Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 16 (22.4.1931)
- Date
- 1931-04-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Verwüstung" Wir entnehmen der „Kölnischen Bolkszeitungtz die nachstehenden Ausführuirgen eines katholischen Geistlichen. Etzen komme ich von einer Begräbnisfeier; sie dauerte .zwei Stunden. Der Schmerz der Hinterbliebenen hat mich gerührt; man weinte um einen toten Bruder. Als bejahrter katholischer Priester habe ich viele Gräber eingesegnet. Daheim und im Felde. Ehe der Tote eingesenkt wurde, betete ich im Namen der Kirche „um den Schutz heiliger Engel", wie der vorgeschriebene Text lautet. Sarg und Ruhestätte des Toten segnete ich mit geweihtem Wasser. Ich kenne das Gefühl der Achtung des gebildeten Mannes vor einem Grabsteine. Ich kenne das Gebet des frommen Katholiken beim Vorübergehen am Friedhofe: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen!" Darum ergreift einen das Gefühl der Niedergeschlagenheit, wenn man schreiben will über die Schändung jüdischer Gräber durch Antisemiten. Einmal, zweimal von solchen Taten der Roheit lesen, das regt schon auf; man schämt sich, daß Ausländer das auch lesen. Aber zwanzigmal, fünfzigmal, hundertmal von denselben Greueln der Verwüstung zu lesen, das geht auch dem Ruhigsten auf die Nerven. Um Lebenden wehe zu tun, vergreift sich eine Rotte an der Ruhestätte ihrer Toten! Wer wie unsereiner aas religiöse jüdische Empfinden kennt, wer weiß, daß gerade das jüdische Herz so überaus feinfühlig für die Ehre und Ruhe der Toten ist, den erfaßt Trauer und Mitleid mit den Familien, die vom Unglück der Grabschändung getroffen sind. Ohne diese tausend Familien zu kennen, drückt man ihnen die Hand aus menschlicher, aus christlicher Teilnahme. Und warum sind sie getroffen von dem unerhörten Leid? Nur darum, weil ihre so einfachen Grabsteine die Schriftze'chen der Thora tragen! Was müssen friedliche jüdische Bürger heute in Friedens zeitcn auf ihren Friedhöfen erleben! Jst's mit „Frevel", tst'r? mit „Schändung" genügend ausgedrückt, was diesen Grä Hern widerfahren ist? Wahrlich, da ist es an uns, zu rufen: „Deutschland, wache aus!" Besinne dich auf deine Würde und deine Stellung in der gebildeten Menschheit. Bor mir liegt eines jüdischen lindes „Elegie am Grabe seiner Mutter". (Scfev Hachazim S. 7.): „Traurig wein' ich hier: warum ich weine, fühlt mein Herz mit tausendfachem Weh! Wenn ich hier an Deinem Leichensteine, Teure Mutter, so verlassen steh." Und in vielen tiefempfundenen Strophen schildert es die Trauer um die gute Mutter. Wendet sich dann zum Abschied und spricht als letzte Worte: „Hier, wo rührend ich geweinet habe - Ruh dein Leib; — du selber bist bet Gott! Ä>chlumm're sanft! - Jetzt scheide ich vom Grabe, Hier trifft dich keine Schmach, kein Neid, kein Spott." Und ich sehe die vielen jüdischen Friedhöfe, die zerbrochene», gestürzten, entehrten Grabsteine jüdischer Mütter! Die Augen werden warm. Jüdische Kinder sollen nicht mehr ruhig weinen am Grabe ihrer Mutter! In Deutschland! Und ich falte die Hände: Vater unser, der Du bist im Hstnmel. Geheilig et werde Dein Name. - Erlöse uns von dem Uebel - des Parteihasses! Amen. I. A. Studentenkonferenz über Antisemitismus in Nyon Vom 14. -19. April fand in Nyon eine Internationale Stndentenkonferenz statt, die der Besprechung des Antisemitismus in den verschiedenen Ländern und dessen Bekämpfung gewidmet war. Wir werden in der nächsten Nummer einen ausführlichen Bericht über den Verlaus der Konferenz veröffentlichen. Rabbiner kein Geistlicher? In