Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 16 (22.4.1931)
- Date
- 1931-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Jahrgang Nummer 16 Beilage 22. April 1931 Wisch-llberak Zeitmg Indien Rur in zähem Ringen wird der Partikularismus der Staaten vom Schauplatz des Geschehens verdrängt. Noch bäumt sich völkischer Unverstand gegen die Erkenntnis, das; die Welt, wie es Jakob Wassermann einmal ausgedrückt hat, zu klein geworden ist sür egoistische Völkerexzesse. Noch sehen nur wenige, daß es sür die Entscheidung nur dieses eine Entweder Oder gibt: gemeinsamer Ausbau oder gemeinsamer Untergang. Die Ueberwindung der Zollschranken ist noch diplomatisches Spiel, Abrüstung ist noch Phrase und in Wirtschaft und Technik, im Geistesleben und im Zusammenwirken der Staaten gilt Volk heute mehr no-ch als Menschheit. Dennoch: die Entwicklung von der wirtschaftlichen Kleinstaaterei zur Erdteilbildung läßt sich durch anachronistisches Denken und Handeln hemmen, nicht aber hindern. Die Entwicklung nimmt, gleichviel ob von den .Heutigen gewollt oder nicht, ihren Lauf. Und es wird kein Jahrhundert mehr dauern, dann wird nicht mehr die Existenz dieses oder jenes Sondergebildes unser Fragen beherrschen, sondern der Zerfall der Welt in Osten und Westen. Osten, das wird diese Welt der Unrast sein, der Entseeluug und Mechanisierung des Lebens, die Welt materiellen Besitzes. Westen aber wird die Welt der Verinnerlichung sein, des Lebensfriedens, die Welt des seelischen Besitzes. Werden die Wellen des Ostens und des Westens sich Lu einer Einheit harmonisch fügen? Werden sie wenigstens einander achten? Oder wird Verachtung sie fremd machen? Religion ist vorwärts schauende Sinngebung, geistige Gestaltung der Welt im Voraus. Heute freilich steht sie wenigstens im Abendland nur neben dem Leben, abseits des Geschehens. Aber sie war doch, auch bei uns, Weltkraft. Und sie muß es wieder sein, wenn sie nicht abbröckeln soll vom Geist des Seins, wenn sie nicht selbst ihren Untergang besiegeln will. ' * Rabindrauath Tagore hat in seiner durch die Verleihung des Nobelpreises anerkannten Lyrik das Wesen indischen Geistes der Kulturinenschheit übermittelt: „Der Unerfvrschlichk", heißt es bei ihm, „ist die ewige Freiheit. Er ist mitleidlos in seiner Liebe. Er zerbricht die Muschel, um die Perle zu befreien, die stumm im Kerker der Finsternis schmachtet." Und in wenigen Zeilen hat er die irdische Bedürfnislosigkeit und den seelischen Reichtum des Inders verherrlicht: „Sanatan sprach seine Gebete am Ganges, als ein Brahinanc in Lumpen zu ihm kam und sagte: „Hilf mir, ich bin amt." „Meine Almosenschale ist alles, was mein eigen ist", sagte Sanatatr, „ich habe alles hingegeben, was ich hatte." „Aber Gott Shiva kam im Traum zu mir und riet mir, zu dir zu gehen", sagte der Brahmane. Sanatan erinnerte sich plötzlich, daß er einen kostbaren Stein zwischen den Kieseln des Flnßufers ans gelesen und in Gedanken, jemand könne seiner bedürfen, im Sand versteckt hatte. Er wies die Stelle dem Brahmanen, der verwundert den Stein ausgrub. Der Brahmane saß in tiefem Sinnen aus der Erde bis die Sonne hinter den Bäumen unterging und die Kuhhirten ihr Bieh Heimtrieben. Ta stand er ans und kam langsam zn Sanatan und sagte: „Meister, gib mir den geringsten Teil des Reichtums, der allen Reichtum der Welt verachtet." Und er warf den kostbaren Stein ins Wasser. Man hat in Europa der „Passivität Indiens" mehr Mitleid als Beachtung geschenkt. Aber die europäischen Entwicklungsmaßstäbe, die europäischen Werturteile von Aktivität und Passivität sind sür die Beurteilung der indischen Verhältnisse unbrauchbar. Sind doch für den Stand Indiens die „Sassoon Cotton Mills" gewiß weit weniger