Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 17 (29.4.1931)
- Date
- 1931-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die Spannungen dadurch, daß die eine Leite die andere nicht kennt, daß sie die Ursachen mißversteht oder mißachtet, die den Auffassungen der anderen zugrundeliegt. Deshalb ist eines not: gegenseitiges Kennenlernen. Und das ist die große Forderung, die in den Konferenzergebnissen gestellt ist. Mehr konnte in Nyon nicht erzielt werden. Weder das Weltstudentenwerk, noch die Delegierter hatten die Macht, weiter zu gehen. Es scheint, daß der Weg, der zuerst in Bieroille und jetzt in Nyon beschritten worden ist, in den einzelnen Ländern weiter begangen werden wird. Es besteht -- das darf inan sagen, ohne sich eines unberechtigten Optimismus schuldig zu machen — die begründete Hoffnung, daß viele Länder den gegebenen Allregungen folgen werden. Wird diese Hoffnung zur Wirklichkeit, so wäre viel erreicht! Wer sich kennen lernt, lernt sich achten; wer sich achtet, kämpft in Formen, die frer Kultur und Zivilisation würdig sind. Ohne Kampf wird es das hat die Tagung gezeigt nicht gehen. Das ist kein Schade, wenn der Kamps nur ein anständiger ist. - Hatte die Konferenz und ihre Vorbereitung auch mancherlei Mängel (z. B. die Auswahl der überwiegend zionistischen Referenten), der Weg von Chartres über Bierville und Nyon führt weiter! Daß das Weltstudentenwerk diesen Weg gesucht, ihn gesundet: und vor allem ihn begangen hat, -- das verdient Anerkennung aus allen Seiten! .Hans Lcnnhofs. Das flliniftetium 3otga ln Rumänien Die Bildung der neuen rumänischen Regierung unter dem Borsitz von Prof. Nikolaus Jorga ist eine Tatsache, die auch für das Judentum von großer Bedeutung ist wegen der .Haltung Jorgas zur Judensrage in Rumänien. Man kann in dieser Haltung zwei Abschnitte unterscheiden, von denen der erste, ein ausgesprochen feindseliger, bis zuni Weltrieg dauert, und der zweite ein weit mehr ruhiger und neutraler^ sich in den Nachkriegsjahren bemerkbar macht. Prof. Jorga ist ein sehr bekannter rumänischer Geschichtsschreiber, der mit Recht einen europäischen Ruf als hervorragender Gelehrter genießt. Er hat eine kaum übersehbare Menge von wissenschaftlichen Werken, hauptsächlich über rumänische Geschichte, veröffentlicht. Im Katalog der preußischen Staatsbibliothek nimmt das, lange nicht vollständige, Verzeichnis seiner Werke mehrere enggedruckte Seiten ein. Jorga, der in Paris, Berlin und Leipzig Geschichte studierte, und seit >894 Professor für allgemeine Geschichte an der Uni verfilm in Bukarest ist, schreibt mit gleicher Leichtigkeit in einigen europäischen Sprachen. Die Zahl der von ihm in den Annalen der rumänischen Akademie der Wissenschaft veröffentlichten Dokumente zur Geschichte Rumäniens, übersteigt 20 000. Es gibt wenige Gelehrte, die ihm an Produttivität gleich kommen. Infolge dieser ganz außergewöhnlichen Wissenschaft lichen Produktivität übte und übt noch jetzt Jorga einen sehrstarken Einfluß auf die rumänische Intelligenz aus, von >vel cher einige Generationen unter dem Einfluß seiner gcschicht lichpolitischen Ideen ausgewachsen sind. Nun ist Jorga aber nicht nur Geschichtsschreiber, sondern auch Politiker und zwar ein sehr scharf ausgeprägter ^nationalistischer Politiker. Er war einer der Gründer und Führer der rumänischen nationalistischen Partei, Herausgeber oer na tionalistischen Zeitung „Neamul Romanesc". Nach der Ent stehung des neuen Rumäniens nach dem Weltkrieg vereinigte sich seine Partemit der rumänischen Nationalpartei Sieben bürgens zu einer national rumänischen Partei, die später in der national-zaranistischen (nationalen Bauern ) Partei aus ging. Gegen diese nationalistische Einstellung Jorgas wäre vom jüdischen Standpunkt selbstverständlich nichts einzuwen den, wenn, sie