der in unserer Nr. 12 vom 25. Marz unter dieser Ueberschrift veröffentlichen Nachricht wurde eine Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgerichts erwähnt, in der dieses sich auf den Standpunkt stellt, daß Rabbiner nicht Geistliche im Sinne der Hauszinssteuerverordnung sind und daß deshalb für Dienstwohnungen von Rabbinern eine Befreiung von der Hauszinssteuerpflicht nicht eintritt. Wie der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilt, dürfte diese Entscheidung praktisch für die jüdischen Gemeinden deswegen nicht von Bedeutung sein, weil der preußische Finanzminister durch Runderlaß vom 3. März 1927 die Finanzämter angewiesen hat, bei Dienstwohnungen von Rabbinern und anderen Kultusbeamten die Hauszinssteuer aus Billig keitsgrttnden zu erlassen. Für Philipp Halsmann Die „Oesterrcichische Liga für Menschenrechte" bringt jetzt eine Broschüre heraus, die sich betitelt „Der Fall Halsmann". Ihre Verfasser sind die Wiener Universitätsprofcssoren Hofrat Dr. Brockhausen und Dr. Joses Hupka sowie der Halsmann-Verteidiger Dr. Peßler-Jnnsbruck. Kristallklar in Form und Inhalt wird die Schrift getragen von unbeirrbarem Rechtsgefühl und reinster Menschlichkeit. Verehrungswürdig die Motive, die den Verfassern die Feder in die Hand gerückt haben. Hier sind Männer, die tapfer und unerschrocken ihrer Ueberzeugung von Philipp Halsmanns Unschuld Ausdruck geben, und sie haben den Prozeß aus nächster Nähe, vor ihren Augen sich abspielen gesehen, kennen die Akten, kennen das unglückselige „Fakultrtsgutachten", kennen Philipp Halsmann selbst. Mit atembeklemmender Spannung lesen wir das Buch, das die fürchterlichen Vorgänge, die der Anklage vorausgehen und den ganzen Prozeß wieder aufrollt, erleben die Schlußapotheose, die Verurteilung, noch einmal: Armer Philipp Halsmann, was hat man Dir angetan, angetan im Namen des Volkes, des Volkes, das wir selbst sind!! Das ist alles ebenso klug wie gütig geschrieben. Das sind Männer, auf die ihr V»lk stolz sein muß, denn sie.haben den Mut, gegen dieses Unrecht lauten Widerspruch zu erheben, das Weltgewissen wachzurufen, das immer bereit sein muß! Alle für alle!! Ihr Herren iu Innsbruck, blickt um Euch und horcht auf! Das Gewissen der Welt verlangt Rechenschaft von Euch! Ihr könnt Euch nicht länger der Erkenntnis verschließen, daß Ihr geirrt habt, furchtbar geirrt! Euer Irrtum hat des armen Philipp Halsmann schönste Jugendjahre vergiftet und unwiderbringlich zerstört, Hut ihn jahrelang in einen Käfig gesperrt, während Ihr die göttliche Freiheit genießen durftet, hat seine Gesundheit schwer geschädigt, feiner wirtschaftlichen Mittel ihn beraubt, hat ihm die bürgerliche Ehre abgeschnitten, und jede Hochschule lehnt den von Euch Gebrandmarkten ab, er ist ja nur begnadigt, nicht freigesprochen! Ihr habt geirrt, habt schwer geirrt, aber Euer Irrtum läßt sich noch gutmachen, — Euch ist das Schwerste erspart geblieben: Ihr habt kein Menschenleben vernichtet! — Es gehört zu den schönsten menschlichen Tugenden, einen Irrtum zu erkennen und zu berichtigen. Uebet diese Tugend, Ihr Herren in Innsbruck, - die ganze Welt blickt auf Euch und wartet darauf, ob in dieser sorgenschweren Zeit nicht auch einmal die Sonne schöner Menschlichkeit scheinen wird! Dankbar uno glücklich wird Philipp Halsmann seinen Freispruch an der Stätte entgegennehmen, wo Eure Verurteilung ihn zu Boden geschmettert hat. Dankbar und glücklich wird er seine Ehre aus Euren .Händen zurückempfangen. Irren ist menschlich, aber wehe, wenn Irrtum sich in Schuld wandelt, die nicht mehr gutgemacht werden kann! „Denn jede Schuld rächt sich auf Erden!" — Aber der edelste Menschenfreund hat gesagt: „Was Ihr dem Geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt Ihr mir getan!" Ihr Herren in Innsbruck, Ihr habt das Wort!! Frieda L i ch t e n st e i n, Breslau. Versammlungskalender Berlin-Nordoste«. Liberaler Berel« für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. 