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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-05-13 · 18-19 (13.5.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
18-19 (13.5.1931)
Date
1931-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Judentum seit Jahrtausenden erhebt, mit hartnäckigen! und verstecktem Sinn andauernd widersetzen." Tie jüdischen „gottlosen" können dem Judentum vielleicht wiedergewonnen werden, aber nur dann, men,; sie sehen, daß wir Juden mit den sozialen Forderungen des Judentums Grifft nrachen, daß wir die soziale Gerechtigkeit nicht nur immer im Munde führen, sondern sie im Leben auch wirklich -«tätigen. Ueber Religionen und Religiosität Bon .Hedwig Ries. Betrachten wir die Geschichte der Religionsbekenntnisse, ihre Entwicklung, Gestaltung und ihre Ausartungen, so sehen wir,, daß außer dem Kampf um Land, Handel und Macht der Kampf um die Religionen der blutigste, verzweifeltste gewesen ist, denn er war Meinungs-, Gesinnungs und Machtkampf zugleich. Das Zeitalter der Aufklärung räumte mit dem Mittelalter auf, die französische Revolution setzte Gott ab und hob die Göttin Vernunft auf den Thron, das 20. Jahrhundert stand im Zeichen eines reinen Rationalismus, der im Monismus starken Ausdruck fand, und unsere Zeit ließ die „Gott losen-Bewegung" entstehen, die im Sowjet-Rußland Bekennt nis geworden ist. All diese „Los-von-der-Religion"-Bewegungen lassen eine Wahrheit, eine Erkenntnis außer Acht. Religiosität ist Naturgegebenes, Religionen sind Men fchengeschasfenes. Religiosität ist ein in der Menschenseete tief verwurzeltes Gefühl. Es wird mit jedem Menschen mitgeboren. Der primitive Mensch hatte Religiosität, wenn er die Hände anbetend verzückt der Sonne, der Lebensspenderin, eutgegerffmckte. Er hatte sie, wenn er die gewaltigen Naturmächte und -kräfte erschauernd anbetete, er hatte sie sogar, wenn er dcni Ungetännten, Unbegreiflichen, ihm unversöhnlich scheinenden und gefürchteten Geist scheußliche Opfer brachte. Denn das religiöse Gefühl ist aus Furcht, Demut und Bewunderung, aus dein Ahnen übermenschlicher Kräfte und der Sehnsucht nach diesem jenseits des Begreifens stehenden Etwas zusammengesetzt. Diese Sehnsucht ist das Fünkchen Gott in der Menschenseele, die urewige Berbundenyei; mit dem gött lichen Geistwesen. Und aus der hochentwickelten Religiosität einzelner „Gottsucher" sind die Religionen, ihre Forrnen uns Moralgesctze als Erzieher und Führer der Menschheit ent standen. Ist es nicht Wahn und Irrtum, ein Naturgefüyt und Naturgesetz wie die angeborene Religiosität, wegleugnen und ab,schassen zu wollend Ebenso könnten wir versuchen, Geist, Lebensdrang, Begehr nach Glück, Sättigung, Liebe aus dem Menschlichen fortzustreichen! Das Wissen vom Gott im Menschen, das Gefühl der Gebundenheit, der „religio", denn davon stammt das Wort Religion, ist ewig und unzerstörbar. Ber schiÄen ist die Vorstellung vom Gottwesen, verschieden sind die Religionen und wandelbar ihre Formen. Entwicklungs fähig müssen sein die Auswirkungen und Betätigungen der Religionen,, ihr Einsluß auf Gesinnung, Moral und Verhalten. Annahme von Bestellungen aus die Jüdisch-liberale Zeitung bei alle« Postämtern Deutschlands Man kann wohl die „Kirche", d. h. die in Menschenhände gelegte Formulierung eines Religionssystems ablehnen, ja man kann Religiosität ohne eine bestimmte Religion haben, wie es die Urmenschen hatten, aber niemals kann man die Religiosität aus der Menschheitsseele weqdenken oder gar abschaffen. Professor Albert Michelson verstorben Am