nicht, in seinen vor dem Weltkrieg veröffentlichten Wirken von e-nem sehr stark betonten Antisemitismus begleitet wäre. Ueber seine Beurteilung des Judentums in Rumänien können folgende Zitate aus einem seiner Werke Aufschluß geben. Im zweiten Band seiner in deutscher Sprache erschienenen „Geschichte des rumänischen Volkes im Nahmen seiner Staatenbildung" (Gotha 1905) kommt Jorga wiederholt auf die Juden in Rumänien zu sprechen, wobei sie von ihm stets eine äußerst abfällige Beurteilung erfahren. So sagt er z. B. bei der Schilderung des Verfalls des rumänischen Bauerntums in der Moldau urn die Hälfte des 18. Jahrhunderts schreibt er: „Die ersten Juden, welche die rumänischen Donauländer beherbergten, waren aus der Türkei gekommen, als Händler, aber auch als Gläubiger der Fürsten. Die meisten kehrten bald nach dem ihnen günstigeren Konstantinopel zurück, wo ihnen die türkische Faulheit und die türkischen Laster eine ausgiebige Geldernte versprachen. Bald nach 1550 bereits beschwerten sich die Landessürsten bei der Pforte überdie Juden. Im 17. Jahrhundert trifft uran hier und da Juden verschiedener Herkunft, die allerlei Einkünfte in Pacht nehmen, ohne oft das Geld dazu zu haben. Im 18. Jahrhundert waren die Inden, die dem Schatz eine besondere Steuer, eine Rupta, infolge eines Vertrages lieferten, als Ormdari bekannt, d. h. sie nahmen kleinere Stücke von den Gütern der Bojaren in Orlnda, in Pacht, da jene nur selten ihren Grund selbst bebauten. Aus ihren Gütern hatten die Besitzer ausschließlich das Recht, Wein und geistige Getränke zu verkaufen; nun nahmen die Juden dieses Schankrecht in Pacht. Sic bildeten in den Dörfern das Element, welches gerade noch fehlte, um den moldauischen Lauern von Grund aus zu verderben. Deshalb ergriffen die fanariotischen Fürsten (d. h. die von der Türkei aus dem griechischen Phanar iw Konstantinopel ernannten Fürsten der Moldau und Walachei) Maßregeln, um diese wesentlichen Träger der Landeslasten aus den Krallen seiner Ausbeuter und Vergifter zu retten. Der gute Gregor Alexander Chica verfuhr gleich radikal, indem er den Juden den Aufenthalt in den Dörfern völlig verbot, und der ebenso väterliche griechische Fürst Alexander Moruzi bestätigte diese Maßregel. Trotzdem blieben eben in der Tat die fremden Geldleute in den armen, geldentblößten Dörfern und waren auch später die gewöhnlichen Ormdari des Landes. Deshalb mußte man die Verfügung treffen, daß die Bauern, nach ihrem Vermögen in drei Abteilungen gegliedert, nur bis zu einem gewissen Betrag bei Juden ohne Bezahlung trinken dürften."- (S. 168 -171.) Die Rolle der damaligen jüdischen Pächter war in der Tat keine solche, auf die die Juden etwa mit Recht hätten stolz fein können. Sicher beuteten sie die Bauern aus, sie waren aber nicht die einzigen Ausbeuter, ihre christlichen Gewerbegenossen, Griechen und Rumänen, taten das auf nicht weniger gründliche Weise. Dazu war die Rolle dieser Pächter in Wirklichkeit nur eine sekundäre. Die Hauptschuld an der elenden Lage des Bauern trugen die Gutsbesitzer, die Bojaren, die alleinigen Herren über Grund und Botzen, die Pächter waren nur die Vermittler in diesem Ausbeutungsprozeß. Jorga selbst sagt im selben Kapitel, am ganzen Elend des Bauerntums in Moldau „waren die moldauischen Bojaren schuld, wie auch im übrigen der elende Zustand des Vaterlandes den Bojaren beider Fürstentümer (d. h. der Moldau und der Walachai) aus die Rechnung zu setzen ist. Sie hatten den Bauern das Vermögen, die Freiheit und alle Rechte entrissen, kurz, sie zu Parias gemacht. Den Grund und Boden aber halten sie sich ausschließlich zur Ausnützung Vorbehalten. Es drohte eine ewige Trennung der Nation in verhungerte Bauern und überfütterte, schläfrige, hirnlose Bojaren." (S. 172. ) Obwohl also aus der Darstellung Jorgas selbst