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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-04-29 · 17 (29.4.1931) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
17 (29.4.1931)
Date
1931-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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in zir vielen Purüten abwegig, als daß man ihm ohne weiteres folgen könnte: Zunächst das Wort „Boli^! Man kann es ja unverfänglich definieren, wie man will, der Wissenschaftler ist gewöhnt, solche Definitionen seinen weiteren Darlegungen zu Grunde zu legen; — aber die Masse, die das nicht gewohnt ist, nimmt ein solches Wort nur in '.hrein Sinne, — und Volk ist ftir das Allgemeinbewußtsejn nun einmal an Land gebunden: wenn wir uns jüdisches Volk nennen, so bedeutet das für sie, daß, wir uns nicht zur deutschen Landes- und Geistes-Gemeinschaft rechnen würden (wie wir doch der Wirklichkeit entsprechend tun müssen). Dadurch aber würde die ganze Meute der Völkischen auf uns gehetzt, mit ihrer Theorie der Fremdheit der Juden in Deutschland und der Konsequenz der Behandlung als Minoritätsnation, die uns nicht nur um die Emanzipationsrechte bangen würde, sondern uns auch zum geistigen Verfaulen wie im Ghetto bringen würde! Dazu kommt, daß Volk als bloße Schicksalsgemernschaft eine viel zu lose und äußerliche Bindung der Juden wäre, die ganz sicher weniger halten würde als die Ideale der bisherigen Mischen Religion, — noch dazu, da seit der Zerstreuung, mindestens.aber seit der Einwanderung der Juden in "Amerika, die Schicksalsgleichheit der Juden doch nur eine sehr bedingte ist! — Ebenso gefährlich und n. m. M. geradezu logisch falsch ist es, die Frage nach dem Wozu? damit abzutun, daß, wir die Pläne Gottes nicht erkennen können. Die Frage ist doch nicht: „Wozu will Gott die Judenheit?", sondern: Wozu soll ich das Martyrium des Judeseins auf mich nehmen? Warum soll ich Jude sein wollen? Die Antwort: Das Gürtelvolk ist ein so interessantes Phänomen, wird niemanden festhalten, und der Selbstzweck der Gemeinschast nimmt die Judenheit nur als Naturgegebenheit, die sic doch nun einmal nicht ifC - denn sonst brauchten wir uns ja nicht über ihre Weiterexickenz den Kopf zu zerbrechen! Tie Judenheit ist eben eine Willensgemeinschaft, und den Willen zur Judenheit zu stärken, darauf kommt es an! Es ist richtig, daß ein heteronomer, rationaler Zweck gegenüber den gewaltigen Assimilationsrersuchungen unserer Zeit nicht genügt. Aber dann muß um so mehr ein stärkeres Moment gezeigt werden, das den Zusammenhalt der Judenheit erzwingt. Das kann überhaupt kein Gedanke sein: alle Gedanken sind zu schwach dazu! M. M. n. kommt nur ein wirklich verhandeltes Gefühl in Betracht, das nur bewußt gemacht zu werden braucht. Und ich kenne kein anderes als das K'lcck Gefühl, das eine Art erweitertes Familiengesühl ist und mit dein Bewußtsein einer geistigen Eigenart, sozusagen einer Famillentradition, verbunden ist. Das ist tatsächlich bei allen vorhanden, die bewußt Juden sein wollen, und der stärkste Grund, warum wir uns zu einander rechnen. Es wird' zu Bewußtsein gebracht durch Leben mit Inden und durch geschichtliches Wissen vom Adel der Judenheit. Es ist wahrhaftig leine so rigorose ..Entscheidung nötig, wie Vf. sie oerlangt! Wir gehören zu diesem jüdische!! Familieuoerband, physisch und geistig, und auch im unverbildeten Gefühl! Und brauchen keine problematischen Wortformulierungen und großen Entschlüsse, nur Juden zu bleiben. Ein ganz