Sonnabend, den 9. Mai, abends verstarb in Pasadena aus der Höhe seines Ruhmes Professor T-r. Albert Abraham Michelson, der größte amerikanische Physiker, Träger des Nobel-Preises, im Alter von 78 Jahren. Tie letzteil Wochen, Tage und Stunden des großen Gelehrten waren von Tragik überschattet: der einzig seinen Forschungszielen hingegebene Gelehrte war, obwohl er sich seit mehreren Wochen in einein hohen Grade unpLMch fühlte, ununterbrochen mit Messungen der Lichtgeschwindigkeit beschäftigt, die sie Einstejn'sche Theorie beweisen sollten. Das Arbeiten an der äußerst komplizierten und umfangreichen Apparatur, die für diese Messungen konstruiert werden war, strengte Michelson über seine Kräfte hinaus an. Bor einiger Zeit brach er während der Arbe-.t plötzlich bewußtlos zusanuneil und mußte nach Hause gebracht werden, wo er längere Zeit ohne Besinnung verblieb. Als er wieder zu sich kam, teilteil ihm seine Assistenten mit, daß sein Experiment gelungen sei. Seiner großen Schwäche nicht achtend, begann der Gelehrte, vom Bett aus eine Beschreibung seiner Versuche zu diktieren. Die Aufregung war jedoch zu viel für seinen geschwächten Körper, er erlitt kurz daraus einen Gehirnschlag, der ihn völlig lähmte und dein er nun erlegeil ist. Mit der Gelehrtenwelt trauert auch das amerikanische Judentuin um oen Tod dieses Helden der Forschnng. Pros. Michelson begann seine bahnbrechenden Arbeiten aus dein Gebiete der Optik. Er gab neue Methodeil an zur BestiinillUlig der Wellenlänge des Lichtes und des Brechungsindex. Ein von ihrn konstruiertes Interferometer für astronomische Zwecke gestattet, die Größe von Fixsternen mit außerordentlich kleiner Parallaxe zu bestimmen. In Gemeinschaft mit Mortey wies er nach, das tue Äeschwindig keil des Lichtes in der Richtung der Erdbewegung die gleiche ist wie senkrecht dazu - ein Resultat, das Albert Einstein den Anstoß zur Anfstellurrg der speziellen Relatioitäts'» theonc gab. Professor Michelson, der in feiner Jugend aus Teutsch land nach Amerika eingewandert war, hat sich auch als bildender Künstler betätigt. Im Jahre 1928 veranstultete er in Chicago ein Ausstellung seiner Landschaftsbilöer, Porträts und Karikaturen, die in den Kreisen der Kunstkenner starte Beachtung fanden. Prof. Michelson erklärte damals, er stabe sich seit seiner Studentenzeit mir Zeichnen und Malen befaßt, habe aber niemals eine schulnräßige Ausbildung als Maler genossen. Sein Interesse habe sich ursprünglich der ästhetischen Seite des Lebens zugewandl und erst aut dem Wege der Aesthetik habe er begonnen, sich für wissensck'.astlichr Tinge zu interessieren. Baden lehnt Schächtverbot ab In der letzten Sitzung des badischen Landtags berich tete der Zentrumsabgeordnete Kuhn über den nationalsozialistischen Antrag auf Erlaß eines Schächtverbots. Der Ausschuß hatte die Ablehnung des Antrages beschlossen und damit ein Gesuch des Oberrates der Israeliten Badens für erledigt erklärt. Abg. Kraft (Natsoz.) begründete seinen Antrag mit der Behauptung, die badische Sozialdemokratie sei deshalb Gegner Zwei Gedenktage: Siegmund Freud Ware Geistigkeit und Gerechtigkeit verbreiteter, so »vüroe den Juden nicht so häufig selbstschöpferische Originalität und ursprüngliches, das gesamte menschliche Kulturleben förderndes Genie abgesprochen weroen. Der große Seelenarzt und kühne Neuerer S i e g m u n o Freud, dessen 75. Geburtstag in vergangener Woche in der ganzen Welt gefeiert wuroe, zählt zu jenen überragenden Menschen, von denen das Goethesche Wort gilt: „Es kann ine Spur von seinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehen." Dieser Mann, aus den aas Judentum stolz sein darf, wird in der menschlichen Geistesgeschichte nicht minder eindrucksvoll iortleben, als etwa Kolumbus. Denn auch Freud hat neue ,geistige Kontinente" entdeckt. Mit Genugtuung kann er jetzt, an seinem Lebensabend, feststellen, daß sein Werk bereits in das allgemeine Bewußtsein eingegangen ist und einer der wichtigsten Bausteine zum Fundament einer freieren und wissenderen Menschheit geworden ist. Jede große Revolution ,welcher Art sie auch sein mag, -ringt immer viel Trübes und Ungeklärtes vom Gründe der Dinge mit an die Oberfläche. So haben auch eine Reihe der von Freud gefundenen, im höchsten Grade wichtigen und unanzweifelbaren neuen Wahrheiten, c»i.e unsere gesamten Anschauungen von der praktischen Psychologie unendlich bereicherten, gewiß auch viel Jrrtümer und Uebertreibungen im Gefolge gehabt. „Mit dieses Teufels Trank im Leibe siehst Helenen du jetzt in jedem Weibe!"... Dieses Faust-Wort paßt vor allen! aus viele Freud-Schüler, die die Lehren des Leisters für -kulturhistorische, religio nspsychologische und sprachphilosophische Disziplinen nutzbar zu machen suchten. Für so manigsache Verallgemeinerungen und Banalisierungen der Psychoanalyse durch seine Schüler ist aber Freud selbst "nicht verantwortlich zu machen, mü> man muß hierbei an jene Londoner Sozialistenversammlung denken, bei der Karl Marx zugegen war und lachend erklärte: „Ich bin unschuldig, meine Herren, ich bin nicht Marxist!" Um die überragende Bedeutung Freuds ganz zu ermessen, lese man am besten die Schriften seiner Gegner, wie z.B. die in diesen Tagen erschienene, eindringliche und kluge Kritik der Psychoanalyse von Oswald Bumke, dem berühmten Münchener Psychologen. Wieviel durch Freud eingeführte neue ^rage-Stelluugen, Betrachtungsarten, Entdeckungen und Probleme, welch' eine Bereicherung der gesamten Wissenschaft rem Menschen müssen auch die Gegner des Mannes zugeben! Bevor Freud seinen Weltruhm durch die Schöpfung und Ausgestaltung der von ihm sogenannten Psychoanalyse erlangte, hat er schon als Neurologe Bahnbrechendes geleiste;. Seine Erkeuntniss: brachten überraschende Einblicke in die Phänomene des Seelenlebens überhaupt, sie.brachten überraschende Ergebnisse zur Aetiologie des Unterbewußten. Es entstand eine ganz neue Psychologie oes Jchs und de? Persönlichkeit. Die gesamte Psychiatrie und später auch Pädagogik wurde; Durch Freud grundlegend beeinflußt und gefördert. Es ist hier nicht der Ort, die zahlreichen Entdeckungen und das Jdeengebäude des genialen Forschers zu skizzieren. Aus einer schier unübersehbaren Literatur - schon die Bibliographie der verschiedenen Länder füllen Bände! - mag sich jeder Interessierte kürzere oder längere Einsübrun gen, Darstellungen oder Kommentare zu seinen Werken heraussuchen. Oder man halte sich am besten an die in alle Kultursprachen übersetzten Bücher Freuds selbst, die in einem kristallklaren Deutsch, mit unübertresflicher Stilreinheil geschrieben sind. Trotzdem Freud in mehreren „religionsphilosophischen" Arbeiten die ganze Religion als eine Art „soziologischer Zwangsneurose" zu erklären sucht und damit leicht widerlegbare Ansichten entwickelt, (vergl. hierzu Otto, „Das Heilige") hat er zu seinem Judentum mehrfach und immer in positiven; Sinne Stellung genommen. In seinem Werk „Totem und Tabu" steht manches für die Wissenschaft des Judentuins Bedeutungsvolle. Freud hat sich iinmer als Jude gefühlt und 'war sich auch wohl stets dessen bewußt, daß sein