Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 18-19 (13.5.1931)
- Date
- 1931-05-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Jahrgang Nummer 18/19 Wisch-liberale 3eifnng 1. Beilage 13. Mai 1931 Planwirtschaft im Schulwesen der Berliner Wischen Gemeinde Von Studienrat Dr. Kurt Lew in. , Wahlkampfe hat die Lchutfrage eine außerordentliche Rolle gespielt. Tie lange Zwischenzeit bis zum Zusammentritt der neuen Repräsentanz - die liberale Mehrheit hat ja auch jetzt noch nicht in Funktion treten können — hat dazu geführt, die Vorstellungen der Wählerschaft von den Absichten und Plänen der Liberalen Partei mehr und mehr zu verwirren und in zunehmendem Maße Beunruhigung in ihre Reihen zu tragen. Im Publikum ist die Ansicht verbreitet, daß die Liberalen um jeden Preis aus rein finanziellen Gründen das gesamte jüdische Bildungswesen zerschlagen wollen. Es ist daher dringend nötig, den Standpunkt der neuen liberalen Mehrheit wieder einmal klar und eindeutig zu präzisieren. Aus unserer rein religiösen Auffassung des Judentums und seiner Gemeinden und unserer Ablehnung jedes völkischen Prinzips in unseren Reihen folgt die Forderung nach Gleichstellung, folgt die Einordnung der jüdischen Schulen in das allgemeine öffentliche Schulwesen. Tie öffentlichen höheren Schulen sind nicht konfessionell. Ter Religionsunterricht wird nach Bedürfnis erteilt. Tic Teilnahme an ihm ist für alle Schüler über 14 Jahren freiwillig. Infolgedessen besteht kein grundsätzliches Bedürfnis an h oberen jüdischen Schulen. Tie Mittelschule ist an sich in der Großstadt eine überlebte Schulsorm, deren Ausgaben -- wie weiter unten ausgeführt werden soll — auch auf anderem Wege erfüllt werden können, und deren Ziel, die „mittlere Reise", auch anderweitig erreicht werden kann. Die öffentliche Volksschule ist konfessionell, und so lange sie konfessionell bleibt, besitzt auch die jüdische Volksschule Daseinsberechtigung. Sie muß aber in das öffentliche Schulwesen eingegliedert werden. Taraus ergeben sich folgende Forderungen: 1. Es muß versucht werden, die Uebernahme der jüdischen Volksschulen durch die Stadt Berlin zu erreichen, da die Schaffung und Erhaltung von Volksschulen nicht Aufgabe der Religionsgemeinden, sondern des Staates oder der Kommunen ist. 2. Sollte die Uebernahme der jüdischen Volksschule durch die Stadt Berlin wider Erwarten nicht erfolgen, so ist die Erklärung.zur „öffentlichen Schule" anzustreben. Bei dieser Forderung sprechen neben ideellen Gründen auch finanzielle Erwägungen eine Rolle. Mit der Oeffentlichkeitserklärung ist eine beträchtliche Subventionierung durch die Kommune bzw. den Staat verbunden, die die Schultasse der Gemeinde weitgehend entlasten würdet 3. Umgestaltung und Neuordnung des ebenso kostspieligen wie planlosen Schulapparates der Gemeinde, falls keine Uebernahme durch die Stadt erfolgt. — Es bestehen zur Zeit an Profanschulen: a) die Knabcnvoltsschule in der Rykestraße; b) die unvollständige Knabenvolksschule in der Großen Hamburger Straße; c) die unvollständige Mädchenvolksschule m der Auguststraße; d) die Knabenmittelschule in der Großen Hamburger Straße; e) die Mädchenmittelschule in der Kaiserstraße. Volksschule und Mittelschule greifen auf einander über, derart, daß, die vier untersten Klassen der Mittelschule dieselben Jahrgänge erfassen wie die vier obersten Klassen der Volksschule. Durch dieses Nebeneinander zeigt die Volksschule einen erheblichen Rückgang der Besuchsziffern in den oberen Klassen, da der größte Teil der Schüler zur Mittelschule übergeht. Wir haben also praktisch wegen je zweier Spitzenklassen zwei vollständige Mittelschulen von je 6 Klassen zu