charakteristisch als Spinnrad und Webstuhl und das mit ihrer Hilfe her gestellte grobe Baumwolltuch „Khaddar". Und treffend sagt E. Z. Klötzel in seinem lesenswerten Buch „Indien im Schmelztiegel" (Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig): „Indien ist eine Nation von Hungerkünstlern." Gewiß, Indien hat heute eine Entwicklung von Jahr hunderten in Vielem nachzuholen. Aber seine Seele ist gesund uitb das kranke Abendland hat wohl am wenigsten Anlaß zur Geringschätzung. Wie aber wird diese Entwicklung sich vollziehen und welche Rückwirkungen wird sie aus den gesamten Erdball im Gefolge haben? Man darf nicht vergessen, daß schon heute Indien zu den dichtbevölkertsten Ländern der ILelt gehört. Darf nicht vergessen, daß es auf dem Erdball fast ebensoviel Buddhisten wie Christen gibt, daß ein Siebentel der Menschheit Mohammedaner sind, und daß es etwa i6 mal soviel Brahmanen in Indien wie Juden in der Welt gibt. Wir sind gewohnt nur an den Kultnrkreis unserer Umgebung bei den geistigen Fragen der Welt zu denken. Wie lange aber noch wird es dauern, dann wird diese Welt mikgeformt werden von den Millionen, die heute noch lediglich Objekt der Geschichte sind, Objekt meist mehr oder weniger imperialistischer Interessen? * Räbindrauats Tagore ist schon in der Gedankenwelt des modernen religiösen Indien erwachsen. Sein Vater bereits war der Organisator der „theistischen Kirche Indiens", des Brahma Samadsch. Diese freieste, geistigste Religionsgemeinschaft Indiens hat Vergangenheit und Zukunst, religiöse Tradition und religiöses Neuland zu verbinden gewußt. Die Verehrung eines Gottes, ohne Gestalt und Bild, erfolgt hier durch Erkennen und Nacheifern ohne Einschaltung eines Mittlers. Und der Geist der Toleranz, der Menschenliebe über die trennenden Schranken von Kaste, Konfession oder Nation hinweg ist religiöse Pflicht. In seinem religiös philosophischen Werk mit dem Titel Sadhana kommt die tiefe Religiosität Tagores zum Ausdruck. In den feingeistigen Ausführungen wird erkenntlich, wie der levensseindliche Pessimismus durch einen lebensbejahenden Optimismus ersetzt worden ist, und der Grundzug aller indischen Frömmigkeit in dem Wissen von der All-Einheit und der Harmonie allen Seins neue Gestaltung findet. Wer das Bild Tagores, des Dichters, wird heute überschattet durch das Bild des Gestalters, Mahatma Gandhi. Die Indischen Massen jubeln ihm zu, beugen sich seiner Autorität, und in allen Ländern achten die geistigen Führer der Kulturmenschheit auf dieses religiöse Genie der Gegenwart. „Wenn ich", sagt John Haynes Holmes, „an eine Von Bruno woyda Wiedergeburt glaubte, würde ich in aller Ehrfurcht sei es gesagt - in Mahatma Gandhi Christus erblicken, der auf die Erde zurückgekehrt. Wenn ich an die Lehre der Wiederkunft glaubte, würde ich behaupten, daß dieses Ereignis be reits in Indien eingetreten." Mehr als mit solchen Worten ist wohl nie zu Lebzeiten ein religiöser Mensch anerkannt worden. Die Verleihung des Ehrentitels Mahatma, der Gandhi als Heiligen kennzeichnen will, sagt vom Standpunkt einer anderen Religion aus ähnliches. Gandhi selbst freilich hat derartige Kennzeichnungen ständig zurückgewiesen. Als im April 1920 die Zeitschrift „East and West" eine Notiz veröffentlichte, in de? es hieß: „Mr. Gandhi gilt allenthalben als Heiliger, es scheint aber, als herrsche der Politiker in seinen Entscheidungen vor... Möchte er doch die größere Mission auf sich nehmen, die Wett zu einigen", da antwortete Gandhi in seiner Zeitschrift „Jung Indien" in einem Artikel „Weder Heiliger noch Politiker". In diesem Aufsatz heißt es: „... Er bedauert, in mir eineu Politiker erkennen zu müssen, wo er hoffte, einen Heiligen zu finden. Nach