Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 16 (22.4.1931)
- Date
- 1931-04-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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voll. Alba uiib Berwick einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, daß die Juden in Spanien den übrigen Einwohnern des Landes gleichgestellt seien und ihre Stellung nur davon abhänge, ob sie spanische Bürger oder Ausländer seien. Die Juden, erklärte der Herzog, können die spanische Bürgerschaft ebenso erlangen wie Angehörige anderer Bekenntnisse. Als spanische Bürger steht ihnen jedes staatsbürgerliche Riecht, auch, das passive Wahlrecht für das Parlament, zu. Was das Austreibungsedikt vom Jahre 1492 betreffe, so seien durch die Konstitution von 1876 in Spanien alle vor dem Jahre 1800 erlassenen Gesetze automatisch außer Kraft getreten, daher auch das Edikt über die Vertreibung der Juden. In der „Jewish Encyclopaedia" teilt Joseph Jacobs mit, daß das Vertreibungsedikt bereits im Jahre 1858 anläßlich der Ausrufung Spaniens zur Republik durch General Prim unter dem Einfluß von tz. Guedalla in London aufgehoben wurde, und daß es seit dieser Zeit den Juden wieder gestattet ist, spanischen Boden zu betreten. Tie erste seit der Judenvertreibung von 1492 gesetzlich anerkannte Synagoge wurde erst im Dezember vorigen Jahres eröffnet. Die Synagogengemeinde besteht aus 30 Familien. Bei der Eröffnung der Synagoge war die Regierung durch einen Beamten vertreten, der das Gemeindestatut Unterzeichnete. Religiöse Reformen in Rußland Auf dem vom Apikorsim-Verband einberufenen ersten antireligiösen jüdischen Kongreß wurde über die von den religiösen Juden zur Erhaltung des jüdischen Glaubens in Rußland ergriffenen Maßnahmen berichtet. Diese bestehen vor allem in einer weitgehenden religiösen Reform. In den Leniugrader Synagogen wurden gemischte Chöre eingeführt und die bisherige gesonderte Sitzordnung für Frauen und Männer ausgehoben. Die Frauen erhielten aktives und passives Wahlrecht in die Synagogenvorstände. In den Kleinstädten wurden allgemein und unentgeltlich zugäugtiche Chedarim eröffnet. Den jüdischen Kolonisten folgen wandernde Prediger, Schächter und andere religiöse Funktionäre in ihre neuen Riederlassungeu und richten transportable Synagogen eine. Alle Rabbiner der Sowjetunion sind bereit, im Interesse der Erhaltung der jüdischen Religion eine Reihe von Vorschriften und Riten zu opfern. Aus den Gemeinden Berlin. (P r o f c s s u r H c r in a » „ T e s > a u q t ft o r b e n.) In Berlin verstarb im Aller von 75 Jahren der Professor für alte Geschichte an der Berliner Universität, Professor .Hermann Dessau, einer der Mitbegründer der Akademie für die Wissenschaft de-; Judentum-; und Vorsitzender des Forschungsinstituts der Akademie. Er war ein .Historiker von hohem Rang. Er arbeitete an MommsenS Corpus Inscriptionum Latinarum mit und gab in der Inschriftensammlung der Berliner Akademie der Wissenschaften die Jnscriptiones Latinae sclectae heraus. Bon seinen Werken ist ferner eine „Prosopvgraphia imperii Romani" zu erwähnen. Zuletzt arbeitete er an der Herausgabe einer umfassenden Geschichte der römischen Kaiserzeit. In: Jahre IN 17 wurde ihm das iuristische Ehrendoktorat der Universität Erlangen verliehen. Berlin. (G o e b h e t s m egen Beleidigung des Poli - zeivizepräsidenten Dr. Weiß verurteilt.) Am Dienstag, dem 14. April, hatte sich der nationalsozialistische Abgeordnete