besonders schwerer Mangel in der geistigen Grundlegung des neuen Bundes scheint mir auch zu sein, daß er eben dies Geistige selbst zu sehr vernachlässigt. Er hätte doch von Spinoza die Zweiseitigkeit aller Substanz lernen und in Betracht ziehen müssen: Zur Judenheit gehört nun einmal ein Judentum, einerlei welchem von beiden man den Primat zuspricht. Davon findet sich in Lieblichs Buch fast nichts! Denn für ihn ist Judentum mit Religion identisch, und diese lehnt er ab. Für mich aber ist zunächst Judentum und Judenheit eins von den vielen Beispielen der Bipolarität, die sich in allem Jüdischen findet und einen seiner 'stärksten Wesenszüge ausmacht! Ich suche diesen jüvischen Geist nicht bloß, im Religiösen, sondern im gesamten Geistesleben, im Sexus und der Einstellung zur Natur und zur Geschichte, im Wanderleben der Juden und in ihren Knüsten und Berufen usw. und natürlich Mch in ihrer religiösen Art. (Hoffentlich habe ich noch einmal Gelegenheit, das auszuführen, wie ich es teilweise schon hier unb da durch die Geschichte verfolgt habe.) Das hieße mir, die Judenheit irr den Mittelpunkt des Judentums stellen! Wie ich es allerdings gleich den Stuttgartern als Forderung unserer Zeit anerkenne! Aber mit dem bloß formalen physischen „Volk" scheint mir gar nichts getan! — In dieselbe Richtung fällt die radikale Verurteilung der Religion einschließlich der jüdischen, die sich die Stuttgarter erlauben. Wer soviel weiß, wie sie, muß auch Die Bescheidenheit aufbringen, daß, es so nicht sein kann, wie ihre Kririck behauptet! Eine Erscheinung wie die Religionen, der die Menschheit ihr Allergrößtes verdankt, Tempel-Tragödie und Tanz, Musik und Philosophie, Rechtsleben und Liebeswerke und Hingabe des Herzens und Lebens, — kann nicht „Fälschung" sein! Und es liegt doch, denke ich, nicht so fern, daran zü denken, baß alles und darum auch ihre gepriesene subjektive Religiosität sich auf den Schultern der Vergangenheit ausbaut, in diesem Falle also aus der tradierten ' Religion, und daß alle Religiosität die Tendenz hat, Religion zu werden. Beide gehören zusammen (auch dies eine oer vorhin angedeuteten Bipolaritäten!). Der Heraklitische Weg aufwärts und abwärts ergibt erst zusammen die Einheit und Vollkommenheit: Rosenzweig würde es vielleicht durch den Stern Davids symbolisiert gesunden haben, dessen zwei Dreiecke nach oben und nach unten weisen. Wir Liberalen wissen uns ganz gewiß/ voii starrem Festhalten am Alten frei. Wir wissen aber auch, daß wenn Juden subjektiv religiös sind, ihre Religiosität eine jüdische Färbung erhält, d. h. wieder in jüdische Religion cinmündet. Wir glauben, daß jüdisch-religiöse Bräuche nicht zu entbehren sind, wenn man auch die freieste Religiosität pflegen will, nuö daß diese Bräuche es auch nicht alle verdienen, zum alten Eisen geworfen zu werden, ja, hast sogar neue auffommen werden! Ganz und gar aber ist unverständlich, wie ein Marin von Bildung im biblischen wie mr modernsten Wissen, wie Vf., einen Satz in die Welt schicken kann, in dem von Abschaffung der Religion die Rede ist! Und was schließlich bleibt da' von jüdischer Volchert, wenn man nicht einmal anerkennt, daß Religiosität als regulative Idee zum eigensten Wesen dieses „Volkstums" gehört! Außerdem belastet Lieblich seine Gedankengänge mit höchst überflüssigen phil^ophtschen Launen, wie z. B. m:t der Leugnung der Willensfreiheit. Wenn auch die Naturwrssewschaft von ihr nichts wissen will, so kann doch bis jetzt keine Ethik sie entbehren. Darum