Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 18-19 (13.5.1931)
- Date
- 1931-05-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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tragen. Rev. Matthews besuchte vor kurzem Cincinnatti. und hielt dort eine Reihe von Gottesdiensten ab, aber nicht im jüdischen Tempel, sondern in der methodistischen Episcopal kirche. Eine antisemitische Verfügung von Frick wird annulliert Das Thüringische Staatsministerium, das am Dienstag zum erstenmal nach seiner Ergänzung zusammentrat, beschloß, den Vertrag mit dem von Frick gemaßregelten Generalmusikdirektor Dr. Praetorius vom Nationaltheater in Weimar um zwei Jahre zu verlängern. Praetorius war von Frick gemaßregelt worden, weil seine Frau Jüdin ist. Aufruf des Hilfsvereins Ter Hilfsverein der Deutschen Juden erläßt den folgenden Ausruf: Wir erhielten erschütternde Nachrichten aus Polen. Wilna und eine Anzahl von Orten in weitem Umkreise sind von einer furchtbaren Hochwasserkatastrophe betroffen worden. Wohnungen und Werkstätten sind unter Wasser gesetzt, Häuser zerstört worden, Synagogen, Schulen, Spitäler haben gelitten. Tausende jüdischer Familien mußten ihr Heim verlassen, unter Verlust ihrer Habe. .Mele konnten nur ihr nacktes Leben retten und müssen, von allein Notwendigen entblößt, im Freier! oder in Dachstuben zusammengedrängt kampieren. Zelte und Baracken fehlen. Es herrscht fürchterliche Not und Arbeitslosigkeit. Eine Typhusepidemie ist ausgebrochen. Man organisiert in Polenselbst, so trostlos auch die wirtschaftliche Lage dort ist, eine Unterstützungsaktiou. Gleichzeitig sind dringende Hilfernst an den Hilfsver.- ern der Deutschen Juden ergangen. Wir hielten es für unsere Pflicht, diesem Appell sofort zu entsprechen. Trotz der schweren Zeiten wenoen wir uns an die deutschen Juden mit der herzlichen 'Bitte: Persaget nicht Eure Teilnahme den vorn Unglück Hejmgesrrchten! Helfet, damit zur Linderung der großen Not beigetragen werden kann. Versammlungskalender Berlin^Rordwesterr. Liberaler Verein für die Angtlegenheite« der jüdische« Gemeinde zu Berlin E. 8., Bezittsgruppe Rordmesten. Dienstag, 18. Mal, abends 8.30 Uhr pünktlich, im Kaffee Gärtner, RW. 87. Holsteiner Ufer 27-28. Vortragsabend. Studiendlrektor Dr. Joseph Gutmann spricht über: „Liberalismus und jüdische Schule". Freie Aussprache. Gesangsdarbietungeu von Frau Paula Suttman«, Konzertsiingenn, und Herrn Oderlantvr Wilhelm Friedmann, begleitet von Herrn Musikdirektor Oskar Guttrnann. Gäste herzlich willkommen, vor dem Bortrag um 8 Uhr General-Berfammlung für die Mitglieder der Bezirksgruppe. Tagesordnung: 1. Renwahl des Dorstandrs, 2. Berfchiedenes. Dortmund. Montag, den 18. Mich abends 20.15 Uhr, Zahreshauptoersamm« lung mit der Neuwahl der Vorstandes. Vorher Bortrag des Herrn Generalsekretärs Goetz-Berlin über da- Thema: „Unser unbekanntes Gebetbuch". Auch Freunde unserer Bereinigung sind herzlich willkommen. Wir bitten um regen Besuch. Gottesdienste : ¥ VerttN'vfttii. Liberal« Synagoge Osten. Kaiserslraße 30. Aula der Mädchenschule. Freilag, den 15. Mai, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Freitag, den 22. Mai. Schowuans. abends 7.30 Uhr, »eelrnfeier. Predigt: Dr. Swarfenfky. verttn-«»rden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 15. Mar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabb.-Kand. Mehler. Sonnabend, den 16. Mai, vormittags 1V Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Donnerstag, den 21. Mai, Schowuans, abends 7.15 Ahr. Predigt: Dr. Andorn. Freitag, den 22. Mai. oormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Swarsensly. Freitag, den 22. Mir:, abends 7.15 Uhr, Seelenfeier. Predigt: Dr. Hirschberg. Sonnabend. den 23. Mai, oormittags 10 Uhr. Seelenfeier. Predigt: Dr. Platte. H i l f * verein d e r T c n t i ch e n I u b e n | Tr. James 2 i in o n , Vorsitzender. \ (Spenden sind zu sendnr an: Deutsche Barrl und Dis-! conto-Gesellschaft, Depositen Kasse E, Berlin W 9, Potsj drmer Straße 127.-128, Konto Hilssverein der Deutschen! Juden, oder an das Postscheckamt Berlin, Konto Nr. 33 12t'» j für den Hilisverein der Deutschen Juden. . * Aus der Bewegung * Berlin-Charlottenburg-West. Die Bczirtsgrupp,: Charionenburg Weft des Liberalen Vereins für die Angelegenherren der jüdischen Gemeinde hielt am Donnerstag, dem 7. Mai, im Cafe Stadion am Reichskanzlerplatz ihre diesjährige Mitgtieder-Verfammlung und Borstandswahl ab, zu der auch Freunde unserer Bewegung geladen roaren. Den Vorsitz der Bezirksgruppe übernahm auf allgemeinen Wunsch wieder Herr Dr. Alfred Caro. Es lvnrden ferner in den Borstand gewählt: Leopold Aschncr, B. Behrenhaut, L. Blumcnthal, Moritz Engel, Moritz Jsraelski, Herr und Frau Isaak. Heinz Levp, Frl. Dr. Littmann, Frau Fränze Michaelson. Dr. 5)ugo Nathrnsohn, Alwin 'Schönbach, Mar Verschleißer, Frau Wachsner und Frau Martha Wolfs. — Im Anschluß an die Vorstands wähl sprach Herr Prediger Dr. Karl Rose nt hat über das Thema: „Religiöser Berlin-Westen». Liberale Synagoge Westend, Leiftikowstratz« 7-8. Aula. Freitag, den 15. Mas, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarstrisky. Freitag; den 22. Mai. Schowuans. abends 7.15 Uhr, Serlrnfcier. Predigt: Dr. Andorn. Berlin Jüdische Resormgemeind«. Gottesdienste am Sonntag, dem 17. Mai. Johannisstraße 16: oormittags 10 Uhr: Gottesdienst der Jugend. Ansprache: Curt Treumann. Kleiststraße 10: vormittags 10 llhr. Predigt: Dr. Lehmann. — Gottesdienste am Sonntag, dem 24. Mai. Festgottes.- dienst Schowuans mit Seelenfeier. Johannisftraße 16: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststrahe 10: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Zelski. Liberalismus und die Zukunft der Berliner indischen Gemeinde". Herr Dr. Rosenthal sühne aus: Der religiöse Liberalismus müsse vor der irrigen Auffassung geschützt werden, als ob er eine negative Bewegung sei und als ob Liberalismus nur einen Unterschied an Quantität gegenüber dem konservativen Judentum bedeute. Es besteht ein fundamentaler W e f en s unterschied: religiöser Liberalismus ist ein Eigenwert und bedeutet eine ganz bestimmte positive Lebenshalrung gegenüber dem Komplex Religionen. Alles Religiöse und so auch die jüdische Religion ist ein Versuch zur Sinngebung deS Lebens. Der religiöse Liberalismus erblickt den Sinn der Welt in der Erfüllung des Lebens mit Werten unvergänglicher Art. Diese Wertgebung des Lebens muß zur Verwirklichung ethischer Ideale führen, wie das Judentum sie in seinen Forderungen nach Wahrheit, Recht, Friede und Menschlichkeit ausgestellt hat, und in welchen es sich in Uebereinstimmung befindet mit den philosophischen Ethilern aller Zeiten. Das Wissen des Judentums um diese ewigen ' Güter ist ein Bleibendes. Die Form aber, in der