erhalten. Die Tatsache, daß die 5 Schulen jährlich ca. eine halbe Million Mark kosten, wovon fast vier Fünftel allein auf die beiden Mittelschulen entfallen, macht eine Aenderuna des Bestehenden zur zwingenden Notwendigkeit. Die neue liberale Fraktion ist daher zu dem Beschluß gekommen, nach ihrem Amtsantritt eine erhebliche Vereinfachung und Vereinheitlichung des Schulapparates vorzunehmen: Die Mittelschule ist von unten her klassenweise auszulösen, derart, daß keine Ausnahme mehr erfolgt. Die drei Volksschulen werden aus je eine Knaben und eine Mädchenschule reduziert, falls die Stadt die Schulen nicht übernimmt bzw. subventioniert. Diese Volksschulen werden ausgebaut durch besondere Begabtenklassen (entsprechend den A-Klassen der Stadt Berlin) mit dem Ziel der „mittleren Reife". Ta diese A-Klassen den Charakter besonderer Begabtenklassen bekommen, sollen den Schülern, soweit erforderlich, Unterhaltsbeihilfen gewährt werden in derselben Höhe, wie es bei den städtischen Schulen geschieht. Infolge der schärferen Auslese wird vielleicht die Möglichkeit und Notwendigkeit bestehen, in den A-Klasseu Knaben und Mädchen gemeinsam zu unterrichten. Diese Umgestaltung wird die Schulkosten der jüdischen Gemeinde von ca. 500000 RM. aus ca. 150000 RM. verringern, von denen im Falle der Oeffentlichkeitserklärung auch noch der größte Teil durch die städtischen Subventionen gedeckt wäre. Und das Ergebnis dieses Ricsenaustvandes an Zeit und Arbeit? Es bleibt alles beim Alten! Wir stellen hier die Zählungsergebnisse nebeneinander: Zählung Nachprüfung Manam 30. li. 30 am 4. 5. 31 date Liberale Pan ei ^Liste 1) 41 797 41 736 24 Volkspartei (Liste 2) 25 836 25 811 14 Mittelpartei (Liste 3) 1 788 1 787 1 Konservative (Lifte 4) 1 411 1 410 0 Poale Zion (Liste 5) 1 931 1 930 1 Deutsche Liste (Liste 0) 1 337 1 335 0 Klal Jisroel (Liste 7) Ueberpartei (Liste 8) Positiv Liberale (Liste 9) Jüdisch demokratischer Block (Liste 10) 114 114 0 2 339 2336 1 723 722 0 121 121 0 Insgesamt 77 397 77302 41 Jn der Sitzung erfolgte u. a. auch die amtliche Feststellung, daß an Stelle des inzwischen verstorbenen Herrn Kommerzienrat Gerson Simon aus der Liste der Mittelpariei Herr Tr. Alfred Wiener, der Syndikus des Centralvereins, als gewählt gilt. Vergleicht man die beiden Zählungsergebnisse miteinander, so steht man erschüttert vor der Tatsache, daß um eines puren Nichts willen die durch die Wahl bedingte Neuregelung in der Gemeinde um ein halbes Jahr hintangehalten werden konnte. Tie Aktion diente ausschließlich dazu, den jetzigen Machthabern die Amtszeit zu verlängern; denn auf einen Erfolg konnten die Protestler selbst nicht rechnen —: was hätte sich schließlich geändert, wenn wirklich (was aber von vornherein aussichtslos war!) das Verhältnis in der Repräsentanz 23:18 geworden wäre, statt wie jetzt 24:17! Wenn also nunmehr mit baldiger Bestätigung und Amtscinsührung der am 30. November'1930 gewählten Repräsentanten gerechnet werden kann, so wird man aus MittÄ und Wege sinnen müssen, in Zukunft Reprisen des jetzt erlebten Schauspiels zu verhindern. Mit Recht weist z. B. der Vorsitzende des Berliner Liberalen Vereins, Landgerichtsrat Tr. Martin Lesser, der auch der neuen Repräsentanten-, Versammlung angehören wird, in der Zeitschrift „Ter jüdische Beamte" darauf hin, daß im politischen Leben das neugewählte Parlament zunächst einmal zufammentritt und dann erst auf Grund amtlicher Nachprüfungen über etwaige in seinen Reihen vorzunehmende Veränderungen entschieden wird. Dr. Lesser fordert eine entsprechende Statutenänderung für die Jüdische Gemeinde, damit der alte Vorstand vder die in ihm vertretenen Mehrheitsparteien nicht rn die