tritt auch die gesamte jüdische Versammluugskaleuder ★ Berlin - Tempelhof. Liberaler veret« für die Avgelegeahert«« der Jüdische« Gemeind« zu Berlin E. B.» Bezirksgruppe Tempelhof. Mittwoch, de« 6. Mai, abends 6.30 Uhr, im Park-Rrstauravt, Neutempdhof, HohenzoUern« korfo 16, Bortragsabead. Rechtsanwalt Dr. Mar Mayer, Mitglied der künftige» ReprSsentanten-Bersammluvg, spricht über das Thema: „Wünsche und Hoffnungen des jüdischen Liberalismus". Freie Aussprache. Musikalisch« Darbietungen von Herrn Dr. Fritz Salomonski, Begleitung Frau Lili Goetz. Wir bitten um recht regen Besuch. Dresden. Kundgebung der Ortsgruppe der Lerainiguug für bas liberale Judentum am 12. Mai, abends 7.3V Uhr, im Saal des Belvedere, Auf der Brühlsche« Terrasse. Themen und Redner werden noch dekanutgegeben. Einladungen an die Dresdener Mitglieder ergehen direft. * Gottesdienste «erltu-Rprüe». Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 1. Mchi, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Salomonski. Sonnabend, vormittags 1V Uhr, Gottesdienst. Dr. Audorn. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstratze 30, Aula der Mädchenschule. Freitag, den 1. Mai, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Plotke. Verltn-Westend. Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-6. Aula. Freilag, den 1. Mai, abends 7.15 Uhr» Gottesdienst. Predigt: Rabb.-Kand. Mehler. Berlin Jüdische Resormgemeinde. Gottesdienst .am Sonntag, dem 3. Mai. Johannisstratz« 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal, llleiststratze 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. Philosophie von Gen. 4, 7 bis Hermann Cohen für sie ein. Verfasser scheint ja allerdings auch Ethik nicht sehr zu lieben, aber wie man ohne sie überhaupt Idealismus fordern und pflegen will, ick mir stets ein Rätsel geblieben! Und irne man, von Determinismus erfüllt, vom Juden die „Entscheidung" zmn jüdischen Volkstum fordern kann, da doch der Determinist an solche Möglichkeit einer Entscheioung nicht glauben kann, ist mir ein unlösbarer Widerspruch! Außerdem sollte bekannt sein, daß die Wissenschaft es längst aufge geben hat, das Wesen der Tinge zu erkennen, und daß, beute dem inneren Sinn eine Fähigkeit .^geschrieben wird, näher an diese Wesenserkenntnis heranzukommen, besonders gerade im Verantwortungsgefühl! Ebenso oberflächlich wird das Wort Natur oertvendet: Das von Natur Gewordene widerspricht meist der „inneren Natur" der Dinge (vgl. H. Sternthals Aufsatz über Renan in „Zu Bibel und Religionsphilosophie" S. 180 ff). Der Mensch hat im allgemeinen die Ausgabe, letztere gegenüber der ersteren zur Geltung zu bringen: Tie Korrektur des naturhaft Gewordenen in das der inneren Natur Entsprechende ist die eigentliche Kulturarbeit! Demgegenüber Kayserlmgs „Gegenzivilisation" zu predigen, mag romantisch sein, vielleicht auch modern bolschewistisch, aber jüdisch ist es ganz gewiß nicht! Weder im Sinne der Bibel, die dem Menschen Beherrschung der Welt zur Aufgabe setzt, noch im Sinne des Talmud, der das Wort Jiobs 11, 12 deutet: Der Wildesel soll zum Menschen werden! noch im Sinn der jüdischen Volksgeschichte, die doch wahrhaftig zu allen Zeiten den äußeren Unsinn durch inneren Sinn, die gewordene Religion durch Naturreligion und die vom Schicksal gewollte Tepravation durch die Kraft inneren Adels überwunden oder verbessert hat! Ich bin ganz gewiß kein Dogmatiker und glaube gleich der Stuttgarter Richtung, daß wir am Anfang einer neuen Weltperiode und