folgt, daß die Rolle der ausbeutenden Pächter durchaus nicht den Ausschlag bei der Ausbeulung gab, die primäre Ursache eben die „überfütterten, schläfrigen und hirnlosen Bojaren" und ihre Behandlung der Bauern war, wird bei ihm aber doch die Tätigkeit der jüdischen Pächter viel weiter in den Vordergrund gerückt, als es die objektive Beurteilung zulassen müßte. An einer anderen Stelle desselben Buches kommt Jorga auf den Beschluß des Berliner Kongresses im Jahre 1878 über die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien zu sprechen. Bekanntlich faßte der Kongreß, der nach dem russisch türkischen Krieg 1877 78 die Balkanangelegenhesten ordnete, den Beschluß, daß de» Juden in Rumänien die Gleichberechti glmg zu gewähren sei, und stellte die Erfüllung dieser Forderung als eine der Bedingungen für die Anerkennung der Selbstänoigteit Rumäniens durch die europäischen Mächte aus. Es ist ferner bekannt, daß Ruinänieu diese Gleichberechtigung seinen Juden dennoch nicht gewährte, sondern zu einem Kniff griff, indem in die rumänische Verfassung neben dem allgemeinen Grundsatz, daß alle Rumänen ohne Unterschied von Religion gleiche Rechte genießen müssen, eine Anmerkung ausgenommen wurde, wonach dieser Grundsatz nur auf Rumänen, nicht aber auf „Fremde" anzuwenden sei, was ivciter so gedeutet wurde, daß rumänische Juden eben keine Rumänen, sondern Fremde seien, die also keine Staatsbürgerrechte verlangen können. Abgesehen von den Juden, die sich als Soldaten an dem Krieg gegen die Türkei 1877 -78 beteiligt haben, genossen daher in Rumänien nur solche Juden Staatsbürgerrechte, welche individuell auf Grund eines Beschlusses Llaude Montefiores neues Werk Unter .Hinweis auf frühere Notizen sowie aus das in heutiger Nummer wiederholte Inserat teilen wir hierdurch mit, daß die lSubskriplionsfrisk bis Mitte Mai verlängert ist. — Leser und Mitglieder.nutzt die kurze, zur Bestellung noch zur Verfügung stehende Zeit! des rumänischen Parlaments naturalisiert wurden. Diese individuelle Naturalisierung wurde aber nur in seltenen Fällen gewährt, so daß die Zahl der vollberechtigten Juden in Rumänien eine im Verhältnis zur Gesamtzahl der rumänischen Juden ganz verschwindende war. Jorga schreibt darüber im oben erwähnten Band seines Werkes: „Seitdem die „Alliance ifraelite" gegründet worden war, die einen großen Einfluß auf die kapitakbedürstigen Staaten des Westens ausüble) verstummten niemals die Klagen über die unduldsamen Rumänen und die Judenverfolgungen und die antisemitischen Gesetze in diesem Lande. In der Tat wollte man lediglich die Ansiedlungen der Inden, die zu den übrigen Plagen des Bauern noch Branntwein und Wucher hinzubrachten, verhindern." Jorga nennt den Beschluß des Berliner Kongresses über die Gleichberechtigung der Juden eine „neue Demütigung" Rumäniens und sagt, das rumänische Ministerium hätte sich dabei aber „sehr klug verhalten". Die Debatten im rumänischen Parlament über diese Frage „wurden absichtlich in die Lange gezogen, um die Gemüter zu beruhigen". Es wurde „in einer förmlichen Erklärung ausgesprochen) daß es überhaupt keine rumänische Juden, d. h. keine Rumänen jüdischer Religion, die aus diesem Grunde von dem Bürgerrechte ausgeschlossen seien, gäbe, daß die Juden vielmehr Fremde wären, und daß sie. wie jede anderen Fremden, nur jeder für seine Person durch einen Beschluß des gesetzgebenden Körpers zu rumänischen Bürgern werden könnten." iS. 362 bis 363.) Auch im Kavitel, in welchem er das kulturelle Bild Rumäniens am Anfang unseres Jahrhunderts entwirft, spricht Jorga von den rumänischen Inden verächtlich als von einem Element, für welches es nur Geld und Geldverdienen gibt. ..Der Jude", schreibt er, „mischt sich öffentlich nicht in die Politik, und wenn er dies täte, so würde seine Einmischung als Wähler oder