Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 15 (15.4.1931)
- Date
- 1931-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ü 11. Jahrgang Hammer IS Msch-Üderate Zeitmg Vellage 15. April 1SZ1 Lord Beaconsflelö (Benjamin Bistaeli) Au feinem 50 jährigen Todestag Die fünfzigste Wiederkehr des Todestages von Lord Aeaconssield, der am 19. April 1881 starb, gibt Anlaß zur Erinnerung an den Mann, der eine so hervornagende Rotte .in der englischen Geschichte im vorigen Jahrhundert gespielt, und dabei dem Judentum gegenüber, welchem er entstammte, eine so merkwürdige Stellung eingenommen hat. Die Leidensgeschichte Benjamin Disraelis, der 1876 Lord Beaconsfield wurde, ist gewiß eine der seltsamsten in der Geschichte. Es lag bei seiner Geburt am 21. Dezember ^804 nicht der geringste Grund vor, anzunehmen, daß der Sohn eines nicht sehr bekannten und auch nicht sehr wohlhabenden jüdischen Schriftstellers, Isaak Disraeli, das Haupt der Regierung eines der mächtigsten Reiche in der Welt werden würde, und daß dieser Machtaufstieg geschehen werde nicht in den Reihen von Liberalen, welche ja, ihrer ganzen Weltanschauung entsprechend, die jüdische Herkunft Disraelis hätten ignorieren müssen, sondern als Führer der Konservativen, der Träger der Traditionen des alten Englands, zu welchen Traditionen damals noch auch die Verweigerung der vollen Gleichberechtigung der Juden gehörte. Disraeli eroberte 'sich seine Stellung in einem langen dampf, der zuerst reich an Mißerfolgen ivar, die er aber schlichjlich durch eine unbezähmbare Energie überwand. Er wechselte dabei oft seine politische Stellungnahme zu den Tagesproblemen. Er trat in seinen ersten Wahlkämpfen als radikaler Künditat auf, und schwenkte dann zur entgegengesetzten Partei, den Tories, wie damals die Konservativen noch genannt wurden, um. Er sprach am Anfang seiner Laufbahn für die Besteuerung des Landbesitzes zu Gunsten der Industrie und verteidigte später umgekehrt die Interessen des Landbesitzes. Er bekämpfte die Vorlage über die Ausdehnung des Wahlrechts der liberalen Regierung von Lord Rüssel, und verfaßte als Minister bald darauf ein Wahlgesetz, das eine viel weitere Wahlrechtsansdehnung brachte. In derartigen Schwenkungen sah Disraeli nichts Anstößiges, >m Gegenteil, er bezeichnte es in einer seiner erften Schriften, der 1836 erschienenen „the crisis examined", geradezu als die Pflicht eines Staatsmannes, seine Ansichten zu andern, wenn die Umstände es verlangen. Dieser Zickzackkurs seiner politischen Entwicklung brachte brachte ihm natürlich sehr viel Feinde, die ihn für einen gesinnungslosen ehrgeizigen Menschen hielten, dem alle Mittel gut waren, sobald sie zur Macht führten. Das Parlamentsmitglied T. P. O.Eonnor, z. B., der Verfasser einer sehr feindseligen Lchensbeschreibung Disraelis, nennt ihn einen Mann, dem nichts heilig war, der mit allem spielte, mit Parteien, Grundsätzen usw., welche nur Karten im Spiel seiner Ehrgeizes waren, und der nur eine einzige aufrichtige Meinung besaß, nämlich die Meinung von der „Ueberlqgenheit und Allmacht seiner eigenen Person". O'Connor war nicht der einzige, der so über ihn dachte und schrieb, es hat zahlreiche andere Gegner Disraelis gegeben, die in Hm nur einen begabten Schauspieler sahen, der sein ganzes Heben lang nur eine Theaterrolle spielte. - ' Die Zeit, die seit dem Tode Disraelis verflossen ist, ist schon lang genug, um sagen zu können, daß dieses Urteil sicher grundlos ist. Disraeli war nicht der einzige Staatsmann, der seine Ansichten wechselte und seinen Gegnern Zugeständnisse machte, die englische Geschichte kennt sehr zahlreiche Hätte derartiger Frontschwenkungen. Man darf sogar mit Recht aussprechen, daß diese Fähigkeit, rechtzeitig Schwenkungen vorzunehmeu, und aus Kompromisse mit dem Gegner einzugehen, eine der Eigentümlichkeiten der englischen Staatsmänner ist, dank welcher England seit dem 17. Jahrhundert vor revolutionären Katastrophen bewahrt wurde. Die Ursache, baß die Feinde Disraelis ihm seine Schwenkungen