang zur Tagesordnung ging dahin, daß schon deshalb eine Besprechung und Beschlußfassung der eingebrachten nationalsozialistischen Anträge unzulässig ist, iveil in Sachsen nach Reichs- und Landesrecht Schächten erlaubt sei, daher ein örtliches Schächtverbot unzulässig sei. Zum Antrag b) ist noch zu bemerken, daß darüber, tvelches Fleisch der städtischen Freibank zuzusühren ist, einzig und allein der amtlich bestellte Tierarzt zu entscheiden hat. Das südischerseits nicht abgcnommene Fleisch tvird von christlichen Fleischern sehr gern gekauft, da es meist sehr hochwertig ist. Dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Plauen ist von hiesigen Fleischern versichert worden, daß die Anträge der Nationalsozialisten dort keinesfalls auf Sympathie gestoßen seien, da ihnen bekannt sei, daß das bayrische Schächtverbot auch viele uichtjüdische Viehhändler und Flei scher geschädigt habe. Ter Antrag der Nationalsozialisten tvürde daher auch von ihnen nur als ein rein agitatorischer antisemitischer Vorstoß angesehen. Plauen f. B. (Liberale G e m e i n d es e i c r.) Am 26. April 1931 hielt Herr Rabbiner Tr. Baeck-Berlin bei einer liberalen Gemeindefeier einen Bortrag über Religion und Bildung. Diese von Zeit zu Zeit stattfindenden liberalen'Sonntagsfeiern mit einem auswärtigen Rabbiner als Redner waren schon immer gut besucht, sowohl von Gemeindemitgliedern als auch von Andersgläubigen. Umgeben von den durch den Synagogenchor klangschön vorgetragenen Psalmen 23 und 100 stand der Vortrag über „Religion und Bildung". Herr Dr. Baeck führte ans, daß durch das Buch, die Zeitung, es dem Einzelnen erspart werde, selbst zu denken, sich eine eigne Meinung zu bilden. Die in riesigen Auflagen erscheinenden Zeitungen geben gewissermaßen am lausenden Bande der Gesamtheit die Gedanken eines Einzelnen. Diese Art Bildung unserer Zeit hat viele Menschen verflacht. Daher kann man von einem Kollektivismus der Menschen sprechen. Im Gegensatz dazu aber steht die Religion. Sie kennt nichts Fertiges, sie spricht vom Leben und das ist nie fertig. Fertig ist Ware, fertig sind Gegenstände, aber Leben nicht. Der lebende Mensch strebt und ringt! Religion kennt nur den einzelnen Menschen, die einzelne Seele, nicht aber Masse Mensch. Religion und fertige Meinung vertragen sich nicht. Das Kind ist in seinem natürlichen Empfinden, Forschen, Fragen im Vergleich zum Erwachsenen ein Poet zu nennen. Die Poesie, der Sinn für das Edle, enlschtvindet dem Erwachsenen immer mehr. Religion aber ist Poesie, sic führt uns über die Stunden des Alltags empor zum Erhabenen. Jedes Kind ist auch religiös, wenn es nicht künstlich durch den Einfluß anderer abgewendet wird. Jedes Kind ist ein Poet, jedes Kind dichiet, solange es im eigenen Paradies lebt. Wenn aber die Kindheit vorbei ist, wenn der Mensch sich von der Prosa des Alltags besiegen läßt, dann wird er ein prosaischer Mensch, der das Religiöse verliert. Das Nichtverstehen zivischen Mann und Frau, zivischen Eltern und Kindern ist ein Zeichen, daß ihnen die Poesie verlöre,! ging, sic sind prosaisch geworden. Alles Gute im Leben ist im Grunde Poesie. Wenn aber Poesie schtvindet, dann ist alles vorbei, was Menschen im Leben zusaminensühren kann zu Opfern, zu Hilfe. Alle wahre Religion hat ihre Wurzeln in der Poesie und zieht daraus ihre Kraft. Einer Verflachung fallen diejenigen anheim, die sich keine Poesie betvahren