Dr. Goebbels vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte gegen eine Anklage wogen Aufreizung zum Ungehorsam und wegen Beleidigung des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß zu verantworten. In der Verhandlung wegen Aufreizung zum Ungehorsam wurde Goebbels zu 200 RM. Geldstrafe verurteilt. In dem gleich danach verhandelten Beleidigungsprozeß, deir der Polizcivizepräsident Dr. Weiß gegen Tr. .Goebbels angestrengt hatte, »vurde Goebbels zrt 1500 RM. Geldstrafe verurteilt. Die Verurteilung erfolgte wegen der im „Angriff" seinerzeit abgedruckt gewesenen Rede Dr. Goebbels, in der er ausgeführt hatte: „Wir sprechen nicht von einem korrupten Berlin und einem Bolschetoismus der Berliner Verwaltung, sondern wir sagen: Isidor Weist — das genügt." Während der Verhandlung wies der Staatsanwalt Dr. Fischer darauf hiir, daß drirch solche Schmähungen gegen Pcrsönlichkeiken und durch au den Haaren hcrlu-igezogene Angriffe versucht wirb, den Gegner herabzutvürdigen. Wegen der außerordentlichen Schwere der Beleidigung beantrage er drei Monate Gefängnis. Berlin. (Einbruch in eine Synagoge.) In der Nacht zu»r Freitag ivurde in die Snitagoge in der Kleinen Auguststraße ein Einbruch verübt. Unbetarmte Täter verschafften sich mit Dietrichen Eingang in die völlig unbewachte Synagoge, plünderten zwei Wandschränke aus und nahmen eine Anzahl wertvoller Silbcrgeräte und Tulissiin (Gcbelmäntel) tnit. Die Verbrecher sind entkommen. Essen. (Wahl z u m G e in e i n d e p a r l a m e n t.) Für die 'Wahl zur Repräsentanz war eine Einigung unter den alten Parteien zustande gekommen. Im letzten Augenblick stellte aber die „Wirtschaftspartei des jüdischen Mittelstandes" eine eigene Kandidatenliste auf Der Versuch, aus dem Wege des Einvernehmens auch die Forderungen dieser Partei zu befriedigen, schlug fehl- Es mustte deshalb im letzten Augenblick doch noch zur Wahl geschritten tverden. Die Wahlbeteiligung war in der vom Oberbürgermeister angesetzten Mahlzeit voit 6—9 Uhr am Mittwoch, dem 25. März, Überraschend stark. Von 7 zu wählenden Kandidaten eiUsielen 6 Mandate ach die Einheitsliste, ^in Mandat bekam die Wirtschaslspartei. Die Namen der somit gewählten Repräsentanten lauten: Re-chtsamvalt Max Abel, Dr. Hans Frankensteiu, Hermami Rosendahl, Arthur Jedivab, David Salm, Daniel Samson, Rechtsanwalt Dr. Otto Grundmann. Hinzugefngi seren die Namen der ersten Stellvertreter: Dr. Hans Cohn, Abraham Fuchs, Albert Stern. Frankfurt a. M. (A u s b a u des Roths ch i l d M u s e » m S.) Das alte Bankhaus der Rothschild in Frankfurt ist vor kurzem in ei-u Museum für jüdische Altertümer umgetvandelt tvorden. Frau Baronin Edmond de Rothschild hat nunmehr eine bedeutende Summe zur Erhaltung des .Hauses und zur Erweiterung des Museums ge stiftet. Neben den eigentlichen Ausstellungsräumen im Erdgeschoß wird im Hause eine Bibliothek, ein Vvrtragssaal und ein Lesesaal eingerichtet werden. Hamburg. (Antisemitische Kultur.) Wie aus einer Landestagung der Hamburger Pvli-zeibeamten bekannt wurde, hat kürzlich ein Polizeiossizier bei der Revision einer Polizeikaserne die Entfernung eines Bildes von Heinrich Heine verlangt, da „die Aufhängung dieses Bildes eines Polizcibeamten unwürdig sei". Der Hamburger Polizeiscnator hat daraufhin die Strasversetzuug des Ofsizicrs verfügt. Hamburg. (Schließung einer Schule.) In dieser Worin ist die Israelitische Mädchen Realschule Biebcrstraße geschlossen tvorden. Diese