weniger verziehen, als es sonst bei derartigen Fällen in England geschieht, ist gewiß aus einige persönliche Eigenschaften Disraelis zurüchzuführen. Man kann von ihm sagen, daß er in sehr ausgeprägter Form Fehler besaß, die in der Laufbahn eines Politikers manchmal nützlich, ivenn auch nicht sehr angenehm sind; einen grenzenlosen Ehrgeize das Talent der SeWstreklame im höchsten Grad; die Sucht, immer auf der Oberfläche zu sein und von allen bemerkt zu werden usw. Ein mit solchen Eigenschaften reichlich ausgeftatteter Mensch, der sich rücksichtslos Bahn bricht, erregt gewöhnlich wenig Sympathie bei seinen Gegnern. Sucht man aber die Individualität Disraelis auf Grund seiner Werke festzustellen, so muß man sagen, daß er im Gegenteil während seines ganzen Lebens den Gü»ankeu, welche seiner LÄensanschauung zu Grunde lagen, stets treu blieb, und seine Stellung nur in praktischen politischen Probleinen änderte. Die Grundanschauungen Disraelis sind die politischen und geschichtlich-philosophischen Anschauungen eines Romantikers, so wie sie von Romantikern auch in anderen Ländern ähnlich ausgesprochen wurden. Er sah das Ideal einer Staatsordnung in einem demokratischen Königtum, in einer Ordnung, bei der die Interessen der breiten Volksmassen durch eine erbliche Königsgewalt, eine erbliche Aristokratie und eine Kirche geschützt werden, welche von ihrem sozialen Pflichtbewußtsein erfüllt sind. Wie alle Romantiker, idealisierte er die Vergangenheit, und glaubte die englische Vergangenheit so deuten zu können, daß in ihr vor dem Anbruch der neuen Zeit dieses Ideal auch verwirklicht gewesen sein sollte. Dagegen sah er in den Liberalen, oder, wie sie damals genannt wurden, den Whigs, nur die Vertreter des städtischen Bürgertums, welches sich bereichert und eine hohe Stellung im Staat erstrebt, ohne sich der Pflichten bewußt zu sein, welche diese hohe Stellung rechtfertigen sollen und können. In seiner Sprache drückte er das immer so aus, die Whigs seien seit dem 17. Jahrhundert bemüht gewesen, den englischen König auf das Niveau eines Dogen von Venedig herunterzubringen, die englische Verfassung zu einer „venetiamschen" zu machen, d. h. die Herrschaft in die Hände einer reichen Oligarchie zu legen. Man muß bedenken, daß Disraeli seine literarische und politische Tätigkeit in einer Zeit begann, ru der das Wahlrecht in England noch sehr beschränkt war, das Unterhaus also durchaus nicht als die Vertretung des ganzen Volkes angesehen werden konnte, es auch noch keine soziale Gesetzgebung gab, und die Lage der arbeitenden Klassen in der Tat sehr traurig war, wie die Ehartistenbewegung in den dreßigec und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigte. Disraeli war übrigens einer der wenigen damaligen englischen Politiker, welche die Bedeutung dieser Bewegung verstanden, wie sein, noch jetzt lesenswerter, Roman „Sybil" zeigt, in welchem die Lage der arbeitenden Klassen in England sehr eindrucksvoll und auch geschichtlich gerecht geschildert wird. Er erblickte die beste Staatssorm in einer Rückkehr zu einem System, bei welchem die Volksmassen von einer demokratischen Torgschicht geführt werden würden, und setzte große Hoffnungen auf eine junge Gruppe demokratisch gesinnter Aristokraten, die sich damals unter dem Namen „Jung-England" bildete, deren geistiger Führer er war. Zu diesein allgemeinen Staatsideal gesellte sich bei Disraeli der Glaube an die Allmacht hervorragender, genialer Menschen, derjenigen, die er in seinen Werken mit „Masterwind", d. h. der zum Herrschen geschaffenen Geister, bezeichnet. Er legte in diesen Begriff eigentlich denselben Sinn hinein, den später Nietzsche im Begriff des Uebermenschen zusammenfaßte. Für diese Genies gibt es keine Hindernisse, sie können alles, sie unterwerfen sich nicht dem Schicksal, sondern das Schicksal wird von ihnen gemacht, sie sind die eigentlichen Schöpfer der Geschichte der Menschheit. Diesen Gedanken weiter logisch entwickelnd, gelangt Disraeli zu einer Rassenauffassung, die ihn als