das Judentum, seine Aufgaben symbolisiert und kultisch darstellt, unterliegt dem gleichen Gesetz der E n t w i ck l u n g , wie alles Leben in der Welt. Aus diesem Grunde bedeutet „Tradition" nicht die Konservierung der Form, sondern den ewig lebendigen Fluß geistiger und sittlicher Fortgestaltung. Tradition ist „geprägte Form, die lebend sich entwickelt". An dieser Entwicklung haben die Menschen aller Zeiten teil. Darum gibt der Liberalismus der individuellen Gestaltung des religiösen Lebens Raum; im Gegensatz zur Orthodoxie, ist ihm Glaube nicht die Unterwerfung unter ein zeremonielles „Gesetz", sondern erlebte Gelvißheit der sittlichen Welt und bewußter Wille zu ihrer Gestaltung. Hieraus ergeben sich entscheidende Forderungen für Kultus und Unterricht, Lehre und religiöses Leben. — Herr Dr. Rosenthal weist dann auf die Ausgaben der liberalen Großgemeinde hin, deren Institutionen diesen Erkenntnissen Rechnung tragen müssen. Entscheidend bleibt die Pflege bewußt religiösen Lebens unter Ausschaltung aller Tendenzen zur Rationalisierung und Säkularisierung des Gemeindelebens. — Die sich an den Bortrag anschließende rege Diskussion z^te, mit welch gespannter Aufmerksamkeit die Anwesenden den geistig hochstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Rosenthal gefolgt waren. Schallplattenkonzert, das in der Hauptsache synagogale Melodien zu Gehör brachte, hielt die Anwesenden bis nach Mitternacht noch zusammen. Berlin-Norden. Die Bezirksgruppe Norden des Liberalen Vereins hatte am 27. April ihre General-Versammlung. Der Vorsitzende Herr Hermann Falkenberg gab den Jahresbericht und hob besonders das rege Interesse hervor, das sich nach den Novemberwählen im Bezirk Norden bemerkbar macht. Um intensiver arbeiten zu können, sei eine Auskeilung der bisheriger: Gruppe Norden in drei Bezirke notwendig geworden, so daß jetzt neben dem neuen Nord-' bezirk (Schönhauser Allee) der Bezirk Nordosten (Königstor) und der Bezirk Oranienburger Tor besteht. — Herr Falkenberg hält zweite Konferenz des Weuverhandesiar religiös ■ liberales Judentum UM DnM nr mm»« Jtfusr) London, 19. — 22. Juli 1930. Referate—Diskussionen - Beschlüsse Broschiert 310 Seiten RM 3.—, für Mitglieder zum Vorzugspreis von RM 2.— erhältlich durch Vereinigung lilr das liberale jodeetuin k. V. Berlin SW 11, Hallesche Straße 1 Während über ein Mann wie Freud als Arzt und Forscher Welt-Ruf und Welt-Ruhm genießt, ist ein so genialischer Kopf wie Friedländer längst nicht nach Gebühr gewürdigt und bekannt. In einer so ungeistigen Zeit wie unserer, in der höchstens sportliche und technische Sensationist en „Lieblinge des Volks" werden, muß sich eine geistige Potenz wie Friedländer wohl bitter vereinsamt fühlen und sich gleichsam im luftleeren Raum schwebend Vorkommen. Tie Devise „Qual des Lebens, Lust des Denkens" kann schließlich nur für Menschen gelten, die sich nicht tagtäglich mit der Not des Daseins herunrschlagen müssen. Hoffentlich - und das wünschen wir uns allen und dem 60jährigen Mynona - erleben wir noch einmal eine Zeit, in der geistige Werte wieder nach Gebühr geschätzt werden. Dann wird dieser fleißige und produktive Schriftsteller auch die allgemeine Resonanz finden, die er verdient. Tr. Ludwig Davidsohn - Berlin. Heinrich von Kleist und die Juden Von Siegmund Reis, Berlin. Aus feinem kurzen, aber leid und stnrmbewegten Lebensgange wird wohl