Versuchung, geschweige denn in die Möglichkeit versetzt werden^ durch Proteste von privater, aber auffallend aut informierter Seite sich die Amtsperiode verlängern zu lassen. — Eine Verbesserung des Gemeindestatuts könnte Huer wirklich eine Verbesserung unserer gemeindepolitischen Sitten nach sich ziehen. Berliner Wahlergebnis «uverSv-erl Es find fast auf den Tag fünf Jahre her, daß die jetzt aus dem Amt scheidende Repräsentantenversammlung gewählt wurde. Das Ergebnis jenes Wahltages, des 16. Mai 1926, ist allen interessierten Gemeindemitgliedern unvergeßlich: von insgesamt 21 Repräsentanten 10 liberale und 11 nichtliberale, zionistische oder durch Blockabkommen an die zionistische Führung gebundene Gemeindevertreter. Tie Wahllisten waren, milde ansgedrückt, nicht in Ordnung gewesen, und bei der Wahl waren, wie später der Entscheid des Polizeipräsidenten bestätigte, „erhebliche Verletzungen der statutarischen Bestimmungen" vorgekommen, die „dev Würde einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft nicht entsprechen". — .Tiefer Entscheid, der am 1. Februar 1927 erging, war nur eine Bestätigung dessen, was die Liberalen vom Tage der Wahl an gewußt hatten. Nur 300 Stimmen fehlten, und die Liberalen hatten ein Mandat mehr erhalten, das Verhältnis in der Repräsentantenversammlung wäre nicht 10:11, sondern 11:10 gewesen. Grobe Wahlverstöße aus der einen Seite und ein Manko von nur 300 Stimmen an der absoluten Majorität aus "der andern Seite —: die Liberalen würden pflichtwidrig an ihrer Sache und an der Gemeinde gehandelt haben, hätten sie den Versuch einer Klarstellung unterlassen, hätten sie nicht Protests bei der Auffichtsbehörde eingereicht. „Ob es denn wirklich so darauf ankäme, einen Mann mehr da sitzen zu haben", wurde damals gefragt; aber jeder ernsthafte Kenner der Zusammenhänge erwiderte ans "diese Frage mit einem klaren Ja; Sein oder Nichtsein, absolute Mehrheit oder Minderheit, das war hier die Frage, und wir alle erinnern uns wohl noch jener Repräsentantenberichte aus der Folgezeit, jener vielsagenden und noch mehr verschweigenden Meldungen: „Ter Antrag der Bolksparte: wird mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen... Der Antrag der Liberalen wird mit 10 gegen 11 Stimmen avge lehnt." Aber natürlich: als wir Protest bei derstaatlichen Aufsichtsbehörde — pardon, bei den! „christlichen Behörden", eingelegt hatten, da war das „unjüdisch, frivol, verbrecherisch". Uno nun kam der 30. November 1930; von den auf insgesamt 41 vermehrten Sitzen erhielten wir Liberalen 24, und da Sendet de« fällige« Beitrag für das 2. Quartal 1931 auf das Postscheck-Konto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Rr. 137069 ei«. hätte man allerdings mit Recht fragen können, §b es wirklich darauf ankäme, einen Mann in der Fraktion, der volksparteilichen Fraktion natürlich, mehr zu haben. Aber nein, niemand fragte das, niemand von denen, die sich 1926 so entrüsten konnten, fand Den Protest „unjüdisch, frivol, verbrecherisch". So nahm die Sache ihren instanzenmäßigen Verlauf; fünf Monate lang wurde die Genreindearbeit lahmgelegt bzw. wurde nach oen alten, durch die Wahl vom 30. November längst ungültigen MehrheitsverhÄtnissen regiert. Tie liberale Fraktion hat inzwischen, wie m voriger Nummer hier mitgeteilt wurde, Einspruch beim Gemeinde- Vorstand dagegen erhoben, daß die Erledigung der der Gemeinde von der Aussichtsbchörde zur Nachprüfung des Wahlergebnisses gemachten Auflagen über Gebühr lange dauere. Diese Auflagen sind nunmehr erfüllt worden. Bor allem ist am 4. Mai der Wahlprüfungsausschuß, bestehend aus den Vorsitzenden der .twa 110 Wahlbezirksvorstiände, nochmals