leidenschaftliches Wahrheitssnchertnrn und seine ms Jntelligible überschlagene Offenbarungssehnsucht bestes Erbteil seiner jüdischen Abstammung sind. In seinem Aussatz „Die Widerstände gegen die Psychoanalyse" schreibt Freud von sich selbst: „Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage answerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser Art ist nur selten laut geäußert worden, ich bin leider so argwöhnisch geworden, daß ich nicht umhin kann, zu vernruten, der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Es ist vielleicht auch' kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilliakeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition aus sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen." Hoffentlich ist deni großen Mann mit dem wundervollen Greisenkops noch ein an wissenschaftlichem Wirken reicher und gesegneter Lebensabend beschieden! Viele seiner Erkenntnisse des Schächtverbotsantrags, weil sie Angst vor den Jude»; und den; Zentrum habe. (Große Heiterkeit.) Tie förmliche Anfrage wird von Ministerialrat Jung beantwortet. Abg. Ewald (Ev. B.) wendet sich gegen das Schächten und verlangt zum mindesten eine scharfe Kontrolle. Abg. Dr. Mattes (D.B.) setzte sich für ein allgemeines Schächtverbot ein. Abg. Dr. Wolfhard (Dem.) spricht gegen den nationalsozialistischen Antrag. Der sozialdemokratische Abgeordnete Kurz meint, die Schächtfrage müsse vom Reichstage geklärt werden. Die Frage des Schächtens sei schon vor 20 Jahren hier behandelt worden, als es noch keine Nationalsozialisten gab. Sie sei -eben keine Parteiaugelegenheit. Wenn sich die Nationalsozialisten mit dieser Frage beschäftigen, so beherrsche sie nur ihr Haß gegei; die Juden oder ihre Angst vor den Juden. Ein einzelner Landtag sollte sich überhaupt mit dieser Frage nicht beschäftigen. Wenn die Nationalsozialisten von Humanität reden, so könne man ihnen nicht glauben, dennj sie seien die unbedingten Anhänger des Krieges. Im Grunde sei jede Tötung unhuman. Wenn die orthodoxen Juden auf dem Schächten beständen, so wolle man sich nicht dagegen wenden. Nürnberg habe durch das Schächtverbot großen Schaden gehabt. Orthodoxe Juden seien die bayerischen Kunden gewesen. Die Heeresverwaltung habe vor dem Kriege nur ge schächtetes Fleisch für die Konserven verwandt, weil ausgeblutetes besser haltbar sei. Kontrolle durch Gendarmerie sei unnötig. Ter Fleischbeschauer sei Kontrolle genug. Die So zialdemokraten lehnen den Antrag ab. Der Antrag des Ausschusses auf Ablehnung des nationalsozialistischen Antrages wurde schließlich angenommen, weil sich die große Mehrheit des Landtages auf den Standpunkt stellte, daß die Schächtfrage nur reichsgesetzlich gelöst werden könne. Hiklerismus in Argentinien In Buenos Airos wurde von deutschen Einwanderern eine nationalsozialistische Bereinigung gegründet. Auf der ersten Versammlung der Vereinigung erklärte ein Redner, die jüdische Presse Argentiniens arbeite im Interesse Englands, die gegenwärtige provisorische Regierung Argentiniens fei ein „Werkzeug in der .Hand der jüdischen Vampyre" und stehe im Dienst des internationalen Weltkapitalismus, insbesondere der großen englischen Banken. Zum Schluß wurde ein Lied mit dein Refrain „Tod den Inden" gesungen. In den deutschen Kreisen in Buenos Aires wird die nationalsozialistische Propaganda nicht ernst genommen. Das „Argentinische Tageblatt", eine fortschrittliche deutsche Zeitung, die von den argentinischen Hilleristen scharf angegriffen wurde, teilt mit, daß die antisemitische Bereinigung nur 13 