meiner Auffassung sollte das Wort „Heiliger" von unserm Erdenleben ausgeschlossen bleiben. Es ist selber zu heilig, um leichthin auf irgend jemand angewendet werden zu dürfen, am wenigsten aus mich, der ich nur ein bescheidener Sucher der Wahrheit sein möchte, ein Mensch, der seine Grenze'.' kennt, der Fehler macht und sie stets offen zugibt, der frei bekennt, daß er nur wie ein Wissenschaftler Versuche anstellt über einige der „ewigen Wahrheiten" des Lebens, ja, daß er nicht eimnal den Namen eines Wissenschaftlers für sich in Anspruch nehmen darf, da er ja keine greis baren Beweise für die wissenschaftliche Genauigkeit seiner Methode oder greifbare Ergebnisse seiner Versuche vorlegen kann, wie es die moderne Wissenschaft verlangt. Wenn ich aber einerseits mit dieser Ablehnung von Heiligkeit die Erwartungen meines Kritikers enttäuschen muß, möchte ich andererseits seine Bedenken zerstreuen, indem ich be deute, daß der Politiker in mir niemals irgend eine meiner Entschließungen beeinflußt hat. Denn wenn ich an der Politik Anteil zu nehmen scheine, geschieht es nur, weil fie uns heute alle umfängt wie Windungen eitler Schlange, aus denen wir uns trotz aller Anstrengungen nicht be freien können. Gerade deshalb aber möchte ich gegen die Schlange ankämpfen, wie ich es mit mehr oder weniger Er folg bewußt seit 1894 tue, unbewußt aber wie ich nun einsehe schon getan habe, seit ich beit Kinderschuhen ent wachsen bin. Ganz eiger,süchtig - weil ich wünsche, in mitten heulender Stürme im Frieden zu leben habe ich bei mir selbst und bei meinen Freunden versucht, Politik mit Religion zu verbinden. Mit Religion meine ich nun nicht die der Hindu die ich allerdings höher stelle, als alle anderen Religionen , sondern ich meine die, die über allen Hinduismus hinaus geht, die den Menschen bis in die Tiefen der Seele verändert, unlöslich mit der ewigen Wahrheit verknüpft und darum unablässig läutert. Religion ist das unverrückbare Etwas im Menschen, das keine Anstrengungen zu groß findet, um zur vollen Entfaltung zu gelangen, und das die Seele nicht ruhen läßt, bis sie sich selbst gefunden, ihren Schöpfer und die wahre innere Beziehung zwischen ihm und sich selbst erkannt." Was verehrt Europa an Gandhi? Nicht seine Religion. Gandhi ist Hindu, er bezeichnet sich selbst als Sanatani - Hindu, als orthodoxen Hindu. Gewiß finden sich bei ihm Stellen, die erkennen lassen, daß er, um mit unseren Worten zu sprechen, Religion über Konfession stellt und als liberal bei Zugrundelegung unserer Begriffe angesprochen werden muß. So etwa, wenn er die Bezeichnung „göttlichen Ur sprungs" für die ihm heiligen Schriften ablehnt: „Denn ich glaube nicht, daß allein die Beden göttlich seien. Ich halte dafür, daß so gut wie die Veden auch die Bibel, der Koran und die .Zend Avesta göttlich inspiriert sind. Mein Glaube an die .Hinduschriften verpflichtet mich nicht, jedes Wort und jeden Vers als von Gott eingegeoen anzusehen... Ich lehne es ab, mich durch Interpretationen und wären sie noch so gelehrt verpflichten zu lasten, sofern sie die Vernunj't oder das moralische Gefühl beleidigen." Und an einer anderen Stelle findet sich die sür uns interessante Parallele: „Der Hinduismus läuft Gefahr, sein Wesentlichstes zu verlieren, wenn er sich auslöst in ein System ausgeklügelter Regeln, die besagen, was und mit wem man essen dürfe.. Mancher, der Fleisch ißt und mit jedermann zu Tische sitzt, der aber daneben in der Furcht Gottes lebt, ist der Freiheit näher als einer, der sich streng des Fleisches und vieler anderer Dinge enthält, dabei aber in jeder seiner Handlungen Gott lästert. Gandhi hat selbst in einem Artikel in „Jung Indien" das Wesen seines Hinduismus klargestellt: „Ich