Heinrich von Kleist, der geniale deutsche Dichter, wenig Juden begegnet sein. Waren die Juden doch zu jener Zeit öffentlich noch nicht im Staatsleben hervorgetreten. Die Exklusivheit seiner Geburt hat ihn in seiner frühesten Jugendzeit sicher vor Berührung mit Juden, in der Kleinstadt an der Oder, bewahrt. Seine spätere, vom inneren Dämon ausgezwungene Wanderzeit, die ihn rastlos von einem Ort zum anderen jagte, die unruhige Kriegszeit, die ihm nirgends Ruhe gönnte, bringt keinen Nachweis für einen Verkehr mit Juden, bis er sich zur Herausgabe seiner „Berliner Abendblätter" in Berlin niederläßt. » Hier finiten wir ihn im Verkehr mit Rahel Lew in (Barnhagen) und ihrem Bruder Robert. Wenn auch diese beiden, dem Zugänge der damaligen Zeit folgend, ihr „Eintrittsbillet zur europäischen Kultus' durch den Tanszettel gelöst hatten, so sind sie doch als Juden anzusprochen. Und es ist anzunehmen, daß Heinrich von Kleist im Hause der Rahel, zur Befassung mit jüdischen Problemen gelangte oder angeregt wurde. Kleist faßte zu dieser Zeit den Plan, der aus der Berührung mit Juden entkeimen konnte, eine Tragödie über Mt Zerstörung Jerusalems" zu schreiben, die die Belagerung Jerusaleins unter Titus, den Todeskampf und Untergang einer ruhmreichen und heldenmütigen Nation, zum Gegmstände 'haben sollte. Kleist hat sich über seinen Plan zu Ludwig Robert, dem Juden ausgesprochen. Dieser hat das Gespräch leider nicht genau ausgezeichnet. Nach Kleists Tode wußte er davon auszusagen, „daß ihm der Sinn und G^anke. der als Grundidee der Dichtung zu tragischem Ausdruck habe kommen sollen, ausnehmend groß und bedeutungsvoll erschienen sei". Diese Mitteilung bringt der Zeitgenosse und Schriftsteller U ech t r i tz in der Vorrede zu seinem Roman „Eleazar". Es ist sicher, daß Kleist der Stoff innerlich gepackt hat. Er ist ja ein tragisches Gegenstück zur „Herrinannschlacht". Während dort im Kampfe sich eine Nation befreit, geht sie hier unter. Um doch später einer Wiederauferstehung entgegenzugehen. Die Römer aber gehen als Nation und Volk der Auflösung entgegen. Schon in der „Herrmannschlacht" reizt ihn der Gegensatz zwischen Römern unb Germanen. Hier fand er einen Stoff, der ihm eine noch tiefere Kluft auszeigt. Auf der einen Seite die Römer, die Heiden, aus der Gegenseite Juden, das Gottesvolk. Die ^Tragödie kam aber nicht zur Ausführung, trotzdem ihn der Stoff ganz und gar aufrüttelte. Gleichzeitige Aeußerungen Kleists lassen sich auf dieses Unternehmen beziehen. So schreibt er im August 1811 -also zwei Monate vor seinem Tode: „Das Leben, das vor mir ganz öde liegt, gewinnt mit einem Male eine wunderbare, herrliche Aussicht, und es regen sich Kräfte in mir, die ich. ganz erstorben glaubte." - Mit Rahel stand Kleist im persönlichen Verkehr, der sich zu Zeiten in einem Briefwechsel auflöste. Kurze Zeit vor seinem Tode schreibt er einen Zettel an Rahel: „Obschon ich das Fieber nicht hatte, so befand ich milch doch infolge desselben unwohl, sehr unwohl; ich hätte einen schlechtev Tröster abgegeben! Aber wie traurig sind Sie in Ihrem Briefe. Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck, als in Ihren Augen. Erheitern Sie sich; das Beste ist nicht wert, daß man es bedanre! Sobald ich den Steffens ausgelesen, bringe ich ihn zu Ihnen." (Schon die Art der schriftlichen Mitteilungen läßt auf einen innigeren, freundschaftlichen Verkehr schließen. Dieser kommt voll zum Ausdruck in dem Briese der Rahel, den sie an ihren Freund Alexander von Marwitz, „Berlin, den 23. Dezember 1811, Sonmlbend vormittag halb 12 Uhr, schreibt. „Gestern aber hätte ich Ihnen doch geschrieben, wenn mich nicht Heinrich Kleists Tod (am 21. November 1811) so sehr eingenommen hätte. Es läßt sich, wo bas Lüien aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen. Sie wissen, wie ich über Mord an uns selbst denke: wie Siek Ich mag es nicht, daß die Unglücklichen, die Menschen, bis aui die Hefen leiden. Dein wahrhaft Großen, Unendlichen, wen« man es konzipiert, kann man sich auf allen Wegen nähern; begreifen können wir keinen; wir müssen hof»en auf die göttliche Güte; und die sollte gerade nach einem Pistolenschuß ihr Ende erreicht haben? Unglück aller Art dürfte mich berühren? Jedem elenden Fieber, jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? Siechen auf Krankheits- und Unglückslagern sollt ich müssen, und wenn es hoch und schön kommt zu achtzig Jahren ein glücklicher imbecile werden, und von dreißig an schon ekelhaft deteriorieren? Ich freue mich, daß mein edler Freuick» —- denn Freund ruf' ich ihm bitter und mit Tränen nach — das Unwürdige nicht duldete: gelitten hat er genug. — Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätte ihm Taler gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt' er sich ihm nur ungestört zeigen können. Den ewigen Kalkül hätten sie nie unterbrochen, ob er wohl Recht, ob er wohl nicht Recht zu dieser Tasse Kaffee habe! Ich weiß von seinem Tode nichts, als daß er eine Frau und dann sich erschossen hat. Es ist und bleibt ein Mut..." Welch' tiefes Verständnis für das Leid nnd Unglück ihres Freundes zeigt die Jüdin Rahel. Und wie innerlich ihr aus dem Judentum hervorgehendes Kriterium, daß im Gegensätze zu dem christlichen Dogma gerade nach einem Pistolenschüsse die göttliche Güte nicht ihr Ende erreicht haben kann. Welche ätzende Kritik an dem Verhalten der arischen Umgebung, die außerhalb des Dichterischen auch das Menschliche in Heinrich von Kleist nicht erkannte und mißkannte! Rahel bleibt erst recht über den Tod hinaus, dem Unglücklichen, Freund! Es ist nicht allzu viel, was wir über den unmittelbaren Verkehr Kleists mit Juden berichten können. Aber mehr können wir erzählen davon, wie Juden das Bild des großen Dichters in sick aufnahmen und es dein deutschen Volk näher brachten. Unter den besten Biographen Kleists, die eine Renaissance für Kleist einleiteten, steht der Jude Otto Br ahm an hervorragendster Stelle. Sein Werk über Kleist ist grundlegend. Der Jude Dr. Arthur Elosser hat ein dünnes aber schwerwiegendes Bändchen über Kleist geschrieben und vollends der Jude Gundolf ist mit seinem Werke über Kleist in der letzten Zeit vielfach richtunggebend geworden. In der neuesten Zeit hat der Jude Stefan Zweig wohl das Schönste und Tiefste über Heinrich von Kleist in seinem Buche „Der Kamps mit dem Dämon" geschrieben. In einer brennenden Sprache voll Adel und Tiefe kommt das tiefinnerlichste Verstehen des gehetzten genialen Dichters zum Ausdruck, das Verstehen, das für den Dichter Heinrich von Kleist wirbt. So darf man auch in unseren Tagen von dem frühvollendeten Heinrich von Kleist, von dem nationalsten der deutschen Dichter wohl in rühmender Weise und mit Recht davon sprechen: Heinrich von Kleist und die Juden! —