Schule wurde aucs Privatmitteln der Mitglieder des Hamburgischen Synagogenverbandcs unter schlveren Opsern 38 Iahte lang arifrechlcrhalten. Viele Generationen sind von ihr erzogen worden. Sie haben die Wandlung der Schule von der „höheren Töcbterschule" zum „Lyzeum" und zur „Realschule" mitgemacht. Kassel. (Sitzung des Aeltesten-Kvllegiums.) Dem Aelte st enKol leg i u m lag in seiner letzten Sitzung die Abrechnuirg des Amalie Mark-Legats vor, das im Betrage von 30 000 Mark der Gemeinde mit der letztwilligen Verfügung der Erblasserin zugefallen ist, daß die Hälfte dem Krankenhausfonds überwiesen wird, während die andere Hälfte den Gemeindearmen »nd dem Waisenhaus zugute kommen soll. Ein Gemeindemitglicd hat ein Legat vor 500 Mark für die Gräberpflege überwiesen, das angenommen wird. Der von der Zentralwohlfahrtsftelle in Berlin geforderte Zuschuß zum Ausgleichsfonds wird abgelehnl, weil die hiesigen Vereine und Stiftungen selbst notleidend sind und die ihren Statuten widersprechenden Ausgaben nicht verantworten können. Die Schülerzahl der Israelitischen Volksschule, die zur Zeit 150 beträgt, in den nächsten Jahren auf Grund der statistischen Unterlagen noch zunehmen wird, veranlaßt die Gemeinde-Aeltesteu, bei der Regierung den zuständigen dritten Lehrer, den der Staat bezahlt, zu beantragen. Mehrere Gesuche um finanzielle Unterstützung müssen abqelehnt werden. In einer längeren nichtöffentlichen Sitzung werden die Beratungen über Stenern u. a. fortgesetzt. — Der zur öffentlichen Einsicht ausgelegte Etat der Gemeinde für das Jahr 1931 schließt in Einnahmen und Ausgaben mit dem Betrag von 164 816,79 Mark ab. Die Einnahmen setzen sich u. a. zusammen aus direkten Erhebungen 149 000 Mark, zufälligen Abgaben 32 256 Mark, Zinsen 840 Mark und Ucberschnß aus vorjähriger Rechnung 10 000 Mark. In den Ausgaben nehmen die Besoldungen und Pensionen mit 62 006 Mark die erste Stelle ein, es folgen dann für Wohlfahrtspflege 26 000 Mark, allgemeine Ausgaben 29 201 Mark, Kosten der Schulen, des Archivs und der Bibliothek 26 451 Mark, Friedhofsunterhaltung 803 Mack, Synagogen- Unterhaltung 6500 Mark, öffentliche Abgaben 3480 Mark, Schuldkapitalien und Zinsen 8860 Mark u. a. Die Aufstellung des Etats steht unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Not der Gegenwart, die sich bei der Gemeindeverwaltung im Rückgang der Steuerleistungen fühlbar macht. Darum haben manche Streichungen und Kürzungen von Beihilfen an Vereine, Wohlfahrtsanstaltcn u. <i. stattfindev müssen. Kassel. (7 5 jähriges Bestehen des Israelitischen Waisenhauses.) Am 1. Mai kann das Israelitische Waisenhaus auf eine 75 jährige Geschichte zurückblicken. Das Kuratorium hat mit Rücksicht auf den Ernst der Zeit von größeren Feiern abgesehen und nur einen Festakt im kleineren Rahmen am Jubiläumstage geplant. Tie Anstalt verdankt, wie einer aus Anlaß des Jubiläums verfaßten Festschrist zu entnehmen ist, ihre Entstehung den hochherzigen Stiftungen hiesiger Bankiersamilien Philipp Feidel und Rüben EliaS Goldschmidt. Sie trug in den ersteu Jahrzehnten auch den Charakter einer Familienstistung, war ursprüirglich nur für das hessische Gebiet bestimmt, hat aber seit 1905 ihren Wirkungskreis auf das gesamte deutsche Reich ausgedehnt. 