8., Beztrlsgrnppen Norden.. Montag, 27. April, pünktlich 8 Uhr abends, Genreinschastsadend in dev Lchönhavfer FestfSlea, Schönhauser Alle« 129. 1. Streichquartett T-Moll «p. 13 Nr. 4 (1. Satzs von Beethoven, gespielt von de« Herren Chor» dirigent Kurt Burhard, 1. Bioliue, Gert Rothstein, 2. Violine, Soma Gutfrennd, Bratsche, Herm. Weil, Cello. 2. Vertrag Dr. Manfred Swarfensk»: „Die Religion und der moderne Mensch-. 3. Streichquartett D-Dur, op. 18 Rr.. 3 (1. Sah) von Beethoveu, a) Menuetts, b) Thema mit Variationen. , Bor dem Vortrag findet iu denselben Räumen um 7.30 Uhr eine ordentliche Vemral-Bersammlung statt, zu der alle Mitglieder der Bezirtsgruppe Norden herzl. geladen sind. Tagesordnung: 1. Tätigkeitsberichts 2. Reumahl des Vorstandes, 3. Verschiedenes. Gottesdienste f * 9ult«»9Uftts. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 24. April, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berttu-Otte». Liberale Synagoge Osten, Kaiferstratze 30, Aula der Mädchen-- schule. Freitag, den 24. April, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarsenski. Berlin-Westen». Liberale Synagoge Wrsteud, Lelstikowstraßr 7-8, Aula. Freitag, den 24. April, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Hirschberg. Berlin Jüdische Reformgemeiade. Gottesdienst am Sonntag, dem 26. April. Iohanuisstratze 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr. Ansprache: Frau von Bendemann-Susmann. Aus der Ai-Bewegung f Verantwor l.. Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands Redaktion: Dr. Ellen Littmann, Berlin Assimilation oder Nationaljudentum? Assimilation oder Nationaljudentum, so lautete das Thema eines Ausspracheabends, zu den: der Poale-Zionistische Jngendbund einlud. Das Referat hielt Tr. Georg Lubinsli. Er führte aus, die Antithese Assimilation-Nationaljudentuin habe sehr lange wegweisend im jüdischen politischen Leben gewirkt. Asstmilatiou sei gleichbedeutend gewesen mit Verireinung, Nicht-Assimilation gleichbedeutend mit Bejahung des nationaljüdischen Gedankens und des Palästinaanfbaus. Man habe — aus zionistischer Seite Assimilation als einen Tlnwertbegriff gefaßt, dem man Nationaljudentum als einen Wertbegriss gegenübcrstelltc. Diese Einstellung bedürfe nun einer neuen Ueberprüfung, die zeige, daß auf beiden Seiten eine Umwertung nölig sei. Tie jüdische Gesellschaft habe sich verändert, und mit ihr ihre Ideologie. Ter Referent betonte, es solle ihm zunächst weniger daraus ankommen, politische Folgerungen aus seiner Erkenntnis zu ziehen, als diese Erkenntnis selbst zu gewinnen, ein richtiges Ergebnis zu erarbeiten. Er definierte Assimilation als „Acceptiernng von Artmerkmalen einer anderen soziologischen Gruppe", und unterschied zwei Arten von Assimilation, eine „objektive" und eine „subjektive". Echtere sei eine biologische Echcheinung, die sich mit Notwendigkeit und wesentlich unabhängig von unserem Willen vollziehe, ejne Anpassung znm Zwecke der Lebenserleichterung. Der Referent charakterisierte die sociologischen Gründe, der Einstuß des Berufes, der Urbanisierung und Metropolisierung ans das Ablegen indischer Merkmale und