können, sondern in der Herde der Straße mitziehen. Prenzlau. (Persönliche s.) Rabbiner Tr. O. Bähr, einer der ältesten amtierenden Rabbiner Teutschlands, kann am 1. Mai in körperlicher und geistiger Frische seinen 75. Geburtstag feiern. Ter Jubilar ist in Mayen geboren und seit 15 Jahren in hiesiger Gemeinde tätig, Ivo er sich in allen Bevölkerungskreisen großer Beliebtheit und Hochachtung erfreut. Salzkotten. (T i a in a n t e n e H o ch z e i l.) Tas langjährige verehrte Vorstandsmitglied .Herr Heincmann Grünberg feierte ungebrochen das seltene Fest der diamantene» Hochzeit. Tas greise Brautpaar gemahnt an dos Schristivvrt: „Noch sprossen sie im Alter, markig und frisch sind sie, um zu verkünden, daß redlich ist der Ewige." Die Familie Grültberg erfreut sich allseitiger höchster Berehrniig. Am 10. Mai fand in der Synagoge um 11 Uhr ein Festgottesdienst statt. .Herr Prediger Treyfnß und Prediger Scheuer, Hameln, hielten die Festrede. Gemeindeverwaltung unv Regierung haben an dieser seltenen Feier Anteil genomlnen. Tie Familie Grünberg sieht unserer Bewegung irahe. Tilsit. (S y n a g o g e n s ch ä n d u n g.) In unserer Gemeinde, die erst vor kurzem eine Friedhossschändung erlebt hatte, bei der der Täter ermittelt werden konnte, wurde bei Nacht eine Synagogenschändung vorgenommen. Einer der Täler, osfeu-bar eine junge, schlanke Person, drückte eine kleine Fensterscheibe ein, schlüpfte durch sie hindurch und ließ dann den zweiten Einbrecher, der wahrscheinlich stärker »var, in die Synagoge hinein. Beide erbrachen sodann mittels eines Stemmeisens die .heilige Lade und richlelen unter den Thorarollen eine erhebliche Verwüstung an. Auch drangen sie in den Raum, der sich hinter der Heiligen. Lade befindet, ein. Da von dem vorhandenen Silber nichts geraubt ist, so ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß die Schändung aus rein antiseinitischen Motiven vorgonommen ist. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, teilt auch die hiesige Polizeidireltion diese Meinung. Trotzdem sich die Kriminalpolizei große Mühe gibt, konnten die Täter bisher nicht ermittelt werden. Aus der Ai-Bewegung Verantwort!.: Arbeitsgemeinschask jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschlands | Redaktion: Dr. Ellen Littmann, Berlin Hamburger Brief Wir veröffentlichen einen Brief, den ein Hamburger Jugendlicher an Herrn R- A. Heinrich Stern, als an den Vorsitzenden der Bereinigung für das liberale Judentum, geschrieben hat und uns die Gründung eines Jli in Hamburg sehr dringend erscheinen läßt. Deshalb eröffnen tvir die Diskussion über die Frage der Gemeinschaft, zu der eine Reihe von Aeußerungen vorliegen, erst in der nächsten Rümmer. Tie Redaktion. Sehr geehrter Herr Stern! Ich beziehe mich auf deu Besuch, den Sie vor längerer Zeit einmal der Ortsgruppe Hamburg gemacht haben. Ich erlaube mir nun heute, Sie mit einem Bericht über eine Versammlung zu bemühen, der auf jeden Fall für Sie von Interesse sein dürfte. In der Landesorganisation der Agudas Jisroel, Hamburg, hielt Herr 5z. S. Jacobsohn einen Vortrag über das Thema „Wo steht der Feind". Ich ging zu dieser Veranstaltung, von der ich mir sehr viel versprach. Ich möchte bemerken, daß ich durchaus nicht unreligiös bin und religiösen Formen an sich nicht ablehnend gegenüberstehe. Meine Schwester und ich haben zu Hause den Freitagabend und die Festtage eingesnhrt; meine