450 Knaben und Mädchen, die Vater und Mutter verloren, sind im Hause liebevoll erzogen und für den Lebensberuf vorbereitet ivorden. Mehr als 2000 Schenkungen, Kaddischslistungen und andere Zuwendungen der Gemeindemitglieder und auswärtiger Freunde (auch solcher im Ausland) haben auch in kritischen Zeiten den Bestand des Hauses gesichert. Um die Anstalt besonders verdient machte sich der heute im 89. Lebensjahre stehende Herr Alexander Fiorino, der seit 1875 dem Vorstand angehört, seit 1897 stellvertretender und seit 1905 erster Vorsitzender ist. Auch Frau Kommerzienrat Wertheim hat seit 1903 segensreich im Vorstand gewirkt und ist in Anerkennung ihrer Verdienste 1927 zum Ehrenmitglied ernannt worden. Seit 1899 dient ein Neubau den Waisenkindern als »vohnlich eingerichtetes Heim, das in den letzten Jahren alle Verbesserungen der Neuzeit (elektrisches Licht, Dampfheizung) erfahren hat. Der Gesundheitszustand der 30 Zöglinge ist erfreulicherweise zufriedenstellend: die geistige Ausbildung erhalten die Insassen in der Israelitischen Volksschule und in höheren Lehranstalten. Von den entlassenen Knaben sind 110 Handwerker, 96 Kausleute und 21 Lehrer geworden. 70 Mädchen lvidmeten sich dem Haushalt, 58 dem Schneiderin-Berus und 25 kaufmännischer Betätigung. Tie Festschrift weist einige aufschlußreiche Spezialabhandlungeu auf. Landrabbinec Dr. Walter referiert über „Das Waisenkind im Lichte des Judentums", Frau Eugenie Wertheim über „Waisenfiirsorge einst und jetzt" und A. Fiorino über „Entstehung der Waisenanstalten". Möchte auch in Zukunft der Bestand der Anstalt stets gesichert bleiben. Köln. (K r i s e am Kölner L e h r e r s c m i n a r.) Infolge der andauernd schlechter werdenden ivirtschastlichen Lage ist auch das hiesige jüdische Lehrerseminar in Schwierigkeiten geraten. Das Kuratorium hat den an der Anstalt seit langen Jahren tätigen Lehrern mitgeteilt, daß die Gehälter nur noch im Rahmen des Möglichst gezahlt werden können, und daß es ihnen sreigestellt bleibe, _ ohne Vertrag weiter zu unterrichten. Die Erregung ist bei den Betroffenen groß. Köln. (Fräulein H e ck s ch e r i m R u h e st a n d.) Vor wenigen Tagen ist die Lehrerin an der hiesigen jüdischen Volksschule, Fräulein Therese Heckscher, in den Ruhestand getreten. Sie hat lange Jahre hindurch segensreich in Köln gewirkt. Fräulein Heckscher ist stets eine überzeugte Anhängerin des religiösen Liberalismus gewesen. Kösli«. (Sondersitzung der Gemcindekörperschäften.) Der Vorstand und die Repräsentanz der Synagogengemeinde veranstalteten eine gemeinsame Sondersitzung zu Ehren des von Köslin nach Rostock verziehenden Kaufmanns Adolf Rubensohn. Namens der Gemcindekörpcrschaften hielt der Repräsentantenvorsteher Paul Sabatzky eine Abschiedsansprache, in der er die Verdienste Rubensohns um die Kösliner Gemeinde einer eingehenden Würdigung unterzog. Der Scheidende habe die Geschicke der Gemeinde in schwerster Zeit mit warmem jüdischen Herzen geleitet und das, was er getan habe, werde bei allen Mitgliedern der Gemeinde unvergessen blechen. Die Kösliner Synagogengcmcinde wünsche dem Scheidetchen für fein ferneres Leben alles Gute und wisse, daß er ihr auch fernerhin im Geist verbunden bleiben werde. Sehr gerührt dankte Gemeindevorsihender Rubensohn für die anerkennenden Worte und erklärte, er habe den Dienst an der Gemeinde stets als Herzenssache betrieben. Auch von der Ferne aus werde er weiterhin mit dek Kösliner Gemeinde in Fühlung bleiben. Er ermahnte Vorstandsmitglieder und Repräsentanten, in Einigkeit zusammenzuhalten, da dies in einem Augenblick, in dem das Judentum stärker als je bedroht werde, bitter Not