dm Vorläufer der späteren Rassentheoretiker erscheinen läßt, indem für ihn es das elementarste Gesetz der Geschichte ist, daß eine höhere Rasse über eine niedrige herrschen muß. Das sei ein Naturgesetz, gegen welches zu kämpfen vollkommen aussichtslos sei. Aus diesem Grundgchauken über die Rolle der genialen Einzelpersöulichkeiten und des Rassefaktors in. der Geschichte ergibt sich, bei Disraeli seine so eigenartige Stellung zum Judmtum, welches er bekanntlich mit seinem 13. Lebensjahre verließ, als er zusammen mit seinen Brüdern und seiner Schwester von seinem Vater getauft wurde. Als eine dieser hervorragenden Persönlichkeiten tritt in einer Reihe seiner Romane die Figur des Sidonja auf, dem Disraeli seine intimsten Gedankm in den Mund legt und welchm Disraeli nicht nur mit einem unermeßlichen Reichtum versieht, sondern auch mit geistigen Eigenschaften von einer Tiefe und einein Umfang, wie sie wahrscheinlich noch nie einem Sterblichen eigen waren. Sidonia weiß alles, kennt alle Menschen und alle Länder, alle Wissenschaften, ihm ist nichts verborgen, für ihn gibt es keine Geheimnisse und Probleme, die den sonstigen Menschen unverständlich bleiben. Unser Zeitalter, sagt Sidonia in „Coningsby" —, glaubt nicht an hervorragende Persönlichkeiten, weil es keine solche besitzt. Der Geist des Zeitalters ist eben das, was ein hervorragender Mensch ändern kann. Propheten, große Gesetzgeber, große Eroberer zerstören und schaffen diesen Zeitgeist. Die Einzelpersönlichkeit ist göttlich. Große Männer brauchen keine Erfahrung. Erfahrung ist gut für die Millionen, für gewöhnliche Menschen, für den schassenden Geist aber ist sie weniger als nichts. Fast alles, was groß war und ist, wurde von der Jugend geschaffen. Sidonia bemerkt dabei, er wolle damit nicht sagen, daß die Jugend an sich genial sei, er sage bloß, daß das Genie in der Jugend göttlich sei. Durch viele Beispiele aus der Geschichte, wie z. B. durch das Leben Alexanders des Großen, wird dieser Satz zu beweisen gesucht, daß geniale Naturen zu ihren Leistungen keine Erfahrungen brauchen. Dagegen sei die Rolle des Verstandes in der Geschichte eine sehr geringe. Die großen Ereignisse.der Geschichte sind nicht durch den Verstand, sondern durch Leidenschaften hervorgerufen worden. Es war nicht der Verstand, sagt Sidonia, der Troja belagerte; es war nicht der Verstand, der die Araber aus der Wüste zur Eroberung der Welt stieß, nicht der Verstand hat die Kreuzzüge verursacht, die Gründung des Jesuitenordens oder die französische Revolution usw. „Der Mensch ist groß nur dann, wenn er unter dem Einfluß seiner Leidenschaften handelt." Wodurch wird der Fortschritt und Entwicklung verursacht, fragt Sidonia in „Tancred", warum gingen gewisse Staaten zugrunde, während andere Staaten aufkommen und mächtig werden? Warum ist z. B. England, eine dem Altertum kaum bekannte Insel, zum Schiedssaktor in der Welt geworden? Das ist die Folge nicht etwa der Zivilisation, sondern der Rasseneigenschaften. Eine hohe, edle Rasse schreitet fort, eine schlechte Rasse gcht dagegen zugrunde, „alles besteht in der Rasse, es gibt kein« andere Wahrheit. Verfall von Staaten werden durch Verschlecht terurig der Rasse erklärt. Sv sind die Spanier, welche Amerika erobern konnten, nicht mehr imstande gewesen, es zu bshalten, weil die spanische Rasse verdorben wurde. „Dev Verfall einer Rasse ist unvermeidlich, wenn sie nicht in der Wüste lebt und die Beimischung fremden Blutes zuläßt." Alle diese Behauptungen, so glänzend sie auch ist in den Werken Disraelis formuliert sind, sind natürlich wissenschaftlich nicht stichhaltig. Es handelt sich aber in diesem Aussatz nicht darum, die Gedanken Disraeli-Beaconsstelds kritisch zu untersuchen, sondern sie nur darzulegen. Namentlich verdienen hier die Schlüsse Interesse, welch« Disraeli aus seinen Rassevorstellungen iu Bezug auf das Problem des Judentums zieht. Dieses Problem nimmt in seinen Werken einen sehr großen Platz ein. Nicht nur widmete er einen besonderen Roman der Legende