heiße mich einen Sanatani-Hindu, weil ich 1. an die Veden, die Upanishaden, die Puranas und all das glaube, was unter 'dem Namen der heiligen Bücher der Hindu inbegriffen ist, deshalb auch an die Avatars und an die Wiedergeburt, 2. an das Varnashrama Dharma glaube, und zivar nach meiner Meinung in streng vedischem, nicht aber dem heute üblichen äußerlichen Sinn, 3. an die Beschützung der Kuh glaube, der ich eine viel umfassendere .Bedeutung zumesse, als dies gewöhnlich geschieht, 4. nicht gegen die Bilderverehrung bin." * Was also verehrt Europa an Gandhi? Nicht seine Religion. Die Anbetung der Kuh sagt uns nichts und das indische Kastenwesen ist uns auch bei religiöser Begründung unverständlich. Was also verehrt Europa an Gandhi? Zweierlei ist's: Der religiöse Verwirklichungswille und die Prägung der religiösen Kampsesweise. Judentum und Christentum der Gegenwart scheinen oft nur wie das Nachleuchten großer Vergangenheiten. Das Gedankliche und das Gewesene kennzeichnen sie nicht selten mehr als ihr Handeln und ihr Sein. Die Welt gestaltet sich ohne ihre aktive Mitwirkung. In dem Rufe der Massen, die Religion sei nur Opium sür das Volk, sollten die Religionen nicht nur Kundgebungen von „Gottlosen" sehen, sondern Vorwürfe, die zur Einkehr und zur Wandlung mahnen. Mose hat Israel aus Aegypten geführt, und erst nach der Befreiung aus pharaonischer Drangsal ward ihm die Gotteslehre. Gandhi lehrt diesen Weg mit den Worten unserer Zeit in dem Satze: „Einem hungernden und darbenden Volke darf sich Gott in keiner anderen Gestalt zeigen, als tu der von Arbeit und Arbeitslohn." Gandln will Religion verwirklichen, will das Diesseits zum Gottesreich gestalten, die Kluft zwischen religiösem und wirklichen! Weltbild überwindett. Ihm schwindet die Verschiedenheit des Weltlichen und des Religiösen. Treffend ist von ihm gesagt worden: „Seine Weltlichkeit ist Gottesdienst; seine Göttlichkeit Dieust an der Welt." Er will die Religion als Lebensgueit für das Diesseits, will Politik aus Religio». Er weiß und lehrt, daß die .Erlösung nicht mehr kommen wird von einem Gott- Menschen, sondern von einer Wirklichkeit werdenden Idee. Göttliche Berufung dient ihm zuerst zur Menschcnbefreiung, nicht aber zur Verinittlung überirdischer Lehren. Das liberale Judentunt hat auch oft die Frage aufgeworfen, ob hie Religion sür den Menschen da sei oder der Mensch für die Religio». Es hat die Antwort zu Gunsten des Menschen gegebeit. Aber aus Schwäche oder Furcht hat es diese Antwort nur bei den Belanglosigkeiten, vielleicht wichtigen Belanglosigkeiten überalterter jüdischer Formet! angewendet. Nicht aber hat es sich dazu aufgerafft, wie es einst die Propheten taten, anzuklageu und zu fordern. Gandhi ist den Weg zu Ende gegangen. Und das macht ihn. trotz aller Abweichungen unstrittig zu einein Vorbild eines jeden religiösen Menschen. Das Zweite, das Gandhi zum Vorbild stempelt, ist die Prägung der religiösen Kampsesweise. Noch haben die Religionen ihre Entscheidung zum Kriege nicht getroffen. Noch segnen sie in Kriegen die Waffen und halten in Friedenszeiten Friedensreden. Gandhi hat die Schwierigkeit der Frage, wie wir das Böse bekämpfen sollen, erkannt, er ist ihr nicht ausgctvichen. Er hat den Friedensweg der Religion gelehrt und die alle Macht überwindende Kraft dieses' Weges erwiesen. Er hat gezeigt, daß die Gewalt des Geistes größer ist als die Gewalt des Bösen utid hat deshalb den Kampf nur die Freiheit geführt nach dem Worte: „Laß das Böse nicht über dich herrschen; sondern überwinde Böses mit Gutem." Seine Lehre vom Non Cooperation hat seine Anhänger gelehrt, nicht teilzunehmen an de»! Leben einer Gesellschaft, die ihnen nicht volles Menschenrecht einrännit. Und