tite. Mit dem Wunsche für das fernere Gedeihen und mit dem, daß sein bisheriger Mitarbeiter, der jetzt sein Amt übernimmt, Kaufmann Karl Sabatzky, dieses Amt zum Segen der Gemeinde verwalten möge, schloß Kaufmann Rubensohn. Lütte«. (A b sch i e d s f c i e r.) Nach vierzigjähriger Tätigkeit als Lehrer und Prediger hiesiger Gemeiitde trat Herr Louis Meyer in den Ruhestand. In einer Abschiedsfeier, an der die Vorsteher und Mitglieder der Gemeinde, nichtjüdische Amtsbrüder, die Pfarrer beider christlicher Gemeinden, Vertreter von Vereinen, Lehrer und Schüler teilnahmrn, kam die große Verehrung in Ansprachen des Vorstehers A. Rosenberg und anderer Redner besonders eindringlich zum Ausdruck. Künstlerische Darbietungen der Jugend gaben der Abschiedsfeier den gefälligen und würdigen Rahmen. Herr Meyer steht in unserer Bewegung und ist unfern Leiern auch durch Bcrösfentlichungen in unserer Zeitung bekannt. Schküchter«. (Persönliches.) Im Alter von 70 Jahren starb, wenige Monate nach dem Heimgang seiner Fra», Oberlehrer a. D. M. Wurzmann. Mehr als vier Jahrzehnte war der^ Entschlafene in Mainstockheim bei Würzburg tätig, wo er in Schule, Gemeinde und Wohlfahrtseinrichtungen segensreich wirkte. Als bewährter Pädagog« und vorbildlicher Führer wird er feinen Gemeinden unvergessen bleiben. (Stettin. (Persönl i che >;.: Am 22. April begeht hier .Herr Max Hirsch seinen 70. Geburtstag. .Herr Hirsch, der als Kaufmann in Stettin lebt und sich allgemeinen Ansehens erfreut, ist an jüdischen Dingen außerordentlich interessiert; dem Vorstand der C.B.-Ortsgruppe gehört er seit deren Gründung an, und als unbeirrbarer Verfechter religiös-liberaler Gedanken ist er auch im Ortsgruppettvorstände der Bereinigung für das liberale Judentum rührig tätig und ist wiederholt auch aus jüdisch-liberalen Tagungen als Delegierter der Ortsgruppe Stettin hervorgetreten. Wir sprechen dem Jubilar unsere herzlichen Glücktvüusibe aus. Trier. (Nationalsozialistischer U eber fall.) Bor einigen Tagen wurde eine Kinderjugendgruppe des jüdischen Jugendbundes, die von einer Wandqrung nach Trier znrückkehrte, von Nationalsozialisten angegriffen. Die Rohlinge hieben auf die 13- bis 15 jährigen Kinder und die sic begleitenden Erwachsenen ein, entrissen einem 18 jährigen die Fahne und schlugen ihm mit der Fahnenstange ins Gesicht. Zuletzt nahmen sie den flüchtenden Kindern die Zeltgeräte ab und verfolgten sie bis vor den Eingang der Stadt, worauf sie das Weit« suchten. Da einige der Täter von den Ueberfallruen erkannt waren, meldete die Jugendgruppc den Vorfall der Polizei in Trier, die sofort die Ermittlungen aufnahm. Bad Wilduvge». (Persönliches.) Nach fast fünfzigjähriger Tätigkett als Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Gemeinde 5egte Herr A. Hammerschlag, der dieser Tage seinen 75. Geburtstag feierte, aus Gesundheitsrücksichten sein Amt nieder. Die Gemeinde ernannte den Scheidenden in Anerkennung seiner langjährigen Verdienste zum Ehrenvorsitzenden. * Berlin. („P robleme der Gegenwar t".) Die Jüdische Reform-Gemeinde zu Berlin unternimmt den Versuch, in einer Serie von Gemeindeabenden Lebensfragen der Gegenwart vom Standorte der Mischen Religion her zu. behandeln. Der erste Abend, zu dem etwa 250 Zuhörer erschienen waren, war dem Problem der Ehe gewidmet. Es sprachen die drei Prediger der Reform-Gemeinde: Dr. Lehmann stellte den idealen Begriff der Ehe dar, Dr. Rosenthal schilderte ihre praktische