einer neuen Epoche des Judentums stehen, etwa gleich der Zeit um 500 v., wo die israelitische Epoche in die jüdische überging. Meine Ansichten über diesen Gegenstand habe ich vor zehn Jahren in einer Broschüre „Gyges - die Judenheit», (Leipzig, Gustav Engel 1921) niedergelegt. Meine Ansichten berühren sich auch in vielen Punkten mit denen Lieblichs. Aber — wenn aus dem Apfel ein neuer Baum wird, so wird es wieder ein Apfelbaum gleich dem, von dem der Apfel stammt: Eine Judenheit, die mit der 'alten nur durch physische Abstammung oder gar nur durch Schicksale zusammenhangt und die jede innerliche Verwandtschaft mit ihr gerade in den wichtigsten Punkten verleugnet, — dafür danke ich! Und ich glaube: mit mir jedes unverbildete Gemüt! Wir wollen einen neuen Apfelbaum pflanzen, aber ein Apfelbaum soll es wieder werden! Wir wollen ein neues Judenturn, aber Judentum soll auch das neue seinem innersten Wesen nach sein! Wir suchen dies Wesen ebenso wie die Stuttgarter nicht allein in religiösen rationalen Sätzen, sondern auch in der geistigen Wesenheit der jüdischen Menschengemeinschaft. Diese ist erst noch zu erkunden. Sie wird sich auch den Zeiten entsprechend wandeln. Aber das entbindet nicht von der Pflicht, bewußt die Kontinuität im Geistigen wie im Körperlichen zu erhalten! In den Tag hinein Judenheit zu leben, halte ich für Ueberant Wartung der Gemeinschaft an völlige Assimilation! Von solchen Verstiegenheiten wird sich der „Bund für neues Judentum», reinigen müssen. Findet er den Anschluß an das geschichtliche Judentum, dann wird vielleicht aus dein schäumenden Most doch noch ein guter Wein sich klären! Aus der Bewegung Berlin. (T e c n b c u b in Friedenau.) In den gastlichen Räumen von Frau Rose Hoffmann veranstaltete der Liberale Verein, Bczirksgruppc Friedenau-Steglitz, einen wohlgelungmit Werbeabend. Im Mittelpunkt des Abends stand ein für alle Anwesenden äußerst instruktiver Vortrag 'des Herrn George Goetz, welcher in leicht faßlicher und doch tiefgründiger Weise die Grundgedanken des liberalen Judentums theoretisch und historisch darstellte, wobei cs ihm gelang, im Gegensatz zu der landläufigen Meinung» nach der das liberale Judentum eine zweitrangige, rein, ^negative Richtung darstelle, den Nachweis zu erbringen, daß es gerade der Liberalismus ist, welcher für das Judentum die. Brücke von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlägt. — Herr Landgerichtsrat Dr. Joachim Seligsohn, Mitglied der zukünftigen Berliner Repräsen-- tanten-Versammlung, unternahm es, die Gedanken des Hauptreserates mit der künftig einzuschlagenden liberalen Gcmeindcpolitik in Berlin in Beziehung zu setzen. — Diese Ausführungen wurden von Herrn Bruno Woyda, ebenfalls Mitglied der neuen Repräsentanz, in außerordentlich wirkungsvoller Weise ergänzt,' besonders wurden Gesichtspunkte der Sozialpolitik und des Finanzwesens der Gemeinde hervopgehoben. Die künftige liberale Fraktion werde die Aufgabe haben, aus der Gemeinde wieder eine wahre Religionsgemeiude zu machen, die sich von allen ihr wesensftemden Gebieten fern halte. — Herr Ludwig Herrmanu wandte sich gegen das in weiten Kreisen bestehende Mißverständnis, wonach der religiöse Liberalismus, der ja in Wirklichkeit einen höchst positiven Inhalt hat, irrtümlich mit grundsayloser Toleranz gleichgesetzt wird. — Nach einem Schlußwort des Referenten konnte der Vorsitzende der Bezirksgruppe, Herr Hauptlehvee Sander, die Versammlung mit einem warmen