seine Lehre des Non-Biolence hat das indische Volk dazu erzogen, keinerlei Gewaltsamkeit gegen die Unterdrücker auszuüben, kein Unrecht zu tun, selbst wenn dadurch Unrecht in Kauf genommen werden muß. Man hat diese Lehre als Schwächlichkeit, als Passivität, als Negation abtun zu können geglaubt. Sie hat im Kampfe mit der englischen Regierung schon vor Jahrzehnten, bei der Tätigkeit Gandhis in Süd- Afrika und jetzt i» Indien ihre Wirksamkeit dargetau. * Indien wird "tu politischer Hinsicht in nicht zu ferner Zeit frei sein. Die Freiheit wird es dann noch nicht gewonnen haben. Klötzel schreibt am Schlüsse seines Buches: „Indien von heute ist ein Kontinent in lautlosem Aufruhr. Es vollzieht sich dort eine dreifache Revolution: eine politische, eine wirtschaftliche und eine geistige. Die politische hat als Ziel ein freies, von England unabhängiges Indien Die wirtschaftliche hat ein doppeltes Gesicht; in'ihrem Kampf um ökonomische Selbständigkeit Indiens ist sie ein Teil der politischen Revolution, nach innen aber zeigt sie alle Wesenszüge, die uns überall da entgegentretcn, wo 'sich der Uebergang von primitiver Wirtschaftsführung zu hochentwickeltem Maschinenkapitalismus sprungweise vollzieht. Ter geistige Kamps endlich ist ein Ansturm der jungen indischen Intelligenz gegen einen Jahrhunderte alten, versteinerten, aber noch außerordentlich^ mächtigen Klerikalismus und gegen die schweren sozialen Schäden, die ein auf uralten religiösen Vorstellungen gegründeter Gesellschaftsaufbau in sich birgt." So ht der Weg zur vollen Freiheit Indiens noch ein weiter. Stimmen die neuesten Nachrichten ans Indien, bei denen allerdings stets, da sie via London zu uns gelangen, eine gewisse Vorsicht geboten ist, so haben sich gerade in letzter Zeit durch den alten Gegensatz zwischen Mohammedanern und Hindus wieder neue Schwierigkeiten aus dem Wege zur politischen Befreiung Indiens ergeben. Doch es ist zu' hoffen und zu erwarten, daß die Autorität des Mahatma Gandhi, der seit Jahren für gegenseitiges Verstehen und Dulden der beiden Religionsgemeinschaften Indiens kämpft, die Schwierigkeiten überwinden wird. Und die zur Stärke erwachten Kräfte des Allindischen Nationalkongresses, der als Symbol der Einigkeit der Leiden großen Religionsgemeinschaften das arische Hakenkreuz und den islamitischen Halbmond zusammensügt, werden ihm hierbei völlste Unterstützung gewähren. Der Streit der Religionen ist die Tragik Indiens. Möge sie durch den Wetteifer der Religionen sür die Vergöttlichung der Welt überwunden werden. Die Umwandlung in Spanien Trennung von Kirche und Staat. Die neue republikanische Regierung hat dem päpstlichen Nuntius in Madrid mitgeteilt, daß die' Regierung in Uebereinstimmung mit ihren anläßlich der Proklamation der Republik verkündeten Grundsätzen Gewissensfreiheit und Gleich berechtigung aller Glaubensbekenntnisse in Spanien einführen werde und daß damit die katholische Kirche ihre bisherige bevorzugte Stellung als integrierender Teil des Staates verliere. Alle römisch-katholischen Priester des Landes werden ausgefordert werden, den Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat anzuerkennen und der Republik Treue zu schwören. Die römisch-katholische Kirche galt bisher als spanische Nationalkirche, der mit Ausnahme von einer geringen Zahl von Protestanten, Juden und Freidenkern die Gesamte Bevölkerung angehörte. Trotzdem war allen religiösen Gemeinschaften Freiheit des Gebetes gewährt. Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, wie sie bisher bestanden, wurden durch das Konkordat vom 6. Mai 1851 geregelt. Bezüglich der Stellung der Juden in Spanien erklärte im Juli v. Js. der ehemalige spanische Außenminister Herzog