Problematik, Dr. Jelski forderte Reform, und das hieß: Erleichterung der Scheidung, wollte jedoch für zerrüttete Ehen, dort wo Kinder vorhanden, das sehr unjüdifche Wort des Apostels Paulus über das Heiraten abgewandelt sehen: „Wer sich scheidet, tut wohl, wer es unterläßt, tut besser." — Umrahmt waren die Borträge von musikalischen Darbietungen des immer wieder bewundernswerten Schallplattenwerkes der Reform-Gemeinde. — Der nächste derartige Abend, der am 13. Mai ebenfalls im Schöneberger Rathaus stattfinden soll, wird das jetzt besonders aktuelle Thema „Geburtenregelung" haben. — Wir behalten uns eine eingehendere Besprechung nach Beendigung der Vortragsserie vor. Hamburg. (Gründung eines liberalen Gemeinde- Vereins.) Am 13. April ds. Js. ist in Hamburg im Einvernehmen mit der Vereinigung für das liberale Judentum, Ortsgruppe Hamburg, ein liberaler Gemeindeverein gegründet tvorden. Die Besonderheit der hamburgischen Verhältnisse bringt es mit sich, daß die Ortsgruppe der Bereinigung nicht die Aufgabe übernehmen konnte, sich mit den hamburgischen Gemeindevcrhältnissen zu befassen, so daß bei allen, die sich für die religiös-liberalen Interessen verantwortlich fühlen, die Erkenntnis erwuchs, daß eine besondere Organisation geschaffen werden müsse, der die Wahrung der liberalen Belange im Hamburger Gemeindsleben obliege. Ein vorbereitendes Komitee, dem auch führende Persönlichkeiten der hiesigen Ortsgruppe der Vereinigung angehör tcn, hatte die Vorarbeiten geleistet und zu einer Gründungsversammlung eingeladen. Es hatten sich 175 Personen bereits vor der Versammlung bereit erklärt, einem zu gründertdcn liberalen Gemeindeverein beizutreten. Ein Zehr erheblicher Teil war zur Gründungsversammlung erschienen. Herr Münden leitete die Versammlung und machte die Erschienenen mit den Zielen des neuen Vereins und mit den geleisteten Vorarbeiten bekannt. Er erklärte, daß der Verein der Sammelpunkt aller liberal-denkenden Gemeindemitglieder sein soll. Ohne daß die in jeder größeren Gemeinde bestehenden Gegensätze eine Vertiefung oder Verschärfung erfahren sollen, wolle der Verein die Erfüllung seiner Bestimmung in den eigenen Reihen suchen, und zwar durch Weckung und Förderung des Interesses für die Gemeinde in liberalen Kreisen, durch Heranziehung von Kräften für den Dienst in der Gemeinde, durch Vertretung liberaler Belange unter Beachtung und Würdigung der Gesamtinteressen. Die geistige Grundlage der Arbeit sei die religiös-liberale Anschauung in Verbindung mit dem deutschen Kulturgedanken, jene Anschauung, wie sie von dem hervorragenden hamburgischen Glaubensgenossen Gabriel Ricßer vertreten worden sei. Alsdann hielt Herr Rechtsanwalt Tr. Fränkcl ein Referat über djc Aufgaben und Leistungen des Liberalismus in der Hamburger Gemeinde. Der Referent wjes darauf hin, daß die liberale Bewegung in Hamburg ihren Ausgang genommen habe und sich inzwischen zu einem bedeutsamen Faktor im Judentum entwickelt habe. Auch in den Gemeindeparlamenten müsse der Liberalismus die ihm zukommende Position überall erringen, wie dies in Berlin bei der letzten Wahl gelungen sei. Der Liberalismus bringe den orthodoxen Belangen volles Verständnis entgegen, verlange aber für sich die gleiche Anerkennung auch bei den anderen Richtungen. Die Liberalen tvollen die Gemeinde als ReligionSgemeinde erhalten wissen, ohne damit eine besondere Engherzigkeit in der Abgrenzung ihrer Aufgaben zu verbinden. Den Mittelpunkt ihres