eines Aufstandes der Jude? im 12. Jahrhundert gegen die Mohammedaner unter der Leitung des „Fürsten der Verbannung" David Alroy, sondern fast in jedem seiner Werke werden lange Auseinairdersetzungen über das jüdische Problem geführt. Dabei argumentiert aber Disraeli-Beaconsfield ganz anders als die .sonstigen Verteidiger der Rechte der Juden. Gewöhnlich geht diese Verteidigung davon aus, daß die Juden nicht anders als alle anderen Menschen seien, infolgedessen sie auch gleiche Rechte genießen müßten. Bei Disraeli dagegen sind di-a Juden eine edle, aristokratische Rasse, die zum Herrschen geschaffen ist. Daher ist für ihn jede Beschränkung der Rechte der Juden ein Verstoß gegen das Naturgesetz, welches di» Vorherrschaft einer edlen Rasse über weniger edle bedingt. Nicht nur in seinen Roinanen, sondern in einem Werk, das den Charakter einer ernsten politischen Abhandlung trägt, der Lebensbeschreibung von Lord George Bentinck, — dos Führers der Fraktion der konservativen Schutzzöllner, dessen Stelle später Disraeli selbst eingenommen hat, — verficht Disraeli diese Ansicht. Dabei sieht er im Christentum nicht eine dem Judentum feindliche Religion, sondern im Gegenteil nur eine Vollendung des Judentums, sodaß für ihn Judentum uud Christentum nur verschiedene Formen desselben „semitischen Prinzipes" sind, die sich im Grunde genommen ergänzen. Wir wollen hier nur den Inhalt des Kapitels über die Judenfrage aus der Biographie Lord Bentincks kurz wiedergegeben, in welcher Disraeli fast wörtlich die Argumente wiederholt, die er in seinen Romanen seinen Helden iu den Mund legt. Gewöhnlich, sagt Disraeli, wird die Zerstreuung der jüdischen Rasse über die ganze Welt damit begründet, daß sis eine Strafe dafür sei, daß Jesus aus Veranlassung von Juden von den Römern in Jerusalem gekreuzigt wurde. Diese Beschuldigung der Juden sei aber weder geschichtlich, noch dogmatisch richtig. Geschichtlich sei sie deswegen falsch, weil die Juden schon vor dem Erscheinen Christi über die ganze damalige Welt zerstreut waren, sie waren überall im ganzen Römerreich und den asiatischen Monarchien vorhanden. Schon zur Zeit Christi, gab es in Aegypten z. B. mehr Juden als in Palästina. Die Juden haben auch garnicht Christus «Egelehnt, die Apostel waren alle Juden, die Verfasser der Evangelien Juden, der Apostel Paulus, der das Christentum unter den Heiden verbreitete, war ein Jude aus Tarsus, der gründer der katholischen Kirche, der heilige Petrus, ein Jude aus Galiläa. Die Beschuldigung der Juden sei aber auch dogmatisch nicht zutreffend. Jesus sei auf die Erde gekommen, nicht um eine neue Moral zu predigen, denn es sei ausgeschlossen, daß die zweite Person der heiligen Dreieinigkeit eine andere Moral vorschreiben würde, als die erste. Der Grundsatz der christlichen Moral, „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist schon in dem Alten Testament enthalten. Jesus kam aber in Wirklichkeit auf die Erde, um durch seinen Märtyrertod für die Sünden der ganzen Welt zu büßen. Er konnte also nur durch seinen Tod zum Erlöser der Menschheit werden, wäre er nicht am Kreuz gestorben, so wäre die ihm durch seinen himmlischen Vater auferlegte Mission nicht erfüllt worden. Das also, was der ganzen Menschheit Heil brachte, könne unmöglich als Verbrechen der Juden bezeichnet werden. Die Geschichte habe gezeigt — fährt Disraeli fort —, daß man die Juden nicht vernichten könne. Es sind unzählige ks _FAB\IIIENSCHIJT2_ OEnEIOCTZISEB VEREIN bietet seinen Mitgliedern außerordentliche Vergünstigungen bei Sicherstellung der Familie für einen Monatsbeitrag von 2.— Reichsmark. — Gemeinden, Logen, Chewras, Synagogenvereine und sonstige jüdische Organisationen erhalten durch den Erwerb der Mitgliedschaft besondere Vergünstigungen. Haupt- und nebenberuflich© Vertrauensleute an allen Orten gesucht. FAMILIEWSCHrTZ Gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenfürs orge der Mitglieder jüdischer Gemeinden e. V. BERLIN W 9, Friedrich Ebertstraße 2—3 Telefon B 1 Kurfürst 8464