zusammengetreten. Tie Sitzung fand unter dem Vorsitz des Gemeindevorstehers Lanogerichtsrat Tr. Arthur Lilien--- thal statt, den der Polizeipräsident zum Wahlkommissar bestellt hat, nachdem der bisherige Kommissar Janres Gold-- schmidt infolge Erkrankung zurückgetreten war. Beanstandet war, daß, in einigen Bezirken Personen gewählt haben, die nicht in den Listen standen. Hier wurden allen Parteien ihrer Stärke in den betreffenden Bezirken entsprechende Abzüge gemacht. Ferner mußten die Wahlzettet nochmals geprüft werden, deren Ungültigkeit sich nicht eindeutig aus den Wahlprotokollen ergab, und über die bei der ersten gemeindeamtlichen Prüfung am 1. Dezember 1930 nur in einem summarischen Verfahren Beschluß! gefaßt war. Aus den Gemeinden Berlin. (Israelitische Taubstummenanstalt.) Der Israelitischen Taubstummenanstalt zu Berlin-Weißensee ist durch Verfügung vom 10. April 1931 die Genehmigung zur Ausbildung von Praktikantinnen. (Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, die das Jugcndleiterin-Examen machen wollen) erteilt worden. Berlin!. (Erholungsheim der „Akademischen G e sellschaft Hausmann-Stiftung".) Das Erholungsheim der „Akademischen Gesellschaft Hausmann-Stiftung", eine Stiftung der am 12. Juli 1929 verstorbenen Frau Margarete Hausmann, geb. Frank, unter Verwaltung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin, wird Ende Juni eröffnet werden. Es liegt in bevorzugter Lage des Ostscebades Arendfee in Mecklenburg, unmittelbar an der Strandpromevade, inmitten, eines prächtigen, sorgfältig gepflegten 38 000 Quadratmeter, zirka 16 Morgen, großen Parkes. Ter Preis für volle Pensiou mit bester Verpflegung (rituell) beträgt täglich RM. 5,— einschließlich Bedienungsgeld. Der Besuch des .Heims steht jüdischen Akademikern, deren Ehegatten oder Winnen nach Aufnahme als Mitglied der Akademischen Gesellschaft zu. Tie Akademische Gesellschaft wurde am 4. 5. 1931 gegründet. In den Vorstand sind gewählt worden: R.-A. Dr. Franz Eugen Fuchs als Vorsitzender, Landesrabbiner Tr. Siegfried Silberstein-Rostock, Pros. Dr. Julius Citron, Reg.-Baumeister Alexander Beer, Frau Prof. Regina Elbogcn und Dr. med. Otto Jacobson. Anträge zum Erwerb der Mitgliedschaft der ^.Akademischen Gesellschaft", Wünsche für Ausnahme in das .Heim, sowie sonstige Anfragen sind schriftlich au das Sekretariat der „Akademischen Gesellschaft Hausmann-Slistung" lBerlin N. 24, Artilleriestraße 14) zu richten. Breslau^ (Große E. V. Kundgebung.) Trotz des warmen Maiabcnds war am Lonnabend, dem 9. Mai, der große Saal des Konzerlhauses schon lange vor Beginn überfüllt. Dabei ist zm bemerken, daß nur durch Rundschreiben geladene Personen Einlaß fanden. Ter Vorsitzende der Breslauer Ortsgruppe, R.-A. Dr. T a r n o w s k i , wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, daß der C.-V. nur ein Abwehrvereiir und eine Notgemeinschaft sei. Diese Versammlung wäre veranlaßt durch die maßlosen unberechtigten Angriffe der Jugendgegner. Das Thema des Abends sei «in Dreiklang, in dessen Ausführung sich die drei Redner feilen .würden: i!s FAXklLIENS CHUTZ G E M E I N N t' T Z 1 « E R VEREIN bietet seinen Mitgliedern außerordentliche Vergünstigungen bei Sicherstellung der Familie für einen Monatsbeitrag von 2.— Reichsmark. — Gemeinden, Logen, Chewras, Synagogenvereine und sonstige jüdische Organisationen erhalten durch den Erwerb der Mitgliedschaft besondere Vergünstigungen. Hauptand nebenberufliche Vertrauensleute an allen Orten gesucht. FIMILIIHUC BITZ Gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenfürsorge der Mitglieder jüdischer Gemeinden e. V. BERLIN W 9, Friedrich Ebertstraße 2—3 Telefon B l Kurfürst 8464