Wirkens müsse aber die Sorge für den Kultus, für den Unterricht und das Wohlfahrtswesen bilden. Die Liberalen Hütten gerade in Hamburg in den letzten Jahren Bedeutsames erreicht. Ihnen sei insbesondere die Einführung des Religionsintterrichts an der: öffentlichen höheren Schulen zu verdanken. Ferner sei die Finanzierung des Tempelbcrues durch die Gemeinde erfolgt. Auch die Hamburger Liberalen lehnen die Idee des Nationaljudentums ab und wünschen nicht, daß die Politisierung der Gemeinde weitere Fortschritte mache. — Nach ihm sprach Herr Alfred L iss er, Vorsitzender des Repräscntanteir-Kollegiums der Gemeinbe, über die Notwendigkeit der Gründung des Vereins. Der große,t Zahl der liberalen Gemeindemitglieder entspreche nicht die Zahl der Vertreter im Gemeindeparlament. Es fehle auch an Persönlichkeiten aus liberalen Kreisen, die sich für die Genreindearbeit zur Verfügung stellen, zum mindesten seien diese Persönlichkeiten nicht immer bekannt. Das Fehlen einer alle Liberalen umfassenden, sich speziell den Genre indcfrageu ividmenden Organisation mache sich besonders unliebsam bemerkbar, wenn die Wahlen zum Repräsentantm-Kvllegium vorzunehmen seien. Redner richtete einen warmen Appell an die Versammlung, nicht nur dem Verein beizutreten, sondern sich auch aktiv in ihm zu betätigen uttd ihm Mitglieder zuzuführen. Er erbat noch besonders die Mitarbeit der Frauen, denen durch die Liberalen das aktive und passive Wahlrecht zur Gemeindevertretung verschafft tvorden sei. — Frau Alsberg erklärte alsdann für die liberalen Frauen deren großes Interesse au dem Gemeiirdeverein und deren Bereitwilligkeit zur Mitarbeit. — Alsdann wurde die Grürtdung des jüdisch-liberalen Gemeindcvereins beschlossen und die im Entwurf vorliegenden Satzungen beratctt und genehmigt. Nach ihnen besteht der geschäftssührende Vorstand aus 11 Personen. Die Wahl dieses Vorstandes wurde von der Versammlung vorgenommen. Es sind in den Vorstand gewählt worden: Dr. Abraham, Richter Dr. Feiner, Rechtsanwalt Dr. Frankel, Oskar Friedländer, Paul Koretz, Rechtsanwalt Dr. Hans Levien, Daniel Münden, Frau Salomon, Frau Dr. Tentler, I. M. Balk und Fräulein Werner. LiegvEtz. Am 13. April fand hier die Hauptversammlung des Jüdisch-liberalen Gemeindevereins und seiner Jugen^ruppe (Jli) statt. Die Vorstands wählen batten folgendes Ergebnis: Vorsitzender: R.-A. Dr. Scheyer: stellvertr. Kors.: Max Metz: Schriftführer: Alex Doktor; stellvertr. Schriftf.: Lotte Zchmuckler; Kasscnführer: Siegismund Israel; Beisitzer: die Herren Haurtvitz, Budwig, Max Frank, Jerrslaw, Adolf Mannheim. — Als Vorstandsmitglieder der Jugendgruppe wurden gewählt: Walter Cohn, Werner Harlam, Hans Sauer. — Der Jahresbericht, den der Erste Vorsitzende Dr. Scheyer erstattete, ergab, datz sowohl im Hauptverein als auch in der Jugendgruppe reges Leben geherrscht und daß der Verein, besonders aber der Jli, im vergangenem Jahr erheblichen Aufschwung genommen hat. Uebcr die vielen Beranstaltnngen des vergangenen Winterhalbjahres wurde regelmäßig v der Jüdisch-liberalen Zeitung berichtet. Aus der Bewegung Vereinsnachrichten Die Freie Jstötfchk Volkshochschule konnte die beabsichtigte Fortsetzung der konttabiktorischen Abende in diesem Semester nicht zur Ausführung bringen. Es ist aber beschilosfen worden, das Herksbsemester mit einer kontradiktorischen Behandlung des Themas „Die Lösung der Jiünnfrage" zu eröffnen. Referenten: Kurt Blumemsest». Dr. Ludwig Holländer.