Werbc-Appell, mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit intensivster liberaler Arbeit und mit einem Dank an die freundliche Gastgeberin sowie an alle Mitwirkenden schließen. Dieser Dank bezog sich nicht zuletzt auch auf Herrn Oberkantor Hanns John und Frau Lili Goetz, die durch Gesangs- und Klaviervortrrge Hervorragendes zum Gelingen des Abends beigetragen hatten. — Während des inoffiziellen Teiles des Abends, der dann folgte, richtete auch bi c liebenswürdige Gastgeberin selbst einige freundliche Worte an ihre Gäste. Berltn-Osten. Die Bezirksgruppe Osten des Liberalen Vereins hielt am 14. April d. I. in deir Räumen der Mädchenschule Kaiserstraße ihre ordentliche Generalversammlung ab. Nach Erstattung des Jahresberichts erfolgte die Neuwahl des Vorstandes. Als erster Vorsitzender wurde Herr Louis Wolfs gewählt, Herr Rechtsanwalt Jttmann, der den Vorsitz der Bezirksgruppe niedergelegt hatte, nahm das Amt eines 2. Vorsitzenden an. Ferner wurden in den Vorstand gewählt: Erich Solinger, Willi Rosenthal, Alfred Ehrlich, Dr. Walter Bennigson, Alex Selo, Hermann Koch, Julius Neumann, Engen Gerson, Julius Blumenthal, Frau Marta Deutsch, Sally Mailich, Adolf Kadisch, A. Auerbach, L. Süßmann. Anschließend daran fand in der Aula der Schule ein Vortragsabend statt, der bei recht gutem Besuch einen überaus befriedigenden Verlauf nahm. Einleitend führte Herr Louis Wolfs aus, daß bei der jetzt herrschenden wirtschaftlichen. Not alle nicht zwingenden Ausgaben unterlassen werden müssen, um zu Gunsten einer Hilfsaktion für die notleidende jüdische Bevölkerung sreigemacht zu werden. Zu den weniger zwingenden Ausgaben gehörten vor allem die Schulunterhaltungskostcu. Herr Rechtsanwalt Dr. Max Mayer, der Redner des Abends, sprach über die „Vorgänge im (Nmeindelebeu seit der Wahl". Er hob dabei hervor, daß wir bei aller Liebe für unsere Religion und Verehrung 'für unsere jüdische Geschichte keine jüdische Volksgemeinde sein wollen Darum müßten alle Ausgaben vermieden werden, die in irgend einem Zusammenhang mit jüdisch-politischen Dingen stehen. Die wirtschaftliche Not gebiete eine straffe Finanzführung. Es sei unbegreiflich, wie die Gemeinde in den letzten Jahren durch Schulden heruntergeirirtschastet werden konnte. Tie neugewählten Repräsentanten verlangen ein großzügiges Sparprogramm, das einen sichtbaren Erfolg verspricht. In der anschließenden Diskussion klagte Herr Lehrer Sander über den Stundenabbau in den Reiigionsschulen. Darunter leide der llnierricht sehr. Herr Wilhelm Marcus betonte, daß >vir vor allen Dingen unsere Kinder widerstandsfähiger gegen antisemitische Angrisfe machen müßten. Ties kann nur durch Verbindung mit der Umwelt geschehen, durch gegenseitiges Keuncnlcrncn. Auf die Finanzpolitik der Gemeinde übergehend, verlangte er ernsthaft Vorbereitung des Etats. Die jüngst erfolgte Steuernachforderung eines 13. Monats müsse restlos den gesteigerten Bedürfnissen des Wohlfahrtsamtes zugute kommen. Der Austrittsbewegung kann nur dann Einhalt geboten werden, wenn die Gemeindemitglieder wissen, daß ihre Steuern sinn und zweckmäßig für Kultus und Wohlfahrt venveiidet werden. Nachdem .Herr Dr. Spanier über die jüdische Schule gesprochen hatte, schloß Herr Louis Wolfs den Vortragsabend und dankte den Rednern für ihre anregenden Ausführungen. *jj BÜCHERSCHAU jj* Wilhelm Haller. Neue Werkkunst. Friedrich Ernst Hübsch Verlag G. m. b. H. Goethe hat die Architektur einmal eine „verstummte Tonkunst" genannt, und schon, in früheren Zeiten der Kuliturgeschichte