Gewählter nur noch eine Verstärkung der dem politischen Leben anhaftenden sittlichen Mängel bedeuten." ..Politische Rechte sind diesen Leuten gleichaültig. denn aus ihre Armut und ihren Reichtum hat das Wählen und Gewähltwerden keinen Einfluß." Nur von der Blüte der rumänischen jüdischen Intelligenz, welche Rumänien eine Anzahl hervorragender Gelehrter gab. wie z. B. die Philologen Tiktin und Gaster (der später zum Oberrabbiner von London geworden ist), den Naturforscher Barasch usw., ist er bereit,' unter gewissen Bedingungen eine Ausnahme zu machen. „Für diese Männer", schreibt er, „bildet der Ausschluß vom politischen Leben einen großer: Schmerz und vielleicht (von uns unterstrichen. I. L.) könnte man ihnen dadurch Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß man sie vorzugsweise bei der individuellen Naturalisation berücksichtigte, während ihnen heute öfters der jüdische Geschäftsmann vorgezogen wird. Aber eine selbstverständliche Bedingung, die bisher nicht erfüllt wurde, ist die, daß sie selbst ihre feindliche Haltung gegenüber dem Rumänentum vollständig ausgeben und geistig in der rumänis:en Gesellschaft ausgehen, 459, 401.) Seit dem Weltkrieg aber trat bei Jorga eine Aenderung seiner Stellung zum Judentum ein. Infolge des Weltkriegs, der durch den Anschluß von Siebenbürgen, der Bukowina und Bessarabien das neue vergrößerte Rumänien schuf, wuckde bekanntlich auch den rumänischen Juden die Gleichberechtigung gewährt. Damit mußten sich auch die Judengegner in Rumänien abfinden, abgesehen von derjenigen Sorte rumänischer Politiker, für die - wie für ihre Gesinnungsgenossen in anderen Ländern - die ganze politische Weisheit in antijüdischen Exzessen und Straßenradau besteht und die daher mit Krawallen und Schlägereien fortfahren. Prof. Jorga, der die internationale Situation sehr gut übersieht und wohl weiß, welchen Schaden eine antijüdische Politik Rumänien gegenwärtig verursachen müßte, nimmt daher in den Werken, welche er nach dem Kriege beröffentlichte, den Juden gegenüber eins weil neutralere Haltung als vorher ein und vermeidet in ihnen antisemitische Ausfälle. Auch in seiner praktischen politischen Tätigkeit sprach er sich - wie aus den weüer unten beigefügteu Nachrichten aus Rumänien bestätigt wird — gegen die antijüdischen Exzesse aus, die in Rumänien in den letzten Jahren wiederholt stattgefunden haben, polemisierte auch gegen die Ideologen dieser Exzesse, gegen den bekannten antisemitischen Hetzer Pros. Cuza. Es darf also erwartet werden, daß er auch in seiner bevorstehenden Tätigkeit als rumänischer Ministerpräsident sich durch die neue ftaatsmännisch-ruhiger-e Behandlung der Judensrage, zu welcher er sich nach dein Weltkriege durchgerungen zu haben scheint, leiten lassen wird. J.L. Wir lassen nun die aus Rumänien eingetrvsfenen Nachrichten folgen: Der neue rumänische Ministerpräsident Pros. Jorga, der hervorragende .Historiker und Rektor an der Bukarester Universität, der soeben eine unparteiische Regierung der Fachleute gebildet hat, hat Gelegenheit genommen, bei dem um 20. April abends stattgefundenen Empfang der ausländischen Pressevertreter sich auch über das Verhältnis der neuen Regierung zu der jüdischen Bevölkerung d es Landes zu äußern. Ministerpräsident Pros. Jorga sagte im Verlaus seiner Ausführungen: „Tie Juden sind Menschen genau so wie wir. Wir werden uns ihnen gegenüber menschlich benehmen, wenn sie sich uns gegenüber menschlich benehmen werden. Gerade im heutigen Ministerrat haben wir Maßnahmen getroffen zur Unterdrückung jedweder anarchischen Manifestation gegen irgend eine Levölkerungsschicht. -Alle jene, die solche Bewegungen inszenieren, werden aus die strengste Weise bestraft werden. Es ist auch unstatthaft, daß gewisse Leute sich als Vertreter der gesamten Nation ansspielen