ordentliche Mitglieder zähle, gibt aber zu, daß ihre Versammlungen einen großen Zulauf habe». Neger jüdischen Glaubens Dem Londoner Jewish Guardian (3. April 1931) wird aus New Bock geschrieben, daß dort eine ca. 250 Mitglieder zählende Gemeinde aus Negern jüdischen Glaubens besteht. Das Haupt der Gemeinde ist Reverend W. A. Matthews, sie hat ihr Bethaus in der East 129 Street. Beim Beten bedecken sie ihre Häupter und tragen den Tallity. Sie behaupten, direkt von Jakob abzustammen und glauben, daß Zion erst dann von den Juden wiedergewonnen werden werde, wenn alle Inden sie als ihre Brüder anerkennen. Sie beobachten die Speisegesetze, essen Mazzoth an; Passahfest, beten in hebräischer Sprache, halten auch die Sabbathrnhe. Jedes Gemeindemilglied soll den Maaser, den zehnten Teil seines Einkommens, sür die religiösen Bedürfnisse der Gemeinde beiwerden, wenn auch vielleicht mannigfach modifiziert, in komwenden Jahrhunderten das Alpha und Omega jeder praktischen Psychologie sein! Solomon Friedländer (Mynona) Bon den Schriften, Die sich gegen gewisse Folgerungen Frcndscher Theorien wenden, gibt es eine, die von Sarkasmus und bissiger Polemik geradezu übersprndelt. „Das Eisenbahnunglück oder der Antisreud" von Salomo Friedländer, der seine tiefsinnigen, oft in philosophische Tiefen hinemleuchtende Grotesken seit Jahrzehnten unter dem Pseudonym Mynona veröffentlicht und dessen sechzigster Geburtstag am 4. Mai vor allem in der Berliner Presse iu vielen Artikeln gewürdigt wurde. Salonw Friedländer ist — bei aller Aversion gegen Superlative sei es mit Entschiedenheit sestaestellt — einer der klügsten, geistvollen und seltsamsten Menschen, oie das moderne geistige Teutschlano besitzt. Eine Art Nachfahr des seligen Lichtenberg, aber einer der mit etlichen Tropfen höllischer Magie gesalbt ist. Zwei Seelen wohnen in der Brust dieses merkwürdigen Menschen, die scheinbar so garnicht zu einander passen und sich doch in wunderlicher Weise gegenseitig anregen und fruchten. Erstens ist Friedländer ein ernster Wissenschaftler, ein Fach Philosoph von Rang und Format, und sogar einer der wenigen, die von der offiziellen Universitätsphilosophie rückhaltlos anerkannt werden. Seine „Psychologie" (4907), seine „Logik" (1908), seine Arbeit über Robert Mayer, seine berühmte Nietzsche-Monographie, ebenso wie seine Schriften über Schopenhauer und Jean Paul gelten allgemein als Meisterwerke und haben eigentlich nur Bewunderung und keinen Widerspruch erfahren. Schwer lesbar und eigentlich nur einem beschränkten, höchst vorgebildeten Leserkreis verständlich ist Fnedländers eigenes großes, philosophisches System, sein Hauptwerk „Schöpferische Indifferenz", cm überaus scharfsinniger Versuch, unter Zuhilfenahme neuartiger Kant sortentwickeluder Dialektik, eine Art metaphysischer Polarität sphilffophie zu entwickeln. Der andere Frieolcinder aber ist „Herr Anonym", „Mynona", der mit gallig-bitterem Witz und zynischer Selbst- Persiflage Grotesken schreibt, voll ironisch-tieffinnigem Ulk, der zuweilen geradezu überwältigend ist. Nicht alle der vielen Burlesken stehen auf gleicher Höhe: „Hat Remarque wirklich, gelebt?" und „Graue Magie" z. B. liefern vielleicht auch engstirniger Reaktion gewisse Waffen. AVer überall zeigt sich Mynona als ein Polemiker, wie wir sie in DeutschlaUd selten finden. Biele seiner skurrilen Scherze sind Kabinettsftücke eines ganz einzigartigen philosophischen Humors. Manche Stücke aus sünen satirischen Büchern haben zeitlosen Wert.

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