Eigentümlichkeiten. Diesem m der Diaspora natürlichen Prozeß, tonnten sich auch diejenigen nicht entziehen, die die Assimilation grundsätzlich ablchnten. So komme es, daß Zionist sein für viele eine Angelegenheit des Wollens, nicht des jüdischen Seins sei, daß die liberalen Eltern vielfach mehr jüdisches Wissen lind Bewußtseill hätten, als ihre zionistischen Kinder. - Bon der objektiven Assimilation als einem 'biologisch-psychologischen Vorgang sei nun zu unterscheiden die subsecktive, wie man sich nämlich entscheiden wo ll e. Benehme sich ein Jude in unserer Gegenwart schlecht, so sei es eine Gewissensfrage, ob man von ihm abrücken, oder sich zu ihm bekennen, auf ihn Einslust nehmen wolle, ob man ihn „verraten", oder ihm „die Treue halten" »volle. Tie Frage der Treue sei nun heute schou nicht mehr u u r eine Angelegenheit von Zionisten, sondern auch von Nichtzionisten: auch sie lehnten heute schon weitgehend die Assimilation ab. Aber umgetehrt unterlägen auch Zionisten der Assimilation, so daß auch hier die bisher übliche Gleichstellung von Zionist mit der Assimilation widerstehen nicht mehr berechtigt sei. Eine Neuorientierung des jüdischen politischen Lebens erscheine daher geboten: Auf der einen Seite diejenigen, die sich assimilieren wollten, auf der andern die Juden, die die Jdentitätserttärung mit ihrer Umgebung ablehnten. Für den Zionismus sei die Situation so, daß wirtliches jüdisches Sein nur möglich sei in Palästina: in der Galuth gebe es nur den Willen zum Jüdischen, Selbstbesinnung, Erneuerung des jüdischen Wissens, Erhaltung des jüdischen Milieus. Dieser Wille zum jüdischen aber ser gleichermaßen auch bei den positiv eingestellten Nichtzionisten vorhanden. Es! gelte, sich mit ihnen zu verbinden, um eine Vergrößerung der Zahl jüdisch Wollender zu schaffen gegenüber denjenigen, die — wie weite Kreise der liberalen Wähler vom 30. November •— nur dann auf den Plan zu rufen seien, wenn es gelte, zu verhindern, daß etwas positiv Jüdisches geschehe. In der Diskussion bemerkte zunächst ein Herr, die ein» gehende sociologisch-psychologische Auseinandersetzung des Redners sei an den eigentlichen Problemen vorbei gegangen. Es frage sich doch, was dasjenige sei, wovon man sith entferne und an das man sich angleiche. Es folgte eine längere Kontroverse zwischen Poale-Zionisten und einem jüdischen Kommunisten. Dieser bezeichnete einen jüdischen Nationalismus als den Interessen der Juden als Proleten zuwiderlaufend und warf d?r Diskussion vor, sie sei eine rein bürgerliche: daraus ging er dazu über, den Poale-Zionismus mit Argumenten, die sich ans politische Ereignisse in Polen und anderen Ländern bezogen, zu-bekämpfen. Es kamen nun Mitglieder oes Jli zu Worte: Die Auseinandersetzungen des Referenten seien schließlich darauf 'hinausgekommen, diejenigen Nichtzionisten, denen Judentum etwas positives sei, gehörten eigentlich in eine Front mit den Zionisten. Demgegenüber müsse man doch fragen, was denn ES _IAMILIENSCHVTZ_ »£HEIHNV<l'ZI6EB VEKEIN bietet seinen Mitgliedern außerordentliche Vergünstigungen bei Sicherstellung der Familie für einen Monatsbeitrag von 2.— Reichsmark. — Gemeinden, Logen, Chewras, Synagogenvereine und sonstige jüdische Organisationen erhalten durch den Erwerb der Mitgliedschaft besondere Vergünstigungen. Haupt-und nebenberufliche Vertrauensleute an allen Orten gesucht. FAmiLiEiriCHrTZ Gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenfürsorge der Mitglieder jüdischer Gemeinden e. V. BERLIN W 9, Friedrich Ebertstraße 2—3 Telefon B 1 Kurfürst 8464