Eltern kannten fast gar nichts von diesen Dingen, nur uns zu Gefallen haben sie alles mit uns gemacht, was wir in dieser Beziehung wollten. Sonnabends arbeiten wir zwar, aber wir wollten wenigstens die Worte des Herrn Rabbiner Dr. Leo Baeck, die dieser bei einem Vortrag in Hamburg prägte, beherzigen, wenn er sagt: Wenn wir nicht den ganzen Sabbat halten können, dann wollen wir wenigstens die Sabbatstunden, die wir zur Verfügung haben, halten. Dies aber nur als persönliche Bemerkung. Ich fühlte mich in dieser Versammlung ziemlich verlassen und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Nachdem ungefähr 150 Personen erschienen waren, wurde begonnen. Nach den Einführungsworten des Vorsitzenden begann der Referent mit seinen Ausführungen. Trotzdem er mehr hebräische Worte als deutsche brauchte, ist es mir gelungen, einen Einblick in diese orthodoxen Kreise zu gewinnen, der mich in geradezu erschütternder Weise berührte. Hier wurde keine Liebe gepredigt, wie ich es von der ehrwürdigen Kanzel unseres alten Tempels, von meinen Lehrern Herrn Rabbiner Tr. Italiener und Herrn Dr. Veis gewohnt bin. Hier wurde Haß gelehrt. Haß allen liberalen Juden, Haß allen liberalen Rabbinern. Und als ich dann von jenen Menschen, die mir als Persönlichkeiten gelten und mir Lehrer sind, hörte, daß sie alle Verräter und Lügner am Judentum sind, da wurde es mir immer mehr klar, die liberale Bewegung muß stärker werden, größer werden und zur Hauptsache, sie muß intensiver arbeiten,. Es darf kein liberaler Jude mehr abseits stehen. Er muß sich verteidigen nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Wir müssen gegen die Verleumdungen, die da verbreitet werden, ein würdiges Kampfmittel finden. Menschen, wie Rabbiner Dr. Baeck, Tr. Dienemann und vor allem mein hiesiger Lehrer Rabbiner Dr. Italiener, wurden in geradezu niederträchtiger Weise beschimpft. Außerdem wurde auch noch behauptet,^ daß es eine Selbstverleugnung dieser Menschen sei, wenn sie sich Rabbiner nennen würden. Prediger seien sie vielleicht, aber keine Rabbiner. Ties wurde in der Diskussion immer wieder ausgesprochen. Als ich das alles hörte, da konnte ich nicht anders, ich mußte reden. Aus dem, was ich aus dem Religionsunterricht und aus intensiver Lektüre der jüdisch-liberalen Zeitung gelernt habe, habe ich dann versucht, wenigstens, soweit es in meinen Kräften als Sechzehnjähriger lag, unser liberales Judentum zu verteidigen. Ich führte ungefähr folgendes aus: „Religion als geistiger Faktor, als Gefühlswert, als Sinngebung und Zielsetzung des Lebens bat an Intensität eingebüßt. Das ist eine Tatsache, die sich nicht ableugnen läßt. Religion ist nicht mehr das Primäre im Dasein, ist nicht mehr die Grundlage des Handelns, sondern ein Lobenswert unter vielen anderen. Betrachtet man unser Leben, in dem der Kamps um das Stück Brot, das Ringen um materielle Dinge den Inhalt unserer Tage bilden, dann sieht man, es konnte gar nicht anders kommen. Diese materiellen Kämpfe, die nicht das Heroische und Edle wecken, sondern Haß und Mißgunst erzeugen, stehen im Widerspruch zu den ethisch-geistigen Idealen der Religion. Tie schwierige Lage der Religion in unseren Tagen wird also gekennzeichnet durch den krassen Gegensatz der religiösen Forderung zum praktischen Leben. Tie Religion würde nun immer mehr aus dem Leben verschwinden, wenn es nicht bald gelänge. Krol I - Garten eröffnet!