ist auf innere Verwandtschaft der Musik und der Baukunst hingewiesen worden. Gerade in unserer Zeit wird das wieder offenbar, wo mit dem Formwandel in der Musik ein Formwandel in der Architektur parallel läuft. Noch ist die endgültige Gestaltung nicht erkennbar, doch auch hier wird die Wahrheit gelten, daß der Most, wenn er sich auch ganz absurd gebärdet, zuletzt doch noch ’nen Wein gibt. Der Name Wilhelm Haller hat in den Kreisen der Architekten weithin Anerkennung gefunden. Das beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, die Stadtbaudirektor Max Reimann in einer Einleitung des vorliegenden Buches in die Werte kleidet: „Er hegt eine tiefe Ehrfurcht gegen die Vergangenheit und er faßt die Gegenwart fest mit beiden Händen." Hier interessieren insbesondere die jüdischen Kultbauten die Friedhofsbauten in Leipzig und Halle, die Synagogenentwnicke für Hamburg und Leipzig, Grabmäler und ein Thoravorhang für Leipzig. Den Forderungen der Hypermodernen, die mit dem Motto Sachlichkeit den Wunsch nach Schönheit überwinden wollen, wird Haller freilich nicht gerecht. Doch er geht den besseren Weg, der durch harmonische Entwicklung in Neuland führt. Bei seinen jüdischen Kultbauten zeigt sich noch eine besondere, erfreuliche Tendenz, die in der Einleitung ausdrücklich festgehalten ist: „Er geht hier eigene Wege, zeigt, daß man sich nicht orientalisch zu gebärden braucht, wie das so large die Regel war. Haller gibt sich hier durchaus deutsch, fügt seine Bauten dem deutschen Stadt- und Landschaftsbilde ein." B. W. E. L. Sukenfk: Jüdische Gräber Jerusalems um Christi Geburt. Jerusalem 1931. Der Titel ist das Thema eines Vortrages, den der Verfasser am 6. Januar 1Q31 in der Archäologischen Gesellschaft in Berlin gehalten hat. Es handelt sich um einfache jüdische Gräber aus den letzten Jahrhunderten vor der Zerstörung des jüdischen Reiches. Man entdeckte nämlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts rechteckige Steinkisten, die in verschiedenen Grabhöhlen Jerusalems gefunden wurden, in denen sich überall Knochen befanden. Diese Steinkisten hatten dazu gedient, die Knochen der Toten aufzubewahren, d. h. sie waren regelrechte Assuarien. Nicht nur aus Platzmangel wurden die Gebeine der Toten gesammelt, sondern auch um das Zerstreuen der Knochen zu verhindern. Verschiedene Fragen, die sich an diesen Gegenstand knüpfen, werden vielleicht gelöst, wenn die Absicht der Hebräischen Universität in Jerusalem, systematische Nachforschungen und Ausgrabungen in der ganzen Nekropole von Jerusalem anzustellen, zur Ausführung kommt. Es wird in der gerechten Schrift der „jüdischdeutsche“ Gelehrte Leopold Zuuz zitiert. Warum „jüdischdeutsch“? Dem sehr interessanten Schriftchen sind vier Abbildungen von Assuarien beigefügt. Dr. M. Spanier, Magdeburg. Für de« Seefisch. Zur Reichs-Seefischwerbeivoche vom 26. April bis 2. Mai 1931. Breite Schichten der Bevölkerung werden demnächst wiü>er besonders ans die Seefischnahrung aufmerksam gemacht. Dies ist notwendig, damit die Vorteile, die der Seefisch als Volksnahrungsmittel bietet, noch mehr bekannt und geschätzt tverden. Aerzte und Ernährung ssachleute sind sich durchaus darüber einig, Namentlich auch in der wärmeren Jahreszeit ist ein Seefischgericht die willkommene leicht verdauliche Mahlzeit. Im Sommer sind die Seefische besonders nahrhaft und schmackhaft, da sie sich zu dieser Zeit im besten Ernährungszustände befinden.

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