und dabei nur Verhepung pre- „Bunb für neues Judentum" Von Rabbiner Tr. F u ch s, Chemnitz. Wir verösfenltichen den nachfotgeiwen Aussatz, ohne uirs mit ihm zu iöcntijijicrfti. Red, In Stuttgart hat sich eine neue halbreligiöse Bereinigung gebildet, die diesen Namen trägt. Ihre Absichten setzt ein Büchlein auseinander: Karl Lieblich, Wir jungen Inden (Zonetr-Verlag Stuttgart 1931). Es enthält 3 Borträge :n äußerst geistreicher Diktion, die ästhetisch ein wahrer Genuß sind. Ter Inhalt allerdings ist sehr merkwürdig. Ter Gedankengang läßt sich etwa so zusammenfassen: Das Weltbild unserer Tage verträgt weder die Annahme von göttlichen Eingriffen noch auch die eines über Mensch, Menschheit und Judentum waltenden Geistes der Gerechtigkeit und Liebe: Gott ift, aber er ist unnahbar! Auch seinen Plan mit der Judenheit kann man nicht nennen. Missionarische oder messianische Zwecke der Judenheit zuzuweisen, ist daher Unfug. Als ZwÄ alles Bestehenden kann der Mensch nichts weiter angeben als Selbstverwirklichung des betr. Wesens. Andererseits ist Religion, sowohl die überlieferten Gedanken wie die Gebote, verholzte 'Religiosität, also ebenfalls verwerflich. Auf religiösem Gebiete, ebenso wie auf vielen anderen Gebieten, verlangt unsere Zeit „Gegenzivilisation", d. h. Neuansang aus der Wurzel, obgleich dieser Bruch mit der Kulturintelligenz einen Sprung ins Dunkle bedeutet. Beide Gedankengänge ergeben, daß der Judenheit nichts anderes übrig bleibt als sich selbst zu leben: Tie Gemeinschaft ist Selbstzweck. Sie hat wie alle Gemeinschaften sich durch Absplitterung aus vorhergehenden Elementen gebildet. Insofern man aus ihre seit gewisser Zeit einzigartig erhaltende Stammesreinheit achtel, ist sic Rasse; als Schicksalsgemeinschaft aber :st sie Bott zu nennen, Volk freilich nicht im landläufigen Sinne als Gemeinschaft, die an bestimmtes Land gebunden ist, sondern. „Gurtclvolk der Erde". In dieser Einzigartigkeit liegt die Berechtigung der Existenz yes jüdischen Volkes, die übrigens nach Meinung des Vss. in keiner Weise das Heimatgesühl zu beeinträchtigen braucht. Deshalb verwirft er den Zionismus, der das Gürtelvott in ein einzelnes Land einpre.sseu will, aber auch die C.-B.-Richtung, die ihm das Volkstum nicht genügend betont. Er verlangt vielmehr, daß die Judenheit „in reiner Wahrhaftigkeit sich selbst verwirklicht", sie soll „ohne ins Ghetto, die Schick^alsbegrcnzung, zurück- ,zukehren, Abstand gewinnen und ohne Selbstüberhebung und ohne Selbsterniedrigung oje Tatsache jüdischer Volkheit Verkünder: und gesetzlich-vertraglich, staatsrechtlich und völkerrechtlich verankern". Von dieser Idee ist er, mau kann sagen, so besessen, daß er auch vom einzelnen Juden das sofortige Bekenntnis zu seiner Anschauung mit den Worten verlangt: „Entweder du willst Jude sein, dann wage den Sprung..., oder du bist schon so sehr cvn deutschem/französischem, englischen Wesens- und Schicksalsstofs durchdrungen, daß du schon bluthaft (!) überwiegend deutsch, französisch, englisch empfindest, handelst, lebst: Gut denn... gehe voltheitlich unter!" Bei solcher Energie jugendlichen Ueberschwangs unterlaufen natürlich .Halbwahrheiten, Verzerrtheiten. Widersprüche und praktische Unmöglichkeiten in Fülle! Das darf aber nicht darüber forttäuschen, daß hier ein gesinnnngsmäßüss ehrlicher Versuch gemacht wird, auf hem Boden wissenschaftlicher Denkweise eine mittlere Linie zwischen den Extremen zu finden. Und gerade diese wissenschaftliche Denkweise ift es, die uns Liberalen zwingt, dazu Stellung zu nehmen. Tenn Religion auf den: Boden wissenschaftlicher Denkweise ist ja das, was wir wollen. Dazu kommt die starke Betonung subjektivistischer Religiosität und die Verwerfung des Zionismus, die uns sympathisch berühren. — Trotzdem scheint mir der Weg dieses neuen Bundes noch